
Wilhelm Reich, Physiker: 5. Das Atom und das Orgon, b. Serialität
Reich hat Muster erkannt, wo andere nur einen glatten bzw. chaotischen Kurvenverlauf sahen. Beispiele sind die Auseinandersetzung mit Freud über die Widerstands- und Charakteranalyse sowie die Orgasmustheorie (es gäbe doch, so Reichs Kollegen, jede Menge Gesunde „ohne Orgasmus“), die Einordnung des Faschismus, die Interpretation der bioelektrischen Experimente (großer Streit mit den ebenfalls exilierten „Experten“ vom Kaiser-Wilhelm-Institut), die Interpretation der „Bion-Erscheinungen“, die Entdeckung des Orgons und nicht zuletzt das Pendelexperiment 1944, wie Reich es in Contact with Space beschrieben hat. Courtney F. Baker hat diesen Versuch mit genaueren Meßverfahren wiederholt und nichts gefunden (bzw. Anomalien unabhängig von Reich, die einer weiteren Untersuchung wert wären). Danach hat Robert A. Harman es genau nach Reichs funktionellen Vorgaben nochmals wiederholt und kam zu Reichs Ergebnissen.
In diesem Zusammenhang bedeutet „funktionell“, daß man nicht abstrakt Bruchteile einer Pendelbewegung mißt bzw. zählt, sondern nur ganze, vollständige Pendelbewegungen, genauso, wie man bei einer Schafherde nur „ganze Schafe“ zählt und nicht irgendwelche abgenagten Kadaverteile von Schafen, die nach einer Wolfsattacke vielleicht ebenfalls auf der Weide liegen.
Das Problem ist, daß Reichs Ansatz aller Wissenschaftstheorie ins Gesicht schlägt: Reich versucht die Muster „erscheinen zu lassen“ („Verifikation“), während Physiker spätestens seit Kant den erkenntnistheoretischen Anspruch haben, Phänomene so lange zu widerlegen bis es nichts mehr zu widerlegen gibt („Falsifikation“).
Andererseits: auch Reich hat stets dazu aufgefordert, ihn zu „falsifizieren“ und ist regelmäßig weitergekommen, weil die Realität seine Hypothesen falsifiziert hat. Man denke nur mal daran, daß er die atmosphärische Orgonenergie nur dadurch entdeckt hat, weil sich seine Vorstellung, er könne SAPA-Strahlung mit einem Faradaysche Käfig abschirmen, als unsinnig erwiesen hatte. Die besagten kritischen Physiker werden einwenden, daß etwas, was man nicht „eingrenzen“, also nicht definieren (Lateinisch für „abgrenzen“) kann, schlichtweg nicht existiert.
Für einen normalen Physiker wäre die Sache erledigt gewesen, doch für Reich fing damit („die Strahlung ist überall!“) seine eigentliche Forschungsarbeit erst an. Als er kurze Zeit später Einstein seine entsprechenden ersten Forschungsergebnisse vorstellte, waren dessen Einwende entsprechend. Bei den visuellen Beobachtungen sei, so Einstein, der Faktor Subjektivität störend, d.h. im Akt der Beobachtung steckt schon die „Verifikation“ – will sagen, man muß es sozusagen „sehen wollen“. Und bei den thermischen Messungen kann man den Versuchsaufbau solange variieren, bis der objektiv gemessene Temperaturgradient verschwindet und sich so als Scheinphänomen erweist. Reichs funktionelle Gegenargumente konnten nicht bei einer „nihilistischen“ Geisteshaltung verfangen, die darauf ausgerichtet ist, die Natur buchstäblich solange zu foltern, bis sie „falsifiziert“ ist und nichts übrigbleibt als tote Mechanik bzw. „tote Thermodynamik“.
Was den ersten Einwand betraf lautete Reichs Vorschlag mit dem „subjektiven“ Beobachten nicht aufzuhören, sondern es unter allen möglichen äußeren Bedingungen auf systemtische Weise fortzuführen, um Muster erkennen zu können. Zweitens wollte er, daß die Experimente bzw. Messungen solange variiert werden, bis sich seine Theorie bestätigt… Und das ist nicht so unwissenschaftlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, denn Elementarteilchen-Forscher gehen ähnlich vor. Milliarden werden aufgewendet, ganze Berge bewegt, um schließlich doch noch Higgs-Bosonen, Sonnen-Neutrinos und dergleichen nachweisen zu können.
Der Witz dabei ist, daß Einstein, wären in seinen Gleichungen sowas wie „Higgs-Bosonen“ oder eben die Orgonenergie aufgetaucht, ebenfalls alles getan hätte, um diese auf Teufel komm raus nachzuweisen – nach dem bekannten Motto: „Um so schlimmer für die Tatsachen, wenn sie nicht meinen Theorien entsprechen!“ Nichts da mit „Falsifikation“!
Der letztendliche Beweis liegt in der Fruchtbarkeit der Theorien, d.h. ob etwa die gemessenen Sonnen-Neutrinos mit dem Einblick, den sie ins Innere der Sonne gewähren, die Astrophysik weiterbringen und etwa Phänomene auf der Sonne besser vorhersehbar machen, Supernovae besser erklären etc. Reich nutzte seine Beobachtungen und Messungen der atmosphärischen Orgonenergie zur Wettervorhersage und machte später die Entdeckung der atmosphärischen Orgonenergie für die Wettermodifikation nutzbar („Cloudbuster“). Eine vermeintliche „Entdeckung“ verschwindet aus den Annalen der Wissenschaft, wenn sie zu nichts führt.
Imgrunde funktioniert hier die Wissenschaft kaum anders als die Marktwirtschaft: unbrauchbare Produkte verschwinden sang- und klanglos vom Markt. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus an Mildred Brady (gewisserweise eine Vertreterin der amerikanischen Entsprechung von „Stiftung Warentest“) und das Vorgehen der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA gegen Reich denken, die einfach nicht das letztendlich arbeitsdemokratische und einzig wissenschaftliche „Wer heilt hat recht!“ zulassen, sondern die Orgontheorie partout „falsifizieren“ wollten.
von David Boadella, B.A.*
(Dies ist der Nachdruck einer Vorlesung, die am Samstag, den 18. Juni 1955, auf Einladung der Flying Saucer Research Society London in Caxton Hall, Westminster, gelesen wurde. Die erste Rede, von Paul Ritter, war eine chronologische Einführung in und ein Überblick über die Arbeit von Wilhelm Reich, wobei der Kontext für diese zweite Hälfte geboten wurde. Der Vorsitzende war Leslie Shepard. Die Herausgeber [von Orgonomic Functionalism])
(Da die folgende Vorlesung vor einer Forschungsgesellschaft für Fliegende Untertassen gegeben wurde, brauchte sie nicht zu begründen, daß es Fliegende Untertassen gibt. Für die Leser dieser Zeitschrift jedoch, von denen für viele das Feld neu sein könnte, sind ein paar einleitende Worte notwendig.
Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, daß Phänomene, die nicht in die orthodoxen Wissenskategorien passen, häufig abgelehnt, geleugnet und umgangen werden, ohne daß irgendein Versuch unternommen wird, Sachbeweise zu betrachten. Als Reich das Orgon entdeckte, wurde ihm gesagt, daß es nur „Statik“ sei oder „Hitzeflimmern“, daß die Temperaturerhöhung im Akkumulator „nur“ eine Frage der „Konvektion“ sei; und daß der Akkumulator einfach nur durch „Suggestion“ funktioniert. Als man beobachtete, daß sich Leben aus hochsterilisierten Kulturen entwickelte, wurde ihm gesagt, daß es sich wirklich nur um eine Frage der „Brownschen Bewegung“ oder um „Luftkeime“ handelte.
Dieses ständige Wegerklären objektiv nachprüfbarer Tatsachen veranlaßte Reich, das Schlagwort „Luftkeime“ zu benutzen, um jede Art von Einwand gegen sein Werk zu kennzeichnen, bei dem Beweise ignoriert und die Fakten willentlich verdreht werden.
Im Bereich der Fliegenden Untertassen ist das „Luftkeime“-Argument sehr verbreitet und sehr potent. Dementsprechend ist es sehr einfach Fliegende Untertassen zu verwerfen als „Halluzinationen“, „Stratosphärenballons“, „Meteoriten“, „Lichtbrechung bei Inversionswetterlagen“, „in der Luft schwebende Spinnennetze“, „der Planet Venus“, „Seifenblasen“ usw.
Während man zugestehen muß, daß ein gewisser Anteil an angeblichen Untertassen-Sichtungen auf diese Art und Weise erklärt werden können, gibt es doch eine große Anzahl von „Nichtidentifizierten Flugobjekten“, die in keiner Weise als nur dies oder das „identifiziert“ werden können.
Albert Einstein hat die Ansicht vertreten, daß es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder gibt es keine Fliegenden Untertassen oder – sie kommen aus dem Weltall. Es gibt jetzt eine ausreichende Anzahl glaubhafter Berichte verantwortungsbewußter Piloten, Meteorologen, Astronomen und Radarbediener, ganz zu schweigen von vielen tausend Sichtungen von Laien, um bei vernünftigen Menschen jeden Zweifel an der Existenz dessen zu beseitigen, was wir als Fliegende Untertasse bezeichnen.
Trotz der Tatsache, daß die übliche Emotion, die durch das Thema der Fliegenden Untertassen hervorgerufen wird, frivole Heiterkeit ist, ist es bezeichnend, daß sowohl die australische als auch die kanadische Regierung Forschung über Fliegende Untertassen gefördert haben; und daß eine Gruppe von der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Ohio nach einer streng objektiven Untersuchung des Themas zu dem Ergebnis gekommen ist, daß die Objekte materiell sind und unter intelligenter Kontrolle stehen.
Es ist bedauerlich, aber aussagekräftig, daß der Zusammenhang mit dem Weltraum viele Menschen in großer Zahl anzieht, deren Interesse nur im Sensationellen und Unorthodoxen liegt. Auf diesem Gebiet hat es Witzbolde und gefährliche Scharlatane gegeben, die pauschale und unbegründete Behauptungen von sich gegeben haben, aber das gab es auch in der Medizin und in jedem anderen Wissenschaftsbereich. Die Verzerrung, daran sollte man sich erinnern, liegt in der menschlichen Struktur begründet, nicht in der Wissenschaft. D.B.)
Während der letzten Stunde haben Sie eine Beschreibung der Methode des orgonomischen Funktionalismus und einiger der damit ermöglichten Errungenschaften gehört. Dies hat den richtigen Kontext geschaffen, um die Beziehung nachvollziehen zu können, die ich heute abend herstellen möchte: die Beziehung zwischen der Orgonenergie und vielen Erscheinungen, die Berichte über Fliegende Untertassen und Sichtungen charakterisieren.
Zunächst möchte ich jedoch klarstellen, daß die Orgonforschung noch keine endgültigen Schlußfolgerungen über Fliegende Untertassen getroffen hat, so daß jeder, der heute abend in der Hoffnung auf endgültige Schlußfolgerungen hierhergekommen ist, enttäuscht sein wird. Was die Erkenntnisse über das Orgon in anderen Bereichen aber tatsächlich möglich machen, ist ein neuer Zugang zu dem ganzen Problem der Nichtidentifizierten Flugobjekte und der Aura des Mysteriums, das sie umgibt. Dieser Ansatz basiert konkret auf den faktischen Entdeckungen, die durch die Orgonforschung bisher gemacht wurden. Ich glaube, daß dieser Ansatz, obwohl er sich noch in der Phase der Bildung von Annahmen und der Prüfung von Hypothesen befindet, auf lange Sicht am fruchtbarsten bei der Lösung vieler Probleme sein wird, die durch das Vorhandensein von Fliegenden Untertassen hervorgerufen werden.
Bei all den Tausenden von Berichten in den Akten der etwa zwanzig Organisationen, die seit etwa 1947 das Studium der Fliegenden Untertassen aufgenommen haben, finden sich bestimmte Merkmale, die in großer Häufigkeit auftreten. Heute möchte ich vier von ihnen für eine besondere Betrachtung herausheben: Da wäre erstens die Existenz einer Art von Erstrahlung; zweitens das Vorhandensein einer Art von Strahlungseffekt; drittens die Tatsache der großen Geschwindigkeiten, die sehr oft in völliger Stille möglich sind; und viertens die Art der Bewegung, die mit den Untertassen verbunden ist. Reich hat zuerst auf diese Eigenschaften und ihre Beziehung zu orgonotischen Funktionen aufmerksam gemacht, in CORE, Vol. 6, veröffentlicht im Juli 1954.
* Abdruck der Übersetzung aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung des Autors, Dr. Boadella. Der Originalaufsatz „Orgone Energy, Love and Space Ships“ findet sich in der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 2 (1955), No. 5, S. 287-306.