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Verschwörungstheorien (Teil 3)

23. September 2022

Seit den Anfängen der sozialen Orgonomie 1928 gab es stereotyp immer wieder den gleichen Einwand: Reich räume den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht den gebührenden Raum ein. In früheren Zeiten ging es dabei meist um Versatzstücke des Historischen Materialismus, was letztendlich stets auf böse Machenschaften der Kapitalisten hinauslief. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Diskurs zunehmend „verpoppt“ bzw. amerikanisiert und es geht ganz direkt um Verschwörungen, etwa die der „Bilderberger“, ohne Rückgriff auf anspruchsvolle politökonomische Analysen. Die werden durch unterhaltsame Kriminalgeschichten ersetzt.

Die Antwort der Orgonomie auf diese Kritik ist denkbar brutal: hier kommt ein imgrunde psychotischer Mechanismus zum tragen, der in der autoritären Gesellschaft noch ausgiebig rationalisiert war und sich sogar den Anstrich der Wissenschaft gab, heute, in der antiautoritären Gesellschaft, jedoch nackt zutage tritt. Die durch die eigene Panzerung, die tatsächlich externe Ursachen hat, verfremdeten (!) und verzerrten Wahrnehmungen und Impulse, also ein innerliches Geschehen, wird nach außen projiziert und externen Ursachen zugeschrieben. So kommt es zu den überhandnehmenden Verschwörungstheorien.

Genauso, wie die rege Phantasietätigkeit und generelle Hyperaktivität des Paranoiden darauf abzielt, der schizophrenen biophysischen Schrumpfung entgegenzuarbeiten, an deren Ende der „ausgebrannte“ Schizophrene steht, versuchen die Menschen in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls mit Hilfe florider Phantasietätigkeit der „biosozialen Schrumpfung“ entgegenzutreten. Und genauso, wie es beim Schizophrenen, der typischerweise seinen Psychiater mit langatmigen Exposés und „Dokumentationen“ zumüllt, in denen sein Wahn bis ins kleinste Detail „belegt“ wird (beispielsweise kann der Tagesschausprecher „aus logischer Sicht“ nur ihn ganz persönlich gemeint haben!), ausschließlich um die Projektion innerer Vorgänge geht, handelt es sich auch bei der einstigen „Marxistischen Gesellschaftsanalyse“ und den heutigen Verschwörungstheorien um ein ausschließlich psychopathologisches Phänomen, egal wieviel „Evidenz“ auch immer beigefügt wird. (Das heißt nicht, daß Marxisten und Verschwörungstheoretiker „kränker“ als du und ich sind: es ist ihre Art, mit den Problemen umzugehen, die wir alle habe.)

Was projiziert wird, ist natürlich nichts anderes als die Ursprungsgeschichte der Panzerung in der autoritären Familie: „das Kapital“, „die Juden“, „die Bilderberger“, etc. sind Masken des Ödipuskomplexes. Dadurch gewinnen die Verschwörungstheorien auch ihre Überzeugungskraft: die Panzerung hat, wie bereits erwähnt, externe Ursachen. Die lassen sich aber nicht beseitigen, indem man den durch die Panzerung hervorgerufenen Wahrnehmungsverzerrungen folgt und diese auch noch rationalisiert. Wie dann?

An den gesellschaftlichen Zuständen wird sich erst dann etwas ändern, wenn die Panzerung verschwindet, was voraussetzt, daß die Massen von der Existenz der Panzerung erfahren und gewahr werden, daß diese für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich ist. Erst danach macht es Sinne von „Verschwörungen“ zu reden.

Panzerungverschwoerung

Der linke Reich: Die Schwarzen haben Amerika aufgebaut, die Türken Deutschland wiederaufgebaut und den Arbeitern sollte das gehören, was sie produziert haben

13. November 2021

Reich ging es stets, wie eine Kapitelüberschrift in Was ist Klassenbewußtsein? lautet, um die „Inbesitznahme des eigenen Besitzes“. In Amerika fragte er sich, warum die Arbeiter nicht selbst die Herrschaft über die Produktionsmittel übernehmen, was über das Aktienrecht durchaus möglich gewesen wäre. Er schrieb das ihrer „Freiheitsunfähigkeit“ zu, ihrer biophysischen Panzerung, die sie zum „Sitzen“ zwingt. Zwanzig Jahre zuvor hatte er dies noch ihrem mangelnden „Bewußtsein“ zugeschrieben, also einer weit einfacher zu handhabenden Störung. Davon abgesehen hat er seine Meinung aber nie grundlegend geändert. So schrieb er 1934:

Es ist klar, daß es keine Führung je geben kann, die alles überblicken und dirigieren könnte, was das gesellschaftliche Leben an zu bewältigenden Problemen und Aufgaben hervorbringt. Das bringt nur die bürgerliche Diktatur zustande, weil sie die Bedürfnisse der Massen nicht in Rechnung stellt, weil sie gerade auf der scheinbaren Bedürfnislosigkeit der Masse und auf deren politischer Stumpfheit ruht. Im heutigen kapitalistischen System ist die Arbeit längst vergesellschaftet, nur die Aneignung der Produkte ist eine private des Unternehmers.
Die soziale Revolution will etwa die Großbetriebe sozialisieren, das heißt, sie der Selbstverwaltung der Arbeiter dieser Betriebe übergeben. Wir wissen wie schwer die Sowjetunion im Anfang und auch heute mit dieser Selbstverwaltung zu ringen hat. Die revolutionäre Arbeit in den Betrieben kann nur erfolgreich sein, wenn sie das Interesse des Arbeiters für den Betrieb weckt, als sachliches Interesse an der Produktion, und an diesem Interesse ansetzt. Der Arbeiter hat aber kein Interesse am Betrieb als solchem, schon gar nicht am Betrieb in seiner heutigen Form. Ihn revolutionäres Interesse am Betrieb schon heute zu gewinnen, muß er diesen sich schon jetzt im Kapitalismus als ihm selbst gehörig zunächst vorstellen. In den Belegschaften muß das Bewußtsein geweckt werden, daß der Betrieb und seine Führung auf Grund ihrer Arbeit ihnen und nur ihnen zusteht; daß dieses Recht, das derzeit der Kapitalist für sich in Anspruch nimmt, mit vielen Pflichten verbunden ist, daß man über Betriebslenkung, Betriebsorganisation etc. Bescheid wissen muß, wenn man sein eigentlicher Herr ist. Es muß klar in der Propaganda zum Ausdruck kommen, daß der eigentliche Herr des Betriebes nicht der gegenwärtige Besitzer des Kapitals und der Produktionsmittel, sondern die Arbeiterschaft ist. Es ist massenpsychologisch ein großer Unterschied, ob wir sagen: „Wir enteignen den Großkapitalisten“, oder ob wir sagen: „Wir nehmen unser Eigentum in unseren rechtmäßigen Besitz“. Im ersten Falle reagiert der durchschnittliche unpolitische oder politisch verbildete Industriearbeiter auf die Enteignungsparole mit einem Schuldgefühl und einer Hemmung, als ob er sich fremden Besitz aneignete. Im zweiten Falle wird er sich seiner, auf Grund seiner Arbeit, gesetzmäßigen Eigentümerschaft bewußt, und die bürgerliche Ideologie von der „Unantastbarkeit des Privateigentums“ an den Produktionsmitteln verliert ihre Gewalt über die Massen. Denn nicht, daß die herrschende Klasse eine derartige Ideologie verbreitet und verteidigt, ist das Problem, sondern daß und weshalb die Masse davon ergriffen wird und sie bejaht.
Sollte es eine revolutionäre Organisation nicht Zustandebringen, der Belegschaft der Betriebe beizubringen, daß sie die rechtmäßige Herrin ist und sich schon jetzt um ihre Aufgaben zu kümmern hat? So wie sich die kleinbürgerlichen Kaufmannsfrauen und die Arbeiterinnen in den Sex-Pol-Gruppen darüber eingehend klar zu werden versuchten, wie man eigentlich die Erziehung der Kinder am besten gestalten, die Hausarbeit am praktischsten einrichten könnte, ob es nicht vorteilhafter sei, in einem Wohnblock eine kollektive Küche einzurichten, so können, werden und müssen die Belegschaften schon jetzt die Vorbereitung für die Übernahme der Betriebe treffen. Sie müssen ganz aus Eignem überlegen, sich schulen, verstehen, was alles notwendig ist und wie es am besten einzurichten wäre. (…) Der realen Übernahme der Macht in den Betrieben durch die Belegschaften muß die ideelle Übernahme der Macht durch konkrete Vorbereitung vorangehen. (…) Dies und nur dies heißt „Weckung des Klassenbewußtseins“. Die revolutionäre Parteiführung hat keine andere Aufgabe und kann keine andere haben, als diesen Vorstufen der revolutionären sozialen Demokratie nach der Machtergreifung zur restlosen Klarheit zu verhelfen, die Vorbereitungen zu lenken, mit dem größeren Wissen nachzuhelfen. Derart in die konkrete Arbeit einbezogen, wird jeder Arbeiter sich als eigentlicher Herr des Betriebs fühlen und den Unternehmer nicht mehr als Lohngeber, sondern als Ausbeuter seiner Arbeitskraft empfinden. (…) Er wird kämpfen für eigene Interessen, mehr, er wird lendenlahmen Führungen den Streik aufzwingen und sie beseitigen, wenn sie versagen. Die revolutionäre Propaganda war im wesentlichen nur eine negative Kritik; sie muß es lernen, außerdem aufbauend, vorbereitend, positiv zu sein. (Was ist Klassenbewußtsein? S. 63f)

Es ist offensichtlich, daß bereits angesichts dieser Aussagen Reichs der später im Rahmen des Konzepts „Arbeitsdemokratie“ geprägter Begriff „Fachbewußtsein“ weitaus passender ist, als der Begriff „Klassenbewußtsein“. Was sich bei Reich vollends grundlegend geändert hatte, ist die Stellung zum „Klassenkampf“.

Die Linke heute, Faschisten der allerübelsten Sorte, versuchen ständig das Ressentiment „der Unterdrückten“ zu wecken, etwa indem sie behaupten, Amerika wären von den Schwarzen und Deutschland von den Türken aufgebaut worden. Bereits Mitte der 1940er Jahre hielt Reich diesem Propagandatopos entgegen:

Nichts bist du, kleiner Mann, gar nichts! Nicht du hast diese Zivilisation erbaut, sondern einige wenige deiner anständigen Herren. Du weißt ja gar nicht, was du baust, wenn du am Baugerüst stehst. Und wenn ich oder sonstwer dir sagte: „Nimm Verantwortung für den Bau“, schimpfst du mich „Verräter am Proletariat“ und rennst hinter dem Vater aller Proletarier her, der solches nicht sagt. (Rede an den kleinen Mann, S. 85)

Reich hat nichts, rein gar nichts mit den „Klassenkämpfern“ seiner Zeit, den damaligen „Befreiern des Proletariats“ zu tun, da das ganze auf Lüge und kitschiger, moralistischer Propaganda beruhte.

Anfang der 1930er Jahre beurteilte Reich das politische Geschehen nach der Fragestellung, ob der jeweilige Vorgang in „Richtung der reaktionären oder der revolutionären Entwicklung“ weist und was dabei „in den verschiedenen Schichten der Masse (vorgeht)“:

Was in ihr ist für und was ist gegen uns? Wie erlebt die breite unpolitische oder verbildete Masse die politischen Ereignisse? Wie erlebt und empfindet die Masse die revolutionäre Bewegung?
Jedes Ereignis ist widerspruchsvoll, enthält Elemente für und gegen die Revolution; Voraussehen ist nur möglich: a) durch Erfassung der Widersprüche, b) durch Aufstellung der möglichen Varianten der Entwicklung, (z.B. reaktionäre und revolutionäre Elemente im Faschismus).
Der gesellschaftliche Prozeß enthält gleichzeitig vorwärtsdrängende und zurückhaltende oder rückwärtsdrängende Kräfte; revolutionäre Arbeit ist das Erfassen beider und das Vorwärtstreiben der revolutionären Tendenzen (z.B. Hitlerjugend: sexuelle Freiheit ist vorwärts, Autoritätsgläubigkeit rückwärtsdrängende Kraft). (Was ist Klassenbewußtsein? S. 66)

Es ist offensichtlich, daß diese Fragen weitaus besser und fruchtbringender in einem vollständig anderen Bezugsrahmen als der Marxistischen „Klassenanalyse“ beantwortet werden können, nämlich in dem Dreischichten-Modell der menschlichen Charakterstruktur, wie Reich es ein Jahrzehnt nach Was ist Klassenbewußtsein? in der Neufassung von Die Massenpsychologie des Faschismus vorstellen sollte.

David Holbrook, M.D.: „ES IST DER GEDANKE, DER ZÄHLT“: DER FEHLER DES ÖKONOMISCHEN DENKENS, DAS DIE „TRICKLE-DOWN-WIRTSCHAFT“ KRITISIERT UND SICH ZUR FÖRDERUNG „ÖKONOMISCHER GLEICHHEIT“ BEKENNT / PSEUDO-LIBERALE PROJEKTION / EHEMALIGE LIBERALE SIND DIE BESTEN KONSERVATIVEN: EIN ABRIß MEINER REISE VON DER LINKEN ZUM KONSERVATISMUS / MEINE ANTWORT AN EINEN PSEUDOLIBERALEN, DER MICH ALS „GRUSELIGEN RASSISTEN“ BEZEICHNETE

6. August 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

„Es ist der Gedanke, der zählt“: der Fehler des ökonomischen Denkens, das die „Trickle-Down-Wirtschaft“ kritisiert und sich zur Förderung „ökonomischer Gleichheit“ bekennt

 

Pseudo-liberale Projektion

 

Ehemalige Liberale sind die besten Konservativen: ein Abriß meiner Reise von der Linken zum Konservatismus

 

Meine Antwort an einen Pseudoliberalen, der mich als „gruseligen Rassisten“ bezeichnete

 

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 19

7. Juni 2019

orgonometrieteil12

19. Die orgonomische Bio-Ökonomie

Der biologische Rechenfehler in der Marxschen Mehrwertlehre (Teil 1)

1. Februar 2016

Franz Steinkühler, damals noch Vorsitzender der IG-Metall, sagte am 1. Mai 1989, also dem Jahr, in dem der Kommunismus unterging:

Der Grundkonflikt in dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung läuft nicht zwischen Deutschen und Ausländern, sondern zwischen Kapital und Arbeit.

Dazu meint Roland Baader, ein Schüler von F.A. von Hayek und selbst Unternehmer:

Man muß sich die Infamie, die heuchlerische Demagogie und die haßschürende, staats- und gemeinschaftszersetzende Kaltschnäuzigkeit, die hinter solcher Verbaldiarrhöe steckt, nicht auf der Zunge, sondern im Kopf zergehen lassen, um die ganze Pestilenz ihrer zerstörerischen Wirkung zu erkennen. Im Klartext heißt der Satz: Statt die Ausländer zu hassen und zu verachten, haßt lieber die Kapitalisten. (Kreide für den Wolf, Böblingen 1991, S. 249f)

Dieser Klassenwahn unterscheidet sich in nichts vom Rassenwahn der Nazis.

Im Zusammenhang einer Auseinandersetzung mit „anti-faschistischen“ und feministischen Gewaltphantasien schreibt der Publizist Klaus Rainer Röhl:

Insgesamt galt den orthodoxen wie den neo-utopistischen Lehren der Kapitalismus als das Alte, Absterbende, das manchmal auch das „Verfaulende“ genannt wurde. Man beachte den im Grunde darwinistischen, rassistischen Sprachgebrauch! Eine Welt, die negativ zu bewerten ist und bekämpft werden muß, auch mit Gewalt. Dagegen stand (und steht) das Neue, die Arbeiterbewegung und ihre Vordenker, die von einer besseren Welt, einem neuen Menschen träumen (Auch hier haben wir wieder die biologisch gesündere, Schöne Neue Welt!). (Röhl: Linke Lebenslügen, Frankfurt 1994, S. 168f)

Und schließlich Reich selbst: er erinnert an die Ritualmordlegenden und an das Bild des Juden, der kleine Jungen beschneidet.

Solche Dinge tut nur ein Wesen, das selbst alle Lust, speziell Sexuallust für sich rauben will. Der Jude nimmt also dem Arier die Mädchen weg, nachdem er die Männer kastriert hat. Der Jude nimmt immer etwas weg. Da er zudem das Unglück hat, durch frühere Judenverfolgungen dem Handel zu frönen, raubt er Geld. Nur ein Schritt noch, und er ist der Inbegriff des „Kapitalisten“ geworden. So kann sich unter geschicktester Ausnützung der Sexualangst vor dem Schächtjuden der gesamte Gefühlshaß der Massenmenschen gegen den Geldwucherer, mit anderen Worten, den „Kapitalisten“, auf den Juden verlagern. Der Jude zieht somit sowohl den sozialistischen Kapitalistenhaß wie die erworbene Sexualangst auf sich. (Menschen im Staat, S. 178)

Reich hat stets großen Wert darauf gelegt, daß Marx selbst nie mit diesem Haß gegen Kapitalisten gespielt habe. Ihm war das so wichtig, daß er seinem Aufsatz über „Die lebendige Produktivkraft (Arbeitskraft) bei Karl Marx“ ein entsprechendes Marx-Zitat voranstellt (Menschen im Staat, S. 61). „Roter Faschismus“ war für Reich geradezu dadurch definiert, daß die Emotionelle Pest, also irrationale Politiker, Marx‘ wissenschaftliche Werttheorie im Nachhinein mit einem Ressentiment gegen die Kapitalistenklasse verknüpft habe (ebd., S. 62).

Reich verdrängt dabei, daß Marx selbst in erster Linie Politiker war und von ganz persönlichen „antikapitalistischen“ Ressentiments getrieben wurde. Ein Zeitzeuge erinnerte sich „des schneidend höhnischen, ich möchte sagen, des ausspuckenden Tones“, wenn Marx das Wort „Bourgeois“ aussprach (Carl Schurz: Lebenserinnerungen, Bd. 1, Berlin 1906, S. 144). Reich war sich nicht bewußt, daß es von Anfang an um die Ausrottung der Kapitalistenklasse ging. Der Klassenwahn der Marxisten war faktisch identisch mit dem Rassenwahn der Nazis. Zum Beispiel hat Ulrike Meinhoff in einem Interview gesagt, daß hinter Auschwitz ein wahres, von den Nazis ausgebeutetes antikapitalistisches Gefühl gesteckt habe, bei dem die Juden stellvertretend für die Kapitalisten vernichtet wurden.

Und selbst wenn man Marx als Wissenschaftler, d.h. das Problem „Mehrwert“, ernst nimmt: Der Biologe und Wirtschaftstheoretiker Hans Hass bringt im dritten Band seiner Naturphilosophischen Schriften einen sehr interessanten Gedanken zum Thema vor: Marx habe, schreibt Hass, „die funktionelle Bedeutung des Unternehmers und jene des Konkurrenzkampfes als Gratisinstrument zur Hochhaltung der Leistungen“ übersehen. Darunter würden die kommunistischen Staaten noch heute leiden (Hass formulierte das in den 1960er Jahren) und indem sie

die Bindung von Betriebsmitteln an Einzelpersonen nicht gestatten, verhindern sie gewaltsam die Bildung von Energonen. (…) Ausgerechnet der menschliche Impuls zur individuellen Energonbildung – auf der die zweite Stufe der Evolution beruht – wird so weitgehend zum öffentlichen Feind gemacht.

Hass führt weiter aus, Marx habe Mißstände gesehen und geglaubt,

daß zu deren Behebung die Austilgung einer ganzen Sparte von Funktionsträgern notwendig sei: die Austilgung der Unternehmer. Die große funktionelle Wichtigkeit dieser organisations- und risikofreudigen Menschen übersah er. Die Vorstellung eines vom Arbeiter geschaffenen „Mehrwerts“, der ungerechterweise in die Taschen von Unternehmern falle, blendete ihn derart, daß er den komplementären „Mehrwert“, den der Unternehmer schafft, übersah. Gerade dieser ist aber von nicht geringerer Wichtigkeit – und zwar nicht nur für den einzelnen Betrieb, sondern darüber hinaus als Impuls für die gesamte Wirtschaft eines Volkes.

Wenn Marx durch seinen Kapitalistenhaß nicht dermaßen geblendet gewesen wäre, hätte er selbst die funktionelle Rolle des Unternehmers aus seinen eigenen Formulierungen ableiten müssen. Im Kapital unterscheidet Marx nämlich die Arbeit des Tieres, z.B. den Wachszellenbau der Bienen, von der des Menschen dadurch, daß der menschliche Baumeister schon

die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideel vorhanden war.

In der Manufaktur nun geht diese „Idee“ des Handwerkers auf, löst sich von ihm. Marx weiter:

Die geistigen Potenzen der Produktion erweitern ihren Maßstab auf der einen Seite, weil sie auf vielen Seiten verschwinden. Was die Teilarbeiter verlieren, konzentriert sich ihnen gegenüber im Kapital.

Dieser „Scheidungsprozeß“ zwischen „geistiger Potenz“ und Arbeit

vollendet sich in der großen Industrie, welche die Wissenschaft als selbständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals preßt.

Dazu zitiert Marx den sozialistischen Ökonomen William Thompson (1785-1833):

Der Mann des Wissens und der produktive Arbeiter sind weit voneinander getrennt, und die Wissenschaft, statt in der Hand des Arbeiters seine eigenen Produktivkräfte für ihn selbst zu vermehren, hat sich fast überall ihm gegenübergestellt (…) Kenntnis wird ein Instrument, fähig von der Arbeit getrennt und ihr entgegengesetzt zu werden.

Kapital ist also im Kern nichts anderes als Know How.

Zur gleichen Zeit taucht bei den „romantischen“ Nationalökonomen wie Adam Müller (1779-1828) aber auch bei Friedrich List (1789-1846) der Begriff des „geistigen Kapitals“ auf. „Damit wird das Ergebnis der Erziehung, die schöpferische Kraft, die Fachkenntnis u.dgl. eines Menschen oder eines ganzen Volkes bezeichnet“ (Weber: Kompendium der Volkswirtschaftslehre, Düsseldorf 1969). In neuerer Zeit hat H. Gross den Begriff Das Geist-Kapital (Düsseldorf 1970) geprägt:

Geisteskapital ist das zielsetzende, systembildende und unternehmerische Element, das intellektuelle Kräfte aktiviert und das Wollen durch Können realisiert. Wollen ist Voraussetzung für neue Problemlösungen oder der „Strategie im Reich der Wünsche“; Wollen formt Unternehmen und Institutionen zu Systemen, die zielgerichtet und flexibel Intelligenz, Arbeit, Boden und Kapital einsetzen (…) Das Unternehmerische ist durch das Geistkapital charakterisiert, das Wissen verarbeitet und den Mut zum Risiko des Wollens einschließt.

Reichs „alle Klassen übergreifende natürliche Arbeitsdemokratie“ schließt natürlich mit dem Unternehmer auch den angeblichen „Ausbeuter“ mit ein. Das „Geistkapital“ ist das eigentliche, wesentliche, das zielsetzende und strategische Element des Unternehmertums. Der orgonomische „Organisations-Therapeut“ Martin Goldberg stellt dar, daß der „unternehmerischen Vision“ eine fundamentale bioenergetische Funktion ist, die beim Individuum dem Gehirn entspricht.

In der Wirtschaft repräsentiert der Unternehmer das, was unser Gehirn und unsere Konzepte in unserem Körper sind. Hass, der noch größtenteils dem traditionellen Kapital-Begriff verhaftet bleibt, schreibt hierzu:

Das eigentliche und wirkliche (!) menschliche „Kapital“ besteht im Gesamtbesitz an Verhaltensrezepten zum Aufbau von Funktionsträgern und deren Verwendung.

Der Mensch hätte sich die Welt „nicht so sehr durch Handlungen erobert (…), sondern durch das ‘Spiel’ seiner Gedanken und Vorstellungen.“

Die Phantasie sei deshalb vielleicht die wichtigste der menschlichen Besonderheiten. Weiter zitiert Hass die Arbeit des Wirtschaftwissenschaftlers J.K. Galbraith, wonach im Laufe der Geschichte zuerst Grundbesitz, danach „Kapitalbesitz“ und seit neustem Spezialwissen die Quellen ökonomischer Macht gewesen seien (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3). Meines Erachtens hat dabei Galbraith übersehen, daß schon immer Know How zum Erwerb, zur Erhaltung und zur Anwendung „materieller Machtfaktoren“ notwendig war. Wie Francis Bacon an der Wende vom Feudalismus zum Frühkapitalismus, also zur „Zeit des Großgrundbesitzes“, sagte: „Wissen ist Macht.“

Reichs eigene Haltung zum „Mehrwert“, den der Unternehmer erwirtschaftet, läßt sich aus seinem Artikel über die Orgonometrie erschließen, wo er sagt, daß

die Qualitäten der Funktionen Priorität vor der Quantität der Funktionen haben. Dies steht sogar in Übereinstimmung mit der praktischen Ingenieurstätigkeit. Bevor irgendwelche Messungen für das zukünftige Bauwerk unternommen werden können, muß seine Gestalt und Anlage bestimmt werden. Wir können nicht damit anfangen ein Haus zu bauen, indem wir die Ausmaße einer Wand messen. Zuerst muß die allgemeine Grundidee über die Eigenschaften vorhanden sein. („Orgonometric Equations: 1. General Form“ Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, 1950)

Und eben dies ist die funktionelle Aufgabe des Unternehmers.

Siehe dazu auch Reichs Ausführungen in der Massenpsychologie des Faschismus (Fischer TB, S. 339f) über die „lebensnotwendige Arbeit der Kapitalisten“. Er nennt als Beispiele für den „selbst arbeitenden, planenden und produzierenden Unternehmer“ Henry Ford, Thomas Edison, die Gebrüder Wright, Junkers, Reichert und Zeiss.

„Freudo-Marxismus“ (Teil 2)

13. Januar 2015

Wenn Marx Leute wie Stirner oder Proudhon zu seinen „kleinbürgerlichen“ Hauptfeinden erklärte, erklärte er damit „funktionell gesehen“ auch Reich zu seinem Hauptfeind. Mit Stirner habe ich mich bereits befaßt.

Stirner hatte bei der Kritik der idealistischen Philosophie, insbesondere Hegel, angesetzt: Es gehe nicht abstrakt um „den Menschen“, sondern jeweils um mich. Ich sei kein Abstraktum, sondern die unmittelbare, nicht weiter reduzierbare Realität, die sich nicht von inkorporierten Hirngespinsten (Freuds „Über-Ich“) definieren und unterdrücken lassen sollte. Würden solche sozusagen „realistischen“ Individuen in Freiwilligen Vereinen zusammenfinden, würde die Welt von der Realität und nicht mehr vom Irrsinn bestimmt (Reichs „Arbeitsdemokratie“).

Marx hatte auf diese, um mit Reich zu reden, „umwälzende Kritik sämtlicher moraltheoretischer Systeme“ keine Antwort. Ähnlich wie Freud, der die Konsequenz seiner eigenen Theorie damit abwehrte, daß er das Über-Ich kurzschlußartig in der Biologie verankerte, benutzte auch Marx einen üblen Taschenspielertrick: Er behauptet, daß Stirner ein Idealist sei, da er nicht den „wirklich tätigen Menschen“ im Blick habe, der in bestimmte Produktionsverhältnisse eingebunden sei. Das Sein bestimme das Bewußtsein! Reich mußte sich mit diesem kurzschlußartigen Soziologismus in der Massenpsychologie des Faschismus abquälen.

Die Antwort sowohl auf Freud als auch auf Marx ist Reichs Konzept des „Charakters“, mit dem er zeigt, wie konkret das Über-Ich in der Biologie verankert ist und daß diese Verankerung auf ganz bestimmten soziologischen Mechanismen beruht. (Elsworth F. Baker und Charles Konia haben das dann später weiter ausgerollt.)

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Proudhon trat gegen den ökonomistischen Marxismus auf. Proudhon vertrat eine Art von „Sozialpsychologie“, Selbstbestimmung, Antipolitik und die Arbeitsdemokratie. Proudhon:

Indem die Tätigkeitssphäre jedes Bürgers durch die natürliche Teilung der Arbeit und durch die Wahl des Berufes bestimmt ist, indem die sozialen Funktionen in einer solchen Verbindung zueinander stehen, daß sie eine harmonische Wirkung hervorbringen, entsteht die Ordnung aus der freien Tätigkeit aller; es gibt keine Regierung.

Dagegen ist „Zentralisation“ einer der wichtigsten Begriffe im Kommunistischen Manifest, wo von der Zentralisation der „vielen Lokalkämpfe zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf“ die Rede ist, gefolgt von der Zentralisation der Instrumente der Produktion.

Bereits 1846 warnte Proudhon „den Bandwurm des Sozialismus“, d.h. Marx, sich nicht zum „Führer einer neuen Intoleranz“, zum „Apostel einer neuen Religion“ zu machen, der mit „Exkommunikationen“ und „Bannflüchen“ operiere.

Reich hat Marx vollständig fehlbeurteilt, z.B. in Rede an den Kleinen Mann erwähnt Reich Marx 5 mal, dabei 3 mal in Verbindung mit Jesus (der von Reich 7 mal erwähnt wird). Reich nennt Marx „einen wahrhaft großen Mann“ (S. 19), jemand der, im Gegensatz zum Kleinen Mann, „den Preis für echte Freiheit zahlt“ (S. 22). In Christusmord versteigt sich Reich gar zu dem Satz:

In die heutige Zeit übertragen ist Stalin im Verhältnis zu Marx das, was Paulus in bezug auf Christus war.

In Menschen im Staat weist er darauf hin, daß die Emotionelle Pest von den Parteipolitikern in den Marxismus getragen wurde, indem sie die ökonomischen Begriffe wie „Kapitalist“ oder „Mehrwert“ mit Haßgefühlen besetzten, um so „die Massen“ emotional aufzustacheln.

Dazu eine Erinnerung des Zeitzeugen Carl Schurz an Marx:

Ich erinnere mich noch wohl des schneidend höhnischen, ich möchte sagen, des ausspuckenden Tones, mit welcher er das Wort „Bourgeois“ aussprach; und als „Bourgeois“, das heißt, als ein unverkennbares Beispiel einer tiefen geistlichen und sittlichen Versumpfung, denunzierte er jeden, der seinen Meinungen zu wiedersprechen wagte.

Proudhon hatte bereits die Gegenwahrheit zum Freiheitsstreben des Menschen erkannt, – daß

jeder in der Menschheit zu verwirklichende Fortschritt (…) zum Hauptgegner in der Philosophie diejenigen [hat], deren Aufklärung er zum Zweck [hat]; in der Freiheit diejenigen, deren Emanzipation er zum Gegenstand hat; in der sozialen Ökonomie diejenigen, die er zu bereichern sich vornimmt.

Proudhon hat sogar dieselbe Lösung der Problems wie Reich gefunden: die Praxis verantwortlicher Freiheit, „d.h. die Schaffung von möglichst vielen und gegenseitigen Beziehungen (Mutualismus)“ (P.J. Proudhon: Bekenntnisse eines Revolutionärs, rororo 1969).

Ja, aber war nicht Proudhon ein schlimmer Antisemit? Diese Art von Fragen stellen Marxisten stets, wenn es darum geht, andere Propheten der sozialistischen Bewegung abzuwerten. Aber schauen wir uns doch einmal Marx selbst an:

Dazu ein Zitat aus Marxens Schrift Zur Judenfrage, die er im Herbst 1843 schrieb:

Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. (…) Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum [= Kapitalismus] wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit.

Daß Marx dies genau so meinte, wie es hier steht, wird aus einem 13 Jahre später veröffentlichten Artikel deutlich, den er für The New York Tribune schrieb, damals die größte Zeitung der Welt. Marx:

Wir wissen, daß hinter jedem Tyrannen ein Jude steht, wie hinter jedem Papst ein Jesuit. Wie das Heer der Jesuiten jeden freien Gedanken tötet, würde der Wunsch der Unterdrückten Erfolgsaussichten haben; die Nützlichkeit von Kriegen, angestiftet von Kapitalisten, würde enden, wenn sie nicht für die Juden sein würden, welche die Reichtümer der Menschheit stehlen. Kein Wunder, daß vor 1856 Jahren Jesus die Wucherer aus dem Tempel Jerusalems gejagt hat. Sie waren die zeitgenössischen Wucherer, die hinter Tyrannen und Tyranneien stehen. Die Mehrheit von ihnen ist jüdisch. Die Tatsache, daß die Juden so stark geworden sind, das Leben der Welt in Gefahr zu bringen, veranlaßt uns, ihre Organisation und ihr Ziel zu enthüllen, damit ihr Gestank die Arbeiter der Welt zu Kampf aufrütteln möge, um solch ein Übel auszulöschen.

Man lese dazu Reichs Ausführungen über Julius Streicher und die Verbindung zwischen Antisemitismus (heute Marxistischer „Antizionismus“) und Antikapitalismus in Menschen im Staat:

Der Jude wird im allgemeinen, besonders unter dem Druck so konsequenter Propaganda wie der des Banditen Streicher, als „Schächtjude“ erlebt, also als ein Mensch mit einem langen Messer, der christliche und deutsche Kinder zum Pessachfest abschlachtet. Da er kleine Kinder am Glied beschneidet, untermauert sich die Angst vor ihm durch die uralte Kastrationsangst, die in allen sitzt. Solche Dinge tut nur ein Wesen, das selbst alle Lust, speziell Sexuallust für sich rauben will. Der Jude nimmt also dem Arier die Mädchen weg, nachdem er die Männer kastriert hat. Der Jude nimmt immer etwas weg. Da er zudem das Unglück hat, durch frühere Judenverfolgungen dem Handel zu frönen, raubt er Geld. Nur ein Schritt noch, und er ist der Inbegriff des „Kapitalisten“ geworden. So kann sich unter geschicktester Ausnützung der Sexualangst vor dem Schächtjuden der gesamte Gefühlshaß der Massenmenschen gegen den Geldwucherer, mit anderen Worten, den „Kapitalisten“, auf den Juden verlagern. Der Jude zieht somit sowohl den sozialistischen Kapitalistenhaß wie die erworbene Sexualangst auf sich.

Hier hat Reich unbewußt eine orgonomische Analyse auch des Marxismus geliefert! Er ist ein Wahnsystem, in dem das Kapital aus einem nicht weiter ableitbaren Trieb heraus („Habgier“, „Judentum“) die lebendige Arbeit zerstückelt („Entfremdung“, „Arbeitsteilung“) und wie ein unersättlicher Vampir aus der Arbeitskraft heraussaugt. Um dieser Blutschande ein Ende zu setzen, müsse der Markt zerstört, also das gesellschaftliche Leben stranguliert und das „jüdische“ Geld („Energie“, „Blut“) abgeschafft werden.

Der faschistische Mythos, der sich in der Marxistischen „Kritik der politischen Ökonomie“ verbirgt, tritt besonders klar zutage, wenn „Reichianer“ hinter dem äußeren „dialektischen Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital“ einen inneren „dialektischen Widerspruch zwischen lebendiger und erstarrter Triebenergie“ wahrzunehmen vermeinen. Es ist prinzipiell der gleiche Wahn, der in „den Juden“ den geldaussaugenden Vampir „erkennt“. Marx‘ „Denken“ ist eine Pest!