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DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 12. Die Kinder der Finsternis / Die Emotionelle Pest

15. September 2022

DER VERDRÄNGTE CHRISTUS / Band 2: Das orgonomische Testament / 12. Die Kinder der Finsternis / Die Emotionelle Pest

David Holbrook, M.D.: DIE EMOTIONELLE PEST

18. August 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Die Emotionelle Pest

 

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 7)

2. April 2020

Der letztendliche Verdacht, dem die Orgonomie insbesondere von linker und gerade auch von gemäßigter, d.h. rationaler liberaler Seite ausgesetzt ist, ist der Klassiker schlechthin: mit der Diagnose „Emotionelle Pest“ würde sich Reich gegen jedes rationale Gegenargument immunisieren und damit letztendlich selbst faschistisch agieren!

Typisch für jedwedes liberale Argument (intellektuelle Abwehr!) ist das eine bloße, abstrakte Logelei. Wo gibt es für diese Anschuldigung ein konkretes Beispiel? Hier ist es nämlich so, daß der Liberale von seiner Struktur, die dazu führt, daß er nur in abstrakten, vom wirklichen Leben losgelösten Kategorien denken kann, auf andere schließt. Was ist denn „Emotionelle Pest“? Der pestilente Charakter leidet unter dem charakterstrukturellen Zwang zerstörerisch und „böse“ zu handeln, gibt aber stets das gegenteilige Motiv an. Das unterscheidet ihn fundamental sowohl vom genitalen Charakter, als auch vom gewöhnlichen neurotischen Charakter. Die Diagnose „Emotionelle Pest“ ist einfach, wenn man sich die Frage stellt, „was am Ende dabei herauskommen wird“, also welche Funktion eine bestimmte Handlung hat. Was kann beispielsweise dabei herauskommen, wenn man kulturfremde und (nach hiesigen Standards) fast durchweg ungebildete junge Männer im besten Wehralter aus Krisengebieten ins Land holt, also Fahnenflüchtige, die entweder, feige wie sie sind, Kinder, Frauen und Greise ungeschützt zurücklassen oder gar nicht wirklich aus Krisengebieten stammen, sondern einfach nur Abenteurer sind? Jedwedes vorgeschobene Motiv, etwa „Menschlichkeit“, für das Herholen und Aufnehmen dieser Leute ist ein derartiger Schwachsinn und der besagte strukturelle Zwang derartig offensichtlich… Und so ist es bei jedweder Diagnose von Emotioneller Pest, die von einem Orgonomen gestellt wird.

Es ist geradezu das Gegenteil dessen der Fall, was den Orgonomen vorgeworfen wird, will sagen, daß die meisten Orgonomen stets sehr restriktiv mit dieser Diagnose umgegangen sind – was auch orgonomischer Sicht fast schon eine sträfliche Nachlässigkeit war. Und die, die das nicht getan haben, etwa Paul Mathews und Charles Konia: irren ist menschlich und überall wird hier und da Mist gebaut, aber mir fällt kein einziges Beispiel für eine Fehldiagnose ein oder gar ein Beispiel für die „Selbstimmunisierung der Orgonomie durch den faschistischen Mißbrauch des Stigmas ‚Emotionelle Pest‘“.

Vermeintliche „Antifaschisten“ wollen uns die Hauptwaffe gegen den Faschismus aus der Hand schlagen. Hmmm, wie soll ich eine solche Handlungsweise wohl bezeichnen?

Reich und die moderne Psychiatrie

28. Oktober 2014

In der Medizin, im Wissenschaftsbetrieb und in den populärwissenschaftlichen Medien ist Reich heute kaum mehr als eine belächelte Kuriosität.

2005 fand sich in der wöchentlichen Standeszeitschrift Deutsches Ärzteblatt (S. A1459) eine Notiz „Sexualität und Medizin – Orgasmusreflex“, die aus einem längeren Zitat aus Reichs Die Funktion des Orgasmus (1942) über den Orgasmusreflex besteht: eine einheitliche Gesamtkörperzuckung, zuckender Plasmahaufen, Orgasmusforschung führte zum biologischen Kern der seelischen Erkrankungen, der Orgasmusreflex findet sich bei allen Lebewesen, bei Einzellern in Gestalt von Plasmazuckungen. Das Deutsche Ärzteblatt kommentiert:

Hier wird auf das Paradigma der Amöbe angespielt. – Reich (1897-1957) war 1922 bis 1930 am psychoanalytischen Ambulatorium in Wien tätig, ab 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei; 1933 Ausschluß aus der Psychoanalytischen Vereinigung und aus der KP, im Exil ab 1934, von 1939 bis zu seinem Tod in den USA; Wegbereiter der späteren Gestalt- bzw. Körpertherapie. Seine Definition des „Orgasmusreflexes“ offenbart ein strikt biologistisches Menschenbild.

Das findet sich unter der Rubrik „Medizingeschichte(n) – ausgewählt und kommentiert von H. Schott“ neben einem zweiten kurzen Artikel, „Ärzte als Patienten – Schlaflosigkeit“. Er behandelt als medizinhistorische Kuriosität ein Zitat des Arztes Giralomo Cardano aus dem Jahre 1643.

Das populärwissenschaftlichen Magazins P.M. machte vor einigen Jahren mit der Überschrift auf „Das Geheimnis der kosmischen Lebensenergie“. Im ersten Absatz wird der „umstrittene österreichische Psychologe Wilhelm Reich“ abgehandelt:

Wie er vom nicht nur genialen, sondern auch „höflichen“ Einstein in Princeton empfangen wurde, nachdem er kurz zuvor aus der Psychoanalytischen Vereinigung wegen seiner „spleenigen Ideen“ ausgeschlossen wurde. Einstein habe Reich leider bescheinigen müssen, daß der „Lichtschein“, durch den das Orgon sich manifestieren würde, eine rein subjektive Empfindung sei.

Reich nahm sich später das Leben, immer noch fest davon überzeugt, mit Orgon die „Lebensenergie des Kosmos“ sichtbar gemacht zu haben.

Reichs Tragik sei gewesen, daß er ganz dicht dran war, an dem was die meisten Menschen auf der Welt als Tatsache betrachten. Der Rest des Artikels handelt dann von „Prana“, Schamanismus und der chinesischen Medizin. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine ähnliche Scheiße ist, wie die substanzlosen Phantasien, die der Autor Karsten Flohr über Reich zusammengeschmiert hat. Für so einen Mist 3,50 EUR auszugeben… Allein schon das mit dem Selbstmord ist eine ungeheuerliche Frechheit! Typischer Qualitätsjournalismus!

Immerhin gibt es hier und da Ausnahmen. So beschäftigte sich 2004 Dr. Ulfried Geuter (FU Berlin) im Organ des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (Report-Psychologie 2/2004) mit der Geschichte der körperorientierten Psychotherapie. Er mahnte:

Die Körperpsychotherapie muß die Verbindung zur Forschung suchen. Wilhelm Reich hat dies getan, da er seine Gedanken aufgrund von experimentellen und klinischen Forschungen als bessere Theorie in der Psychoanalyse verankern wollte. Es ist sicher kein Zufall, daß ausgerechnet zur Wirkung des Orgonakkumulators eine Doppelblindstudie vorliegt, die wahrscheinlich den Kriterien des Wissenschaftlichen Beirats genügen würde; ihr zufolge erhöht sich im Akkumulator die Körperkerntemperatur (Müschenich & Gebauer, 1996).

Hier bezieht sich Geuter auf ein kurzes Referat in DeMeos Orgonakkumulator-Handbuch. Das Original von 1987, Der Reichsche Orgonakkumulator, war ursprünglich die Diplomarbeit von Dr. med. Dipl.-Psych. Stefan Müschenich.

Es sei auch auf Dr. Müschenichs umfangreiche Doktorarbeit von 1995 verwiesen, die weit umfassender ist, als ihr Titel Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich anzudeuten scheint.

Reichs „Charakterlehre“ sagt aus, „daß es neurotische Symptome ohne eine Erkrankung des Gesamtcharakters nicht gibt. Symptome sind nur Gipfel auf dem Bergrücken, der den neurotischen Charakter darstellt“ (Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 36). Vor Reich galt, daß „das neurotische Einzelsymptom (…) ausdrücklich als Fremdkörper in einem sonst gesunden psychischen Organismus betrachtet (wurde)“ (ebd., S. 35).

Mit dem gängigen Diagnoseschlüssel ICD-10:F hat sich die Situation sogar zugespitzt, da jede psychische Auffälligkeit als isolierte Erkrankung betrachtet wird. Im Idealfall ist sie auf Störungen der „Gehirnchemie“ zurückzuführen und kann entsprechend mit Pillen „geheilt“ werden. Diese Sichtweise ist sehr attraktiv, weil sie das Stigma von psychischen Erkrankungen nimmt. Wer etwa unter einer Sozialphobie leidet, braucht sich genausowenig zu schämen, wie jemand, der einen Gallenstein hat. Es ist etwas Isoliertes, das nichts mit dem eigenen Wesen bzw. dem „Charakter“ zu tun hat.

Gewisserweise ist diese Betrachtungsweise sogar richtig, denn unter der Voraussetzung, daß der Charakterpanzer nicht zu rigide ist, kann den einzelnen „isolierten“ Symptomen die Energie entzogen werden. Das ist eine der zentralen Aussagen von Reichs Sexualökonomie: „Der Gesunde hat praktisch keine Moral mehr in sich, aber auch keine Impulse, die eine moralische Hemmung erfordern würden. Die Beherrschung etwa noch vorhandener asozialer Impulse gelingt mit Leichtigkeit unter der Bedingung der Befriedigung des genitalen Grundbedürfnisses“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 30).

Jeder kann in Streßsituationen paranoid werden, sich in Zwangshandlungen verfangen, Phobien entwickeln, depressiv werden, etc. Ändert sich jedoch die Situation, kann „die Energie wieder frei fließen“, lösen sich diese Symptome in nichts auf. Panzerung ist dadurch definiert, daß die Symptome auch unter den besten Bedingungen anhalten und sich vielleicht sogar verschlimmern. Menschen verhalten sich „neurotisch“. Beispielsweise entspannen sie sich nicht etwa in einer angenehmen und freundlichen Umgebung, sondern werden noch mißtrauischer, noch depressiver, noch ängstlicher, etc. Der Energiepegel steigt und entsprechend wird die „Reaktionsbasis“ aufgeladen.

Reich ging es darum, diese „Reaktionsbasis“, beispielsweise eine chronische Augenpanzerung, aufzulösen. Erst dann lassen sich sozusagen „Restsymptome“ isoliert betrachten. Ein „genitaler Charakter“, d.h. ein „gesunder psychischer Organismus“, ist demnach kein perfektes Wesen, sondern schlicht jemand ohne chronische Panzerung, bzw. jemand, der so ist, wie es heutzutage von jedem Patienten behauptet wird: seine Symptome sind isolierte, imgrunde bedeutungslose Gegebenheiten. Das heilende „Agens“ ist die orgastische Plasmazuckung.

Nachdem Reich jahrzehntelang in der Psychiatrie als unnennbare Unperson galt, findet sich heutzutage in der Lehrbuch-Bibel der Psychiater, dem „Berger“, folgendes über Reich:

Bereits ein Jahrzehnt vor den Arbeiten Fenichels hatte Wilhelm Reich (1933 [Charakteranalyse]) einen weit umfassenderen Begriff der Abwehr formuliert. Sein Begriff des „Charakterpanzers“ beschreibt das Ergebnis eines länger währenden Bewältigungsprozesses psychosexueller Frustrationen auf kognitiver, emotionaler sowie motorischer Ebene. Das heißt, der gesamte psycho-motorische Mechanismus eines Individuums steht im Dienste der Trieb- und Bedürfnisabwehr. Dieses „Falsche-Selbst“ wird als ich-synton wahrgenommen. In Krisensituationen führen jedoch die hohe Anstrengung und der Energieverbrauch, der zur Aufrechterhaltung dieses Charakterpanzers benötigt wird, potentiell zur Dekompensation des psychischen sowie des physischen Apparates. Damit öffnete W. Reich nicht nur das Feld der Psychosomatik, sondern auch der körpereinbeziehenden Psychotherapien. (Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen – Klinik und Therapie, München – Jena: Urban & Fischer, 2004, S. 887)

wr7Durchaus zwiespältig werden meine Gefühle jedoch angesichts anderer „Rehabilitationsmaßnahmen“ in Sachen Reich. Etwa der Gedenktafel, die seit 2007 an Reichs Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf in der Schlangenbader Straße 87 prangt. Einerseits ist es immer gut, wenn die Haupttaktik der Emotionellen Pest gegen Reich (nämlich ihn vergessen zu machen) hintertrieben wird – aber diese Tafel ist ausdrücklich eine von 18, die von den Nationalsozialisten verfolgte Psychoanalytiker ehren soll. Kann es einen größeren Albtraum geben, als posthum von Leuten „großzügig“ vereinnahmt zu werden, die… Reich wird – vergeben!

In seinem Standardwerk über Persönlichkeitsstörungen (5. Auflage, Weinheim 2001) erwähnt Peter Fiedler Reichs Ausschluß aus der Psychoanalyse. Vor allem jene Psychoanalytiker seien mit Freud in Konflikt geraten, „die den kulturellen und sozialen Faktoren eine größere Bedeutung beimaßen als den von Freud und seinen Anhängern herausgestellten biologischen Faktoren.“ (S. 79) Und weiter:

Eine ausführliche Dokumentation der Ausgrenzungsgeschichte in der Psychoanalyse findet sich u.a. bei Peter Gay (1987), der jedoch wie die meisten Biographen Sigmund Freuds die besonders unrühmlichen und bedrückenden Vorgänge um den Ausschluß von Wilhelm Reich völlig ignoriert. Daß dies bis in die Gegenwart hinein immer noch passiert, ist unglaublich (…).

In der Tat: eine Sauerei, die einen fassungslos macht! Fassungslos macht einen aber auch die Naivität von Fiedler, der nahelegt, daß sich hinter Reichs Ausgrenzung technische Differenzen zwischen Reichs „topographischer Auffassung“ und der „strukturtheoretischen Innovation seiner psychoanalytischen Kollegen“ verbergen und daß Reich schließlich auch „wegen seines dezidiert politischen Engagements nurmehr wenig Resonanz“ fand (S. 65).

Deshalb (weil Reich sich weigerte, die menschliche Psyche als ein Kasperletheater zu betrachten, in dem sich die Personen „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ streiten, und weil er militanter Antifaschist war) diese umfassende, bis heute andauernde Ausgrenzung, als wäre Reich der Teufel höchstpersönlich, dessen Namen man lieber nicht heraufbeschwört?

Anzumerken ist noch, daß diese kurzen Exkurse nicht recht in das Lehrbuch passen. Offenbar ist Fiedler über etwas gestolpert… Zur Vertiefung verweise ich auf das www.lsr-projekt.de.

Ad hominem

13. Juli 2011

Reich hebt (z.B. im Vorwort von Der Krebs) hervor, daß man im sozialen Verkehr nicht die Techniken der charakteranalytischen Individualbehandlung anwenden könne. Es geht nicht an, daß man in aller Öffentlichkeit die angeblichen „charakterlichen Probleme“ von wem auch immer anspricht. Dafür ist in der Arztpraxis Platz, in persönlichen Aufzeichnungen, persönlichen Briefen oder im Austausch mit engen Freunden. In der Öffentlichkeit wirkt es deplaziert wie etwa das demonstrative heftige Austauschen von Zärtlichkeiten zwischen Liebenden an öffentlichen Orten.

Ohne eine gewisse Zurückhaltung ist ohnehin jedes erquickliche soziale Miteinander unmöglich. Das ist schlichtweg selbstevident!

Im sozialen Verkehr hat einzig und allein die Technik der Sozialen Psychiatrie Raum und selbst hier hat Reich seine Schüler davor gewarnt, daß dies nur die am besten ausgebildeten Psychiater ausüben können. Imgrunde nur er selbst! Ich habe mich damit in Reichs „Sozialpsychiatrie“ beschäftigt.

Dabei geht es vor allem um das öffentliche Bloßlegen verborgener Motivationen. Genau dies geschieht ohnehin alltäglich in den Medien, wo ständig über irgendwelche „verborgenen Motive“ spekuliert wird. Teilweise artet das in regelrechte Verschwörungstheorien aus. Dabei reicht bei Politikern doch meist schon der Hinweis, daß es ihnen gar nicht um Sachthemen geht, sondern um die irrationale Motivation als eine bedeutende Persönlichkeit in die Geschichtsbücher einzugehen, die etwa, gegen jeden Sinn und Verstand, Europa mit der Einführung des Euro vereinigt hat.

Nehmen wir mich, Peter Nasselstein, als Beispiel. Es wäre wirklich grotesk, würde man (je nach Photo) auf meine zu dünnen oder zu dicken Lippen hinweisen und aus solchem Zeugs ein „Psychogramm“ meiner Person erstellen. Surreal! Ganz anders sieht die Sache aus, wenn man meine Motive infrage stellen würde – und zwar wohlbegründet: „Geht es ihm wirklich um Sachfragen oder will er nicht vielmehr mit über 900 Artikeln durch schiere Masse auftrumpfen?“ Diskussionswürdig, solange niemand mit „Thesen“ kommt, wie der, daß mich meine Mutter nie beachtet hat und ich deshalb…

Wie grundsätzlich sinnlos derartige Diskussionen sind, wird aus der möglichen Antwort evident: Anscheinend sei mein Kritiker zu gepanzert, biophysisch zu unbeweglich, um nachvollziehen zu können, daß man etwas aus reiner Freude tun könne.

Auf diese Weise werden tiefe orgonomische Wahrheiten in oberflächliches kontaktloses Geschwafel transformiert!

In die Soziale Psychiatrie paßt auch Bakers soziopolitische Charakterologie. Sie macht in der Arztpraxis nur bedingt Sinn, da man sie kaum mit der individuellen Panzerung korrelieren kann – sehr wohl aber im öffentlichen Leben und dies ist auch der Ort, wo der Therapeut ansetzen muß: Aufklärung der Öffentlichkeit über die wahren Motive ihrer angeblichen „Vertreter“.

Umgekehrt macht die individualpsychiatrische Charakterologie im öffentlichen Leben keinerlei Sinn und ist sogar kontraproduktiv. Angemessen ist es allenfalls, wenn es denn angebracht ist, die verborgene Motivation im Alltag bloßzulegen. Etwa in der Anekdote, die Lois Wyvell erwähnt hat. Ein Student hielt auf Orgonon einen sehr komplizierten und „tiefsinnigen“ Vortrag, dem keiner folgen konnte. Worauf Reich trocken fragte, ob der Vortragende überhaupt selbst das verstanden habe, was er da referiert hat. Worauf der Student verzweifelt auf sein unverständliches Manuskript verwies. Es geht hier einfach um den Drang wichtiger, „tiefer“ und gedankenvoller zu erscheinen, als man wirklich ist. Es geht um das Bloßlegen von Kontaktlosigkeit und die Herstellung von Kontakt. Das „Herumpsychologisieren“ oder gar „Herumcharakteranalysieren“ hingegen verbessert in keinem Fall den Kontakt, sondern trägt nur noch weiter zur allgemeinen Kontaktlosigkeit bei.

Egal ob nun jemand ein genitaler, neurotischer oder pestilenter Charakter ist, es wäre angebracht und man könnte sich nicht rechtfertigen, wenn er sich gegen den Hinweis auf seine „charakterlichen Probleme“ aufs allerschärfste verwahren würde! Ganz anders sähe es aus, wenn man seine verborgene Motivation offengelegt hätte: ein genitaler Charakter würde sich darüber freuen, daß ihm geholfen wird noch realitätsgerechter zu funktionieren (denn selbst ein genitaler Charakter kann natürlich nie „perfekt“ und von neurotischen Mechanismen ganz frei sein); ein neurotischer Charakter würde mit Angst reagieren und, wenn er sich dieser Angst stellt, etwas aus dieser Offenlegung seiner unbewußten Motivation machen können, sich also bessern; ein pestilenter Charakter würde aber mit aller Macht und Gemeinheit zurückschlagen, von Unverschämtheit sprechen, seinerseits die Motivation seines Gegenüber in Frage stellen, etc. Auf diese Weise wird das Offenlegen verborgener Motivationen selbst zu einem Instrument der sozialpsychiatrischen Diagnostik. Während der individualpsychiatrische Hinweis auf „charakterliche Probleme“ nirgendwo hinführt, keinen diagnostischen Gewinn bringt und in jeder Hinsicht kontraproduktiv wirkt.

Es kann sogar ausgesprochen pestilent sein. Mich hat mal ein amerikanischer Orgonom heftig zusammengestaucht, als ich im Gespräch eine bestimmte Person in der deutschen Reich-Szene als „schizophren“ abqualifizierte. Das sei unerhört, was mir denn einfalle diesen Begriff zu benutzen, um jemanden schlechtzureden. Er habe viele Schizophrene behandelt, kenne viele, sei mit vielen befreundet.

Das kann man auf jede psychische Erkrankung übertragen: es geht nicht an, herablassend über seine Mitmenschen zu sprechen, weil sie emotionale Probleme haben. Das gilt selbst für Therapeuten. Sie müssen nicht „gesund“ sein und sie sollen keine „Gurus“ sein, nach denen man sich ausrichtet. Es geht schlicht und ergreifend darum, daß sie in ihrer Lehrtherapie soweit ihre eigenen Probleme bewältigt haben, daß diese dem therapeutischen Prozeß nicht im Wege stehen. Natürlich muß auch die Chemie stimmen, aber das ist einzig eine Sache zwischen den beiden Personen (Arzt und Patient) und geht sonst niemanden etwas an.

Daß man sich eine eigene Meinung über seine Mitmenschen bildet und „sich seinen Teil denkt“ ist jedem unbenommen, aber man kann das unmöglich öffentlich machen. U.a. deshalb hat Reich darauf insistiert, daß sein Archiv 50 Jahre nach seinem Tod versiegelt bleibt. Er konnte davon ausgehen, daß nach dieser Frist die meisten seiner Zeitgenossen weit jenseits der 80 bzw. schon lange tot sein würden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er es beispielsweise gutgeheißen hätte, daß der arme Paul Ritter schon vor dieser Frist erfahren hat, was Reich wirklich von ihm hielt. Siehe dazu die für mein Dafürhalten gegen Reichs Intentionen bereits 1983 erschienene Korrespondenz mit Neill Zeugnisse einer Freundschaft.

Und was ist mit dem Kampf gegen die Emotionelle Pest? Die Emotionelle Pest ist dadurch gekennzeichnet, daß die vorgeschobenen Motive nicht mit den wahren Motiven übereinstimmen. Man denke etwa an die propalästinensischen Aktivisten, denen das Schicksal anderer Völker, etwa die Zwangsarabisierung der Berber, vollkommen gleichgültig ist. Sie geben einen Dreck auf die sogenannten „Palästinenser“, tatsächlich wollen sie nur ihren Judenhaß ausleben.

Die Pest arbeitet mit dem, was man im Englischen als „character assasination“ bezeichnet und ungenügend mit „Rufmord“ übersetzt. Hier wird wild drauflos psychologisiert. Es wird grundsätzlich „ad hominem“ argumentiert und charakteristischerweise die geistige Gesundheit in Abrede gestellt. Das fängt auf dem Schulhof an, wo mißliebige Mitschüler als „kaputte Typen“, „Spastiker“, etc. abqualifiziert werden und hört mit dem politischen Mißbrauch der Psychiatrie auf („Schizophrenie“ unter dem Kommunismus).

Ist die Frage nach der Motivation nicht ebenfalls eine öffentliche Bloßstellung? Die Frage nach der Motivlage ist eine Frage nach der moralischen Integrität einer Person. Diese geht offensichtlich die Mitmenschen etwas an. Kann man der Person vertrauen? Ist sie „ganz“ oder ist sie „geteilt“ und sticht einen in den Rücken, wenn man sich von ihr abwendet? Jenseits davon hat die Öffentlichkeit der „biophysische Zustand“ oder die „Charakterstruktur“ dieser Person nichts anzugehen.

Nehmen wir wieder mich als Beispiel. Vor sehr vielen Jahren hatte ich bei xyz „Orgontherapie“. Im Nachhinein mußte ich dann erfahren, daß diese Person anderen „Patienten“ mitgeteilt hatte, daß „Nasselstein ein Schizophrener ist“. Nun, das ist Emotionelle Pest. Wenn ich umgekehrt die fehlende Integrität dieser Person bloßstelle, dann ist das das Gegenteil von Pest, d.h. ich spiele das Spiel der Pest nicht mit.

Übrigens gegen „character assasination“ kann man sich kaum wehren, denn alles was man tut oder bleiben läßt, kann entsprechend der „Diagnose“ interpretiert werden. Hingegen ist nichts leichter als seine eigene Integrität zu beweisen!