Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 10)

Das Buch gehört zum Genre „Leben als Literatur“, d.h. der kulturelle Einfluß auf Reich, z.B. D.H. Lawrence, und der Einfluß Reichs, z.B. auf Tuli Kupferberg, vor allem geht es aber darum, wie Reich das ORANUR-Experiment und die juristische Auseinandersetzung mit der FDA mit Hilfe insbesondere des Kinos verarbeitet hat.
Der Inhalt des Buches wird am besten vom Autor selbst zusammengefaßt:
Der dritte und letzte Abschnitt von Reichs Karriere war der Bogen, der 1950 begann, als er seine Experimente mit Orgonenergie zur Immunisierung gegen die Auswirkungen der Strahlenkrankheit, zur Wetterkontrolle mit dem ikonischen Cloudbuster-Gerät und dann zu Interventionen gegen UFOs mit dem Cloudbuster, der jetzt als Weltraumkanone umgestaltet wurde, nutzte. Herbert Marcuse nannte dies „die wilden und phantastischen Hobbys von Reichs späteren Jahren“. Das vorliegende Buch widerspricht dieser Herablassung. In diesem Buch geht es unter anderem darum, wie ein sinnvolles Leben konstruiert wird, und ich vertraue darauf, daß der Leser versteht, daß es sich weder um eine Hetzschrift noch um eine Hagiographie handelt, sondern um eine Interpretation von Reich in den fünfziger Jahren, die weder eine Diagnose stellt noch Wilhelm Reichs letzte sieben Jahre als eine bloße Reihe psychotischer Symptome abtut. (S. 27)
Es ist schade, daß der Autor Elsworth F. Bakers My Eleven Years with Wilhelm Reich, Lois Wyvells Orgone and You, Jim Martins Wilhelm Reich and the Cold War sowie Edens Bücher nicht zu Rate zog. Von Lois Wyvell, Reichs Sekretärin und zeitweiligen Geliebten, hätte er beispielsweise gelernt:
Aus einer Laune heraus spielte ich einmal mit dem Gedanken, daß Reich der Sohn von Cecilia und einem Astronauten aus einer anderen Welt sein könnte, und neckte ihn mit dieser Idee, die er als eine meiner dümmeren Einfälle abtat. Später, Jahre später, als er sich der menschlichen Rasse noch mehr entfremdet fühlte und viel mehr unter den Menschen gelitten hatte, wollte er sich offenbar ganz von ihr trennen, und er spielte dann mit dem Gedanken, daß er tatsächlich der Sohn eines Menschen aus einer besseren Welt sein könnte. Ich bezweifle, daß er diese Idee jemals sehr ernst genommen hat, aber es mag ihn getröstet haben, als sich die ganze Welt gegen ihn zu wenden schien, sich einzubilden, daß es irgendwo im Universum Männer und Frauen wie ihn gibt. (Lois Wyvell: Orgone and You III – An Extraordinary Ordinary Man, Offshoots of Orgonomy 3:3-14, 1981)
Übrigens findet sich auf S. 31f des Buches die perfekte Illustration zu meinem gestrigen Blogeintrag über den total durchgeknallten C.G. Jung: dieser hat eine Krise, als sich herausstellt, daß „Fliegende Untertassen“ offenbar keine bloße Projektion des menschlichen Unterbewußtseins sind, das „Mandalas“ an den Himmel projiziert; und schließlich kommt er infolge eines Traums zu der Überlegung, wir, die Menschen, könnten umgekehrt die Projektion der UFOs sein…
„Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen schaut, wacht auf.“ – C.G. Jung
Das ist die größte Lüge und die größte Wahrheit in einem Satz! Das übliche Geschwafel „weiser“ Männer!
Er ist eine Lüge, weil er die okulare Panzerung und die verkehrte Welt des Schizophrenen und Mystikers nicht nur beschreibt, sondern gutheißt. In der Außenwelt sieht der okular Gepanzerte keine räumliche Perspektive und keine geordnete Abfolge (Zeit), sondern das traumhafte Mäandern des funktionellen Bereichs „koexistierende Wirkung“. Daher all die Verschwörungstheorien, die Verbindungen und Kausalitäten sehen, wo es objektiv keine gibt. Auf der anderen Seite wird sein Innenleben immer trostloser und leerer. Das zeigt sich letztendlich in den Negativsymptomen der Schizophrenen und dem Ausbrennen von Mystikern, vor allem aber anhand des erschreckend profanen Innenlebens von religiösen Menschen, bei denen alles fein geordnet ist und alles seinen Platz in Schubladen hat.
Andererseits beschreibt Jungs Satz die Wahrheit, denn wenn wir um uns blicken, schauen wir auf die Matrix aus Lüge, Manipulation, Propaganda. Von Anfang an wurden der Charakter (die Panzerung) im allgemeinen und das Über-Ich (die psychologische Seite der Panzerung) im besonderen dem ungepanzerten Kind von außen aufgeprägt. Wir haben Unsinn inkorporiert und leben in einer unsinnigen Welt. Erst wenn wir es wagen, uns unseres wirklich eigenen unverfälschten Selbst bewußt zu werden (Kontakt aufzunehmen), wachen wir auf, d.h. die Panzerung wird fremd und lästig – und damit auch die Umwelt, die wir in Gestalt der Panzerung in uns aufgenommen haben.
Das Problem der „Reichianer“ ist, daß sie die Lüge und die Wahrheit miteinander vermengen. Deshalb sind tantrischer Buddhismus, der durch und durch schwule Sufismus, C.G. Jung und all dieser ultrareaktionäre Quark bei diesen Leuten so beliebt. „Turn on, tune in, drop out“ kommt der Wahrheit nahe und ist gleichzeitig die größtmögliche Lüge. DAS ist die Funktionsweise der Emotionellen Pest.
In einem Brief erinnerte sich Friedrich Engels an ein Gespräch mit Stirner im Herbst 1842:
Wir diskutierten viel über Hegelsche Philosophie, er (Stirner) hatte damals die Entdeckung gemacht, daß Hegels Logik mit einem Fehler anfängt: das Sein welches sich als Nichts erweist und so in Gegensatz zu sich selbst tritt, kann nicht der Anfang sein; der Anfang muß gemacht werden mit etwas das selbst schon unmittelbare, naturwüchsig gegebene Einheit von Sein und Nichts ist, und aus dem erst dieser Gegensatz sich entwickelt: Und dies war nach Stirner – das „Es“ (es schneit, es regnet), etwas das ist und zugleich auch Nichts ist. – Nachher scheint er dann doch dahinter gekommen zu sein, daß es (mit) dem Es, nicht minder als mit dem Sein und Nichts, doch Nichts ist. (z.n. H.G. Helms: Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 75f)
In ihrer Besprechung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum machen sich Marx und Engels über Stirners „undialektisches“ Denken lustig, denn der könne Übergänge, etwa vom Jüngling zum Mann nicht dialektisch erklären: (…) wir erfahren bloß, daß ‚Es‘ Dienst verrichten (…) muß (…)“ (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 75). Helms schließt sich der Häme an, wobei er aus Der Einzige und sein Eigentum zitiert. Helms:
(…) Ja, so wird Stirner im „Wegweiser für die galante Welt“ die feine Gesellschaft auf Stichen nach Fragonard oder Boucher im „Verkehr“ „gruppirt“ gesehen haben. „Man pflegt wohl zu sagen: ‚man habe diesen Saal gemeinschaftlich inne‘.“ Das pflegt bloß Stirner zu sagen, bei dem es „aber vielmehr so“ zu sein pflegt, „daß der Saal Uns inne oder in sich hat“, sodaß der arglose Leser meinen könnte, der Stirner, der hat „es“ doch „in sich“. „So weit die natürliche Bedeutung des Wortes Gesellschaft“, der Stirner augenblicklich die unnatürliche, die einzige Bedeutung folgen lassen wird. „Es stellt sich dabei heraus, daß die Gesellschaft nicht durch Mich und Dich erzeugt wird“, sonst wäre alles in Butter, „sondern durch ein Drittes“ – da ist es wieder, dieses „unheimliche“ „es“ oder „man“ –, „welches aus Uns beiden Gesellschafter macht, und daß eben dieses Dritte das Erschaffende, das Gesellschaft Schaffende ist.“ (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 120)
Schließlich zitiert Helms eine Stelle aus Der Einzige und sein Eigentum:
Der Gegensatz des Realen und Idealen ist ein unversöhnlicher, und es kann das eine niemals das andere werden (…). Der Gegensatz beider ist nicht anders zu überwinden, als wenn man beide vernichtet. Nur in diesem „man“, dem Dritten, findet der Gegensatz sein Ende; sonst aber decken Idee und Realität sich nimmermehr. (z.n. Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, S. 129, 486)
1847 schrieb Marx in Bezug auf Hegels dialektische Methode:
[Die These spaltet sich] indem sie sich selbst entgegenstellt, in zwei widersprechende Gedanken, in Positiv und Negativ, in Ja und Nein. Der Kampf dieser beiden gegensätzlichen, in der Antithese enthaltenen Elemente bildet die dialektische Bewegung. Das Ja wird Nein, das Nein wird Ja, das Ja wird gleichzeitig Ja und Nein, das Nein wird gleichzeitig Nein und Ja; auf diese Weise halten sich die Gegensätze die Waage, neutralisieren sie sich, heben sie sich auf. Die Verschmelzung dieser beiden widersprechenden Gedanken bildet einen neuen Gedanken, die Synthese derselben. Dieser neue Gedanke spaltet sich wiederum in zwei widersprechende Gedanken, die ihrerseits wiederum eine neue Synthese bilden. Aus dieser Zeugungsarbeit erwächst eine Gruppe von Gedanken. Diese Gedankengruppe verfolgt dieselbe dialektische Bewegung wie eine einfache Kategorie und hat zur Antithese eine gegensätzliche Gruppe. Aus diesen zwei Gedankengruppen entsteht eine neue Gedankengruppe, die Synthese beider. Wie aus der dialektischen Bewegung der einfachen Kategorien die Gruppe entsteht, so entsteht aus der dialektischen Bewegung der Gruppen die Reihe (série) und aus der dialektischen Bewegung der Reihen das ganze System. (…) So ist für Hegel alles, was geschehen ist und noch geschieht, genau das, was in seinem eigenen Denken vor sich geht. So ist die Philosophie der Geschichte nur mehr die Geschichte der Philosophie, seiner eigenen Philosophie. Es gibt keine „Geschichte nach der Ordnung der Zeit“ mehr, sondern nur noch die „Aufeinanderfolge der Ideen in der Vernunft“. Er glaubt, die Welt mittelst der Bewegung des Gedankens konstruieren zu können, während er nur die Gedanken, die in jedermanns Kopf sind, systematisch rekonstruiert und nach der absoluten Methode klassifiziert. (Das Elend der Philosophie)
Bei aller Polemik gegen den „Hegelianer“ Proudhon, gegen den Das Elend der Philosophie geschrieben ist, wird doch zweierlei klar: Die Bifurkation („die These spaltet sich“) hin zu einer „Reihe“, also eine Ahnung von den orgonometrischen Gleichungen und, zweitens, in der Polemik gegen Hegel selbst, wird von Marx zwischen „Geschichte nach der Ordnung der Zeit“ und „Aufeinanderfolge der Ideen in der Vernunft“ unterschieden. Das letzere deutet auf eine spontan funktionierende „absolute Selbstbewegung“, die der Wirklichkeit und damit auch der Zeit selbst zugrundeliegt.
Lenin in seiner Anfang des Ersten Weltkriegs verfaßten Notiz „Zur Frage der Dialektik“ drückt sich, nicht zuletzt durch die Vorarbeiten von Engels, noch „orgonometrischer“ aus:
Spaltung des Einheitlichen und Erkenntnis seiner widersprechenden Bestandteile (…) ist das Wesen (…) der Dialektik. (…) Dieser Seite der Dialektik wird gewöhnlich (…) nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet: die Identität der Gegensätze wird als Summe von Beispielen genommen (…) nicht aber als Gesetz der Erkenntnis (und Gesetz der objektiven Welt). In der Mathematik + und –, Differential und Integral, in der Mechanik Wirkung und Gegenwirkung, in der Physik positive und negative Elektrizität, in der Chemie Verbindung und Dissoziation der Atome, in der Gesellschaftswissenschaft Klassenkampf. Identität der Gegensätze (…) bedeutet Anerkennung (Aufdeckung) widersprechender, einander ausschließender, gegensätzlicher Tendenzen in allen Erscheinungen und Vorgängen der Natur (darunter auch des Geistes und der Gesellschaft). Bedingung der Erkenntnis aller Vorgänge in der Welt in ihrer „Selbstbewegung“, in ihrer spontanen Entwicklung, in ihrem lebendigen Leben, ist die Erkenntnis derselben als Einheit von Gegensätzen. Entwicklung ist „Kampf“ der Gegensätze. Die beiden grundlegenden (…) Konzeptionen der Entwicklung (Evolution) sind: Entwicklung als Abnahme und Zunahme, als Wiederholung, und Entwicklung als Einheit der Gegensätze (Spaltung des Einheitlichen in einander ausschließende Gegensätze und das Wechselverhältnis zwischen ihnen). Bei der ersten Konzeption der Bewegung bleibt die Selbstbewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt – Gott, Subjekt etc.). Bei der zweiten Konzeption richtet sich die Hauptaufmerksamkeit gerade auf die Erkenntnis der Quelle der Selbstbewegung. Die erste Konzeption ist tot, farblos, trocken. Die zweite lebendig. Nur die zweite liefert den Schlüssel zu der „Selbstbewegung“ alles Seienden; nur sie liefert den Schlüssel zu den „Sprüngen“, zum „Abbrechen der Allmählichkeit“, zum „Umschlagen in das Gegenteil“, zum Vergehen des Alten und Entstehen des Neuen. Die Einheit (Kongruenz, Identität, Wirkungsgleichheit) der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist. (Lenin: Werke, Bd. 38, S. 338f)
Trotz Lektüre von Jenseits der Psychologie, American Odyssey und Were Is The Truth, wo sie jeweils namentlich erwähnt wird, sogar in meiner Bibliography of Orgonomy taucht sie auf, wurde ich nie auf Aenne Morseth aufmerksam, bis mir vor kurzem beim erneuten Durchgehen des Registers des Archivs des Orgone Institute auffiel, daß die gute Frau dort einen eigenen Eintrag hat, also einiges an Material vorhanden sein muß. Offensichtlich spielte sie eine nicht unbedeutende Rolle in Reichs Leben – und sie war Hamburgerin. Seit Ende der 1970er Jahre war es immer mein lokalpatriotisches Bestreben die Freie und Hansestadt auf die Landkarte der Orgonomie zu setzen – und jetzt realisiere ich, daß sie es doch schon zu Reichs Lebzeiten war!
Meines Wissens taucht Morseth am 20. Januar 1936 das erste Mal auf und zwar in Jenseits der Psychologie, wo die Herausgeber sie als „eine Schülerin Reichs“ bezeichnen. Reich erwähnt seine Monographie über „Sexualität und Angst“ und fährt fort:
Außer Lotte [Liebeck], Nic [Waal], Sigurd [Hoel], Aenne [Morseth], Elsa [Lindenberg] hat niemand die Problematik verstanden, wirklich verstanden. Sexualität und Strahlung – wenn jeder Körper strahlt, dann auch das sexuell erregte Organ – muß man nur entdecken – aber wie??
Wenn ich das richtig sehe, ist sie etwa 1900 wohl in Altona als Anna Rump geboren. In den 1920er/30er Jahren war sie Kindergärtnerin/betreuerin im Kinderkrankenhaus Altona. Exil in Norwegen. Im Umfeld von Willy Brandt? Dort einen Norweger geheiratet und „Anna“ ins skandinavisch/hebräische (sic!) „Aenne“ verwandelt. Ansonsten fand ich:
DAS KINDERHAUS IN DER OSKARSGATE 63, OSLO, NORWEGEN, nimmt Kinder im Alter von einem bis sieben Jahren täglich von zehn bis zwei Uhr und bei Berufstätigkeit der Eltern nach Bedarf früher und länger auf. Die Kinder sollen in diesem Kinderhaus, welches große, sonnige Räume, alle hygienischen Bedingungen und ein ausgesuchtes Spiel- und Entwicklungsmaterial hat, die Möglichkeit einer freien, ungestörten Entfaltung finden.
Angegliedert an das Kinderhaus ist ein HEIM, welches Kinder im Alter von einem bis zwölf Jahren aufnimmt. Bei Reisen, Krankheiten oder andern Verhinderungen der Eltern können die Kinder tageweise oder für längere Zeit in dem Heim Aufnahme finden. Die schulpflichtigen Kinder, welche längere Zeit im Heim leben, können, je nach Wunsch der Eltern, eine hiesige Schule besuchen oder sich im Heim nach der Montessori-Methode das Pensum erarbeiten.
Nähere Auskunft erteilt: AENNE BUCHHOLTZ-MORSETH, Dipl. Montessori- und Gymnastik-Lehrerin. staatl. gepr. Frobel-Kindergärtnerin und Hortnerin, ausgebildet in Säuglings- und Kleinkinderpflege im städtischen Kinderhospital Hamburg-Altona.
Rückkehr nach Hamburg. Dorthin schrieb ihr Reich am 28.10.46:
Liebe Aenne:
Dies ist ein Nachtrag zu meinem letzten Brief, in dem es um Deine Anfrage bezüglich der amerikanischen und britischen Haltung gegenüber den Deutschen ging. Ich glaube, daß diese Haltung auf einem allgemeinen Mißverständnis beruht. Der Faschismus wird gewöhnlich mit den Deutschen und den Japanern in Verbindung gebracht. Dabei wird übersehen, daß Faschismus eine Charaktereigenschaft ist, die bei Menschen überall auf der Welt zu finden ist – also bei Amerikanern genauso wie bei Deutschen. Die undifferenzierte Identifizierung des Faschismus mit der deutschen Nation, so falsch sie auch sein mag, ist der Hauptgrund für die strafende Haltung. Wir kämpfen hart gegen diese Fehlinterpretation, aber sie ist sehr tief verwurzelt. Es liegt auch an Dir, ob und wie schnell die zahlreichen falschen Ansichten darüber, was Faschismus ist, aus der Welt verschwinden. Ich glaube, daß es heute nichts wichtigeres gibt, als die menschliche Seite von pest-infizierten Menschen zu entdecken und sie der faschistischen Pest in denselben Menschen gegenüberzustellen.
In Were Is The Truth? wird Hamburg ausdrücklich erwähnt. In einem Brief vom 30.01.48 an seinen ehemaligen Schüler Werner Kemper in Deutschland, frägt Reich: „Stehen Sie in Kontakt mit Aenne Morseth (Heimburgstraße 4, Hamburg Klein-Flottbeck)?“ Heute befindet sich unter der angegebenen Adresse ein Waldorf-Kindergarten: https://www.susekoenigkindergarten.de/
Ihr offensichtlich einziger Roman …und immer wieder ein neuer Tag, veröffentlicht 1964 bei Franz Schneekluth in Darmstadt, beschreibt das Leben einer norwegisch-schwedischen Ärztin, die in Berlin studiert hat. Das wird wohl ein „Frauenroman“ sein – der erste und hoffentlich letzte, den ich gelesen habe. Mit jeder Seite schwand meine Hoffnung, zumindest zwischen den Zeilen etwas hinsichtlich Reich und die Orgonomie zu erfahren und erreichte schließlich den Wert Null. Vielleicht hätte mich die Lektüre weniger gequält, wenn ich die Novelle „wertfrei“ konsumiert hätte… Wüde ich sowas lesen… Die Quintessenz des Romans findet sich in den folgenden beiden Auszügen:
Mein Leben kommt mir vor wie ein Strom. Ich sitze im Kahn. Die Strömung treibt mich weiter und weiter. Jedes Bild, das mir nahe ist, an dem ich unmittelbar vorübergleite, wird mir zu einem momentanen, intensiven Erleben, über das ich alles andere, alles Vorherige, zwar nicht vergesse, wie könnte ich das? Aber es gleitet rückwärts, um dem Gegenwärtigen Platz zu machen. Ich weiß wohl: hinter mir liegen die Bilder der verflossenen Landschaften. Und vor mir werden die zukünftigen auftauchen. Aber im Augenblick ist nur das Gegenwärtige lebendig. Eine höhere Einsicht, die ich nicht kenne, lenkt meinen Kahn. Ich füge mich ihr. Auch wenn es nicht leichtfällt. Aber ich habe gelernt, dieser höheren Weisheit zu gehorchen. Sie will nicht, daß ich verharre. Sie will nicht, daß ich mich festklammere. Ich soll lernen, daß Leben Wandel ist und Aufbruch. Wenn ich dachte, alles sei tot und zu Ende, kam immer wieder ein neuer Tag. Wie schwer ist mir diese Lehre oft gefallen. Und das Fazit war die Erkenntnis, daß bei allem Fließen, bei allem Wandel, bei allem scheinbaren Sterben ein ewiges, unsterbliches „Ich bin“ lebt – ein „Ich bin“, in das alle Kreatur eingeschlossen ist. (S. 92f)
[Sie sind] nicht tot für mich (…) die (…) lieben Menschen, die mir starben. Wir sind nicht einmal getrennt. Gedanklich sind wir so eng miteinander verbunden wie damals, als sie noch lebten und ich bei ihnen war. (…) Im Bereich der Seele herrschen andere Maßstäbe als hier im Zeitlichen, weil es da keine Gesetze gibt von Zeit und Raum, von Leben und Tod. (S. 91)
Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.
Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).
Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.
Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Gynäkologen Raphael.
Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.
Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).
Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her.