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Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 29

6. September 2019

orgonometrieteil12

29. Funktion und Funktionsträger sind voneinander unabhängig

Hans Hass‘ Beiträge zu Wilhelm Reichs Konzept „Arbeitsdemokratie“

25. Juli 2015

Es gibt eine ins Auge springende Übereinstimmung zwischen der Energontheorie von Hans Hass und der Orgonomie von Wilhelm Reich. Hass zufolge ist jedes Energon ein „arbeitsteiliges Gefüge“, – also eine Arbeitsdemokratie. Reichs folgende Aussagen über das Wesen der Arbeitsdemokratie haben denn auch viel „Energontheoretisches“ an sich, wie wir noch sehen werden:

Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie (…). [Sie] sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit (…) ist (…) durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktion gegeben. Man kann sich kein willkürliches Gesetz denken, das diese natürlichen Arbeitsbeziehungen verändern könnte. Man kann nicht den Arbeiter am Mikroskop von Glasschleifer unabhängig machen. Die Natur der Linsen wird einzig von den Gesetzen des Lichtes und der Technik diktiert (…) und die Tätigkeit des Menschen von der Natur seiner Bedürfnisse.

Diese sieben Sätze enthalten das Wesentliche der vier Bände der Naturphilosophischen Schriften von Hans Hass!

Betrachten wir zunächst den arbeitsdemokratischen Prozeß in den verschiedenen Bereichen der Natur. Hass zufolge gibt es vier verschiedene Arten von Energonen:

  1. die Pflanzen als „Parasiten der Sonne“ und Nahrung der Tiere;
  2. die Tiere als Parasiten der Pflanzen;
  3. das Tier Mensch als Berufstätiger, der vom Bedarf anderer Menschen lebt; und
  4. aus Berufstätigen sich zusammensetzende Erwerbsorganisationen: Unternehmen, Betriebe, Konzerne und ganze Staaten.

Die Einteilung der Energontheorie in Funktionen, Funktionsträger und Triebtheorie (die für den Energonbau durch den Menschen wichtig ist) erinnert stark an die Systematik, die O.H. von der Gablentz in seiner Einführung in die Politische Wissenschaft (Köln 1965) derselben gegeben hat:

  1. Funktionslehre,
  2. Institutionslehre und
  3. Entscheidungslehre.

Die Institutionslehre beschäftigt sich mit den Parteien, Verbänden, dem Parlament etc. Soweit es sich dabei um „juristische Personen“ handelt, kommt dies dem Energonbegriff schon recht nahe.

Zentraler Punkt der Energontheorie ist, daß über den Menschen, der Erwerbskörper bildet, die Evolution weitergeht. Reich hat in Massenpsychologie des Faschismus ähnliche Gedanken angeschnitten, wenn auch unter negativen Vorzeichen:

Der Maschinenbau und die Maschinenhandhabung haben den Menschen mit dem Glauben erfüllt, daß er sich selbst in die Maschinen hinein und durch sie hindurch fort- und „höher“-entwickle. Er verlieh den Maschinen aber auch ein Aussehen und eine Mechanik, die tierartig sind. (…) Die Produkte der mechanistischen Technik wurden so die Erweiterung seiner selbst. Die Maschinen bilden in der Tat eine mächtige Erweiterung seiner biologischen Organisation. Sie befähigen ihn, die Natur in einem weit höheren Grade zu bewältigen, als seine Hände allein es ihm ermöglichen.

Hier beschreibt Reich den Übergang vom nackten Menschentier zum Berufstätigen mit den „mächtigen Erweiterungen seines biologischen Systems“.

In seinem Aufsatz über Orgonometrie (Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, S. 168) ging Reich noch einen Schritt weiter und vergleicht die Organisation der verschiedenen Berufstätigen, die Fabrik, mit einem Organismus. Beide seien „jeweils ein funktionelles Ganzes“, das durch ein gemeinsames Funktionsprinzip (CFP) gebildet und bestimmt wird. Dieses CFP durchdringt

alle Einheiten (…), die im festumrissenen Funktionsbereich eingegliedert sind. Wie immer auch die Anstrengungen eines Organismus (…) oder die Anzahl und Art der Produkte der Fabrik variieren mögen, bleibt das CFP imgrunde dasselbe, solange das spezifische Ganze bestehen bleibt. Und das funktionelle Ganze bleibt nur solange, was es ist, solange es vom selben CFP regiert wird. Eine Fabrik mag mechanisch dieselbe sein, ob sie nun Werkzeuge herstellt oder im Krieg Munition. Funktionell hat sie sich verändert, wenn von der Herstellung von Werkzeugen zur Produktion von Munition übergegangen wurde, da sich das CFP verändert hat. Ein Arbeiter bleibt hinsichtlich der Anzahl seiner Organe und Zellen derselbe, wenn er aufhört ein Bauhandwerker zu sein und ein Kupferschmied wird. Funktionell stellt er jedoch eine vollkommen andere Ganzheit dar, wenn er das CFP seines Daseins ändert. Nach einiger Zeit wird sich diese Veränderung auch in seiner ganzen Persönlichkeit zeigen.

Aus Einzellern entwickeln sich Tierarten, die im Menschentier kulminieren. Aus dem Menschentier entwickeln sich „Berufsarten“, die in der arbeitsdemokratischen Organisation kulminieren.

Am Anfang haben wir den orgonotisch vollständig integrierten Einzeller, der funktionell durch die Keimzellen vertreten wird, aus denen sich alle Tiere entwickeln. Bei dieser Aufspaltung geht phylo- und ontogenetisch diese orgonotische Integration (CFP) verloren und wird auf höherer Stufe erst beim Tier Mensch wieder neu erlangt. (Siehe dazu Die biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht.) Parallel bildet sich dabei langsam das Bewußtsein aus, mit dessen Hilfe der Mensch zur „Keimzelle“ der Berufsköper wird. Durch diese Arbeitsteilung spaltet sich das neue CFP von neuem auf: es entsteht eine neue Fauna aus Schustern, Bäckern, Müllern, Gärtnern und was sonst noch so kreucht und fleucht. Am Endpunkt der Evolution bildet sich eine finale Integrationsstufe aus: die arbeitsdemokratische Organisation, z.B. eine Fabrik. Und auch hier kommt es zu Hemmungen der evolutionären Entwicklung, die beseitigt werden müssen, genauso wie der Orgonom die prägenitalen Fixierungen beseitigt. (Siehe dazu Der Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus [Teil 6].) So können wir auch Reichs Marxistische Periode besser beurteilen und von neuem fortführen.

Hass zufolge finden sich verschiedene Berufskörper zusammen und bilden „Erwerbsorganisationen“, die den nicht weiter zu steigernden Höhepunkt der Evolution darstellen. Hass vergleicht die Erwerbsorganisationen mit den Metazoen. In ihnen wäre der Mensch bzw. der Berufskörper auch nur ein austauschbares Teil wie die Zelle im Organismus.

Was ist so fremd an der Vorstellung, daß Erwerbsorganisationen Organismen wie wir sind? Stellen wir doch ebenfalls nur ein lose zusammengefügtes föderatives Gebilde aus ziemlich unabhängigen Organen dar, die sich wiederum ausnahmslos aus kleineren Individuen, den Zellen, zusammensetzen. Das Bewußtsein, bzw. unsere „unsterbliche Seele“, ist doch ein marginales Nebenprodukt der Koordination dieser Einzelteile, das im Schlaf und im Tod erlischt und von jedem Schnaps aus den Fugen gebracht werden kann! Legen wir also etwas von unserem Hochmut ab und öffnen uns der Tatsache, daß auch wir nur Zellen im Organismus der BASF oder von Hoechst sind!

Hass zufolge muß sich der Mensch gegen die evolutionäre Entwicklung hin zu immer integrierteren Erwerbsorganisationen stemmen, denn während der Berufskörper noch seiner Keimzelle (dem Menschen) diene, verkehrt sich dies nun: der Mensch dient der Institution!

Aus arbeitsdemokratischer Sicht ist das nicht zwingend, denn genauso wie es bei der Ausbildung des (genitalen) Menschen Verbiegungen zur Prägenitalität gab, sehen wir auch in Energonen wie z.B. BASF ähnliche pathologische Verbiegungen, die sie von der Weiterentwicklung zu arbeitsdemokratischen Erwerbsorganisationen abhält.

Wie sich der Prozeß der Lebensentfaltung gegen den Menschen selbst richten kann, ließe sich „orgonographisch“ wie folgt darstellen:

Das Problem ist, daß sich die (künstlichen) Organe des Menschen gegen ihn selbst richten. Die Entwicklung des Lebens, die dem Tier künstliche Organe geschenkt hat – vom Schneckenhaus des Einsiedlerkrebses bis zum Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank – wendet sich schließlich gegen das Leben selber. Es ist eine direkte Entsprechung der Abpanzerung des Menschentiers.

In Zeugnisse einer Freundschaft spricht Reich davon, die „Institution der mechanisierten Zivilisation“ gründe sich „notwendigerweise auf harte Bäuche, eingezogene Hintern, rausgestreckte Oberkörper und steife Muskeln.“ Demgegenüber ließe sich das freifließende Leben nicht mechanisch organisieren:

Man kann Banden, Gauner, Profitmacher, eine Eisenbahnlinie, eine Kriegsmaschinerie organisieren, aber nicht Leben und Wahrheit.

Reich geht sogar bis ins Extrem:

(…) natürlich kann es kein universelles orgastisches Leben geben, wenn die ganze Umwelt unnatürlich ist (…) das Lebensniveau der Trobriander wird bald wieder vorhanden sein – glücklicherweise.

Hass gibt uns einen Hinweis auf die energieökonomischen Hintergründe der menschenzerstörenden Fehlentwicklung im Lebensstrom, wenn er den Fortschritt, der mit dem Energon Erwerbsorganisation erreicht ist, namhaft macht: das erste Mal in der Evolution befreit sich der Lebensstrom von der Last des „föderativen Aufbaus“.

So wird z.B. jede einzelne Zelle mit der Unterhaltung eines eigenen Kraftwerkes (den Mitochondrien) belastet. Erst bei den Erwerbsorganisationen ist jede nur erdenkliche Funktionszusammenlegung möglich geworden. Die Berufskörper innerhalb eines Unternehmens (also dessen „Zellen“) brauchen z.B. nicht je einen Elektrogenerator. Der ganze Betrieb hat einen zentralen Generator oder einen Anschluß ans öffentliche Netz. Mit diesem ökonomischen Fortschritt geht aber auch das verloren, was Reich dazu führte, den Organismus als das Muster aller Arbeitsdemokratie zu nehmen: eben der föderative Aufbau.

Und schließlich schlägt diese Fortschritt ja auch unausweichlich in sein Gegenteil um. Es sei nur daran erinnert, wie ungemein überlegen sich einst die Länder des Realsozialismus ob ihrer totalen Zentralisation fühlten. Ähnliches ließe sich über die gescheiterten Zusammenschlüsse von Großkonzernen sagen.

Hass sagt, daß in den Betrieben „perfekte Zentralisation“ wohl möglich geworden sei,

sich jedoch als schädlich erwiesen [habe], da sie die Initiative der Mitarbeiter lähmt. Ein gewisses Maß an „dispositiver Freiheit“ hat sich hier als förderlich gezeigt. Bei den besonders erfolgreichen Großbetrieben der USA gilt die Parole: „Ziele zentralisieren, Entscheidungen dezentralisieren.“

Genau hier findet sich die Selbstregulierung in der Entfaltung des Lebensstroms.

Ein weiterer Punkt, der der Erwerbsorganisation viel von ihrem Schrecken nimmt: Wir werden nicht nur zu Zellen und Organen der Erwerbsorganisationen, sondern diese können ebensogut auch uns als Organe dienen! Hass weist darauf hin, daß das Herz ja nicht nur dem Körper als Ganzem dient, sondern umgekehrt auch der Körper als Organ des Herzens betrachtet werden kann. So ist der kleine Angestellte nicht nur ein „Rad im Getriebe“, sondern umgekehrt kann er auch den Betrieb als künstliches Organ seiner selbst betrachten!

In seinem Der Einzige und sein Eigentum stellt Max Stirner in diesem Sinne seinen „Verein der Egoisten“ gegen die „Gesellschaft“. Den Unterschied zwischen beiden faßt er wie folgt:

Hat sich ein Verein zur Gesellschaft kristallisiert, so hat er aufgehört, eine Vereinigung zu sein, denn Vereinigung ist ein unaufhörliches Sich-Vereinigen, er ist zu einem Vereinigtsein geworden, zum Stillstand gekommen, zur Fixheit ausgeartet, er ist – tot als Verein, ist der Leichnam des Vereins und der Vereinigung, d.h. er ist Gesellschaft.

Stirner impliziert hier nicht nur einen gesellschaftlichen Organismus (indem er von „Leichnam“ spricht), sondern er beschreibt gleichzeitig auch den Abpanzerungsprozeß im Lebensstrom. Durch dieses Absterben des „Vereins“ (der Arbeitsdemokratie) wird das Individuum zum Knecht des übriggebliebenen Leichnams, während es ursprünglich genau umgekehrt war:

In den Verein bringst Du deine ganze Macht, dein Vermögen, und machst Dich geltend, in der Gesellschaft wirst Du mit deiner Arbeitskraft verwendet; in jenem lebst du egoistisch, in dieser menschlich, d.h. religiös, als ein „Glied am Leibe dieses Herrn“: der Gesellschaft schuldest Du, was du hast, und bist ihr verpflichtet, bist von „sozialen Pflichten“ – besessen, den Verein benutzt Du und gibst ihn „pflicht- und treulos“ auf, wenn Du keinen Nutzen weiter aus ihm zu ziehen weißt. Ist die Gesellschaft mehr als Du, so geht sie Dir über Dich; der Verein ist nur Dein Werkzeug oder das Schwert, wodurch Du deine natürliche Kraft verschärfst und vergrößerst; der Verein ist für Dich und durch Dich da, die Gesellschaft nimmt umgekehrt Dich für sich in Anspruch und ist auch ohne Dich; kurz die Gesellschaft ist heilig, der Verein dein eigen: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du.

Dieser extreme Egoismus (bzw. „Separation“) mag auf den ersten Blick gegen die Arbeitsdemokratie gerichtet sein, aber man kann gegen seine liberalen Kritiker den folgenden Satz Stirners halten: „Erst mit der letzten Separation endigt die Separation selbst und schlägt in Vereinigung um.“ Man betrachte zu diesem Satz auch die erste Abbildung.

Dies bringt uns zur „Entwicklung des autoritären Staatsapparats aus rationalen sozialen Beziehungen“, über die Reich in Massenpsychologie des Faschismus geschrieben hat. (In diesem Kapitel spricht Reich auch vom „Organismus der Gesellschaft“!) Für Reich war der erste Briefträger

die menschlich verkörperte zwischenmenschliche Beziehung des Briefschreibens und -beförderns. Auf diese Weise entstand ein gesellschaftliches Organ. (Hervorhebung von Reich)

Weiter beschreibt Reich, wie sich dann dieses Organ der Gesellschaft zum Staat verselbstständigte und sich gegen dieselbe stellte. Das geschieht durch „Funktionserweiterung“ (Hass). Reich erwähnt die „neuartige Funktion“ der Postzensur. Nun ist

die Ausschaltung derjenigen Funktion der sozialen Administration, die über der und gegen die Gesellschaft funktioniert, (…) eine der Arbeitsdemokratie innewohnende Tendenz. Der natürliche arbeitsdemokratische Prozeß verträgt keine anderen administrativen Funktionen als solche, die dem Zusammenhalt der Gesellschaft und der Erleiterung ihrer Lebensfunktionen dienen.

Die Orgonomie und die Energetik (Teil 4)

5. Mai 2015

Was bei Wilhelm Ostwald der „Energietransformator“ war, ist bei Hans Hass das „Energon“. Jedes Energon stellt, so Hass, ein „Energiepotential“ dar. Trotz seiner positiven Aussagen über Kurt Wieser kann sich Hass aber leider nicht entschließen, dies konsequent mit dem Orgonomischen Potential gleichzusetzen. Vielmehr wird in Hass‘ Welt die Entropieabnahme im Organismus durch eine um so größere Entropiezunahme in der Umgebung erkauft. Geht doch der lokale Energiegewinn letztlich auf Kosten der Sonne, die sich ins Weltall hinein „verstrahlt“.

Hass zufolge besteht die gesamte Welt aus „Energaten“. Dies ist alle Materie, die noch nicht Teil von Energonen geworden ist, welche die von der Sonne geschenkte arbeitsfähige Energie „in ihren Dienst zwingen.“ (Nichts geschieht hier spontan.) Wie ein Feuer greift im Laufe der Evolution dieser Prozeß auf alle Energate über. Hass nennt ihn „Lebenstrom“, der dadurch ausgezeichnet sei,

daß sich im Gegensatz zu allen anderen bekannten energetischen Phänomenen sein Volumen und seine Potenz, Arbeit zu leisten – wie eine ständig anwachsende Lawine –, steigert. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Dieser Strom pflanze sich nur über energieerwerbende Systeme, eben die Energone fort. Hass zufolge nannte Ostwald die von den Energonen verarbeitete Energie deren „Rohenergie“.

Die dann netto eingenommene Menge nannte er „Nutzenergie“. Das Verhältnis zwischen Roh- und Nutzenergie nannte er „Güteverhältnis“. (…) Es bestimmt den Wirkungsgrad des betreffenden Energons. (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987)

Energone haben also, im Gegensatz zu Energaten, einen Wirkungsgrad – sie erzielen einen „Profit“.

Der Wirkungsgrad, der den Konkurrenzwert bestimmt, wird durch bestimmte Kategorien festgelegt. Diese entsprechen wiederum bestimmten Leistungen. So bestehen, obwohl natürlich materielle Strukturen unbedingte Voraussetzung sind, die Energone „letztlich nicht eigentlich aus materiellen Einheiten, sondern aus Leistungen. Sie sind Leistungsgefüge“ (ebd.).

Dies macht das Bild, das die Hass‘ Theorie von den Energonen zeichnet, für unser Denken unanschaulich. Hass vergleicht es mit den „Ideen“ Platons, die als verborgene Prinzipien gedeutet werden könnten, „die den äußerlich so verschiedenen Erscheinungen zugrunde liegen und ihr eigentliches Wesen ausmachen.“ Weiter beruft sich Hass, ganz wie Reich, auf Denker wie Kant, Hegel, Engels, Schopenhauer und Nietzsche.

Hans Hass geht „weniger von einer strukturellen als von einer funktionellen Beurteilung des Evolutionsvorganges (aus)“ (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987). Das Revolutionäre des neuen Denkens sei,

daß stets die Funktion das Primäre und der Funktionsträger das Sekundäre ist, weil die gleiche Funktion auch über sehr verschiedene Strukturen oder Techniken von statten gehen kann. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Nach Hass legen stets „die Funktionen, die zu erfüllenden Aufgaben“ fest. Sie bestimmen, wie die Strukturen beschaffen zu sein haben, nicht umgekehrt. Dies sei eine „Revolution des Denkens“ (ebd.).

Leider ist es mit dem in Hans Hass und der energetische Funktionalismus im Detail beschriebenen Funktionalismus von Hass doch nicht so weit her, denn für ihn handelt es sich bei der besagten Revolution nur um die Umkehrung „der Jahrtausende alten Verknüpfung zwischen Ursache und Wirkung in ihr Gegenteil.“

Dabei beruft sich Hass auf Empedokles (490-430 v.Chr.). Der erklärte die Zweckmäßigkeit bzw. Funktionalität in der Natur einfach daraus,

daß nur das Zweckmäßige bestehen und sich fortpflanzen konnte. Was unzweckmäßig war, mußte zugrunde gehen. Deshalb blieb – notwendigerweise – am Ende eben nur das Zweckmäßige übrig. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2)

F.A. Lange spricht bei Empedokles vom „rein mechanischen Zustandekommen des Zweckmäßigen“ (Geschichte des Materialismus). Oder wie Hass es ausdrückt:

Das „Zweckmäßige“ ist (…) nicht Ergebnis eines mühevollen Schöpfungsaktes – sondern setzt sich ganz automatisch durch (…). (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2)

Das Schloß determiniert die Form des Schlüsselbartes, der Wind die Form des Flugsamens, etc. Wie das geschieht? Ein Schlüssel nach dem anderen wird in das Schloß eingeführt, bis endlich einer paßt. Dieser Schlüssel „überlebt“ und wird reproduziert, während der Rest ausgesondert wird. Wie gesagt: ein rein mechanisches Zustandekommen des Zweckmäßigen.

Auf diese Weise wird der energetisch-funktioneller Ansatz durch Teleologie verunreinigt. Ein Denken, das von „Zielen“ ausgeht, die für den mystischen Vitalisten metaphysisch gegeben sind. Der Materialist Hass hat nichts weiter getan, als diese metaphysische Hinterwelt durch die Umwelt im weitesten Sinne (den „inneren und äußeren ‚Fronten’“) zu ersetzen.

Das schützt ihn immerhin davor, „Zweckmäßigkeit“ als metaphysische Gegebenheit zu betrachten, vielmehr ist für Hass

das „Zweckmäßige“ an den Lebewesen (…) immer nur in Hinblick auf eine vom Organismus benötigte Funktion „zweckmäßig“. Zweckmäßigkeit ohne bezug auf eine zu erbringende Leistung gibt es nicht. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 4)

Trotzdem, was sagt Hass‘ modifizierte Teleologie eigentlich anderes aus, als daß etwas zweckmäßig sei – weil es zweckmäßig ist?!

1942 beklagte Reich in Die Funktion des Orgasmus, daß die Naturforschung wohl stets versuche, metaphysische Annahmen auszuschalten. Wenn sie in Erklärungsengpässe gerate, dann aber doch nach einem „Zweck“ oder „Sinn“ suche, „die man ins Funktionieren legt“. Zur Widerlegung des finalen „Zweck“-Denkens in der Biologie gibt Reich u.a. folgendes an:

Die Harnblase kontrahiert sich nicht, „um die Funktion der Harnentleerung zu erfüllen“ (…). Sie kontrahiert sich aus einem Ursachenprinzip heraus, weil ihre mechanische Füllung eine Zuckung bewirkt. Das kann auf jede andere Funktion beliebig übertragen werden. Man verkehrt nicht geschlechtlich, „um Kinder zu zeugen“, sondern weil Flüssigkeitsüberfüllung die Genitalorgane bioelektrisch auflädt und zur Entladung drängt. In der Entspannung werden die Sexualstoffe entleert. Es steht also nicht die „Sexualität im Dienst der Fortpflanzung“, sondern die Fortpflanzung ist ein fast zufälliges Ergebnis des Spannungs-Ladungs-Vorgangs im Gebiete der Genitalien.

Und dieser orgonotische Vorgang macht hier das eigentliche funktionell Schöpferische aus! Das Lebendige funktioniert von innen nach außen und gestaltet so seine Umwelt. In der Teleologie ist es genau umgekehrt, egal ob sie sich auf „überweltliche Wirkstrukturen“ oder schlicht auf das Diktat der Umwelt bezieht.

Da Hass nicht konsequent dem energetischen Ansatz folgt, verfängt er sich in jene inhaltsleere Oberflächlichkeit, die das Lebendige aus dem Leben nimmt. Gerechterweise muß aber erwähnt werden, daß Hass ausdrücklich darauf hinweist, daß, sei sein Erklärungsversuch der Evolution mittels „Steuerkausalität“ durch die „Außen- und Innenfronten“ (Umwelteinflüsse, Konkurrenz, etc. und innere Abstimmung der Organe, etc.) falsch, die von ihm aufgestellte energetische Theorie (die „Energontherie“) davon nicht betroffen wäre (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3).

Hans Hass hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, daß die Funktionen nicht im luftleeren Raum hängen, sondern sich stets über „Funktionserweiterungen“ oder „Funktionswandel“ entwickeln (Naturphilosophische Schriften, Bd. 1).

Warum hat Hass nicht die Konsequenzen aus seiner eigenen Theorie gezogen? Mag sein, daß er einem Vorgang zum Opfer gefallen ist, dessen Hintergrund er selbst beschrieben hat. Im Bereich der „natürlichen“ Entwicklung konnten sich z.B. die Flügel der Vögel nur aus den vorderen Extremitäten im Verlauf einer langwierigen Funktionserweiterung und -wandlung herausformen. In der künstlichen Welt des Menschen fehlt jedoch dieser Funktionszusammenhang. Wohl nicht ganz, aber er ist nicht so offensichtlich. So wurde beispielsweise das Flugzeug „ex nihilo“ gebaut, weil man das Ziel des Fliegens vor Augen hatte. Vielleicht wurzeln Hass‘ Irrtümer darin, daß er vom Mechanischen und „Geistigen“ auf das Lebendige geschlossen hat.

Nehmen wir die Zirkusdressur als Beispiel. Es ist möglich z.B. einem Pferd fast alles beizubringen, solange man an schon vorhandene Funktionen anknüpft. Beim Gehen auf den Hinterbeinen wird z.B. an Drohgebärden oder an die Begattung angeknüpft. Die Funktion war so schon Millionen von Jahren da, bevor sich irgendein Zirkusdirektor an irgendwelche Aufgabenstellungen für Pferde gemacht hat. (Man kann sogar noch weiter gehen und dieses Verhalten auf die „kosmische Überlagerung“ zurückverfolgen.)

In Hass‘ mechano-mystischem teleologischen Denken bestimmt jedoch die Aufgabe z.B. Chicago zu erreichen das Verkehrsmittel Eisenbahn, mit dem diese „Funktion“ erfüllt werden kann. In seinem Artikel zur Orgonometrie im Orgone Energy Bulletin 1950 sieht Reich dies genau umgekehrt:

Es ist offensichtlich, daß bevor die Absicht existieren konnte, Chicago durch einen Zug zu erreichen, die Funktion der Dampfmaschine schon entwickelt gewesen sein mußte.

In seinem Artikel Orgonotic Pulsation sagt Reich 1944, erst mit der Funktion des Gehens, die sich (in Hass’schen Termini ausgedrückt) durch „Funktionsbündelung“ aus Teilfunktionen zusammengesetzt hatte, entwickelte sich das Ziel der Fortbewegung, z.B. einen Tisch zu erreichen.

Die Funktion bestimmt das Ziel, nicht – wie der [teleologische] Vitalist glaubt – das Ziel die Funktion.

Der Hass’schen Begriff „Funktionsteilung“ läßt sich durch folgendes Zitat aus Reichs Orgonometrie-Artikel abdecken:

Eine unbefangene Beobachtung des organismischen Funktionierens konnte nicht darin fehlgehen, die Tatsache freizulegen, daß die Organe weder die Wirkung noch das Resultat irgendwelcher Ursachen sind, sondern Variationen im Prozeß des Wachsens und expandierender, anschwellender Membranen plus Teilung funktioneller Einheiten.

Man sieht wieder: der schöpferische Impuls geht von innen nach außen!

Trotz guter Ansätze hat sich Hass doch in der mechano-mystischen Denkart verfangen, Ursache und Wirkung, bzw. Wirkung und Ursache, „Schloß und Schlüssel“ würden unverbunden „im luftleeren Raum“ aufeinander wirken. Als Energetiker hätte er sehen müssen, daß etwas Drittes, nämlich die Energie zwischen sie geschaltet ist. Es ist nicht so, daß nur die Umwelt auf die Lebewesen bzw. „Energone“ einwirkt, wie Hass es einseitig darstellt, sondern sie vor allem auch aktiv ihre Umwelt gestalten. So gesehen verwischen sich die Grenzen zwischen Ursache und Wirkung und ein wirklich neues, wirklich funktionelles Denken scheint auf, in der das Lebendige im Mittelpunkt steht:

Entsprechend kann man auch zwischen dem Beobachter der Natur und dem beobachteten Bereich der Natur keinen eindeutigen Trennungsstrich ziehen. Genauso wie das „Energon“ auf die Umwelt zurückwirkt, beeinflußt auch der Beobachter das Beobachtete. Beide Bereiche werden von der einen Lebensenergie bestimmt:

Eine andere Art zu denken, führt uns schnurstracks in den Mystizismus.

Die Unbestimmtheit, in der Hass, geprägt durch Thermodynamik und Philosophie, „die Energie“ beläßt, führt zu frappanten Unterschieden zur Orgonomie. Zum Beispiel spricht Hass davon, die Energie würde nicht die Form der Energone bestimmen. Ist doch für ihn die Gestalt der „Leistungsgefüge“ absolut nebensächlich, solange sie nur einen hohen Wirkungsgrad haben. So ist sogar der Energie-Metabolismus für die Energone letztlich „bloß Hilfsmittel, das unter Umständen auch überflüssig werden kann.“ Ein abgestorbener Rosendorn erfüllt z.B. seine Funktion weit besser als ein noch lebender.

Hier kann aus orgonomischer Sicht die folgende orgonometrische Gleichung (nach Konia: Journal of Orgonomy, May 1982) vieles klarer machen:

So leitet Reich die Funktion und die Morphologie orgonotischer Systeme von der Bewegung der Orgonenergie ab. Sie gefriert zu einer Struktur und äußert sich dann innerhalb dieser Struktur in bestimmten Funktionen. Das klarste Beispiel hierfür ist die idealisierte Gestalt des Tieres und sein Orgasmusreflex („geschlossenes Orgonom“).

Dieses Funktionieren findet sich auch in den Prozessen. Hass behauptet, „der Kreisprozeß“ sei „der gemeinsame Gesichtspunkt“ (CFP), mit dessen Hilfe es möglich ist, „das verzweigte Gewirr von Ursache und Wirkung im Organismus zu entflechten“:

Im Querschnitt bieten die Energone ein unüberschaubares Netz von Verflechtungen – einen „Kausalfilz“. Aus der Sicht ihrer evolutionären Entwicklung veränderten und entfalteten sie sich dagegen in immer wiederkehrenden Kreisprozessen. Wie in ständigen Strudelbildungen fließt – tastet sich – der Entwicklungsstrom weiter. (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987)

Hass nennt dies „die Theorie der funktionellen Kreisprozesse“. (Sie sei jedoch ein Zusatz, der die Energontheorie nicht direkt berühre.) Diese Theorie zeige einen gesetzmäßigen Weg, „wie es durch Aufeinanderfolge von Funktionsveränderungen zu Fortschritten und Höherentwicklungen kommen konnte.“

Zur Einführung seiner Theorie erwähnt Hass, der Gedanke des Kreisprozesses sei öfters aufgetaucht, so z.B. im buddhistischen „Rad der Wiederkehr“. Hass erwähnt auch Nietzsches „Ewige Wiederkehr“. Seine eigene Theorie stellt er wie folgt graphisch dar:

Dazu schreibt Hass:

Der Funktionsträger G leistet zunächst nur die Funktion a. Im Zeitintervall 1 nimmt er, in Funktionserweiterung, die Funktion b hinzu; in der Spanne 2 auch noch die Funktionen c und d. Es kommt so zu einer Überbürdung, und in der Zeitspanne 3 findet eine Funktionsteilung statt: H übernimmt die Funktion c, I die Funktion a, b und d. In der Zeitspanne 4 kommt es zu einer weiteren Funktionsteilung. Der Funktionsträger I hat schließlich wieder bloß eine Funktion. Bei ihm wie auch bei H kann es zu weiteren Kreisprozessen (analog G) kommen.

So finden wir auch bei Hass die Kreiselwelle:

Selbst auf die Überlagerung kommt Hass zu sprechen, wenn er das Verhältnis der Zellen zu ihren Organellen (Bionen), z.B. Mitochondrien oder Ribosomen, erwähnt. Danach kam es in der Phylogenese der Zellen

durch Verbindung bereits fertig entwickelter, sozusagen vorfabrizierter Einheiten, zur Höherentwicklung. der Spruch: créer cést unir – schöpfen heißt vereinen – erfaßt diese Vorgänge treffend. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Hass geht auch davon aus, daß die Evolution erst durch die sexuelle Vermischung der Erbinformationen, also durch die Überlagerung verschiedener Erbrezepte, ihre Ergebnisse in der verhältnismäßig kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, hat zeitigen können.