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DER ROTE FADEN (Band 2): 66. Reichs letztes Experiment
29. Januar 2024Charakter ist alles und Genitalität ist alles
19. Oktober 2023Die gesamte moderne Medizin kann man als eine geradezu systematische Umgehung der Frage nach der Charakterstruktur, d.h. der bioenergetischen Struktur des Organismus, betrachten. Entsprechend stellt die moderne Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie eine einzige Vermeidungsstrategie gegenüber der Genitalität dar.
1.
Patienten können die abartigsten, untherapierbarsten somatischen Erkrankungen haben – trotzdem sind diese oberflächlicher als die Charakterstruktur. „Man kann sie als Komplikationen der Charakterneurosen ansehen. … [Sie] können bei jedem Charaktertypus vorkommen und sind nicht auf den spezifischen Charakter, sondern vielmehr auf die spezifische Panzerung zurückzuführen“ (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, S. 286). Ähnlich verhält es sich mit extremen psychiatrischen Störungen, etwa Baerbocks Sprachstörung. Man kann sie vielleicht „heilen“, aber die Charakterpathologie, die ihren Nährboden darstellt, besteht fort.
Das ist nicht so offensichtlich, weil die charakterliche Störung „peripher“ ist, d.h. letztendlich soziale Ursachen hat (auch die Kindererziehung ist eine „soziale Ursache“!). Man nehme etwa Reichs Beschreibung des Zusammenhangs zwischen charakterlicher Resignation und der Krebsschrumpfungsbiopathie, die das bioenergetische Zentrum des Organismus befällt:
Resignation ohne offenen oder geheimen Protest gegen die Versagung der Lebensfreude muß als eine der wesentlichen Grundlagen der Schrumpfungsbiopathie angesehen werden. Die biopathische Schrumpfung wäre demnach eine Fortsetzung chronischer charakterlicher Resignation im Bereich der Zellplasmafunktion. (Reich: Der Krebs, Fischer TB, S. 223f)
Es gibt Schichten des Lebensapparates verschiedener Tiefe um den biologischen Kern herum. Es gibt höhere und tiefer gelegene Schichten im Biosystem. Es gibt demzufolge oberflächliche und tiefergreifende Störungen der Körperfunktion. Eine akute Atemstörung wird dem Kern des Biosystems nichts anhaben. Eine chronische Atemstörung durch Inspirationshaltung wird chronische Angst erzeugen, aber die biologische Zellplasmafunktion nicht berühren, solange die bioenergetischen Funktionen in den Zellen selbst weitergehen, solange der Organismus weiter kräftige Impulse produziert. Ist aber die Impulsproduktion in den Zellen selbst getroffen, hat die periphere charakterliche Resignation das Zellplasmasystem erfaßt, dann haben wir es mit dem Prozeß der biopathischen Schrumpfung zu tun. (ebd., S. 224)
2.
Generell stehen in der Neurose die prä-genitalen Störungen im Vordergrund (phallisch, anal, oral). Am extremsten in der „okularen“ Schizophrenie (ja, keine Neurose, sondern Psychose). Trotzdem arbeitet sich der Therapeut zum Kern dieser Störungen vor und das ist die genital-orgastische Störung. Die prägenitalen „Frühstörungen“ sind in jedem Fall oberflächlicher als der ödipale Konflikt.
Ärzten, Psychiatern, Psychologen ist das so fremd und unverständlich, weil sie nicht so tief vordringen wie Reich. Ihre Arbeit ist erledigt, wenn die oberflächlichen „prägenitalen“ Symptome verschwinden, d.h. ein neurotisches Gleichgewicht hergestellt ist. Ähnlich wie die eingangs beschriebenen „genesenen“ somatisch Kranken, haben die Patienten zwar ihre psychische Auffälligkeit überwunden und sich wieder in die Gesellschaft integriert, aber das wirkliche Problem bleibt unberührt (siehe dazu den gestrigen Blogeintrag).
Beispielsweise kann eine Schizophrenie geheilt werden, wenn der okulare Block beseitigt ist, doch dann fängt die eigentliche Arbeit erst wirklich an, weil nunmehr der tieferliegende ödipale Konflikt angegangen werden muß. Generell kann man sagen, daß in der Therapie „von oben nach unten“ („von okular zu genital“), vom Oberflächlichen zum Tiefen, von der Oberfläche zum Kern, von der Gegenwart in die Vergangenheit fortgeschritten wird, vom Prägenitalen zum Genitalen, (richtig verstanden!!) vom Unwesentlichen zum Wesentlichen.
Ein orgonomischer Blick auf die moderne Psychotherapie und Psychiatrie
18. Oktober 2023In der modernen Psychiatrie ist der Begriff „Charakter“, der in der Orgonomie so zentral ist, ein Tabu. Bereits Reich hatte Probleme den geisteswissenschaftlich vorbelasteten Begriff „Charakter“ durchzusetzen (Charakteranalyse, KiWI TB, S. 198). Außerdem gehört es zur Natur der institutionalisierten Psychiatrie, daß sie sich nur mit der Oberfläche beschäftigt, d.h. mit den hervorstechenden Symptomen und nach diesen die Patienten einteilt. Demgegenüber hat die Reichsche Diagnose des Charakters nur bedingt etwas mit den präsentierten Symptomen zu tun. Zum Beispiel ist eine Patientin mit Waschzwang mit einiger Wahrscheinlichkeit kein Zwangscharakter, sondern ein hysterischer Charakter, der die prägenitale (anale) zwanghafte Hygiene dazu benutzt, um vor der zwar libidinös besetzten aber mit Angst verbundenen Genitalität hysterie-typisch „wegzulaufen“.
Der Kernimpuls spaltet sich in einen destruktiven Impuls und einen abwehrenden Impuls auf, wobei der letztere in einen Ersatzimpuls (neurotisches Symptom) sozusagen überschießen kann. Die Psychiatrie kapriziert sich auf diesen weit sichtbaren Ersatzimpuls und macht daran laienhaft alles fest, während die Charakteranalyse ihre Diagnose auf den tief verborgenen abwehrenden Impuls gründet. Eine Hysterikerin kann sich beispielsweise in Persönlichkeiten aufspalten, eine „multiple Persönlichkeit“ aufweisen. Für die Orgonomie ist das keine Grundlage einer Charakterdiagnose. Sie richtet den Blick vielmehr auf das Wegrennen (abwehrender Impuls) vor der Genitalität (abgewehrter Impuls). Wie dramatisch und facettenreich sich dieses Wegrennen nun nach außen hin gestalten mag, ist von sekundärer Bedeutung, da es sich ebensogut in einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung („ich bin ein Star!“), in Depressionen („ich kann nicht, ich habe Migräne!“), in nerviger Kindlichkeit, in masochistischen Anwandlungen oder sonstwie zeigen kann. Die vollständig verpeilten Psychiater kleben dann jeweils ihre Etiketten dran und merken nicht, daß sie es mit ein und derselben Charakterneurose zu tun haben. Manchmal steht auf diesen Etiketten sogar das exakte Gegenteil des zugrundeliegenden Charakters, da in diesen Fällen die Ersatzimpulse die gleiche Richtung aufweisen wie der abgewehrte Impuls.
In der Freudschen Psychoanalyse werden, so Reich, die Einzelsymptome
ausdrücklich als Fremdkörper in einem sonst gesunden psychischen Organismus betrachtet. (…) ein Stück der Persönlichkeit, hieß es, hat die Gesamtentwicklung zur Erwachsenheit nicht mitgemacht und ist auf einer frühen kindlichen Entwicklungsstufe der Sexualität zurückgeblieben. (…) Dieses Stück gerät nun in Konflikt mit dem übrigen Ich, durch das es in Verdrängung gehalten wird. Meine (…) Charakterlehre behauptet dagegen, daß es neurotische Symptome ohne eine Erkrankung des Gesamtcharakters nicht gibt. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 35f)
Mit ihrem Gerede von diversen „Störungen“ ist die Psychiatrie 2023 noch im gleichen Zustand, den Reich 1923 überwunden hat!
Es ist noch schlimmer, denn das Elend mit der heutigen Psychiatrie ist, daß sie nun auch noch zwei Dinge hoffnungslos durcheinanderbringt: 1. Charakterstörungen, wie sie klassisch Elsworth F. Baker umrissen hat, und 2. die eigentlichen Persönlichkeitsstörungen. Es ist aber entscheidend, das auseinanderzuhalten, denn Charakterstörungen sind eine Funktion der biopsychischen mittleren Schicht, Persönlichkeitsstörungen eine der sozialen Fassade. Dazu gehören Störungen des Selbstbildes und der Beziehung zu anderen Menschen, also „narzißtische““ Störungen. Das wird in der modernen Literatur teilweise gut beschrieben, wenn nur nicht immer wieder Elemente hineingemengt würden, die nicht zur Persönlichkeit (Fassade), sondern zum Charakter (mittlere Schicht) gehören.
Im allgemeinen kann man sagen, daß Persönlichkeitsstörungen sozial auffällig und störend sind, d.h. die moderne Psychiatrie benutzt durchweg letztendlich willkürlich gesetzte soziale Normen (die wiederum nichts anderes als charakterneurotische Normen sind), um die Persönlichkeitsstörungen zu definieren. Gesund ist dann das, was sich in die Gesellschaft einpaßt. Alles, was nicht hineinpaßt, wird als „Persönlichkeitsstörung“ abqualifiziert. Das Über-Ich wird also von der „unpolitischen“ Psychiatrie unterstützt statt unterminiert. Beispielsweise gilt heute das als normal, insbesondere alles, was sich um „Gender“ dreht, was vor noch wenigen Jahren als hochpathologisch eingeschätzt wurde – und umgekehrt, etwa „toxische Männlichkeit“.
Helfen, d.h. objektive, also wissenschaftliche Maßstäbe bieten, kann hier nur die Orgonomie, für die Persönlichkeitsstörungen überall dort auftreten, wo die Fassade nicht mehr in der Lage ist, mit den aus der mittleren Schicht durchbrechenden neurotischen Symptomen fertigzuwerden.
Die mittlere Schicht (bzw. „sekundäre Schicht“) wird mit den Strebungen aus dem Kern fertig (Charakter), die Fassade mit den Strebungen aus der mittleren Schicht (Persönlichkeit). Beispielsweise kann das Unvermögen sekundäre Strebungen zu beherrschen zu einer multiplen Persönlichkeit führen. Die Fassade zersplittert förmlich in diverse Segmente.
Das, was die moderne Psychiatrie, als Therapie anbietet, sind entweder Medikamente, die die Energieproduktion eindämmen (Panzerung wird durch Biochemie hergestellt), oder Gesprächs- und Verhaltenstheapien, die „den Charakter stärken“ (die Symptome werden buchstäblich zurück in den Körper gedrückt, wo sie dann somatisieren – aber das ist dann das Problem des Hausarztes). Außerhalb der Orgonomie gibt es keine Wissenschaft im allgemeinen und keine Psychiatrie im besonderen.
Thomas Gast und Hermann Schmitz (eine Ergänzung zu „Pornosophie oder: Die Unfähigkeit etwas zu Ende zu denken“)
6. Oktober 2023Das ist nicht nur eine Ergänzung zum gestrigen Blogeintrag, sondern auch eine zu Thomas Gast.
Ich habe mich immer gefragt, warum ich eigentlich Thomas Gast-Videos anschaue, obwohl mich das jeweilige Thema meist vollkommen kalt läßt und er nicht so „intellektuell“ (verkopft!) ist wie ich. Da wäre als Erklärung das Thema meiner persönliches Haß-Liebe-Trauma mit dem Militär, aber jetzt, als ich seine Reise nach Guayana verfolgte, ist mir bei einer Szene (ausgerechnet bei „Gast putzt sich die Zähne im Boot“) plötzlich der wahre Grund für mein persönliches „Faszinosum Thomas Gast“ aufgegangen: er kennt keinen Zynismus und, vor allem, er ist vollkommen frei von Ironie, d.h. einer meiner zahlreichen Charakterfehler.
Als Exmilitär und von seiner ganzen unmittelbaren Art her verkörpert er das Gegenteil dessen, was ich an mir selbst verabscheue.
Ironie ist Distanz. „Ist es nicht ironisch, daß jetzt ausgerechnet das eintritt?“ Womit wir sagen wollen, daß das Leben nur Theater ist und es zu einer „Deus ex machina“ kommt – eine Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie auftaucht, wenn der Autor bzw. Regisseur sich beim Entwirren des Handlungsfadens sonst nicht mehr zu behelfen weiß. Doch das Leben ist kein Spiel und wenn wir das Leben nicht leben, nicht „funktionell leben“, wird im realen Leben keine „Gottheit“ auftauchen, um uns den Arsch zu retten!
Wenn wir ironisch werden, werden wir selbst zum Schauspieler, der affektiert das eine sagt („Du bist aber schlau!“) und dabei das andere kommuniziert („Du bist saublöd!“).
Was fehlt ist der Ernst, die Konsequenz, die Unmittelbarkeit, die organische Entfaltung. Stattdessen sitzen wir sozusagen am Rande der Welt und wahren Distanz. Wir können, frei nach dem Philosophen Hermann Schmitz, „ironistisch“ jeden Standpunkt einnehmen und uns von jedem Standpunkt ebensogut auch wieder distanzieren, weil wir nicht wirklich in der Welt involviert sind. Am „Ironismus“ erkrankt, kann uns nichts wirklich für sich vereinnahmen, genauso wie umgekehrt wir uns für bzw. an nichts ganz hingeben.
In der Orgontherapie geht es um nichts anderes: die Distanz überwinden, es geschehen lassen, funktionell leben, orgastische Potenz.
Charakteranalyse war von Anfang an Bekämpfung der Emotionellen Pest
26. Juni 2023In Ein Wort zum „Pride Month“, oder: Wie operiert das absolut Böse? habe ich mich mit der Funktionsweise der Emotionellen Pest beschäftigt und dabei die ersten beiden Schichten der biophysischen Struktur behandelt: den bioenergetischen Kern und die mittlere bzw. „sekundäre“ Schicht. Was aber gegen das Vorgehen der Emotionellen Pest tun und was ist mit der dritten Schicht, der äußeren Fassade? Die beiden Fragen bedingen einander!
Der Hauptgegner der Emotionellen Pest ist der Spiegel! Du kannst sonstwas für Illusionen über dich selbst haben: ein Blick in den Spiegel, belehrt dich eines Besseren. Aus diesem Grund hassen die Mächtigen auch die Satiriker, die ihnen „einen Spiegel vorhalten“.
Was bedeutet es in einen Spiegel zu schauen? Der Spiegel zeigt die Fassade, die äußere Schicht der Charakterstruktur, und sagt dem bioenergetischen Kern: „Schau, das ist aus Dir geworden!“ Mit anderen Worten: Das hat die die Emotionelle Pest, die in der mittleren („sekundären“) Schicht zwischen Kern und Fassade Struktur gewordene lebensfeindliche Gesellschaft, aus dir gemacht. Du hast dich und alles, wofür du ehemals standst, verraten und verkauft!
Charakteranalyse war von Anfang an nichts anderes als das „Fremdartige“, nicht wirklich zur Person gehörige, also die Neurose auf den Neurotiker zurückzuspiegeln. Das Böse erträgt den Blick in den Spiegel nicht.
David Holbrook, M.D.: Asthma, Bluthochdruck und Panikattacken bei einem Fall von exzitatorischer paranoider Schizophrenie
17. Februar 2023Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 44)
27. Januar 2023[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Wäre ich beispielsweise Gesangslehrer, würde ich den Schüler einfach bitten, etwas zu singen, das aufnehmen und ihm das sozusagen „charakteranalytisch“ zurückspiegeln, indem wir uns gemeinsam die Aufnahme anhören. Sodann würde ich ihn fragen, was hier nicht zu seiner Vision von dem paßt, was er erreichen wollte, erstrebt hat. Auf diese Weise würde ich die Hemmung, die ihm sein Leben frustabel macht, d.h. seine individuelle Panzerung ansprechen.
In einem zweiten Schritt würde ich ihn fragen, ob es wirklich seine eigene wahre Vision von Singen, von Performance, ist oder er irgendeiner heteronomen Modeerscheinung aufgesessen ist, mit der er sich nicht wirklich identifizieren kann. Ich würde damit sozusagen die gesellschaftliche Ideologie angehen, die soziale Panzerung.
Im ersten Fall geht es um die Technik, im zweiten um den Stil. Das Ziel meines Unterrichts wäre es, Fassade und Kern wieder miteinander zu verbinden und die sekundäre Schicht in einem Zweifrontenkrieg immer weiter einzuengen und schließlich zu zermalmen.

Das bringt mich zu Marx, demzufolge Arbeit definiert ist als „Vision“ plus Handanlegen, was von vornherein die gesamte Thematik von Arbeitsteilung, Überbau und Unterbau, Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse, Klassenbewußtsein und gesellschaftliche Ideologie impliziert. Ich habe in den vorangegangenen Teilen dieser Blogserie versucht darzustellen, daß es sich hier um sozusagen Masken der Stirnerschen Anthropologie handelt: verinnerlichte Hierarchien, Über-Ich, Panzerung.
Bei Freud geht es um das „Ichideal“, d.h. die Vision dessen, was man gerne wäre; womit man sich identifiziert: mit dem heteronomen Vorgaben der Gesellschaft (letztendlich der „schwarzen“ Mittlere Schicht in der obigen Abbildung) oder mit dem autonomen bioenergetischen Kern.
Man wird Eigner seiner selbst, d.h. gewinnt „seine eigene Stimme“, wie man so schön sagt!
















