
Wilhelm Reich, Physiker: 7. Wahrheit und Wirklichkeit, b. Die fundamentale Ebene
Am Ende bleibt natürlich die Frage wie man denn authentisch, autonom, frei, selbstbewußt, glücklich und produktiv sein soll, wenn die Sinnfrage nicht beantwortet wird.
Man kann die Frage nach dem Sinn des Lebens mit Epikur vom Tisch wischen: Wenn ich bin, ist der Tod nicht da, wenn der Tod ist, bin ich nicht da. Da dergestalt der Tod und ich nichts miteinander zu schaffen haben, läßt mich das Mysterium der Existenz kalt. Oder im Reichschen Sinne: der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Nur wenn ich das Leben verfehle, beunruhigt mich die „Sinnfrage“. Oder Stirner angesichts des „Nichts“: ICH bin der Sinn, eben weil ich meine Sache auf nichts gestellt habe, d.h. nicht als „Geschöpf“ reagiere, sondern spontan agiere.
Gemeinhin vermeinen wir ja den Sinn gefunden zu haben, wenn wir eine Ebene außerhalb des sinnlosen Kreisens von Ursache und Wirkung gefunden haben, gemeinhin „Gott, den Schöpfer“. Für Stirner ist diese Sinnsuche ähnlich abwegig wie für Epikur die Angst vor dem Tod abwegig war.
Nietzsche hat das besagte sinnlose Kreisen ins Bild der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ gepackt, das die absolute Sinnlosigkeit verkörpert. Es gelte, so Nietzsche, über diesen Wahnsinn hinauszuwachsen, indem man über sich hinauswächst. Diese „heroische“ Überspannung war buchstäblich Muskelanspannung: die Verherrlichung des Muskelpanzers. Sehr schön dargestellt in Arno Breckers Skulpturen von „Herrenmenschen“. LaMettries und Stirners Umgang mit der Sinnfrage war grundsätzlich anderer Art. Entweder fehlt ein „Urvertrauen“ oder man hat es. Der erstere hat allenfalls die Option sich „heroisch“ zu verspannen, der letztere kann sich wollüstig fallenlassen.

Die moderne Orgonomie wird durch folgende Gleichung beschrieben:

Reich hat vor allem die Funktion „relative Bewegung“, d.h. Pulsation und die Kreiselwelle erforscht (siehe Äther, Gott und Teufel und Die kosmische Überlagerung). Freud hingegen hatte zuvor, insbesondere in seiner „Traumforschung“, den Bereich der „koexistierenden Wirkung“ untersucht.
Im Unbewußten geht es um die schnellstmögliche Wunscherfüllung, d.h. es wird halluziniert, wobei auf logische Verknüpfungen, räumliche Trennung und zeitliche Kontinuität, also letztendlich auf Ursache und Wirkung, keine Rücksicht genommen wird und Widersprüche unaufgelöst bestehenbleiben. Das alles erleben wir unmittelbar im Traum. C.G. Jung hat aus diesem „Primärvorgang“ schließlich eines der Hauptbeispiele für „koexistierende Wirkung“ destilliert: die Synchronizität.
Ähnliches bei Marx: ein Plastikbecher, ein Besen und eine Eieruhr haben nichts gemeinsam, will sagen, sie haben vollkommen unterschiedliche Qualitäten („Gebrauchswert“). Sie werden erst durch ihren Wert austauschbar, den quantitativen „Tauschwert“. Dieser wird durch das Geld symbolisiert: 5 Euro = 20 Plastikbecher = 1 Besen = 2 Eieruhren. Im Kapitalismus wird alles zur Ware unabhängig von „logischen Verknüpfungen, räumlicher Trennung und zeitlicher Kontinuität“. Wenn Marx in diesem Zusammenhang vom „Fetischcharakter der Ware und seinem Geheimnis“ spricht, will er damit sagen, daß der Kapitalismus eine Traumwelt ist, die von einem „Primärvorgang“ bestimmt wird.
Reich führt in Die Funktion des Orgasmus (für Freud) und in Menschen im Staat (für Marx) jeweils aus, daß die „Libido“ und die „lebendige Arbeitskraft“ (die einzig und allein den Wert schafft), die diesen beiden „Traumwelten“ zugrundeliegen, einer konkreten Energie entsprechen, dem Orgon.