Posts Tagged ‘Schizophrene’

Hilfe, ich sehe überall UFOs! (Eine Ergänzung zum gestrigen Blogeintrag)

1. August 2018

Alien Hunter, wo man außerirdische Lebensaktivitäten auf offiziellen NASA-Photos der Mondoberfläche ausmachen soll, hat den fatalen Einfluß auf mich, daß ich plötzlich überall Zusammenhänge ausmache, die gar nicht vorhanden sind. Hat man erst einmal seinen Geist darauf trainiert, aus jedem Muster, das man zu erkennen glaubt, welterschütternde Schlußfolgerungen zu ziehen, ist nichts mehr vor einem sicher. Beispielsweise sehe ich, wenn ich zum Himmel schaue, gigantische Raumschiffe, die sich in den Wolkenformationen verstecken bzw. hinter den Wolkenformationen stecken. Das ist eine der Gefährdungen des orgonomischen Funktionalismus; man sieht Muster, wo keine sind. Teilweise gemahnt das an die Wahrnehmung des Schizophrenen in einer psychotischen Phase! „Das ist doch kein Zufall, daß wir uns hier begegnen!“ „Hä??!“ – Paranoiker akzeptieren schlichtweg keine Zufälle, also keine sozusagen „Musterlosigkeit“.

Reich selbst wird oft eine paranoide Schizophrenie angedichtet, weil er „überall“ eine kommunistische Verschwörung sah, im Zusammenhang mit seinen „Raumkanonen“ die US-Luftwaffe und das Weiße Haus als heimliche Verbündete betrachtete und gegen treue Mitarbeiter zunehmend mißtrauischer wurde. Zunächst einmal hängt alles von der Einschätzung ab, die man von „Moskau“ und generell der sozialistischen Bewegung hat, davon, ob es UFOs wirklich gibt, davon wie man Reichs Mitarbeiter bewertet, etc. Vor allem zeigt sich hier aber die inhärente Gefahr des unvoreingenommenen Suchens nach gemeinsamen Funktionsprinzipien, also die Gefahr, die im orgonomischen Funktionalismus lauert. Von daher sollte man nochmals Reichs ausführliche Beschreibung eines Falls von paranoider Schizophrenie in Charakteranalyse durcharbeiten, wo es darum geht, daß die betroffene Patientin Dinge bzw. Zusammenhänge sieht, an denen Homo normalis wie blind vorbeigeht.

Wenn man beispielsweise, frei nach Hans Hass, ein Auto als zusätzliches Organ betrachtet, neben Organen wie Leber und Sprache (sic!), wird die Grenze zum Irrsinn fließend. Oder man denke an Reichs Konzept der Emotionellen Pest. Eine der passendsten Allegorien dafür findet sich in dem Science Fiction/Horror-Film Die Invasion der Körperfresser, also einem psychotischen Fiebertraum, der zu einem Drehbuch geronn. Wie etwa die Geschichte des Mesmerismus gezeigt hat, ist es vom Sehen und Manipulieren des organismischen Orgonenergie-Feldes zur spiritistischen Spökenkiekerei nur ein Schritt. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Funktionalismus und dem krankhaften Obskurantismus ist, daß der erstere zwar zeitweise sozusagen „entgleisen“ oder dauerhaft mystisch entarten kann, es aber vom letzteren keinen Weg zum ersteren gibt. Schizophrene und Mystiker ertragen das einheitliche Strömen der Energie nicht, ziehen sich ängstlich zurück oder deskompensieren vollends.

Reptiloide Formwandler erzeugen Chemtrails!

4. November 2017

Reichs Diktum war, daß jeder irgendwo recht hat, – nur nicht weiß, in welchem Sinne er recht hat! In Charakteranalyse beschreibt er beispielsweise die tiefen Einsichten einer Schizophrenen, die aber nichts mit diesen Einsichten anfangen kann und ohnehin alles durcheinanderbringt.

Spontan muß ich an die „Shapeshifter“ (Formwandler) denken. Jeder Benutzer von YouTube wird ständig von entsprechenden Videos belästigt. Es muß zigtausende von ihnen geben. Die Macher scheinen noch nie was davon gehört zu haben, wie Videotechnik funktioniert, von Pixeln und Datenkompression. Ähnliches läßt sich zu dem ausufernden Unsinn sagen, der über „Orbs“ verbreitet wird.

Tatsächlich gibt es „Orbs“, die Orgonenergie-Einheiten, die Reich beschrieben hat. Und was „Formwandler“ betrifft: jeder Neurotiker ist einer. Jeder Neurotiker ist nämlich nicht er selbst, sondern zum Charakter strukturierte Außenwelt. Interessanterweise kommt das fast schon „schamanistisch“ in Tiergestalten zum Ausdruck. Frauen bewegen sich und sind buchstäblich Ziegen und Hennen, Männer Gockel und Füchse. Psychopathen wie Adolf Hitler („Wolf“) oder der gepiercte und tätowierte hippe Jugendliche von heute identifizieren sich ganz offen mit ihrem Totem. Ein Zoo! Der ungepanzerte Mensch steht vor den Gittern und wundert sich.

Und so in allem bei der esoterisch angehauchten Populärkultur. Eine Jauche, in der die Orgonomie zu ertrinken droht. Reich und das Orgon kennt man nur noch im Zusammenhang mit „Orgonit“ und „Chemtrails“. Den Idioten scheint gar nicht aufzugehen, daß wirklich jede elektrische und elektronische Gerätschaft nichts anderes ist als „Orgonit“: in Plastik eingeschweißter toxischer Metallschrott, der ständig zur ORANUR-Erregung und DOR-Verschmutzung der Umgebung beiträgt.

Und dann werden in diesen Schrott auch noch Metallrohre gesteckt, um, inspiriert durch Reichs Cloudbuster, angebliche „Chemtrails“ aufzulösen. Der Cloudbuster erregt die Atmosphäre auch ohne „Erdung“ in Wasser und kann dergestalt zu einer ORANUR-artigen Überexpansion der Atmosphäre führen und beispielsweise Dürren verstärken. Daß einfache, „ungewasserte“ Metallröhren einen Einfluß auf das atmosphärische Orgon haben, stellte Reich bereits Anfang der 1940er Jahre fest. Auf diese Beobachtungen griff er zurück, um zehn Jahre später den Cloudbuster zu entwickeln. Dieser zeitigte auch ohne mit Wasser verbunden zu sein, teilweise dramatische atmosphärische Effekte. Wenn die „Wasserung“ nicht ausreichend war, konnte das den Effekt haben, daß die Atmosphäre übererregt und damit das Gegenteil des angestrebten erzeugt wurde. Die ureigenste Aufgabe des Cloudbusters ist es, DOR aus der Atmosphäre abzuziehen und die ORANUR-Erregung abzubauen.

DOR in der Atmosphäre erkennt man u.a. daran, daß sich keine Kondensstreifen bilden! Und überhaupt: die angeblichen Gifte, die über uns ausgesprüht werden, verschwinden ja nicht, wenn man sie aufgrund atmosphärischer Überexpansion nicht mehr in Gestalt von Kondensstreifen bzw. „Chemtrails“ sehen kann. Davon, wie hochgradig schwachsinnig es ist, daß Flugzeuge, die jedes Kilo einsparen müssen, tonnenweise diese Gifte mit sich führen, um sie dann in den Turbinen zu verbrennen, will ich erst gar nicht anfangen.

Das Traurige ist, daß man gar nicht mehr vom atmosphärischen DOR-Notstand sprechen kann, weil das gesamte Thema von den Chemtrail-Trotteln okkupiert wurde!

Schrumpfungsbiopathie: Schizophrenie und Diabetes

24. Juni 2017

„Patienten mit beginnender Psychose zeigen häufig Zeichen einer Glukoseintoleranz und Insulinresistenz. Offenbar erhöht bereits die Erkrankung das Diabetesrisiko und nicht erst die Therapie.“ So die ÄrzteZeitung für Neurologen und Psychiater (Juni 2017).

Es geht darum, daß Schizophrene im Durchschnitt 15 Jahre, wenn nicht sogar 30 Jahre, früher sterben als Normale. Gut, sie bewegen sich weniger, rauchen viel, gehen weniger zum Arzt, aber das erklärt nicht alles. Beispielsweise deutet einiges auf einen gestörten Blutzuckerhaushalt mit Insulinresistenz hin und zwar vor der Gabe von Antipsychotika, die das Problem weiter verschärfen. Es spreche viel für einen gemeinsamen Hintergrund von Schizophrenie und Diabetes. Beispielsweise läßt sich bei Menschen, die während oder kurz nach einer Hungersnot zur Welt kommen, ein vermehrtes Auftreten sowohl von Schizophrenie als auch von Diabetes nachweisen. Vermehrter Streß und ein erhöhter Kortisolspiegel gehen ebenfalls mit einem gesteigerten Risiko für Schizophrenie und Diabetes einher. Und schließlich gebe es, wie könnte es anders sein, auch gemeinsame genetische Prädispositionen, denn Verwandte von Schizophrenie-Patienten erkranken vermehrt an Typ-2-Diabetes.

Aus orgonomischer Sicht drängt sich die Erklärung von vornherein auf, denn beide Erkrankungen sind Schrumpfungsbiopathien, bei denen der Organismus seine Orgonität nicht aufrechterhalten kann. Nicht nur die Welt und das eigene Ich des Schizophrenen zerfällt, sondern auch sein Körpergefühl und nicht zuletzt der Körper selbst. Typisch ist eine extrem schlechte Atmung, eine klamme, kalte, blasse, teigige Haut und ein schwaches und vor allem diffuses Orgonenergie-Feld. Bei Diabetes ist das Gewebe energetisch so schwach, daß es die Nährstoffe, insbesondere aber den Zucker nicht mehr aus dem Blut gemäß dem orgonomischen Potential abziehen kann, sondern ganz im Gegenteil gemäß dem mechanischen Potential sie ins Blut abgibt. Diabetiker verdauen sich praktisch selbst und pissen ihr aufgelöstes Fleisch aus.

Was bedeutet „kontaktlos“?

9. August 2016

Ein Gespräch darüber, wie „kontaktlos“ ein besonders rücksichtsloser Nachbar ist? Darauf: „Stimmt, der hat nie Besuch!“ Ich meinte mit „kontaktlos“ jedoch etwas vollkommen anderes bzw. fundamentaleres als „Sozialkontakte haben“.

„Kontaktlosigkeit“ ist eines der häufigsten und zentralsten Begriffe der sozialen Orgonomie, doch kaum jemand scheint damit etwas anfangen zu können. Was bedeutet „kontaktlos“?

„Kontakt“ bedeutet zunächst einmal ganz im Sinne meines Gesprächspartners, Kontakt mit anderen. Konkreter die Überlagerung zweier organismischer Orgonenergie-Felder und die daraus resultierende bioenergetische Erregung. Erregung, die wahrgenommen wird! Ein Komapatient mag jede Menge bioenergetischer Überlagerung mit anderen Feldern haben, trotzdem ist er mangels Wahrnehmung kontaktlos.

Spezifischer bedeutet deshalb Kontakt das Zusammengehen von Erregung und Wahrnehmung. Der durchschnittliche Neurotiker lebt in einem Zustand der Kontaktlosigkeit, weil die generelle Körperpanzerung zu einer dramatischen Drosselung von Erregung und Wahrnehmung führt, so daß es von daher zu keinem Zusammengehen dieser beiden Funktionen und damit zu keinem Kontakt kommen kann. Beim Schizophrenen wird dieser Zustand des Scheintodes künstlich mittels Medikamenten hergestellt. Ohne Medikation sind beim Schizophrenen Erregung und Wahrnehmung zwar weitgehend intakt, doch kommt es aufgrund der lokal begrenzten extremen Augenblockade zu einer Spaltung zwischen beiden, so daß ebenfalls kein Kontakt zustande kommt. Die Spaltung bedingt, daß die Wahrnehmung vollkommen unabhängig von der Erregung ist und beispielsweise hinter der Unbill des Alltags plötzlich eine „Verschwörung des CIA“ steckt.

Zwei weitere Formen der Kontaktlosigkeit beruhen darauf, daß Erregung und Wahrnehmung zwei „heterogene Funktionen“ sind, d.h. ineinander übergehen können. Wenn Wahrnehmung chronisch in Erregung überführt wird, haben wir es beispielsweise mit „Aufmerksamkeitsstörungen“ wie bei ADHS zu tun. Das ist der durchschnittliche Dauerzustand der heutigen Gesellschaft. Sie versucht dem mit einem allgegenwärtigen „Buddhismus-Kult“ entgegenzuwirken, bei dem Erregung in Wahrnehmung überführt wird („Achtsamkeit“). „Alles ist leer!“ Siehe dazu auch Die Massenpsychologie des Buddhismus.

Der affektblockierte Wellensittich auf der Orgoncouch

18. Dezember 2014

Der heutige Mensch ist gepanzert. Die Panzerung setzt sich aus sieben Segmenten zusammen: Augen-, Mund-, Hals-, Brust-, Zwerchfell-, Bauch- und Beckensegment. Die obersten beiden Segmente und das Beckensegment enthalten die Sinnesorgane, d.h. die Organe mit der wir mit der Umwelt in Kontakt treten. Das Genital ist gewisserweise ebenfalls ein „Sinnesorgan“. Im Anschluß an Freud spricht man von den erogenen Zonen: okular, oral, anal, phallisch und genital. Die Frustration der natürlichen oralen und genitalen Strebungen führt möglicherweise zur Aktivierung unnatürlicher (okularer, analer und phallischer) Strebungen und zur Fixierung auf einer dieser fünf Entwicklungsstufen, was mit einer entsprechenden Panzerung im Augen-, Mund- und Beckensegment einhergeht. Diese komplizierte Dynamik bestimmt die Charakterstruktur. Beispielsweise wird bei einem Zwangscharakter die natürliche Genitalität so unterdrückt, daß es zu, wenn auch nur schwachen, phallischen Strebungen kommt (die stets unnatürlich sind!), die sofort durch Analität (die erst recht stets unnatürlich ist!) aufgrund von Kastrationsangst abgewehrt werden. Das schlägt sich in der ausgesprochen rigiden Panzerstruktur des Zwangscharakters nieder. Kam es am Anfang des Lebens zu einer sehr starken okularen Panzerung, entwickelt sich kein Zwangs-, sondern ein kataton-schizophrener Charakter

Zwar sind wohl so gut wie alle Menschen in den Augen, im Mundbereich und im Becken gepanzert, aber darauf kommt es weniger an als vielmehr darauf, welche Funktion diese Panzerung jeweils einnimmt. Geht der Patient bei Energieanstieg in den Augen weg (schizophrener Charakter) oder senkt er das Energieniveau durch Abpanzerung jenes Segments, daß für die Energieaufnahme primär verantwortlich ist (der chronisch-depressive Charakter) oder schwankt er zwischen diesen beiden Alternativen (der manisch-depressive Charakter). Die Frage ist also, wie das bioenergetische Feld des Menschen in seiner individuellen Entwicklung konditioniert wurde – und wie man es wieder systematisch dekonditionieren kann.

Das muß nicht heißen, daß die Konditionierungen in einer Gesellschaft regelmäßig verteilt sind und so die Charakterstrukturen schön ausgeglichen sind. Beispielsweise ließe sich eine Gesellschaft denken, in der nicht wie heute die bei weitem meisten Männer phallische Charaktere sind, sondern Zwangscharaktere. Früher war es sicherlich so, daß die meisten Menschen mehr anal konditioniert waren, während sie heute mehr okular konditioniert sind. In Skandinavien sind die Menschen im Mittel mehr oral-depressiv konditioniert, in Deutschland mehr anal-zwanghaft, in den USA mehr phallisch-aggressiv. Je rationaler die Behandlung der Kleinkinder wird, desto weniger ausgeprägt sind spezifische Konditionierungen (z.B. wird heute nicht mehr rigide nach Plan gestillt, die Pampers haben die Stuhlentleerung der Babys leichter handhabbar gemacht, etc.) – wodurch in Zukunft aber auch die Diagnosestellung immer schwerer werden wird, einfach weil die Pathologie ausgewogener ist. Aber das bestätigt eher die innere Logik der von Reich und im Anschluß daran von Baker entworfenen Nosologie, als daß sie untergraben wird. Außerdem hatte Reich diese Schwierigkeiten bereits in den 1920er Jahren mit den Menschen aus den Unterschichten, die nicht so rigide erzogen wurden, dann aber später um so heftigeren Versagungen ausgesetzt waren. So entstand der triebhafte Charakter, den man nosologisch kaum sinnvoll einordnen kann und der, wie die Orgonomin Barbara Koopman bereits Anfang der 1970er Jahre konstatierte, heute immer mehr Menschen umfaßt.

Ich gehe in meiner Charakterdiagnose nicht auf, der Leser geht in der seinen nicht auf, der pallisch-narzißtische Reich nicht und auch nicht der chronisch-depressive Baker – niemand ist auch nur annähernd erschöpfend durch die Charakterdiagnose beschrieben. Es ist ja auch gar nicht die Aufgabe der Charakterdiagnose, ein photographisches Abbild eines Menschen zu liefern, sondern sie soll nur den funktionellen Schwerpunkt seiner Pathologie erfassen und dem intersubjektiven Austausch zugänglich machen – um so zusätzliche Informationen über den Patienten zu erschließen, denn so gesehen ist er plötzlich kein Unikum mehr, sondern gehört zu einer ganzen Gattung, die an tausenden Exemplaren bereits seit Jahrzehnten eingehend erforscht wurde.

Es ist so wie bei einem Wellensittich: jeder Wellensittich ist wirklich ganz anders, es sind echte Persönlichkeiten – aber trotzdem macht es Sinn, wenn ich mich mit anderen Wellensittichhaltern austausche. Und genauso ist es mit Zwangscharakteren: alle sind unvergleichbare Individuen, die sich ganz unterschiedlich verhalten – aber das schließt doch nicht aus, daß ein Therapeut sich an einen anderen Therapeuten wendet und ihm sagt: „Weißt Du, ich habe jetzt seit Monaten einen Zwangscharakter in Behandlung und ich finde einfach keinen Ansatzpunkt, um in seine Panzerung einzubrechen, irgendwie bleibt er stets unberührt, egal wie tief ich charakteranalytisch oder biophysisch ansetze.“ Worauf der andere Therapeut antworten kann: „Tja, wenn ich auf meine bisherigen Fälle zurückschaue, bringt es nichts, einen Zwangscharakter zum Atmen zu bringen, das Zwerchfell zu befreien und seine Kindheitsgeschichte durchzukauen oder seine gegenwärtigen Schwierigkeiten. Das einzige, was wirklich weiterhilft, ist das hochtreiben des Sadismus. Ansonsten kannst Du ihn entpanzern, wie Du willst, er wird sich nie ändern und im Grunde ein nüchterner Beobachter bleiben und so am Ende die Therapie als vermeintlicher Sieger verlassen. Es ist alles vergebens, solange nicht die maßlose Wut hochkocht. Ohne diesen zentralen Punkt ist alles Reden und Weinen und Bekennen und alles bioenergetische Mobilisieren ohne Bedeutung. Laß dich nicht zum Komplizen machen, der dem Patienten hilft seinen wunden Punkt zu umgehen.“

Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Diagnose in der Orgontherapie in viererlei Hinsicht einfach unverzichtbar und hat vier Funktionen: 1. verhindert sie, daß man den Patienten nur als Unikum sieht, das keinerlei Gesetzmäßigkeiten unterliegt; 2. verhindert die Diagnose von vornherein, daß man den Patienten als bloßen geschichtslosen „bioenergetischen Sack“ sieht, an dem der „Orgoningenieur“ herum manipuliert; 3. wird durch die korrekte Diagnose verhindert, daß der Patient den Therapeuten in die Irre führt, also alles gibt und scheinbar „gesundet“, nur damit ja nicht der schmerzhafteste Punkt angegangen wird; und 4. zwingt die Diagnosestellung den Therapeuten sich mit der Struktur des Patienten wirklich auseinanderzusetzen, d.h. sich selbst Rechenschaft darüber abzulegen, inwieweit er die Struktur des Patienten verstanden hat, so daß er darüber mit Kollegen sprechen kann.

Man könnte einwenden, daß man mit der Diagnose, der Etikette („die und die Krankheit“), die man dem Patienten auf die Stirn klebt, den Weg für das gesunde Potential des Patienten und seine Entwicklungsmöglichkeiten verbaut. Reich sah das anders, als er über seine Patienten sagte: „Nach außen hin erscheinen sie in einer bestimmten verschrobenen Art, doch durch das Krankhafte hindurch können wir deutlich das Gesunde spüren“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 29). Ohne eine Diagnose kann man das Gesunde nicht deutlich sehen, sondern nur eine undeutliche Qualität, zu der wir nie vordringen können, weil wir den Weg, die Straßenkarte, d.h. die Charakterdiagnose und die dazugehörige orgonometrische Gleichung nicht kennen.

Es geht auch darum, zu erkennen, daß die Charakterstruktur eine überlebensnotwendige Einrichtung für den Patienten ist, um mit seiner Energie umgehen zu können. Es wäre eine Katastrophe, die er kaum überleben würde, wenn man etwa einem Zwangscharakter von heute auf morgen seine ganz spezifische Panzerung nehmen würde. Vielmehr muß die Panzerung logisch und schlüssig sozusagen „rückabgewickelt“ werden. Auch ist die Panzerung nicht vom Himmel gefallen und geht nicht einfach auf die Willkür der Eltern zurück, sondern ist integraler Bestandteil einer gepanzerten Gesellschaftsstruktur. Der wirkliche Kampf beginnt deshalb erst nach erfolgreicher Beendigung der Therapie oder wie Reich schrieb: „Derart sind unter den Bedingungen der sexualverneinenden Gesellschaftsordnung gerade die gesündesten Menschen schwersten subjektiven Leiden ausgesetzt“ (ebd., S. 31).

Es geht um nicht weniger als eine grundlegende Veränderung – von allem. Ich erinnere an Reichs Marxistische Phase, die er später wie folgt umdeutete: „Es gibt in der Gesellschaft eine bestimmte Menschenschicht, die verstreut ohne Zusammenhang lebt und wirkt: die Schicht der mit natürlicher Sexualität ausgestatteten genitalen Charaktere. Man findet sie außerordentlich häufig im Industrieproletariat.“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 151)

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Schizophrenie: Dynamik und Behandlung (Teil 2)

2. Dezember 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Elsworth F. Baker: Schizophrenie: Dynamik und Behandlung (Teil 2)

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Schizophrenie: Dynamik und Behandlung (Teil 1)

28. November 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Elsworth F. Baker: Schizophrenie: Dynamik und Behandlung (Teil 1)

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„Laientherapeuten“ und „Orgontherapeuten“

3. November 2014

Wie kaum auf ein anderer „Schulengründer“ im Bereich der Psychotherapie ist ausgerechnet Reich zu einem Leitstern von „Laientherapeuten“, d.h. Therapeuten ohne medizinische und psychiatrische Ausbildung geworden. Das ist aus zwei Gründen an Absurdität kaum zu überbieten: Reich gilt als Begründer der „Körpertherapien“ – die wie selbstverständlich von Politologen, Kindergärtnern und ähnlichen „Experten“ ausgeübt wird; und zweitens hat sich Reich von Anfang an jenen schwierigen Patienten zugewendet, die nicht als „psychoanalysefähig“ galten. Das perfekte Terrain für Nichtärzte und Nichtpsychiater 😉

Hinsichtlich von Freuds ab den 1920er Jahren zunehmend liberalerer Haltung gegenüber Laientherapeuten meinte Reich 1952 im Interview mit Kurt Eissler: „(…) mir scheint, das war ein großer Fehler. Man hätte den Laien auf keinen Fall den Zugang zur wissenschaftlichen Psychoanalyse ermöglichen sollen“ (z.n. Bela Grunsberger und Janine Chasseguet-Smirgel: Freud oder Reich?, Frankfurt 1979, S. 160). Um wieviel mehr muß das für die Charakteranalyse, Vegetotherapie und Orgontherapie gelten!

In ihren Erinnerungen streicht die norwegische Psychiaterin Nic Waal, eine Patientin und Mitarbeiterin Reichs hervor, daß die charakteranalytische Vegetotherapie außergewöhnlich wirksam sei. Und sie fährt fort: „Diese Methode stellt jedoch hohe Ansprüche an den Therapeuten, seine Ausbildung und Diagnostik“ (z.n. Charles Rycroft: Wilhelm Reich, München 1972, S. 84).

Die größte Unverfrorenheit geht wohl von solchen Therapeuten aus, die ihr eigenes Unvermögen damit kaschieren, daß sie behaupten, der Reichsche Ansatz sei heute weitgehend unbrauchbar, da die Menschen heute alle „frühgestört“ seien. Deshalb bedürfe es aller möglichen Ergänzungen der Orgontherapie durch andere Therapiesysteme. Das ist natürlich alles hanebüchener Unsinn, denn am Anfang der Entwicklung der Orgontherapie stand Reichs Beschreibung des frühgestörten „triebhaften Charakters“. Es zeigt schlichtweg, daß diese Leute, die die Orgontherapie „weiterentwickeln“ wollen, schlecht bis gar nicht ausgebildet sind und deshalb die Lücken in ihrem Wissen und Können mit allem möglichen Firlefanz füllen müssen.

Tatsächlich ist dieser Firlefanz Flucht vor den Emotionen Lust, Angst, Wut, Sehnsucht und Trauer von Seiten des Therapeuten. In der Orgontherapie versucht der Patient ohnehin ihnen ständig auszuweichen, indem er „differenziert“ und alle möglichen anderen „Empfindungen“ und Gedankenkonstrukte vorschiebt, worauf der Therapeut nur so etwas sagen kann wie: „Nein, sie haben schlicht und ergreifend ANGST.“ Wer hätte sich jemals vorstellen können, daß sich ganze „Reichianische“ Therapiesysteme ausbilden könnten, die sich um nichts anderes drehen als die Unterstützung dieses von Orgontherapeuten ständig bekämpften Ausweichens vor dem Wesentlichen!

In der klassischen „tiefenpsychologisch fundierten“ Therapie geht es um Konflikte, in einer (vermeintlich!) ansonsten gesunden Psyche. Gewöhnlich wird ein „Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt“ auf entsprechendes Geschehen in der Ursprungsfamilie zurückgeführt; dem Patienten gehen diese Zusammenhänge auf und er überwindet sein imgrunde kindliches Denken und Verhalten. Die entsprechenden Analysen sind manchmal bewundernswert komplex und werden zusätzlich mit dem Fundus der Fachbegriffe aus über 100 Jahren Psychotherapiegeschichte aufgepeppt. Tatsächlich ist das ganze aber kaum mehr als austauschbares Psychogelaber.

Führt man sich nun die „Reichianische“ Literatur zu Gemüte, sieht man den Versuch, Reichs angeblich „holzschnittartige“ Betrachtung von der Charakterstruktur des Patienten her aufzugeben und stattdessen „zu differenzieren“ – stattdessen mehr auf die Konflikte einzugehen. Unversehens findet man sich in dem genannten endlosen Gelaber wieder, das die Psychoszene beherrscht und nur eine Funktion zu haben scheint: Ablenkung von der alles entscheidenden Charakterstruktur des Patienten.

Und schließlich ist da noch eine ganz spezielle Spezies: „Orgontherapeuten“, teilweise Ärzte und Psychiater, die ganz besonders „funktionell“ sein wollen und deshalb ganz auf eine „mechanistische“ Charakterdiagnose meinen verzichten zu können. Obwohl das die einzige Diagnose ist, die logischerweise in der Orgonomie wichtig sein sollte, klingt deren Ablehnung teilweise theoretisch ganz gut, geradezu vernünftig („keine Schablonen!“), doch tatsächlich haben diese „Orgontherapeuten“ keine Ahnung, „sie wissen nicht, was sie tun“. Sie (be-)handeln ungefähr so, wie ein Tierarzt, der nicht weiß, ob er ein Meerschweinchen oder eine Schildkröte vor sich auf dem Behandlungstisch liegen hat. Eine Schizophrene muß ganz anders therapiert werden als eine Hysterikerin, ein Zwangscharakter ganz anders als ein manisch depressiver Charakter. Das „orgontherapeutische Programm“ abarbeiten (Mobilisierung der Atmung, Befreiung der Panzersegment, etc.), egal wie „intuitiv“ und „funktionell“ man dabei auch immer vorgehen wird, wird ohne eine Charakterdiagnose bestenfalls zu nichts führen, schlimmstenfalls in die Katastrophe.

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Orgonomie und Mystizismus (Teil 3)

19. August 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Richard Schwartzman: Orgonomie und Mystizismus (Teil 3)

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Die Verschwörung der Verschwörungstheoretiker

11. Juni 2013

Seit den Anfängen der sozialen Orgonomie 1928 gab es stereotyp immer wieder den gleichen Einwand: Reich räume den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht den gebührenden Raum ein. In früheren Zeiten ging es dabei meist um Versatzstücke des Historischen Materialismus, was letztendlich stets auf böse Machenschaften der Kapitalisten hinauslief. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Diskurs zunehmend „verpoppt“ bzw. amerikanisiert und es geht ganz direkt um Verschwörungen, etwa die der „Bilderberger“, ohne Rückgriff auf anspruchsvolle politökonomische Analysen. Die werden durch unterhaltsame Kriminalgeschichten ersetzt.

Die Antwort der Orgonomie auf diese Kritik ist denkbar brutal: hier kommt ein imgrunde psychotischer Mechanismus zum tragen, der in der autoritären Gesellschaft noch ausgiebig rationalisiert war und sich sogar den Anstrich der Wissenschaft gab, heute, in der antiautoritären Gesellschaft, jedoch nackt zutage tritt. Die durch die eigene Panzerung, die tatsächlich externe Ursachen hat, verfremdeten (!) und verzerrten Wahrnehmungen und Impulse, also ein innerliches Geschehen, wird nach außen projiziert und externen Ursachen zugeschrieben. So kommt es zu den überhandnehmenden Verschwörungstheorien.

Genauso, wie die rege Phantasietätigkeit und generelle Hyperaktivität des Paranoiden darauf abzielt, der schizophrenen biophysischen Schrumpfung entgegenzuarbeiten, an deren Ende der „ausgebrannte“ Schizophrene steht, versuchen die Menschen in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls mit Hilfe florider Phantasietätigkeit der „biosozialen Schrumpfung“ entgegenzutreten. Und genauso, wie es beim Schizophrenen, der typischerweise seinen Psychiater mit langatmigen Exposés und „Dokumentationen“ zumüllt, in denen sein Wahn bis ins kleinste Detail „belegt“ wird (beispielsweise kann der Tagesschausprecher „aus logischer Sicht“ nur ihn ganz persönlich gemeint haben!), ausschließlich um die Projektion innerer Vorgänge geht, handelt es sich auch bei der einstigen „Marxistischen Gesellschaftsanalyse“ und den heutigen Verschwörungstheorien um ein ausschließlich psychopathologisches Phänomen, egal wieviel „Evidenz“ auch immer beigefügt wird. (Das heißt nicht, daß Marxisten und Verschwörungstheoretiker „kränker“ als du und ich sind: es ist ihre Art, mit den Problemen umzugehen, die wir alle habe.)

Was projiziert wird, ist natürlich nichts anderes als die Ursprungsgeschichte der Panzerung in der autoritären Familie: „das Kapital“, „die Juden“, „die Bilderberger“, etc. sind Masken des Ödipuskomplexes. Dadurch gewinnen die Verschwörungstheorien auch ihre Überzeugungskraft: die Panzerung hat, wie bereits erwähnt, externe Ursachen. Die lassen sich aber nicht beseitigen, indem man den durch die Panzerung hervorgerufenen Wahrnehmungsverzerrungen folgt und diese auch noch rationalisiert. Wie dann?

An den gesellschaftlichen Zuständen wird sich erst dann etwas ändern, wenn die Panzerung verschwindet, was voraussetzt, daß die Massen von der Existenz der Panzerung erfahren und gewahr werden, daß diese für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich ist. Erst danach macht es Sinne von „Verschwörungen“ zu reden.

Panzerungverschwoerung