Posts Tagged ‘Wilhelm Reich’

Email (die vermeintlich großen Denker) 2008

5. Oktober 2025

Email (die vermeintlich großen Denker) 2008

Wilhelm Reich, DIE SEXUELLE REVOLUTION, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, DM 25,80 [ca. 1966]

27. September 2025

Wilhelm Reich, DIE SEXUELLE REVOLUTION, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, DM 25,80 [ca. 1966]

David Holbrook, M.D.: Die Grenzen und potentiellen Gefahren des Entweder-oder-Denkens und seine Beziehung zu „Funktionalismus“ und „Orgonometrie“

25. September 2025

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Die Grenzen und potentiellen Gefahren des Entweder-oder-Denkens und seine Beziehung zu „Funktionalismus“ und „Orgonometrie“

Max Stirner, Soter (Teil 29, Abschluß der Blogserie)

22. September 2025

Stirner zeigt, daß man in dieser Gesellschaft zwar urteilen und kritisieren darf, aber nur vom Standpunkt der „Liebe“ aus, d.h. voll Respekt vor der „Heiligkeit“ der Sache oder der Person. Aber genauso wie Urteile aus Haß, „gehässige Urteile“, Urteile des uns beherrschenden Hasses sind, sind auch Urteile, die uns die Liebe eingibt, gar nicht unsere eigenen Urteile.

Gegen die Welt, besonders gegen die Menschen, soll Ich eine bestimmte Empfindung annehmen, und ihnen von Anfang an mit der Empfindung der Liebe, „mit Liebe entgegenkommen“. Freilich offenbart sich hierin weit mehr Willkür und Selbstbestimmung, als wenn Ich Mich durch die Welt von allen möglichen Empfindungen bestürmen lasse und den krausesten, zufälligsten Eindrücken ausgesetzt bleibe. Ich gehe vielmehr an sie mit einer vorgefaßten Empfindung, gleichsam einem Vorurteil und einer vorgefaßten Meinung; Ich habe mein Verhalten gegen sie Mir im voraus vorgezeichnet, und fühle und denke trotz all ihrer Anfechtungen nur so über sie, wie Ich zu fühlen einmal entschlossen bin. Wider die Herrschaft der Welt sichere Ich Mich durch den Grundsatz der Liebe; denn was auch kommen mag, Ich – liebe. Das Häßliche z.B. macht auf Mich einen widerwärtigen Eindruck; allein, entschlossen zu lieben, bewältigte Ich diesen Eindruck, wie jede Antipathie

Aber die Empfindung, zu welcher Ich Mich von haus aus determiniert und – verurteilt habe, ist eben eine bornierte Empfindung, weil sie eine prädestinierte ist, von welcher Ich selber nicht loskommen oder Mich loszusagen vermag. Weil vorgefaßt, ist sie ein Vorurteil. Ich zeige Mich nicht mehr gegenüber der Welt, sondern meine Liebe zeigt sich. Zwar beherrscht die Welt Mich nicht, desto unabwendbarer aber beherrscht Mich der Geist der Liebe. Ich habe die Welt überwunden, um ein Sklave dieses Geistes zu werden. (Der Einzige, S. 329f)

Es geht um eine „freiwillige“, um eine „eigene“ Liebe, gegen eine „zinspflichtige“ Liebe, die man als „Tribut“ entrichten muß (Der Einzige, S. 341).

Bereits auf der ersten Seite seines Buches (Der Einzige, S. 3) wird deutlich, daß Stirner imgrunde dasselbe sagt, was Reich mit anderen Worten und Akzenten 100 Jahre später in Christusmord sagen wird: wenn Wahrheit und Liebe nicht meine Sache sind, sondern eine „höhere Sache“, sind es eben nicht Wahrheit und Liebe – sondern das Gegenteil.

Jahrtausende der Kultur haben Euch verdunkelt, was Ihr seid, haben Euch glauben gemacht, Ihr seiet keine Egoisten, sondern zu Idealisten („guten Menschen“) berufen. Schüttelt das ab! (…) Erkennet Euch nur wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich seid, und laßt eure heuchlerischen Bestrebungen fahren, eure törichte Sucht, etwas Anderes zu sein, als Ihr seid. Heuchlerisch nenne Ich jene, weil Ihr doch alle diese Jahrtausende Egoisten geblieben seid, aber schlafende, sich selbst betrügende, verrückte Egoisten, (…) Ihr Selbstpeiniger. (Der Einzige, S. 181)

Das Streben nach „Freiheiten“ ist „hohle Theorie“, wirkliche Praxis beginnt nicht mit der Frage nach irgendwelchen Träumen und Vorstellungen, sondern bei der Frage nach sich selbst. Sie beginnt damit, daß man sich selbst ganz und gar zum Mittelpunkt und Ausgangspunkt macht (Der Einzige, S. 177). „Genug, es ist ein mächtiger Unterschied, ob Ich Mich zum Ausgangs‘ oder zum Zielpunkte mache. Als letzteren habe Ich Mich nicht, bin Mir mithin noch fremd, bin mein Wesen, mein ‚wahres Wesen‘, und dieses Mir fremde ‚wahre Wesen‘ wird als ein Spuk von tausenderlei Namen sein Gespött mit Mir treiben. Weil Ich noch nicht Ich bin, so ist ein Anderer (wie Gott, der wahre Mensch, der wahrhaft Fromme, der Vernünftige, der Freie usw.) Ich, mein Ich“ (Der Einzige, S. 368). „Ich bin Ich, und Du bist Ich, aber Ich bin nicht dieses gedachte Ich, sondern dieses Ich, worin Wir alle gleich sind, ist nur mein Gedanke. Ich bin Mensch und Du bist Mensch, aber ‚Mensch‘ ist nur ein Gedanke, eine Allgemeinheit; weder Ich noch Du sind sagbar. Wir sind unaussprechlich, weil nur Gedanken sagbar sind und im Sagen bestehen“ (Der Einzige, S. 348).

Warum ausschließlich das AMERICAN COLLEGE OF ORGONOMY? (Teil 1)

11. September 2025

Die Orgonomie ist eine Wissenschaft und von daher weder an Institutionen noch an irgendwelche akademischen Titel oder Diplome gebunden. Reich hat aber auch eine psychotherapeutische Schule begründet, die Biopsychiatrie. Und hier ist es nicht anders als etwa bei Autowerkstätten, wo man ja auch nicht zu beliebigen Leuten hingeht, die „sich irgendwie mit Autos auskennen“, sondern sich ausschließlich an lizensierte Meisterbetriebe wendet, um etwa das Bremssystem überprüfen oder gar richten zu lassen. Da gibt es zwar auch keine hundertprozentige Garantie, daß alles richtig gemacht wird, aber immerhin wird die Fahrt von der Werkstatt zurück nach Hause nicht zu einem unkalkulierbaren Himmelfahrtskommando.

Als Reich sich kurz vor dem ORANUR-Experiment dafür entschied, seine Aktivitäten ganz nach Orgonon zu verlagern und sich auf die naturwissenschaftliche Forschung zu konzentrieren, gab er die Verantwortung für die Ausbildung in Orgontherapie aus der Hand und übertrug sie seinem Schüler Elsworth F. Baker, der diese Funktion ununterbrochen bis zu seinem Tod 1985 ausübte, die zu diesem Zeitpunkt an Charles Konia überging. Reich wählte Baker, der 1968 mit seinen mittlerweile ausgebildeten Schülern das „Amerikanische Kollegium der Orgonomie“ gründen sollte, aus, weil er als einziger von Reichs Schülern ausgebildeter Psychiater in gehobener Position war und eine fundierte psychoanalytische Ausbildung abgeschlossen hatte, so daß seine Hinwendung zur Orgontherapie Hand und Fuß und vor allem Gewicht hatte. Er verzichtete auf eine bequeme Karriere im medizinischen Establishment! Außerdem betrachtete Reich ihn von seiner Charakterstruktur her am geeignetsten. Am bemerkenswertesten war wohl Bakers vollkommen freies Augensegment.

Reich selbst hatte die Orgontherapie erst vor kurzem entwickelt. Tatsächlich erschien die Beschreibung der sieben Panzersegmente erst in der dritten amerikanischen Ausgabe der Charakteranalyse 1949! Entsprechend hatte Reich, der selbst noch „im Schwimmen war“, seine Schüler nie sonderlich gründlich ausgebildet. Das beste Beispiel ist Baker selbst, dem Reich 1946 bereits nach sechs Wochen seiner eigenen Therapie erlaubte, selbst Patienten orgontherapeutisch zu behandeln. Das waren sozusagen die wilden Jahre der Orgonomie; genauso wie noch Anfang der 1920er Jahre, als Reich als Therapeut anfing, die sich immer noch formierende Psychoanalyse nach wie vor sich in ihren „wilden Jahren“ befand und von geregelter psychoanalytischer Ausbildung keine Rede sein konnte. Hier ist Reich selbst das beste Beispiel! Das änderte sich erst im Verlauf der 1920er Jahre, nicht zuletzt aufgrund der Arbeit Reichs am „technischen Seminar“ in Wien.

Ob in den „wilden Jahren“ der Psychoanalyse (etwa 1900 bis 1925) und der Orgonomie (etwa 1935 bis 1950) wirklich kompetente Therapeuten ausgebildet wurden, war mehr oder weniger Glückssache, zumal während dieser Zeiten jeweils teilweise sogar Nichtmediziner zugelassen wurden. Noch heute hat man ab und an mit mittlerweile sehr alten Orgontherapie-Patienten zu tun, die manchmal ziemlich konfus wirken, so als sei zwar ihr Biosystem dramatisch „aktiviert“, dabei jedoch vor allem das Augensegment sträflich vernachlässigt worden, da ihre „Orgontherapeuten“ nicht wirklich wußten, was sie taten. Wahrscheinlich waren diese Patienten auch falsch, wenn überhaupt, biopsychiatrisch diagnostiziert und entsprechend in einen Zustand allgemeiner bioenergetischer Konfusion versetzt worden.

Bis heute ist am American College of Orgonomy das Feintuning in Sachen Diagnose und Therapie nicht abgeschlossen. Beispielsweise wurde immer deutlicher, daß die Diagnose einer „Schizophrenie“ (im biopsychiatrischen Sinne, nicht im Sinne der mechanistischen Psychiatrie!) weitaus häufiger angebracht ist, als noch zu Bakers Zeiten angenommen. Hinzu kommt der grundlegende Wandel von der autoritären zur antiautoritären Gesellschaft, die heute eine ganz andere orgontherapeutische Herangehensweise verlangt als noch bis in die 1980er Jahre hinein.

Es ist der reine Horror, daß es heute, teilweise sogar mehr denn je, Individuen und sogar ganze vermeintlich „orgonomische“ Organisationen gibt, die immer noch so agieren, als wäre die Orgonomie nach wie vor in ihren „wilden Zeiten“ und als könne man Patienten nach dem überkommenen Schema F behandeln. Resultat können bestenfalls immer neue Patientengenerationen sein, die einfach „daneben“ sind, einem ständig auf die Nerven gehen, sich aber einbilden „durchtherapiert“ zu sein, weil sie innerlich irgendwelche aufregenden Erlebnisse verbuchen können. Einen richtigen Orgontherapie-Patienten erkennt man an seinen freien, tiefen Augen, seiner unprätentiösen Lebendigkeit und seiner, im besten Sinne des Wortes, „Normalität“. Er kann„versprechen, d.h. bioenergetische Spannung aushalten und deshalb in den Bereichen Liebe, Arbeit und Wissen seinen individuellen Möglichkeiten entsprechend produktiv ein. Er ist ein „Mensch“ im Sinne des Jiddischen, kein „bioenergetischer Freak“!

Im Jiddischen bezeichnet das Wort „Mensch“ eine Person von Integrität, Ehre, Anstand und noblem Charakter, d.h. eine Person, die nachgeahmt werden sollte. Ein „echter Mensch“ ist jemand, der mit Ehrlichkeit handelt, Respekt zeigt, Mitgefühl hat und das Richtige tut, auch wenn es ihm Nachteile bringt. Mit anderen Worten: er ist das exakte Gegenteil des Kleinen Mannes!

Deutschland und die Emotionelle Pest (Teil 2)

2. September 2025

Die gegenwärtige Gesellschaft ist, jedenfalls in der Sphäre „unserer Demokratie“, zu fast 100% charakterstrukturell liberal mit einem zunehmenden Abdriften hin zum Pseudoliberalen (rotfaschistischen Extrem). Man betrachte nur den täglich hysterischer werdenden „Kampf gegen Rääächts“ und die immer absurder und grotesker werdende Linkssprechung zur „Generalprävention“, die nur noch als Roter Terror bezeichnet werden kann. Das ist so, weil der Liberale mit seiner Schuld (d.h. in der Muskulatur gefangenen Wut) nicht umgehen kann. Früher bot sich Gott selbst in Gestalt seines „eingeborenen Sohnes“ als Sündenbock an, der stellvertretend alle Schuld auf sich lud. Mit der Säkularisierung und „Liberalisierung“ fiel dieser Trost weg und der heutige Mensch wird von seinen Schuldgefühlen innerlich aufgefressen. An die Stelle von Jesus Christus als „Container, in dem die Schuld entsorgt wird“, tritt die Selbstkasteiung durch nur als psychotisch zu bezeichnende masochistische Asyl- und Klimapolitik und – Adolf Hitler. Alles denkbare und undenkbare Böse in der Welt wird ihm zugeschrieben und seine, offenbar unmittelbar bevorstehende, Machtergreifung wird mit immer größeren und grelleren Lettern an die Wand geschrieben. Der „Kampf gegen Rääächts“ ist nichts anderes als ein rasant inflationierendes „Ent-Schuld-ungsprogramm“!

Entsprechend muß diese Serie von Blogeinträgen, die ganz im Gegenteil das in ewiger Schuld ertrinkende Deutschland als OPFER darstellt, eine alle Maße sprengende Provokation des Zeitgeistes darstellen. Da dieser vollkommen psychotisch ist, hier für die ganz vernagelten rotgrünen Dummbratzen: Der NACHRICHTENBRIEF hat weit weit weit weniger als null Sympathie für den Nationalsozialismus, der in jedweder Beziehung das diametrale Gegenteil der Orgonomie darstellt. Ist alles selbstverständlich, aber ich entblöde mich nicht, das hier für die ganz Blöööden an zwei Namen festzumachen: Heinrich von Kogerer und Johanna Haarer.

Der Wiener Psychiater Dr.med. Heinrich von Kogerer war zehn Jahre älter als Reich und starb ein Jahr nach Reich. Wie Reich und zeitgleich mit ihm arbeitete er unter Julius Wagner-Jauregg an der Wiener Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik. Ab 1922 war er Leiter des dortigen psychotherapeutischen Ambulatoriums und damit automatisch der Gegenspieler des von Reich dominierten psychoanalytischen Ambulatoriums, das zeitgleich gegründet wurde.

Im Zuge des Anschlusses von Österreich arbeitete [von Kogerer] noch ab März 1938 in dem von Matthias Heinrich Göring geleiteten Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie mit und wurde im gleichen Jahr zudem mit der Leitung eines psychoanalytischen Arbeitskreises in Wien beauftragt. Kogerer, der 1934 ein Werk zur Psychotherapie für Studierende und Ärzte verfaßt hatte, stellte 1938 fest, daß „[…] nunmehr endlich das ausgesprochen werden kann, was dem Kundigen längst bekannt war: nämlich, daß die Psychoanalyse Freuds spezifisch jüdische Psychologie ist und nur teilweise Geltung hat“.

C.G. Jung läßt grüßen! – Mit solchen „Kollegen“ hatte es Reich zu tun! 1935 wurde in Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie (Bd. 2, Heft 3) Kogerers erwähntes Buch Psychotherapie, Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte wie folgt kurz abgehandelt:

Das Buch behandelt die Geschichte der Psychotherapie, die Ursachen der psychischen Störungen allgemein und die einzelnen Krankheitsbilder im besonderen. Es wird den modernen Problemen der Psychotherapie in keiner Weise gerecht, weil es ein Sammelsurium von Methoden, Anschauungen und Arbeitsweisen in naiver, hoffnungsloser Weise zu vereinigen sucht.

Wie in Görings Institut, dem sich Kogerer später, wie erwähnt, anschloß, ging es um das, was man heute als „methodenübergreifende integrative Therapie“ bezeichnet. Alles wird mit allem vermanscht, die unterschiedlichsten psychotherapeutische Ansätze gemixt und mit diesem üblen Gebräu dann Patienten malträtiert. Daß sich dabei insbesondere kuriose „Wilhelm Reich Gesellschaften“ mit unterschiedlichen „neo-Reichianischen Methoden“ hervortun – drauf geschissen!

Die Lungenfachärztin Johanna Haarer (1900–1988) prägte die Erziehung, insbesondere die Säuglingspflege im Nationalsozialismus. Sie starb als noch immer bekennende Nationalsozialistin. Ihr bekanntestes Werk Die Mutter und ihr erstes Kind erschien in immer neuen Auflagen bis – 1987!

Im betreffenden Wikipedia-Beitrag heißt es, daß bis Kriegsende fast 700 000 Exemplare verkauft wurden. Der Inhalt wurde auch bei den offiziellen „Reichsmütterschulungen“, an denen bis April 1943 drei Millionen Frauen teilgenommen hatten, verbreitet. „Auch in Kindergärten und Heimen war Haarers Ratgeber Grundlage der Erziehung.“ Das Kind sollte rein unpersönlich mechanisch gepflegt werden ohne jedwede Zuneigung zu zeigen, um das Kind nicht zu „verweichlichen“. Man solle das Kind „ausschreien“ lassen, um es abzuhärten und seine Lungen zu kräftigen.

Sigrid Chamberlain faßte das Buch Haarers wie folgt zusammen:

Das Kind soll tags wie nachts in einem stillen Raum für sich sein. Die Trennung von Familie und Kind beginnt gleich nach der Geburt: Sobald der Säugling gewaschen, gewickelt und angezogen ist, soll er für 24 Stunden allein bleiben. Erst danach soll er der Mutter zum Stillen gebracht werden. Von der ersten Minute des Lebens an wurde also alles getan, um die Beziehungsunfähigkeit zu fördern. Alles war verboten, was Beziehung förderte. Denn das Hauptziel bestand darin, die Beziehung zwischen der Mutter oder den Eltern und dem Kind gar nicht erst entstehen zu lassen. Diesem Zweck dienen auch Haarers Forderungen, keine Zeit gemeinsam zu verbringen außer beim Füttern, Windelwechseln, Anziehen, Baden. Dafür aber waren genaue Zeitspannen vorgegeben. Das Füttern mit der Flasche sollte keinesfalls länger dauern als zehn Minuten, das Stillen nicht länger als zwanzig Minuten. Wenn das Kind „bummelt“ oder „trödelt“, soll das Füttern oder Stillen abgebrochen werden. Essen gibt es erst wieder bei der nächsten planmäßigen Mahlzeit. Hat das Kind bis dahin Hunger, geschieht es ihm erstens recht und zweitens lernt es dann, daß es sich beim nächsten Mal mehr beeilen muß.

Weiter heißt es in dem Wikipedia-Beitrag:

Erwachsene, so Haarer, hätten sich „ruhig über die Fehler und Schwächen der Kinder lustig machen und sie verspotten dürfen“, ergänzt Chamberlain und erwähnt Zeitzeugen, die berichteten, wie sie beschämt und bloßgestellt wurden, nicht nur von den Eltern, sondern auch von Erzieherinnen. Zu den Folgen einer solchen Erziehung gehören unter vielem Anderen die Schwierigkeit, „liebevoll, einfühlsam und warmherzig“ mit den eigenen Kindern umzugehen, aber beispielsweise auch, die eigene „Wohnung schön und gemütlich einzurichten“, so Chamberlain. Hinzu komme eine große Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit.

Noch lange nach dem Krieg wurden viele Kinder von ihrer Mutter nie in den Arm genommen. Körperlichkeit beschränkte sich auf die Reinlichkeitserziehung, ansonsten war für Haarer „Hautberührung […] unerwünscht“.

Es wird darauf verwiesen, daß der Rat Haarers an die Mütter, „die Bedürfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren“ auf die nachfolgenden Generationen wirke – die Emotionelle Pest pflanzt sich fort:

„Wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindungen zu anderen aufzubauen, wie kann sie es dann ihren Kindern oder Enkelkindern beibringen?“ Kinder, „die verführbar sind, nicht denken und nicht fühlen“, seien, so der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch, „praktisch für eine Kriegernation“.

Dieses millionenfache Seelenmassaker war der Wesenskern des Nationalsozialismus: Emotionelle Pest in ihrer reinsten, widerwärtigsten Form.

Email [Reichs MENSCHEN IM STAAT] 2016

27. August 2025

Email [Reichs MENSCHEN IM STAAT] 2016

Max Stirner, Soter (Teil 24)

26. August 2025

Stirner sah sich als Vollender der Aufklärung. So wie einst die äußere Welt zu bloßem Material wurde, muß auch die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen, sich ganz meiner Macht unterwerfen (Der Einzige, S. 402). Er hat sozusagen in aufklärerischer Fortführung des Christentums nicht nur die „Dinge dieser Welt“, sondern auch „die Wahrheiten und ihre Macht“ (= Über-Ich) (Der Einzige, S. 390) überwunden. Es geht darum den „Geist“ genauso zu entweihen, zu entheiligen, zu entgöttern und unbedenklich nach Gefallen zu gebrauchen, wie man es mit der Natur macht (Der Einzige, S. 104). Man könnte fragen: „Beschäftigen mich die Sachen“ (vom grüblerischen Denken bis zur Versklavung durch eine fixe Idee) oder beschäftige (gebrauche) ich umgekehrt die Sachen (vgl. Der Einzige, S. 380).

Hatten die „Ergebenen“ eine unbezwungene Macht zu ihrer Herrin erhoben und angebetet, hatten sie Anbetung von Allen verlangt, so kam ein solcher Natursohn, der sich nicht ergeben wollte, und jagte die angebetete Macht aus ihrem unersteiglichen Olymp. Er rief der laufenden Sonne sein „Stehe“ zu, und ließ die Erde kreisen: die Ergebenen mußten sich’s gefallen lassen; er legte an die heiligen Eichen seine Axt, und die „Ergebenen“ staunten, daß kein himmlisches Feuer ihn verzehre; er warf den Papst vom Petersstuhle, und die „Ergebenen“ wußten’s nicht zu hindern; er reißt die Gottesgnadenschaft nieder, und die „Ergebenen“ krächzen, um endlich erfolglos zu verstummen. (Der Einzige, S. 183.

Das Denken wird so wenig als das Empfinden aufhören. Aber die Macht der Gedanken und Ideen, die Herrschaft der Theorien und Prinzipien, die Oberherrlichkeit des Geistes, kurz die – Hierarchie währt so lange, als die Pfaffen, d.h. Theologen, Philosophen, Staatsmänner, Philister, Liberale, Schulmeister, Bedienten, Eltern, Kinder, Eheleute, Proudhon, George Sand, Bluntschli usw., usw. das große Wort führen: die Hierarchie wird dauern, solange man an Prinzipien glaubt, denkt, oder auch sie kritisiert: denn selbst die unerbittlichste Kritik, die alle geltenden Prinzipien untergräbt, glaubt schließlich doch an das Prinzip. (Der Einzige, S. 392f)

„Wem die Grundsätze der Moral gehörig eingeprägt wurden, der wird von moralischen Gedanken niemals wieder frei, und Raub, Meineid, Übervorteilung u.dgl. bleiben ihm fixe Ideen, gegen die ihn keine Gedankenfreiheit schützt. Er hat seine Gedanken ‚von oben‘ und bleibt dabei“ (Der Einzige, S. 383). „Wäre die Hierarchie nicht so ins Innere gedrungen, daß sie den Menschen allen Mut benahm, freie, d.h. Gott vielleicht mißfällige Gedanken zu verfolgen, so müßte man Gedankenfreiheit für ein ebenso leeres Wort ansehen, wie etwa eine Verdauungsfreiheit“ (Der Einzige, S. 385).

„Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Der Einzige, S. 254). Was bei Reich die Panzerung ist, ist bei Stirner die Welt der Begriffe, die eine Art Eigenleben führen. Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner mit dem Ruf „Komm zu Dir!“ (Der Einzige, S. 180) das Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“ (Parerga, S. 151), aus der Herrschaft der „inneren Hierarchie“, die nichts anderes ist als die „Herrschaft des Guten“ (vgl. Parerga, S. 174), d.h. des Über-Ich. Entweder ist man selbstbestimmt oder von „sittlichen Rücksichten“ (Der Einzige, S. 261): „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). „Denke nicht, daß ich scherze oder bildlich rede, wenn Ich die am höheren hängenden Menschen, und weil die ungeheuere Mehrzahl hierher gehört, fast die ganze Menschenwelt für veritable Narren, Narren im Tollhause ansehe“ (Der Einzige, S. 46).

Der Mensch entschließt sich in einer bestimmten Situation zu etwas, der Wille „erstarrt“ quasi – so daß, selbst wenn sich die Situation grundlegend geändert hat, dieser zurückliegende Willensäußerungen Tribut gezahlt wird. Der Mensch macht sich zum Deppen seiner selbst: „Mein Geschöpf (…) wäre mein Gebieter geworden“ (Der Einzige, S. 215). „Beruf –Bestimmung – Aufgabe!“ (Der Einzige, S. 364) Beruf = Aufgabe, Pflicht (Der Einzige, S. 376). – Stirner unterscheidet zwischen „Beruf“ und der „natürlichen Tat“ (Der Einzige, S. 368). Der Gegensatz von „Beruf“ ist „sich ausleben, sich auflösen“ (Der Einzige, S. 372). Während ein Tier sich „realisiert“, „indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht“, versucht der wahnsinnige Mensch Begriffe zu „realisieren“, z.B. indem er bestrebt ist „Mensch“ zu sein (Der Einzige, S. 372). Der Mensch hält an sich und vertut so sein Leben, das nichts anderes ist als „Auflösen“, „wie die Zeit alles auflöst“ (Der Einzige, S. 373; Hervorhebung hinzugefügt; vgl. auch Der Einzige, S. 366).

Imgrunde steckt hinter dem Gegensatz zwischen „Begriff“ und „Leben“ der Gegensatz zwischen Raum und Zeit. Wenn Stirner eine Philosophie hat, dann ist es diese quasi „Bergsonianische“ Dialektik von abstraktem Denken („Raum“) und konkretem Leben („Zeit“). Die räumliche Vorstellungswelt hat natürlicherweise die Qualität des Statischen, während das Lebendige dadurch gekennzeichnet ist, daß es sich in einem ständigen Fluß befindet. Dazu steht nicht im Widerspruch, daß das lebendige (funktionelle) Denken nichts anderes ist als die „rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken“ (Der Einzige, S. 342); es ist nur dadurch möglich, daß man jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wird (Der Einzige, S. 389). Es geht hier, beim bloß abstrakten Denken, nämlich um das „heilige Denken“, der vermeintlich „Denkenden“, d.h. jener, die alles in Begriffssysteme pressen und deshalb in Wirklichkeit gedankenlose Dummköpfe sind. Entsprechend sieht die gegenwärtige Welt aus (Der Einzige, S. 371). „Dem Realisierenden liegt nämlich wenig an den Realitäten, alles aber daran, daß dieselben Verwirklichungen der Idee seien“ (Der Einzige, S. 408f).

Die besagten „Realisierenden“ sind blind gegen die Unmittelbarkeit der Dinge und unfähig sie zu meistern. Deshalb erscheinen sie Stirners bereits erwähnten „kräftigen Natursohne“ als unbeholfene närrische Käuze (Der Einzige, S. 381), die kontaktlos in ihrer eigenen Traumwelt leben (Der Einzige, S. 30). Sie sind irrational, da sie sich nicht als Ganzheit wahrnehmen. Um rational zu sein, muß der Mensch sich ganz vernehmen, d.h. sowohl den Geist als auch das „Fleisch“, denn „nur, wenn er sich ganz vernimmt ist er vernehmend oder vernünftig“ (Der Einzige, S. 68, Parerga, S. 90).

Bei Stirner ist denkbar viel Reich vorweggenommen: funktionalistisches Denken; die Erstarrung versus das Lebendige, sich Hingebende und Fließende; das Abstrakte und Kontaktlose versus das handelnde und sich entfaltende Leben; fast die ganze Menschheit irre.

Wohin könnte man blicken, ohne Opfern der Selbstverleugnung zu begegnen? Da sitzt Mir gegenüber ein Mädchen, das vielleicht schon seit zehn Jahren seiner Seele blutige Opfer bringt. Über der üppigen Gestalt neigt sich ein todmüdes Haupt, und bleiche Wangen verraten die langsame Verblutung ihrer Jugend. Armes Kind, wie oft mögen die Leidenschaften an Dein Herz geschlagen, und die reichen Jugendkräfte ihr Recht gefordert haben! Wenn Dein Haupt sich in die weichen Kissen wühlte, wie zuckte die erwachende Natur durch Deine Glieder, spannte das Blut Deine Adern, und gossen feurige Phantasien den Glanz der Wollust in Deine Augen. Da erschien das Gespenst der Seele und ihrer Seligkeit. Du erschrakst, Deine Hände falteten sich, Dein gequältes Auge richtete den Blick nach oben, Du – betetest. Die Stürme der Natur verstummten, Meeresstille glitt hin über den Ozean Deiner Begierden. Langsam senkten sich die matten Augenlider über das unter ihnen erloschene Leben, aus den strotzenden Gliedern schlich unvermerkt die Spannung, in dem Herzen versiegten die lärmenden Wogen, die gefalteten Hände selbst lasteten entkräftet auf dem widerstandslosen Busen, ein leises, letztes Ach stöhnte noch nach, und – die Seele war ruhig. Du entschliefst, um am Morgen zu neuem Kampfe zu erwachen und zu neuem – Gebete. Jetzt kühlt die Gewohnheit der Entsagung die Hitze Deines Verlangens und die Rosen Deiner Jugend erblassen in der – Bleichsucht Deiner Seligkeit. Die Seele ist gerettet, der Leib mag verderben! O Lais, o Ninon, wie tatet Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern!“ (Der Einzige, S. 66f).

Email [Charakteranalyse und das LSR-Projekt] 2009

24. August 2025

Email [Charakteranalyse und das LSR-Projekt] 2009

David Holbrook, M.D.: „Genitale Liebe“ versus „gepanzerte Liebe”

23. August 2025

DAVID HOLBROOK, M.D.:

„Genitale Liebe“ versus „gepanzerte Liebe”