Email [Alexander Stulpe] (2011)

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Max Stirner von konservativer Warte? Nehmen wir Edmund Burkes klassische Betrachtungen über die Französische Revolution, die eine brillante Verteidigung der Institution der Erbmonarchie und anderer „Vorurteile“ darstellen. Burke positioniert hier die Legitimität der Vorurteile gegen die „rationalen“ Kopfgeburten der französischen Aufklärer. Damit inspirierte er den Freiherrn vom Stein und dessen Mitarbeiter und späteres Mitglied der Paulskirche Ernst Moritz Arndt. Dieses Dreigestirn („BSA“) meine ich, wenn ich von „Konservativen“ spreche. Es sind jene, die die absolutistische Tyrannei aufbrechen wollten (und es auch praktisch getan haben), indem sie die Legitimität wiederherstellten: der preußische Staat zog sich (praktisch einmalig in der Weltgeschichte) vollkommen aus der Gesellschaft zurück, die Gemeinden erhielten ihr Recht zurück, sich selbst zu verwalten, etc. Nichts weltbewegendes, aber genau jenes Maß an Freiheit („Wahrheit“), die die Strukturen der Menschen noch gerade so eben aushalten konnten. Der Weg in die richtige Richtung: Dezentralisierung ohne „krebsigen“ Zerfall, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung ohne „krebsiges“ Chaos, Demokratie ohne „krebsige“ Verantwortungslosigkeit.
Die Gegner von BSA waren die verdammten Wahrheits- und Freiheitskrämer mit ihren heeren Ideen. BSA ist zwar nicht gerade aufregend, nicht weltbewegend, nicht sexy, aber es ist der erste Schritt hin zu mehr Lebensfreude (weil es buchstäblich der Weg zurück zur Erde ist, weg von den hehren Ideen), zu mehr „Einzigkeit“ (weil nicht mehr die Idee der „Freiheit“ der Leitfaden ist, sondern das praktische Leben), zu mehr Arbeitsdemokratie.
Nehmen wir mal an, die Stirnerity würde sich durchsetzen. Wäre sie wirklich tragfähig? Wäre das nicht vielleicht ein ziemlich lustloser Haufen, der fatal an jene Pseudo-Stirnerianer im Paris der 1940er und 1950er Jahre erinnern würde: die grämeligen, kreidebleichen, schwarz-in-schwarz gekleideten Existentialisten, die „aus sich heraus ihre selbstverantwortete eigene Welt schaffen“ (oder so)? – Ich meine, wann kommt in einem „Verein“ (von der Betriebsfeier, über die Dorffeier bis zum Fest der Pygmäem im Kongo) wirklich genuine gemeinsame verbindende buchstäblich ansteckende Lebensfreude auf? Wenn der gemeinsamen Tradition gedacht und diese „Vorurteile“ (die für den Außenstehenden vollkommen gaga sind) zelebriert werden! Wenn es über Kopfgeburten, gemeinsame „kalte Interessen“ und Unverbindlichkeiten hinausgeht, d.h. wenn die gemeinsame Einzigkeit gefeiert wird. Identität. Legitimität. „Justified and ancient!“
Linke/Liberal und Konservative (BSA) sind eben nicht die gleiche Kategorie. Auf BSA kann man nicht „hereinfallen“!
Desgleichen mit der „Wissenschaft“: man kann auf den „Szientismus“ hereinfallen, aber eben nicht auf die Wissenschaft. Das eine ist ein Wahngebilde (und gerade die moderne „Wissenschaft“ entwickelt sich immer mehr zu einem solchen bloßen Wahngebilde, das jeden bezug zur Wirklichkeit verliert) – das andere ist Faktizität.
LSR (die totale Gegnerschaft) und BSA („Legitimität“) gehören zusammen: ohne das „anti-aufklärerische“ BSA kann sich die Aufklärung (LSR) nie durchsetzen. Ja sie darf sich sogar nicht (ohne BSA) durchsetzen! (Siehe oben alles zusammengenommen.)
Faschismus ist Ausdruck der Mittleren Schicht. Roter Faschismus ist Ausdruck der Mittleren Schicht mit Hilfe der sozialen Fassade. Und da sind wir gewisserweise immer noch, trotz des Sieges über den Kommunismus: in der kontaktlosen sozialen Fassade. Eine „illigitime“ (also „unechte“) Kontaktlosigkeit, gegen die schon BSA ankämpften, als sie mit der Französischen Revolution und ihren Folgen konfrontiert waren.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Jung Chang und Jon Halliday haben in ihrem Buch Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes über mehr als 900 Seiten hinweg den wohl größten Egomanen dargestellt, der je gelebt hat. 70 Millionen seiner Landsleute schickte er in den Tod, den Rest verdammte er zu Elend und Armut, er zerstörte eine der großen Kulturen der Menschheit und starb verbittert, weil er China nicht zu einer dominierenden Weltmacht machen konnte. Ohne Zweifel war er der mit Abstand größte Verbrecher und Massenmörder, den die Menschheit hervorgebracht hat. Und dabei ging es immer nur um ihn selbst und nicht etwa irgendeine Ideologie (Marx und Engels hat er nie gelesen). Er war ein Außerirdischer vollkommen losgelöst von jedweder Tradition und verachtete die Moral und das Gewissen. Ist er damit nicht eine perfekte Verkörperung von Stirners Einzigem? Oder man schaue sich Klaus Schwab oder Bill Gates an, die „Maoisten“ der Jetztzeit, die nach dem Motto leben: Tu, was du willst!
Ja, denn nichts stand Stirner ferner, als das Diktum, daß meine Freiheit bei der Freiheit der anderen, mein Glück beim dadurch vielleicht verursachten Unglück der anderen aufhört. Mein Freiheits- und Glückstreben ist einzig vom Ausmaß meiner Macht abhängig! Das heißt aber noch lange nicht, daß ein Mensch wie Mao ein Eigner seiner Selbst ist, denn zur Macht gehört auch der Wille. Warum sollte ich diese Verrücktheiten verüben? Welches total verkorkste Interesse sollte ich daran haben, andere unglücklich zu sehen? Wenn ich meine eigene Impotenz kompensieren müßte, dann wäre ich ein Besessener, ein Neurotiker, ein vom Über-Ich tyrannisierter und verkrüppelter, also das genaue Gegenteil eines Eigners meiner Selbst.
Und man komme mir nicht mit den Heiligen, die in allem das vermeintliche Gegenteil von Mao verkörpern. Sie machen sich klein, um „im Himmelreich“ die Ersten und Größten zu sein. Sie sind auf ihre Weise ebenso verkrüppelte Egomanen wie Mao. Man schaue sich das Leben von Mutter Theresa an:
Ich war heute in der Apotheke und bin dabei auf etwas gestoßen, was ich ansonsten nie beachte: die, wie der Name schon sagt, urdeutsche Apothekenzeitschrift my life (17 / 1. September 2023 A). [Moment: ich mußte mich kurz übergeben – weiter:] Aufgefallen war mir der Artikel „Das Geheimnis der Entspannung. Reizen sie den Vagusnerven“.
Es geht um die Stimulierung des Vagusnerves, d.h. die Herstellung von orgonotischer Expansion. Das reicht vom Gurgeln (weil so der Nerv stimuliert wird), übers Grimassenschneiden, hin zu Augenbewegungen und den Hals streicheln. Leider wird das ganze mit der fragwürdigen „Polyvagaltheorie“ verknüpft, die zwischen einem neuen (Säugetier) und alten (Reptil) Vagus unterscheidet und den Gegensatz von Vagus (Expansion) und Sympathikus (Kontraktion) unnötig verkompliziert.
Wichtiger sind aber ohnehin zwei Tests, die im Heft angeboten werden:
Öffne den Mund und beobachte im Spiegel das Zäpfchen. Wenn man hintereinander kurz und laut „ah, ah, ah“ sagt, zieht sich dann der Gaumen links und rechts des Zäpfchens symetrisch hoch oder bloß einseitig? Nur im ersteren Fall arbeitet der Vagus einwandfrei.
Kann man die folgenden zehn Fragen mit „Ja“ beantworten?
Hierzu lese man die entsprechenden Stellen am Ende von Reichs wissenschaftlicher Autobiographie Die Funktion des Orgasmus von 1942. Und zum folgenden, was Reich über „Atemübungen“ und Yoga in Äther, Gott und Teufel geschrieben hat.
In einer Rubrik dieser Ausgabe von my life dient die Fernsehjournalistin Nina Ruge dem Leser neben „positivem Denken“ (auf Deutsch Verdrängung) folgende Atemtechnik an, die das diametrale Gegenteil der Orgonomie ist, nämlich Yoga (Panzerung):
Atemtraining. Noch etwas hilft uns nachweislich, den Alterungsschalter Streß auf „Stop“ zu schalten: unser Atem. Wenn wir richtig atmen, übergeben wir das Steuer dem Ruhepol, dem Parasympathikus. Probieren Sie mal das „physiologische Seufzen“: durch die Nase sanft einatmen, bis in den Bauch, und noch ein bißchen tiefer. Kurz Atmen anhalten, und dann ausatmen, sehr langsam, durch den Mund. Wenn Sie das ein paarmal geübt haben, dann haben Sie Ihre Atemfrequenz halbiert. Von durchschnittlich zwölf Atemzügen pro Minute auf sechs. Diese verlangsamte Atmung senkt den Blutdruck, die Streßhormone und ihre unguten Folgen. Atmen Sie gaaaanz langsam den Streß weg, und bleiben Sie jung!
Tatsächlich ist das Geheimnis der Punkt 8 der obigen Aufstellung: „Ihre Organe machen geräuschlos im Hintergrund ihre Arbeit?“ Will sagen: funktioniert dein Organismus autonom und SPONTAN? Kannst du dich dem natürlichen, „automatischen“ Atemrhythmus vollkommen hingeben oder hältst du etwas, hältst du dich zurück? Lebst du in der Realität oder einer verkopften, infantilen Scheinwelt (von wegen „positives Denken“)? Bist du orgastisch potent?
Anmerkung: Hältst du dich zurück? Lebst du in Scheinwelten? Hallo! Schon mal was von Max Stirner und Bernd Laskas LSR-Projekt gehört? Bist du Eigner deiner selbst oder eingeschüchterter Sklave, der nicht mehr frei atmen kann und nur das im Kopf hat, was die Mächtigen hineingeschissen haben?!
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Die Weltverschwörung gegen die weiße Rasse, die als einzige Rasse auf diesem Planeten ständig „bereichert“ werden soll und per definitionem weder Opfer des Rassismus noch des Genozids (Umvolkung, DAS SCHLIMMSTE ALLER DENKBAREN VERBRECHEN!) sein kann, – diese Verschwörung hat zwei Aspekte:
Erstens wird die Gesellschaft gnadenlos atomisiert. Jede funktionierende Nachbarschaft im Stadtteil, auch die entlegenste Dorfgemeinschaft, selbst die letzte organisch gewachsene gesellschaftliche Einheit muß zersetzt und letztendlich zerschlagen werden: ideologisch („Selbstverwirklichung“) und materiell (Kapitalinteressen).
Zweitens sollen wir uns immer abwegigeren „Sachen“ unterordnen, d.h. „platonischen Ideen“ wie „der Menschheit“: aktuell verkörpert durch die Masseneinwanderung.
Charles Konia hat diese dialektische Dichotomie aus bindungsloser Vereinzelung und sozialistischer Zentralisierung als „antiautoritäre Gesellschaft“ bezeichnet.
Aber steht der Name „Max Stirner“ nicht als Signum unter der kompletten molekularen Vereinzelung voller egomanischer „einzigartiger“ Paradiesvögel, die beispielsweise frei ihr Geschlecht wählen können und frei sind von jeder zufälligen völkischen Identität?
Nehmen wir zunächst eine andere Frage: Warum wurde Bernd Laska (im großen und ganzen) von den Reich-Leuten und den Stirner-Leuten gleichermaßen abgelehnt?
Bei den Reich-Leuten lag es daran, daß er das Ausweichen ins „Kosmische“, d.h. ins Universale (sei dies nun im Sinne des Marxismus oder im Sinne der „Esoterik“), verunmöglichte und penetrant auf den aufklärerischen Kern von Reichs Denken verwies: die Selbststeuerung.
Die Stirner-Leute (ebenso die paar LaMettrie-Leute), die fast durchweg die eigene Verkorkstheit (beispielsweise bzw. insbesondere Homosexualität) mit dem Eintreten für die „Eigenheit“ verteidigen wollten, wurden durch Laska daran erinnert, daß diese ihre vermeintliche „Eigenheit“ doch nur Ausdruck der verinnerlichten (Un-) Kultur sind. Selbstgesteuerte Menschen sind alles andere als partikular („bunt“), sondern universal im Sinne von „kulturlos“ – schlicht einfach, biologisch.
Es gibt keinen Platz für Laska! „Laska“ steht für den Kampf zwischen denen, die sich selbst (ihre Eigenheit und ihr Eigentum, also Volk und Land) lieben und jenen, die sich selbst hassen. Ich vs. Über-Ich!
Reichs in Reich Speaks of Freud veröffentlichtem Interview mit Kurt Eissler 1952 hat zwei Fragen offengelassen: das Verhältnis von Moses und Jesus wie Reich es sah und warum, Reich zufolge, das Judentum nicht so „kosmisch“ ist wie das Christentum. Die erste offene Frage (Eissler sollte nachfragen, hat das aber unterlassen) habe ich in Teil 2 beantwortet: Moses befreite vom äußeren Pharao; Jesus, als eine Art „Max Stirner“, befreite vom „inneren Pharao“. Darum, und um nichts anderes, ging es in der Auseinandersetzung zwischen dem „Juden Freud“ und dem ausdrücklichen „Nichtjuden Reich“.
Die zweite Frage dreht sich um den Kern der Kabbala selbst: Jesus ist die leibliche Verkörperung des ungeschaffenen Logos, der die Welt erschaffen hat und durchgehend durchwirkt. Damit löst sich auch die eine Frage, die vielleicht die überaus meisten Menschen davon abhält, sich zum Christentum zu bekennen. Wenn Jesus der eine und einzige Weg zu Gott ist, was ist dann mit den Menschen, die nie von Jesus gehört haben, weil sie vor ihm lebten oder auf fernen Kontinenten? Jesus ist identisch mit dem Logos, der für ausnahmslos alle Menschen zugänglich ist, wenn sie um und wenn sie in sich blicken. Ihm zu folgen, das heißt dem Naturgesetz und der inneren Stimme, bedeutet Jesus zu folgen: Secundum naturam bedeutet Jesus zu folgen!
Liest man die Evangelien, dreht sich praktisch alles um Jesu Auseinandersetzung mit den Pharisäern, also jener jüdischen Sekte, die, neben den Christen, als einzige die Zerstörung Jerusalems überlebt hat und heute in Gestalt des talmudischen Judentums weiterlebt. Dabei geht es um die Person Jesu, der selbst Pharisäer war, und um seine Haltung zum jüdischen Gesetz. Jesus erregt Anstoß, weil er auf seine innere Stimme hört und weil er das jüdische Gesetz naturrechtlich, also abweichend vom Wortlaut interpretiert. Man muß unwillkürlich an Reichs Verhalten vor Gericht 1956 denken! Sozusagen: „Ja, ich habe das Gesetz gebrochen, aber seinen Sinngehalt erfüllt, während ihr mit eurem Tun diesen Sinngehalt tagtäglich mit Füßen tritt.“ Man denke etwa an die zutiefst gotteslästerlichen religiösen Institute in Israel, die immer neue Gerätschaften entwickeln, mit denen man die Sabbatruhe umgehen kann, ohne selbst eine Hand zu rühren bzw. einen Schritt zu tun. Der berühmte „jüdische Witz“…
„Jude“, im Sinne von „Pharisäer“, zu sein, bedeutet sich dem Logos zu entziehen. Und genau das war die tiefste Schicht der Auseinandersetzung zwischen Reich und den anderen Psychoanalytikern. Obwohl sie selbst die Libidotheorie und die Lehre vom Unbewußten entwickelt hatten, weigerten sie sich beharrlich die Konsequenzen daraus zu ziehen, d.h. die Orgasmustheorie und die Charakteranalyse und ihre konsequente Weiterentwicklung zur sexualökonomischen Lebensforschung und zur charakteranalytischen Vegetotherapie mitzumachen, stattdessen verstrickten sie sich immer mehr in quasi-kabbalistische Theorien über Myriaden von „Partialstrebungen“ und „ich-psychologischen“ Überlegungen. Für den Logos waren sie nicht nur blind, sondern taten alles, um ihn wieder und wieder ans Kreuz zu nageln.
Man mag einwenden, ob sich nicht die Kabbala, wie bereits erwähnt, genau mit dem „Wort Gottes“ beschäftigt und es zu entschlüsseln trachtet? Dazu mehr in Teil 4.