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Peter liest die kommentierte Neuauflage der Originalausgabe von Reichs MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 9)

2. März 2023

Eine subtile Verzerrung durch Andreas Peglau findet sich auf S. 240, wo er Reichs Menschen im Staat zitiert: die braunen Marschkolonen hätten sich in nichts von denen der Kommunisten unterschieden, was „Haltung, Ausdruck und Gesang“ betraf. Peglau verweist in diesem Zusammenhang auf die menschenverachtende Vorgehensweise von kommunistischen Schlägertruppen gegen abtrünnige bzw. oppositionelle Kommunisten, die ganz der der Nationalsozialisten entsprach (S. 240). Reich meinte im Zusammenhang seiner Ausführungen aber etwas grundlegend anderes: daß der erhebende revolutionäre Geist der SA und der Rotkämpfer identisch war.

Das macht ja die ganze Tiefe von Reichs Massenpsychologie des Faschismus aus: daß er im „Nazi“ nicht schlichtweg das nicht weiter reduzierbare „Böse“ sah, sondern sich auf die Gefühls- und Gedankenwelt des Nationalsozialismus einließ. Darauf weist im übrigen Peglau selbst hin auf S. 253f.

Hervorragend auch, wie er den Schritt von Freud zu Reich herausarbeitet. Freud hatte 12 Jahre zuvor in Massenpsychologie und Ich-Analyse auf zeitlose Konstanten rekuriert: die primitiven Triebe entziehen sich der Kontrolle, kennen keinen Aufschub mehr, während die Massen gegenüber dem Führer zu Kindern werden, die, ihre eigene Individualität aufgebend, sich mit dem Vater identifizieren. Reich hingegen arbeitete, so Peglau, die wechselseitige Beeinflussung und Abhängigkeit heraus, d.h. die Geführten sind ebenfalls verantwortlich. „Daher konnte er auch größeren Menschengruppen zubilligen, mehr zu sein als gleichgeschaltete Handlanger eines Alleinherrschers“ (S. 253). Erst recht verweist Reichs Umgang mit Marx auf sein wenige Jahre später herausgearbeitetes Konzept der Arbeitsdemokratie: die Arbeitenden handeln gegen ihre eigenen „Klasseninteressen“ (S. 254). Das verweist auf den von Reich in der amerikanischen Ausgabe von 1946 herausgearbeiteten Gegensatz von politischem Irrationalismus und Arbeitsdemokratie.

Ansonsten? Im großen und ganzen sind Peglaus Ausführungen interessant, teilweise hervorragend und durchaus ausgewogener, als ich es hier vielleicht vermittelt habe. Mein Problem ist halt, daß ich Peglaus Rechtsruck zuerst gelesen habe! Siehe meine Ausführungen zu diesem Buch hier. Beispielsweise krampft sich in mir alles zusammen, wenn Peglau auf S. 270f Reich zwar recht gibt, daß der Faschismus nicht nur bei Deutschen, Italienern und Japanern zu finden ist, sondern etwa auch bei den Amerikanern und Russen – und in diesem Zusammenhang die Atombombenabwürfe und den GULAG erwähnt, aber nicht die uns doch viel näherliegenden Kriegsverbrechen, insbesondere die gezielt auf Massenmord ausgerichtete Bombardierung von Arbeitervierteln und die ethnische Reinigung der ehemaligen deutschen Ostgebiete.

Im vorletzten Absatz des Buches hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Es wird behauptet, Reich wäre 1956 wegen Mißachtung des Gerichts verurteilt worden, weil er nicht allen gerichtlichen Auflagen nachgekommen sei. Dies habe er getan, da ein Gericht nicht über Wissenschaftliches zu befinden habe. Nein, aus dem genannten Grund war er 1954 nicht vor Gericht erschienen, so daß die Verfügung der FDA unwidersprochen in ganzer Härte erlassen wurde. Trotzdem hielt sich Reich an alle Auflagen – bis sein Mitarbeiter Michael Silvert mit dem Transport von Orgonenergie-Akkumulatoren über inneramerikanische Landesgrenzen hinweg eine eklatant kriminelle Handlung begangen hatte, für die nicht nur er, sondern auch Reich geradestehen mußten.

Email [L & S & R] (2009)

21. Februar 2023

Email [L & S & R] (2009)

DER ROTE FADEN (Band 2): Vorwort

14. Februar 2023

DER ROTE FADEN (Band 2): Vorwort

Email [der LSR-Tod] (2009)

13. Februar 2023

Email [der LSR-Tod] (2009)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 48)

12. Februar 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Das Problem liegt im Grundwesen der Psychoanalyse (das in den diversen „Weiterentwicklungen“ der Reichschen Therapie wieder durchgebrochen ist): die innere Natur steht vor Gericht, sie wird mit diversen psychischen und körperlichen Methoden hinterhältig und sadistisch überlistet (z.B. den bioenergetischen „Streßpositionen“ bei Alexander Lowen) und schließlich unterworfen. Während Reich ihr zum Durchbruch verhelfen will. – Daraus folgt alles: der Vorwurf ein triebenthemmter Psychopath zu sein, ein Psychotiker, und ein Mensch, den man Todschweigen muß, weil er eine tödliche Gefahr darstellt. Über den Teufel spricht man nicht!

Mein Blick fällt gerade auf Myron Sharafs Fury on Earth (frei übersetzt „Die Leidenschaft wütet auf Erden“). Statt all dieser Psycho-Analyse mit Reichs Mutter und dem ganzen Psychologieren…. Warum hat Sharaf nicht klar und deutlich ausgesprochen, was wirklich in Reich gebrannt hat, worin wirklich dieses „Wüten auf Erden“ bestand?! Der Buchtitel wirkt fast so, als wollte Sharaf sich zu etwas zwingen, wozu er dann doch nicht den Mut fand: den obenerwähnten „Teufel“ zu entfesseln.

Statt alles auf die letztendlich vollkommen unwichtige Episode Selbstmord der Mutter zurückzuführen, hätte Sharaf lieber darstellen sollen, wie das Wunder möglich war, daß Reich die Entfremdung von der Gesellschaft, die jedes Kind durchmachen muß, bis ins Mannesalter ausgehalten und erhalten hat: daß diese Gesellschaft im Mark krank und lebensfeindlich ist und keine Legitimation besitzt! – Aber wer in solchen Kategorien denkt, ist ja ein Fanatiker, während Leute wie Sharaf „objektiv“ bleiben wollen….

Man denke auch an Gunnar Heinsohns Antisemitismus-These? Hitler wollte, so Heinsohn, das europäische Judentum ausradieren, um (sozusagen die „ethnischen“) Grundlagen der Ethik zu beseitigen, auf daß der Germane wieder zur blonden über-ich-freien Bestie werden kann. – Der perfekte Ansatz um LaMettrie, Stirner und Reich auf die gleiche Stufe mit Hitler zu stellen: „Gegner des Über-Ich sind Judenmörder!“ (natürlich kein Zitat!).

Das wäre auch die Grundlage für eine mögliche politische Seite des Problems: auf der einen Seite der bürgerliche Freud, der unter allen Umständen den wildgewordenen Marxisten eindämmen will – und auf der anderen Seite der sozialistische Org’ler (Neu Beginnen) Siegfried Bernfeld, der die Linke von ihren sektiererischen Entartungen am rechten und linken Rand reinigen will und für eine zukünftige Sozialistische Einheitspartei intrigiert.

Orgonbiophysik und LSR (Teil 4)

31. Januar 2023

Fakt ist und bleibt, daß Bernd Laska das Orgon als Ablenkung vom Wesentlichen bei Reich betrachtete. (Ähnlich der Egoismus bei Stirner und der Maschinenmensch bei LaMettrie.) Darauf will ich nicht, wie unter Studenten der Orgonomie üblich, mit „wissenschaftlicher Evidenz“ antworten (zumal es Laska gar nicht um Reich selbst, sondern um die vermaledeiten „Reichianer“, „Stirnerianer“ und „LaMettrieaner“ geht), sondern von dem, wie ich finde, stichhaltigsten und immer wieder gegen Laska vorgebrachten Argument gegen das LSR-Projekt ausgehen: statt auf den Punkt zu kommen, verweise Laska, kündige an, mache Andeutungen, „raune“ hinsichtlich der übergroßen Komplexität der Sache, sage nie, was er denn meine, vielmehr werde der Leser mit einem „Augenzwinkern“ auf seinen eigenen detektivischen Sinn zurückverwiesen, als gehe es um einen Kriminalroman. Das gleiche quasi „okkulte“ Geraune, daß die Philosophie von Nietzsche bis Derrida prägte!

Genau dieser Sackgasse wollte Reich entgehen, als er nach 1927 bzw. nach 1933 zunächst der Psychologie („bloßes Gerede“, „Philosophie“) durch konkreten gesellschaftlichen Aktionismus entgehen wollte und danach dem „politischen Gerede“ durch den „Einbruch ins biologische Fundament“, der schließlich in der Entdeckung des Orgons mündete. Das Orgon ist sozusagen die „greifbare materielle Substanz“ dessen, worum es Reich ging. Eine „Substanz“ die, so Reich, die Menschen zwingt, sich selbstreguliert und ungepanzert zu verhalten bzw. zu werden, wenn sie mit ihr umgehen wollen.

Mit dem Ankämpfen gegen die Entdeckung der kosmischen Orgonenergie wird unausweichlich ein allmählicher, aber höchst effektiver Prozeß einsetzen, in dem sich die starre Panzerung der Charakterstrukturen löst. Auch die härteste, gemeinste und grausamste Charakterstruktur wird sich gezwungenermaßen mit der grundlegenden Tatsache konfrontiert sehen, daß eine Lebensenergie existiert, und damit wird zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Verhärtung in der menschlichen Charakterstruktur aufbrechen, sie wird weicher, nachgiebiger werden, wird beginnen zu weinen, sich Sorgen zu machen, das Leben aus seinen Fesseln zu befreien, wenn auch vielleicht zunächst noch auf feindselige, mörderische Weise. Die orgonomischen Ärzte werden in diesem Lösungsprozeß wertvolle Hilfe leisten. (Die kosmische Überlagerung, S. 146)

Die Beziehungen zwischen Denkmethoden, Charakterstrukturen und sozialen Begrenzungen sind einfach, logisch. Sie erklären, woher es kommt, daß noch alle Menschen, die das Lebendige in der einen oder anderen Form erfaßten und vertraten, sich immer wieder außerhalb fanden; außerhalb der Denkgesetze, die die menschliche Gesellschaft seit Jahrtausenden lenken; weshalb sie so oft litten und zugrunde gingen. Und wo sie durchzudringen scheinen, läßt sich regelmäßig nachweisen, daß die gepanzerten Träger der mechanistisch-mystischen Zivilisation noch jedesmal das Lebendige dieser Lehre ihrer eigenartigen Eigenschaften beraubte und sie durch Verflachung oder durch „Korrektur“ wieder dem gegebenen Denkrahmen einverleibte. (…) [D]as funktionelle Denken (findet sich) außerhalb des Rahmens unserer Zivilisation, weil sich das Lebendige selbst außerhalb befindet, weil es unerforscht, unverstanden und gefürchtet ist. (Äther, Gott und Teufel, S. 10f)

Die Orgonbiophysik und das LSR-Projekt zwingen dich, die gepanzerte Gesellschaft zu verlassen, d.h. deine eigene Panzerung zu überwinden.

Email [Reich als Therapeut] (2009)

29. Januar 2023

Email [Reich als Therapeut] (2009)

Brief [über Stirner und Reich] (1989)

15. Januar 2023

Brief [über Stirner und Reich] (1989)

Eine Email von Peter Nasselstein an Bernd A. Laska, 10.09.03

12. Januar 2023

PN: Liest sich glatt, keinerlei Häme etc wie sonst so oft. Aber: Von Sexualität kein Wort. Und Merksatz 1: Biopathien sind unbekannten Ursprungs (aber dann orgontherapeutisch zu behandeln).

Dieser Satz ist (Robert A.) Dews klassischer Definition der Biopathien entnommen: using classical medical concepts, the ethiologies of these diseases remain elusive

BAL: Vielleicht berechtigt, when using classical medical concepts ??? Aber hat Dew denn auf nicht-klassische Weise den Ursprung der Biopathien zu erklären versucht?

PN: Ja, denn das ist ja der Sinn des Satzes: Ätiologie unbekannt, weil Pulsationsstörung nicht beachtet wird – denn die würde einen langen Schwanz an Implikationen nach sich ziehen und letztendlich unsere „pulsationsschädigende“ Gesellschaftsordnung infrage stellen.

BAL: Da war der alte Freud doch radikaler: als er sagte (wann eigentlich? wo?), dass seine Psychoanalyse in puncto Heilen mit Lourdes nicht mithalten könne, er sie auch nicht als Heilmethode empfehle, sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes.

PN: Freud war, wenn ich mich recht erinnere, Anatom des Nervensystems, der kaum je mit wirklichem menschenlichen Leiden in Kontakt kam – und wenn, dann war es eine interessante Kuriosität. Bei Reich war das anders (Krieg, bei Wagner-Jauregg auf der Station, im psychoanalytischen Ambulatorium) und bei Dew auch (Internist, der tagtäglich mit den unbeschreiblichsten Grausamkeiten der Innereien konfrontiert ist) – die wollten wirklich heilen. Es war Reich, der Freuds snobistische Gesprächstherapie in eine regelrechte Psychotherapie MIT EINEM THERAPIEZIEL verwandelt hat.

Ich bezweifle nicht, daß die Psychoanalyse einen Wahrheitsgehalt hat – wenn man in sehr allgemeinen Begriffen spricht (Über-Ich, Ödipuskomplex, Unbewußtes, Verdrängung, Übertragung, prägenitale Organisation – das wars dann auch schon – und alles nur in einer holzschnittartigen Primitivversion brauchbar). Das besondere an Freud war eine „Wahrheitssuche“, die ihn stets zu den absurdesten Schwachsinnigkeiten geführt hat: eine grandiose Flucht vor den paar Grundwahrheiten der Psychoanalyse in immer neue verwickelte Absurditäten und geradezu psychotische „Interprätationen“. „Die Psychoanalyse ist die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt.“

Aber Sie wollen darauf hinaus, daß die Orgonomie zur Medizin verflacht wird. Das ist so’ne Sache. Egal was man macht: konzentriert man sich auf die Physik, kommt etwa Peter Reich und sagt, man solle sich doch mehr auf die wirklich wichtigen soziologischen Beiträge seines Vaters konzentrieren; macht man das, dann kommen Leute wie (Chester M.) Raphael und schreien „Orgon!“, usw.

Dabei ist es ziemlich egal, was man macht, solange man nicht den Roten Faden verliert. Und ich weigere mich, dabei auf Ärzte herabzublicken, die „nur“ Leute in den ORAC setzen oder „nur“ psychiatrische Orgontherapie“ machen. Es kommt auf den Geist an, mit dem sie es tun. Zugegeben manche sind erschreckend geistlos….

BAL: Ich will das [Reich, Silvert, Soziopathen] nicht abstreiten. Aber was wusste (Lois) Wyvell, was sogar die linke Europäerin (Ilse) Ollendorff, von dem, was Reich um- und antrieb ? Als die ihn kennen lernten, da war schon viel perdu, da hatte er SICH vor Augen, als er in FO42 bemerkte, man solle Autobiographien in jungen Jahren schreiben, denn: „manche Illusionen [!], die man … noch hat, befähigen einen…“ usw. (k&w, S.16)

PN: Wyvell ist ja nur eine Nebenfigur. Einzig interessant, weil sie wie kaum jemand anderer Einblicke in den privaten Reich hatte. Vielleicht mehr als Ollendorff (Gewöhnung macht blind, stumpft ab). Vor allem in Reichs Beziehung zu Silvert (einem wahrhaftigen Monster), in dem er sicherlich seinen „Mr. Hyde (?)“ sah.

BAL: Dass üble Typen sich zu WR hingezogen fühlten, und er das resigniert akzeptierte (CM: „auch du brauchtest sie…“), OK, menschlich verständlich. Aber dass es kaum Andere gab (und gibt); dass offenbar kaum ein Zeitgenosse von intellektuellemRang das Gespräch mit ihm suchte; dass der „Konflikt mit Freud“, der Ausschluss, so gespenstisch lautlos über die Bühne ging; dass es keine „immanente“ Kritik gab, die er sich ja wohl ernsthaft wünschte, u.v.a.m. DAS ist die weltumspannende „conspiracy“.

PN: Ja. Ich will ja auch nicht die „Silvert-Sache“ ins Zentrum stellen oder gar die Orgonomie mit „Reichs Geheinmnis“ erklären. Für mich ist es nur die naheliegenste Erklärung für eine kleine Nebensache: warum so viele Soziopathen sich zu Reich hingezogen fühlen.

Interessant ist die Beschreibung von Reichs Anfangszeit in New York. Wie alte „Freunde“ aus Berlin und Wien mit ihm Kontakt aufnahmen – und fluchtartig das weite suchten.

Nehmen wir aus aktuellem Anlaß mal Adorno: voll von Freudistischen und Marxistischen Theorien. Und dann ein mögliches Gespräch mit Reich: während Adorno theoretisieren will, kommt Reich mit den biologischen (medizinischen) Grundlagen der Charakterbildung, den Besonderheiten der Kindererziehung („Ist Ihnen aufgefallen, daß in New Yorker Kinderwagen, die Babys auf dem Bauch liegen? Das ist der Anfang des 3. Weltkrieges!“), etc.

Und mit den beschränkten Fach-Psychiatern und lebensfeindlichen Baby-Experten konnte Reich erst recht nicht sprechen.

Hat das was mit LSR zu tun? Nun ja, auf ihre Weise waren auch LaMettrie und Stirner „konkretistisch“: die Kunst des guten Lebens – und darin die Utopie verwoben.

Deshalb ist es nicht so einfach mit der „medizinischen (oder physikalischen, etc.pp) Verflachung des Reichschen Lebenswerkes“. Die gibt es, zweifellos, aber…. Vorsicht! – Was hält einem vom wirklichen, konkreten Leben ab (dem Reparieren des Kühlschranks, einer effektiven psychotherapeutischen Tätigkeit am Patienten, der Erforschung der Atmosphäre, dem Erfinden narrensicherer Computerprogramme, etc.pp.)? Das ÜBER-ICH?

Sehr grob und sehr platt: der LSR-Gehalt des Reparierens von Kühlschränken ist in Reichs mysteriösem (und irgendwie unpassenden) Begriff „Arbeitsdemokratie“ aufgehoben.

Sie selbst schrieben mir mal über sich: „Als Resultat meines gewiss langen Studiums des Reich’schen Werkes auf der Basis meiner Herkunft aus der arbeitenden/realistischen Sphäre ist LSR entstanden. Mein Verhältnis zum Komplex Philosophie ist vielleicht vergleichbar mit dem, das Reich zum Komplex Neurose hatte. Reich begab sich in diesen Unrat nicht, weil er sich dort — wie Freud et al. — wohl und heimisch fühlte…“ Reich fühlte sich in der „arbeitenden/realistischen Sphäre“ heimisch! Und deshalb kann man die Arbeit des Psychiaters und Internisten nicht so einfach als irrelevant wegwischen!

(…)

BAL: Aber (drei deutsche Reichianer)…  Aaaarrrggghh.

Die Schuttschicht auf Reichs Grab wird immer dicker (statt dass Schichten des Reich-gemachten „Palimpsests“ abgetragen werden).

PN: Eva Reich hat all diese Leute ja tatkräftig unterstützt – damit Reichs Name nicht verlorengeht.

BAL: Das lag ganz auf der Linie, dass sie die Nachlassverwaltung an Higgins gegeben hat. (Ob sie selbst weniger schädlich gewirkt hätte, muss freilich dahingestellt bleiben).

PN: Entweder hätte sie alles freigegeben – und dabei obskure Figuren bevorzugt. Oder, was ich eher glaube, sklavisch die Anweisungen ihres Vaters befolgt: das bereits Veröffentlichte unverändert neu herausgeben – und ansonsten die Archive bis 2007 geschlossen gehalten. – Und während dessen auf Orgonon allen möglichen Unsinn getrieben….

BAL: Reichs Name wurde jedenfalls bekannt, aber alles, wofür er steht oder stehen könnte, wurde um so effektiver verschüttet, zu einem grossen Teil auch durch Evas Herumtingeln in aller Welt, wo sie unter Missbrauch der Autorität ihres Namens ein verwaschenes Reich-Bild an viele „Multiplikatoren“ vermittelt haben wird. In Brasilien hat sie auch ihre fans.

PN: Besonders fatal sind Geschichten wie: Auf der Fahrt nach Arizona sprach mein Vater zu mir über Selbsrregulierung und daß sich die Leute von Ärzten unabhängig machen und sich selbst therapieren sollen. – Und daraus macht Eva dann eine Rechtfertigung für all die Geschäftemacher, die ohne die Last eines Studiums und einer Ausbildung auf sich genommen haben, nach ein paar Wochendseminaren als „Reich-Therapeuten“ auftreten. Und was meinte Reich? Das genaue Gegenteil: die Verhinderung einer „Therapie-Szene“.

Wirklich was aus Reichs Anregung zu machen, ist sie mangels eigener Orgontherapieausbildung unfähig. Wie (Richard) Schwartzman mir mal sagte: Ich kann den Patienten nicht helfen! Wie soll ich das tun? Die können sich nur selbst helfen. Ich kann allenfalls assistieren. Was Sie hier auf meiner Couch für viel Geld machen, könnten Sie ebensogut selbst zu Hause machen. Aber Sie werden es nicht tun! – Er hatte recht.

Ein neues „Do-it-yourself-Buch“? Nein, natürlich nicht. Aber ein neues Bewußtsein dessen, was man sich selbst antut: das ewige Weglaufen vor dem Wesentlichen. Aber genau das wäre Eva und Konsoren unerträglich, denn die Sache wäre nicht mehr „frei“ und „bunt“ UND „demokratisch“, sondern FOKUSSIERT. Die Reich-Szene, die maßgebend von Eva kreiert wurde, ist genau das, was zu heilen sie vorgibt: Flucht vor dem Lebendigen.

Warum initiiert der Orgontherapeuten-Ausbilder nicht sowas, was Reich angeregt hat? Weil das dann sofort als „Manual“ von xyz und anderen ausgenutzt werden würde.

Die Öffentlichkeit, die Orgonomie und Bernd Laska

11. Januar 2023

Robert hat hier neulich auf Reich-Comics hingewiesen. Ich möchte hier deren Inhaltsangabe zitieren bzw. paraphrasieren, denn sie gibt perfekt den heutigen „aufgeklärten“ Blick auf Reich wider:

Bei den Comics handelt sich um einen biographischen Bericht über den Psychoanalytiker und Sexualforscher Reich, einem Protegé von Freud. Er sorgte in ganz Europa für Skandale, wo er vor allem für seine kontroversen und radikalen Ideen bekannt wurde. Reich behauptete, eine greifbare Sexualenergie entdeckt zu haben, die er „Orgon“ nannte. Das politische Klima des Zweiten Weltkriegs war für einen linken, sexuell progressiven jüdischen Aktivisten mit heterodoxen wissenschaftlichen Theorien nicht gerade fördernd. Reich war gezwungen, 1939 nach Amerika zu gehen. Dort gründete er Orgonon, eine Kommune/Labor in Rangeley, Maine.

Die Entdeckung des Orgons wird (sozusagen) erklärt. Reich behauptet, die Orgonenergie sei ein Allheilmittel und ist entschlossen, dies der Welt zu beweisen. Er ist weit weg von den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der kritischen europäischen Presse. Leider ist die Kontroverse nicht so weit weg, wie man glauben könnte. Bald beginnt Reich Anzeichen von Paranoia zu zeigen, aber wie das Sprichwort sagt: „Nur weil ich paranoid bin, heißt das nicht, daß sie nicht hinter mir her sind.“ Er wird von der Regierung der Vereinigten Staaten verfolgt. Sein Verfolgungskomplex begann sich aber schon zu zeigen, als er 1923 Vorträge vor der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft hielt.

Es wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der mit unerschütterlicher Überzeugung für seine Überzeugungen lebt, und zeigt die potentielle Gefahr, die in dieser Überzeugung steckt. Rekurriert wird auf die tragischen Ereignissen in der Kindheit des jungen Reich und von einem Tag in seinem Erwachsenenleben erzählt, der den jungen Analytiker politisiert und ihn schließlich zur Kommunistischen Partei führen sollte. Heft 6 befaßt sich mit den Ursprüngen von Reichs Obsessionen. Reichs Kindheit steht im Zusammenhang mit seinen Beziehungen und seiner medizinischen Forschung.

Reichs Labor und seine Ausrüstung werden von den Behörden unter die Lupe genommen, die das, was sie als Perversion betrachten, abstellen wollen. Reichs Paranoia beginnt sowohl seine persönlichen als auch seine beruflichen Beziehungen ernsthaft zu schädigen, was zum Rücktritt von zwei seiner engsten Mitarbeiter führt. Reich macht weiter, indem er zunächst eine Maschine entwickelt, die Orgon-Strahlung aus der Atmosphäre zieht, und dann findet er einen Weg, sie als Waffe einzusetzen.

Reich weigert sich, die von der Regierung gegen seine Arbeit verhängte Verfügung zu befolgen. Mit Hilfe seines kleinen Sohnes experimentiert er in der Wüste von Arizona mit einem seltsamen neuen Gerät, der „Cloudbuster“-Maschine. Er gründet Little Orgonon und versucht, das Wetter zu kontrollieren, und weist einen alten Freund, der Hilfe braucht, kalt ab. Ein Gerichtstermin wird anberaumt und Reich wird klar, daß es keine Möglichkeit gibt, seinem Schicksal zu entkommen. Er versucht, seine Forschung, einen Forscherkollegen und seine eigene geistige Gesundheit zu verteidigen. Nach einigen Beratungen und einem psychiatrischen Gutachten wird ein Urteil gefällt, und er muß seine letzten Tage im Zuchthaus verbringen.

Soweit die Erzählung, die heute mit nur leichten Variationen universell über Reich verbreitet wird. Orgonomen stellen sich ihr entgegen, indem sie darauf hinweisen, Reich sei derartig verfolgt worden, weil die Orgasmustheorie und die Entdeckung des Orgons stimmig sind und entsprechende Abwehrreaktionen hervorrufen. Es wird auf die Klinik verwiesen, das Forschungslabor und Feldexpeditionen mit dem Cloudbuster etc. Offensichtlich prallt das an der Öffentlichkeit ab, wenn es nicht sogar die Meinung über Reich und den an ihn anschließenden „Kult“ verfestigt.

Bernd Laskas Herangehensweise war eine grundsätzliche andere. Das gesamte Narrativ verdecke nur den LSR-Kern der Reichschen Botschaft. All das Gerede von „europaweitem Skandal“ und seiner Zeit als Kommunist, die Diskussion um Wissenschaftlichkeit und Spekulationen zur Psychopathologie diene nur dazu den Grundkonflikt zu verkleistern Es ist alles nur vorgeschoben im Dienste der Verdrängung. Von Anfang an vertrat Reich instinktiv eine Idee, die ihn zum Außenseiter machte, den man in immer neuen Etappen fertigmachen mußte, ohne je das zur Sprache zu bringen, um was es eigentlich ging, denn eine Thematisierung des eigentlichen Knackpunkts hätte die Verdrängung gefährdet. Sein Außenseitertum wurde wohlfeil psychologisiert (Kindheitstrauma), bagatellisiert (Kommunist), in ein vollständig falsches Bild gerückt („jüdischer Aktivist“), auf subtile Weise bestritten (eine „europaweit“ bekannte Figur) und in einen anderen Bereich verschoben (Naturwissenschaft). Verdrängung!

Da dieser Mechanismus universell ist und unsere Gesellschaft rundweg konstituiert, kann man das Verdrängte nicht einfach benennen. Es ist so wie in der Psychoanalyse: einem Neurotiker zu sagen, daß er seine Mutter begehrt und seinen Nebenbuhler, den Vater aus dem Weg schaffen wollte, ist vollkommen sinnlos, rundweg lächerlich, und verpufft wirkungslos bzw. verstärkt die Neurose. Man muß sich schon auf Laskas LSR-Projekt einlassen, um erfassen zu können, worum es geht – was denn nun der LSR-Kern der Reichschen Botschaft ist!