In Reichs Werk nimmt der Schizophrene eine ähnliche Stellung ein wie der Krebskranke, der auf Grund des bionösen Zerfalls, der zur Tumorbildung führt, und des DORs, das in Gestalt der Krebstumoren sequestriert wird, ebenfalls einen Blick in fundamentale bioenergetische und kosmische Funktionen gewährt. Beide öffnen einen Blick in jenen Abgrund, der „Hal Holbrook zufolge“, vom flachen Homo normalis mit Hilfe von „Charakter“ vollkommen seiner Tiefe beraubt wird. Der tiefe Schizophrene ist ein lebendes Fossil, das für den Zusammenbruch (den bionösen Zerfall und die DOR-Sequstration) der „ungepanzerten Gesellschaft“ steht, als auf Grund von Umweltkatastrophen der Mensch unvermittelt sozusagen zum „Existentialisten“ wurde, angesichts seiner Stellung in der Welt buchstäblich an sich kirre wurde und in dessen Organismus sich der gleiche Sequestrations-Kampf zwischen Orgon (OR) und DOR abspielte wie in der sich formierenden Wüste um ihn herum.
Schizophrene haben tendenziell keine Körperpanzerung, da sich die Panzerung im Augenbereich konzentriert. Entsprechend bricht im Endstadium der Krebskrankheit die Panzerung aus Energiemangel ganz weg und beispielsweise der Orgasmusreflex kann leicht hervorgerufen werden (Der Krebs). Während beim Homo normalis alles grau in grau ist, die energetischen Funktionen eben „normal“ sind, zeichnet sich beim Schizophrenen und auch beim Krebskranken der, wenn man so will, Schwarz-Weiß-Gegensatz von OR und DOR klar ab. Dies sind die Gründe, warum der Homo normalis angesichts von Schizophrenie und Krebserkrankung dermaßen von Schrecken übermannt wird. Es ist nicht nur der Schrecken vor schlimmen Krankheiten, sondern die Konfrontation mit dem Abgrund, vor dem die Menschheit einst strauchelte – und nun erneut strauchelt, weil der Charakter des Homo normalis zu kollabieren beginnt.
Diese, die zweite große Menschheitskatastrophe ereignete sich ca. 1960 mit dem Zusammenbruch einer mindestens 6000 Jahre alten autoritären Gesellschaftsordnung und dem Anbruch einer fundamental neuen Gesellschaftsordnung, der gegenwärtigen anti-autoritären Gesellschaftsordnung. Seitdem findet flächendeckend eine sozusagen „Schizophrenisierung“ statt, d.h. wie jeder Grundschullehrer anhand der entsprechenden Symptome bestätigen wird, wird mit jedem Jahrgang die Augenpanzerung stärker, während die Körperpanzerung atrophiert. Gleichzeitig wächst die Krebsrate in allen Altersklassen, selbst bei Kindern. Man schreibt das dem Rauchen, Alkohol, Adipositas und der Umweltverschmutzung zu, tatsächlich sind diese Faktoren aber Teil eines einheitlichen biopathischen Prozesses: die Gesellschaft zerfällt und mit ihr die Individuen.
Es ist kein Zufall, daß sowohl Reichs ORANUR-Experiment (im Zusammenhang mit dem Beginn des „Atomzeitalters“) als auch der Existentialismus, die Konfrontation mit dem Abgrund, die biosoziale Zeitenwende von 1960 eingeleitet haben. Man muß nur auf Wikipedia lesen: „Das philosophische Hauptwerk Sartres Das Sein und das Nichts (L’être et le néant, 1943) gilt als theoretisches Fundament des Existentialismus. Hier zeigt Sartre auf, daß sich das menschliche Sein (Für-Sich) von dem anderen Sein, den Dingen, Tieren, Sachen etc. (An-sich), durch seinen Bezug zum Nichts unterscheidet. Der Mensch ist ein Sein, ‚das nicht das ist, was es ist, und das das ist, was es nicht ist‘. Als einziges Wesen, das verneinen könne, das einen Bezug zu dem Noch-Nicht oder Nicht-Mehr habe, das lügen könne, also das sagen, was nicht sei, habe der Mensch damit auch die Bürde der Freiheit und damit auch die Verantwortung. Das Hauptwerk zeigt in Analysen menschlicher Situationen, wie sich die Freiheit in allen Bezügen des Seins des Menschen aufdrängt, der Mensch vor dieser Verantwortung flieht und wie der konkrete Bezug zum Anderen ihm erst diese Verantwortung und Freiheit aufzeigt.“ Die verwirrten und verängstigten Passagiere des leckgeschlagenen Narrenschiffes klammern sich angesichts der eiskalten Tiefen des Ozeans um sie herum panisch aneinander, was im übrigen das Umsichgreifen der sozialistischen Pest erklärt. Sie ist eine Reaktion auf den Zusammenbruch der Panzerung, die vor 6000 entstanden ist. Ob wir diesen Zusammenbruch überleben und den Hafen erreichen werden, hängt einzig und allein von der Verbreitung orgonomischen Wissens ab.
Natürlich gab es immer dicke Menschen, aber sie waren eine Minderheit, etwas Besonderes. Man vergleiche etwa Fotos von Menschen am Strand in den 1970er Jahren mit ähnlichen Fotos im neuen Jahrtausend. Warum sind wir in die Breite gegangen? Weil die gesellschaftliche und die individuelle Panzerung zusammengebrochen ist!
Alleine zu essen, ist wie Onanie, ein trauriger in jeder Hinsicht unbefriedigender Ersatz. Der Mensch ist darauf eingerichtet in Gemeinschaft zu essen. Mahlzeiten werden zusammen mit anderen eingenommen und entsprechend unterliegt die Kalorieneinnahme einer sozialen Kontrolle. Deshalb sind auch sowohl Mager- als auch Fettsucht letztendlich soziale Biopathien, die es als Massenphänomen erst seit dem Zusammenbruch der (autoritären) Gesellschaft, also erst seit etwa 1960 gibt.
Ein sich immer weiter ausbreitendes Phänomen, das mit dem Gesagten nur teilweise im Wiederspruch steht, ist die komplette Unfähigkeit des modernen Menschen allein zu sein ohne vollkommen auszuticken. Der komplette Zusammenbruch der autoritären Gesellschaft und ihre Ersetzung durch die antiautoritäre Gesellschaft ging nämlich einher mit dem Zusammenbruch der individuellen Muskelpanzerung. Sind die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen, werden sie von Ängsten überflutet, für die keine ausreichende Muskelpanzerung mehr vorhanden ist, die diese Ängste binden könnte, und die Menschen flüchten in den Ersatzkontakt. Den meisten bietet sich das Naschen an, denn das Völlegefühl unterdrückt die vegetativen „angstproduzierenden“ Ganglien direkt und der Zucker führt indirekt zusätzlich zu einer angstlösenden bioenergetischen Expansion. Die gleiche Ausweitung zur oberflächlichen sozialen Fassade hin, die normalerweise durch zwischenmenschliche Interaktion bioenergetisch aktiviert wird.
Zunächst ist Fettleibigkeit also ein Versuch, sich bioenergetisch (und buchstäblich) mit all dem Fett und Zucker auszudehnen – aber sie führt letztendlich zu bioenergetischer Schrumpfung (und buchstäblicher Schrumpfung) durch Diabetes, der eine Schrumpfungsbiopathie ist. Es erinnert mich an einen bipolaren Zyklus (der ebenfalls auf einer unbefriedigten oralen Blockade beruht): Zuerst kommt die hypomanische Episode und ihre Pseudo-Expansion, gefolgt von einer schwarzen Melancholie, die schrumpft. Als ob die Hypomanie/der Fressanfall eine Rebellion gegen eine grundlegende bioenergetische Schrumpfungstendenz wäre.
Ebenfalls ein Faktor, vor allem in Amerika: die Fettleibigkeit wurde erst zu einem echten Massenphänomen, nachdem der Markt von diesen furchtbar ekelhaften „fettreduzierten“ und „zuckerfreien“ Produkten beherrscht wurde, die den Menschen zu Eßanfällen treiben, weil der Organismus immer wieder nachfragt: „Wo bleibt das Fett und der Zucker?!“ Das Essen ist unbefriedigend geworden, irgendwie antisexuell, kein gutes Gefühl im Bauch nach dem Essen. Ein weiteres Versagen der sozialistischen Intervention!
Die sekundäre Schicht war in der autoritären Gesellschaft gut abgeschirmt (sequestriert), aber diese Abschirmung brach nach 1960 zunehmend weg und wird heute mehr und mehr als „innere Leere und Öde“ erlebt (vgl. Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 175). Theodore Wolfe übersetzte das als „a gaping inner emptiness“ – eine klaffende Leere, die gefüllt werden muß, was die eigentliche Ursache der Fettleibigkeit ist.
Für mich ist sowohl Adipositas als auch Anorexie eine Möglichkeit, sowohl von den eigenen Gefühlen (die orgonotische Erregung geht zurück) als auch von den Menschen (man wird nicht mehr gesehen) „wegzukommen“. In der Magersucht wird man zu einem bloßen Skelett ohne individuelle Züge und auch in der Adipositas werden die scharfen individuellen Züge verwischt und die Menschen verschwinden als Individuen. Die Emotionelle Pest kann das Individuum letztlich nicht ertragen. Es ist der Christusmord.
Reich war in seinen späten Jahren offensichtlich zu dick, hat von jeher exzessiv geraucht und betrieb, nachdem er das Rauchen aufgegeben hatte, Alkoholmißbrauch. In ihren Erinnerungen an Reich schreibt seine ehemalige Sekretärin und zeitweise Geliebte Lois Wyvell zu seiner angeblichen Fettleibigkeit: „Er hat nicht genug gegessen, um einen Kugelbauch zu haben, und meine Vermutung ist, daß er einen Bauch hatte, weil er so tief atmete“ (Lois Wyvell: „Orgone and You: 3. An Extraordinary Ordinary Man“, Offshoots of Orgonomy, No. 3, Autumn 1981, S. 6). Auch erwähnt Wyvell, daß sie und andere Frauen, die sie kannte, aus eigener intimer Einsicht bezeugen können, daß Reich nicht zu fett war. „Zum Zeitpunkt seines Todes wog Reich 82 kg – was einen Gewichtsverlust von etwa 7 kg seit Beginn seiner Haftzeit zeigt“ (Jerome Greenfield: „Wilhelm Reich in Prison“, International Journal of Life Energy, Vol. 2, No. 1, Winter 79-80, S. 47). Reich war 178 cm groß (Myron Sharaf: Fury on Earth, 1983, S. 16).