Posts Tagged ‘Psychosomatik’

nachrichtenbrief18

1. Mai 2017

Emotionen sind für den Therapieerfolg wichtiger als Einsicht und Deutung

22. Februar 2017

So der Titel eines Tagungsberichts von dem Psychiater und Psychotherapeuten Andreas Meißner im NeuroTransmitter (Feb. 2017), dem offizielles Organ der Nervenärzte, Neurologen und Psychiater. Im Gegensatz zur ursprünglichen Psychoanalyse sei heute die Therapie dieses Traditionsstranges intersubjektiv statt hierarchisch, partnerschaftlich statt autoritär. Die therapeutische Beziehung ist der entscheidende Wirkfaktor, nicht mehr Deutung und Einsicht. Früheste nonverbale Beziehungserfahrungen werden jenseits der Sprache im prozeduralen Gedächtnis („Beziehungsgedächtnis“) abgelegt und können deshalb nicht „gedeutet“ werden, sondern es kann in der therapeutischen Beziehung allenfalls zur Nachreifung kommen. Die Gesprächsatmosphäre wird wichtiger als die kognitive Verarbeitung, denn sie schafft einen „Entwicklungsraum“. Entsprechend kommt es ganz entscheidend auf die Wahrnehmungsfähigkeit, die Lebendigkeit und das Verständnis des Therapeuten an.

Liest man die entsprechenden Ausführungen, muß man spontan an Reichs Konzept von gegenseitiger orgonotischer Erstrahlung und Anziehung denken. Etwa wenn es bei Meißner heißt:

Es handelt sich [bei Therapeut und Patient] um ein analytisches Paar, das etwas neues Drittes erschafft, eine neue Wirklichkeit, eine neue gemeinsame Erfahrung, aus der nun beide Beteiligten verändert hervorgehen, verändert in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Ausmaß.

In dieser Art von Therapie hört der Patient auf, sich als bloßes Opfer längst vergangener Interaktionen zu betrachten, sondern (ganz wie in Reichs Charakteranalyse) tritt das Hier und Jetzt in den Vordergrund.

Soweit referiert Meißner Ausführungen des emeritierten Professors für Psychosomatik und Psychotherapie, Michael Erdmann. Im Anschluß daran beschreibt Meißner ergänzende Ausführungen des Professors für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie, Gerhard Roth:

Pränataler und früh postnataler milderer Streß der Mutter führt beim Kind zu einem erhöhten Kortisolspiegel, der einhergeht mit Überängstlichkeit, Melancholie oder Angststörungen. Bei stärkerem, chronischem und nicht bewältigbarem Streß führt der entsprechende Hyperkortisolismus zu atypischer Depression, Empfänglichkeit für posttraumatische Belastungsstörungen und zu emotionaler Unempfindlichkeit bis hin zur Psychopathie (wie man sie etwa beim „gefühllosen Berufskiller“ findet). Der Hyperkortisolismus geht fast immer mit einer verminderten Serotoninproduktion einher, was zu Störungen der Regulation von Nahrungsaufnahme, Schlaf, Temperaturregulation, der Fähigkeit der Verhaltensregulation, Beruhigung und Wohlbefinden, etc. führt. Reich sprach hier von „Sympathikotonie“, der chronischen energetischen Kontraktion des Organismus, die bereits im Uterus anfange, spätestens aber während und unmittelbar nach der Geburt.

Dem könne, so Roth, ein Oxytocinanstieg im Rahmen einer liebevollen Interaktion entgegenwirken. Die Kortisolproduktion werde verhindert, der Serotoninspiegel steige. Damit sei die Möglichkeit einer Kompensation früher psychischer (gemeint ist wohl eher emotionaler) Defizite gegeben.

Aus diesem Grund seien auch rein kognitive Therapiestrategien kaum erfolgreich. Die neurobiologische Forschung zeige, daß die Wirkung etwa der kognitiven Verhaltenstherapie auf emotional wirkenden Faktoren beruhen müsse, wie die Bindung zum Therapeuten und das konkrete verhaltenstherapeutische Training und Einüben im Hier und Jetzt. Ähnliches ließe sich über die „einsichtsvermittelnde und bewußtmachende“ Psychoanalyse sagen. „Eine rein sprachlich aufklärende Mitteilung wirke nicht auf die subkortikalen limbischen Zentren, erläuterte Roth. Wirksam wird die Behandlung, wenn emotionale Dinge eine Rolle spielen.“ Ähnliches sagte Reich in der damaligen Begrifflichkeit seit Anfang der 1930er Jahre. Die psychoanalytischen Sektierer haben ihn dafür mit einem gnadenlosen Haß und abgrundtiefer Verachtung gestraft.

Auf die Orgontherapie verweist folgende Stelle in Meißners Aufsatz: Durch die therapeutische Allianz komme es zu den erläuterten neurobiologischen Veränderungen hinsichtlich Kortisol, Serotonin, Oxytocin, etc. Doch „Roth wies darauf hin, daß die eigentlichen strukturellfunktionellen Defizite dabei aber offenbar nicht behoben werden, was die hohe Rückfallquote von 80% erklären könnte“. Deshalb spiele „das Aufspüren von Ressourcen und das Einüben alternativer Schemata im Fühlen, Denken und Handeln“ in einer zweiten Therapiephase eine große Rolle. Die neurobiologische Umstrukturierung brauche halt Zeit. Schön und gut, aber tatsächlich scheitern diese Therapien letztendlich, weil die PANZERUNG nicht angegangen wird!

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 4.a.

8. März 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

a. Die Atemsperre

Ein Fall von Anorexia nervosa (Teil 3)

24. November 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Robert A. Harman: Ein Fall von Anorexia nervosa (Teil 3)

acologo

Reich und die moderne Psychiatrie

28. Oktober 2014

In der Medizin, im Wissenschaftsbetrieb und in den populärwissenschaftlichen Medien ist Reich heute kaum mehr als eine belächelte Kuriosität.

2005 fand sich in der wöchentlichen Standeszeitschrift Deutsches Ärzteblatt (S. A1459) eine Notiz „Sexualität und Medizin – Orgasmusreflex“, die aus einem längeren Zitat aus Reichs Die Funktion des Orgasmus (1942) über den Orgasmusreflex besteht: eine einheitliche Gesamtkörperzuckung, zuckender Plasmahaufen, Orgasmusforschung führte zum biologischen Kern der seelischen Erkrankungen, der Orgasmusreflex findet sich bei allen Lebewesen, bei Einzellern in Gestalt von Plasmazuckungen. Das Deutsche Ärzteblatt kommentiert:

Hier wird auf das Paradigma der Amöbe angespielt. – Reich (1897-1957) war 1922 bis 1930 am psychoanalytischen Ambulatorium in Wien tätig, ab 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei; 1933 Ausschluß aus der Psychoanalytischen Vereinigung und aus der KP, im Exil ab 1934, von 1939 bis zu seinem Tod in den USA; Wegbereiter der späteren Gestalt- bzw. Körpertherapie. Seine Definition des „Orgasmusreflexes“ offenbart ein strikt biologistisches Menschenbild.

Das findet sich unter der Rubrik „Medizingeschichte(n) – ausgewählt und kommentiert von H. Schott“ neben einem zweiten kurzen Artikel, „Ärzte als Patienten – Schlaflosigkeit“. Er behandelt als medizinhistorische Kuriosität ein Zitat des Arztes Giralomo Cardano aus dem Jahre 1643.

Das populärwissenschaftlichen Magazins P.M. machte vor einigen Jahren mit der Überschrift auf „Das Geheimnis der kosmischen Lebensenergie“. Im ersten Absatz wird der „umstrittene österreichische Psychologe Wilhelm Reich“ abgehandelt:

Wie er vom nicht nur genialen, sondern auch „höflichen“ Einstein in Princeton empfangen wurde, nachdem er kurz zuvor aus der Psychoanalytischen Vereinigung wegen seiner „spleenigen Ideen“ ausgeschlossen wurde. Einstein habe Reich leider bescheinigen müssen, daß der „Lichtschein“, durch den das Orgon sich manifestieren würde, eine rein subjektive Empfindung sei.

Reich nahm sich später das Leben, immer noch fest davon überzeugt, mit Orgon die „Lebensenergie des Kosmos“ sichtbar gemacht zu haben.

Reichs Tragik sei gewesen, daß er ganz dicht dran war, an dem was die meisten Menschen auf der Welt als Tatsache betrachten. Der Rest des Artikels handelt dann von „Prana“, Schamanismus und der chinesischen Medizin. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine ähnliche Scheiße ist, wie die substanzlosen Phantasien, die der Autor Karsten Flohr über Reich zusammengeschmiert hat. Für so einen Mist 3,50 EUR auszugeben… Allein schon das mit dem Selbstmord ist eine ungeheuerliche Frechheit! Typischer Qualitätsjournalismus!

Immerhin gibt es hier und da Ausnahmen. So beschäftigte sich 2004 Dr. Ulfried Geuter (FU Berlin) im Organ des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (Report-Psychologie 2/2004) mit der Geschichte der körperorientierten Psychotherapie. Er mahnte:

Die Körperpsychotherapie muß die Verbindung zur Forschung suchen. Wilhelm Reich hat dies getan, da er seine Gedanken aufgrund von experimentellen und klinischen Forschungen als bessere Theorie in der Psychoanalyse verankern wollte. Es ist sicher kein Zufall, daß ausgerechnet zur Wirkung des Orgonakkumulators eine Doppelblindstudie vorliegt, die wahrscheinlich den Kriterien des Wissenschaftlichen Beirats genügen würde; ihr zufolge erhöht sich im Akkumulator die Körperkerntemperatur (Müschenich & Gebauer, 1996).

Hier bezieht sich Geuter auf ein kurzes Referat in DeMeos Orgonakkumulator-Handbuch. Das Original von 1987, Der Reichsche Orgonakkumulator, war ursprünglich die Diplomarbeit von Dr. med. Dipl.-Psych. Stefan Müschenich.

Es sei auch auf Dr. Müschenichs umfangreiche Doktorarbeit von 1995 verwiesen, die weit umfassender ist, als ihr Titel Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich anzudeuten scheint.

Reichs „Charakterlehre“ sagt aus, „daß es neurotische Symptome ohne eine Erkrankung des Gesamtcharakters nicht gibt. Symptome sind nur Gipfel auf dem Bergrücken, der den neurotischen Charakter darstellt“ (Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 36). Vor Reich galt, daß „das neurotische Einzelsymptom (…) ausdrücklich als Fremdkörper in einem sonst gesunden psychischen Organismus betrachtet (wurde)“ (ebd., S. 35).

Mit dem gängigen Diagnoseschlüssel ICD-10:F hat sich die Situation sogar zugespitzt, da jede psychische Auffälligkeit als isolierte Erkrankung betrachtet wird. Im Idealfall ist sie auf Störungen der „Gehirnchemie“ zurückzuführen und kann entsprechend mit Pillen „geheilt“ werden. Diese Sichtweise ist sehr attraktiv, weil sie das Stigma von psychischen Erkrankungen nimmt. Wer etwa unter einer Sozialphobie leidet, braucht sich genausowenig zu schämen, wie jemand, der einen Gallenstein hat. Es ist etwas Isoliertes, das nichts mit dem eigenen Wesen bzw. dem „Charakter“ zu tun hat.

Gewisserweise ist diese Betrachtungsweise sogar richtig, denn unter der Voraussetzung, daß der Charakterpanzer nicht zu rigide ist, kann den einzelnen „isolierten“ Symptomen die Energie entzogen werden. Das ist eine der zentralen Aussagen von Reichs Sexualökonomie: „Der Gesunde hat praktisch keine Moral mehr in sich, aber auch keine Impulse, die eine moralische Hemmung erfordern würden. Die Beherrschung etwa noch vorhandener asozialer Impulse gelingt mit Leichtigkeit unter der Bedingung der Befriedigung des genitalen Grundbedürfnisses“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 30).

Jeder kann in Streßsituationen paranoid werden, sich in Zwangshandlungen verfangen, Phobien entwickeln, depressiv werden, etc. Ändert sich jedoch die Situation, kann „die Energie wieder frei fließen“, lösen sich diese Symptome in nichts auf. Panzerung ist dadurch definiert, daß die Symptome auch unter den besten Bedingungen anhalten und sich vielleicht sogar verschlimmern. Menschen verhalten sich „neurotisch“. Beispielsweise entspannen sie sich nicht etwa in einer angenehmen und freundlichen Umgebung, sondern werden noch mißtrauischer, noch depressiver, noch ängstlicher, etc. Der Energiepegel steigt und entsprechend wird die „Reaktionsbasis“ aufgeladen.

Reich ging es darum, diese „Reaktionsbasis“, beispielsweise eine chronische Augenpanzerung, aufzulösen. Erst dann lassen sich sozusagen „Restsymptome“ isoliert betrachten. Ein „genitaler Charakter“, d.h. ein „gesunder psychischer Organismus“, ist demnach kein perfektes Wesen, sondern schlicht jemand ohne chronische Panzerung, bzw. jemand, der so ist, wie es heutzutage von jedem Patienten behauptet wird: seine Symptome sind isolierte, imgrunde bedeutungslose Gegebenheiten. Das heilende „Agens“ ist die orgastische Plasmazuckung.

Nachdem Reich jahrzehntelang in der Psychiatrie als unnennbare Unperson galt, findet sich heutzutage in der Lehrbuch-Bibel der Psychiater, dem „Berger“, folgendes über Reich:

Bereits ein Jahrzehnt vor den Arbeiten Fenichels hatte Wilhelm Reich (1933 [Charakteranalyse]) einen weit umfassenderen Begriff der Abwehr formuliert. Sein Begriff des „Charakterpanzers“ beschreibt das Ergebnis eines länger währenden Bewältigungsprozesses psychosexueller Frustrationen auf kognitiver, emotionaler sowie motorischer Ebene. Das heißt, der gesamte psycho-motorische Mechanismus eines Individuums steht im Dienste der Trieb- und Bedürfnisabwehr. Dieses „Falsche-Selbst“ wird als ich-synton wahrgenommen. In Krisensituationen führen jedoch die hohe Anstrengung und der Energieverbrauch, der zur Aufrechterhaltung dieses Charakterpanzers benötigt wird, potentiell zur Dekompensation des psychischen sowie des physischen Apparates. Damit öffnete W. Reich nicht nur das Feld der Psychosomatik, sondern auch der körpereinbeziehenden Psychotherapien. (Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen – Klinik und Therapie, München – Jena: Urban & Fischer, 2004, S. 887)

wr7Durchaus zwiespältig werden meine Gefühle jedoch angesichts anderer „Rehabilitationsmaßnahmen“ in Sachen Reich. Etwa der Gedenktafel, die seit 2007 an Reichs Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf in der Schlangenbader Straße 87 prangt. Einerseits ist es immer gut, wenn die Haupttaktik der Emotionellen Pest gegen Reich (nämlich ihn vergessen zu machen) hintertrieben wird – aber diese Tafel ist ausdrücklich eine von 18, die von den Nationalsozialisten verfolgte Psychoanalytiker ehren soll. Kann es einen größeren Albtraum geben, als posthum von Leuten „großzügig“ vereinnahmt zu werden, die… Reich wird – vergeben!

In seinem Standardwerk über Persönlichkeitsstörungen (5. Auflage, Weinheim 2001) erwähnt Peter Fiedler Reichs Ausschluß aus der Psychoanalyse. Vor allem jene Psychoanalytiker seien mit Freud in Konflikt geraten, „die den kulturellen und sozialen Faktoren eine größere Bedeutung beimaßen als den von Freud und seinen Anhängern herausgestellten biologischen Faktoren.“ (S. 79) Und weiter:

Eine ausführliche Dokumentation der Ausgrenzungsgeschichte in der Psychoanalyse findet sich u.a. bei Peter Gay (1987), der jedoch wie die meisten Biographen Sigmund Freuds die besonders unrühmlichen und bedrückenden Vorgänge um den Ausschluß von Wilhelm Reich völlig ignoriert. Daß dies bis in die Gegenwart hinein immer noch passiert, ist unglaublich (…).

In der Tat: eine Sauerei, die einen fassungslos macht! Fassungslos macht einen aber auch die Naivität von Fiedler, der nahelegt, daß sich hinter Reichs Ausgrenzung technische Differenzen zwischen Reichs „topographischer Auffassung“ und der „strukturtheoretischen Innovation seiner psychoanalytischen Kollegen“ verbergen und daß Reich schließlich auch „wegen seines dezidiert politischen Engagements nurmehr wenig Resonanz“ fand (S. 65).

Deshalb (weil Reich sich weigerte, die menschliche Psyche als ein Kasperletheater zu betrachten, in dem sich die Personen „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ streiten, und weil er militanter Antifaschist war) diese umfassende, bis heute andauernde Ausgrenzung, als wäre Reich der Teufel höchstpersönlich, dessen Namen man lieber nicht heraufbeschwört?

Anzumerken ist noch, daß diese kurzen Exkurse nicht recht in das Lehrbuch passen. Offenbar ist Fiedler über etwas gestolpert… Zur Vertiefung verweise ich auf das www.lsr-projekt.de.

Die antiautoritäre Gesellschaft am Beispiel des Ärztestandes

23. Juni 2012

ein Gastbeitrag von Dr. med. Mann

Hört man das Wort „antiautoritäre Gesellschaft“, denkt man an Rebellion oder gar „Emanzipation“. Manche werden sich fragen, ob dieser Begriff nicht ein fataler Fehlgriff ist, um eine Gesellschaft zu beschreiben, die (unter dem Deckmäntelchen der „Demokratisierung“) immer mehr Lebensbereiche reglementiert und bürokratisiert; was sich letzten Endes als weitaus repressiver entpuppt, als es die vielbeklagte „Repression in der bürgerlichen Gesellschaft“ je gewesen ist. Am Beispiel des Arzt-Berufs läßt sich zeigen, welch totalitäre Züge die antiautoritäre Gesellschaft annimmt, trotz vordergründig gegenteiliger Assoziationen bei dem Begriff „antiautoritär“.

Kaum ein Berufsstand war in der autoritären Gesellschaft geachteter als der des Arztes. Dabei spielten zwar Standesdünkel und Mystizismus („Halbgötter in Weiß“) hinein, aber diesem verzerrten Kontakt zum bioenergetischen Kern entsprach dennoch eine gewisse arbeitsdemokratische Rationalität. Es galt, was der Arzt sagte und verordnete. Das sorgte für einen gewissen Dezentralismus und autonome Strukturen. Kein Gesetzgeber, keine Regierung oder Versicherung kam auf den Gedanken, das fachärztliche Urteil anzuzweifeln oder an seiner Gültigkeit zu zweifeln. Patienten folgten widerspruchslos den Anordnungen und Verordnungen des Fachmanns.

Das hat sich grundlegend geändert und zeigt plastisch die fatalen Auswirkungen der antiautoritären Gesellschaft. Zunächst einmal versteht sich der Patient zunehmend als „kritischer Kunde“ und tritt mit einem entsprechend übersteigerten Anspruchsdenken an den Arzt heran, dem ganz offen Wunderkuren abverlangt werden, weil der Patient möglichst gar nichts tun (und nichts an sich und seinem „ungesunden Lebenswandel“ ändern) will – außer den Arzt zu kritisieren. Hiervon kann jeder Arzt „ein Lied singen“, der z.B. mit der „Einstellung“ eines Diabetes mellitus zu tun hat. Dazu passend, verstehen sich viele Ärzte und sogar Psychotherapeuten mittlerweile nicht mehr als „Heiler“, sondern als hochspezialisierte „Dienstleistungs-Anbieter“.

Dabei tritt der Arzt zunehmend in Konkurrenz mit Ratschlägen aus den Massenmedien und jeder Menge anderer „Fachleute“. Oder mit anderen Worten, seine Autorität wird ständig infrage gestellt. Fast jeder Patient (v.a. die jüngeren), der selber nullkommanull Erfahrungen mit Psychopharmaka hat, meint den Arzt (dessen entsprechende Empirie auf Tausenden von Fällen sowie auf seiner Kenntnis unzähliger wissenschaftlicher Studien beruht) gleich im Erstgespräch belehren zu müssen, daß das von ihm vorgeschlagene Medikament laut Google-Recherche ja „fürchterliche Nebenwirkungen“ habe. Tatsächlich ist deren Auftretens-Wahrscheinlichkeit jedoch gegebenenfalls geringer als diejenige, daß man sich beim Autofahren beide Beine bricht.

Der Arzt wird sogar als „Agent der Pharmaindustrie“ verdächtigt, d.h. als Geschäftemacher im Verbund mit „bösen Mächten“. An die Wirksamkeit der Medikation wird sowieso nicht mehr geglaubt, und es gibt ein ewiges Ringen um die „Compliance“ (also Krankheitseinsicht und Mitarbeit) des Patienten. Dieser Aspekt ist auch volkswirtschaftlich von großer Relevanz, da verschiedenen Untersuchungen zufolge etwa jede zweite ärztlich verschriebene Tablette nicht im Magen des Patienten landet, sondern im Müll oder der Toilette entsorgt wird.

Daraus sich ergebende ausbleibende Therapieerfolge werden natürlich dem Arzt angelastet: „die da oben“ haben immer schuld! Wenn man in ein Flugzeug steigt, funktioniert die Arbeitsdemokratie: jeder Passagier vertraut ganz selbstverständlich dem Piloten sein Leben an, da dieser ja im Gegensatz zu den Insassen „von der Pike auf gelernt“ hat, ein Flugzeug zu steuern. Im Gesundheitswesen ist es hingegen ganz anders: fast jeder Patient sieht sich selber als „kleinen Arzt“ oder Psychologen. So beklagte Wilhelm Reich schon zu seinen Zeiten, daß sich jeder „kleine Mann“ für einen psychiatrischen Experten hält, nur weil er selber Emotionen hat.

Hinzu kommt, daß genau wegen dieser grundsätzlich antiautoritären Haltung das Leben zunehmend „kollektiviert“ und bürokratisiert wird. Sie wirkt sich dadurch nicht etwa „emanzipatorisch“ aus, sondern läuft im Gegenteil auf eine totalitäre Kontrolle sämtlicher Lebensbereiche hinaus. Heutzutage verbringt ein Arzt fast die Hälfte seiner Arbeitszeit nicht etwa mit der Behandlung von Patienten, sondern damit, unzählige Schreiben zu verfassen und Formulare auszufüllen, um sich gegenüber viel weniger fachlich qualifizierten Sachbearbeitern von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen (die den Patienten und die Begleitumstände seiner Erkrankung gar nicht persönlich kennen), der Kassenärztlichen Vereinigung, Rentenversicherungsträgern, der Ärztekammer, Gerichten, Gutachtern für Psychotherapie-Anträge, dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen usw. ständig dafür zu rechtfertigen, ob die von ihm gestellte Diagnose und die darauf basierende Behandlung auch richtig ist.

Schon bei der Auswahl des geeigneten Medikaments ist der Facharzt nicht etwa frei (früher gab es mal die so genannte „Therapie-Freiheit“ des Arztes), sondern hat sich an verbindliche „Behandlungs-Leitlinien“ der Fachgesellschaften zu halten, wenn er nicht „mit einem Bein im Gefängnis stehen“ will. Das unsägliche „Punkte-System“ der Kassenärztlichen Vereinigungen mit Fallpauschalen bzw. „DRGs“ (Diagnosis Related Groups), „Richtgrößen-Volumen“ „Budgetierungen“ und entsprechenden Regreß-Forderungen bei deren Überschreitung, tun ihr Übriges, um den VerwaltungsAufwand (und den Frust des Arztes) extrem in die Höhe zu treiben.

Daß das „Gesundheits“-Wesen v.a. aus diesen Gründen hoffnungslos überbürokratisiert, organisiatorisch „gepanzert“, korrupt und konsekutiv viel zu teuer ist, ist eine der „heiligen Kühe“, die in der öffentlichen Diskussion tabu sind – schließlich geht es doch um den „Erhalt von Arbeitsplätzen“ (also z.B. die der über 100.000 „SOFAs“ = SozialversicherungsFachangestellten), was das Herz jedes Gewerkschafters und Sozialdemokraten höher schlagen läßt.

Parallel dazu hat der Gesetzgeber (ebenfalls im Rahmen der genannten „Demokratisierung“) neulich dafür gesorgt, daß die „Patienten-Rechte“ noch weiter gestärkt werden. Was sich auf den ersten Blick gut anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als veritabler Schwachsinn. Jeder Patient kann jeden Arzt „einfach so“ wegen eines vermeintlichen Behandlungsfehlers auf unglaubliche Summen Schadensersatz verklagen. Pikanterweise muß dazu nicht etwa (wie im sonstigen Rechtssystem selbstverständlich) der Patient nachweisen, daß ein solcher Fehler geschehen ist, sondern der Arzt muß vielmehr vor Gericht selber den positiven Nachweis erbringen, daß er korrekt behandelt und nichts falsch gemacht hat! Was natürlich in der Konsequenz dazu führt, daß die umfangreiche schriftliche Dokumentation wichtiger wird als die Behandlung selber. Welcher Kassenpatient kennt nicht die (daraus resultierende) groteske Situation, daß der Facharzt während des Erstgesprächs den Patienten kaum noch ansieht, sondern bereits auf seiner PC-Tastatur wie wild Daten und Abrechnungsziffern eintippt? Dies ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Kontroll- und Regulationswut der Institutionen in Wahrheit zur zunehmenden Panzerung der Arzt/Patient-Beziehung führt, die doch eigentlich das „A und O“ einer jeden guten Behandlung darstellt.

Besonders perfide an dieser Art des systematischen Totalitarismus ist, daß man heute (im Gegensatz zu den Zeiten der autoritären Gesellschaft) nicht mehr auf einzelne „autoritäre“ Herrscher bzw. Individuen wütend sein kann, da die Entmündigung des Bürgers im ach so „demokratisch aufgeklärten“ Zeitalter sehr viel subtiler erfolgt durch die Allmacht der allgegenwärtigen Institutionen (die noch dazu vorgeben, sie täten das alles ja im Sinne der Bürger bzw. Patienten-Rechte).

So kommt es, daß Gesetze und Vorschriften zunehmend den Gestaltungsfreiraum des Arztes einschränken und ihn zu einem bloßen Rädchen im Getriebe machen, das zu funktionieren hat und das ja nichts aus eigenem Antrieb unternehmen darf. Gegenwärtig wird er sogar von umfassendem „Qualitäts-Management“ und „Zertifizierungs-Maßnahmen“ gepiesakt, was wirklich jeden Handschlag standardisiert und vor allem eins bedeutet: zusätzlicher Papierkram, der von der eigentlichen Arbeit abhält. Das Fachwissen und die Erfahrung des Einzelnen gelten nichts mehr. Er hat sich standardisieren zu lassen und muß sich vor irgendwelchen Gremien rechtfertigen, wenn er aus der Reihe tanzt.

Zu allem Überfluß nimmt der Druck von Seiten der privaten Versicherungen zu, und der Arzt muß sich immer mehr gegenüber irgendwelchen Sachbearbeitern rechtfertigen, weil beispielsweise die Medikation (ihrer Meinung nach!) nicht mit der Diagnose harmoniert. Da diese Auseinandersetzungen grundsätzlich über den Patienten laufen, wird so die Autorität des Arztes und das Vertrauen in den Arzt zusätzlich unterminiert.

Und schließlich kommt etwas zum Tragen, was insbesondere in Amerika den Arztberuf zu einem veritablen Alptraum gemacht hat: Patienten, die für ihr Leid ganz „antiautoritär“ immer andere verantwortlich machen, beginnen die rechtlichen Mittel auszuschöpfen. Groteskerweise geht es bei etwaigen Gerichtsverhandlungen aber gar nicht um den Arzt, sondern um seine Haftpflichtversicherung, die möglichst wenig an Entschädigung zahlen will und entsprechend den Arzt weiter entmündigt. Selbst wenn er einen Fehler gemacht hat, darf er den nicht offen einräumen! Er und andere dürfen aus seinen Fehlern nicht klug werden.

Eines der Hauptresultate von alledem sind explosionsartig steigende Kosten (nicht zuletzt aufgrund der der Haftpflicht), die gegenwärtig z.B. die Gilde der freiberuflichen Hebammen buchstäblich auslöschen. Dies und die damit einhergehenden schreienden Ungerechtigkeiten werden natürlich „dem Kapitalismus“ angelastet, was die antiautoritäre Ideologie weiter unterfüttert und nach mehr bürokratischer „Abhilfe“ ruft – so daß sich der Teufelskreis immer weiter fortsetzt.

Man kann sich den „Lösungsansatz“ etwaiger Reformer schon denken: es wird natürlich alles darauf hinauslaufen, „autoritäre Strukturen“ noch radikaler zu hinterfragen und die fachliche Autorität der Ärzte noch mehr zur Disposition zu stellen. Auf diese Weise zerstört die antiautoritäre Gesellschaft die Arbeitsdemokratie in einer scheinbar unaufhaltsamen Abwärtsspirale, während die frühere autoritäre Gesellschaft zumindest eine Karikatur der Arbeitsdemokratie bewahrte.

Am Ende wird vor allem einer der Dumme sein: der Patient und Steuerzahler, um den sich ja angeblich alles dreht und der alles bezahlen muß. Tatsächlich geht es aber bei dieser Angelegenheit jedoch nur um eines, nämlich um das auf den gesellschaftlichen Schauplatz verlagerte ödipale Drama – die „antiautoritäre Emanzipation“ mit ihrer infantilen Rebellion gegen die „Vaterfigur“ Arzt.

Die „Organmediziner“ sind in ihrer Position ziemlich sicher, da letztendlich doch die Realität, etwa in Gestalt eines Blinddarmdurchbruchs, die Oberhand behält und so für den Erhalt einer gewissen arbeitsdemokratischen Ordnung sorgt. Ganz anders sieht es aber im Bereich der Psychiatrie (sowie Psychotherapie, Psychosomatik udgl.) aus, die seit Beginn der antiautoritären Ära, also seit etwa 1960, von absurden Bewegungen wie der „Anti-Psychiatrie“ oder dem „Sozialistischen Patientenkollektiv Heidelberg“ und wirren Pseudo-Philosophen wie Michel Foucault grundsätzlich in Frage gestellt wird. Wer es wagt, „psychische Gesundheit“ zu definieren, steht gleich als „Nazi“ da.