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Kleines Lexikon der Arbeitsdemokratie

24. Juli 2015

Natürlich hat ein „Lexikon“ in einem Blog keinen Platz. Dieses vorgebliche „Lexikon der Arbeitsdemokratie“ dient einzig dazu, möglichst komprimiert in die Gedankenwelt der Arbeitsdemokratie einzuführen.

Anarchismus: Reich war stets ein Gegner des Anarchismus, da dieser die strukturelle Freiheitsunfähigkeit der Massen nicht sieht und nicht erkennt, daß die hierarchische Ordnung der Gesellschaft nicht nur willkürlich ist, sondern durchaus einen rationalen Kern in den Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses hat.

antiautoritär: Die traditionelle autoritäre Gesellschaft war repressiv, insbesondere was den Sexus angeht. Die antiautoritäre Gegenbewegung ruft Triebhaftigkeit und einen alles erstickenden Intellektualismus hervor mit einer vollständigen Trennung vom biologischen Kern.

Arbeit, lebensnotwendige: „Unter ‚lebensnotwendiger Arbeit‘ müssen wir jede rubrizieren, die zur Aufrechterhaltung der menschlichen Lebens und der gesellschaftlichen Maschinerie unerläßlich ist. Jede Arbeit also, deren Ausfall den lebendigen Prozeß schädigen und hemmen würde, ist lebensnotwendig“ (Massenpsychologie des Faschismus).

Arbeiterbewegung: Ursprünglich ein genuin arbeitsdemokratischer Protest gegen die Degradierung des Menschen zum Anhängsel der Maschine. Reich hat die Entartung zur Staatsgläubigkeit beschrieben, die den Menschen noch weiter zu einem Maschinenwesen erniedrigt.

Arbeitsenergie: Neben der Libido ist die Arbeitsenergie die zweite wichtige Äußerungsform der organismischen Orgonenergie. Während die Sexualenergie zur Bildung von Freundschaften, sexuellen Partnerschaften und Familiengemeinschaften führt, ist die Arbeitsenergie für die Bildung arbeitsdemokratischer Zusammenschlüsse von losen Arbeitsgemeinschaften bis hin zu Wirtschaftsunternehmen verantwortlich.

Arbeitskraft: Die biologische Energie als Produktivkraft. Neben der Sexualität ist Arbeit eine der beiden grundlegenden Lebensfunktionen. „Je befriedigender das Geschlechtsleben ist, desto voller und freudiger ist auch die Arbeitsleistung“ (Massenpsychologie des Faschismus).

Arbeitsstörungen: Es besteht eine Entsprechung zu Störungen der sexuellen Befriedigungsfähigkeit. Ursachen können äußerlich (z.B. durch Mobbing) oder innerlich (neurotisch) sein. Genauso wie im Sexualleben wird der Gesunde (in einer freiheitlichen Gesellschaft) sein Leben so verändern, daß er Erfüllung in der Arbeit findet.

Arbeitsteilung: Die Spezialisierung ist nicht etwa Ursache von „Entfremdung“ sondern Wesen der Arbeitsdemokratie.

Ausbeutung: Unter Ausnutzung eines Machtgefälles wird die Sexual- und Arbeitsenergie der Schwachen ausgebeutet. Diese Ausplünderung ist nicht mit dem normalen Gewinnstreben zu verwechseln. Auf dem Verwischen dieses Unterschiedes beruht die Ideologie des Sozialismus.

Autorität: Autorität in einem Fachbereich besitzt jeder, der in diesem Fachbereich schöpferisch tätig ist.

Biologischer Rechenfehler: Die biologische Kapazität des Menschen für eine verantwortliche Selbstregulierung wird bei sozialen Veränderungen nicht beachtet, was den ständigen Wechsel zwischen Zeiten vermeintlichen Fortschritts und Zeiten des Rückschritts hervorruft.

biosozial: Arbeit und Sexualität entstammen der gleichen biologischen Energie.

Bio-Soziologie: Soziologie jenseits aller nationalen und klassenmäßigen Unterschiede.

Demokratie, formale: Der Unterschied zwischen formaler und Arbeitsdemokratie liegt darin, daß in der ersteren die Quantität (von Stimmen) die Entscheidung bestimmt, in der letzteren jedoch ausschließlich die Qualität (Fachwissen). Um Quantität zu messen, benötigt man keine Kontaktfähigkeit, sehr wohl jedoch um Qualität zu messen. Solange die Menschen kontaktlos bleiben, werden wir von der Diktatur der kontaktlosen Mehrheit bestimmt werden.

Diktator: Er sagt im Gegensatz zum Social Guide (gesellschaftlicher Wegweiser) was zu tun ist, wie es zu tun ist und wo die Ziele liegen. Und er verfolgt jeden, der diesen „höheren Eingebungen“ nicht folgt. Dabei bildet er sich nur ein tatsächlich zu führen, während er in Wirklichkeit von den mystischen Erwartungen der Massen geführt wird.

Elend: Elend hat nichts mit materieller Not per se zu tun, sondern beruht darauf, was den Kleinkindern und Jugendlichen angetan wird.

Entkolonialisierung: Der Rückzug des Westens aus den Kolonien im Namen der „Humanität“ und die verheerenden Folgen für Abermillionen Menschen ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was für Auswirkungen kontaktlose hehre Prinzipien haben, die die konkrete Freiheitsfähigkeit der Menschen nicht berücksichtigen.

Fachbewußtsein: „Bewußtsein heißt Rückwendung gegen den eigenen Ursprung.“ (Menschen im Staat) Fachbewußtsein bedeutet, daß man sich seiner Stellung im Arbeitsprozeß und allgemein im Lebensprozeß bewußt wird: aus ihm ist man hervorgegangen, von ihm ist man abhängig und ein integraler Bestandteil von ihm.

Gewaltenteilung: In seinen ersten Ausführungen zur Arbeitsdemokratie schwebten Reich sozusagen „Räte“ vor, die jedoch nicht wie einst die russischen Sowjets Orts- und Betriebseinheiten vertreten, sondern bestimmte Arbeitsinteressen und so das wirkliche Arbeitsleben besser widerspiegeln. Diese Arbeitsräte bestünden im Prinzip schon heute in Gestalt der Fachorganisationen. Reich denkt auch an die Konsumgenossenschaften, denen man nur Produktionsgenossenschaften gegenüberstellen müßte. Die Führung der Gesellschaft durch den „zentralen Arbeitsrat“ soll als einzige Funktion die innehaben, alle Arbeitszweige miteinander zu verbinden, ohne irgendwie über sie bestimmen zu dürfen. Realistischer wäre zum Beispiel die Forderung nach einer vierten, einer „konzeptiven“ Gewalt: einer Kammer, einem Senat, der aus Wissenschaftlern gebildet wird und wo einzig und allein Fachkenntnisse zählen.

Justiz: Die Justiz ist verpflichtet, die Gesetze den konkreten Umständen entsprechend anzuwenden und dabei das betreffende Gesetz selbst zu hinterfragen: Ist es noch zeitgemäß? Weshalb wurde es eingeführt und von wem?

Kritik: „Die Politiker kritisieren; sie sollten aufhören zu kritisieren. Marx und Hegel haben auch zu viel kritisiert. Die Marxistischen Bewegungen wurden statisch. Lenin war zu sehr Politiker in seinen Schriften. Ich glaube, die Politiker sind erledigt, alle.“ (Reich zu Myron Sharaf, Journal of Orgonomy, 1970)

die Massen: Die Massen verkörpern den Status quo, den ihre vorgeblichen „Führer“ nur exekutieren. Millionen sterben, Ländergrenzen verändern sich dramatisch – aber im Grunde ändert sich nichts.

Nichtarbeit: Reich hat streng zwischen Arbeit und Nichtarbeit, „die den Lebensprozeß schädigt“, unterschieden.

Not, materielle: Im Gegensatz zu Marx steht für Reich fest, „daß das ökonomische Elend Ergebnis statt Ursache der politischen Pest ist.“ (Brief an Neill vom 8. Juli 1953)

Politikanten: Reich unterscheidet zwischen sachlich ausgerichteten Politikern, wie Roosevelt, und den Politikanten, die deren Arbeit hintertreiben.

Social Guide: Im Gegensatz zum Diktator läßt der „Soziale Wegweiser“ die Menschen ihre Ziele und Mittel selbst wählen und wird ihnen helfen, wenn er darum gebeten wird, sich aber ansonsten aus ihren Angelegenheiten heraushalten. Niemals wird er Leuten sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Soziologie: Das Soziale ist dadurch gekennzeichnet, daß verschiedene Individuen sich entweder zu rationalen arbeitsdemokratischen oder in einer „emotionalen Verschwörung“ zu irrationalen Zielen zusammenfinden. In beiden Fällen bilden sich soziale „Organismen“, die eine Eigendynamik unabhängig von den Individuen gewinnen.

Soziopolitik („gesellschaftlich engagierte Politik“): Statt einfach zu regieren, wird aufgrund ideologischer Vorgaben in das Sozialgefüge der Gesellschaft eingegriffen (Aktivismus). Aktive Gesellschaftspolitik ist ein Ausdruck der Emotionellen Pest.

Staat: „Es ist (…) die politische Zerklüftung der Gesellschaft, die die Staatsidee, und es ist umgekehrt wieder die Staatsidee, die die soziale Zerklüftung erzeugt. Es ist ein circulus vitiosus, aus dem man nur herausspringen kann, wenn man sowohl der Zerklüftung wie der Staatsidee auf den Grund geht und beide auf einen gemeinsamen Nenner zurückführt. Dieser dritte Nenner ist (…) die irrationale Charakterstruktur der Menschenmassen.“ Massenpsychologie des Faschismus Geht man nämlich vom gepanzerten Organismus aus, ist es nur ein kleiner Schritt „zur staatlichen Auffassung der menschlichen Gesellschaft oder umgekehrt, von der Idee des absoluten Staates zur mechanistischen Auffassung des Organismus.“ So Reich in Äther, Gott und Teufel, wo er die Arbeitsdemokratie mit dem (ungepanzerten) Organismus gleichsetzt.

Streiks: Bei Streiks vermißt Reich den Willen zur Selbstbestimmung.

Verantwortlichkeit: Es ist irrelevant, ob Stalin, Hitler, Castro oder Khomeini eine schlimme Kindheit hatten, also letztendlich auch nur „Opfer“ waren. Das einzige was zählt, ist das Schicksal zukünftiger Generationen von Kindern.

Wahlverhalten: Es kommt auf die historische Situation an. In Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wendet man sich der Rechten zu, in Zeiten der reaktionären Erstarrung der Linken.

Zwischenhandel: Der unproduktive Zwischenhandel müßte beseitigt werden und durch einfache Administration, die zwischen Konsumenten und Produzenten vermittelt, ersetzt werden. Zu Reichs Zeiten war das eine ziemlich haltlose Utopie, doch mit dem Internet wird sie zunehmend zur Wirklichkeit.

Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 5)

2. Juli 2015

In Ökonomie und Sexualökonomie habe ich dargestellt, wie die Befreiung der Sexualität aus ihren mittelalterlichen Fesseln den Kapitalismus hervorgerufen hat und daß die planwirtschaftliche Zersetzung des Kapitalismus uns zurück ins Mittelalter treibt (wie bereits 1933 infolge der Weltwirtschaftskrise geschehen).

Durch die Verkümmerung von Sexualität (Zwangsmoral) und Konsum (sozialistische Verzichtsideologie) kommt es beim Individuum und im gesellschaftlichen Organismus langsam zur „Schrumpfungsbiopathie“. Der Marxismus läuft auf eine reglementierte Zuteilungswirtschaft hinaus, in der dem Träger des Arbeitsprozesses die Spannungslösung an seinem Arbeitsprodukt vorenthalten wird, was genauso verheerend ist wie ein Coitus interruptus. Die Beschneidung der Arbeitsenergie rächt sich ähnlich wie die Nichtbeachtung der sexualökonomischen Naturgesetze.

Die „gesellschaftlicher Abpanzerung“ der Sexualenergie ist funktionell identisch mit der „gesellschaftlichen Abpanzerung“ der Arbeitsenergie.

Die beiden humanbiologischen Grundfunktionen Sexualität und Arbeit sind ursprünglich in der gleichen Institution beheimatet: der Familie („Familie“ im weitesten Sinne des Wortes!). Die Familie geht aus der sexuellen Gemeinschaft hervor, die wiederum auf der Überlagerungsfunktion gründet („genitale Umarmung“). Mit der Familie kommt es zur ersten Teilung der Aufgaben im Überlebenskampf: die Funktion „Arbeit“ taucht auf. Diese neue Funktion, mit all ihren „Sachzwängen“, steht in einem gewissen Gegensatz zur Sexualität. Zum Beispiel gibt es, damit das reibungslose Funktionieren der Arbeitsteilung garantiert ist, in ausnahmslos allen Kulturen (die noch nicht ganz vom Patriarchat untergraben wurden) das Inzesttabu, sowie (wenn auch weniger ausgeprägt) die öffentliche Tabuisierung der sexuellen Gemeinschaft der Eheleute. Zum Beispiel ist das schlimmste denkbare Schimpfwort der Trobriander: „Beschlafe deine Frau!“ Ähnlich ist die Sexualität in der späteren arbeitsteiligen Gesellschaft am Arbeitsplatz tabuisiert. Ihr Ort ist die „Freizeit“.

Bei aller Gegensätzlichkeit gibt es in den Bereichen Sexualenergie und Arbeitsenergie ganz ähnliche Störungen aufgrund von Panzerung im Individuum. Zum Beispiel kann man den Kapitalismus als eine Art „gesellschaftlicher Orgontherapie“ betrachten, weil er die Menschen dazu zwingt, aufzustehen und sich zu bewegen. Wer „sitzt“ kommt unter die Räder. (Das ist im übrigen auch der tiefere, bioenergetische Beweggrund für die „Globalisierungsgegner“ in Deutschland: sie wollen angesichts einer sich bewegenden Welt sitzen bleiben.) Genauso ist es in der Sexualität: wer sich nicht ständig bemüht, findet keinen Partner, kann ihn nicht halten oder endet in einer festgefahrenen lustlosen Beziehung, die nur noch die Bequemlichkeit zusammenhält. Das einzige, was uns davon abhält materiell und sexuell erfolgreich, glücklich und reich zu sein, ist unsere Panzerung, die uns dermaßen verkrüppelt, daß jeder Maulwurfshügel zu einem unüberwindbaren Bergmassiv wird. (Auf unverantwortlich freiheitskrämerische Weise spielen sogenannte „Motivationstrainer“ mit dieser Wahrheit – die in ihren Händen zu einer gemeinen Lüge wird.)

Hinzu kommt die „gesellschaftliche Abpanzerung“. Man denke etwa an die Trennung der Geschlechter in islamischen Ländern, die das „Heiratsmarktgeschehen“ behindert, wenn nicht unmöglich macht und zu sexuellen Übergriffen in den Familien führt, wo wegen der Polygamie ohnehin alle Unterschiede verwischt sind. (Tatsächlich werden in islamischen Ländern fast flächendeckend immer die Cousinen bzw. Cousins geheiratet, was in Jordanien z.B. zu einer Epidemie erblicher Blindheit geführt hat.) Diese Art gesellschaftlicher Abpanzerung der Sexualenergie ist funktionell identisch mit der gesellschaftlichen Abpanzerung der Arbeitsenergie, z.B. wenn sich zwischen dem Produzenten und den Konsumenten diverse Zwischenglieder schieben, die, anstatt das Marktgeschehen zu unterstützen, es behindern (Bürokratien, politische Interessenvertreter, Zwischen- und Großhändler, Gewerkschaften, das Rechtssystem, die Einkommenssteuer: kurz alle mittelalterlichen Restbestände aus der vorkapitalistischen, ständischen Welt der Zünfte).

Jerome Eden schrieb dazu:

Aus seiner gepanzerten Struktur heraus produziert ARM [der gepanzerte Mensch, armored man] die Zwillingsbrüder seiner Versklavung – den „Mittelsmann“ und den Politiker. Wie die Mittlere Schicht seiner gepanzerten Struktur besteuert der Mittelsmann die Energie, die Früchte bioenergetischer Arbeit, weil ARM nicht fähig ist, für seine eigene Produktivität, für den Verkauf und die Verteilung seiner selbst erzeugten Güter die Verantwortung zu übernehmen. Der Politiker repräsentiert ARMs oberflächliche Fassade. Beide sind wesentlich für die Fortdauer der gepanzerten Gesellschaft. Sie können in einer arbeitsdemokratischen Gesellschaft nicht geduldet werden. (The Value of Values, Careywood, Idaho: Jerome Eden, 1980)

Hierher gehört auch das Problem des Geldes, das den Austausch zwischen Produzenten und Konsumenten erst ermöglicht. Wird das Geld so manipuliert, daß es seine zentrale Funktion, einen reibungslosen Austausch zwischen den Marktteilnehmern zu gewährleisten, nicht mehr erfüllen kann, also nicht mehr für Gerechtigkeit sorgt, sondern ganz im Gegenteil das Gift der Ungerechtigkeit in die Gesellschaft trägt, trifft das die Arbeitsdemokratie ins Mark.