DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE
Peter A. Crist: Eine dramatische visuelle Reaktion auf Angst (Teil 1)
In der Medizin, im Wissenschaftsbetrieb und in den populärwissenschaftlichen Medien ist Reich heute kaum mehr als eine belächelte Kuriosität.
2005 fand sich in der wöchentlichen Standeszeitschrift Deutsches Ärzteblatt (S. A1459) eine Notiz „Sexualität und Medizin – Orgasmusreflex“, die aus einem längeren Zitat aus Reichs Die Funktion des Orgasmus (1942) über den Orgasmusreflex besteht: eine einheitliche Gesamtkörperzuckung, zuckender Plasmahaufen, Orgasmusforschung führte zum biologischen Kern der seelischen Erkrankungen, der Orgasmusreflex findet sich bei allen Lebewesen, bei Einzellern in Gestalt von Plasmazuckungen. Das Deutsche Ärzteblatt kommentiert:
Hier wird auf das Paradigma der Amöbe angespielt. – Reich (1897-1957) war 1922 bis 1930 am psychoanalytischen Ambulatorium in Wien tätig, ab 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei; 1933 Ausschluß aus der Psychoanalytischen Vereinigung und aus der KP, im Exil ab 1934, von 1939 bis zu seinem Tod in den USA; Wegbereiter der späteren Gestalt- bzw. Körpertherapie. Seine Definition des „Orgasmusreflexes“ offenbart ein strikt biologistisches Menschenbild.
Das findet sich unter der Rubrik „Medizingeschichte(n) – ausgewählt und kommentiert von H. Schott“ neben einem zweiten kurzen Artikel, „Ärzte als Patienten – Schlaflosigkeit“. Er behandelt als medizinhistorische Kuriosität ein Zitat des Arztes Giralomo Cardano aus dem Jahre 1643.
Das populärwissenschaftlichen Magazins P.M. machte vor einigen Jahren mit der Überschrift auf „Das Geheimnis der kosmischen Lebensenergie“. Im ersten Absatz wird der „umstrittene österreichische Psychologe Wilhelm Reich“ abgehandelt:
Wie er vom nicht nur genialen, sondern auch „höflichen“ Einstein in Princeton empfangen wurde, nachdem er kurz zuvor aus der Psychoanalytischen Vereinigung wegen seiner „spleenigen Ideen“ ausgeschlossen wurde. Einstein habe Reich leider bescheinigen müssen, daß der „Lichtschein“, durch den das Orgon sich manifestieren würde, eine rein subjektive Empfindung sei.
Reich nahm sich später das Leben, immer noch fest davon überzeugt, mit Orgon die „Lebensenergie des Kosmos“ sichtbar gemacht zu haben.
Reichs Tragik sei gewesen, daß er ganz dicht dran war, an dem was die meisten Menschen auf der Welt als Tatsache betrachten. Der Rest des Artikels handelt dann von „Prana“, Schamanismus und der chinesischen Medizin. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine ähnliche Scheiße ist, wie die substanzlosen Phantasien, die der Autor Karsten Flohr über Reich zusammengeschmiert hat. Für so einen Mist 3,50 EUR auszugeben… Allein schon das mit dem Selbstmord ist eine ungeheuerliche Frechheit! Typischer Qualitätsjournalismus!
Immerhin gibt es hier und da Ausnahmen. So beschäftigte sich 2004 Dr. Ulfried Geuter (FU Berlin) im Organ des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (Report-Psychologie 2/2004) mit der Geschichte der körperorientierten Psychotherapie. Er mahnte:
Die Körperpsychotherapie muß die Verbindung zur Forschung suchen. Wilhelm Reich hat dies getan, da er seine Gedanken aufgrund von experimentellen und klinischen Forschungen als bessere Theorie in der Psychoanalyse verankern wollte. Es ist sicher kein Zufall, daß ausgerechnet zur Wirkung des Orgonakkumulators eine Doppelblindstudie vorliegt, die wahrscheinlich den Kriterien des Wissenschaftlichen Beirats genügen würde; ihr zufolge erhöht sich im Akkumulator die Körperkerntemperatur (Müschenich & Gebauer, 1996).
Hier bezieht sich Geuter auf ein kurzes Referat in DeMeos Orgonakkumulator-Handbuch. Das Original von 1987, Der Reichsche Orgonakkumulator, war ursprünglich die Diplomarbeit von Dr. med. Dipl.-Psych. Stefan Müschenich.
Es sei auch auf Dr. Müschenichs umfangreiche Doktorarbeit von 1995 verwiesen, die weit umfassender ist, als ihr Titel Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich anzudeuten scheint.
Reichs „Charakterlehre“ sagt aus, „daß es neurotische Symptome ohne eine Erkrankung des Gesamtcharakters nicht gibt. Symptome sind nur Gipfel auf dem Bergrücken, der den neurotischen Charakter darstellt“ (Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 36). Vor Reich galt, daß „das neurotische Einzelsymptom (…) ausdrücklich als Fremdkörper in einem sonst gesunden psychischen Organismus betrachtet (wurde)“ (ebd., S. 35).
Mit dem gängigen Diagnoseschlüssel ICD-10:F hat sich die Situation sogar zugespitzt, da jede psychische Auffälligkeit als isolierte Erkrankung betrachtet wird. Im Idealfall ist sie auf Störungen der „Gehirnchemie“ zurückzuführen und kann entsprechend mit Pillen „geheilt“ werden. Diese Sichtweise ist sehr attraktiv, weil sie das Stigma von psychischen Erkrankungen nimmt. Wer etwa unter einer Sozialphobie leidet, braucht sich genausowenig zu schämen, wie jemand, der einen Gallenstein hat. Es ist etwas Isoliertes, das nichts mit dem eigenen Wesen bzw. dem „Charakter“ zu tun hat.
Gewisserweise ist diese Betrachtungsweise sogar richtig, denn unter der Voraussetzung, daß der Charakterpanzer nicht zu rigide ist, kann den einzelnen „isolierten“ Symptomen die Energie entzogen werden. Das ist eine der zentralen Aussagen von Reichs Sexualökonomie: „Der Gesunde hat praktisch keine Moral mehr in sich, aber auch keine Impulse, die eine moralische Hemmung erfordern würden. Die Beherrschung etwa noch vorhandener asozialer Impulse gelingt mit Leichtigkeit unter der Bedingung der Befriedigung des genitalen Grundbedürfnisses“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 30).
Jeder kann in Streßsituationen paranoid werden, sich in Zwangshandlungen verfangen, Phobien entwickeln, depressiv werden, etc. Ändert sich jedoch die Situation, kann „die Energie wieder frei fließen“, lösen sich diese Symptome in nichts auf. Panzerung ist dadurch definiert, daß die Symptome auch unter den besten Bedingungen anhalten und sich vielleicht sogar verschlimmern. Menschen verhalten sich „neurotisch“. Beispielsweise entspannen sie sich nicht etwa in einer angenehmen und freundlichen Umgebung, sondern werden noch mißtrauischer, noch depressiver, noch ängstlicher, etc. Der Energiepegel steigt und entsprechend wird die „Reaktionsbasis“ aufgeladen.
Reich ging es darum, diese „Reaktionsbasis“, beispielsweise eine chronische Augenpanzerung, aufzulösen. Erst dann lassen sich sozusagen „Restsymptome“ isoliert betrachten. Ein „genitaler Charakter“, d.h. ein „gesunder psychischer Organismus“, ist demnach kein perfektes Wesen, sondern schlicht jemand ohne chronische Panzerung, bzw. jemand, der so ist, wie es heutzutage von jedem Patienten behauptet wird: seine Symptome sind isolierte, imgrunde bedeutungslose Gegebenheiten. Das heilende „Agens“ ist die orgastische Plasmazuckung.
Nachdem Reich jahrzehntelang in der Psychiatrie als unnennbare Unperson galt, findet sich heutzutage in der Lehrbuch-Bibel der Psychiater, dem „Berger“, folgendes über Reich:
Bereits ein Jahrzehnt vor den Arbeiten Fenichels hatte Wilhelm Reich (1933 [Charakteranalyse]) einen weit umfassenderen Begriff der Abwehr formuliert. Sein Begriff des „Charakterpanzers“ beschreibt das Ergebnis eines länger währenden Bewältigungsprozesses psychosexueller Frustrationen auf kognitiver, emotionaler sowie motorischer Ebene. Das heißt, der gesamte psycho-motorische Mechanismus eines Individuums steht im Dienste der Trieb- und Bedürfnisabwehr. Dieses „Falsche-Selbst“ wird als ich-synton wahrgenommen. In Krisensituationen führen jedoch die hohe Anstrengung und der Energieverbrauch, der zur Aufrechterhaltung dieses Charakterpanzers benötigt wird, potentiell zur Dekompensation des psychischen sowie des physischen Apparates. Damit öffnete W. Reich nicht nur das Feld der Psychosomatik, sondern auch der körpereinbeziehenden Psychotherapien. (Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen – Klinik und Therapie, München – Jena: Urban & Fischer, 2004, S. 887)
Durchaus zwiespältig werden meine Gefühle jedoch angesichts anderer „Rehabilitationsmaßnahmen“ in Sachen Reich. Etwa der Gedenktafel, die seit 2007 an Reichs Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf in der Schlangenbader Straße 87 prangt. Einerseits ist es immer gut, wenn die Haupttaktik der Emotionellen Pest gegen Reich (nämlich ihn vergessen zu machen) hintertrieben wird – aber diese Tafel ist ausdrücklich eine von 18, die von den Nationalsozialisten verfolgte Psychoanalytiker ehren soll. Kann es einen größeren Albtraum geben, als posthum von Leuten „großzügig“ vereinnahmt zu werden, die… Reich wird – vergeben!
In seinem Standardwerk über Persönlichkeitsstörungen (5. Auflage, Weinheim 2001) erwähnt Peter Fiedler Reichs Ausschluß aus der Psychoanalyse. Vor allem jene Psychoanalytiker seien mit Freud in Konflikt geraten, „die den kulturellen und sozialen Faktoren eine größere Bedeutung beimaßen als den von Freud und seinen Anhängern herausgestellten biologischen Faktoren.“ (S. 79) Und weiter:
Eine ausführliche Dokumentation der Ausgrenzungsgeschichte in der Psychoanalyse findet sich u.a. bei Peter Gay (1987), der jedoch wie die meisten Biographen Sigmund Freuds die besonders unrühmlichen und bedrückenden Vorgänge um den Ausschluß von Wilhelm Reich völlig ignoriert. Daß dies bis in die Gegenwart hinein immer noch passiert, ist unglaublich (…).
In der Tat: eine Sauerei, die einen fassungslos macht! Fassungslos macht einen aber auch die Naivität von Fiedler, der nahelegt, daß sich hinter Reichs Ausgrenzung technische Differenzen zwischen Reichs „topographischer Auffassung“ und der „strukturtheoretischen Innovation seiner psychoanalytischen Kollegen“ verbergen und daß Reich schließlich auch „wegen seines dezidiert politischen Engagements nurmehr wenig Resonanz“ fand (S. 65).
Deshalb (weil Reich sich weigerte, die menschliche Psyche als ein Kasperletheater zu betrachten, in dem sich die Personen „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ streiten, und weil er militanter Antifaschist war) diese umfassende, bis heute andauernde Ausgrenzung, als wäre Reich der Teufel höchstpersönlich, dessen Namen man lieber nicht heraufbeschwört?
Anzumerken ist noch, daß diese kurzen Exkurse nicht recht in das Lehrbuch passen. Offenbar ist Fiedler über etwas gestolpert… Zur Vertiefung verweise ich auf das www.lsr-projekt.de.
DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE
Howard J. Chavis: Orgonomische Erste Hilfe in medizinischen Einrichtungen (Teil 1)
Die Zukunft der Orgonomie ruht auf vier Pfeilern, von denen gegenwärtig alle vier brüchig, wenn überhaupt vorhanden sind:
Die Lage scheint ausweglos zu sein, doch das Schöne an der Orgonomie ist, daß jeder in jedem beliebigen Moment etwas Konstruktives tun kann. Man kann seine eigene Panzerung dadurch angehen, daß man sie zunächst einmal spürt. Man kann immer und überall die Orgonenergie beobachten. Man kann sich der Irrationalität in seiner Umgebung entgegenstellen. Und vor allem kann man sich bemühen, so funktionell wie nur irgend möglich zu leben. Liebe, Arbeit und Wissen sind die Grundlagen unseres Lebens, sie sollten es auch beherrschen!
Alles hängt von den „Massen“ ab – alles hängt von uns ab. Jeder Erwachsene trägt die Verantwortung für sein Leben und die Umstände, unter denen er lebt.
Die Orgontherapie ist so zentral wichtig, weil ohne Orgontherapie alles nichts ist! Deshalb erscheinen in der Zeitschrift für Orgonomie vorerst fast ausschließlich Texte zur Orgontherapie.
Betrachten wir dazu das Emblem der Zeitschrift. Historisch geht es auf die zu Reichs Lebzeiten von Elsworth F. Baker herausgegebene Zeitschrift Orgonomic Medicine zurück, deren Symbol eine Äskulapschlange war, die sich um das Symbol des orgonomischen Funktionalismus schlängelte (siehe hier). Als Baker diese Zeitschrift 1968 unter neuem Titel fortführte (The Journal of Orgonomy), gesellte sich zur Schlange, die die Medizin symbolisiert, der Blitz als Symbol der Physik. Die neue Zeitschrift sollte nämlich auch die von Reich herausgegebene Zeitschrift CORE ersetzen, in der es vor allem um Orgonbiophysik gegangen war. Insgesamt symbolisiert das Emblem der Zeitschrift für Orgonomie die drei Hauptbereiche der Orgonomie: Medizin (Schlange), Physik (Blitz) und Kosmologie (Spiralgalaxie).
Entsprechend wird die Orgonomie in den drei Bänden von Die Entdeckung des Orgons beschrieben: Bd. 1: Die Funktion des Orgasmus, Bd. 2: Der Krebs und der nie abgeschlossene dritte Band über die orgonomischen Funktionalismus, dessen geplanter Inhalt sich aus Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung in etwa erschließen läßt.
Nochmal: Warum ist dann die Orgontherapie so überproportional wichtig? Weil –, um mit Kant zu sprechen: „Die Welt erscheint nicht so, wie sie ist, sondern so, wie ich bin.“ Bin ich gepanzert, ist alles nichts! Oder anders gesagt: Es müssen in Deutschland erst eine „kritische Masse“ an Menschen eine Orgontherapie durchlaufen haben, ehe man sich sinnvoll mit etwas anderem als der orgonomischen Medizin beschäftigen kann!
Und hier geht es wirklich um die Orgontherapie, nicht irgendeine „Körperpsychotherapie“ oder eine vom American College of Orgonomy nicht autorisierte angebliche „Orgontherapie“!
In einem Kalender habe ich folgenden Spruch des Schweizer Jesuiten und Zen-Meisters Niklaus Brantschen gefunden: „Wie ich gehe, so geht es mir; wie ich stehe, so steht’s um mich; wie ich laufe, so laufen die Dinge bei mir.“ Kant wird hier sozusagen „verkörpert“. Im Kommentar wird auf alltägliche Sprüche verwiesen wie „Laß den Kopf nicht hängen!“, „mit stolzgeschwellter Brust“, „Trag die Nase nicht so hoch!“
Das bedeutet aber nicht, daß die Orgontherapie eine „Körpertherapie“ ist. Ganz im Gegenteil!
Reich hat seinem Mitarbeiter Myron Sharaf gesagt: „Es sollte möglich sein, Orgontherapie durchzuführen, ohne den Patienten zu berühren, nur mit Reden“ (z.n. Sean Haldane: Pulsation, London 2014, S. 199).
Und Baker hat geschrieben:
Manchmal kann man Gefühle freisetzen und manchmal läßt das Festhalten nach, wenn man dem Patienten beschreibt, was er ausdrückt oder was er tun möchte, oder wenn man ihm einen Spiegel vorhält oder durch verständnisvolle Worte und nicht durch direkte Bearbeitung der Muskeln. Ich habe oft das Gefühl gehabt, wenn man nur genug wüßte und aufmerksamer wahrnähme, könnte man die Therapie ganz und gar auf diese Weise durchführen. (Der Mensch in der Falle, München 1980, S. 91)
Noch etwas: Die Orgonomie wird in Deutschland nur eine Zukunft haben, wenn die Orgontherapie hier eine Zukunft hat. Mehr: die Orgonomie wird nur in Deutschland eine Zukunft haben. Oder anders ausgedrückt: hat Deutschland keine Zukunft, hat auch die Orgonomie keine Zukunft.
Es gibt zwei Wege der Orgonomie in die Zukunft:
Die vielleicht radikalste Vertreterin des ersten Ansatzes war Eva Reich, die kaum Grenzen kannte, wenn es darum ging, den Namen „Wilhelm Reich“ vor dem Vergessen zu bewahren. Alles, was auch nur annähernd an Reichs Intentionen erinnerte, wurde von ihr unterstützt. Man lese etwa das vielleicht lächerlichste Reich-Buch, das je erschienen ist: Wilhelm Reich. The Man who Dreamed of Tomorrow. Das Vorwort stammt von Eva Reich. Wäre ihr die Führung der Orgonomie nach Reichs Tod zugefallen, gäbe es heute nicht vielleicht zweidutzend medizinische Orgonomen, sondern Tausende. Tatsächlich gibt es sie ja auch heute, aber das Resultat wäre genau das, was man heute beobachten kann: eine Verwässerung der Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit und eine massive Schädigung von Patienten im Namen der „Orgonomie“. Ich habe das alles bis zum Überdruß in den verschiedensten Blogeinträgen und in meinen Buchbesprechungen erläutert (siehe den obigen Link).
Die Gegenposition hat Elsworth F. Baker verkörpert, der selbst noch erstaunlich „liberal“ war, und sie hat sich durch Charles Konia weiter zugespitzt. „Qualität statt Masse“ wäre das naheliegende Stichwort, aber es geht bei näherer Betrachtung um mehr.
Es ist nicht einfach der Gegensatz von Expansion und Kontraktion, sondern es umfaßt etwas, was in dieser Gesellschaft, die vom Kult der Expansion geprägt ist, immer seltener vorkommt: das Vorbereiten auf einen Schwung nach vorne. Erfinder werkelten jahrelang vor sich hin, bis man beispielsweise Gummi dergestalt aufbereiten konnte, daß etwas wie Autoverkehr möglich wurde. Heute ist die Gummifertigung ein gigantischer Industriezweig, den man sich unmöglich wegdenken kann.
Damit so etwas möglich ist, braucht es unendlicher Geduld, Disziplin und Konzentration auf das Wesentliche. Man denke nur mal daran, welch ein Aufwand es ist, ein Instrument zu erlernen oder ein international anerkannter Virtuose zu werden. Dem geht jahrelanges Klimpern in den eigenen vier Wänden und viele Semester im Konservatorium voran. Welche Opfer es kostet, die höhere Mathematik mit leichter Hand zu beherrschen oder eine fremde Sprache so gut zu sprechen wie ein Muttersprachler! Es ist alles ein langwieriges Zuschleifen eines Rohdiamanten.
Genau das läßt sich auf die Orgonomie übertragen. Es bringt nichts, rein gar nichts, wahrheits- und freiheitskrämerisch Versatzstücke der „Reichschen Lehre“ zu verbreiten und aus deren Vertretern eine breite „Bewegung“ bilden zu wollen:
Wenn die Orgonomie die objektive Wahrheit vertritt, wird es über kurz oder lang zu einem plötzlichen Pusch nach vorne kommen, ähnlich wie die erwähnte Gummiindustrie förmlich explodiert ist, nachdem ein gewisser Entwicklungsstand erreicht war und die Umweltbedingungen (insbesondere die Entwicklung des Autos) entsprechend gediehen waren. In diesem Sinne muß sich die Orgonomie konsolidieren, beispielsweise was die Ausbildung von medizinischen Orgonomen betrifft oder die Ausformulierung der Orgonometrie. Das würde durch eine verfrühte Expansion weitaus schwieriger, wenn nicht sogar verunmöglicht werden.
Die orgonenergetischen Hintergründe dieser Funktionen wurden bereits an anderer Stelle beschrieben. Ein naheliegendes Beispiel ist der Geschlechtsakt mit seinem langen „Mahlen“ (den Friktionen), was zum plötzlichen „Schwung nach vorn“ (dem Orgasmus) führt. Dies polymorph-pervers immer weiter auszubreiten und zu variieren, hintertreibt den geregelten Energieablauf, obwohl „mehr Lust“ und eine „höhere Befriedigung“ versprochen werden. In den Bereich der Arbeitsfunktion übertragen, geschieht in der Orgonomie heute genau dasselbe: Wilhelm Reich gegen Theodoor Hendrik van de Velde (der Oswald Kolle der 1920er Jahre). Es ist der Gegensatz zwischen der konservativen und der liberalen Orgonomie. Um zu wissen, auf welcher Seite Reich stand, lese man seine Korrespondenz mit A.S. Neill Zeugnisse einer Freundschaft.
Worum es geht, wird auch durch die beiden folgenden Skizzen deutlich. Die liberale Orgonomie expandiert, erkauft dies jedoch durch eine innere Aushöhlung. Die konservative Orgonomie kontrahiert, was zu einer zunehmenden Isolation („äußeren ‚Aushöhlung‘“) führt:
DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE
Peter Crist: Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 14)
DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE
Peter Crist: Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 11)
In die Bibliography of Orgonomy, Part Two: Reich’s Library wurde das Lehrbuch der Physik für Mediziner, Biologen und Psychologen von Reichs Physiklehrer an der Universität Wien, Prof. Dr. Ernst Lecher, aufgenommen. 2007 ist ein Reprint beim VDM Verlag Dr. Müller erschienen.
Bemerkenswert sind die ersten Sätze des Buches, wo Lecher ausführt, daß die Physik „die Bewegunglehre der nicht lebenden Körper“ sei. Zu dieser Auffassung hätten von Anfang an die Bewegungen unseres eigenen Körpers „und die dabei in vielen Fällen ausgelösten subjektiven Kräfteempfindungen“ geführt. Es bestehe jedoch die Möglichkeit, daß eines Tages ein anderes Weltbild aufkommen könne, nachdem man tiefer in das Wesen der Elektrizität eingedrungen ist. Vielleicht wäre dann „von einem elektrischen Gesichtspunkte aus“ alles Naturgeschehen übersichtlicher und verständlicher. In einer Fußnote auf der zweiten Seite führt Lecher aus, daß sich alle Materie in Atome zerteilen ließe, die selbst „vielleicht verschiedene Anordnungen ein und desselben Grundbausteins alles Vorhandenen (sind), des Elektrons.“
Dieser „Forschungsplan“ hat sich mit der Entdeckung weiterer Elementarteilchen wenige Jahre später zerschlagen (vgl. Orgonenergie-Kontinuum und atomare Struktur). Reich selbst mußte seine Überlegungen über eine „Bioelektrizität“ aufgeben, doch wird gleichzeitig deutlich, daß Lecher einer von vielen war, die Reich zur Entdeckung des Orgons hinführten (vgl. Chronik der Orgonomie 1897-1939).
Die Hauptlinie der Wissenschaft hat sich in entgegengesetzte Richtung entwickelt (sozusagen „Orgon gegen Atom“) und Reich in die Ecke des „Parawissenschaftlers“ gedrängt… „Mehrheitsentscheidungen“ spielen in der Wissenschaft jedoch keine Rolle! Wir können getrost abwarten, wer am Ende als Scharlatan dastehen wird, d.h. wer die innere Logik der Natur verstanden hat und wer hoffnungslos in die Irre gegangen ist.
Bezeichnenderweise werden Reichs Experimente zur „Kontaktelektrizität“, die er zwischen 1939 und etwa 1944 durchführte und mit deren Hilfe er u.a. die Funktionsweise des Orgonenergie-Akkumulators erklärte, meistens als hoffnungslos dilettantisch belächelt: all diese Phänomene wären doch schon seit dem 19. Jahrhundert mit dem Konzept der „Ladungstrennung“ endgültig geklärt…
Beim raschen Abrollen vom ordinärem Klebeband tritt elektromagnetische Strahlung auf. Im Vakuum kann dabei sogar Röntgenstrahlung entstehen! Im Alltag begegnet uns die sogenannte „Tribolumineszenz“, wenn wir etwa selbstklebende Briefumschläge im Dunklen aufreißen.
Obwohl das Phänomen der Tribolumineszenz bereits seit mehreren Jahrzehnten bekannt ist, können Physiker den Effekt immer noch nicht ganz erklären. Der Knackpunkt dabei ist vor allem ein immenser Anstieg der Energiedichte, die dann das Leuchten auslöst. So produziert Klebeband zum Beispiel schon beim normalen Abrollen bläuliches Licht, obwohl die Bindung an der Oberfläche 100-mal weniger Energie enthält als für ein Photon sichtbaren Lichts benötigt wird – geschweige denn für die viel energiereichere Röntgenstrahlung.
Die Physiker von der Universität von Kalifornien, die dieses Phänomen beschreiben, versuchen das ganze natürlich mit „Ladungstrennung“ und sich beschleunigenden Elektronen zu erklären. Der Student der Orgonomie kann die unbeantwortet bleibende Frage, wo denn die Unmenge an fehlender Energie herkommen soll, denkbar einfach beantworten!
1940 versuchte Reich die Strahlung, die SAPA-Bione emittierten, von der Umgebung zu isolieren. Dazu baute er, konventionellen schulphysikalischen Überlegungen folgend, einen Container aus Stahl, den er mit Isoliermaterial umgab. Es stellte sich jedoch heraus, daß diese Behältnis nicht isolierte, sondern akkumulierte. Siehe dazu Reichs entsprechende Ausführungen in Der Krebs.
65 Jahre später tappt die Schulphysik noch immer im Dunkeln. So schreibt Anton Zeilinger, „einer der bedeutendsten Quantenphysiker der Gegenwart“, im Zusammenhang mit „Schrödingers Katze“: man könne eine Koppelung dieses Quantensystems mit der Umwelt und die damit einhergehende „Dekohärenz“ verhindern, indem man sie so in eine Stahlkammer einschließe, „daß die Außenhaut der Kammer eine exzellente Isolation darstellt.“
Insbesondere wäre es wohl möglich sicherzustellen, daß von diesem gesamten System keinerlei
Wärmestrahlung nach außen abgegeben wird. Das kann man im Prinzip dadurch erreichen, daß man eine sehr gute Wärmeisolation anbringt (…). Auf diese Weise kann man sicherstellen, daß der gesamte Behälter mit dem darin enthaltenen Lebewesen in keinerlei Wechselwirkungen mit der Umgebung tritt. (Zeilinger: Einsteins Schleier, München 2003, S. 102)
Im 1953 veröffentlichten Bericht Das ORANUR-Experiment I beschreibt Reich, wie Radioaktivität auf konzentrierte Orgonenergie einwirkt und sie in einen anderen sozusagen „radioaktiven“ Zustand („ORANUR“) transformiert. 1957 zeigte er in Das ORANUR-Experiment II (Contact with Space), daß diese Beeinflussung wechselweise ist, d.h. im ORANUR-Experiment wurden auch die radioaktiven Stoffe so verwandelt, daß sich ihr radioaktiver Zerfall änderte.
In der mechanistischen Wissenschaft ist für „Orgonenergie“ von vornherein kein Platz und der radioaktive Zerfall gilt als prinzipiell unbeeinflußbar.
2009 wurde in New Scientist gezeigt, daß diese Bastion der mechanistischen Wissenschaft langsam aber sicher zerbröselt.
1986 hatten Dave Alburger und seine Kollegen am Brookhaven National Laboratory auf Long Island, New York die Daten einer vierjährigen kontinuierlichen Messung der Halbwertzeit des radioaktiven Isotops Silicium-32 ausgewertet. Zwar ergab sich die vorausgesagte Halbwertzeit von 172 Jahren, jedoch war die Zerfallsrate unerklärlicherweise am höchsten im Februar und am niedrigsten im August.
1998 wertete ein Team der Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig die über 15 Jahre hinweg gemessene Zerfallsrate von Radium-226 aus und stellte ebenfalls eine jährliche Abweichung fest.
Weitere Forschungsergebnisse betreffen jahreszeitliche Schwankungen von einem halben Prozent beim Zerfall von Plutonium-238, die der medizinische Physiker Ken Ellis am Baylor College of Medicine in Houston, Texas über neun Jahre hinweg beobachtet hat.
Alvin Sanders, ein Physiker an der University of Tennessee in Knoxville fand, daß wenn man die C-14-Methode der Alterbestimmung, die auf dem radioaktiven Zerfall des Isotops Kohlenstoff-14 beruht, mit dem Abzählen von Baumringen vergleicht, Schwankungen mit einer Periode von 200 Jahren auftreten.
Und schließlich fand man am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt bei den beiden radioaktiven schweren Ionen Praseodym-140 and Promethium-142 Schwankungen in der Zerfallsrate mit einer Periode von 7 Sekunden.
Ephraim Fischbach und Jere Jenkins von der Purdue University in West Lafayette, Indiana versuchen, diese Forschungsergebnisse in eine einheitliche Theorie zu integrieren: Die drei Schwankungen (eine jahreszeitliche, eine von 200 Jahren und eine von 7 Sekunden) ließen sich möglicherweise mit Hilfe der Sonnen-Neutrinos erklären.
Beim Beta-Zerfall, wie er beispielsweise bei Silicium-32 auftritt, verwandelt sich im Atomkern ein Neutron in ein Proton, indem es ein Elektron und ein Antineutrino abgibt. Fischbach und Jenkins spekulieren nun, daß ein Neutrino, das auf ein Neutron trifft ebenfalls ein Proton und Elektron erzeugen würde, so daß die „Autonomie“ des radioaktien Zerfalls aufgehoben wäre. Dies würde wiederum die jahreszeitliche Fluktuation damit erklären, daß sich im Laufe des Jahres die Erde von der Neutronenquelle Sonne weg und wieder auf sie zu bewegt.
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Entsprechend läßt sich die oben erwähnte Periode von 200 Jahren mit der entsprechenden Schwankung der Sonnenaktivität erklären.
Und was schließlich die 7 Sekunden betrifft, ließe sich das quantenmechanisch mit Hilfe der „Neutrinooszillation“ erklären.
Wie dem auch immer sei: mit jedem Jahr sieht Reichs „absurdes“ ORANUR-Experiment weniger absurd aus!