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Die Funktion des Orgasmus (Teil 3)

18. Juli 2014

Jürgen Hoyer und seine Kollegen von der TU Dresden konnten bei 451 Patienten, die sich einer kognitiven Verhaltenstherapie wegen Angststörungen oder Depressionen unterzogen, die folgenden aus sexualökonomischer Sicht bedeutsamen Elemente isolieren:

  • 63,2% berichteten vor Behandlungsbeginn von sexuellen Problemen (sexuelles Desinteresse, Erektionsprobleme, Anorgasmie)
  • diese Probleme besserten sich, wenn die Verhaltenstherapie erfolgreich war
  • aber auch bei jenen, die durch die Verhaltenstherapie geheilt wurden, berichteten noch 45% von sexuellen Problemen

Für Hoyer et al., und allgemein für die Psychologie und Psychiatrie, sind sexuelle Dysfunktionen bloße Begleiterscheinungen psychischer Erkrankungen. Für Reich waren sie der Kern jeder psychischen Erkrankung. Das bedeutet jedoch nicht, wie oft fälschlich Reich in den Mund gelegt wird, daß ein sozusagen „erfolgreicher Orgasmus“ die psychisch Erkrankten heilen würde. Es ist ja gerade die orgastische Impotenz, die sie krank macht, diese geht aber auf die Panzerung zurück. Mit dem Abbau der Panzerung bessert sich deshalb auch die Orgasmusfähigkeit und damit wird den neurotischen Symptomen ihre Energiequelle abgedreht. Darauf beruht jede funktionierende Therapie. Die Erhebungen von Hoyer et al. bestätigen dies erneut:

  • psychische Erkrankungen sind überdurchschnittlich oft mit groben sexuellen Problemen verbunden – ganz abgesehen vom Mangel andauernder sexueller Erfüllung („orgastische Potenz“)
  • ist die Therapie erfolgreich, d.h. wird die Panzerung zumindest teilweise abgebaut, nehmen auch die sexuellen Probleme ab – was wiederum den langfristigen Erfolg der Therapie absichert
  • da der Abbau der Panzerung und damit die verbesserte orgasmische Abfuhr nicht Ziel, sondern nur ein mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt der Verhaltenstherapie ist, halten sich die Erfolge in Grenzen

Siehe auch meinen Aufsatz über Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht, in dem ich in einem anderen Zusammenhang auf die Beziehung von Verhaltenstherapie und Orgasmustheorie eingehe.

Reich zufolge erfüllt die Sexualität eine grundlegende bioenergetische Funktion und würde sich deshalb in den Geschlechtern gleich äußern, gäbe es nicht die Unterdrückung der weiblichen Sexualität. (Siehe dazu auch Lucky Luke und Barbie.)

Die Vorstellung, daß die sexuelle Erregung bei beiden Geschlechtern gleich abläuft, widerspricht sowohl der modernen, mechanistischen Sexualforschung (d.h. die Erforschung der pathologischen, liebe-losen Sexualität von Homo normalis), als auch der persönlichen Erfahrung der meisten Menschen.

Tom Tiegs und Paul Perrin von der University of Florida haben gezeigt, daß junge Männer zwar tatsächlich „sexueller“ sind als junge Frauen, sich die Geschlechter in dieser Hinsicht jedoch annähern, wenn es zu einer festen Beziehung kommt. Im Schutz der Partnerschaft verliert der gesellschaftliche Druck, der auf Frauen lastet, seine Kraft.

Donatella Marazziti und ihr Forscherteam von der Universität Pisa haben herausgefunden, daß bei Liebespartnern die Testosteronwerte sich einander nähern, d.h. sie sinken beim verliebten Mann und steigen bei der verliebten Frau. Die Geschlechter gleichen also ihren Sexualhormonhaushalt an, wenn sie ineinander verliebt sind.

Das hat nichts mit sexueller Aktivität an sich zu tun, da die Mitglieder der Kontrollgruppe genauso viel Sex hatten wie die Gruppe der Verliebten. Dieser Befund beweist zwar nicht Reichs Orgasmustheorie, legt aber die Antwort für das oben erläuterte Problem nahe: Sex ist nicht gleich „Sex“.

Mittels Infrarotkameras konnten Psychologen (Irv Binik et al.) an der McGill University, Montreal etwas dingfest machen, was infolge der psychologischen Zumutungen bei anderen, durchweg invasiven Meßmethoden bisher verborgen geblieben ist: Frauen werden genauso schnell sexuell erregt wie Männer. Den Versuchspersonen wurden Ausschnitte aus Pornos, Reiseberichten und Horrorfilmen vorgespielt, während Wärmebildkameras auf ihre Genitalien gerichtet waren. Beide Geschlechter fingen innerhalb von 20 Sekunden an, erregt zu werden und erreichten innerhalb von 11 oder 12 Minuten die maximale „Genitaltemperatur“. Wie in Reichs Experimenten stimmte die physiologische Erregungskurve genau mit der subjektiven Empfindung überein.

In seinen „bio-elektrischen Experimenten“ hat Reich mit dem Problem gerungen, daß die Meßinstrumente direkt mit der Haut verbunden sein mußten und dergestalt genau das hintertrieben, was gemessen werden sollte: die lustvolle Expansion des „bio-elektrischen“ Potentials. Siehe dazu Die Funktion des Orgasmus.

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Sexpol 2012 (Teil 2)

18. Januar 2012

Eines der Hauptprobleme bei der Vermittlung des Reichschen Werkes ist die Mär, daß „mehr Ficken“, die Menschen „befreie“. Diese Sichtweise wurde etwa von Christopher Turner in seiner leider sehr einflußreichen Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron vertreten. Angesichts der Zustände in der permissiven Gesellschaft sei Reich definitiv widerlegt. Reich diese Vorstellung unterzuschieben ist natürlich vollkommen absurd, da er ausführlichst gezeigt hat, daß die Menschen aufgrund ihrer Panzerung orgastisch impotent sind. Ebensogut könnte man einem Farbblinden raten, er solle in einer farbenfrohen Umgebung leben, um zu gesunden!

Wie fast immer ist in diesen falschen Anschauungen ein Körnchen Wahrheit enthalten, – das sie am Leben erhält. In diesem Fall: partielle sexuelle Entspannung ist natürlich immer noch besser als gar keine. Wie Richard A. Blasband ausgeführt hat, gilt das sowohl für Masturbation, selbst wenn man dabei Schuldgefühle hat („Q & A: Masturbation and Guilt“, Journal of Orgonomy, 11(1), May 1977, S. 116), als auch für sexuelle Perversionen, die einer sexuellen Abstinenz vorzuziehen sind („Q & A: Neurotic Sexual Relations and Abstinence“, Journal of Orgonomy, 14(1), May 1980, S. 114). Der Neurotiker kann immer einen Höhepunkt erleben, der die sexuelle Spannung reduziert, wenn auch keinen Orgasmus, der sie vollkommen beseitigt (Elsworth F. Baker: „Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 176). Dies heißt natürlich nicht, daß man Sex als Heilmittel verschreiben kann (ebd., S. 183), jedoch kann man seine Triebe frei leben, solange sie andere nicht verletzen.

Für Freud war „die Sublimierung das einzige Mittel (…), ohne Verdrängung oder Perversionsbildung die Konflikte zwischen Ich und Sexualität zu lösen“ („Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung“, Frühe Schriften, S. 131). Reich hingegen war der Ansicht, die sexuelle, d.h. genitale Befriedigung ermögliche erst die Sublimierung von prägenitalen Strebungen.

Reich unterscheidet zwischen der genitalorgastischen Befriedigung und Sublimierung auf der einen und der prägenitalen Befriedigung und Reaktionsbildung auf der anderen Seite.

Dieser qualitative Unterschied drückt sich dann auch in einem quantitativen aus: Der neurotische Charakter leidet unter einer sich ständig steigernden Libidostauung, (…) weil seine Befriedigungsmittel den Bedürfnissen des Triebapparats nicht adäquat sind; der andere, der genitale Charakter, steht unter dem Einfluß eines ständigen Wechsels von Libidospannung und ädaquater Libidobefriedigung, verfügt also über einen geordneten Libidohaushalt. (Charakteranalyse, KiWi, S. 225f)

Beim genitalen Charakter stehen Ich-Libido („Selbsterhaltung“) und Objekt-Libido („Sexualität“) in keinerlei Widerspruch, sondern bestärken einander.

In der autoritären Gesellschaft hingegen werden mit Hilfe von Drohungen, die die Selbstliebe aktiviert (Angst um das eigene Selbst, etwa infolge mehr oder weniger direkter Kastrationsdrohungen), die sexuellen Objektstrebungen in Schach gehalten. Sie kommen dann nur mehr als „Idealismus“ zum Ausdruck. Aus Sexualität wird „Altruismus“. Diese Reaktionsbildung ist beispielsweise die Grundlage des Christentums („selbstlose Liebe“).

Seit 1960 haben sich die Charakterstrukturen der Massenindividuen zusehends verändert. Im antiautoritären Individuum ist von Drohungen und Sexualunterdrückung keine Rede mehr. An ihre Stelle tritt der Terror der „Political Correctness“, etwa in Bezug auf die „Gender-Problematik“. Als Kompensation der frustrierten Selbstliebe wird die Umwelt nur noch mit der Brille des Egoismus betrachtet und entsprechend opportunistisch ausgebeutet.

Der ungepanzerte, genitale Charakter ist orgastisch potent und deshalb fähig imgrund antisoziale prägenitale Strebungen zu sublimieren, d.h. sozial fruchtbar zu machen.

Der gehemmte Charakter der autoritären Gesellschaft ist orgastisch impotent und nur zu einer Karikatur des Sublimierens fähig: aus Selbstliebe wird heuchlerische „Nächstenliebe“. Derartige Reaktionsbildungen sind, so Reich, „krampfhaft und zwangsartig“, während die Sublimierung „frei strömt“.

Es ist, als ob hier das Es in Einklag mit Ich und Ich-Ideal direkt mit der Realität in Verbindung stünde, dort hingegen bekommt man den Eindruck, als ob alle Leistungen von einem strengen Über-Ich einem sich sträubenden Es aufdiktiert würden. (ebd., S. 238f)

Beim gehemmten, „idealistischen“ Charakter kommt es zu einer krampfartigen „Stärkung der Ich-Formation in Form chronischer Abpanzerung gegen Es und Außenwelt“, während beim ungehemmten, „opportunistischen“ Charakter das Ich zu schwach ist, um antisozialen libidinösen Regungen Herr zu werden. Entsprechend ist er Spielball zahlloser neurotischer Strebungen (ebd., S. 252).

Der ungehemmte Charakter der antiautoritären Gesellschaft gibt sich ganz seinem Egoismus hin und „lebt sich aus“. Baker hat 1970 dieses prägenitale Paradies anläßlich der ersten Welle des Antiautoritarismus, d.h. der Hippie-Bewegung, folgendermaßen analysiert:

Eine solche um das Vergnügen kreisende Kultur, würde allmählich verfallen und schließlich dem Nichts anheimfallen, wie es in der Zeit der alten Griechen und Römer geschah oder wie H.G. Wells es in Die Zeitmaschine für die Zukunft visualisierte. Es stimmt, daß man dazu fähig sein muß Lust, sogar Ekstase, zu erleben, um so Spannung entladenden zu können, aber das Leben findet Erfüllung in sinnhafter und schöpferischer Arbeit, nicht indem man sich auf künstlich hinausgezögerte Weise mit seiner Partnerin bzw. seinem Partner herumrekelt. Derartige Liebesspiele sind kein Ausdruck von Genitalität, vielmehr sind sie infantil mit oralen und masochistischen Komponenten. (Leserbrief an den „Playboy“, Journal of Orgonomy, 5(1), S. 116f)

Sexpol 2012 (Teil 1)

17. Januar 2012

Reich unterscheidet zwischen biopathischen und sozialen Störungen der erwachsenen Genitalität. Die erstere zu beseitigen, ist Aufgabe der psychiatrischen Orgontherapie, während die zweite Art der Störung der sozialen Beratung zugänglich ist. Neben dem psychoanalytischen Ambulatorium in Wien, das sich mit der Behandlung von neurotischen Erkrankungen „der Massen“ beschäftigte, verfolgte Reich den zweiten Ansatz in seinen Sexualberatungsstellen und in seiner politischen Arbeit, wie er sie in seinem Buch Menschen im Staat beschrieben hat.

Heute stehen Themen wie die folgenden im Vordergrund:

  • Ehehygiene: Beispielsweise in getrennten Betten schlafen, um länger die sexuelle Spannung aufrechtzuerhalten. Der Mann hat bei der Geburt seines Kindes nichts zu suchen! In keiner Kultur war der Mann jemals bei diesem Ereignis anwesend. Die immer weiter um sich greifende kontaktlose, „linksliberale“ Mode zerstört flächendeckend die sexuelle Beziehung zwischen Ehepartnern und damit die Familien!
  • Pornographie: Dem gigantischen Tsunami an Fehlinformationen über die Sexualität entgegenarbeiten. Das ist einfacher gesagt als getan, denn die moderne Sexualwissenschaft ist derartig vom linksliberalen Zeitgeist durchdrungen, daß sie das verzerrte Bild der Sexualität (pseudo-) wissenschaftlich absichert. Dabei kann sie sich auf die humanbiologische Forschung berufen, derzufolge „Sex nur im Kopf“ stattfindet. (Etwas, was von anderen Körperfunktionen im übrigen so nie behauptet wird!)
  • „sexuelles Experimentieren“: Die meisten Sexualratgeber führen geradezu systematisch von der Genitalität (Kontakt) weg und propagieren Ersatzkontakt, der zu einer geringeren Befriedigung führt, was wieder zu „Neuem“ animiert. Sexualität wird zu einer Art Droge.

Angesichts all des Unsinns über „Gender“ (der im übrigen sämtlichen Erkenntnissen der modernen Biologie widerspricht), bedeutet Aufklärung heute auch die denkbar basale Klärung der geschlechtlichen Identität. Was bedeutet es ein Mann bzw. eine Frau zu sein? Dazu schreibt Reich:

(…) in der offiziellen gesellschaftlichen Anschauung ist Hingabe mit Weibsein und unnachgiebige Härte mit Männlichkeit gefühlsmäßig verknüpft. In der gesellschaftlichen Ideologie ist es unvorstellbar, daß ein selbständiger Mensch sich hingeben und ein hingebender Mensch selbständig sein könne. So wie Frauen aus dieser Gleichsetzung heraus gegen ihre Weiblichkeit protestieren und männlich sein wollen, so wehren sich die Männer gegen ihren natürlichen geschlechtlichen Rhythmus aus Angst, weiblich zu erscheinen; – und daraus schöpft wieder die verschiedene Anschauung des Sexuellen bei Mann und Frau ihre scheinbare Berechtigung. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 247)

Wie stark die Verwirrung mittlerweile, d.h. in der antiautoritären Gesellschaft, geworden ist, zeigen die medialen Produkte unserer „Kultur“. Eine einzige Freakshow.

Trotz (oder vielmehr gerade wegen) aller Freiheit herrscht heute auf sexuellem Gebiet mehr Konfusion als jemals zuvor. Aufklärung tut heute genauso Not wie 1930. Während damals jedoch Reichs Öffentlichkeitsarbeit und Broschüren von Katholiken und Neoheiden (Nazis) bekämpft wurden, steht heute die Political Correctness der Verbreitung sexualökonomischer Erkenntnisse entgegen.

Der gepanzerte Mensch ist unfähig, sich selbst zu regulieren, will aber ständig neue Freiheiten. Die freigelegte Energie, die nicht genital entladen werden kann, führt zu allen Arten von Ersatzkontakt. Ausgerechnet jene, die Reich eine Überbewertung der Sexualität vorwerfen, fordern eine hohe sexuelle und Liebeskultur, die „Kunst der Liebe“ (Thomas Kornbichler: Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, Berlin 1989, S. 74), während der angebliche Erotomane Reich das Bewußtsein von der Sexualität und die Sexualität vom Bewußtsein freihalten wollte. Bei Reich waren „Liebe, Arbeit und Wissen“ gleichberechtigt.

Man hat Reich vorgeworfen den Orgasmus als Allheilmittel zu vertreten, dies weist Elsworth F. Baker zurück und nennt die Orgonomie eine „rather puritanical discipline“ („Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 175).

Was diese Gesellschaft braucht, ist wahrhaftig nicht „mehr Sex“, sondern mehr Wissen und ein neues Verhältnis zur Arbeit. Am schockierendsten ist wohl der Hype um die Alterssexualität. Viagra, Feuchtigkeitscremes, Schönheitschirurgie, Pornographie, etc. Nicht, daß irgendetwas verdammenswert oder „ungesund“ an „Alterssexualität“ wäre! Es geht einfach darum, den natürlichen Rhythmen des Körpers zu folgen. Wie inhaltsleer muß das Leben eines Menschen sein, daß er ohne artifiziell angestachelten Sex als eine Art „Unterhaltungsprogramm“ nicht leben kann?!