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Julius Wagner-Jauregg und wir

18. März 2015

Wagner-Jauregg ist bis heute unvergessen, weil er als bisher einziger Psychiater 1927 den Nobelpreis erhielt. Damit wurde seine jahrzehntelange Arbeit zur Heilung von Psychosen durch künstlich hervorgerufenes Fieber und Infektionskrankheiten gewürdigt.

Er war Kollege und Freund von Sigmund Freud. In einem Verfahren wegen von Jaureggs Elektrotherapie bei Kriegsneurosen erstattete Freud ein Gutachten zu von Jaureggs Gunsten. Wagner von Jauregg verfaßte den Bericht für die Wiener Fakultät, aufgrund dessen Freud ordentlicher Professor wurde. (Schott/Tölle: Geschichte der Psychiatrie, München 2006, S. 524).

Reich hatte an der Universität Psychiatrie-Vorlesungen bei Wagner-Jauregg gehört, und im Anschluß an das Medizinstudium seine Facharztausbildung an der von Wagner-Jauregg geleiteten Universitätsklinik für Neurologie und Psychiatrie gemacht.

In den 1940er Jahren erinnerte sich Reich an seinen Lehrer. Nachdem Reich ausführt, daß das Sitzen im Orgonenergie-Akkumulator zu einer „Erstrahlung“ der organismischen Orgonenergie führt, fährt er fort:

Man könnte von einem Standpunkt aus die Orgontherapie auch als eine natürliche „Fiebertherapie“ bezeichnen, wenn man das Fieber korrekt als Anzeichen erhöhter bioenergetischer Tätigkeit des Organismus auffaßt. Von hier aus versteht man auch manche Heilungsmethoden in der Medizin, die bisher rein empirisch, ohne begriffen zu sein, angewendet werden. Die Malariatherapie, die mein klinischer Lehrer Wagner-Jauregg in Wien gegen die allgemeine Parese einführte, besteht in nichts anderem als in der künstlichen Anregung starker Zellerstrahlung durch Injektion von Malariaparasiten. Hierher gehört der heiße Tee mit Rum bei Erkältung ebenso wie der „warme Umschlag“ gegen Zahnschmerzen. Wir stehen vor der Aufgabe, die Wirkungen mancher chemischer Heilmittel von diesem Standpunkt aus zu begreifen. (Der Krebs, Fischer TB, S. 323)

Wagner-Jauregg lehnte es ab, psychische Erkrankungen als reine Erbkrankheiten zu betrachten, wie es damals en vogue war. Es gäbe zwar eine unterschiedliche Vulnerabilität doch Auslöser könnten beispielsweise Infektionserkrankungen sein.

Er konnte sich vorstellen, daß bei einer Erkrankung einzelner Organe das Gehirn mitbetroffen sei und abnorm funktioniere – etwa daß Psychosen Folgen gastrointestinaler Erkrankungen seien, bei denen Stoffwechselprodukte von Bakterien toxische Wirkungen auf das Nervensystem ausübten. Seine grundsätzlich psychosomatische oder besser somatopsychische Haltung sollte er später in dem schönen Satz, jede Körperzelle sei am depressiven Prozeß beteiligt, in radikaler Weise ausdrücken.

Für einen einführenden Überblick verweise ich auf den soeben zitierten kurzen Aufsatz von Theodor Meißel Wagner-Jauregg – ein Wegbereiter der modernen biologischen Psychiatrie.

Wagner-Jauregg war ein Deutschnationaler, wenn auch kein Rassist; seine erste Frau war Jüdin. Aus seiner großdeutschen Gesinnung heraus war seine Annäherung an die Nationalsozialisten im Verlauf der 1930er Jahre nur allzu natürlich. Meißel schließt daran jedoch grundsätzliche Überlegungen an:

Wagner-Jaureggs Wahlspruch: „Wer einen Charakter hat, braucht keine Prinzipien“ zeigt ihn als zutiefst problematischen Menschen, der sich selbst Charakter zuspricht und verbindlicher Prinzipien ledig sein zu können glaubt, die Gefahr übersehend, damit verbindliche menschliche Spielregeln zu entwerten, Grenzen überschreiten zu können und übergriffig zu werden. Die schöne poetische Übersetzung dieses Wahlspruchs von Paul Lorenz für die Wagner-Jauregg-Medaille (…) „eine durch und durch edle Natur bedarf keiner eigenen Gesetze“ – diese Übersetzung transzendiert Wagner-Jaureggs Problematik in einen menschlichen Grundkonflikt, den zwischen menschlicher Natur und menschlicher Kultur und Zivilisation. Wagner-Jaureggs Wahlspruch macht seine Affinität bzw. fehlende Abgrenzung zu einer Herrenmenschenideologie verständlich.

Die Frage ob Wagner-Jauregg ein „Nazi“ war, sei dergestalt auch heute noch von Bedeutung, „um Prinzipien menschlicher Kultur, menschlicher Gesittung zu erhalten, zu verteidigen und weiterzuentwickeln.“

Für den Studenten der Orgonomie ist das ganze von Bedeutung, weil Wagner-Jauregg seinen Wahlspruch sicherlich (wenn auch vielleicht nur indirekt) von Nietzsche abgeleitet hat und dieser wiederum mit einiger Sicherheit von Max Stirner.

Es ist bezeichnend, daß vermeintlich „kritische Geister“ wie Theodor Meißel das Heil in „ethischen Prinzipien“ suchen, der Konservative im „Charakter“. Hier wird auch unmittelbar deutlich, warum die Orgonomie so eine Affinität zum konservativen Spektrum hat.

Abschließend einige Zitate aus dem Nachlaß und den Schriften Nietzsches:

Ideale der Art sind die vorwegnehmenden Hoffnungen unserer Triebe, nichts weiter. So gewiß wir Triebe haben, verbreiten diese auch in unserer Phantasie eine Art Schema von uns selber, wie wir sein sollen, um unsere Triebe recht zu befriedigen – dies ist idealisieren. (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 336f)

Vertrauen wir den Trieben, sie werden schon wieder Ideale schaffen! wie es die Liebe immerfort thut. (Bd. 9, S. 353)

Und weiter bezeichnet Nietzsche die Triebe als „schaffende Künstler“ (Bd. 9, S. 354). „Das Ideal ist die Vorwegnahme der Hoffnungen unserer Triebe (der herrschenden Triebe)“. Ein anderes Ideal entsteht, wenn „ein anderer Trieb zur Herrschaft kommt“ (Bd. 9, S. 396). Das „Rechte und Naturgemässe“ ist, „ohne Grundsätze, aber mit Grundtrieben, ein beweglicher Geist im Dienste starker Grundtriebe, und eben deshalb ohne Grundsätze“ zu leben (Bd. 3, S. 149).

Was ist der Mensch? Ein Haufen von Leidenschaften, welche durch die Sinne und den Geist in die Welt hineingreifen. (Bd. 10, S. 207)

Emotionale Gesundheit: Die medizinische Orgontherapie im Vergleich zu anderen Verfahren (Teil 6)

7. Januar 2015

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Richard Schwartzman: Emotionale Gesundheit: Die medizinische Orgontherapie im Vergleich zu anderen Verfahren (Teil 6)

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Die Zusammenarbeit der Psychiater mit der Pharmaindustrie und der Versicherungsbranche

19. Juli 2013

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Dr. Charles Konia: Die Zusammenarbeit der Psychiater mit der Pharmaindustrie und der Versicherungsbranche

Reich, Marx und die Charakterlosigkeit (Teil 1)

2. Juli 2013

In seinem neuen Buch Neither Left Nor Right beschreibt Charles Konia nicht nur die charakterologischen Unterschiede zwischen Linken und Rechten, sondern auch, warum den ersteren charakterologische Unterschiede nicht zugänglich sind:

Für den Konservativen basiert das Konzept Charakter auf Zügen, die aus dem biologischen Kern („guter Charakter“) und der zerstörerischen mittleren Schicht („schlechter Charakter“) abgeleitet werden. Folglich ist er ein Begriff, der stark mit einem pejorativen oder moralischen Unterton behaftet ist. Man vergleiche diese Ansicht mit derjenigen des Liberalen, für den „Charakter“ ein im wesentlichen bedeutungsloses Konzept darstellt. Die Vorstellung, daß eine Person vorgegebene Merkmale besitzt, ist für ihn unverständlich. Er geht davon aus, daß alle Menschen intrinsisch guten Willens sind und unbegrenzt gebessert werden können. (S. 234)

Konia fährt fort:

Ärzte, die das Ausbildungsprogramm des American College of Orgonomy für medizinische Orgonomie durchlaufen und einen liberalen sozio-politischen Charakter besitzen, haben Probleme beim Erfassen und Anwenden der Grundlagen der Charakterdiagnose und Charakteranalyse. Da die meisten Psychiater sowohl zu Reichs Zeiten als auch heute einen liberalen sozio-politischen Charakter haben, stellt diese Einschränkung beim Erkennen und Verstehen der Bedeutung des Charakters einen Grund dafür dar, daß Reichs Beiträge nicht in die Psychiatrie integriert werden konnten und die Praxis dieser Fachrichtung mechanistisch entartete. (ebd.)

Tatsächlich läßt sich fast jede Abspaltung von der Orgonomie damit erklären, daß liberale Charaktere sich dagegen verwahrten, „Menschen zu kategorisieren“.

Von jeher hatten eher liberal gesinnte Orgonomen Probleme mit der Charakterologie. Da wären etwa Ola Raknes und, wenn ich das richtig einschätze, Walter Hoppe zu nennen, aber auch die Orgonomen, die sich seit 1982 im Institute for Orgonomic Science zusammengefunden haben. Die letzteren haben, etwa mit Einführung des „okularen Charakters“, aus der orgonomischen Charakterologie eine Travestie gemacht, die keinerlei praktischen Nutzen mehr hat. Als erstes wäre aber Otto Fenichel zu nennen, der Reichs „Hang zum Schema“ kritisierte und immer alles „differenzierter“ betrachtet wissen wollte. Nach Reichs Tod, distanzierten sich die meisten Orgonomen, repräsentiert von Chester M. Raphael, von Elsworth F. Baker, als dieser Reichs Charakteranalyse systematisierte und Reichs Charaktereinteilung den Erfordernissen der Orgontherapie anglich. Hinzu kam, daß Baker die Charakterdiagnostik auf den soziopolitischen Bereich ausdehnte.

Im Newsletter for Friends of the Wilhelm Reich Museum (No. 35, 1994) das weitgehend Raphaels Auffassung repräsentierte, findet sich folgende Aussage unter der Überschrift „Why is Reich’s Work so Misunderstood“:

Am vierten Tag der Konferenz befaßte sich der Erzieher Wilbur Rippy mit Reichs Soziologie und der Bedeutung von Marx und Engels für seine Bemühungen die Wurzeln des gesellschaftlichen Elends zu verstehen und Wege zu ihrer Verhütung zu finden. Im Verlauf seiner Ausführungen wies Mr. Rippy auch auf die Fehlauslegung Reichs durch die politische Linke und Rechte hin, besonders auf die „schreckliche Travestie“ der Ansichten, die vom Psychiater Elsworth Baker verbreitet werden.

Das läuft auf die Behauptung hinaus, daß die aktuelle Umwelt die Menschen mehr formt als Baker behauptet, also die spätestens seit der Pubertät weitgehend zementierte Panzerung nicht der alles entscheidende Faktor ist. Rippy sieht nicht, daß aber erst von daher, d.h. aus Sicht der Charakterologie, „Marx und Engels“ für die Orgonomie wirklich Sinn machen:

In Die Massenpsychologie des Faschismus legte Reich dar, daß die aktuellen ökonomischen Bedingungen des Individuums so gut wie keine Rolle für dessen Ideologie spielen, sondern fast ausschließlich die charakterlichen Verformungen, die er sich in der Kindheit zugezogen hat. Trotzdem sind „Marx und Engels“ nicht vollkommen nutzlos, denn bei ihnen läuft, wie Reich in Menschen im Staat gezeigt hat, alles auf die zentrale Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft hinaus, die Arbeitsfunktion wird aber genauso wie die Sexualfunktion von der Panzerung, d.h. der Charakterstruktur des Menschen bestimmt.

„Marx und Engels“ haben deshalb in der Orgonomie einen Platz, weil alle anderen ökonomischen Theorien zwar einen begrenzten Erklärungswert haben, etwa für die Euro-Krise, letztendlich aber alles auf die Qualität und Quantität der menschlichen Arbeitsfunktion hinausläuft, Marx’s „lebendige Produktivkraft“, die wiederum von der Struktur der Panzerung, also vom Charakter abhängt.

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