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Unnaturwissenschaft

11. Mai 2026

In seinem Buch Äther, Gott und Teufel befaßt sich Reich mit der Rolle der Panzerung in der Naturwissenschaft:

Die Erforschung der Natur durch das Experiment war ein entscheidender Schritt vorwärts zur objektiven Betrachtung. Doch das mechanistisch durchgeführte Experiment hat den Forscher von seiner unmittelbaren Beobachtung getrennt. Das Mißtrauen zum Menschen, zu seiner Urteilskraft und zur Rationalität seiner Emotionen ist berechtigterweise so riesenhaft, daß man das objektive Experiment überlud. Man fühlte Abneigung gegen das Untersuchen der Gewebe in lebendem Zustande ebenso wie gegen die Beobachtung der Atmosphäre mit dem freien Auge. „Objektive Experimente“ wie etwa das Michelson-Lichtexperiment, das den Äther abschuf, sind katastrophale Ereignisse für die Naturforschung. Man kann den. lebendigen Beobachter durch das Experiment nur kontrollieren, aber man kann ihn nicht ersetzen. Eine mechanistisch arbeitende und denkende Struktur im Beobachter kann durch Experimentieren nicht befruchtet werden. Daher war es immer der Rebell gegen den Mechanismus in der Naturforschung, der die scharfen Grenzen überschritt und seine Entdeckungen gerade durch Unorthodoxie machte. Er kehrte einfach zur direkten Beobachtung und zum natürlichen, d.h. funktionellen Verknüpfen der Beobachtungen zurück. Diese Rebellen der Naturwissenschaft waren auch Rebellen im Denken; sie funktionierten lebendig, überschritten Grenzen, brachen Zäune nieder, so in der Frage der Unveränderlichkeit chemischer Stoffe, in der Beziehung von Energie und Masse, in der Beziehung von Mensch und Tier, etc. Man denke bloß daran, was die Psychologie geleistet hat.

Der Funktionalist bedient sich also des Experiments auf Grund direkter Beobachtung zur Bestätigung seiner Beobachtungen und Denkresultate. Er ersetzt nicht das Denken und das Beobachten durch das Experimentieren. Der Mechanist hat kein Vertrauen zu seinem Denken und Beobachten, und er ist da im Rechte. Der Funktionalist hat Vertrauen zu seinen Sinnen und zu seinem Denken. Er unterscheidet sich. vom Mystiker und vom Gläubigen dadurch, daß er die Unsicherheiten kennt und experimentell kontrolliert. Er unterscheidet sich vom Mechanisten dadurch, daß er nichts aus der Beobachtung ausschließt, alles für möglich hält, durch seine Fassung von Beziehungen die Grenzen zwischen den Wissenschaften niederbricht und stets in disziplinierter Weise zum einfacheren Funktionsprinzip fortschreitet. (S. 114)

Das bedeutet, daß das mechanistische Experiment eine Entsprechung zur „mechanistischen Struktur“ des Wissenschaftlers ist, seiner Panzerung, d.h. es trennt ihn von seinem Gegenstand. Das, was Kontakt mit der Natur herstellen soll, nämlich der wissenschaftliche Versuch, unterbindet diesen Kontakt. Das ist so, weil der Gepanzerte seiner sinnliche Beobachtungsgabe und seinen eignen gedanklichen Schlußfolgerungen (zu recht) nicht traut. Natürlich muß auch der funktionelle Forscher das wissenschaftliche Beobachten und Schließen durch Experimente ständig kontrollieren, aber diese Versuchsaufbauten können nicht die lebendige Beobachtung und das funktionelle, d.h. der Natur folgende, Denken ersetzen. Am Beginn steht immer der lebendige Organismus mit seinen Emotionen, Empfindungen, Wahrnehmungen und den daraus abgeleiteten „Eingebungen“ und Kognitionen. Das Experiment dient wie gesagt der Kontrolle.

Man kann Wildtiere beobachten und daraus seine Schlüsse ziehen. Natürlich sollte man das, soweit möglich kontrollieren, indem man diese Tiere etwa auf eine Weide sperrt, d.h. kontrollierte Bedingungen herstellt. Durch diese Übergriffigkeit besteht aber die Gefahr, daß die nunmehr kontrollierten Beobachtungen nur Artefakte widergeben. Wenn ich, „blind und dumm“, was die natürlichen Bedingungen betrifft, nun von solchen artifiziellen Bedingungen ausgehe und jede Menge willkürlicher Experimente mit den unversehens zu Nutz- wenn nicht Haustieren entarteten Versuchsobjekten mache, kontrolliere ich nicht mehr meine Beobachtungen und Schlußfolgerungen anhand der Natur, sondern projiziere ganz im Gegenteil meine „Unnatur“ (Panzerung) in die Natur hinein. Genau das machen mechanistische Wissenschaftler mit ihren vermeintlich „objektiven Experimenten“ tagtäglich, weil sie nicht mehr ihren Beobachtungen und Denkresultaten trauen können. Imgrunde ist Naturwissenschaft ohne vorangehende Orgontherapie unmöglich. Es ist Pseudowissenschaft, in der der gepanzerte Mensch nur sich selbst widerspiegelt, während ihm die Natur entgleitet. Naturwissenschaft wird zur Unnaturwissenschaft.

Reich hatte hier seine Bionforschung vor Augen, in der er die „unsterile“ Natur einfach ganz „naiv“ beobachtete und daraus organisch Experimente ableitete, während es den „richtigen“ Mikrobiologen um das präzise Taxieren, Bestimmen, Charakterisieren unter kontrollierten, d.h. sterilen Bedingungen geht. Daß dadurch genau das abgetötet wird, was Gegenstand der Untersuchung sein sollte, wird weder gesehen noch mental erfaßt. Ein weiteres Beispiel ist das Orgon in der Physik. Es wird durch die Versuchsbedingungen abgetötet und förmlich unsichtbar gemacht. Es ist, als würde man Verhaltensforschung von Schweinen und Kühen auf der Schlachttheke betreiben wollen. „Naturwissenschaftler“ sind wie nekrophile Sexualmörder, die das, was sie vermeintlich lieben, erst erdrosseln müssen, bevor sie es „lieben“.

Du bist nicht Wilhelm Reich! (Teil 1)

19. Oktober 2025

Am Anfang steht das Wort. Man nehme eine Orgontherapie, auf die schließlich auch erst hingewiesen werden muß, bevor der Patient überhaupt darauf kommt, zum orgonomischen Arzt zu gehen. Es mag sein, daß es mit Reich anders gewesen ist, aber heute beginnt jedes orgonomische Experiment mit dem Nachvollzug eines überlieferten Versuchsaufbaus. Orgonomie ist wie alle Wissenschaft zunächst immer eine mündliche oder schriftliche Mitteilung. Vor der Praxis stehen Vorlesungen und Durcharbeiten von Lehrbüchern. Entsprechend ist die Qualität der wissenschaftlichen Unternehmungen von der Klarheit und Logik der Darstellung abhängig. Reich selbst hat immer wieder darauf hingewiesen, wie verheerend schludrige und unpräzise Formulierungen für die Entwicklung der Wissenschaft sind, beispielsweise in der Biologie die beiden Worte „um zu“.

Das bedeutet natürlich nicht, daß bloße Worte wichtiger wären als das Experiment und die konkrete Erfahrung. Es ist ähnlich wie eine Wegbeschreibung, die das „unsubstantiellste“ am ganzen Weg ist, an dessen Ende beispielsweise ein „Date“ stehen könnte, – aber ohne die dröge und formelhafte Wegbeschreibung wird man von vornherein hoffnungslos in die Irre gehen.

Aus funktioneller Sicht ist es eine Todsünde sich unlogisch, verworren oder so „verschwurbelt“ auszudrücken, daß einem niemand folgen kann. Nicht nur, daß eine solche Ausdruckweise die Arbeitsdemokratie unterminiert und sabotiert. Sie ist auch in einer anderen Hinsicht Emotionelle Pest (= destruktiver Irrationalismus auf dem sozialen Schauplatz), denn sie induziert bei anderen die eigene okulare Panzerung, die dadurch geradezu „ansteckend“ wird.

Bioenergetisch entspricht das ganze einer Orgontherapie, die (wenn man mal von der Mobilisierung der Atmung absieht) stets beim okularen Segment beginnt und erst am Ende zum Beckensegment und damit zum Kern der Neurose (dem Ödipuskomplex und der orgastischen Impotenz) vordringt.

Leute, die kaum einen geraden Satz formulieren können, aber gleich immer zu den „handgreiflichen“ Essentials durchdringen wollen, ähneln in ihrem Vorgehen der „Bioenergetik“ nach Alexander Lowen, bei der gleich am Anfang das Becken „mobilisiert“ wird und dadurch ein hoffnungsloses Durcheinander im Patienten hervorgerufen wird. Derartige Leute, die alle möglichen „praktische Erfahrungen“ vorweisen können, sind dann typischerweise jene, die schließlich die Orgonomie, bzw. das, was sie für „Orgonomie“ halten, mit den absurdesten mystischen Theorien anreichern.

Ein des Öfteren zu hörender Einwand lautet, die Formulierungen, mit denen die Orgonomie verbreitet wird, seien zu holzschnittartig, gar „phrasenhaft“. Dem kann man nur entgegenhalten, daß fast jede Neuformulierung der Orgonomie erfahrungsgemäß kaum mehr erzeugt als ein heilloses Durcheinander, also genau das, was ich anfangs kritisiert habe.

Die folgende Abbildung (die ausschließlich im Zusammenhang mit diesem Blogeintrag Sinn macht!!) illustriert das gesagte:

In der korrekten Vermittlung der Orgonomie, die dem eingezeichneten Pfeil folgt, steht eine möglichst klare Erklärung am Anfang (Orgonometrie). Darauf folgt die Bobachtung der Erscheinungen, auf die man aufmerksam gemacht wurde, woran sich der Nachvollzug der Experimente anschließt (quantitative Orgonometrie), was schließlich im qualitativen Nachvollzug mündet. Am Anfang wird man auf die Orgonenergie hingewiesen, an Ende weiß man, daß sie existiert. Steht am Anfang chaotische Fehlinformation, kann es diese Erfahrung nie und nimmer geben.

Da die Menschen heute nun mal so sind, wie sie sind, nämlich gepanzert, kann die umgekehrte Entwicklung, die Reich selbst genommen hat, von vagen Ahnungen einer „psychischen Energie“ hin zu wildem „Herumprobieren“ nur zu entstellten mystischen Formulierungen führen. Der übliche Unsinn, der über die Lebensenergie verbreitet wird.

Reich selbst hat den umgekehrten Weg beschritten. Er ist aus seinem eigenen inneren Erleben in den 1920er Jahren vom Postulat einer „psychische Energie“ ausgegangen, hat in den 1930er Jahren entsprechende, anfangs „wilde“ und unsystematische, Experimente durchgeführt, die in den 1940er Jahren zu entsprechenden Beobachtungen der atmosphärischen und kosmischen Orgonenergie führten, was schließlich in den 1950er Jahren in seinen orgonometrischen Formulierungen mündete. Aber Reich war halt Reich!

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 22

25. Juni 2019

orgonometrieteil12

22. Induktion und Deduktion

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 5

12. Februar 2019

orgonometrieteil12

5. Reichs Selbstverständnis als Naturwissenschaftler