Posts Tagged ‘Psychose’

Über Spaltung

26. April 2019

von David Holbrook, M.D.

Mit „Spaltung“ meine ich im Grunde, daß jemand den Kontakt zu sich selbst verliert, auf eine sehr tiefgehende Art und Weise. Es gibt unterschiedliche Grade des Kontaktverlusts zu sich selbst. Mildere Versionen sind die Abwehrmechanismen der Verleugnung und Verdrängung, die jeder anwendet. „Spaltung“ bezieht sich auf die schwereren Formen des Kontaktverlusts mit sich selbst: im Grunde psychotische Mechanismen. Selbst Menschen, die im formalen Sinne nicht psychotisch sind, können Spaltungs-Mechanismen nutzen. Zum Beispiel sagt mir ein Patient im Teenageralter, seine Faust treffe sein Gesicht von selbst, ohne daß dies intentional oder auch nur bewußt sei; daß dies geschehen wird, selbst wenn er glücklich ist. Diese Art von Phänomen wird durch Spaltung ermöglicht. Dieses spezielle Beispiel wird wahrscheinlich von den meisten Psychiatern als dissoziatives Phänomen und nicht als psychotisches Phänomen bezeichnet. In der Realität sind Dissoziation und Psychose sehr eng miteinander verbunden. Ein ausgeprägteres psychotisches Beispiel als der Teenager, der sich ins Gesicht schlägt, wäre jemand, der auditive Halluzinationen einer Stimme hat, die mit ihm spricht, die aber nicht seine eigene ist. Bei beiden Beispielen handelt es sich also um das Phänomen „Ich bin es nicht, es ist die Stimme“ oder „Nicht ich bin es, es ist meine Faust“. Die Spaltungs-Mechanismen entstehen, wenn man der großen Gefahr gewärtig ist Sachen wahrzunehmen, die man einfach nicht ertragen kann. Dies geschieht, wenn die üblichen Abwehrmechanismen der Verdrängung oder Verleugnung versagen.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Ein schizophrener Charakter trennt sich von seiner Freundin: Textaustausch mit einem Patienten

13. April 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Dies ist ein Textaustausch mit einem paranoiden und wahnhaften jungen erwachsenen Patienten von mir, dessen langjährige Freundin sich vor kurzem von ihm getrennt hat, was wahrscheinlich diese psychotische Episode ausgelöst hat. Die Freundin versucht immer wieder, mit ihm Kontakt aufzunehmen, und möchte, daß er ihr „Freund“ ist. Ich sagte ihm, daß er sie blocken muß.

P: Ich weiß nicht, wie ich einfach nicht mehr mit ihr reden soll, aber ich versuche es.

Ich bin auch wütend.

Wie auch immer, es spielt keine Rolle.

D: Seien Sie wütend! Es ist besser als depressiv zu sein! Sagen Sie nicht „Wie auch immer“! Sie waren verletzt und sind betrogen worden: Sie sollten wütend sein und Sie sollten auch einfach weitergehen und sie zurücklassen!

P: Danke schön.

Ich spüre eine ganze Reihe von Emotionen.

D: Gut! Emotion ist besser als Psychose!

Die Psychose ist nur eine Methode mit Emotionen umzugehen, die zu beängstigend sind, um sie zu fühlen.

P: Ich fühle mich so schlecht.

Ich möchte mit ihr Kontakt aufnehmen.

Ich denke, ich muß nur mit der Dunkelheit zurechtkommen.

D: Das ist keine Dunkelheit, das ist Schmerz. Sie müssen das Weinen zulassen. Haben Sie keine Angst zu weinen. Das saugt die negative Energie aus Ihrem Gehirn ab und leitet sie in Ihre Tränen ab. Atmen Sie sie mit Ihrem Schluchzen aus und ersetzen Sie die „negative Atemenergie“ durch neu eingeatmete frische Luft und Hoffnung.

P: Ich habe schon versucht zu weinen, aber ich kann nicht.

P: Ich fühle nur eine Leere in meinem Bauch.

D: Atmen Sie. Das Schluchzen wird dann irgendwann kommen.

P: Wie soll ich nie wieder mit ihr sprechen?

Es ist einfach so hart.

D: Ja, es ist eines der schwierigsten Dinge, die Sie jemals tun werden. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.

P: Vielleicht habe ich das verdient.

Vielleicht habe ich es verdient zu leiden.

D: Sie haben es nicht verdient zu leiden, niemand tut das. Wenn wir alle emotional gesünder wären, könnten wir besser einschätzen, wie wir uns selbst und andere zu behandeln haben.

Sie hat eindeutig ein begrenztes Verständnis für ihre Wirkung auf Sie. Ich denke, sie ist viel oberflächlicher als Sie. In gewisser Weise sind Sie tief. Sie versuchen sich wie alle anderen zu verhalten und die üblichen oberflächlichen Dinge zu tun, einschließlich der manchmal oberflächlichen Interaktion mit Frauen und Menschen im allgemeinen, aber das paßt nicht zu Ihnen. Sie haben keinen Kontakt zu sich selbst und Sie müssen sich und Ihre Gefühle besser verstehen und respektieren. Menschen, die auf schizoide Weise zusammenbrechen, sind tief. Wenn Sie sich selbst besser verstehen, können Sie Ihre Gefühle besser ertragen und müssen nicht auf psychotische Weise zusammenbrechen. Sie werden sich selbst besser sehen, und daher werden Sie in der Lage sein, Ihre Gefühle so wahrzunehmen, daß sie gesünder und stärker werden und Ihr Urteilsvermögen verbessern.

P: Das macht Sinn.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Bewusstseinserweiternde Drogen – Gefahr oder Zeitvertreib? (Teil 1)

25. März 2019

von Dr. med. Dr. phil. Barbara Goldenberg Koopman*

 

Da der Einsatz von bewusstseinserweiternden Drogen, insbesondere bei jungen Menschen, weiter an Dynamik gewinnt, können wir uns fragen, was die biophysikalischen Auswirkungen des chronischen Konsums sind. Ich stelle diese Frage vor allem in Bezug auf Marihuana, der Schwächsten der Psychedelika, die von ihren Apologeten am meisten verteidigt wird und am weitesten verbreitet ist.

Was LSD betrifft, haben Forscher den Verdacht, es könne für chromosomale Schäden verantwortlich sein und sie wissen, dass es bei dafür Empfänglichen eine Psychose auslösen kann. Marihuana kann letzteres ebenfalls tun und wurde kürzlich gleichfalls Gegenstand einer genetischen Untersuchung. Aber niemand kennt wirklich die langfristigen Auswirkungen des Rauchens von „Haschisch“. Der Trend in den Nachrichtenmedien geht dahin, die Bedenken der Menschen zu zerstreuen und eine moderate Nutzung als harmlosen Genuss hinzustellen, auf dem gleichen Level wie der Cocktail vor der Mahlzeit. Auch drängen sie auf Legalisierung.

Ich habe mit vielen Eltern von Teenagern gesprochen, in allen Bereichen des Lebens. Sie trösten sich mit dieser Sichtweise und führen zur Beruhigung an, dass es keine physiologische Abhängigkeit oder damit verbundene Entzugserscheinungen gibt. Dennoch erkennen sowohl Arzt als auch Laie an, dass der fortgesetzte Gebrauch die Passivität fördert, insbesondere bei jungen Menschen, die Motivation erstickt und eine „Null-Bock“-Einstellung gegenüber dem Leben hervorruft. Es gibt eine anonyme Broschüre, die im Rockland County (New York) zur Förderung der schwarzen revolutionären Sache zirkuliert. Ihre Stellung zu Marihuana („Gras“) ist sehr aufschlussreich:

Auch die Drogenfrage muss gelöst werden. Ich habe das Gefühl, dass wir unser Hasch für eine Weile opfern müssen, um erfolgreich zu sein. Nicht nur, dass es uns paranoid macht, es macht uns auch kaputt. Was nützt ein Revolutionär im Gefängnis?

Neben dem rechtlichen Aspekt, warum lässt der Manna die offene Nutzung von Drogen in Harlem, on the Hillb oder durch die Hippies zu? Weil er damit die Unterdrückten kontrollieren kann. Es macht uns selbstgefällig, apathisch und inaktiv . . . {Kursiv von mir – B.G.K.}

Es überrascht, dass allein schon dieser Aspekt, ohne weitere Hinweise auf negative Wirkungen, nicht ausreicht, um die Menschen innehalten zu lassen.

Klinisch fallen mir immer mehr Anwender von Psychedelika, insbesondere Marihuana, auf. Ein Muster zeichnet sich ab, das ich das „Haschisch-Syndrom“ nenne. Ein chronischer Konsument oder eine Person, die Marihuana innerhalb der letzten 48 Stunden geraucht hat, bietet bei der Betrachtung ein charakteristisches biophysikalisches Bild, das für den geübten Beobachter schnell ersichtlich ist. (Dies wird unter „Diskussion“ beschrieben.)

 

Anmerkungen

* Medizinische Orgonomin. Psychiatrie-Diplom der Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie. Mitglied des American College of Orgonomy.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Umgangssprachlich für das weiße Establishment oder die Polizei.

b The Hill = The Capitol Hill = der US-Kongress. Abwertende Anspielung auf den behaupteten Drogenkonsum unter Parlamentariern. (PN)

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 213-225.
Übersetzt von Robert (Berlin).

Paul Mathews: Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters

22. März 2019

 

Paul Mathews:
Eine funktionelle Auffassung des modernen liberalen Charakters

 

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 4)

3. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN (Fortsetzung)

Ein anderes Beispiel eines aktuellen Forschers, der die Verbindung zwischen Körper und Geist hervorhebt, ist Antonio Damasio (1994, 1999, 2003, 2010), ein Neurologe und Neurowissenschaftler, der eine Theorie des Bewußtseins vorgeschlagen hat, die in der orgonomischen Theorie widerhalt, da sowohl Damasio als auch Konia auf das retikuläre Aktivierungssystem (RAS, eine Struktur im Hirnstamm) verweisen als der vielleicht relevanteste Ort für die Integration von Eingaben von oben (kortikale Strukturen des Gehirns) und von unten (Neuronen, die Informationen aus dem Körper liefern) bei der Formation von Bewußtsein. Konia verwies 1981 auf die „entscheidende Rolle, die das retikuläre Aktivierungssystem bei der Aufrechterhaltung des Bewußtseins spielt“, und schlug vor, daß das RAS „die physiologische Grundlage für das Bewußtsein“ bildet (S. 254f). Er stellte fest, daß „die Wege zum und vom Hypothalamus, die einen wesentlichen Bestandteil der autonomen Funktion des Gehirns darstellen, im und durch das Retikularsystem verlaufen“ (S. 257). Er sagte weiter, daß „es drei grundlegende Arten von Bewußtseinsstörungen gibt: 1. Disintegration von Teilwahrnehmungen, die in das retikuläre System gelangen. Dies tritt typischerweise bei der schizophrenen Psychose auf … 2. Reduktion des sensorischen Inputs in das retikuläre System aufgrund von Panzerung. Dies ist die Grundlage für den kontaktlosen Zustand, der häufig bei neurotischen Charakteren zu beobachten ist … mystische Bewußtseinsveränderungen beruhen zum Teil auch auf dieser Blockade. 3. Überschwemmungen des retikulären Systems aufgrund einer größeren Energiezufuhr zum Gehirn, die größer ist als die, die es tolerieren kann“ (ibid).

Solms und Turnbull (2002) beschreiben Damasios Vorschlag von 1999 folgendermaßen: „… der ‚Zustand‘ des Bewußtseins ist Produkt des aufsteigenden Aktivierungssystems des Hirnstamms, das das innere Milieu des Körpers überwacht … ebenso wie die Assoziationszonen des posterioren Kortex nicht nur externe Wahrnehmungsinformationen erfassen und analysieren, sondern auch speichern, so daß auch diese tieferen, nach innen gerichteten Netzwerke [des RAS] abbildhafte ‚Karten‘ unserer viszeralen Funktionen enthalten … [Der] bewußte Zustand wird von einem virtuellen Körper erzeugt … [der] ‚dich‘ repräsentiert, die grundlegendste Verkörperung deines Selbst. Darüber hinaus stellt es den aktuellen Zustand deines Selbst dar: ‚Das bin ich, ich bin dieser Körper, und im Augenblick fühle ich mich so‘ (S. 90). „… die kleine Person in deinem Kopf ist buchstäblich eine Projektion deines körperlichen Selbst“ (S. 93). „Bewußtsein hat alles Erdenkliche mit Verkörperung zu tun …“ (S. 94).

Ein anderes Thema in der Neurowissenschaft, das in den letzten Jahren sehr populär geworden ist, war die Entdeckung sogenannter „Spiegelneuronen“: „Mitte der 1990er Jahre fand der italienische Neurowissenschaftler Rizzolati … im prämotorischen Kortex von Makaken eine Klasse von Neuronen, die nicht nur bei selbst initiierten Bewegungen feuerten, sondern auch bei der Beobachtung entsprechender Bewegungen bei anderen Affen …“ (Wallin 2007, S. 76). Mit anderen Worten, dieselben Motoneuronen, die gefeuert haben, als der betroffene Affe seinen Körper bewegte, wurden auch ausgelöst, als der betroffene Affe einen anderen Affen beobachtete, der ähnliche Bewegungen machte. Dies hat die 100 Jahre alte Doktrin, daß motorische und sensorische Neuronen zwei völlig getrennte Kategorien von Neuronen in separaten Bereichen des Gehirns sind, umgeworfen. Darüber hinaus „sind es nur beabsichtigte Aktionen, die das Auslösen von Spiegelneuronen auslösen…“, d.h. Aktionen, die geplant und absichtlich ausgeführt werden. „Es ist offensichtlich nicht unsere Wahrnehmung von Handlungen per se, die eine mitschwingende Antwort auslöst, sondern vielmehr die Wahrnehmung von Handlung, die den Eindruck vermitteln, daß eine Absicht dahinter steckt …“. Dies hat zu der Theorie geführt, daß Spiegelneuronen die neuronale Basis für das Phänomen der Empathie und für bestimmte Aspekte der Wahrnehmung der Motive oder Absichten der Handlungen anderer darstellen können. Das Interessante ist, daß diese Wahrnehmungen eng mit der Beobachtung somatischer, nonverbaler Ausdrucksbewegungen in anderen verbunden sind: „… Es sind nicht nur die wahrgenommenen beabsichtigten Zustände anderer, sondern auch ihre Emotionen und körperlichen Empfindungen, die unsere Spiegelneuronen dazu bringen können zu feuern …. es wurde theoretisiert (Iacoboni 2005), daß die Insula (ein Bereich des Gehirns) unsere Eindrücke der Affekte [Emotionen] anderer aus dem Kortex, der wahrnimmt, zur Amygdala [einem Kern im Gehirn] übermittelt, die dann im Beobachter körperliche Gefühle auslöst“ (S. 77). Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Neurowissenschaften den Weg weist für ein anatomisches und physiologisches Verständnis der Prozesse der nonverbalen, unbewußten, unwillkürlichen Übertragung von Emotionen von einer Person, oder einem Lebewesen, auf eine andere (für eine ausführliche Diskussion über die Entdeckung der Spiegelneuronen und ihre Implikationen siehe Iacoboni 2008).

 

Literatur

  • Damasio A 1994: Descartes’ Error. New York: G.P. Putnam’s Sons
  • Damasio A 1999: The Feeling of What Happens: Body and Emotion in the Making of Consciousness. San Diego: Harcourt, Inc.
  • Damasio A 2003: Looking For Spinoza: Joy, Sorrow, and the Feeling Brain. Orlando: Harcourt, Inc.
  • Damasio A 2010: Self Comes To Mind: Constructing the Conscious Brain. New York: Random House, Inc.
  • Iacoboni M 2008: Mirroring People. New York: Farrar, Straus, and Giroux
  • Konia C 1981. For The Record: The Interdependence Between Consciousness and Self-Perception. Journal of Orgonomy 15(2)
  • Solms M, Turnbull O 2002: The Brain and the Inner World: An Introduction to the Neuroscience of Subjective Experience. New York: Other Press
  • Wallin D 2007: Attachment in Psychotherapy. New York and London: The Guilford Press

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Die soziopolitische Diathese (Teil 2)

31. Oktober 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Als Hintergrund für diesen Artikel lassen Sie uns einige grundlegende Prinzipien der soziopolitischen Charakterologie, wie sie von Reich (5), Baker (1) und mir (2, 3, 4) entwickelt und formuliert wurden, kurz betrachten. Ich werde sachdienliche Beobachtungen oder Ergänzungen machen, die ich für hilfreich halte.

Wir sollten uns vor allem daran erinnern, dass alle Formen von Neurosen, Psychosen und anderen Biopathien, ob körperlich, emotional oder sozial, von der Panzerung des Menschen herrühren. Diese Panzerung verhindert die normale Regulierung der biologischen (Orgon-)Energie des Individuums, so dass Ungleichheiten oder Stauungen entstehen, die sich in Symptomen manifestieren, die körperlich oder emotional bzw. beides sein können. Da soziale Systeme Manifestationen des menschlichen Charakters sind, beruhen die sozialen Pathologien auf den gleichen Ursachen. Wie der gepanzerte Mensch dann versucht, das Dilemma seiner selbst geschaffenen Falle zu lösen, wird von seiner individuellen Charakterologie bestimmt, die von seiner unmittelbaren Umgebung beeinflusst wird. Ob er seine Probleme aus einem liberalen oder konservativen Blickwinkel angeht, liegt zum einen am elterlichen Einfluss, also seiner Entwicklung vom Kindesalter an (charakterologischer Faktor), und teilweise daran, ob er sich früh im Umfeld einer liberalen oder konservativen Gemeinschaft widerfindet (Umweltfaktor). So müssen wir zwischen einem charakterologischen und einem umweltbedingten Liberalen bzw. Konservativen (1, S. 193) unterscheiden. Die umweltbedingten Typen sind für erzieherische oder erfahrungsgemäße Einflüsse und Veränderungen zugänglich; die charakterologischen Typen sind, wenn überhaupt, kaum veränderbar.

Darüber hinaus müssen wir die menschliche Panzerung und die Struktur des Menschen von seinem Kern bis zur Peripherie betrachten, wie von Reich (5, S.vii-ix) skizziert. Der Kern repräsentiert seine grundlegende, urtümliche Natur, die im Wesentlichen kontaktfreudig, liebevoll, kreativ und gut ist. Die Blockade der Äußerungen des Kerns in Kindheit und Jugend führt zur Bildung einer sekundären, brutalen und perversen Schicht, die mit dem reaktiven Hass blockierter primärer Triebe besetzt ist. Die dritte Schicht dient als eine Verteidigung gegen den Ausdruck der sekundären Schicht. Es ist eine oberflächliche Fassade, die offenkundig „nett“ ist, aber kontaktlos, denn sie ist eigentlich eine kompensatorische Tarnung für den zugrunde liegenden Hass. Es ist der Teil des menschlichen Charakters, der mit dem Mechanismen des von Reich so genannten „Ersatzkontaktes“ (6, S. 328 ff) durchdrungen ist. Daher drückt sich die Nettigkeit, der Humanismus usw. auf einer mechanistischen, intellektuellen Ebene aus, die nicht mehr in Beziehung zu dem steht, was sie zu sein scheint, als die Koketterie einer Hysterikerin zur Sexualität. Der Ausdruck dieser oberflächlichen Fassade ist ausgesprochen defensiv und kann zu sehr gefährlichen sozialen Konsequenzen führen, wie später erklärt wird.

Reich bezeichnete die oberflächliche Fassade als „den Bereich des Liberalen“ und die sekundäre Schicht als „den Bereich des Faschisten“ (5, S. viii-ix). Er spezifizierte nicht den Bereich der Konservativen, sondern bekundete Respekt für ihn wegen dessen größerer Ehrlichkeit:

Der Freiheitsscharlatan [Liberale – P. M.] macht aus der Wahrheit einen Köder, um die Menschen in eine Falle zu locken. . . Er glaubt, für die Wahrheit zu kämpfen, wenn er tugendhaft ist. Der Konservative, der den gesellschaftlichen Status quo verteidigt, weil er die Schwierigkeiten kennt [kursiv von mir – P. M.], die mit der Suche nach der Wahrheit verbunden sind, ist bei weitem ehrlicher. Ihm steht zumindest die Möglichkeit offen, anständig zu bleiben. Der Freiheitsscharlatan muss seine Seele zwangsläufig dem Teufel verschreiben, wenn er vorwärts kommen will (7, S. 173)b.

Durch diese tiefgründige Beobachtung brachte Reich zum Ausdruck, daß der Konservative einen Grad an Kontakt hat, der dem Liberalen nicht zugänglich ist. Es war kein Plädoyer für den Status quo, sondern Ausdruck einer Präferenz für ihn im Vergleich zum kontaktlosen liberalen Freiheitshausieren. Baker hat Reichs Einsicht unterstrichen, indem er auf eine verzerrte Form des Kontaktes zum Kern beim Konservativen verwies, die mit Reichs Beobachtung übereinstimmt (1, S. 187 ff). Es stimmt, dass Reich in seinen früheren Schriften viel strenger und kritischer gegenüber dem Konservativen war; aber das war zum Teil ein Übertrag aus seiner Freudo-Marxistischen Periode und teils, weil er noch nicht die volle Bedeutung der sekundären Triebe, der emotionalen Pest und des Freiheitshausierens erfaßt hatte, wie er sie schließlich hatte, als er solche Werke wie The Murder of Christ und People in Trouble schrieb. Ebenso wie er, zum Ausgangspunkt zurückkehrend, mit Freud (aus verschiedenen Gründen) über die Vergeblichkeit eines politischen Ansatzes zur Lösung von Problemen übereinstimmte, stellte er fest, dass der Konservative weitaus weniger eine Bedrohung für die menschliche Freiheit und das Wohlergehen ist als der freiheitshausierende Liberale:

Ich wusste, dass die Leute krank waren, aber ich wollte Freiheit für sie. Aber die Fähigkeit zur Freiheit, die strukturelle, charakterologische Fähigkeit, war irgendwie nicht ganz da. Gerade hier, in der Frage der strukturellen Unfähigkeit waren Freuds Einwände gegen meine [sozio-politische] Arbeit korrekt. Ich versichere Ihnen, wenn ich nicht durch diese Fehler hindurchgegangen wäre, durch diese Erfahrungen mit den Leuten . . . wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich heute bin, zu so einer reifen Position (8, S. 46)c.

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Christusmord, Zweitausendeins, Seite 291.
Im englischen Original steht instinctive knowledge (instinktive Kenntnis) statt „kennt“ in der Übersetzung von Waltraud Götting.

c Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 29/30.
Mathews lässt im Zitat eine Lücke weg, ohne sie anzugeben. Eckige Klammern von ihm.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding oft the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971
7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972
8. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Blogeinträge März-November 2013

31. August 2018

Weiteres von Charles Konia über die Pest „Gesellschatfspolitik“:

Blogeinträge März-November 2013

  • Der Niedergang des Zweiparteiensystems in Amerika
  • Und was die weiblichen Autofahrer in Saudi-Arabien betrifft…
  • Warum wird das Pucken immer beliebter?
  • Das DSM-Diagnosesystem kann nicht funktionieren
  • Beschneidung: Ein Angriff auf das Neugeborene
  • Schizophrenie und Marihuana-Konsum
  • Obama ist kein Führer, er ist ein Politiker
  • Von der „Politikwissenschaft“ zu einer Wissenschaft der Politik
  • Obamas Liebesaffäre mit den iranischen Islamo-Faschisten

ZUKUNFTSKINDER: 7. Das Drogenproblem, f. Der Weg in die Verblödung

30. April 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

7. Das Drogenproblem, f. Der Weg in die Verblödung

ZUKUNFTSKINDER: 7. Das Drogenproblem, d. Drogen und Sexualökonomie

25. April 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

7. Das Drogenproblem, d. Drogen und Sexualökonomie

ZUKUNFTSKINDER: 7. Das Drogenproblem, a. Giftstoffe, ORANUR und DOR

16. April 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

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7. Das Drogenproblem, a. Giftstoffe, ORANUR und DOR