Posts Tagged ‘Gefühle’

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 5)

22. Februar 2019

Die orgonomische Psychologin Virginia Whitener hat die Erziehungspraxis in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wie folgt zusammengefaßt:

Ohne Konsequenz und das Setzen von Grenzen fürchtet und mißtraut ein Kind seinen eigenen Gefühlen. Bei ihm steigt die Angst, wenn die Erwachsenen nicht die Kontrolle haben. Werden Kinder zu sehr verwöhnt, nehmen sie einen Mangel an Kraft bei ihren Eltern wahr. Das ängstliche Gefühl durchdringt alles, das Kind fühlt sich unsicher. Wenn die Eltern Grenzen setzen und sich daran halten, ist es frei, seine eigenen Gefühle, Angst oder Wut, auszudrücken und hat dabei den Trost, daß die Eltern seine Gefühle tolerieren können. Das Kind läßt Wut und Schmerz aus sich heraus, findet Erleichterung und lernt, Gefühle zu tolerieren und nicht zu fürchten, einschließlich der Wut über seine Eltern. Wenn Mama und Papa eine unparteiische Haltung gegenüber unangenehmen Gefühlen zeigen, d.h. sie als Teil des Lebens betrachten, mit dem sie umgehen können, ist den Kindern auf zweifache Weise geholfen. Wenn die Eltern den irrationalen Forderungen ihrer Kinder nicht nachgeben, um Gefühlsausbrüche zu vermeiden, nicht die emotionalen Eruptionen ihrer Kinder fördern bzw. sich nicht über die Maßen an diesen beteiligen und die Kinder nicht zu Gefühlsäußerungen drängen oder diese bestrafen, helfen sie ihnen, den Kontakt zu deren eigenen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Die Kinder können dann, abhängig von ihrem Alter, in Streßsituationen die zunehmende Fähigkeit für Gefühlsausdruck und rationales Denken entwickeln. Natürlich muß im Sinne der Sicherheit des Kindes und anderer Personen destruktives Verhalten gestoppt werden, damit das Kind Respekt vor sich selbst und anderen lernen kann und es sich sicher fühlen kann, wenn es darum geht Gefühle auszudrücken. Die Kontrolle, die Weitsicht und der Reifegrad des Kindes sind noch nicht vollständig entwickelt und werden mit fortschreitender Entwicklung im Laufe der Jahre zunehmen. Widersprüchliche Emotionen und Impulse bei den Eltern fördern Verwirrung und das Ausagieren. („Changes in Parenting with Progress in Therapy“, The Journal of Orgonomy, Vol. 50,1)

Läßt man Kindern alles durchgehen, erhält man keine selbstbewußten Nachkommen, sondern welche, die ständig zwischen substanzloser Anmaßung und Unsicherheit changieren, zwischen Rebellion und rückgratloser Anpassung. Ein schönes Beispiel sind Muttis Sturmtruppen, die „Anti“fa.

Erstaunlicherweise sieht es in türkischen und arabischen Familien nicht viel anders aus und auch das Produkt der Erziehung ist zwar nicht identisch, aber doch erstaunlich ähnlich. Jungendlich Straftäter mit Migrationshintergrund „werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung. Die Lehrerinnen, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter, die als Erste mit den Familien zu tun haben, wenn sich bereits in der Grundschule erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen, berichten von Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit. Wenn die Mütter – und höchst gelegentlich auch die Väter – darauf angesprochen werden, suchen die Eltern das Verschulden grundsätzlich beim ‚System‘.“ Zuhause sind sie der Pascha und draußen fordern sie, unsicher und schwach wie sie sind, „Respekt“. So die geselbstmordete Jugendrichterin Kerstin Heisig vor einem Jahrzehnt in ihrem Buch Das Ende der Geduld.

Die Linke, die Rechte und die Mitte (1962) (Teil 2)

12. August 2018

von Jerome Eden

Wenn die These richtig ist, daß die politischen Parteien (wie sie von den Extremen „links“ und „rechts“ deutlich gekennzeichnet werden) nichts weiter als gesellschaftliche Projektion biophysikalischer Energien sind, die vom gepanzerten Menschen zum Ausdruck gebracht werden, dann sollten wir in der Lage sein zu zeigen, daß das sich gegenseitig ausschließende, offenbar sich widersprechende Verhalten des Konservativismus contra des Liberalismus seine Wurzeln in einem gleichzeitigen, identischen gemeinsamen Funktionsprinzip hat. Lassen Sie uns dies im Sinne behalten, wenn wir einige allgemeine Kategorien untersuchen.

Genitalität: Da die Blockierung der natürlichen genitalen Äußerung und die Befriedigung bei Kindern und Heranwachsenden die Hauptursache der Panzerung ist, können wir erwarten, daß alle gesellschaftlichen Organisationen des gepanzerten Menschen im Grunde sexualverneinend sind. Beide, „die Linke“ und „die Rechte“, zeigen stets die heftigsten Reaktionen gegen jedwede natürliche Sexualreform. Alle politischen Organisationen widersetzen sich aktiv derartigen Reformen und vereinigen bei diesem Widerstand ihre Kräfte mit dem „politischen Gegner“. Gleichzeitig bedroht die Verteidigung und Bejahung eines natürlichen selbstregulierten genitalen Liebeslebens das eigentliche Fundament des politischen Irrationalismus, da es die Tür für die Entwicklung der rationalen Arbeitsdemokratie öffnet. Entsprechend ist heute das rotfaschistische Rußland in seiner Haltung zur natürlichen Sexualität weit reaktionärer als seine „reaktionären“ Gegner.

Meinungswechsel: Tagtäglich lesen wir vom Übertritt von der extremen „Linken“ zur extremen „Rechten“ und umgekehrt. Dies ist eine direkte Projektion der periodischen biophysikalischen Schwankungen von gepanzerten Äußerungen. Der Zorn des Liberalen zieht sich in die Schuld (Angst) des Konservativen zurück. Der individuelle und der gesellschaftliche Organismus kann jeweils nur ein gewisses Maß an Bewegung in jede Richtung ertragen.

Absolutismus: Beide politischen Extreme gründen ihre Ideologie auf statischen Absolutheiten. Die konservative Ideologie leitet sich vom Glauben an eine allmächtige Gottheit her, welche „unerkennbar“ ist und wissenschaftlich nicht objektiv nachgewiesen werden kann, die aber nichtsdestoweniger bestimmte Dogmen kundtut, welche von einer ausgewählten Gruppe empfangen und interpretiert werden können. Diese auserwählte Gruppe belehrt ihre Untertanen in ihrer autoritären, sexualverneinenden Ideologie, die den Massen das Gefühl von Machtlosigkeit erneut einprägt und so die Verewigung des Status quo sichert.

Im Wesentlichen leitet die liberale Ideologie ihre Autorität aus der gleichen Quelle her, obwohl sie die Existenz jeden Gottes kategorisch bestreitet, aber sie verteidigt fest ihre Position auf der Grundlage einer absoluten historischen Notwendigkeit (d.h. einem Naturgesetz, somit also Gott!). Die Propaganda über die absolute, unfehlbare Natur des „Staates“ (immer im gegenwärtigen Führer personifiziert) wird den sexualverneinenden, unterwürfigen Massen vorgesetzt, deren ruinierte Charakterstrukturen den Aufstand gegen die Tyrannei verhindern, die sie nur im Stillen erdulden können.

Überdies reagiert der statische, absolute Charakter sowohl der „Linken“ als auch der „Rechten“ mit gewalttätigem Haß auf jede Idee oder soziale Bewegung, die die „Ordnung des statischen Absolutismus“ gefährdet. Man darf z.B. reden, schreiben, forschen, Bücher herausgeben oder praktisch aktiv werden, vorausgesetzt, daß diese Tätigkeit die absolute statische Struktur des Staates akzeptiert. Ein Erzieher darf öffentlich das Erziehungssystem kritisieren, was seine Untauglichkeit, die Minderwertigkeit seiner Lehrer, die Unzulänglichkeit seiner Schüler, etc. betrifft. Aber laß ihn öffentlich die patriarchalisch-autoritäre, sexualablehnende Grundlage des Erziehungssystems verurteilen und er kann froh sein, wenn er mit heiler Haut davonkommt. Somit ist ein Maß für die praktische Freiheit, die es in jeder beliebigen Gesellschaft gibt, der Grad bis zu welchem radikale (an die Wurzel gehende) Kritik erlaubt ist und ermutigt wird.

Motive, Mittel und Ziele: Das Handlungsmotiv bestimmt die Wahl der Mittel, mit denen das Motiv zum Ausdruck gebracht wird, was wiederum das Endergebnis bestimmt. Das Motiv (oder die Anregungsenergie) der „Linken“ und „Rechten“ ist ein Ausdruck gepanzerter Organismen. Was zum Beispiel die Sexualmoral betrifft, sind konservative Sitten Kristallisationen von vorwiegend ängstlichen Gefühlen, die im Diktum „Nicht berühren!“ zusammengefaßt sind. Das bedingt die Entwicklung der ängstlichen konservativen Tabus hinsichtlich der natürlichen Sexualität. Da die konservative Motivation nicht auf der primären, natürlichen Energie beruht, folgt daraus, daß die daran anschließenden Mittel und Ziele bei Kindern und Jugendlichen zu einer Reproduktion der gepanzerten Gefühle des Konservativismus führen.

Bei der liberalen „Linken“ ist die Anregungsenergie ebenfalls eine gepanzerte Abweichung, aber in Richtung Zorn. Der Liberale setzt Mittel ein, die Ausdruck der Verachtung für die natürliche, selbstgesteuerte Genitalität sind, was sich in „Freie Liebe für alle!“ zusammenfassen läßt. Die dünn maskierte sexualablehnende Einstellung der „Linken“ wird immer dann offensichtlich, sobald der Liberalismus an die Macht kommt. Hat die Linke erst einmal die Macht erlangt, zeigt sie eine tiefsitzende Unfähigkeit, die Massen zum genitalen Glück zu führen, nach der sie suchen. Dabei offenbart sich die Linke als ein sogar noch strengerer sexueller Tyrann als ihr konservativer Gegenspieler.

Wiederum ist das CFP beider Ideologien die Angst vor der Bewegung der Lebensenergie. Deshalb ist es nicht überraschend, daß wer immer auch diese Bewegung – tiefe, energetische Bewegung – dazu bringt, in den beiden politischen Körpern zu fließen, gewärtigen muß, (von Roten Faschisten) als „Schwarzer Faschist“ oder (von Schwarzen Faschisten) als „Roter Faschist“ bezeichnet zu werden. Nichts legt so deutlich die gemeinsame gepanzerte Wurzel beider Ideologien frei wie die Tatsache, daß beide „sich bekämpfenden“ Gruppen sich stets zu gemeinsamer zerstörerischer Tat zusammengeschlossen haben, um das Wissen vom – und die Bewegung zum – Naturgesetz der Lebensenergie im Menschen zu zertrümmern.

Grundlegende Naturforschung: Da die grundlegende Naturforschung sich mit den Wurzeln der Dinge befaßt, wie sie im Naturgesetz (Gott) zum Ausdruck kommen und demonstriert werden, müssen wir darauf gefaßt sein, dieses lebenswichtige Feld menschlicher Bestrebungen übersät zu finden von Büchern, die verboten wurden, und den hingemordeten Körpern der größten Denker, Entdecker und Forscher der Menschheit – alle in der einen oder anderen Weise gekreuzigt, weil ihre Arbeit den absoluten, statischen Charakter des gepanzerten Menschen und seiner sozialen Projektionen gefährdete. Unglücklicherweise war und ist dies der Fall von Sokrates bis Wilhelm Reich.

Soweit es den gepanzerten Menschen betrifft, haben sich seine Gefühle, Gedanken und Taten in 2000 Jahren nicht um ein Jota geändert. Nur das Bühnenbild wurde umgeändert mit neuen Hintergründen, Stilformen, Kostümen und Bezeichnungen. Doch, egal in welchem Jahrzehnt oder Jahrhundert, bestimmt die Verschiebung der biologischen Energie im gepanzerten Menschen die Schwankungen von irrationaler Angst zu irrationalem Zorn, von „rechts“ nach „links“, vom Schwarzen Faschismus zum Roten Faschismus. Und diese Abweichungen werden solange andauern, bis der Mensch lernt damit aufzuhören, bei seinen Kindern in den natürlichen Fluß der Lebensenergie einzugreifen und dieser Lebensenergie erlaubt, weder nach „rechts“ noch nach „links“, sondern unbehindert den mittleren Weg des genitalen Glücks hinabzuströmen, dem einzigen Weg zu einer friedlichen, schöpferischen menschlichen Gemeinschaft.

Original veröffentlicht in der Zeitschrift Creative Process, Vol. 2, April 1962

ZUKUNFTSKINDER: 3. Die Entstehung des „Nein“, d. Autismus und Schizophrenie

12. Februar 2018

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ZUKUNFTSKINDER:

3. Die Entstehung des „Nein“, d. Autismus und Schizophrenie

Der Rote Faden: Reich und Marx

8. November 2017

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DER ROTE FADEN:

1. Aktion und Reaktion

a. Der Weg in den Kommunismus

b. Der Weg in den Faschismus (Wien)

c. Rassenhygiene

d. Der Weg in den Faschismus (Berlin und Kopenhagen)

e. Der Übermensch

f. Die Untermenschen

2. Der Weg in den Kalten Krieg

a. Das rote Berlin

b. Agenten des Roten Terrors

c. Der Friedenskämpfer Nr. 1

d. Der Kalte Krieger Nr. 1

e. Der Warmduscher

3. Mentalhygiene

a. Sexpol

b. Die sexuelle Revolution in der Sowjetunion

c. Psychoanalyse und Kommunismus

d. Otto Fenichel und seine „Rundbriefe“

e. Die Leninistische Organisation

4. Polithygiene

a. Reich in Norwegen

b. Reich und Marx

 

emotion (Teil 3: Spiritualität)

3. Dezember 2016

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emotion (Teil 3: Spiritualität)

Orgonometrie (Teil 1): Kapitel IV

26. Mai 2015

orgonometrieteil12

IV. Das Krx-System

1. Das tetrabasische und das Dezimalsystem

a. Die Tetraktys

b. Das Periodische System der Elemente

c. Bodes Gesetz

d. Kreisfunktion und Gravitation

e. Das Dezimalsystem

f. Reichs Einheitensystem

2. Das System der physikalischen Einheiten

a. Die physikalischen Größen

b. Die Sekunde

c. Das Meter

d. Das Dreiersystem

e. Elektromagnetismus

f. Thermodynamik und physikalische Chemie

g. Physiologische Einheiten

h. Das orgonometrische Dimensionsprodukt

Es geht um die Seele, nicht um den Geist!

20. Mai 2015

In Wachkomapatienten sind keine seelenlosen Körperhüllen! habe ich mich mit der von der Katholischen Kirche bekämpften modernen Kultur des Todes auseinandergesetzt, in der Leben und Leiden zu einem Störfaktor werden, die durch Abtreibung und Euthanasie zu beseitigen sind.

In dem besagten Blogeintrag beschäftigte ich mich insbesondere mit neuen Entdeckungen, die darauf hinweisen, daß man Wachkomapatienten zwar nicht auf „geistiger“ Ebene, dafür jedoch auf emotionaler erreichen kann. Das läßt sich mittels Magnetresonanztomographie nachweisen. Auch wenn sich Wachkomapatienten uns nicht mitteilen können und kein Bewußtsein ihrer selbst haben, emotional „sind sie da“!

Eine Studie von Justin Feinstein (University of Iowa, Iowa City) et al. hat mit Probanden, die unter ständigem Gedächtnisverlust litten, gezeigt, daß man immer noch Gefühle empfindet, nachdem deren Ursachen längst vergessen sind. Die Versuchsteilnehmer litten unter Verletzungen am Hippocampus, der für das Abspeichern von neuen Erfahrungen verantwortlich ist. Betroffene vergessen neue Erlebnisse gleich wieder.

Die Forscher zeigten ihnen jeweils einen kurzen Film, einer davon mit lustigen Inhalten, der andere mit trauriger Grundstimmung. Fünf bis zehn Minuten nach Filmende wurden die Versuchspersonen über Details befragt. Wie erwartet, erinnerten sich die Probanden kaum mehr an den Film (…). Bei einer Befragung nach dem Gedächtnistest zeigte sich aber, daß die Emotionen immer noch vorhanden waren, die die Probanden während des Films erlebt hatten. Bei zwei Patienten blieben die Gefühle sogar deutlich länger bestehen, als bei den Gesunden, die den Film noch präsent hatten.

Diese Befunde zeigen, daß ein liebe- und respektvoller Umgang mit Menschen, die unter stark eingeschränkten Geistesfunktionen leiden, etwa Alzheimer-Patienten, alles andere als „vergebliche Liebesmüh“ ist. Feinstein erläutert dazu:

Ein Besuch oder Anruf kann also bei Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, anhaltende Freude auslösen – auch wenn sie den Besuch oder das Telefonat bereits wieder vergessen haben.

Im übrigen bestätigen die Forschungen Feinsteins Reichs psychotherapeutischen Ansatz, bei dem es, anders als bei der von der Psychoanalyse beeinflußten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie und der kopflastigen kognitiv-behaviouralen Therapie, in erster Linie um die Befreiung der Emotionen geht. Sie sind weitaus fundamentaler als die „Psyche“ und machen den eigentlichen Wesenskern des Menschen aus. Sie machen uns zu liebesbedürftigen Menschen, auch wenn die höheren (d.h. oberflächlicheren) mentalen Funktionen weitgehend erloschen sind.

Emotionen haben primär gar nichts mit dem Gehirn zu tun, sondern sind unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der Orgonenergie in einer geschlossenen Membran. Selbst Amöben spüren Lust (Expansion) und Angst (Kontraktion gegen die Expansion). Mit der Entwicklung einer Muskulatur tritt die Wut hinzu (expansive Bewegung der Energie in die Muskulatur hinein). Reich hat die Emotion Sehnsucht als Energiefluß definiert, der in den Brustbereich und die Arme geht. Unsere Sprache bringt die Verbindung zwischen Trauer, Sehnsucht und dem Herzbereich sehr klar zum Ausdruck.

Ich habe mich bereits mit Botox beschäftigt. Dieses Zeugs ist so bedeutsam, weil es viel über die muskuläre Panzerung sagt. Beispielsweise verschwinden Kopfschmerzen, wenn man die Gesichtsmuskulatur lahmlegt.

In Amerika machen sich konservative Kommentatoren häufig über die fast durchweg extrem linken „Reichen und Schönen“ (insbesondere in Hollywood) lustig, deren Markenzeichen mittlerweile jugendlich entspannte und gleichzeitig puppenhaft tote Gesichter sind: offensichtlich sei das Botox auf ihr Gehirn geschlagen.

Neuere Forschungen zeigen, daß das tatsächlich passiert. Botox setzt die kognitiven Funktionen herab, insbesondere das Sprachverständnis.

Ein Team um David Havas von der Universität Wisconsin-Madison habe 20 Frauen vor und nach einer Botox-Behandlung einem Sprachtest unterzogen. Nach der Therapie benötigten die Frauen eine Sekunde länger, um etwa folgenden Satz zu verstehen: „Sie verabschieden sich von einem guten Freund, den sie nie wieder sehen werden.“
Eine Sekunde Verzögerung klinge zwar nicht besonders lang, sagte Havas laut Magazin, sie genüge aber, um gewisse emotionale Schwingungen in einem Gespräch nicht mitzubekommen. Nach Vermutungen der Forscher benötigt das Gehirn ein Feedback der Gesichtsmuskeln, um Emotionen steuern zu können.

Jeder, der die Orgontherapie aus eigener Erfahrung kennt, weiß, daß Emotionen Ausdruck unseres gesamten Körpers sind. Botox und geradezu tragikomische Sätze wie „Nach Vermutungen der Forscher benötigt das Gehirn ein Feedback der Gesichtsmuskeln, um Emotionen steuern zu können“ – zeigen, wie weit wir auf dem Weg fortgeschritten sind, zu seelenlosen Barbiepuppen zu werden.

Sensation oben, Emotion unten

12. Februar 2015

Reich zufolge sind die Emotionen unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Bewegt sie sich zur Peripherie, hat man es mit Lust zu tun, fließt sie in die Muskulatur, mit Wut, fließt sie in die Brust, mit Sehnsucht. Fließt sie gegen die normalerweise vorherrschende Expansion zum Zentrum des Organismus führt das zur Angst („Stauungsangst“), eine einfache Kontraktion („Resignation“) zur Trauer.

In den letzten Jahrzehnten hat die Humanethologie gezeigt, daß Mimik und Gestik, mit der die Emotionen zum Ausdruck gebracht werden, bei allen Menschen weitgehend gleich sind: bei Eskimos, Pygmäen, Bayern und Maoris. Disa Sauter (University College, London) et al. konnte das gleiche auch für die entsprechenden Lautäußerungen nachweisen, als sie Briten mit den im Nordwesten Namibias lebenden Himba verglichen.

Unterschiede fanden die Forscher allerdings in Lautäußerungen, die Erleichterung ausdrücken sollten. Hier hatten die Himba deutliche Schwierigkeiten, die entsprechende Lautäußerung – ein Seufzen – richtig zuzuordnen. Auch bei anderen positiven Gefühlen wie sinnliche Freude und Stolz über einen Erfolg schnitten sie weniger gut ab. Die Wissenschaftler erklären dieses Ergebnis damit, daß in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit solche positiven Gefühle hauptsächlich mit Vertretern des eigenen Volks geteilt wurden und ein Verständnis über kulturelle Grenzen weniger wichtig war.

Man sieht: die Universalität der Emotionen führt die mechanistische Wissenschaft nicht etwa zu einer tieferen, umfassenderen Funktionsebene (nämlich die Biophysik), sondern zu einer höheren, begrenzteren (die Soziologie – die sich dann mittels natürlicher Auslese in den Genen verewigt).

Es ist natürlich möglich, daß solche Mechanismen die biophysikalisch vorgegebenen Emotionen bzw. „ihre Universalität“ modifizieren können, aber das macht eben nicht ihr Wesen aus.

Ohnehin wissen wir alle aus eigener Erfahrung, daß etwa Trauer und Schrecken weitaus spontaner Ausdruck finden, tatsächlich kann man sich kaum dagegen wehren, als etwa Freude und Stolz. Dazu müssen wir nur Haustiere beobachten, die sich ständig in einem expansiven (vagotonen) Zustand befinden. Er ist die Norm bei allen Lebewesen. Vor dieser Grundfärbung sind positive Emotionen so etwas wie „monochromatische Malerei“.

Erst die Kontraktion bringt so etwas wie Dramatik und Heftigkeit ins Spiel. Man vergegenwärtige sich nur eine Affenhorde, die den ganzen Tag gemütlich vor sich hin döst, bis sich plötzlich ein Leopard nähert.

Daß die Expansion und damit die Emotion Lust beim Menschentier natürlicherweise überwiegt, zeigt auch die Sprache. Peter Dodds (University of Veermont in Burlington) et al. konnten bei der Analyse des Gebrauchs von positiv bzw. negativ konnotierten Begriffen in zehn Sprachen nachweisen, daß die positiven Begriffe überwiegen und dies vermutlich für alle Sprachen gilt.

Für ihre Studie werteten sie systematisch Texte aus zehn Sprachen aus: Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch, Portugiesisch, Koreanisch, Chinesisch (vereinfacht), Russisch, Indonesisch und Arabisch. (…) Bei den Analysen kristallisierten sich etwa Zehntausend der am häufigsten verwendeten Begriffe in der jeweiligen Sprache heraus. Diese Wörter legten die Forscher dann rund 1900 Muttersprachlern zur Beurteilung vor. (…) Bei allen 24 Quellen von Wörtern und in allen analysierten Sprachen gab es mehr Begriffe, die über dem neutralen Bereich lagen – mit anderen Worten: Die Stimmung der Sprache ist im Durchschnitt eher positiv geladen. Die Forscher betonen, daß es sich dabei nicht um die Botschaften von ganzen Texten handelt, sondern um den Durchschnittscharakter der kleinsten Bausteine der Sprache – der Wörter.

Sensation (Empfindung, „Nervenerregung“) und Emotion (Gemütsbewegung, „Herausbewegung = e-motion“) sind grundlegend unterschiedliche Phänomene, die auf zwei separaten Funktionen der Orgonenergie beruhen: die Kreiselwelle und die Pulsation. Die Kreiselwelle strukturierte sich im Zentralen Nervensystem (Rückgrat und Gehirn), die Pulsation im Vegetativen Nervensystem. Das Zentrale Nervensystem steht für „Nervenerregung“, das Vegetative Nervensystem steht für „Gemütserregung“.

In Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie diskutiere ich die soziopolitischen Auswirkungen dieser bioenergetischen Gegebenheiten, in Die Massenpsychologie des Buddhismus die „spirituellen“. In diesem Blogeintrag geht es um die soziologischen.

Michael W. Kraus (University of California, San Francisco) et al. führten drei Experimente durch:

  1. Besser situierte Studenten waren schlechter in der Lage die Emotionen von abgebildeten Gesichtern abzulesen.
  2. Ihnen gelang es schlechter, die Emotionen eines Fremden während eines in der Gruppe ablaufenden Vorstellungsgesprächs einzuschätzen.
  3. Wurde den Versuchsteilnehmern das Gefühl vermittelt, daß sie einer niedrigeren Klasse angehören als der, zu der sie tatsächlich gehörten, verbesserte sich ihr Vermögen Emotionen zu lesen.

Die Erklärung von Kraus und seinen Kollegen ist rein soziologisch: die Ärmeren müssen sich mehr auf Freunde als auf Geld verlassen, um ihre alltäglichen Bedürfnisse zu befriedigen. Beispielsweise können sie sich keine Babysitter mieten, sondern müssen Freunde fragen.

Aus bio-soziologischer Sicht ist Sensation oben, Emotion unten, weil es bei der Klasseneinteilung um „Hochnäsigkeit“ und „Coolness“, d.h. „Gemütsruhe“ geht. Es geht um „aristokratisches“, gehirnzentriertes, überlegenes und „überlegendes“ Auftreten gegenüber „denen da unten“, die Spielball ihrer animalischen Gemütsregungen sind.

„Freudo-Marxismus“ (Teil 1)

12. Januar 2015

Ende der 1920er Jahre betrachtete Reich seine „Fortführung“ von Freuds Theorien, denen zufolge das Über-Ich nicht aus dem Es hervorgegangen ist, wie Freud behauptet hatte, sondern aus der Umwelt stammt, als „Grundlage einer umwälzenden Kritik sämtlicher moraltheoretischer Systeme“. Wie Bernd Laska seit Jahrzehnten aufzuzeigen versucht, war das der alles entscheidende Bruchpunkt zwischen Freud und Reich. Politische Auseinandersetzungen waren nur vorgeschoben und Reichs verlogene „Rehabilitierung“ als Antifaschist nur Ablenkung vom Wesentlichen. Reich fährt fort:

Ohne hier diese für die gesellschaftliche Kulturbildung entscheidende Frage aufzurollen, kann vorläufigerweise festgestellt werden, daß bei gesellschaftlicher Ermöglichung der Bedürfnisbefriedigung und der ihr entsprechenden Wandlung der menschlichen Strukturen die moralische Regulierung des gesellschaftlichen Lebens in gleichem Maße fortfallen muß. Die letzte Entscheidung liegt nicht im psychologischen, sondern im Bereich der soziologischen Prozesse, die zur sozialistischen Planwirtschaft führen. (Charakteranalyse, Köln 1989, S. 235)

Für Freud war das Über-Ich (die Moral) letztendlich biologisch bedingt, während für Marx der Mensch ein gesellschaftliches Wesen war, also bei ihm für individuelle, „autonome“ Selbststeuerung kein Platz war. Freudisten und Marxisten haben mit entsprechenden Abhandlungen ganze Bibliotheken gefüllt, um diese beiden Punkte darzulegen! Von daher war Reichs „Freudomarxismus“ von Anfang an eine Farce. Reich selbst rechtfertigte sich u.a. damit, daß Freud die Moral, d.h. die Frage nach „gut“ und „böse“, psychologisch entzaubert („Gott“ = Vater-Imago) und Marx sämtliche Moralvorstellungen historisiert hatte. Schließlich überwand Reich sowohl den psychologischen als auch den soziologischen Ansatz unter biologischen Vorzeichen:

Es geht (…) nicht darum, ob der Mensch in der Tiefe ein „gutartiges“ oder ein „bösartiges“ Tier ist. Wir haben es nicht mit Moraltheologie zu tun. Wir wollen wissen, welche Stellung der Mensch in seinen „guten“ wie „bösen“ Trieben in der Gesamtnatur einnimmt, da er ein Stück davon ist. Dies ist unser Standort der Untersuchung. (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 23f)

Entsprechend ist orgonomische Soziologie vor allem eins: Biologie. Dies kann man an einer der zentralen Aussagen Reichs zum Thema festmachen, die oberflächlich widersprüchlich, d.h. „freudo-marxistisch“ wirkt, tatsächlich aber den Freudomarxismus überwindet:

Es ist unschwer zu erkennen, daß die verschiedenen politischen und ideologischen Gruppierungen der menschlichen Gesellschaft den verschiedenen Schichten der menschlichen Charakterstruktur entsprechen. Wir verfallen natürlich nicht dem Fehler der idealistischen Philosophie, anzunehmen, daß diese menschliche Struktur von aller Ewigkeit in alle Ewigkeit unwandelbar besteht. Nachdem soziale Umstände und Veränderungen die ursprünglichen biologischen Ansprüche des Menschen zur Charakterstruktur geformt haben, reproduziert die Charakterstruktur in Form der Ideologien die soziale Struktur der Gesellschaft. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 12)

Na was denn nun? Formt die Charakterstruktur die Gesellschaft (idealistische Psychologie) oder formt die Gesellschaft die Charakterstruktur (materialistische Soziologie)? Die Antwort ist, daß dem ganzen etwas Drittes zugrundeliegt: die Biologie bestimmt Charakterstruktur und Gesellschaft. Das wird dadurch evident, daß die Charakterstruktur etwas Biologisches ist (Drosselung der organismischen Orgonenergie) und daß die Gesellschaft sich insbesondere in der Kinderstube reproduziert, wo sich alles um die Befriedigung instinktiver biologischer Bedürfnisse dreht.

Bereits in der ersten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus zeichnete sich diese Sichtweise ab, als Reich beispielsweise wie folgt Freud mit Marx verband:

Der autoritäre Staat hat als seinen Vertreter in jeder Familie den Vater, wodurch sie sein wertvollstes Machtinstrument wird. Die Stellung des Vaters gibt seine politische Rolle wider und enthüllt die Beziehung der Familie zum autoritären Staat. Die gleiche Stellung, die der Vorgesetzte dem Vater gegenüber im Produktionsprozeß einnimmt, hält er selbst innerhalb der Familie fest. Und seine Untertanenstellung zur Obrigkeit erzeugt er neu in seinen Kindern, besonders seinen Söhnen. Aus diesen Verhältnissen strömt die passive, hörige Haltung der kleinbürgerlichen Menschen zu Führergestalten. (Die Massenpsychologie des Faschismus, 1933, S. 84)

Für Freud hingegen, war die Stellung des Vaters quasi ein platonisches (angeblich „biologisches“) „Urphänomen“, das unter allen denkbaren Umständen wieder zum tragen kommt. Und für Marx entspricht die heutige Familie den aktuellen Produktionsverhältnissen; werden die verändert, ändert sich ganz materialistisch auch die Familie. Für beide ist alles gut, so wie es ist.

psysozbio

Als Reich in Wien und später in Berlin seine „Sexualökonomie“ entwickelte, versuchte er, wie der Name schon sagt, Freuds Psychoanalyse und Marx‘ „polit-ökonomische Analyse“ miteinander zu verbinden. Dies stellte sich als persönliche Katastrophe für Reich heraus, die ihn früh ergrauen ließ und die schließlich zu seiner Inhaftierung und seinem Tod im Gefängnis führte.

Das Zerstörungswerk dieser beiden Gruppen am Reichschen Lebenswerk setzt sich bis heute fort. Und das weniger durch Angriffe, sondern ganz im Gegenteil durch Anbiederung und „Einbindung“.

Bei aller unbestreitbaren historischen Kontinuität muß doch gesagt werden, daß die Orgonomie imgrunde das Gegenteil der Psychoanalyse und aller aus ihr hergeleiteten Therapieformen ist!

Diese „Bewußtseinstechniken“ wirken, weil die Energie, die sich in neurotischen Symptomen geäußert hat, im „Charakter“ gebunden wird (Panzerung). Siehe dazu Die Massenpsychologie des Buddhismus.

Matthew Lieberman und seine Kollegen an der University of California in Los Angeles haben mit bildgebenden Verfahren die Gehirnaktivität von 30 Probanden analysiert, die auf Bilder blickten, auf denen Gesichter gezeigt wurden, die bestimmte Emotionen zum Ausdruck brachten. Sie mußten zwischen zwei Namen, einem weiblichen und männlichen, je nach dem Geschlecht der Person, deren Gesicht zu sehen war, und zwischen zwei Wörtern wählen, um die Emotion richtig zu benennen. Beim Auswählen des Namens traten keine nennenswerten Veränderungen auf, doch beim Benennen der Emotion wurde eine Region im präfrontalen Cortex, dem „obersten Kontrollzentrum“, aktiviert, die mit dem In-Worte-fassen von emotionalen Erfahrungen assoziiert ist. Entsprechend reduzierte sich die Aktivität im „triebhaften“ Limbischen System, der Amygdala. Bei jenen Probanden, die Meditation und andere „Bewußtseinstechniken“ ausüben, traten diese Veränderungen besonders stark hervor. Sie haben sich im Griff, indem sie ganz im Hier und Jetzt bleiben und beispielsweise zu sich sagen: „Ich bin wütend“ – und sich so von eben dieser Wut distanzieren.

Dieser Effekt tritt schon auf, wenn wir beim Anblick eines wütenden Gesichts das Wort „wütend“ sagen. Deshalb ist es auch hilfreich über seine Gefühle zu sprechen. Sie werden auf diese Weise „bewältigt“. Ein Gutteil der Psychotherapien funktioniert auf diese Weise.

Lieberman beschreibt dies wie folgt:

Wenn [das Gesicht] mit dem Wort „wütend“ bezeichnet wird, stellt man eine verminderte Reaktion in der Amygdala fest. Wenn es hingegen mit dem Namen „Harry“ bezeichnet wird, ist keine Reduktion in der Amygdala-Reaktion zu sehen. Wenn man Gefühle in Worte faßt, aktiviert man diese präfrontale Region und es ist ein vermindertes Ansprechen der Amygdala zu sehen. Es ist wie beim Treten auf die Bremse, wenn Sie bei der Ampel das gelbe Licht sehen: wenn man Gefühle in Worte faßt, ist es als trete man bei der emotionalen Reaktion auf die Bremse.

Wir alle kämpfen mit unseren Emotionen und Gefühlen. Ein Zen-Meister wird sagen: bilde einen freien Raum zwischen dir und der störenden Emotion und laß sie dich nicht beherrschen. (Letztendlich sollen wir uns nicht nur von unseren Ängsten, sondern auch von unseren Sexualtrieben lösen, um „frei zu sein“!) In der Orgontherapie lernt man genau das Gegenteil: komme in Kontakt mit Deinen Gefühlen. Du wirst merken, daß je mehr du dich ihnen überläßt, sie desto angenehmer und „beherrschbarer“ werden.

Die üblichen Psychotherapien sind im tiefsten Sinne „reaktionär“, weil sie nicht Energien befreien, sondern binden.

Das gleiche gilt für den Marxismus und die Theorien, die sich aus ihm ableiten. Auch hier dreht sich alles um „Kontrolle“ (das „Über-Ich“). Was soll das mit Wilhelm Reich zu tun haben?! Siehe Teil 2. Hier sei noch angemerkt, daß der Nebensatz, „die zur sozialistischen Planwirtschaft führen“, im ersten Zitat oben von Reich aus der von ihm höchstpersönlich redigierten Übersetzung ins Amerikanische (1945) ersatzlos gestrichen worden war. Daß dies von den Nachlaßverwaltern erneut in den Text gesetzt wurde, ist ein Skandal! Siehe dazu Das Wilhelminische Reichmassaker.

Freuds Verdrängung

8. Juni 2014

Seit vielen Jahren wird Freud und die Psychoanalyse grundlegend infrage gestellt. Dazu gehört insbesondere sein Konzept der Verdrängung. Jahrelang habe ich diese Kritik abgetan, bis ich auf folgendes stieß:

Ein von Harrison Pope (Harvard Medical School in Boston) zusammengestelltes Forschungsteam aus Psychologen und Literaturwissenschaftlern hat vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert kein einziges Indiz dafür gefunden, daß es so etwas wie „ins Unbewußte abgeschobene Traumata“ gab. Dazu wurde sowohl die Fach- und Sachliteratur als auch Romane, Erzählungen und Gedichte untersucht. Tatsächlich findet sich eines der frühsten Beispiele erst 1859 in einem Roman von Charles Dickens. Das Verdrängen von Erinnerungen sei, so vermutet Pope, kein biologisch-neuropsychologischer Mechanismus, sondern ein Produkt der modernen westlichen Kultur.

Wie soll man dann Reichs Entdeckung erklären, daß mit Auflösung der Panzerung typischerweise (aber nicht notwendigerweise) verdrängte Erinnerungen ins Bewußtsein treten, die mit der Genese der Panzerung in Zusammenhang stehen?

Beispielsweise könnte man spekulieren, daß seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts die „gesellschaftliche Panzerung“ immer brüchiger wurde, was dann in den entsprechenden „revolutionären“ Theorien, beispielsweise jenen Freuds, zum Ausdruck gekommen ist. Diese These hat Reich ansatzweise bereits 1929 in seinem Aufsatz Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse formuliert. Die Gesellschaft war vor 1800 schlicht zu gepanzert, als daß der Verdrängungs-Mechanismus hätte erfaßt werden können.

Ohnehin ging es Reich primär um die Verdrängung im Zusammenhang von Gefühlen.

James Gross (Stanford University, California) und Jane Richards (University of Texas, Austin) zeigten anhand von 57 Freiwilligen, denen ein aufregender Film über eine OP vorgeführt wurde, daß sich diejenigen am besten erinnern, die während eines besonderen Erlebnisses mit ihren Gefühlen dabei sind und sie nicht unterdrücken.

Aus Sicht der Orgonomie kann man davon ausgehen, daß bei den „Gefühllosen“ die Bilder zurückkehren, wenn sich der Krampf löst, der die Gefühle zurückhält.

Doch wirklich überzeugend sind diese Argumente kaum. In einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung von 2007 hieß es beispielsweise:

Tatsächlich gibt es für die Theorie der Verdrängung keine stichhaltigen Belege. So müßte Freud zufolge das Ausmaß des Vergessens bei jenen Menschen besonders groß sein, die Schlimmes erlebt haben und deshalb gewillt sind, das Erlebte aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Das Gegenteil ist der Fall: Sogar jene Erwachsene, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht wurden, können sich gedanklich nicht von den Inhalten lösen, die an das Trauma erinnern (Behaviour Research and Therapy, Bd. 44, S. 1129, 006). Das Problem ist nicht das Verdrängen, sondern das Nicht-Verdrängen-Können.

Aus eigener Erfahrung mit der Orgontherapie kann ich sagen, daß es gar nicht um die Erinnerung per se geht, sondern um Einsichten hinsichtlich der eigenen Entwicklung. Ob und an welche „Geschichten“ (angebliche „Erinnerungen“) diese sich festmachen, bzw. sozusagen „illustriert werden“, ist sekundär. Ob diese „Erinnerungen“ irgendeiner Realität entsprechen ist gleichgültig, solange mit ihrer Hilfe, die entscheidende therapeutisch wirksame Einsicht vermittelt wird.

Dies wird wohl auch die Grundlage der ja zweifellos vorhandenen Heilungserfolge durch das Freudsche „Bewußtmachen des Verdrängten“ sein. Es geht um die Veränderung stereotyper Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen. Es geht um das Wegbrechen von okularer Panzerung durch Gespräche, die zu neuen „Einsichten“ führen. Die „Erinnerungen“, die dabei aus der „Verdrängung“ auftauchen, sind nur eine mehr oder weniger poetische Einkleidung der bioenergetischen Veränderungen im Körper. Sie ähneln darin den Träumen.

Das Tragische bei der ganzen Angelegenheit ist, daß durch den „Freudianischen“ Kult unzählige Leben kaputt gemacht worden sind. All die Familien, die zerstört wurden, weil sich jemand in der Therapie urplötzlich an sexuellen Mißbrauch „erinnert“ hat. Aufgrund dieses Schwachsinns sind vollkommen unschuldige Menschen für viele Jahre ins Gefängnis gewandert!

Es stimmt, daß in seiner Arbeit in der psychoanalytischen Ambulanz für die Armen Reich einer der ersten Psychoanalytiker war, der die Wahrhaftigkeit des sexuellen Kindesmißbrauchs bestätigte. Man siehe die beiden letzten Kapitel von Frühe Schriften und seinen Aufsatz „Eltern als Erzieher“ (Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik, 1926 und 1927). Aber trotzdem hat sich Reich nie gegen Freuds „Verführungstheorie“ ausgesprochen. Er hat stets die Freudsche Vorstellung verteidigt, daß Kinder sexuelle Wesen sind, die an ihren Eltern sexuelles Interesse zeigen (solange man ihnen kein kindsgerechtes Sexualleben mit Gleichaltrigen ermöglicht). Und was angebliche Erinnerungen an sexuellen Mißbrauch betrifft, verweise auf Reichs Charakteranalyse, wo er sich vehement gegen die Ansicht wendet, der Therapeut ginge in die Zeit zurück, als ob unser Geist wie eine Diskette funktioniere, auf der etwas unveränderlich und abrufbereit gebrannt ist. Es ist alles Panzerung im hier und jetzt.

Wenn bestimmte Körperregionen entpanzert werden, scheint so etwas wie ein „plasmatisches Gedächtnis“ aktiviert zu werden. Erinnerungen an die Geburt oder gar das intrauterine Leben bedeuten nicht, daß es damals bereits ein „Ich“ gab, das sich nun erinnert (die besagte „Diskette“). Nicht mein „Ich“, sondern mein Selbst, d.h. mein Körper war dabei, als ich geboren wurde. Es ist naiv zu glauben, damals wäre etwas abgespeichert worden, was sich später wieder abrufen läßt. Erinnerungen sind, streng orgonomisch betrachtet, nur eine aktuelle Folgeerscheinung der Art, wie in der Vergangenheit sich die bioenergetische und physische Grundlage des aktuellen Ich formierte. Die Erinnerungen sind in der Muskelpanzerung eingeschlossen, weshalb es Sinn macht, wenn sich „ungepanzerte“ Schizophrene verhältnismäßig gut erinnern, diese Gabe aber verlorengeht, wenn sie sich im Verlauf der Therapie abpanzern.

Als Medizinstudent wurde Reich von R.W. Semon beeinflußt, nach dem Sinneseindrücke zu permanenten Veränderungen in den Nerven führen. Diese Engramme (Spuren) ermöglichen nach Semon die Assoziation und Erinnerung und sie gehen ins Erbgut ein. Alle Engramme zusammen bilden die Mneme, d.h. das biologische Gedächtnis. Später glaubte Reich im Anschluß an Freud, daß der „Wiederholungszwang“, Lust immer wieder erfahren zu wollen, „ein wesentliches Stück des Problems des Gedächtnisses ausmachen (dürfte)“ (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 288). Schließlich, 1950, mußte er nach dem Gedächtnis gefragt jedoch kleinmütig einräumen: „Ich muß ehrlich zugeben, daß ich nichts darüber weiß“ („Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic”, Orgonomic Functionalism, Vol. 6, 1996, S. 63).

Charles Konia geht davon aus, daß die Wahrnehmungsfunktion entsteht, wenn sich die organismische Orgonenergie vom kosmischen Orgonenergie-Ozean mittels einer Membran trennt. Die „Innenwelt“ nimmt Kontakt mit der „Außenwelt“ auf, wobei sich die Wahrnehmung (und die mit ihr verbundene Erregung) bionartig in subzellularen Gebilden organisiert, die Zentren „plasmatischer ‚Erinnerung’“ bilden. Das Protoplasma kann sich dann auf der einen Seite zu Genen organisieren (DNA), auf der anderen Seite zum Gehirn (Nervenzellen) („The Perceptual Function“, Journal of Orgonomy, 18(1), 1984, S. 80-98), primär ist jedoch das „plasmatische Gedächtnis“.

protomemory