Email [Menschen um Reich] (2003)

1. Ob es nun die „idealistische“ Entwicklung der Ideen oder die „materialistische Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse“ sind: es ist immer eine dialektische, d.h. eine „triadische“ Entwicklung aus Spannung und Einheit, die zwar von der linearen zeitlichen Abfolge aus Ursache und Wirkung praktisch nicht zu separieren ist, aber trotzdem auf eine Essenz des Geschehens verweist, die sich von der bloßen Oberfläche unterscheidet. Man denke beispielsweise an Marx‘ Arbeits- und Mehrwerttheorie.
2. Die erwähnte „Triade“ äußert sich unterschiedlich in Theorie und Praxis.
In der Theorie führen das Einzelne und das Besondere zum Allgemeinen. Beispielsweise ein Champignon verglichen mit einem Pfifferling zum umfassenden Begriff „Pilz“. Mit Hilfe dieser Abstraktionsleistung begreifen wir unsere Umwelt und können planen.
In der Praxis führen das Allgemeine und das Besondere zum Einzelnen. Das sieht man insbesondere bei Marx Begriff der Arbeit: „Arbeit“ liegt ausschließlich dann vor, wenn ein allgemeiner Plan („Gehirn“) buchstäblich „die Hand führt“, was in einem Produkt resultiert.
3. Hier zeichnet sich die orgonometrische Grundgleichung ab:

Die Psyche („Konzept“) ist die Allgemeinheit des Organismus, das Soma („Tätigkeit“) ist die Besonderheit der einzelnen Organe.
4. Der Organismus geht aus der kosmischen Orgonenergie hervor, die die Quelle aller Arbeit ist, das „gemeinsame Funktionsprinzip“. Letztendlich entsteht alles durch Bifurkation („Entzweiung“) und Überlagerung („Vereinigung“):

Es gibt Dinge die jahre-, wenn nicht jahrzehntelang in dir arbeiten. Bei mir ist eine solche Sache der ehemalige Ostblock. Ich habe mich, lange lange vor 1989, schon in der Realschule und später auf dem Wirtschaftsgymnasium gefragt, was eigentlich mit den „realsozialistischen Ländern“ los ist. Sie sind frei vom Druck des Kapitals und können in dieser Hinsicht tun und lassen, was sie wollen. Warum wurden dort beispielsweise Personenwagen genauso hergestellt wie hier? Vielleicht ist diese Frage nicht sonderlich überzeugend, aber die folgende Frage sticht m.E.: Warum fuhren dort die Autos mit Benzin oder Diesel? Von Beginn an, also „seit Nikola Tesla“, wissen wir, wie man sie mit „freier Energie“, „mit Wasser“ und anderen Alternativen fahren lassen kann. All diese Erfindungen wurden vom Monopolkapital und seinem Staatsapparat unterdrückt, nicht zuletzt Reichs Orgonmotor:
Warum hat die Sowjetunion dieses Spiel mitgespielt und beispielsweise die Bewohner der „DDR“ gezwungen mit besseren Mähdreschern „zweitaktik“ durch die Gegend zu fahren?
Es gibt m.E. nur drei Erklärungsmöglichkeiten:
1. In beiden Gesellschaften, d.h. vor unter hinter dem Eisernen Vorhang, verhinderte der Faktor „Emotionelle Pest“ die Entwicklung alternativer Technologien. In meinen Augen ist diese Theorie ein eklatanter Mißbrauch orgonomischen Gedankenguts. Fehlt eine vernünftig Erklärung muß eine vage, offenbar frei in der Luft schwebende „Emotionelle Pest“ als vermeintliche Erklärung herhalten. Tesla und andere wurden Opfer ganz handfester ökonomischer Interessen. Sie wurden nicht Opfer einer grassierenden pogromartigen Grundstimmung im Volk, sondern schlichtweg von Wirtschaftskriminalität und Staatsterror. Das ist zwar ebenfalls Ausdruck der Emotionellen Pest, aber das ganze hat eine Struktur und Logik, die von der obigen Aussage nicht im Entferntesten erfaßt wird. Nicht von ungefähr hat Reich mehrere dicke Bände mit Material über die Verschwörung der Pharmaindustrie gegen ihn gefüllt!
2. Das mit der „freien Energie“ ist alles Unsinn und nichts weiter als eine urbane Legend. Ich möchte das mit dem Hinweis auf etwas ganz anderes in Zweifel ziehen:
Sie unterdrücken alles, was dem „chemischen Modju“ im Wege steht, um Reichs Begriff zu benutzen. In DIESEM Zusammenhang verweise ich zurück auf Punkt 1! Ja, die Emotionelle Pest verhindert die Entwicklung alternativer Technologien.
3. Der Kalte Krieg war eine Illusion, d.h. „Rockefeller“ und „Moskau“ waren sozusagen die „Einheitsfront der Emotionellen Pest“. Genau dieser Auffassung war Reich am Ende seines Lebens.
Schmitz bietet eine grundsätzliche Kritik an Laska, die sich gewaschen hat:
Ihr Standpunkt ist mir durch unseren Briefwechsel nicht weniger rätselhalft geworden, als er es anfangs war, weil (mir) augenscheinliche Widersprüche darin, obwohl ich Sie oft genug darauf hingewiesen habe, unerledigt liegengeblieben sind. Vor allem geht es dabei um den mir höchst verdächtigen Begriff eines rationalen Überichs. Erst wollen Sie das Überich als das Heilige mit Stirner abschaffen und dann doch wieder installieren, unter dem Vorgeben, nun sei es rational. (…) Das ist jetzt nicht unser Thema, aber ich benütze es zum Hinweis auf eine in Ihren Briefen und Publikationen häufig wiederkehrende Geste: Sie verweigern klare und präzise Angaben mit dem Vorbehalt, indirekt und andeutend sprechen zu wollen, z.B. Ihre Ansicht der wegweisenden Bedeutung Stirners nicht klar darzustellen und zu belegen, sondern durch Aufdeckung einer vermeintlichen „Dezeptionsgeschichte Stirners“ (die aber, besonders bei Nietzsche, mit Fiktionen arbeitet) nur durchschimmern zu lassen. Dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie mißverstanden werden. (S. 319f)
Gegen Laskas LSR-Gedanken, also eine radikalisierte Aufklärung, setzt Schmitz die Rehabilitation von einpflanzenden Verhältnissen („implantierenden Situationen“), also letztendlich den orgonotischen Kontakt. Das erinnert etwas an Reichs Entwicklung von „Eltern als Erzieher“ von 1926 (ein Aufsatz, auf den Laska immer wieder rekurriert), wo sich alles um den Erziehungszwang der Eltern und eine gewisse kritische Distanz zwischen Eltern und Kindern dreht, – bis Reich zwei Jahrzehnte später, in seinem Buch Der Krebs von 1948, einsehen mußte, daß all die Aufklärung und Emanzipation rein gar nichts bringt, wenn es am liebenden und nährenden orgonotischen Kontakt zwischen Säugling bzw. Kleinkind und der Mutter mangelt. Das kann man auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausweiten, weshalb auch jeder ernstzunehmende Student der Orgonomie seit ungefähr 1948 eher konservativ eingestellt ist.
In einem seiner Antwortschreiben schlägt Laska gegen Schmitz mit noch größerer Härte zurück:
Sie schreiben (…), Sie sähen, wie [Ludwig, PN] Klages, die „gewaltige Gefahr“, die Stirner der Menschheit „anbietet“, seien aber [aber?!, BAL] bereit, ohne schockiert zu sein offen darüber zu sprechen, dies, weil (?) Sie selbst ein Gedankengebäude errichtet hätten, das „nicht weniger umfangreich“ sei als das Klages‘sche; Sie fügen hinzu, daß Sie Ihr Gedankengebäude nicht errichtet hätten, um Stirner zu verdrängen – und scheinen damit bekräftigen zu wollen, daß es eben eine „fixe Idee“ sei, solche Stirner-Verdrängung bei Klages und vielen anderen großen Denkern zu unterstellen. Zugleich lese ich aber aus Ihren Zeilen, aus jenem „aber“, daß Sie es sehr wohl für möglich halten, daß all diese Köpfe ersten Ranges, Marx, Nietzsche, Klages u.v.a., von Stirner so „schockiert“ waren, daß Sie nicht „offen“ gegen ihn antreten wollten, und zwar, weil sie eben nicht in der Lage waren, jenes Gedankengebäude zu errichten, dank dessen Sie sich stark genug fühlen, eben das zu tun. Sie seien also der erste Philosoph, der sich nicht mehr genötigt sieht, Stirner zu verdrängen – im Gegenteil: Sie würdigen Stirner ja ausdrücklich wegen seiner konsequenten Ehrlichkeit und seines Ernstes. (S. 328f)
Auf denkbar geschickte, bravouröse Weise entlarvt hier Laska als jemanden, der vor dem Wesentlichen ausweicht. Wie all die anderen, nur in letzter Konsequenz, hat Schmitz sein Leben damit verbracht, durch ein alle Dimensionen sprengendes Werk (gleich mehrere Bücher pro Jahr!) LSR zu verdrängen: Aufklärung und Emanzipation.
Dieses Buch dokumentiert ein denkbar tiefgründiges Ringen, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann!
