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Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 6)

7. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN (Fortsetzung)

Im allgemeinen konzentrieren sich die Felder Psychologie, Psychotherapie und Neurowissenschaften immer mehr auf den Körper, die Emotionen und nichtverbale Elemente in Kommunikation und Psychotherapie (siehe beispielsweise Anderson 2008, Aposhyan 2004, Aron und Anderson 1998, Fosha 2000; Fosha, Siegel, Solomon 2009, Fotopoulou, Pfaff, Conway 2012, Goleman 1995 und 2006, Gottman 1997, Knoblauch 2000, La Barre 2001, Modell 2003, Ogden 2006, Schore 2003a, 2003b, Spezzano 1993, Totten 2003, 2005, Wallin 2007). Manchmal wird Reichs Beitrag anerkannt, meistens jedoch nicht. Obwohl der zunehmende Fokus auf den Körper und die Beziehung zwischen dem Verbalem und dem Nonverbalen in psychoanalytischen Schriften ein neueres Phänomen ist, hat sich die Psychoanalyse immer auf die wichtige Rolle von Emotionen im menschlichen Leben und in der psychotherapeutischen Behandlung konzentriert. Freud betonte, daß Heilung allein durch intellektuelle Einsicht, ohne emotionale Entladung, nicht möglich sei.

Die Charakteranalyse entwickelte sich innerhalb der psychoanalytischen Tradition. Empirische Forscher (z.B. Blagys und Hilsenroth 2000) haben eine Reihe von Merkmalen identifiziert, die die psychodynamische (d.h. psychoanalytisch orientierte) Therapie zuverlässig von der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) unterscheiden. Eines dieser Unterscheidungsmerkmale ist der „Fokus auf den Affekt und den Ausdruck von Emotionen … im Gegensatz zu einem kognitiven Fokus, bei dem der Schwerpunkt auf Gedanken und Überzeugungen liegt“ (Shedler 2010, S. 99). Sechs weitere charakteristische Merkmale der psychodynamischen Therapie wurden identifiziert, von denen viele eindeutig einen Fokus auf den Charakter beschreiben, wie ihn die Orgonomie konzeptualisieren würde: „2. Erkundung von Versuchen, quälende Gedanken und Gefühle zu vermeiden … 3. Identifikation wiederkehrender Themen und Muster …. 4. Diskussion vergangener Erfahrungen (Entwicklungsfokus) …. 5. Fokus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen …. 6. Fokus auf die therapeutische Beziehung“ (ibid).

Obwohl in den letzten 20 bis 30 Jahren KVT die empirisch nachgewiesene Wirksamkeit für sich reklamiert hat, hat die neuere Forschung begonnen, die Schlußfolgerung zu stützen, daß die psychodynamisch orientierte Therapie für eine Vielzahl von psychiatrischer Erkrankungen mindestens genauso wirksam und wahrscheinlich effektiver ist, mit längerfristiger Wirkung als die KVT (siehe zum Beispiel Shedler 2010; Yeomans, et al 2012). Darüber hinaus haben psychotherapeutische Ansätze, die die Emotion explizit betonen, wie die sogenannte Emotionsfokussierte Therapie für Paare, in empirischen Studien gleichermaßen hohe Wirksamkeit gezeigt (siehe beispielsweise Johnson 2009).

Die Wissenschaft hat im Allgemeinen zunehmend erkannt, daß Körper, Gehirn und Geist aus demselben Stoff sind und daß das, was zwischen Menschen und innerhalb der einzelnen Psyche geschieht, unseren Körper auf jeder Ebene beeinflußt. Ein Artikel im Wall Street Journal (Wang 2012) beschreibt:

Wissenschaftler stellen zunehmend fest, daß Depressionen und andere psychische Störungen ebenso sehr Erkrankungen des Körpers wie des Geistes sein können. Menschen mit psychischem Langzeitstreß, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen neigen dazu, frühere und ernstere Formen von körperlichen Erkrankungen zu entwickeln, die normalerweise Menschen im Alter treffen, wie Schlaganfall, Demenz, Herzkrankheiten und Diabetes. Aktuelle Untersuchungen zeigen auf, was auf zellulärer Ebene geschehen könnte, um dies zu erklären. Wissenschaftler stellen fest, daß die gleichen Chromosomveränderungen, die mit zunehmendem Alter der Menschen auftreten, auch bei Menschen mit starkem Streß und Depressionen zu finden sind.

Forscher haben in Experimenten auch gezeigt, daß die Ernährung genetische Struktur, Funktion und Expression beeinflussen kann. Zum Beispiel wurde gezeigt, daß Rattenwelpen, die eine größere Menge an liebevoller Aufmerksamkeit der Mutter erhalten (gemessen an der Häufigkeit des Leckens, durch die Mutter), eine erhöhte Methylierung bestimmter DNA-Abschnitte aufweisen.

Ein weiterer interessanter Befund stammt aus der Forschung mit Affen. Es wurden zwei Affenstämme gezüchtet, von der ein Stamm neurotischer war, schlechte soziale Fähigkeiten hatte und ausnahmslos am Ende der Dominanzhierarchie endete. Der andere Stamm war eine Supermama, das Äquivalent eines Therapeuten-Affen, der überragende Fähigkeiten in der Erziehung zeigte und dessen Nachkommen außergewöhnlich gut angepaßt und dominant waren. In der zweiten Phase des Experiments wurden die neurotischen Affen ihren leiblichen Müttern entrissen und den Supermüttern zugeführt. Diese neurotischen Affen verwandelten sich, wurden gut angepaßt und tatsächlich außergewöhnlich dominant.

 

Literatur

  • Anderson F (Ed.) 2008: Bodies in Treatment: The Unspoken Dimension. New York and London: The Analytic Press
  • Aposhyan S 2004: Body-Mind Psychotherapy. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Aron L, Anderson F (Eds.) 1998: Relational Perspectives on the Body. New York and London: Psychology Press
  • Blagys M, Hilsenroth M 2000: Distinctive activities of short-term psychodynamic-interpersonal psychotherapy: A review of comparative psychotherapy process literature. Clinical Psychology: Science and Practice 7:167-188
  • Fosha D 2000: The Transforming Power of Affect. Basic Books
  • Fosha D, Siegal D, Soloman M (Eds.) 2009: The Healing Power of Emotion: Affective Neuroscience, Development, and Clinical Practice. New York: W.W. Norton and Company
  • Fotopoulou A, Pfaff D, Conway M (Eds.) 2012: From the Couch to the Lab: Trends in Psychodynamic Neuroscience. Oxford: Oxford University Press
  • Goleman D 1995: Emotional Intelligence. New York: Bantam Books
  • Goleman D 2006: Social Intelligence: The New Science of Human Relationships. Bantam Books
  • Gottman J 1997: Raising An Emotionally Intelligent Child. New York: Simon and Schuster
  • Knoblauch M 2000: The Musical Edge of Therapeutic Dialogue. Hillsdale, NJ and London: The Analytic Press
  • La Barre F 2001: On Moving and Being Moved. Hillsdale, NJ: The Analytic Press
  • Modell A 2009: Metaphor – the bridge between feelings and knowledge. Psychoanalytic Inquiry 29:6-11
  • Ogden P, Minton K, Pain C 2006: Trauma and the Body. A Sensorimotor Approach to Psychotherapy. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Schore A 2003a: Affect Dysregulation and Disorders of the Self. New York and London: W.W. Norton and Company.
  • Schore A 2003b: Affect Regulation and the Repair of the Self. New York and London: W.W. Norton and Company [Dieses und sein Begleitband enthalten zusammen 135 Seiten mit Hinweisen auf neurowissenschaftliche Literatur, die vorgeblich psychoanalytische Konzepte unterstützen sollen.]
  • Shedler J 2010: The efficacy of psychodynamic therapy. American Psychologist 65(2):98-109
  • Spezzano C 1993: Affect in Psychoanalysis: A Clinical Synthesis. Hillsdale, NJ: The Analytic Press
  • Totten N 2003: Body Psychotherapy: An Introduction. Philadelphia: Open University Press
  • Totten N (Ed.) 2005: New Dimensions in Body Psychotherapy. New York: Open University Press
  • Wallin D 2007: Attachment in Psychotherapy. New York and London: The Guilford Press
  • Wang S 2012: New view of depression: an ailment of the entire body. Wall Street Journal, Jan. 10
  • Yeomans F, Levy K, Meehan K 2012. Treatment approaches for borderline personality disorder. Psychiatric Times (April)

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sind für den Therapieerfolg wichtiger als Einsicht und Deutung

22. Februar 2017

So der Titel eines Tagungsberichts von dem Psychiater und Psychotherapeuten Andreas Meißner im NeuroTransmitter (Feb. 2017), dem offizielles Organ der Nervenärzte, Neurologen und Psychiater. Im Gegensatz zur ursprünglichen Psychoanalyse sei heute die Therapie dieses Traditionsstranges intersubjektiv statt hierarchisch, partnerschaftlich statt autoritär. Die therapeutische Beziehung ist der entscheidende Wirkfaktor, nicht mehr Deutung und Einsicht. Früheste nonverbale Beziehungserfahrungen werden jenseits der Sprache im prozeduralen Gedächtnis („Beziehungsgedächtnis“) abgelegt und können deshalb nicht „gedeutet“ werden, sondern es kann in der therapeutischen Beziehung allenfalls zur Nachreifung kommen. Die Gesprächsatmosphäre wird wichtiger als die kognitive Verarbeitung, denn sie schafft einen „Entwicklungsraum“. Entsprechend kommt es ganz entscheidend auf die Wahrnehmungsfähigkeit, die Lebendigkeit und das Verständnis des Therapeuten an.

Liest man die entsprechenden Ausführungen, muß man spontan an Reichs Konzept von gegenseitiger orgonotischer Erstrahlung und Anziehung denken. Etwa wenn es bei Meißner heißt:

Es handelt sich [bei Therapeut und Patient] um ein analytisches Paar, das etwas neues Drittes erschafft, eine neue Wirklichkeit, eine neue gemeinsame Erfahrung, aus der nun beide Beteiligten verändert hervorgehen, verändert in verschiedener Weise und in unterschiedlichem Ausmaß.

In dieser Art von Therapie hört der Patient auf, sich als bloßes Opfer längst vergangener Interaktionen zu betrachten, sondern (ganz wie in Reichs Charakteranalyse) tritt das Hier und Jetzt in den Vordergrund.

Soweit referiert Meißner Ausführungen des emeritierten Professors für Psychosomatik und Psychotherapie, Michael Erdmann. Im Anschluß daran beschreibt Meißner ergänzende Ausführungen des Professors für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie, Gerhard Roth:

Pränataler und früh postnataler milderer Streß der Mutter führt beim Kind zu einem erhöhten Kortisolspiegel, der einhergeht mit Überängstlichkeit, Melancholie oder Angststörungen. Bei stärkerem, chronischem und nicht bewältigbarem Streß führt der entsprechende Hyperkortisolismus zu atypischer Depression, Empfänglichkeit für posttraumatische Belastungsstörungen und zu emotionaler Unempfindlichkeit bis hin zur Psychopathie (wie man sie etwa beim „gefühllosen Berufskiller“ findet). Der Hyperkortisolismus geht fast immer mit einer verminderten Serotoninproduktion einher, was zu Störungen der Regulation von Nahrungsaufnahme, Schlaf, Temperaturregulation, der Fähigkeit der Verhaltensregulation, Beruhigung und Wohlbefinden, etc. führt. Reich sprach hier von „Sympathikotonie“, der chronischen energetischen Kontraktion des Organismus, die bereits im Uterus anfange, spätestens aber während und unmittelbar nach der Geburt.

Dem könne, so Roth, ein Oxytocinanstieg im Rahmen einer liebevollen Interaktion entgegenwirken. Die Kortisolproduktion werde verhindert, der Serotoninspiegel steige. Damit sei die Möglichkeit einer Kompensation früher psychischer (gemeint ist wohl eher emotionaler) Defizite gegeben.

Aus diesem Grund seien auch rein kognitive Therapiestrategien kaum erfolgreich. Die neurobiologische Forschung zeige, daß die Wirkung etwa der kognitiven Verhaltenstherapie auf emotional wirkenden Faktoren beruhen müsse, wie die Bindung zum Therapeuten und das konkrete verhaltenstherapeutische Training und Einüben im Hier und Jetzt. Ähnliches ließe sich über die „einsichtsvermittelnde und bewußtmachende“ Psychoanalyse sagen. „Eine rein sprachlich aufklärende Mitteilung wirke nicht auf die subkortikalen limbischen Zentren, erläuterte Roth. Wirksam wird die Behandlung, wenn emotionale Dinge eine Rolle spielen.“ Ähnliches sagte Reich in der damaligen Begrifflichkeit seit Anfang der 1930er Jahre. Die psychoanalytischen Sektierer haben ihn dafür mit einem gnadenlosen Haß und abgrundtiefer Verachtung gestraft.

Auf die Orgontherapie verweist folgende Stelle in Meißners Aufsatz: Durch die therapeutische Allianz komme es zu den erläuterten neurobiologischen Veränderungen hinsichtlich Kortisol, Serotonin, Oxytocin, etc. Doch „Roth wies darauf hin, daß die eigentlichen strukturellfunktionellen Defizite dabei aber offenbar nicht behoben werden, was die hohe Rückfallquote von 80% erklären könnte“. Deshalb spiele „das Aufspüren von Ressourcen und das Einüben alternativer Schemata im Fühlen, Denken und Handeln“ in einer zweiten Therapiephase eine große Rolle. Die neurobiologische Umstrukturierung brauche halt Zeit. Schön und gut, aber tatsächlich scheitern diese Therapien letztendlich, weil die PANZERUNG nicht angegangen wird!

Biopathien und die Gene

4. Dezember 2014

Reich zufolge gehen die sogenannten „psychosomatischen Erkrankungen“ auf eine Störung der energetischen Pulsation im Körper zurück: es sind Biopathien. Seit Reich wurde die Medizin jedoch zunehmend mechanistischer und schließlich wurde versucht alles auf Gene zurückzuführen. Die Wende kam mit dem Human Genome Project, von dem man sich so viel erhofft hatte, doch statt dem Ziel näherzukommen, mit der „Software“ des menschlichen Körpers endlich die „Menschmaschine“ steuern zu können, stellte sich heraus, daß der Mensch gerade mal 40 000 Gene hat. Es gibt Pflanzen, die weitaus mehr Gene besitzen! Trotz intensiver Forschungen lassen „Gentherapien“ auf sich warten. Die Euphorie ist Ernüchterung gewichen.

Aber selbstverständlich spielen die Gene eine gewichtige Rolle. Man denke nur an die eindeutigen Erbkrankheiten, die heute lückenlos bis auf teilweise nur ein einziges Gen zurückgeführt werden können.

Aus orgonomischer Sicht sind Gene Ausdruck einer funktionellen Transformation, die orgonometrisch wie folgt beschrieben wird:

Es geht um die Überwindung der zeitlichen Trennung („t“ steht für Zeit, „L“ für Länge bzw. den Raum). Die Gene ähneln in dieser Hinsicht den „geistigen Funktionen“, insbesondere dem Gedächtnis. Genetische Vorgänge spielen sich entsprechend in einem ganz anderen Bereich ab als bioenergetische Funktionen (die orgonotische Pulsation und Energieströmungen).

Eine Forschergruppe um Klaus Hansen (Universität Kopenhagen) hat gezeigt, wie die beiden Funktionsbereiche ineinander verzahnt sind. Reichs Ansatz und die Genetik schließen sich demnach nicht aus, sondern ergänzen einander.

Hansen:

Wie fanden heraus, daß streßverursachende Faktoren unsere Gene beeinflussen können, indem sie bestimmte Gene aktivieren, die eigentlich stilliegen sollten. Es ist sehr wichtig, daß manche Gene an- und andere abgeschaltet sind, um eine regelrechte fötale Entwicklung und das richtige Funktionieren unserer Zellen später im Leben zu gewährleisten.

Simmi Gehani, ein Mitglied der Forschergruppe um Hansen, fand heraus, daß, wenn man menschliche Zellen einer streßverursachenden chemischen Zusammensetzung aussetzt, stilliegende Gene aktiviert werden. Das kann bei der Entwicklung des Fötus verheerend sein und auch im erwachsenen Körper schlimme Folgen zeitigen. Gehani:

Beispielsweise kann man sich vorstellen, daß langanhaltender Streß dazu führt, daß Nervenzellen im Gehirn Hormone produzieren und andere Botenmoleküle, die sie normalerweise nicht produzieren würden und daß dies die normalen Hirnfunktionen stört.

Die Forschergruppe um Hansen ist sehr daran interessiert, wie konkret unsere Gene an- und abgeschaltet werden. Hansen:

Wir wissen, daß unterschiedliche Eiweißkomplexe sich mit spezifischen Proteinen (Histone) verbinden können. Die DNS windet sich um sie herum, so daß sie bestimmen, ob die Gene aktiv oder inaktiv sind. Kleine chemische Gruppen können bewirken, daß Eiweißkomplexe an Histone anbinden und dies kann die Genaktivität bestimmen.

Das haben die Forscher en detail anhand eines chemischen Komplexes namens „PRC2“ studiert, der eine Methylgruppe an die Histone anbinden kann, so daß die Gene abgeschaltet sind. Durch Streßfaktoren wird jedoch ein Enzym namens „MSK“ dazu gebracht, eine Phosphatgruppe an die Histone in der Nähe der Mythylgruppen anzubinden. Die Phosphatgruppe neutralisiert die Wirkung der Mythylgruppen, so daß das Gen angeschaltet wird. Das heißt, ohne daß die Integrität der Gene selbst angetastet wird, können äußere Streßfaktoren die Genaktivität beeinflussen.

Wie Bioenergie und Biochemie zusammenwirken, hat Reich im einzelnen bereits Anfang der 1930er Jahre aufgezeigt, als er die Funktionen des Autonomen Nervensystems untersuchte. Siehe sein Buch Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst.

Die Epigenetik stellt dazu eine willkommene Ergänzung dar und ermöglicht als Brücke zur eigentlichen Genetik, eine Lücke in Reichs Überlegungen zu schließen: Reich hat den Organismus dermaßen auf „Pulsation“ und „Energieströmungen“, d.h. auf „Zeit-Funktionen“ reduziert, daß unerklärt blieb, wie der Organismus über seine eigene Lebensspanne und erst recht über unzählige Generationen hinweg seine, sozusagen „räumliche“ („zeitlose“), Identität bewahren kann. Ich verweise nochmals auf die obige orgonometrische Gleichung.

Natürlich muß, ähnlich wie Reich es im Rahmen seiner Möglichkeiten bei seinen Forschungen über Lust und Angst versuchte, ein lückenloses Funktionskontinuum zwischen der Bewegung der Orgonenergie (L/t) und den Genen (t → L) hergestellt werden. Das ist der Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft. Konkret geht es darum, welche orgonotischen Funktionen sich beispielsweise hinter der erwähnten „Phosphatgruppe“ (Genexpression) und der „Methylgruppe“ (Gensuppression) verbergen.

Die Orgonomie setzt genau dort an, wo die mechanistische Wissenschaft sich in einer metatheoretischen Schleife verfängt: Wenn epigenetische Vorgänge die Genexpression steuern, was steuert dann die epigenetischen Faktoren? Man kann Biologie nicht auf Chemie reduzieren!

Das hat ganz praktische Konsequenzen, etwa was die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen betrifft, die schwerwiegende körperliche Folgeerkrankungen nach sich ziehen können. Man kann diesen Menschen mit Psychotherapie helfen und so die spätere Entwicklung psychosomatischer Erkrankungen zumindest teilweise abwenden. Wer hätte aber vor wenigen Jahren daran gedacht, daß die traumatischen Belastungen der Psyche mit Schädigungen der DNA einhergehen (die wiederum die erwähnten körperlichen Erkrankungen auslösen) – und daß man diese Schädigungen im Erbgut mit Psychotherapie zumindest teilweise wieder rückgängig machen kann?!

Iris-Tatjana Kolassa (Universität Ulm) et al. konnten anhand von schwertraumatisierten Flüchtlingen nachweisen, daß die psychischen Belastungen mit DNA-Schäden in Leukozyten einhergehen und damit die Immunabwehr kompromittiert wird, beispielsweise kommt es zu einer verfrühten Alterung. In einem zweiten Schritt wurde untersucht, ob die Behandlung mit der „Narrativen Expositionstherapie“, einer Form von Psychotherapie, in der das Trauma autobiographisch eingeordnet wird, auch auf dieser molekularen Ebene Auswirkungen hat. Nach vier Monaten dieser Psychotherapie war die DNA-Schädigung nur noch so hoch wie bei der nicht-traumatisierten Vergleichsgruppe. In den folgenden Monaten nahmen nicht nur die psychischen Symptome, sondern auch die Anzahl der DNA-Strangbrüche in den Immunzellen weiter ab. Kolassa: „Mit unserer Studie konnten wir erstmals zeigen, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen traumatischem Streß und der Schädigung der DNA. Und, was wohl noch überraschender ist, daß sich traumatisch bedingte DNA-Schäden durch Psychotherapie mindern lassen.“