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Einige Gedanken zur Rolle der Diagnose in der Orgontherapie (Teil 1)

5. Oktober 2026

Beruht die orgonomische Charakterologie auf der Untersuchung der puritanischen Oberschicht in Wien, Berlin und London Anfang des letzten Jahrhunderts? Erstens haben Freud, Abraham und Jones nur Charakterzüge untersucht, doch nie eine systematische Charakterologie aufgestellt, das ist einzig und allein Reichs Leistung. Und zweitens hat Reich diese Charakterologie ganz im Gegenteil im großstädtischen Lumpenproletariat gewonnen, dessen Leben in psychischer Hinsicht verblüffend modern wirkt und deshalb Reich eine ich-psychologische Betrachtungsweise aufgezwungen hat. Die Charakteranalyse ist organisch aus der Schrift über den Triebhaften Charakter hervorgegangen.

Die „ich-psychologische“ Praxis der Orgontherapie verlangt, daß man von oben nach unten, vom Okularen zum Pelvikalen vorgeht – also vom Kopf („Ich“) aus. Ohne dieses Vorgehen, also im schlimmsten Fall vom Becken auszugehen, wie es viele „Reichianische“ quacksalberische Verbrecher tatsächlich tun, kann nur eine „chaotische Situation“ hervorrufen und den Patienten weiter in den neurotischen Sumpf stoßen.

Das bedeutet nicht, daß man schematisch vorgeht, sondern ganzheitlich. Konkret bedeutet dies eine korrekte charakteranalytische Diagnose, die dazu führt, das Schema („von oben nach unten“) den individuellen Gegengebenheit anzupassen. Wenn man den Patienten charakteranalytisch untersucht, dann wird man zwangsläufig zu einer Diagnose kommen – denn was sollte „Charakteranalyse“ sonst sein, als eben die Analyse des Charakters, wodurch die Diagnose von selbst gegeben ist. Das gleiche gilt für eine biophysische Untersuchung („Wie ist die Muskelpanzerung verteilt?“), die zwangsläufig zu einer Diagnose führt – denn was sonst sollte denn eine biopsychiatrische Untersuchung anderes sein, als eben die Analyse des Panzerungsmusters, wodurch die Diagnose von selbst gegeben ist. Ich habe da ganz konkret meine ersten Therapiestunden bei Dr. Schwartzman vor Augen, wie er sich zunächst mit mir Unterhalten hat und dann meinen ganzen Körper „angegrabscht“ hat. Ich kann mir nicht mal theoretisch vorstellen, wie denn das Handwerk des Orgonomen anders aussehen sollte!

Du hast fünf Patienten, Herrn Schmidt, Herrn Lehmann, Frau Martens, Herrn Müller und Frau Peters, die alle unter einem Zählzwang leiden und auch sonst einen ziemlich gleichen Eindruck vermitteln (alle sind depressiv, niedergeschlagen, antriebslos und klagen über eine innere Leere). Klassisch psychiatrisch fallen alle unter die gleiche Kategorie, entsprechend würden sie gleich behandelt werden. Der Orgonom jedoch würde diese Störung (den Zählzwang) an sich gar nicht groß beachten, sondern nur vor dem Hintergrund des Charakters sehen und entsprechend jeweils vollkommen anders behandeln: Herr Schmidt ist ein klassischer Zwangscharakter und deshalb sein Symptom integraler Bestandteil seines Charakters. Bei Herrn Lehmann jedoch ist der Zählzwang zwar ebenfalls ein Zwangssymptom, aber da Herr Lehmann ein katatoner Schizophrener, also kein analer, sondern ein okularer Charakter ist, muß die Behandlung weit mehr auf die okulare Kontaktlosigkeit eingehen, als bei Herrn Schmidt. Frau Martens, ein paranoid schizophrener Charakter, hingegen ist wohl auch ein okularer Charakter, aber bei ihr hat der Zählzwang eine ganze andere Funktion, d.h. es ist überhaupt keine (okular verzerrte) anale Symptomatik, sondern ein psychotisches Ritual, um böse Geister abzuhalten, obwohl sie ansonsten gar nicht psychotisch auffällig ist – sie wird aber psychotisch auffällig werden, wenn man den Zählzwang beseitigt, ohne den charakterlichen Hintergrund zu sehen. Herr Müller ist weder anal, noch okular belastet, sondern ein chronisch depressiver Charakter, der sich mit dem Zählen in Gang halten muß, sonst würde er vollends kollabieren. Und Frau Peters schließlich ist überhaupt nicht prägenital belastet, der Zählzwang ist einfach nur ein hysterisches Symptom, das die Funktion hat, die Männer von ihr fernzuhalten.

Eine Behandlung, die diese fünf vollkommen unterschiedlichen charakterologischen Reaktionsbasen des einen Symptoms nicht sieht, wird im besten Fall gar nichts erreichen, im allgemeinen aber desaströse Konsequenzen für den Patienten nach sich ziehen. Herr Schmidt mag seinen Zählzwang verlieren, aber als Konsequenz der Behandlung wird sein Zwangscharakter nur noch weiter verhärtet und Herr Schmidt vollends zu einer (dann wohlfunktionierenden) Maschine werden. Herr Lehmann wird wohl sein Symptom verlieren, aber dafür in einen nihilistischen Wahn verfallen und sich in sechs Jahren eine Kugel durch den Kopf jagen. Frau Martens wird nach der verhaltenstherapeutischen Beseitigung ihres Zählzwangs vom Psychiater auf Psychopharmaka gesetzt, weil sie zunehmend wunderlicher wird und Andeutungen macht, inkarnierte Dämonen müsse man erstechen. Herr Müller wird förmlich eingehen und schon bald an Krebs verstorben sein, nachdem sein Zählzwang erfolgreich behandelt worden war. Und Frau Peters wird nach erfolgreicher Behandlung einem Sexualmord zum Opfer fallen. – Und ihre Therapeuten werden jeweils wissenschaftlich nachweisen, daß ihre Therapien erfolgreich waren, denn der störende Zählzwang wurde ja jeweils beseitigt und entsprechend wäre es den Patienten auch besser gegangen.

Wenn man auf eine Diagnose verzichtet, könnte man sagen: orgonenergetisch ist Zwangszählen funktionell identisch mit einem vom restlichen Körper energetisch isolierten Gehirn, folglich muß das okulare und orale Segment aktiviert und ein energetischer Ausgleich hervorgerufen werden, indem der Hals, dann die Brust, das Zwerchfell usw. von Panzerung befreit bis die energetische Grundlage des Symptoms und der dem Symptom zugrundeliegenden soeben beschrieben Panzerungsstruktur durch die Herstellung der orgastischen Potenz beseitigt ist. Theoretisch mag, daß alles ja orgonomisch korrekt sein, doch praktisch wird der Pseudo-Orgonom Herrn Schmidt nicht im geringsten beeinflussen können (worauf er sagen wird, daß man einen krummgewachsenen Baum nicht mehr grade richten kann), aus Herrn Lehmann wird ein „orgonomischer“ Kultist werden, der jedem erzählt, er sei orgastisch potent (in Wirklichkeit bleibt er aber ein kontaktloser Katatoner), Frau Martens wird in die Anstalt eingeliefert und durch Psychopharmaka sich irreparable Gesundheitsschäden zuziehen (der Pseudo-Orgonom wird daraufhin den „Kleinen Mann“ anklagen, der die Größe und Klarsicht des Schizophrenen nicht ertragen könne und ihn deshalb kreuzige), bei Herrn Müller wird der Pseudo-Orgonom, der mal etwas charakteranalytisch arbeiten will, die dem Zählzwang angeblich zugrundeliegende Aggression hervorkitzeln wollen, woraufhin sich sein Patient suizidiert und Frau Peters wird nach zwei Sitzungen nicht mehr zum Pseudo-Orgonomen gehen und sich einen Rechtsanwalt suchen, weil sie sich sexuell attackiert fühlt.