Archive for the ‘Sozialpsychologie’ Category

Reich, Marx und die Charakterlosigkeit (Teil 1)

2. Juli 2013

In seinem neuen Buch Neither Left Nor Right beschreibt Charles Konia nicht nur die charakterologischen Unterschiede zwischen Linken und Rechten, sondern auch, warum den ersteren charakterologische Unterschiede nicht zugänglich sind:

Für den Konservativen basiert das Konzept Charakter auf Zügen, die aus dem biologischen Kern („guter Charakter“) und der zerstörerischen mittleren Schicht („schlechter Charakter“) abgeleitet werden. Folglich ist er ein Begriff, der stark mit einem pejorativen oder moralischen Unterton behaftet ist. Man vergleiche diese Ansicht mit derjenigen des Liberalen, für den „Charakter“ ein im wesentlichen bedeutungsloses Konzept darstellt. Die Vorstellung, daß eine Person vorgegebene Merkmale besitzt, ist für ihn unverständlich. Er geht davon aus, daß alle Menschen intrinsisch guten Willens sind und unbegrenzt gebessert werden können. (S. 234)

Konia fährt fort:

Ärzte, die das Ausbildungsprogramm des American College of Orgonomy für medizinische Orgonomie durchlaufen und einen liberalen sozio-politischen Charakter besitzen, haben Probleme beim Erfassen und Anwenden der Grundlagen der Charakterdiagnose und Charakteranalyse. Da die meisten Psychiater sowohl zu Reichs Zeiten als auch heute einen liberalen sozio-politischen Charakter haben, stellt diese Einschränkung beim Erkennen und Verstehen der Bedeutung des Charakters einen Grund dafür dar, daß Reichs Beiträge nicht in die Psychiatrie integriert werden konnten und die Praxis dieser Fachrichtung mechanistisch entartete. (ebd.)

Tatsächlich läßt sich fast jede Abspaltung von der Orgonomie damit erklären, daß liberale Charaktere sich dagegen verwahrten, „Menschen zu kategorisieren“.

Von jeher hatten eher liberal gesinnte Orgonomen Probleme mit der Charakterologie. Da wären etwa Ola Raknes und, wenn ich das richtig einschätze, Walter Hoppe zu nennen, aber auch die Orgonomen, die sich seit 1982 im Institute for Orgonomic Science zusammengefunden haben. Die letzteren haben, etwa mit Einführung des „okularen Charakters“, aus der orgonomischen Charakterologie eine Travestie gemacht, die keinerlei praktischen Nutzen mehr hat. Als erstes wäre aber Otto Fenichel zu nennen, der Reichs „Hang zum Schema“ kritisierte und immer alles „differenzierter“ betrachtet wissen wollte. Nach Reichs Tod, distanzierten sich die meisten Orgonomen, repräsentiert von Chester M. Raphael, von Elsworth F. Baker, als dieser Reichs Charakteranalyse systematisierte und Reichs Charaktereinteilung den Erfordernissen der Orgontherapie anglich. Hinzu kam, daß Baker die Charakterdiagnostik auf den soziopolitischen Bereich ausdehnte.

Im Newsletter for Friends of the Wilhelm Reich Museum (No. 35, 1994) das weitgehend Raphaels Auffassung repräsentierte, findet sich folgende Aussage unter der Überschrift „Why is Reich’s Work so Misunderstood“:

Am vierten Tag der Konferenz befaßte sich der Erzieher Wilbur Rippy mit Reichs Soziologie und der Bedeutung von Marx und Engels für seine Bemühungen die Wurzeln des gesellschaftlichen Elends zu verstehen und Wege zu ihrer Verhütung zu finden. Im Verlauf seiner Ausführungen wies Mr. Rippy auch auf die Fehlauslegung Reichs durch die politische Linke und Rechte hin, besonders auf die „schreckliche Travestie“ der Ansichten, die vom Psychiater Elsworth Baker verbreitet werden.

Das läuft auf die Behauptung hinaus, daß die aktuelle Umwelt die Menschen mehr formt als Baker behauptet, also die spätestens seit der Pubertät weitgehend zementierte Panzerung nicht der alles entscheidende Faktor ist. Rippy sieht nicht, daß aber erst von daher, d.h. aus Sicht der Charakterologie, „Marx und Engels“ für die Orgonomie wirklich Sinn machen:

In Die Massenpsychologie des Faschismus legte Reich dar, daß die aktuellen ökonomischen Bedingungen des Individuums so gut wie keine Rolle für dessen Ideologie spielen, sondern fast ausschließlich die charakterlichen Verformungen, die er sich in der Kindheit zugezogen hat. Trotzdem sind „Marx und Engels“ nicht vollkommen nutzlos, denn bei ihnen läuft, wie Reich in Menschen im Staat gezeigt hat, alles auf die zentrale Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft hinaus, die Arbeitsfunktion wird aber genauso wie die Sexualfunktion von der Panzerung, d.h. der Charakterstruktur des Menschen bestimmt.

„Marx und Engels“ haben deshalb in der Orgonomie einen Platz, weil alle anderen ökonomischen Theorien zwar einen begrenzten Erklärungswert haben, etwa für die Euro-Krise, letztendlich aber alles auf die Qualität und Quantität der menschlichen Arbeitsfunktion hinausläuft, Marx’s „lebendige Produktivkraft“, die wiederum von der Struktur der Panzerung, also vom Charakter abhängt.

kaparse

Silvio Gesell und der Rote Faschismus

31. Mai 2013

Warum sind, Reich zufolge, ausgerechnet die totalitären, staatsgläubigen Kommunisten „Freiheitskrämer“? Man sollte doch weit eher etwa die USA als „Freiheitskrämer“ bezeichnen, wollen die doch der Welt die „Freiheit“ bringen!

Die Kommunisten haben eine tiefere, eine biologische Zielsetzung, nämlich den „neuen Menschen“, während Konservative nur oberflächliche Veränderungen wollen, etwa die Einführung eines parlamentarischen Systems und einer freien Marktwirtschaft (vgl. Neither Left Nor Right, S. 142). Konservative wollen keinen „grundlegenden“, keinen radikalen, d.h. an die Wurzel gehenden Umbau.

Kommunisten wollen die „Blockaden“ lösen, die eine freie Entwicklung behindern. Bisher sei die Geschichte von blockierenden Klassengegensätzen geprägt, die verhinderten, daß der Mensch sein wahres Potential entfalten konnte. In der zukünftigen klassenlosen Gesellschaft verschwinde diese Dauerblockade und an ihre Stelle trete, so das Kommunistische Manifest, „eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.

Genau das hat Reich zu den Kommunisten hingezogen und hat ihn später zu einem Antikommunisten gemacht: daß sie das Blaue vom Himmel versprechen, die Menschen für im Grunde gut und gerecht und rational halten, wenn nur nicht die „Umstände“ wären, die die Massen daran hinderten, ihr wahres Potential zu entfalten. Statt, daß der Kleine Mann auf sich selbst und seine Verantwortung verwiesen wird, werden „die Ausbeuter“ und „Wall Street“ für seine Malaise verantwortlich gemacht. Gäbe es die nicht, wäre er frei, zumindest nach einer „Übergangsphase“.

Es ist bezeichnend, daß Leute, die ständig von Marx redeten, sich nach dem Ende des Realsozialismus prompt in Anhänger von Silvio Gesell verwandelten. War es früher „das Kapital“, das alles blockierte, ist es nun „das Zinssystem“. Sowohl Reich als auch Gesell hätten die „Blockierungen“ lösen wollen: die „Blockierung der Lebensenergie“ und die „Geldblockierung“.

Rahim Taghizadegan zeigt in seinem Aufsatz Eine kritische Überprüfung von Freiwirtschaft, Zinskritik und Schwundgeld nach Silvio Gesell, daß Gesells Projekt zwangsläufig im Roten Faschismus enden muß. Ja, man lese Taghizadegans Beitrag bis zum bitteren Ende durch!

Das Perfide an der Botschaft der Marxisten, Gesellianer und all der anderen Freiheitskrämer ist, daß die Aufmerksamkeit geradezu systematisch von der eigenen Blockierung, der biophysischen Panzerung, weggelenkt und auf externe Faktoren gerichtet wird. Konservative mit ihrem „Keine Experimente!“ haben zwar auch keine Lösung anzubieten, aber sie sorgen zumindest nicht für ein haltloses Chaos, das die Lösung der Probleme auf immer verunmöglicht.

Beim Publikum kommt bei den Marxistischen und Gesellianischen Vorträgen an, daß nicht etwa sie selbst die Schuld für ihre Umstände tragen, d.h. die Verantwortung, sondern vielmehr „das System“. Wenn dieses umgestaltet werde, komme alles in Fluß und würde sich schließlich selbst regulieren. Klingt gut, aber das Gegenteil ist der Fall. Jede „Umgestaltung“ wird eher zu einer Katastrophe führen, wie erst vor kurzem die Einführung des Euro gezeigt hat, der uns von „nationalen Egoismen“ befreien sollte, jedoch das exakte Gegenteil bewirkte. Der einzige Weg raus aus der allgemeinen Misere liegt im Blick nach innen: du trägst die Verantwortung für dein eigenes Leben und niemand sonst. Aber das will niemand hören.

Freiheit und Verantwortung beruhen auf dem Kontakt mit dem biologischen Kern und sind deshalb biologische Funktionen. Freiheit ist nicht ohne Verantwortung zu haben und läßt sich nicht dadurch herbeiführen, daß man die „Umstände“ verändert und irgendwelche angeblichen „Blockaden“ beseitigt. Sie ist nur mit biologischen Mitteln erreichbar. Sie mit soziologischen erreichen zu wollen, ist Freiheitskrämerei und kann nur in der Katastrophe münden.

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Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 9)

4. Mai 2013

Zum weiteren Verständnis muß zunächst eine Grundschwierigkeit ausgeräumt werden, an der viele bei ihrer Beschäftigung mit Max Stirner scheitern: er hat nicht der subjektiven „solipsistischen“ Willkür Tür und Tor geöffnet, sondern ganz im Gegenteil sich gegen die Willkür der Menschensatzungen empört, um den Gesetzen der Natur wieder Geltung zu verschaffen, gegen die jede Empörung einfach nur eine Kinderei, also Religion ist. Aber genau das haben sich seine „Nachfolger“, Adorno & Co., zuschulden kommen lassen: kindsköpfigerweise „entlarvten“ sie auch „die Natur“ (z.B. die Genitalität) als bloße Ideologie – und öffneten so der Willkür wieder Tür und Tor. Getoppt wird diese merkwürdige „Dialektik der Aufklärung“, indem plötzlich Reich und Stirner als Faschisten „entlarvt“ dastehen (vgl. dazu Bernd Laskas rororo Bildmonographie über Wilhelm Reich, S. 39).

Zum besseren Verständnis Stirners möchte ich Nietzsche zitieren:

Wir aber wollen Die werden, die wir sind, – die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Notwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können, – während bisher alle Wertschätzungen und Ideale auf Unkenntnis der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! (Die fröhliche Wissenschaft, A 335)

Die Nähe zu Reich, dem „Stirnerischen“ Naturwissenschaftler, ist evident.

In der Denkweise der Kritischen Theorie wird Reich „entlarvt“ als Instrument der kapitalistischen „instrumentellen Vernunft“, die ihn zum totalen Herrscher über die Schöpfung macht, indem er den Menschen und insbesondere dessen Sexualität verdinglicht. Nochmals: Das ist Reich (bzw. Stirner) gegen sich selbst gewendet! Die Kritische Theorie stellt eine radikale Absage an „Stirner-Reich“ dar – indem deren „Aufklärung über die Aufklärung“ gegen die „Aufklärung über die Aufklärung“ gewendet wird.

Jenen (Reich und Stirner), die gegen die „Enteignung des Einzigen“ bzw. gegen die Zerstörung der Selbstregulation protestieren, wird Hybris vorgeworfen: als Non-Plus-Ultra-Kapitalisten würden sie die Natur enteignen. Mit diesem Vorwurf unterscheiden sich Adorno & Co. aber in nichts von den christlichen Kritikern der Aufklärung. Theodor Adornos Dialektik der Aufklärung entlarvt sich so letztendlich als pfaffenhafte Anti-Aufklärung, die aufschreit: „Nichts ist diesen Teufeln heilig!“

Schauen wir, wie Adorno Reichs soziologische Erklärung der Wende von Weimar nach Hitler-Deutschland, bewertet hat:

Es ist nicht so, daß psychologische Dispositionen wirklich Faschismus verursachen, sondern „Faschismus“ bezeichnet eigentlich ein psychologisches Gebiet, das von Kräften, die ihn aus ganz unpsychologischen Interessengründen fördern, erfolgreich ausgenutzt werden kann. (z.n. Annete Leppert-Fögen: Die deklassierte Klasse, Fischer TB, 1974, S. 191)

Was, um alles in der Welt, sind „unpsychologische Interessengründe“? Das soll wohl Adornos „Materialismus“ zum Ausdruck bringen. Adorno will Beweggründe entlarven, verschleiert aber ihren ideologischen, d.h. „bio-psychologischen“ Hintergrund! Überhaupt trifft das ganz allgemein auf den Marxismus zu: er will entlarven, verschleiert aber nur, weshalb er sich so hervorragend als Herrschaftsideologie eignete.

Und was oder wer sind jene „Kräfte“, die ein „psychologisches Gebiet“ (sic!) aus rein materiellen „Interessengründen“ ausnutzen? Natürlich das mythische „Kapital“ mit seinen Klasseninteressen. Nun hat aber Reich gezeigt, daß der Faschismus alles andere als eine Verschwörung des „Finanzkapitals“ war, das ein „psychologisches Gebiet“ rational für seine Interessen manipulierte, sondern daß hier vollkommen irrationale politische Prozesse am Werk waren, die wiederum auf bestimmten Charakterstrukturen beruhten, nicht auf vagen „psychologischen Dispositionen“.

Es geht nicht um isolierte „Dispositionen“, sondern um Charakterstrukturen, die mit der gesellschaftlichen Struktur funktionell identisch sind. Funktionell identisch in der Hinsicht, daß es um die Erfüllung bzw. Nichterfüllung der biologischen Grundbedürfnisse geht. Das sind die „unpsychologischen Interessengründe“. Adornos Kritik zielt also ins Leere. Ein eklektisches Zusammenmanschen von laienhafter Psychoanalyse und abstraktem Pseudomarxismus, das Reich seit Beginn der Sexualökonomie 1928 vernichtend kritisiert hat.

Seinerseits hat (bzw. hätte) Horkheimer als guter Marxist den Reichschen Ansatz, über den Umweg Nietzsche, wie folgt kritisiert:

Weder im individuellen noch im nationalen Charakter liegt der Grund der von ihm (Nietzsche) bekämpften (intellektuellen) Unsauberkeit, sondern in der Struktur der gesellschaftlichen Totalität, die beide in sich enthält. Indem er als typisch bürgerlicher Philosoph die Psychologie, wenngleich die tiefste, die es bis heute gibt, zur Grundwissenschaft der Geschichte machte, hat er den Ursprung der geistigen Verkommenheit sowie den Weg aus ihr verkannt, und das Schicksal, das seinem eigenen Werke widerfuhr (…) hat daher seine Notwendigkeit. (z.n. Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen, Stuttgart 1996, S. 195)

Diese Aussage von 1935 ist vorweggenommen die perfekte Marxistische Kritik an der „faschistischen“ sozialen Orgonomie, wie sie sich heute darstellt. Es ist imgrunde die gleiche Kritik, die der frühe Marx Stirners Der Einzige und sein Eigentum angedeihen ließ: Selbststeuerung und die Bio-Psychologie ihrer Verhinderung sind des Teufels.

Dieses Zusammenspiel von „psychologischen Dispositionen“ (dilettantische Psychoanalyse) auf der einen und „unpsychologischen Interessengründen“ (dilettantische Politökonomie) auf der anderen Seite zeigt die ganze Scharlatanerie Adornos, der als Laie sowohl nichts von Psychologie, Psychiatrie und Medizin als auch nichts von Volkswirtschaft versteht, und zu allem Überfluß nie einen direkten Kontakt mit dem sozialen Kampf der Massen hatte. Aber „Soziologie“ betreiben… In Wirklichkeit ist er einfach nur ein spintisierendes Kind, das mit Freudschen und Marxschen Mythen („das Kapital“, „das Über-Ich“, etc.) wie mit Bauklötzen spielt und sich ein verschrobenes Märchenschloß errichtet, an dem nichts aber auch rein gar nichts stimmt! Daß modern-liberale Charaktere auf diesen Dreck reinfallen, liegt an ihrer Kontaktlosigkeit: der Intellekt ist kein Erkenntnisorgan mehr (Kontakt), sondern ein Organ der Abwehr (Unterbindung von Kontakt).

Wie ist Adorno mit den Stirnerschen Einsichten über das „Heilige“ umgegangen? Er hat, um sowohl dem „Heiligen“ als auch den Stirnerschen Einsichten zu entgehen, einen „dialektischen“ Irrgarten angelegt, in dem sich keiner mehr zurecht findet. Ein Alptraum von kontaktlosem Intellektualismus. Wie Adorno so schön schreibt: „In schroffem Gegensatz zum üblichen Wissensideal bedarf die Objektivität dialektischer Erkenntnis nicht eines Weniger, sondern eines Mehr an Subjekt“ (Negative Dialektik, suhrkamp, S. 50). In seinem reaktionären Obskurantismus unterscheidet er sich in nichts von Figuren wie Heidegger (dem er einen „Jargon der Eigentlichkeit“ vorwirft) und Carl Schmitt.

Daß solche Leute mit ihrer „Dialektik der Aufklärung“ Reich entlarven und die Natur vor seinem sexualökonomischen und orgon-technologischen Zugriff bewahren wollen – ist einfach ein schlechter Witz. Ihre Verteidigung von Natur und Autonomie erinnert fatal an die Verteidigung des Proletariats durch die Marxisten. Es ist in jedem Sinne des Wortes Verrat an Stirners „Aufklärung über die Aufklärung“.

Was ist dann falsch an der Moderne? Es ist nur eines falschgelaufen und das hat nichts mit der Moderne per se zu tun: die Panzerung des Menschentiers. Am sichtbarsten wird diese Panzerung in der Verdoppelung der Welt in das angeblich „barbarische“ Tier und die objektive Wertewelt. Wie Stirner hat Reich gezeigt, daß der Mensch gespalten ist:

Er ist im Grunde hilflos, freiheitsunfähig und autoritätssüchtig, denn er kann nicht spontan reagieren; er ist gepanzert und erwartet Befehle, denn er ist widerspruchsvoll und kann sich auf sich selbst nicht verlassen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 176)

Aber Adorno, Zygmunt Bauman, et al. haben nichts besseres zu tun als weiter gegen die „barbarische Natur“ zu kämpfen. Natürlich predigen sie keine objektive Wertewelt, sondern – die Selbstrücknahme, den Selbsthaß. Gramgebeugte Pfaffen! Etwa wenn Bauman als Essenz seines Denkens in Dialektik der Ordnung „eine Ethik der Distanz und des Ferneffekts (fordert), die mit der unheimlichen Zunahme der räumlichen und zeitlichen Folgen technischen Agierens vereinbar wäre“ und gegen den „nackten, nüchternen Überlebenswillen“ zu mobilisieren sei… Klingt gut, aber dahinter tun sich pseudo-liberale Abgründe auf…

stinrerich

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 8)

3. Mai 2013

Sozialforscher nehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit in Abhängigkeit von ihrer Charakterstruktur wahr. Konservative betrachten den „Zivilisationsprozeß“ als einen des Verfalls, der den einst erreichten Standard gefährdet, während „kritische Theoretiker“ ganz im Gegenteil eine Geschichte der Erstarrung sehen, gegen die angegangen werden muß. Beide Sichtweisen sind einseitig. Es ist als würden die einen einen Beamten nur während der Woche im Amt sehen, die anderen denselben Beamten nur am Wochenende, wenn er „die Sau raus läßt“. Man sieht nur die Symptome, nicht die zugrundeliegende Panzerung. Oder mit anderen Worten: im Amt funktioniert die Panzerung und die Symptome sind weitgehend unter Kontrolle, am Wochenende gibt sie nach und es kommt zu allen möglichen Ausbrüchen von Perversion.

Das gepanzerte Denken kann nicht erfassen, daß Erstarrung und Chaos keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Aus der Erstarrung muß Chaos hervorgehen und aus dem Chaos eine um so schlimmere Erstarrung, die schließlich in noch chaotischeren Verhältnissen mündet, usf. Man führe sich beispielsweise die Geschichte Rußlands in den letzten hundert Jahren vor Augen. Zeitkritische Theorien, die keinen Zugang zu den bioenergetischen Grundlagen sozialer Abläufe haben, können nicht mehr leisten, als diesen fatalen Teufelskreis zu unterstützen.

Man kann ganze soziologische Theoriegebäude darauf gründen, die Moderne habe den Menschen domestiziert und daß, wenn diese Domestizierung versagt, die ungeregelte Vormoderne durchbricht. Ebenso offensichtlich ist aber auch, daß die Moderne die Menschen ganz im Gegenteil freier und „wilder“ gemacht hat. Die Moderne kann in einer Entwicklungsphase oder in einem Gesellschaftssegment „autoritäre“ Erstarrung bedeuten und in einer anderen „antiautoritäre“ Enthemmung, bei der die Panzerung zeitweise versagt.

Hier die entsprechende Aufstellungen aus der Charakteranalyse (KiWi, S. 574, Vorsicht falsche Beschriftung, hier korrigiert) für den gesellschaftlichen symptomlosen „Affektblock“:

sozioaffblock

Bei nachgebender Panzerung kommt es zu gesellschaftlichen Symptomen (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 110, hier noch in einer psychoanalytisch geprägten Begrifflichkeit von „Trieb“ und „Abwehr“):

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Die verdrängte „Wildheit“ und das verdrängende „Ordnende“ gemahnt natürlich an Norbert Elias’ „Prozeß der Zivilisation“ Einen solchen hat es in dieser Form nie gegeben, wie Hans Peter Duerr gezeigt hat. Es gibt keine „unzivilisierten“ Völker. Das Konzept der Barbarei, in das „die Moderne“, d.h. die Aufklärung ordnend eingebrochen sei, ist ein Konstrukt, um gleich zwei Dinge runterzumachen: erstens die Aufklärung und zweitens den angeblich barbarischen Naturzustand. Reichs unverzeihliche Ketzerei ist, daß er sowohl an die ordnende, rationale Kraft der Natur, als auch an die der Aufklärung, d.h. an die Selbststeuerung, geglaubt hat.

Beispielsweise sagt der Adorno-Schüler Zygmunt Bauman, Intoleranz sei spezifisch für die Moderne, da die Konstruktion von Ordnung der Eingliederung und Zulassung grenzen setzt. Jeder Indiostamm (oder etwa „Reichs Stamm der Trobriander“) ist jedoch weit intoleranter und ordnungsversessener als jedes Projekt der Moderne, d.h. der Anpassungsdruck ist größer.

Rechtfertigung der „Kritischen Theorie“ ist, daß die Moderne in einer Affektsperre gefangen sei und es gelte, diese Blockade aufzulösen. Das Wesen der Moderne wird dabei gerne am Holocaust und der Bombe von Hiroshima festgemacht. Ich sehe in beiden Fällen eine alles durchdringende Kontaktlosigkeit am Werk: der gepanzerte Mensch, den Reich als „Maschinenmensch“ bezeichnet hat. Die vollkomme Stupidität, ohne jedes menschliche Empfinden – halt gepanzerte Menschen.

Der Unterschied zur „Frankfurter Schule“ ist der, daß diese die irrige Schlußfolgerung zieht, diese Affektsperre müßte gelöst werden, was solche Menschheitsverbrechen schließlich unmöglich mache. Dies ist offensichtlicher Unsinn, denn die Lösung der Affekte kann unmöglich die Lösung sein, sondern kann das ganze nur noch weiter verschlimmern. Soll doch die Affektsperre dafür sorgen, daß nicht das Chaos der sekundären Triebe durchbricht. Also genau das, was wir seit etwa 1960 mit immer größerer Vehemenz erleben! Die Lösung kann nur die Überwindung der Kontaktlosigkeit sein. Ansonsten tritt nämlich an die Stelle des „verkrampften Schalterbeamten“, der Freak mit pinker Irokesenfrisur und dessen maschinenartige Stupidität ist noch weit größer, wie die kleingeistige Klientel der Grünen tagtäglich unter Beweis stellt.

Zum Schluß dieses Teils zitiere ich etwas, was am Ende einer 40seitigen Darstellung der Kritischen Theorie steht und mir zeigt, daß die Kritische Theorie durch und durch geklauter und massakrierter Max Stirner (und damit geklauter und massakrierter Wilhelm Reich) ist:

Kritische Theorie darf (…) als Gebot ausgelegt werden, das gegen Gebote gerichtet ist, sie verzichtet auf den emphatischen Praxisbegriff, der sie einst faszinierte, sie bestärkt Individuen, Widerstand zu leisten, über ihre eigenen normativen Grundlagen gibt sie keine Rechenschaft. (Anton Amann: Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichte und Denkweisen, Wien 1996, S. 387)

So gesehen ist Theodor Adornos „Dialektik der Aufklärung“ eine Verballhornung der Entlarvung der Aufklärung durch Stirner („Ich habe meine Sache auf nichts gestellt“, d.h. argumentiere jenseits „normativer Grundlagen“). Hierher gehört dann auch Bauman, der in der Tradition von Adorno die Moderne als „dysfunktionalen“ Versuch auffaßt, durch Ordnen die Barbarei auszuschließen. Dies, also die Anklage gegen die „instrumentelle Vernunft“, die in ihrem Ordnungswahn das Lebendige zerstört und im Holocaust kulminierte, ist bloß ein müder Aufguß von Stirners Der Einzige und sein Eigentum – und gleichzeitig eine Attacke gegen Stirner, der letztendlich für den Holocaust verantwortlich gemacht wird. Die Räuber brechen nicht nur ins Haus ein und entwenden das Inventar, sie richten auch den Hauseigentümer per Kopfschuß als verbrecherischen Unhold hin.

Ein beliebiges Beispiel für die Dialektik der Aufklärung aus Stirners Buch:

Von Befehl und Willkür Einzelner befreite das Bürgertum. Allein jene Willkür blieb übrig, welche aus der Konjunktur der Verhältnisse entspringt und die Zufälligkeit der Umstände genannt werden kann; es blieben das begünstigende Glück und die „vom Glück Begünstigten“ übrig. (…) Ändern Wir [so sagen die Kommunisten gegen das Bürgertum, PN] denn die Verhältnisse, aber ändern Wir sie durchgreifend und so, daß ihre Zufälligkeit ohnmächtig wird und ein Gesetz! Seien Wir nicht länger Sklaven des Zufalls! Schaffen Wir eine neue Ordnung, die den Schwankungen ein Ende macht. Diese Ordnung sei dann heilig! (Der Einzige und sein Eigentum, S. 132, Hervorhebungen hinzugefügt)

Das heißt, die alten feudalen Zustände sind wiederhergestellt.

Stirners Der Einzige und sein Eigentum ist eine einzige große Abhandlung über die Dialektik der Aufklärung. Und wie haben Max Horkheimer und Adorno darauf reagiert? Direkt mit Todschweigen und indirekt durch ihren Attentäter Hans G. Helms mit dessen Buch Die Ideologie der anonymen Gesellschaft von 1966. Erst plündern sie Stirner aus und dann „entlarven“ sie ihn als das Urschwein aller faschistischen Megaschweine. Siehe dazu Bernd A. Laska auf seiner Heimatseite www.lsr-projekt.de.

Zwei Arten von Debitismus (Teil 3)

23. März 2013

Trotz des im zweiten Teil herausgearbeiteten Gegensatzes haben die Theorien von Gunnar Heinsohn und Robert A. Harman eine in vieler Hinsicht identische Struktur: den „Debitismus“, d.h. es dreht sich alles um den Gläubiger-Schuldner-Kontrakt, der den Kern der Ökonomie ausmacht. Der entscheidende Unterschied ist, daß Heinsohn nicht erkennt, daß damit entscheidend die Charakterstruktur der Menschen ins Zentrum der Ökonomie rückt. Zur Problematik der Emotionellen Pest hat die Heinsohnsche Eigentumsökonomie schlichtweg nichts zu sagen.

Da es, behauptet Heinsohn, ohne Schulden kein Geld gäbe, sei auch die Verschuldung von Staaten und Privatpersonen nicht das Problem, solange die Schulden nachhaltig verwendet und nicht etwa in sinnlosen Sozialprogrammen verschleudert werden. Der Staat, auf den ja das Eigentum zurückgeht, soll gegensteuern, wenn das Eigentum, hauptsächlich aufgrund des Zinsmechanismus, zu unebenmäßig verteilt ist und das ganze System zu kippen droht, weil es schlichtweg zu wenig Eigentümer gibt, d.h. „die Zäune zwischen den Parzellen“ hinfällig geworden sind. Letztendlich muß der Staat, wie am Anfang der Eigentumsgesellschaft, das Eigentum erneut verteilen („neue Zäune ziehen“) und das Spiel beginnt von vorne. Spätestens hier wird die ganze seltsam in der Luft schwebende Heinsohnsche Konstruktion, die Recht auf Willkür gründet, fragwürdig, denn bei einem Kollaps der Wirtschaft werden von ganz alleine jene Mechanismen greifen, etwa der Goldstandard oder untereinander konkurrierendes Privatgeld, die die Österreichische Schule beschrieben hat.

Die Österreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek waren, kommt der arbeitsdemokratischen Anschauung zwar sehr nahe, bezeichnenderweise verzichtet sie auch weitgehend auf Mathematik, jedoch bleibt hier am Ende gegen den Machtmißbrauch nur ein hilfloser Appell an die Moral und die Ethik. Das Problem der Emotionellen Pest ist jedoch kein psychologisches Problem („Weltanschauung“), sondern ein biologisches. Es angehen zu wollen, umfaßt Bereiche, die weit über den der reinen Wirtschaftstheorie und wohlfeiler Verhaltensmaximen a la Kant hinausgehen. Sie auch nur anzuschneiden, läßt einen sofort als „Reichianischen Sektierer“ dastehen, sind doch „Sektierer“ dadurch gekennzeichnet, daß sie „nicht bei der Sache bleiben“.

Zum Abschluß möchte ich nochmals auf das Anfangsproblem zurückkommen: daß die Vorstellung eines „natürlichen Homo oeconomicus“ anthropologisch unhaltbar sei, da sie von den ethnographischen Erhebungen in keinster Weise gedeckt werde. Die von der Österreichischen Schule und letztendlich auch von Robert A. Harman als „naturgegeben“ gefeierte Eigentumsökonomie muß dann entsprechend wie ein Einbruch der „Unnatur“ wirken. Als lebenslanger „Hans Hassianer“ sehe ich das genaue Gegenteil: den erneuten Durchbruch der Naturgesetze. Ich verweise auf meinen Aufsatz Hans Hass und der energetische Funktionalismus:

Aus Sicht der Energontheorie ist die Wirtschaft die unmittelbare Fortführung der Evolution und der „Berufskörper Schuster“ unterliegt imgrunde den gleichen „betriebswirtschaftlichen“ Zwängen wie der „Berufskörper Seeanemone“, Hai, Kellerassel und so fort. Wirtschaftlicher Erfolg beruht aus dieser Sicht auf einem einzigen Faktor: der Aufschlüsselung der Energiequelle. Beim Hai sind das Fische, beim Schuster Kunden. Der Unterschied zwischen einer altertümlichen Besitzgesellschaft und einer modernen Eigentumsgesellschaft ist demnach folgender: in der ersteren verhalten sich die Menschen wie Tiere, die wie alle anderen Tiere auch die natürlichen Ressourcen aufschlüsseln, während in einer kapitalistischen Gesellschaft Kunden aufgeschlüsselt werden. Damit ändert sich alles, „denn Fische werden gefressen und sind dann weg“, während zufriedene Kunden wiederkommen und dazu beitragen, daß immer mehr Kunden kommen. Das und das Geld erklärt den Erfolg des Kapitalismus, denn Geld wirkt als überwertiges Schlüsselsignal, das wirklich alles Erstrebenswerte zusammenfaßt (Sex, Behausung, Nahrung, Prestige, etc.). Dafür reiben sich die Menschen auf.

In Stammesgesellschaften sind die Tiere der Art Homo sapiens, wie alle anderen Herdentiere auch, vor allem damit beschäftigt, die ständig vor dem inneren Zerfall bedrohte Gruppe zusammenzuhalten. Dem dient vor allem der Tausch, d.h. die gegenseitige Verpflichtung und damit Bindung. In der Eigentumsgesellschaft zerfällt diese „gute alte Zeit“ und das Individuum mit „parzellierten Grundstücken“ tritt in Erscheinung. Nominell existiert die Tierart „Menschen“ zwar fort, aber aus evolutionsbiologischer Sicht tritt nun eine vollkommen neue Fauna in Erscheinung: die Welt der Ökonomie, in der es nicht anders zugeht als zwischen den Tierarten, die etwa ein Korallenriff bevölkern. Aus dieser Perspektive wird auch die klassische Ökonomie wieder in ihre alten Rechte gesetzt, da die ethnographischen Erhebungen über Stammesgesellschaften vollständig irrelevant werden.

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Zusammenfassend:

  1. Man betrachte Wölfe, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, die Struktur des Rudels zu sichern. Genauso sind auch Stammesgesellschaften fast ausschließlich damit beschäftigt, den Zusammenhalt der überlebensnotwendigen Gemeinschaft durch ritualisierte Tauschakte aufrechtzuerhalten.
  2. Wölfe leben davon, im Rudel Wild zu erlegen. Horden von Homo sapiens leben zusätzlich je nachdem vom Fischen, Sammeln, Ackerbau und Viehzucht. Anders als diese Tiere darf der Homo oeconomicus, d.h. das Glied einer Eigentumsökonomie, nicht mehr auf Raub aus sein, wenn er seine Energiequelle optimal erschließen will.

In der ersten Phase der Evolution (bei Pflanzen und Tieren) geht es darum, die Schwachstellen der Nahrungsquelle möglichst effizient auszunutzen. In der zweiten Phase der Evolution (bei den Berufskörpern) geht es darum, die Schwachstellen der „Nahrungsquelle“ (also des Kunden) zu beseitigen und sie (d.h. dem Kunden) an den Lieferanten der Ware zu binden: auf diese Weise profitieren beide Seiten von einem rationalen Tauschvorgang. Ein Unterschied zur üblichen Wirtschaftstheorie, wie sie auch Heinsohn vertritt, besteht darin, daß, während sich bei ihr primär alles um den Gewinn dreht, sich der Energontheorie zufolge der Berufstätige und das Unternehmen nach dem Bedarf und der bestmöglichen Befriedigung des Kunden richten müssen, um langfristig erfolgreich zu sein. Entsprechend gestaltet sich der Tausch in der Eigentumsgesellschaft („Marktwirtschaft“).

Träumereien von einer Rückkehr zu einer Art Stammesökonomie, haben die innere Dynamik des Geschehens nicht erfaßt. Ebensogut könnte man fordern, daß die Menschen wieder auf allen Vieren rumlaufen!

Das grundsätzliche Problem mit Hass ist, daß er zwar erkannt hat, daß der Energiemetabolismus die Grundlage der Ökonomie ist, er dabei aber offen läßt, um was für eine Art von Energie es sich dabei eigentlich handelt. Harman hat dargelegt, daß sich in der Ökonomie orgonotische Erregung durch Tauschakte ausbreitet und daß dieser Vorgang von jenen gestört wird, die aus charakterstrukturellen Gründen Erregung nicht ertragen können und sie deshalb aus ihrer Umgebung zu verbannen trachten (Emotionelle Pest). Aus dieser Sicht bietet sich uns schließlich folgendes Bild:

In Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht habe ich dargelegt, wie sich die Naturgeschichte als Versuch darstellt, die ursprüngliche orgastische Potenz der Einzeller auf der Ebene der Mehrzeller wiederherzustellen, was erst in Gestalt des „orgasmischen Menschen“ vollständig geglückt ist. Wie sich das auf der Ebene der „Hyperzeller“ wiederholt, läßt sich aus Harmans Ausführungen erschließen.

Es bleibt die Frage, wie denn gepanzerte Menschen eine imgrunde funktionierende Ökonomie haben herstellen können? Umgekehrt wird ein Schuh draus! Das Wirtschaftssystem ist nicht menschengemacht, genausowenig wie der menschliche Organismus menschengemacht ist. Das einzige Problem sind die Eingriffe durch emotionell pestkranke Menschen, die Emotionelle Pest. Entsprechend sind auch alle Versuche das Wirtschaftssystem zu ändern letztendlich Emotionelle Pest.

Hier ein Beispiel für die unlösbare Verbindung von Arbeitsdemokratie und Marktwirtschaft. Ab Minute 59:30 begleitet der BBC-Reporter Louis Theroux den schlimmsten Rassisten Amerikas, Gründer der White Aryan Resistance bei dessen Tagesgeschäft als Fernsehmonteur und wundert sich, wie gut er mit seinen „nicht-arischen“ Kunden zurechtkommt, sogar mit ihnen befreundet ist. Theroux bezeichnet ihn daraufhin als Heuchler, während der Rassist ihm entgegenhält, er, der BBC-Reporter, sei weltfremd. So sei das halt in der wirklichen Welt. Der lebensnotwendige Tausch zwischen den Menschen führt sie über alle Ideologien hinweg zusammen und verhindert den Bürgerkrieg, der in einer „solidarischen“ Gesellschaft sofort ausbricht.

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Zwei Arten von Debitismus (Teil 2)

21. März 2013

Die von mir im ersten Teil großzügig interpretierte und zusammengefaßte orgonomische Wirtschaftstheorie, die hier, hier und hier im einzelnen konkretisiert wird, wird durch die überzeugenden Beiträge von Gunnar Heinsohn weitgehend negiert. Vor der durch Eigentum geregelten Gesellschaft stehe das Feudalsystem (das wiederum aus den Stammesgesellschaften hervorgegangen ist) und damit die bloße Verwaltung und mehr oder weniger willkürliche Verteilung von Gütern. Nach einem revolutionären Umbruch wurde der Feudalbesitz (materielle Beherrschung) aufgeteilt und durch einen Rechtsakt in Eigentum (rechtliche Beherrschung) umgewandelt, d.h. mit Eigentumstiteln versehen. Von diesem Zeitpunkt an geht es, so die Vorstellung Heinsohns, nicht mehr um das Verteilen von Gütern, sondern um die Verwertung des Eigentums unter den Bedingungen der Erzwingung von Mehrertrag durch den Zins.

Wer bei einem Kreditgeschäft auf die freie Verfügbarkeit seines Eigentums, das etwa verpfändet oder verkauft werden kann („Eigentumsprämie“), zeitweise verzichtet, möchte dafür kompensiert werden, der Kreditnehmer kann also nicht nur das fremde Eigentum, das er zeitweise besitzt, zum eigenen Vorteil nutzen, sondern muß auch einen Zins unter der ständigen Drohung erwirtschaften, bei Nichterfüllung das eigene Eigentum, das den Kredit absichert, durch entsprechende Rechtstitel zu verlieren. Zu Konjunkturschwankungen kommt es, wenn es, insbesondere in Folge von Innovationen, zu Veränderungen der Eigentumsprämie kommt, weil der Wert des Eigentums neu eingeschätzt wird.

Eigentum wird durch einen nichtphysischen Rechtsakt geschaffen. Am Anfang geschah das durch Parzellierung des Landes mit je einem Eigentümer der einzelnen Parzellen. Dadurch, daß es eingezäunt wird, ändert sich an einem Stück Land zunächst einmal gar nichts, trotzdem ist das, Heinsohn zufolge, der alles entscheidende Bruch in der Wirtschaftsgeschichte, denn durch das Eigentum wird der Kredit- und Zinsmechanismus in Gang gesetzt und der Eigentümer dadurch gezwungen, dieses Land profitabel zu bewirtschaften. Plötzlich zählen persönliche Beziehungen rein gar nichts mehr, der Austausch wird sozusagen „blind“, vor allem aber „mathematisiert“, d.h. infolge des abstrakten Eigentumsbegriffs zählt einzig und allein die Quantität.

Eine genuine Ökonomie, d.h. ein wirkliches Bewirtschaften, wird, Heinsohn zufolge, nicht durch letztendlich biologisch bedingte Bedürfnisse angetrieben, sondern durch die blinde Mechanik der Eigentumsökonomie. Erst durch sie kommt es zu wirtschaftlicher Dynamik mit einem entsprechenden Austausch von Gütern bzw. Waren. Der „von Natur aus“ rational tauschende „Mensch an sich“ sei, so Heinsohn, eine Illusion, die darauf beruht, daß die Wirtschaftswissenschaften die letzten 100 Jahre ethnologischer Forschung ignoriert haben. Der entsprechende Tausch sei in Stammes- und Feudalgesellschaften nicht auffindbar, sondern beruhe dort schlicht auf Reziprozität. Man denke in unserer Gesellschaft etwa an Freundschaftsdienste und Nachbarschaftshilfe, die (unter den mißbilligenden Augen des Finanzamtes und der Handwerkskammer) neben der eigentlichen Ökonomie existieren.

Erst wenn die Ökonomie durch das Eigentum auf ein neues Abstraktionsniveau gehoben wird, tritt der Homo oekonomicus, der „10 Kühe gegen 100 Schafe“ tauscht, in Erscheinung. Das ist die berühmte „unmenschliche Kälte“ des Kapitalisten, der „selbst seine Großmutter verschachern würde“. Diese Kälte kommt in die Welt, weil der Eigentümer letztendlich mit seinem Vermögen als Sicherheitspfand haftet, wenn er seine Kredite nicht mehr erfüllen kann, mit denen er die Produktion vorfinanzieren mußte. Waren werden dementsprechend nicht etwa produziert, um Bedürfnisse zu befriedigen, sondern damit der Unternehmer seine Schulden bedienen kann.

Heinsohn führt des weiteren aus, daß Geld im eigentlichen Sinne nicht durch das Bedürfnis nach Tauscheffizienz entstanden sei, sondern durch Kreditvereinbarungen zwischen Eigentümern ständig entsteht, d.h. nichts anderes als Anspruch auf Gläubigereigentum ist. Aus diesem Grund gab es im Sozialismus, obwohl „Geldscheine“ gedruckt wurden, gar kein Geld. Auch können Güter und Waren kein Geld im eigentlichen Sinne sein. Wenn man auf „Kauri-Muscheln“ auf Neuguinea und ähnliches deutet, bestreitet Heinsohn, mit Verweis auf die Ethnologie, schlichtweg, daß es sich um „wirkliches Geld“ handelt, da die besagten „Kauri-Muscheln“ kein allgemeingültiges Zahlungsmittel darstellen und beispielsweise niemals gegen „minderwertigere“ Güter getauscht werden können.

Aus dieser Perspektive scheint wenig bis nichts von Robert A. Harmans Erläuterungen zu bleiben, denen zufolge der Geldfluß in unserer Gesellschaft eine sekundäre Begleiterscheinung der Ausbreitung bioenergetischer Erregung zwischen Menschen ist, die gemeinsam ihre biologischen Bedürfnisse erfüllen wollen. Klarheit wird geschaffen, wenn man erkennt, daß Harman die bioenergetischen und ständig wirksamen Grundlagen der Ökonomie beschreibt, die durch die Emotionelle Pest bedroht sind, während Heinsohn den Übergang zur, wenn man so will, „mechanischen Ökonomie“ aufgezeigt hat, die von allen bioenergetischen Prozessen radikal abstrahiert und entsprechend mit mathematischen Modellen beschrieben werden kann. Bei der ersteren geht es um letztendlich biologisch bedingte Tauschgeschäfte, bei der letzteren um Schuldverhältnisse, die auf abstrakten Rechtstiteln beruhen. Das ganze ähnelt dem Verhältnis von Orgonphysik und mechanistischer Physik, die erfolgreich operiert, so als gäbe es die Orgonenergie gar nicht.

Heinsohn ist Katastrophist, der geradezu von „Brüchen“ in der Geschichte besessen ist, da es in seiner Anschauungswelt stets eines mechanischen Anstoßes von außen bedarf, um Bewegung in Gang zu setzen. Der von ihm konstatierte Bruch ist aber durchaus nicht so grundsätzlich, wie er behauptet, denn, wie im ersten Teil angedeutet, gab es auch in Stammesgesellschaften „Parzellen“ und Rechtstitel. Natürlich nicht im heutigen Sinne als Herrschaftsrecht, aber trotzdem sind es eindeutig Vorläufer, zumal nur durch eine solche Kontinuität die Tauschdynamik einer Eigentumsökonomie überhaupt erst erklärbar ist: man führte den alten Tausch unter neuen Bedingungen (d.h. einerseits „ohne Ansehen der Person“ und andererseits unter dem Druck der Haftbarkeit mit dem persönlichen Eigentum) weiter. Es ist nämlich nicht recht einzusehen, warum ausgerechnet das Eigentum anfänglich für wirtschaftliche Dynamik sorgen soll, d.h. warum die Eigentümer überhaupt ihr Eigentum gefährden, indem sie sich auf die Eigentumsökonomie einlassen.

Natürlich bestreitet Heinsohn nicht, daß es in Stammesgesellschaften jede Menge von Tauschvorgängen gibt. Auch dort ist der Tauschvorgang selbst wichtiger als die Tauschobjekte, nur daß dort ihr jeweiliger Gegenwert keiner bestimmten Regel zu unterliegen, sondern rein subjektiv zu sein scheint. In unserer gegenwärtigen Ökonomie können wir ähnliches, d.h. einen derartigen „irrationalen“ Tausch beobachten, nämlich dann, wenn es um Luxusgüter und um Kunst geht. Werner Sombart zufolge hat sich ausgerechnet aus diesem Bereich heraus der Kapitalismus entwickelt: Auch wird nicht nur die Eigentumswirtschaft von immateriellen Strukturen (nämlich Rechtstiteln) bestimmt, sondern gerade auch Stammesgesellschaften (die Tradition mit ihren Regeln und vorgegebenen Strukturen).

Wenn der Tausch gewaltsam unterbrochen wird, reorganisiert sich die Gesellschaft spontan auf der Grundlage der Bedürfniserfüllung. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die „DDR“, in der es als Reaktion auf die ineffiziente Planwirtschaft spontan zur Bildung eines landesweiten Netzes von Tauschbeziehungen kam. Zwar beruhte dieses (ähnlich den erwähnten Freundschafts- und Nachbarschaftsdiensten) auf persönlichen und meist vollkommen willkürlich Tauschverhältnissen, jedoch stellte es die ideale Vorbereitung auf den westdeutschen Kapitalismus dar. Es ist bemerkenswert, wie sich manche „gelernte DDR-Bürger“ in das Wirtschaftssystem des Westens eingepaßt haben und dies nicht etwa trotz, sondern wegen ihrer Sozialisation in einer Parallelgesellschaft, in der alles nur über persönliche Kontakte lief. Es geht hier um Zusammenhänge, die dem wirtschaftsfremden Hochschultheoretiker Heinsohn fremd bleiben müssen.

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Zwei Arten von Debitismus (Teil 1)

19. März 2013

Wenn ich die orgonomische Wirtschaftstheorie, wie sie von Charles Konia und Robert A. Harman auf der Grundlage von Reichs Erkenntnissen dargelegt wurde, richtig verstanden habe, ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem bruchlos aus dem Austausch zwischen den ersten Menschengruppen hervorgegangen. Ursprünglich setzte sich die Menschheit aus kleinen Clans zusammen, die sich mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Ganz ähnlich den Zuständen, die wir bei Schimpansenhorden beobachten. Die einzelnen Clans fanden erst durch komplizierte Heiratsregeln und durch quasi „Kreditgeschäfte“ dauerhaft zueinander und konnten einigermaßen friedliche Gesellschaften bilden. Bei den besagten „Kreditgeschäften“ ging es um Geschenke, die den Beschenkten implizit verpflichteten ein wertvolleres Gegengeschenk zu geben. Das war sozusagen der erste „Zinsstreß“, ging es doch um die Gefahr des Gesichtsverlusts und des sozialen Todes (der zwangsläufig den physischen Tod nach sich zog, denn auf sich allein gestellt, konnte niemand überleben).

Durch die Zusammenarbeit der Clans kam es zu wachsender Arbeitsteilung und die „Kreditgeschäfte“ betrafen schließlich auch Güter: Wildbret, Fisch, Töpferwaren, Früchte, etc. Beispielsweise läßt sich der „Handel“ mit Sperrspitzen über ganze Kontinente hinweg nachweisen. Das, was ursprünglich die Clans zusammengeführt und zusammengehalten hatte, organisierte nun die Arbeitsdemokratie: ein unüberschaubares Netz gegenseitiger Verpflichtungen. Schließlich kam durch das Marktgeschehen das Geld auf, um den Austausch zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Gestört wurde das System durch immer neue Einbrüche der Emotionellen Pest. Die Emotionelle Pest bewirkte, daß das freiwillige Geben eine immer geringere Rolle spielte und stattdessen das Nehmen ausuferte.

Der Ausgangspunkt von Harmans Argumentation sind die beiden folgenden Stellen aus Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie, als die Form der natürlichen Organisation der Arbeit. Diese Arbeitsbeziehungen sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit eines Tischlers von einem Schmied, eines Naturforschers vom Glasschleifer, eines Malers von der Produktion des Farbstoffes, eines Elektrikers von der Metallarbeit ist an sich durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktionen gegeben. (Fischer TB, S. 312)

Dieses Gewebe wechselseitiger Abhängigkeiten und Verpflichtungen formiert sich spontan und kann nicht künstlich geschaffen bzw. durch Vorgaben, gar Befehle hergestellt werden. Wenn es doch versucht wird, geschieht allenfalls das gleiche wie bei den Primitiven, wenn man diese willkürlich organisieren will: sie gehen, wenn sie denn gezwungen werden, in den inneren Streik. An einem ähnlichen Zwang ist beispielsweise die „DDR“ zugrundgegangen: ihr tut so, als wenn ihr uns bezahlt und wir tun so, als wenn wir für euch arbeiten.

[W]enn weiter die Arbeitsfunktionen an sich und unabhängig vom Menschen rational sind, dann stehen vor uns zwei riesenhafte Betätigungsgebiete des menschlichen Lebens, einander todfeindlich, gegenüber: die lebensnotwendige Arbeit als rationale Lebensfunktion hier; die emotionelle Pest als irrationale Lebensfunktion dort. (ebd., S. 330)

Entsprechend ist heute Wirtschaftswissenschaft das Studium der Wechselwirkung zwischen der Arbeitsdemokratie und der Emotionellen Pest:

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Die orgonomische Wirtschaftstheorie steht heute jedoch vor einer ähnlichen Situation wie Reich Mitte der 1920er Jahre. Damals war Reich angesichts von Freuds Totem und Tabu mit dem Problem konfrontiert, daß seine Orgasmustheorie anthropologisch unhaltbar zu sein schien, waren doch die Primitiven (also jene, die dem „orgastisch potenten Naturzustand“ vermeintlich am nächsten standen) „patriarchal, neurotisch und pervers“. Ihre Leben schien von Männerwillkür, neurotischem Aberglauben und beispielsweise von grausamen Genitalverstümmelungen beherrscht zu sein. Damals wurde der „edle Wilde“ Rousseaus vollständig dekonstruiert. Das Bild des Wilden verdüsterte sich derartig, daß selbst Freuds Todestriebtheorie glaubhaft wirkte.

Es muß für Reich wie eine Erlösung gewesen sein, als er auf die Arbeit von Bronislaw Malinowski über die Trobriander stieß, die seine Orgasmustheorie vollauf bestätigte. In den 1980er Jahren konnte James DeMeo dann die Stichhaltigkeit des Reichschen Ansatzes durch eine kulturvergleichende Studie nachweisen, die sämtliche ethnographisch untersuchten Völkerschaften umfaßte.

Wenn man sich nun daran macht, im Anschluß an die klassischen Wirtschaftstheorien seit Adam Smith eine orgonomische Wirtschaftstheorie zu formulieren, wonach der rationale Austausch zwischen den Menschen (die Arbeitsdemokratie) durch die Emotionelle Pest gestört wird, steht man vor einem ganz ähnlichen Problem, denn die Ethnologie zieht ebenfalls seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Vorstellung eines rational handelnden (tauschenden) Wilden in Zweifel. Tauschhandlungen habe es nur im Rahmen der Sitte und Ritualen gegeben und es sei dabei um Dinge wie Ehre, Ehrgeiz, Angst vor Gesichtsverlust, etc. gegangen. Tausch galt also weniger dem materiellen Erhalt der Gemeinschaft, als vielmehr dem sozialen Ausgleich.

Erst mit der Zivilisation sei das Element der rationalen Wirtschaftsführung hinzugetreten, Kosten-Nutzen-Analyse, Bereicherung, Kapitalakkumulation, etc. Die klassische Ökonomie hätte dann mit viel Phantasie einen rationalen „Homo oeconomicus“ an den Anfang der Entwicklung gestellt. Diesem war es zwar ebenfalls um den sozialen Ausgleich zu tun („Geben und Nehmen zum gemeinsamen Vorteil“), doch ging dies vom rational kalkulierenden Subjekt aus. Quasi wurde der zeitgenössische Kaufmann zurück in den Urwald versetzt losgelöst von allen Stammesstrukturen.

Ende der 1920er Jahre postulierte Reich, sich auf Malinowski berufend, einen „Urkommunismus“ bei den Trobriandern, d.h. eine solidarische Gemeinschaft, in der, wenn man so sagen kann, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verwirklicht war. Malinowski selbst sollte in seinem 1935 erschienenen Buch Korallengärten und ihre Magie (Bodenbestellung und bäuerliche Riten auf den Trobriand-Inseln), das m.W. Reich nie gelesen hat, dieser Interpretation entschieden entgegentreten. Auch lehnte Malinowski die gegenteilige Interpretation ab, daß es sich bei den Wilden um eine Art rücksichtslosen „Urkapitalisten“ handele. Beispielsweise ist ein aufwendiges hochseetüchtiges Kanu nicht einfach „Allgemeingut“, sondern es gehört einer Person, die jedoch in einem schier unentwirrbaren Gestrüpp von Verpflichtungen gegenüber jenen eingebunden ist, die ihr beim Bau des Kanus geholfen haben. In seiner orgonomischen Wirtschaftstheorie geht Robert Harman im Detail darauf ein. Die Trobriandrische Gesellschaft wird von einem Netz gegenseitiger Verpflichtungen organisiert, durch ein universelles Geben und Nehmen.

Am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb Malinowski etwas, was später noch in einem ganz anderen Zusammenhang Bedeutung gewinnen wird:

Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft (der Clans aus dem Inneren der Erde, PN) impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981, S. 413)

The Journal of Orgonomy (Vol. 45, No. 2, Fall 2011/Winter 2012)

13. März 2013

Das Editorial von Charles Konia (S. 1f) ist weitgehend identisch mit Die politische Strategie der linken Ideologen.

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The Journal of Orgonomy (Vol. 45, No. 1, Spring/Summer 2011)

9. März 2013

Der Inhalt von Robert A. Harmans Aufsatz „Practical Functional Economics (Part III): The Form of Movement in Exchange“ (S. 52-83) läßt sich mit der folgenden grundlegenden orgonometrischen Gleichung zusammenfassen. Sie beschreibt einen Gutteil des Funktionierens im Universum auf allen fünf Ebenen der Existenz:

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Die orgonotische Erregung in der Wirtschaft wurde bereits beschrieben: sie hängt mit dem Kreditsystem zusammen. Auf den drei höheren Funktionsebenen äußert sich die orgonotische Erregung auf folgende Weise (wobei jeweils nur Beispiele genannt werden):

  1. Pulsation: Die Erregung (und mit ihr sekundär Geld) fließt gemäß den diversen Wirtschaftszyklen in die ökonomische Peripherie, beispielsweise aus den „Finanzzentren“ (insbesondere New York) zur „Peripherie“ (Expansion), und zurück (Kontraktion). Das sind weitgehend die „Wirtschaftszyklen“, deren Urmuster die von den Jahreszeiten bestimmte Agrarwirtschaft ist: Finanzierung der Aussaat (Expansion) → „Tribute“ ans Zentrum zur Erntezeit (Kontraktion).
  2. Kreiselwelle: Der Bau einer Fabrik ist ein Beispiel für die Pulsfunktion, „die im Kleinen wirkt“. Das geht dann über in die weit ausgreifende Wellenfunktion. Man denke insbesondere an kleine Firmen, die jahrelang, ständig am Rande der Insolvenz stehend, „vor sich hin werkeln“, bis der Durchbruch kommt und die Märkte landes-, wenn nicht weltweit erobert werden. Dieser „lange Atem“ fehlt heute den meisten.
  3. Verbindung: Das beste Beispiel für die orgonotische Funktion „Assoziation“ im Bereich der Wirtschaft ist die Beschäftigung eines Arbeitnehmers. Hier geht es um die Kooperation durch einen speziellen Austausch, in dem der Arbeitnehmer sein Geld zumeist lange vor der Zeit erhält, in der seine Arbeit die entsprechenden monetären Früchte trägt. Erntearbeiter erhalten beispielsweise ihren Lohn lange bevor die Ernte verkauft ist – wenn sie überhaupt verkauft werden kann. Von Seiten des Arbeitnehmers ist die Verbindung kaum weniger tiefreichend, hängt doch seine gesamte Existenz von der Arbeit ab, die den weitaus größten Teil des Tages in Anspruch nimmt.
  4. Trennung: Das funktionelle Gegenstück zur orgonotischen Funktion „Dissoziation“ ist die Arbeitsteilung im Betrieb. Die „Claims“ sind abgesteckt und so eine effektive Zusammenarbeit ohne Reibungsverluste zum Vorteil aller gesichert.
  5. Erstrahlung: Die Konkurrenz, die auf allen Ebenen des Gesamtsystems (sei es die Konkurrenz zwischen Arbeitnehmern oder die zwischen Firmen) für Effektivität sorgt, bringt die Gesamtwirtschaft voran. Wobei diese und die beiden vorangehenden Funktionen (3 und 4) Ausdruck der „koexistierenden Wirkung“ sind. Das bedeutet, die einzelnen Elemente wirken als Einheit, ohne daß es einen trennenden Raum zwischen ihnen zu geben scheint (L → t): Menschen „wirken zusammen“ zum gemeinsamen besten aller.
  6. Koexistierende Wirkung: Diese tiefere Ebene zeigt sich anhand einer Wirtschaftsfunktion, die heute kaum noch eine, früher jedoch die entscheidende Rolle spielte: das Erbe als Geschenk und Verpflichtung. Es ist als gäbe es keine Zeit (t → L): wir arbeiten als Profiteure unsere Vorväter, wobei wir unsere Schuld als Vorleistung für unsere Ungeborenen abarbeiten.

Zum Funktionsbereich der koexistierenden Wirkung siehe auch hier.

Die gleichen sechs Erscheinungen einer durch „Kredit“ aufrechterhaltenen Arbeitsdemokratie finden wir auch, wenn die Emotionelle Pest im Spiel ist, nur entsprechend entstellt. Harman schreibt dazu:

Die umfassende Beschäftigung mit gepanzerten Wirtschaftssystemen hat mich davon überzeugt, daß alle unnatürlichen Bewegungen, etwa Booms, Paniken und andere wirtschaftlich irrationalen Verhaltensweisen, dort auftreten, wo es zu einem Ausbruch der Emotionellen Pest gekommen ist. Solche unnatürlichen Prozesse beinhalten Pest-Funktionen, die den natürlichen Formen der Bewegung, die hier beschrieben werden, entsprechen und sie imitieren. Die Pest-Funktion ähnelt in der Regel oberflächlich der natürlichen Funktion, ist aber auf der tiefsten Ebene das genaue Gegenteil. (S. 78)

The Journal of Orgonomy (Vol. 44, No. 2, Fall 2010/Winter 2011)

1. März 2013

In „Practical Functional Economics (Part II): How Exchange Organizes Society“ (S. 31-51) führt Robert A. Harman aus, daß sich Gesellschaften spontan organisieren, indem Menschen wechselseitig mehr oder weniger längerfristige Verpflichtungen eingehen, die wiederum auf grundlegende menschliche Bedürfnisse zurückgehen:

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Selbstredend spielt dabei immer das Selbstinteresse des Einzelnen mit, doch das organisierende Prinzip der Gesellschaft geht aus den Beziehungen hervor, die durch den Austausch von Darlehen erzeugt werden.

Die konventionelle Ökonomie geht von der Homogenität der Zeit aus und beschreibt entsprechend „Wachstumsraten“, so als gäbe es keine qualitativen Unterschiede zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im Verlauf eines Darlehensaustausches entwickeln sich jedoch Erinnerungen über die Gewinne und die Verpflichtungen, die in der Vergangenheit erzielt bzw. eingegangen wurden und Erwartungen über zukünftige Gewinne und Verpflichtungen. Entsprechend sind „an sich“ identische Dinge, etwa eine bestimmte Summe Geld, in der Vergangenheit, sagen wir vor einem Jahr, etwas grundlegend anderes als „die gleiche“ Geldsumme in einem Jahr. Das Umfeld und die innere Einstellung des Wirtschaftsteilnehmers verändern sich ständig.

Er hat langfristige Vertrauensbeziehungen zu seinen fachkundigen Mitarbeitern, seinen Lieferanten, seinen Kunden, seinen Kreditgebern und weiteren. Jede dieser Beziehungen basiert darauf, daß sich beide Parteien im Laufe der Zeit ändern, um ihre hochspezialisierten Aufgaben erfüllen zu können. Diese Änderungen treten auf, weil die Beteiligten in unzählige kredit-artige Austauschoperationen eintreten, in denen jeder etwas jetzt gibt mit der Erwartung in Zukunft etwas qualitativ anderes zu erhalten. Ein Teil dieser Transaktionen werden mit einem juristischen Dokument zementiert, das bindende Zahlen- und Zeitvorgaben enthält. Andere beinhalten kaum mehr als die Hoffnung auf zukünftige Produktivität, Weiterbeschäftigung, Karriereaussichten, zukünftige Absätze, zuverlässige Lieferquellen, usw. Wir haben hier Menschen vor uns, aus denen tatsächlich hochentwickelte, aber veränderbare Arbeitsfunktionen werden, die mit unzähligen anderen Arbeitsfunktionen in einem sich ständig weiter entfaltenden Gewebe Beziehungen herstellen, die sich ständig verändern. (…) Dies geschieht, weil außerordentlich leistungsfähige Beziehungen durch kredit-artige Austauschoperationen hergestellt werden, die sich über lange Zeiträume erstrecken und weil diese Zeit heterogen ist. (S. 45)

Der Darlehensaustausch erlaubt es Individuen und ganzen Firmen neue Gemeinsame Funktionsprinzipien (CFPs) zu werden und diese CFPs gegebenenfalls zu ändern. Auf diese Weise reorganisiert sich die Gesellschaft ständig auf spontane Weise. Der Austausch wird am besten durch das Geld verkörpert.

Der Zusammenbruch dieses Austauschs ist ein Beispiel für die Emotionelle Pest. Man betrachte etwa die tieferen Ursachen für die seit 2008 anhaltende Weltwirtschaftskrise:

Dieser Zusammenbruch war Resultat eines früheren, weniger offensichtlichen Zusammenbruchs des Austauschs in Gestalt der Beziehung zwischen den USA und China. China verleiht große Geldmengen an das US-Finanzministerium, um den Wert der chinesischen Währung auf einem „wettbewerbsfähigen“ Niveau zu halten. Das Wesen dieser Finanzaktionen schließt jeden Rückzahlungsanspruch aus, da China den USA ständig mehr Geld leihen (d.h. mehr US-Staatsanleihen und Schuldverschreibungen kaufen) muß und die Schuldverschreibungen nicht ohne eine verheerende Aufwertung seiner Währung verkaufen kann. Der ultimative Zusammenbruch der Austausch-Funktion ist die Ausbeutung des einzelnen Sparers in China, der letztlich die ganze Operation zu finanzieren hat, weil ihm keine Alternative zur Verfügung steht (außer riskanten Spekulationen in den chinesischen Immobilien- und Aktienmärkten) als seine Geldmittel in staatlich kontrollierten Banken zu deponieren, die Zinsen weit unter der Inflationsrate bieten. Diese Einlagen finanzieren außerdem die nicht enden wollende Liquidation fauler Kredite, die von den Banken ausgegeben wurden, was noch einen weiteren Zusammenbruch der Austauschfunktion darstellt. Die Beträge, um die es in allen drei Fällen geht (Kredite an die USA, schlechte Zinsraten für chinesische Bankeinlagen und kumulative Verluste aus faulen chinesischen Bankdarlehen), gehen in die Billionen von Dollar. (S. 49)