(Email) Kierkegard in Berlin (2004)

Du kannst nur authentisch, autonom, frei, selbstbewußt, glücklich und produktiv sein, weil die Orgonenergie eine ganz bestimmte Eigenschaft hat, die aller mystisch-mechanistischen Weltanschauung widerspricht: Spontanität.
Die Auseinandersetzung mit Max Stirner zwang Marx seinen Feuerbach‘ismus, d.h. die pseudoatheistische Vergöttlichung „der Menschheit“, hinter sich zu lassen und stattdessen den Historischen Materialismus zu entwerfen. Was leistet der? Er vergesellschaftet das Individuum und errichtet so durch die Hintertür doch wieder „die Menschheit“ Feuerbachs.
Dazu diese interessante Aufstellung: https://willenberg-clp.de/wp-content/uploads/2020/10/synopse-fb-m-f.pdf
Wie passen LaMettrie, Stirner und Reich hier rein? Sie vertreten keine Projektionstheorie, sondern, frei nach Sandor Ferenczi (als der um 1910 herum ganz kurz Reich vorwegnahm und dafür von Freud zusammengestaucht wurde), eine Introjektionstheorie.
Wer vertritt noch eine Introjektionstheorie? Das Christentum: der Mensch betet keinen Götzen (Gott) an, sondern umgekehrt wird Gott zum Menschen. Stirner spielt darauf in seinen anfänglichen Reden an Kirchengemeinden an. Und Stirner kehrt es schließlich um: ich habe meine Sache auf mich gestellt – genauso wie Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Was bedeutet, die Welt aus dem Nichts zu schaffen? Spontanität, agieren aus der eigenen Fülle jenseits von „Ursache und Wirkung“.
Das Christentum vertritt eine zweite, komplementäre Introjektionstheorie: das gesamte Neue Testament handelt von nichts anderem, als daß „Dämonen“ von uns Besitz ergreifen und uns der Selbststeuerung berauben. Aus äußeren Hierarchien werden „innere Hierarchien“ (das Über-Ich), die uns dazu bringen gegen unsere eigenen Interessen zu handeln.
Stirner war dergestalt Materialist, weil er die allgemeinen Begriffe („die Menschheit“) aufhob und er war gleichzeitig Antimaterialist, weil er damit genau das aufhob, was den Wesenskern des Materialismus ausmacht: Ursache und Wirkung. Spontanität ist mit jedwedem Materialismus unvereinbar. Ich erinnere an den strengen Determinismus sowohl bei Marx als auch bei Freud (und gewisserweise auch bei Nietzsche). Hinter diesem Determinismus verbirgt sich natürlich letztendlich nichts anderes als der Deismus und damit ein „moralisches Universum“ – also die pseudomaterialistische Pseudoaufklärung, die alles Tat, um den Störenfried LaMettrie zu beseitigen.


Die folgenden Bücher und Artikel sollte man in dieser Reihenfolge lesen, um sich in Bernd A. Laskas LSR-Projekt einzuarbeiten.
Am Anfang steht natürlich Laskas Reichs Biographie sowie Reich selbst und zwar jenes Buch, das Laska ursprünglich in seinem LSR-Verlag neu herausbringen wollte: Reichs von seinen beiden engsten Mitarbeitern, dem Psychiater Elsworth F. Baker und dem Gynäkologen Chester M. Raphael, kurz nach Reichs Tod zusammengestellte Ausgewählte Schiften.
Daß Reich in dieser Liste an erster Stelle steht, hat sowohl historische als auch inhaltliche Gründe: mit ihm hatte sich Laska zuerst beschäftigt (und das als einer der ersten in unserem besetzten Vaterland) und zweitens ist Reich eine notwendige Einführung, um LaMettrie überhaupt verstehen zu können, nämlich daß sich beide Ärzte mit genau den gleichen beiden Dingen beschäftigt haben – nur daß dies bei LaMettrie zeit- und „verfolgungsbedingt“ nicht so eindeutig ist. Die besagten beiden Dinge sind das Angehen des Charakterpanzers (also des Über-Ichs) und die Orgasmustheorie, bei LaMettrie entspricht das seinen Theorien über das Schuldgefühl und „die Kunst Wollust zu empfinden“.
Die Frage ist natürlich, warum ich Stirner an die dritte Stelle verschoben habe, hatte Laska diesen doch nach Reich und vor LaMettrie für sich entdeckt. Zunächst einmal waren Reich und LaMettrie Ärzte und ihre beiden Theorien machen, wie angedeutet, einander verständlicher und zweitens wollte Laska in der Chronologie seines LSR-Projekts zunächst durchaus inhaltlich vorgehen, d.h. jeweils die Theorien seiner drei Helden herausarbeiten. Ansatzweise hat er das bei Reich und den Vorreden zu seinen LaMettrie-Übersetzungen auch gemacht, doch änderte er dann seinen Plan: „Die Widerstände und Abwehrmechanismen gegen L/S/R traten (….) in den Vordergrund meines Interesses; sie waren aufzudecken und zu studieren, bevor an ein Verständnis für die Intentionen von L/S/R auch nur zu denken war. Hier bot sich allerdings aus verschiedenen Gründen vorzugsweise Stirner bzw. dessen Wirkungsgeschichte an, so daß anstelle der ursprünglich geplanten Schriftenfolge zunächst die Stirner-Studien erscheinen.“ Dieses „Zunächst“ erwies sich dann als der eigentliche Abschluß des LSR-Projekts. Stirner ist nur in der von Laska angedeuteten Weise erschließbar, d.h. vom Widerstand gegen sein Werk her, und die Vorkenntnisse, die wir durch die Auseinandersetzung mit Reich und LaMattrie erworben haben, dienen uns hierbei als Orientierungspunkte, ohne die wir uns allzuleicht verirren könnten, beispielsweise „Stirner als Vertreter des Egoismus und Herold der nihilistischen Transgemeinde“.
Bernd A. Laska: Wilhelm Reich (https://www.amazon.de/gp/product/3499502984)
Wilhelm Reich: Ausgewählte Schriften (https://www.buchfreund.de/de/d/p/76916429/ausgewaehlte-schriften-eine-einfuehrung-in-die)
Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): A. Allgemeiner Überblick (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatus.html)
Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): B. „Früher“ contra „später“ Reich eine überflüssige Kontroverse (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatusb.html)
Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): C. Freuds „Kommentar“ zu Reich (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatusc.html)
Bernd A. Laska: Zum Status der Reich’schen Theorie (1980): D. Reichs Krise 1926/27 (http://lsr-projekt.de/wrb/wrstatusd.html)
Bernd A. Laska: Wilhelm Reich – ohne Freud, Marx, Orgon (http://lsr-projekt.de/wrlex.html)
Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Wilhelm Reich (http://lsr-projekt.de/wrnega.html)
Bernd A. Laska: Wilhelm Reich als Sexuologe (http://lsr-projekt.de/wrsex.html)
Bernd A. Laska: Wilhelm Reich als Faschismusforscher (http://lsr-projekt.de/wrfasch.html)
Bernd A. Laska: Wilhelm Reich – Essenz und Konsequenz (http://lsr-projekt.de/wrinnuce.html)
—
Bernd A. Laska: Intro LSR (http://lsr-projekt.de/intro.html)
Bernd A. Laska: LSR als „anarchistisches“ Projekt (http://lsr-projekt.de/anarcho.html)
Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch als Maschine (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu1)
Julien Offray de La Mettrie: Über das Glück oder Das höchste Gut („Anti-Seneca“) (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu2)
Julien Offray de La Mettrie: Philosophie und Politik (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu3)
Julien Offray de La Mettrie: Die Kunst, Wollust zu empfinden (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu4)
Bernd A. Laska: La Mettrie und die Kunst, Wo(h)llust zu empfinden – ein Portrait (http://lsr-projekt.de/lmsex.html)
Bernd A. Laska: La Mettrie – ein gewollt unbekannter Bekannter (http://lsr-projekt.de/lm-un-bekannt.html)
Bernd A. Laska: 1750 – Rousseau verdrängt La Mettrie (http://lsr-projekt.de/Rousseau-La-Mettrie.pdf)
Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Lamettrie (http://lsr-projekt.de/lmnega.html)
Bernd A. Laska: Panajotis Kondylis – unfreiwilliger Pate des LSR-Projekts (http://lsr-projekt.de/kondylis.html)
Bernd A. Laska: Martin Walser und La Mettrie (http://lsr-projekt.de/walser.html)
—
Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum (https://www.amazon.de/Einzige-sein-Eigentum-Reclams-Universal-Bibliothek/dp/3150030579)
Bernd A. Laska: Parerga, Kritiken, Repliken (http://lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu2)
Bernd A. Laska: Ein heimlicher Hit (http://lsr-projekt.de/verlag.html#ss1)
Bernd A. Laska: Ein dauerhafter Dissident (http://lsr-projekt.de/verlag.html#ss1)
Bernd A. Laska: „Katechon“ und „Anarch“ (http://lsr-projekt.de/verlag.html#ss1)
Bernd A. Laska: Max Stirner in nuce (http://lsr-projekt.de/msinnuce.html)
Bernd A. Laska: Max Stirner – Leben, Werk, Wirkung (http://lsr-projekt.de/mslex.html)
Bernd A. Laska: Der Stachel Stirner (http://lsr-projekt.de/stachel.pdf)
Bernd A. Laska: Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Max Stirner (http://lsr-projekt.de/msnega.html)
Bernd A. Laska: Max Stirner als Psychologe (http://lsr-projekt.de/Max-Stirner-Psychologe.html)
Bernd A. Laska: Nietzsches initiale Krise (infolge Stirner) (http://lsr-projekt.de/nietzsche.html)
Bernd A. Laska: Die Individualanarchisten und Stirner (http://lsr-projekt.de/msinda.html)
Bernd A. Laska: Der schwierige Stirner (http://lsr-projekt.de/msswi.html)
Bernd A. Laska: Den Bann brechen ! – Teil 1: Stirner, Marx, Marxforschung (http://lsr-projekt.de/msbann1.html)
Bernd A. Laska: Den Bann brechen ! – Teil 2: Stirner, Nietzsche, Nietzscheforschung (http://lsr-projekt.de/msbann2.html)
Bernd A. Laska: Max Stirner – ein anarchistischer Pädagoge? (http://lsr-projekt.de/mspa.html)
Bernd A. Laska: Der sexuelle „Verein“: Prototyp des Stirner’schen „Vereins“ (http://lsr-projekt.de/mssex.html)
Bernd A. Laska: Vade retro! – Zur Repulsionsgeschichte von Stirners ‚Einzigem‘ (https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/52066/file/Jahrbuch_FVF_22_2016_Laska_71_100.pdf)
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Es ist wie beim Betrachten eines Gemäldes: wenn man den Kopf erst zu jener Seite, dann zu dieser Seite neigt und es unter unterschiedlichen Lichtverhältnissen betrachtet, und die Augen Zusammenkneift, damit jede verwirrende und bedeutungslose Einzelheit verschwimmt, kann man einen logischen Sinn im anfangs Sinnlosen zumindest erahnen. Genauso muß man vorgehen, wenn man bei Reich, oder jeder beliebigen Entsprechung, Stirner oder allgemein „LSR“ ausmachen will.
In American Odyssey setzt Reich bereits 1940 Arbeitsdemokratie mit Individualismus gleich. Schreibt er doch (S. 9) an den linken Schweizer Mitstreiter Fritz Brupbacher:
Trotz des massiven Unglücks, das alle unsere Hoffnungen beeinträchtigt hat, ist hier und da ein Kern von Gedanken und Lebensweisen erhalten geblieben, der sich in Zukunft als wertvoll erweisen könnten. Sie haben sicher recht, wenn Sie sagen, daß die Enttäuschung über alle möglichen Parteien und Führungspersönlichkeiten viel zu groß ist, als daß ein vernünftiges Handeln nach traditionellen Grundsätzen denkbar wäre. Dennoch bleibe ich persönlich optimistisch. Was Sie als neuen Individualismus bezeichnen, habe ich, glaube ich, meinerseits einfach unter dem Begriff „Arbeitsdemokratie“ formuliert.
Interessant ist, daß Reich 1940, als er noch ein Linker und ein starker Befürworter der Roosevelt-Administration war, Arbeitsdemokratie mit Individualismus gleichsetzt. Aber was genau war Brupbachers „neuer Individualismus“?
Wie alle Nonkonformisten ist auch Brupbacher schwer einzureihen und zu etikettieren. Bei den Sozialdemokraten galt er als antisozialistischer Anarchist, bei den Kommunisten als kleinbürgerlicher Individualist, die Historiker verwenden für seinesgleichen verschiedene, gegeneinander nicht genau abgegrenzte Begriffe wie Anarchosozialist, Anarchosyndikalist oder libertärer Sozialist. Diese Schwierigkeit der Klassifizierung mag für Lexika und andere Nachschlagewerke ein Nachteil sein, die Kehrseite davon ist jedoch die andauernde Aktualität vieles dessen, was Brupbacher gedacht und getan hat. https://www.birsfaelder.li/wp/politik/fritz-brupbacher-revolutionaer-zwischen-allen-stuehlen-2/
Dies ist wichtig, da Leute wie Philip Bennett Reichs frühe Formulierungen zur Arbeitsdemokratie mit dem kollektivistischen „Rätekommunismus“ gleichsetzen.
Genauso ist es mit dem „Kommunisten“ Reich bestellt. Wenn ich mir den „Stalinistischen“ Haufen der KPÖler Ende der 1920er Jahre so anschaue: „funktionell betrachtet“ waren die SPÖler (wie etwa der Freud-Intimus Paul Federn oder der Rassehygeniker Julius Tandler) die Stalinisten, die verächtlich auf das anarchische Lumpenproletariat hinabblickten, die ihre „eigene“ Sache machen (siehe Der Rote Faden).
Nehmen wir auf der anderen Seite des politischen Spektrums einen Libertären wie Gerard Radnitzky, der einerseits Erhard, Thatcher, Reagan und Richardson über den Klee lobte – andererseits aber ein derartiger wüteriger „Staatsfeind“ war, daß die linken „Progressiven“ sich dagegen wie Gartenzwerge mit roten Zipfelmützen ausnahmen. Na gut, daß ist immer noch nicht „LSR“ (innerlich radikal frei), aber …. immerhin der Schutz des Individuums (äußerlich radikal frei).
Wenn Leute wie Radnitzky, die allenfalls in „rechten“ Medien veröffentlichen können, z.B. hervorheben, daß bloße Mitbestimmung (das Leitwort der Linken) etwas ganz anderes ist als Selbstbestimmung (das Leitwort der Rechten), und daß Selbstbestimmung nur im Rahmen eines freien Marktes möglich ist, ja, dann ist das immerhin „Stirnerianismus“. (Man beachte die Anführungszeichen.)
Man muß halt auch sehen, daß jener „Konservatismus“, der sich seit den 1940er Jahren organisierte, deutlich libertäre und „Stirnerianische“ Züge trug. Oder daß etwa Friedrich von Hayek geradezu ein „Leninistisches“ Umerziehungsmodell vertrat: „konservativ“ Rücksicht auf die Traditionen nehmen (deren ganze Sinnhaftigkeit dem Einzelnen sowieso unerschließbar ist) und ihren rationalen Kern herauspräparieren, um in ferner Zukunft den Staat und allen „Über-Ich-Zwang“ beseitigen zu können. (Wobei ich mir bewußt bin, daß Hayek ständig auf Marx und Freud [immer als Paar!] einschlug und dabei den „Freudo-Marxisten“ Reich meinte.)
Genauso war auch jener „Wiener Kommunismus“ in vieler Hinsicht ein geradezu „libertärer“ Aufstand gegen ein kleinbürgerlich-proletarisches Rotes Wien, das geradezu „volksdemokratisch“ eng war. (Und das Reich so ähnlich im sozialdemokratischen Skandinavien wieder vorfand – und sehr schnell mit „Faschismus“ gleichsetzte, spätestens nach der Zeitungskampagne der weitgehend sozialdemokratischen Presse gegen ihn.)
Marxisten, wie sie etwa in Neu Beginnen (siehe Der Rote Faden, Bd. 1) organisiert waren, oder die Mitglieder der Fabian Society, waren durchaus nicht antikapitalistisch im üblichen Sinne. Sie waren gegen das Unternehmertum, die „Anarchie“ der Märkte, glaubten aber, ganz im Sinne etwa der Rockefeller, daß das Monopolkapital dazu instrumentalisiert werden könne eine utopische Gesellschaft zu kreieren, in der es keine nationalen und Klassenunterschiede mehr gibt und in „Hegels“ Sinn absolute Freiheit und absolute Sklaverei identisch sind; das „Du wirst nichts besitzen aber glücklich sein“. Das Ziel war der Menschenzoo geleitet von einer wohlmeinenden Verwaltung und voller sedierter wohlgenährter, ähhh, „Menschen“, die man mit günstigem Insektenmehl füttert.
Aber bleiben wir beim Zoo und seiner Direktion. Worum geht es wirklich bei dieser sozialistischen Utopie? Du bist ein sexloses und aggressionsloses Neutrum, das unter einer strengen aber gerechten Leitung steht, die nur dein bestes will. Dieser technokratische Traum ist nichts anderes als „Über-Ich gegen irrationale, ich-hafte Triebe“. Der exakte Gegenentwurf ist Reichs selbstorgansierte „über-ich-freie“ Arbeitsdemokratie. Geistesgeschichtlich kann man das zurückverfolgen auf Max Stirner vs. Marx und weiter auf LaMettrie vs. Rousseau (der Spiritus rector der zentralistischen Französischen Revolution). Von daher auch der Vernichtungswille, der Reich sowohl von der Pharmindustrie als auch ihren vermeintlichen linken Gegnern (Mildred Brady) entgegenschlug.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Der Vordenker eines „zukunftsfähigen Konservatismus“, Günter Rohrmoser, behandelt Stirner wie folgt:
Diese Individualisierung und das mit ihr verbundene Freiheitsprinzip sind Ausdruck einer geschichtlichen Entwicklung, die Max Stirner, ein Philosoph des 19. Jahrhunderts, in seinem Buch Der Einzige und sein Eigentum charakterisiert hat. Es ist die Tendenz, daß jeder einzelne sich mit seinen Bedürfnissen, seinen Interessen und Ansprüchen selbst zum Absoluten erklärt und jede Beschränkung seines Willens zur Erfüllung der eigenen Ansprüche als eine unerträgliche Einschränkung und Unterdrückung seiner Freiheit versteht. Nietzsche hat diese Tendenz die „atomistische Revolution“ genannt, das heißt die Auflösung aller innerlich zusammenhaltenden, Gemeinschaft schaffenden Kräfte. (Rohrmoser: Der Ernstfall. Die Krise unserer liberalen Republik, Berlin: Ullstein, 1994, S. 423)
Und nochmal – mit den gleichen Worten:
Was sich nach dem Wiederaufbau der Gesellschaft nach dem Kriege in Deutschland entwickelt hat, ist eine Gesellschaft, die dabei ist, alles zu revidieren, was als Grundlage für ihren Aufbau von Bedeutung war. Die zunehmend postmodern sich verfassende Gesellschaft ist die Konsequenz eines seit langem andauernden, nun sich beschleunigenden Prozesses der Individualisierung. Die einzig beachtenswerte Substanz in dieser Gesellschaft scheint der einzelne zu sein, der sich in seinem Recht absolut setzt. Das sich absolut setzende Individuum negiert jede es übersteigende objektive Allgemeinheit. Das ist das Zeitalter Max Stirners: Jedes Individuum ist im Verhältnis zu sich selbst das Absolute. Wenn dieser Prozeß der Individualisierung und des Hedonismus sich weiter durchsetzt, muß das zwangsläufig zur inneren Auflösung der Gesellschaft führen. Es wird die „atomistische Revolution“ (Nietzsche) eintreten. Nietzsche sah, daß aus dem Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft, aus der Selbstzersetzung und der Dekadenz der bürgerlichen Kultur die atomistische Revolution hervorgehen und die Gesellschaft sich in Anarchie auflösen werde. Die Individuen sind nicht mehr bereit, irgendeine durch die Geschichte gewordene oder vermittelte Autorität anzuerkennen. (ebd., S. 425)
Bezeichnend ist, daß sich der christliche Philosoph Rohrmoser auf den Antichristen Nietzsche beruft, um vor der geistigen Atombombe Stirner zu warnen. Auch interessant, daß Rohrmoser die gleichen Befürchtungen hegt, wie vor 150 Jahren Marx angesichts Stirners: Zersetzung und Anarchie! Rohrmosers Befürchtungen ähneln auch denen des Super-Marxisten Hans G. Helms (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, 1966) der Stirner schnurstraks mit den Nationalsozialisten und allem Bösen in der Welt kurzschloß.
Vielleicht bezieht sich Rohrmoser auf folgende Stelle aus Nietzsches Schopenhauer als Erzieher (nach Laskas Theorie hat Schopenhauer Nietzsche vor Stirner „gerettet“):
Es sind [im modernen Leben] gewiß Kräfte da, ungeheure Kräfte, aber wilde, ursprüngliche und ganz und gar unbarmherzige. Man sieht mit banger Erwartung auf sie hin wie in den Braukessel einer Hexenküche (…). Seit einem Jahrhundert sind wir auf lauter fundamentale Erschütterungen vorbereitet; und wenn neuerdings versucht wird, diesem tiefsten modernen Hange, einzustürzen oder zu explodieren, die konstitutive Kraft des sogenannten nationalen Staates entgegenzustellen, so ist doch für lange Zeiten hinaus auch er nur eine Vermehrung der allgemeinen Unsicherheit und Bedrohlichkeit. Daß die Einzelnen sich so gebärden, als ob sie von allen diesen Besorgnissen nichts wüßten, macht uns nicht irre: ihre Unruhe zeigt es, wie gut sie davon wissen; sie denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie grösser sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muß: weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist. Wir leben die Periode der Atome, des atomistischen Chaos. Die feindseligen Kräfte wurden im Mittelalter durch die Kirche ungefähr zusammengehalten und durch den starken Druck, welchen sie ausübte, einigermaßen einander assimiliert. Als das Band zerreißt, der Druck nachläßt, empört sich eines wider das andre. Die Reformation erklärte viele Dinge für Adiaphora, für Gebiete, die nicht von dem religiösen Gedanken bestimmt werden sollten; dies war der Kaufpreis, um welchen sie selbst leben durfte: wie schon das Christentum, gegen das viel religiösere Altertum gehalten, um einen ähnlichen Preis seine Existenz behauptete. Von da an griff die Scheidung immer weiter um sich. Jetzt wird fast alles auf Erden nur noch durch die gröbsten und bösesten Kräfte bestimmt, durch den Egoismus der Erwerbenden und die militärischen Gewaltherrscher. Der Staat, in den Händen dieser letzteren, macht wohl, ebenso wie der Egoismus der Erwerbenden, den Versuch alles aus sich heraus neu zu organisieren und Band und Druck für alle jene feindseligen Kräfte zu sein: das heißt, er wünscht daß die Menschen mit ihm denselben Götzendienst treiben möchten, den sie mit der Kirche getrieben haben. Mit welchem Erfolge? Wir werden es noch erleben; jedenfalls befinden wir uns auch jetzt noch im eistreibenden Strome des Mittelalters; es ist aufgetaut und in gewaltige verheerende Bewegung geraten. Scholle türmt sich auf Scholle, alle Ufer sind überschwemmt und gefährdet. Die Revolution ist gar nicht zu vermeiden und zwar die atomistische: welches sind aber die kleinsten unteilbaren Grundstoffe der menschlichen Gesellschaft? (KSA Bd. 5, S. 367f)
Es sind die selbstsüchtigen tierischen Triebe und die hündische Feigheit des Menschen. Doch „der Schopenhauerische Mensch nimmt das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich“ (ebd., S. 371). Schon bei Nietzsche findet sich dergestalt nicht nur Stirner vs. Schopenhauer, sondern bereits mehr als deutlich Reich („der revolutionäre Träumer“) vs. Freud („der abgeklärte Realist“).
Dieser innere Konflikt Nietzsches, der den Kern unserer gesamten Kultur ausmacht, zieht sich in den Folgejahren durch Nietzsche Oeuvre. Das geht bis Der Fall Wagner (KSA Bd. 6, S. 27), wo von „(…) Anarchie der Atome (…) ‚Freiheit des Individuums‘ (…) ‚gleiche Rechte für Alle‘ (…)“ die rede ist, wobei er sich hier wohl in erster Linie auf Rousseau (indirekt also auf Marx!) und wieder auf das (bzw. Rohrmosers) Christentum bezieht. Denn was habe das Christentum „am besten und längsten“ gelehrt? Die „Seelen-Atomistik“ (Jenseits von Gut und Böse, KSA Bd. 5, S. 27). Das ganze geht also bis auf den (gnostischen) Christus zurück… Zu Christus und Stirner siehe Bd. 1 von Der verdrängte Christus.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Immer auf Kontra zu setzen und Reich stets draußen zu halten, ist billig: er habe nicht wirklich zu Marx, zu Freud, zu „Wilson“, „Roosevelt“, zu „Eisenhower“ (von denen er jeweils zu ihren Hochzeiten ein großer Fan war) etc. gehört. Das ist einfach eine Selbstverständlichkeit. (Es sollte zumindest eine Selbstverständlichkeit sein.) Was erst mal wichtiger ist, ist doch, wie Reich sich eingebracht hat: wie der wahre Reich, der „LSR-Reich“, sich in dieser Welt einbringen wollte. Mir persönlich hat immer imponiert, wie er sich einpassen konnte, wie er eben nicht in eine „Peer Gynt-Existenz“ versank, sondern sich in den Institutionen festsetzte und, zumindest anfangs, durchsetzte: in der Psychoanalyse, nach dem „Konflikt mit Freud“ in der KP, danach im Exil, wo er eine eigene Organisation nach der anderen aufbaute, um schließlich in seinen letzten Versuchen bis nach „ganz oben“ durchzudringen.
Dieser unbedingte Wille sich durchzusetzen und zwar in dieser Welt und ihren Institutionen, die einen rationalen Kern haben (siehe seinen Aufsatz „Die Entwicklung des autoritären Staatsapparats aus rationalen sozialen Beziehungen“ in Die Massenpsychologie des Faschismus). Siehe dazu auch seinen Brief an Neill vom 3. März 1956. Dort schreibt er, er sei immer ein „Konservativer“ gewesen. Was bedeutet das? Ein Konservativer ist jemand, der an die überkommenen Institutionen glaubt und der sie nutzen will, um im schlechtesten Fall den Status quo zu erhalten und im besten Fall, um diese Welt organisch zu den besagten „rationalen sozialen Beziehungen“ zurückzuführen.
Dem steht der Progressive gegenüber, der gegen die Institutionen ankämpft im Namen aller denkbar guten Ziele: soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Das führt entweder zum Zerfall (z.B. der Familie und damit der Psyche der Kinder) oder (bzw. und) zur Gegenreaktion.
Ich habe wahrhaftig nichts gegen den progressiven Reich, der diese scheiß Gesellschaft (die mein Lebensglück, die dein Lebensglück und das Lebensglück von 8 Milliarden Menschen für nichts und wieder nichts geopfert hat) „zerschlagen“ will. Die Frage ist nur, wie man das (die Veränderung der Gesellschaft) erreichen soll. Indem man sich den Institutionen anpaßt!
Bei aller „Anpassung“ hat Reich nie das Ziel aus den Augen verloren: siehe die Schlußsätze von Christusmord, siehe die „Kinder der Zukunft“ und sein Testament. Er war der einzige Denker (oder was auch immer), den ich kenne, der einen realistischen, gangbaren, sicheren, humanen Weg gewiesen hat, um das zu verlassen, was er als „die Falle“ bezeichnet hat. Er war der einzige (neben Stirner und LaMettrie), der überhaupt wußte, daß wir in dieser Falle stecken.
Es geht nicht an, die „sechs Jahrtausende“ einfach so vom Tisch zu wischen. Alles hat einen rationalen Kern. – Und dieser Satz ist eben nicht nur eine Platitüde, sondern der Dreh- und Angelpunkt. Es ist erstens rational, weil es sich durchgesetzt hat und schlichtweg existiert, zweitens weil es einem natürlichen Muster entspricht, das sich im gesamten Tierreich und „Menschenreich“ widerfindet und drittens weil es eine Entstellung der Arbeitsdemokratie ist – des bioenergetischen Kerns, d.h. seine Irrationalität keine eigene Substanz hat.
Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet das erzkonservative England (mit Königshaus, Perücken und all dem Zeugs) so ungefähr das demokratischste Land ist (bzw. war!), während Frankreich mit all seinen „revolutionären“ Umwälzungen geradezu eine grotesk undemokratische Gesellschaft ist. – Selbst die blödsinnigsten Institutionen, wie etwa die Erbmonarchie, haben eine rationale Funktion. Es ist vollkommen unproduktiv, ja kontraproduktiv sie zu zerschlagen. (Monarchien verankern den Staat sozusagen „vertikal“ in der Geschichte und sozusagen „horizontal“ in der Welt – der Adel ist international verzweigt und nur ein König kann einem „Commonwealth“ vorstehen.)
Es geht um einen Punkt, den kein Linker jemals nachvollziehen wird: um die Legitimität der Institutionen bzw. um ihre schrittweise Wiederherstellung. Endziel ist eine rationale Gesellschaft mit Institutionen, die man als genauso legitim hinnehmen kann, wie man etwa die Gravitation oder das Hebelgesetz akzeptieren kann: die „Freiheit“ wird auf eine nachvollziehbare und vernünftige Weise eingeschränkt, aber nicht mehr die Eigenheit im Sinne Stirners.
Man schaue sich dazu Charlton Hestons Endzeitfilm The Omega Man an und dessen Gegensatz zwischen der kulturrevolutionären „Familie“, die alle bisherige Geschichte hinwegfegen will, weil diese im Kern irrational und lebensfeindlich ist und die Menschheit an den Rand der Auslöschung geführt hat – und dem einsamen „Omega-Mann“, der alles tut, um das, was an der untergegangenen gut und lebenspositiv war:
Dieser Film drückt eigentlich alles aus, was ich mit meinen Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte aus sagen will.
Ich kann mich nicht erinnern, wie ich auf den Outdoor- und Militärexperten Thomas Gast gekommen bin. Wahrscheinlich bin ich irgendwann auf Youtube zufällig über ihn gestolpert. Warum bin ich bei ihm hängengeblieben? Erstmal, er war als „Mischling“ in der fränkischen Provinz von Anfang an Außenseiter – und ich war auch immer „draußen“. Ich kann mich noch erinnern, ich war vielleicht Fünf, als meine Mutter mich zum Tante-Emma-Laden schickte, um Mehl oder sowas zu kaufen. Vor dem Laden bin ich beim übermütigen „coolen“ Bremsen meines Fahrrades ins Schleudern gekommen und bauchlinks in eine Schlammpfütze gefallen. Bis heute kann ich mich, als ich schließlich, besudelt von meinem Schlammbad, am Verkaufstresen stand, an die Blicke der anderen Kunden erinnern – und meine abgrundtiefe Verachtung für diese Kleinbürger und Spießer. Trotz! Ihr und ICH! Immer war er da in der Schule: mein Oppositionsgeist, meine Extrawürste, mein krankhafter Eigensinn. „Peter, alle haben es so gezeichnet (oder was auch immer), nur mal wieder du….“
Seit Kindestagen fühle ich mich als „Outlaw“ nur, wie man heute so schön sagt, „outdoor“ wohl. Vor allem geht es in diesem Zusammenhang aber um einen Stachel in meinem Leben, das Militär. Ich hatte, schließlich ist man Abiturient, allen Ernstes mal eine Offizierslaufbahn in Erwägung gezogen, bin dann aber kläglich an der Bundeswehr gescheitert. Zum einen landete ich nicht bei den Jägern, sondern bei der Artellerie, was mir gar nicht zusagte. Ich sollte Fahrer werden, bis sich meine Vorgesetzten plötzlich anders entschieden. Mitten in der Grundausbildung wurde ich aus heiterem Himmel versetzt und in eine andere Kaserne gekarrt, wo man bis zum Ende der Wehrpflichtzeit nicht so recht wußte, was ich da eigentlich sollte, außer ständig Wache schieben mit scharfer Munition. Typisches Bundeswehr-Chaos. Was für ein desorganisierter Sauhaufen!
Es war eine scheiß Zeit. Und dann dieses ständige Machogetue, das mir dermaßen auf den SACK geht. Mein Helm ist zu klein für meinen Langschädel, ab ins Magazin, um einen größeren zu beschaffen. Einer dieser typischen Klappspaten wirft mir den Helm mit einer derartig wirklich unglaublichen Wucht entgegen, daß ich in Bruchteilen einer Sekunde entscheiden muß, ob ich ihn auffange und mir dabei wahrscheinlich einige Finger breche, oder ausweiche, so daß hinter mir sonstwas für ein Bruch entsteht und damit wieder mal Ärger, Ärger, Ärger. „Nasselstein!!!“ Also fange ich ihn auf, gerade so eben ohne schwerste Verletzungen davonkommend. Typisch Militär. Was für ARSCHLÖCHER!
Das mit dem Militär ist wirklich eine merkwürdige Dialektik. Befehl und Gehorsam, der Anschiß lauert wirklich hinter jeder Ecke, Sympathikotonie ist Dauerzustand, doch gleichzeitig kannst du dich nirgends freier fühlen. An sich ist der Traum jedes Jungen erfüllt und jeder Mann ist in seinem eigentlichen Element. Es ist in unserem Blut seit Schimpansenzeiten am Rande deines Reviers in quasi militärisch organisierten Gruppen nach feindlichen Menschenaffenhorden Ausschau zu halten und die Wildnis unsicher zu machen. Im Vergleich kommt einem das Zivilleben geradezu bizarr und künstlich und vollkommen sinnentleert vor.
Trotz allem und obwohl mir ein Unteroffizier an den Kopf geworfen hat: „Hasselstein, Sie sind ein hoffnungsloser Zivilist“, – das Militär ist mein Ding. Die Sommermonate als Lichtmesser irgendwo in der Schleswig-Holsteinischen Pampa, wo man sonst nie hinkommen würde. Auch nicht auf die Idee verfiele. Es zerreißt mich innerlich, wenn ich Thomas Gasts Beschreibungen seiner Zeit in der Fremdenlegion höre: Natur, Raum, Weiten, Abenteuer, Freiheit (sic!), Klarheit, Kameradschaft.
Was mich aber wirklich beschäftigt und verwirrt, ist Thomas Gasts Philosophie: du marschierst nicht mit den Beinen, sondern mit deinem Kopf! Das erinnert mich beispielsweise an den Marsch, als mein Hintermann mir sagte: „Sag mal, Peter, sickert da Blut aus Deinem Stiefel?“ „Upps, ja Du hast recht.“ Große Aufregung, ab mit dem Jeep zurück in die Kaserne zum Sani. „Hä, sowas habe ich ja noch nie gesehen!“ Mit diesem Fuß könnte man nach menschlichem Ermessen doch gar nicht gehen. Aber ohne meinen Hintermann hätte ich weiterhin meinen Körper und seine Signale schlichtweg ignoriert und wäre, stur wie ich bin, beliebig lange weitermarschiert.
Ist dieses Roboterhafte nicht das Gegenteil all dessen, wofür Reich und die Orgonomie stehen? Einmal sagte mir bei der Essensausgabe ein Kamerad, den ich kaum vom Sehen her kannte, unvermittelt und zusammenhanglos in den Nacken: „Roboter!“
„Augen zu und durch!“ Ich marschiere, Punkt! Ist das nicht die Quintessenz von Panzerung? Meiner charakterlichen Sturheit gleich Starrheit? Maschinenhaftigkeit? Die Trennung von Körper und Geist? Zweifellos. Doch andererseits… Ein guter Musiker der europäischen oder indischen Klassik oder des Jazz muß durch eine Hölle des mechanischen Lernens gegangen sein. Tonleitern, Akkordfolgen, Takt, Modulation etc. bis zum Überdruß, d.h. bis es zur Automatik wird. Erst dann ist er frei, um zu interpretieren bzw. zu improvisieren. Dazu muß er ziemlich ungepanzert sein. Man schaue sich kunstvollen Militärdrill an: ein total verspannter und verpeilter Mensch würde das nie und nimmer hinkriegen. Wie wach, kontaktvoll und geschmeidig mußt du sein, um aus einem militärischen Hinterhalt mit heiler Haut rauszukommen! Zweifellos machte mich meine Panzerung, nicht etwa meine Gesundheit zu einem schlechten Soldaten.
Aber, – da ist ein Widerspruch, den ich nicht verstehe. Auch verwirrt mich Thomas Gasts Diktum, daß du dem Leben eins in die Fresse hauen mußt oder das Leben macht dich fertig. Was bleibt da von der Hingabe an das Lebendige? Erst mal, Moment, wer wirklich Kontakt zur Natur hat, wirklich „Outdoor“ kennt, weiß, daß „die Natur“ kein romantischer Traum von Muttersöhnchen ist („Mutter Natur“), sondern von einer alles erschlagenden Nüchternheit sein kann. Ein Sommertag mutterselenallein weitab irgendwo in der besagten „schleswig-holsteinischen Pampa“! Die Nüchternheit, die brutale Leere und Indifferenz des Raumes! Und jederzeit kann ein Blutgerinnsel in dir oder ein bloßer Ast oder Stein, der irgendwo rumliegt, dir das Leben kosten! Sinnlos, trostlos, jenseits aller menschlichen Gefühle. Wie oft haben meine guten Reflexe seit frühster Kindheit mich vor einer Querschnittlähmung oder gar dem Halsbruch bewahrt! Life is a BITCH!
Romantische Naturliebhaber verstehen nichts von der Natur, Weicheier nichts von Hingabe. Man kann sich keinen härteren Knochen vorstellen als Thomas Gast – und doch keinen liebevolleren Vater, keinen hingebungsvolleren und lebendigeren Menschen. Sein ganzes Leben lang Militär und Paramilitär (Private Security) und „trotzdem“ einer der wenigen wirklich selbstregulierten, „anarchistischen“ Menschen. Sein ganzes Leben im Zentrum einer mörderischen lebensfeindlichen mechanistischen Zivilisation – und gleichzeitig immer draußen vor. Außerhalb der Falle. Er hatte einen denkbar schlechten Anfang, ganz unten auf der sozialen Leiter und dann noch „schwarz“ – und hat daraus ein perfektes Leben gemacht, wirklich GELEBT. Alles richtig gemacht!
„Sich den Arsch aufreißen, Bruder. Aber für die eigene Sache. Für die eigene Sache!“
Worum geht es in diesem Blogeintrag eigentlich? Um die Eigenliebe! Darum, daß Thomas Gast imgrunde ein Stirnerianer ist: