Archive for the ‘Psychologie’ Category

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Demokratie” und folgende

13. Mai 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Demokratie“ und folgende

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 127)

4. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

In seiner gegen Reich gerichteten Schrift Das Unbehagen in der Kultur klingt Freud fast wie Herbert Marcuse:

Von seiten der Kultur ist die Tendenz zur Einschränkung des Sexuallebens nicht minder deutlich als die andere zur Ausdehnung des Kulturkreises. Schon die erste Kulturphase, die des Totemismus, bringt das Verbot der inzestuösen Objektwahl mit sich, vielleicht die einschneidendste Verstümmelung, die das menschliche Liebesleben im Laufe der Zeiten erfahren hat. Durch Tabu, Gesetz und Sitte werden weitere Einschränkungen hergestellt, die sowohl die Männer als die Frauen betreffen. Nicht alle Kulturen gehen darin gleich weit; die wirtschaftliche Struktur der Gesellschaft beeinflußt auch das Maß der restlichen Sexualfreiheit. Wir wissen schon, daß die Kultur dabei dem Zwang der ökonomischen Notwendigkeit folgt, da sie der Sexualität einen großen Betrag der psychischen Energie entziehen muß, die sie selbst verbraucht. Dabei benimmt sich die Kultur gegen die Sexualität wie ein Volksstamm oder eine Schichte der Bevölkerung, die eine andere ihrer Ausbeutung unterworfen hat. Die Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten treibt zu strengen Vorsichtsmaßregeln. Einen Höhepunkt solcher Entwicklung zeigt unsere westeuropäische Kultur. Es ist psychologisch durchaus berechtigt, daß sie damit einsetzt, die Äußerungen des kindlichen Sexuallebens zu verpönen, denn die Eindämmung der sexuellen Gelüste der Erwachsenen hat keine Aussicht, wenn ihr nicht in der Kindheit vorgearbeitet wurde. Nur läßt es sich auf keine Art rechtfertigen, daß die Kulturgesellschaft so weit gegangen ist, diese leicht nachweisbaren, ja auffälligen Phänomene auch zu leugnen. Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt, die meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene Forderung eines für alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die Ungleichheiten in der angeborenen und erworbenen Sexualkonstitution der Menschen hinaus, schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerechtigkeit. Der Erfolg dieser einschränkenden Maßregeln könnte nun sein, daß bei denen, die normal, die nicht konstitutionell daran verhindert sind, alles Sexualinteresse ohne Einbuße in die offen gelassenen Kanäle einströmt. Aber was von der Ächtung frei bleibt, die heterosexuelle genitale Liebe, wird durch die Beschränkungen der Legitimität und der Einehe weiter beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich zu erkennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes an ein Weib gestatten will, daß sie die Sexualität als selbständige Lustquelle nicht mag und sie nur als bisher unersetzte Quelle für die Vermehrung der Menschen zu dulden gesinnt ist. Das ist natürlich ein Extrem. (Studienausgabe Bd. 9, S. 233f)

Wenn man das aufmerksam liest, hat man Freuds „wissenschaftliche“ Widerlegung von Reichs Orgasmustheorie vor sich, vom Inzestverbot als größtem Einschnitt, über die objektive Notwendigkeit der Sexualunterdrückung, die aber vor allem der Prägenitalität gilt, während die Genitalität sozusagen nur sekundär unterdrückt werde. Der unüberwindbare Gegensatz von Freud/Marcuse und Reich wird überdeutlich.

Gegen diesen Absatz klingt Reich geradezu konservativ und reaktionär! Der darauffolgende Absatz in Das Unbehagen in der Kultur hingegen fast „Reichianisch“, dessen Schluß dann aber wieder drastisch Freudistisch-obskurantistisch. – Freud bietet wirklich für jeden etwas:

Das ist natürlich ein Extrem. Es ist bekannt, daß es sich als undurchführbar, selbst für kürzere Zeiten, erwiesen hat. Nur die Schwächlinge haben sich einem so weitgehenden Einbruch in ihre Sexualfreiheit gefügt, stärkere Naturen nur unter einer kompensierenden Bedingung, von der später die Rede sein kann. Die Kulturgesellschaft hat sich genötigt gesehen, viele Überschreitungen stillschweigend zuzulassen, die sie nach ihren Satzungen hätte verfolgen müssen. Doch darf man nicht nach der anderen Seite irregehen und annehmen, eine solche kulturelle Einstellung sei überhaupt harmlos, weil sie nicht alle ihre Absichten erreiche. Das Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung befindlichen Funktion, wie unser Gebiß und unsere Kopfhaare als Organe zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein Recht anzunehmen, daß seine Bedeutung als Quelle von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachgelassen hat. Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andere Wege. Es mag ein Irrtum sein, es ist schwer zu entscheiden. (ebd. S. 234f)

In einer Fußnote zu Das Unbehagen in der Kultur (ebd., S. 248) bezieht sich Freud auf Goethes Mephistopheles, der, so Freud, archetypisch den Destruktionstrieb verkörpere. Mit dem Faust-Zitat…

Der Luft, dem Wasser, wie der Erde

Entwinden tausend Keime sich,

Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!

Hätt‘ ich (Mephistopheles) mir nicht die Flamme vorbehalten,

Ich hätte nichts Aparts für mich.

…identifiziert Freud den Todestrieb mit dem Feuer. 6 Jahre später wird Reich in seinen Bionexperimenten zeigen, daß die besagten Keime aus dem Feuer hervorgehen!

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Das Ende)

3. Mai 2024

Das Versinken der gesamten europäischen Kultur „folgt“, so Laska, „der Agenda, die Thilo Sarrazin mit der Formel ‚Deutschland schafft sich ab‘ prägnant erfaßt hat (…). Ich [Laska] sehe den tieferen Grund dafür in der von mir fokussierten Selbstsabotage der Aufklärung (indem Marx und Nietzsche über Stirner triumphierten, zuvor Rousseau über La Mettrie); der Grund für diese [Selbstsabotage] allerdings bleibt mir ein Rätsel“ (S. 482f).

Nun, man muß es nur („L – S – R“) durch Freuds, Marcuses, Fromms, Adornos Triumph über Reich ergänzen. Wie hat Reich den „Todestrieb“ erklärt? Immerhin hat Freud den entsprechenden Artikel zum Anlaß genommen, Reich aus der Psychoanalyse und damit aus der Geistesgeschichte zu verbannen! Der Masochist (als Extremform des gepanzerten Menschen) nimmt lieber die vergleichsweise kleineren Schmerzen hin, provoziert sogar deren Zufügung, nur um der einen großen Gefahr zu entgehen: von der orgastischen Zuckung in tausend Fetzen zerrissen zu werden.

Reich schrieb ein ganzes Buch darüber, Christusmord, warum die Aufklärung das schlimmste wäre, was der Gesellschaft widerfahren könnte. Sie bleibt lieber im mechano-mystischen Obskurantismus gefangen, da die Wahrheit sie zerfetzen würde. Sie wäre die ultimative Katastrophe. Schmitz versucht sie zu verhindern. Er ist der ultimative Katechon, der „Aufhalter“, Laska ist sein (vermeintlicher) Antichrist. Dieses Buch dokumentiert die Geschichte dieser beiden archetypischen Schicksalsgestalten der Menschheit.

Schmitz selbst hat nur eine vage Ahnung von dem Strom, der uns ins unausweichliche Verderben spült: aber immerhin – was auch zeigt, warum Laska überhaupt mit ihm diskutiert. Schmitz:

Nach meiner Konstruktion schwimmt Stirner mit im Strom, der von Fichte ausgeht, nämlich von der Entdeckung der strikten Subjektivität (d.h. dem Umstand, daß z.B. in meinem Fall mir eine Auskunft über Hermann Schmitz wesentlich weniger Information gibt, als wenn hinzukommt, daß ich selbst Hermann Schmitz oder sonst etwas bin) zusammen mit ihrer Verkennung als rezessiv entfremdete Subjektivität (d.h. als über oder zwischen allen Tatsachen schwebendes Ich). Dieser Strom führt von der romantischen Ironie über die Dandys und den Weltschmerz tief in das ironistische Zeitalter absoluter Wendigkeit zur Coolness der modernen Jugend und zum „Zappen“ an elektronischen Geräten aller Art und sonstigen Freizeitvergnügen. Die Auszeichnung Stirners besteht in meinen Augen nur darin, daß er die rezessive Entfremdung mit trockener Humorlosigkeit blutig ernst nimmt, während die Ironisten damit eher ein Spiel treiben, das harmlos wirken kann, während Stirner mit seinem Ernst zeigt, wohin die Reise wirklich geht. Er ist ein Offenleger des tiefen Sinns des ironistischen Zeitalters, ein Mahnmal, nicht ein suggestiver Anstifter. Er wirkt abschreckend, so daß sich die von Ihnen entlarvten „Exorzisten“ an ihm vorbeizudrücken suchen. Der Schrecken hat aber reales Gewicht, ohne daß Stirner als Autor der Anstifter wäre. (S. 492)

Laska sieht den Strom von LaMettrie, Stirner und Reich ausgehend und das Verhängnis in der falschen Weichenstellung durch Diderot, Marx und Freud, die das Über-Ich doch noch gerettet haben, das uns heute beispielsweise dazu führt, vom Schuldwahn („Über-Ich-Wahn“) benebelt und restlos verunsichert den Holocaust der Umvolkung wiederstandlos über uns ergehen zu lassen. Das Warum kann Laska, wie erwähnt, nicht beantworten. Das kann, wie erläutert, nur Reich. Entsprechend ist, richtig gelesen, die Laska/Schmitz-Korrespondenz das Requiem der Menschheit:

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 21)

2. Mai 2024

Hermann Schmitz hat LaMettrie, Stirner und Reich nicht mal im Ansatz wirklich begriffen– und auch von Laska wurden sie ihm nicht „Schmitz-adäquat“ nahegebracht.

Schmitz möchte sozusagen „den Raum“ bzw. „das Kontinuum“ retten. Den Raum ohne Grenzflächen, den Raum als eine Art Gefühlsereignis. In der westlichen Philosophie ist der Mensch sozusagen in die „gefühllose“ Leere geworfen, in der im weitesten Sinne „Atome“ driften, die irgendwie miteinander in Beziehung gesetzt werden und Gebilde mit Grenzflächen bilden, die man wieder als „Atome“ betrachten kann. Letztendlich ist alles leer und öde und beliebig – bedeutungslos. Das ist anders beispielsweise in der Ostkirche, wo Gott das gesamte Universum und die gesamte Menschenwelt mit seinen „unerschaffenen Energien“ durchwirkt, denen sich der Mensch öffnen muß, um ganz und gar im kosmischen Corpus Christi aufzugehen. Ganz ähnlich sieht es in der animistischen Urreligion aus, wie Reich sie in Äther, Gott und Teufel beschreibt. Die Umwelt ist belebt und das Innenleben des Menschen, seine Gefühle sind nicht nur im übertragenen Sinne „subjektive Atmosphären“ bzw. „gesellschaftliche Atmosphären“, sondern sind eins mit der objektiven Atmosphäre. Man denke etwa an das ORANUR-Experiment, wo die Umwelt von Emotionen beherrscht wird.

In ihrem Buch über LaMettrie versucht Ursula Pia Jauch Jenseits der Maschine darzulegen, wie LaMettrie, der „Maschinen-Mensch“ schlechthin, es unternommen hat, die Natur „wieder zu verzaubern“. Man kann Jauchs Ansatz kritisieren als fast schon bewußten Gegenentwurf zu Laskas LSR-Interpretation, aber: nichts stand LaMettrie ferner als der maschinelle Mensch, der Roboter. Ihm ging es ganz im Gegenteil darum, das Tier im Menschen zu rehabilitieren und durch Beseitigung der menschentypischen Schuldgefühle, also des „Über-Ich“, die Trennung von der Natur rückgängig zu machen und den Menschen dergestalt wieder in die besagten „Atmosphären“ einzutauchen. Schmitz tut hingegen von vornherein LaMettrie als unbedeutenden „Kasper“ ab. Meines Erachtens macht er daß, weil er das von LaMettrie bekämpfte „Über-Ich“ als übergreifende, wenn man so will, „gesellschaftliche Atmosphäre“ retten will und er entsprechend LaMettrie als, ja, asozialen Penner verachtet.

Ähnlich mit Stirner, der für Schmitz DIE Verkörperung der Entfremdung des Menschen ist, sozusagen der ultimative Kleinbürger, der sich mit nichts und niemand identifiziert und als Gollum eine vereinsamte Existenz des „Mein, mein, mein!“ fristet. Wo doch das Gegenteil der Fall ist: Stirner will durch Beseitigung des „Über-Ich“ die Kontaktlosigkeit und den Ersatzkontakt („das Heilige“) aufheben, auf daß der Mensch (ja, „der Mensch“) wieder frei durchatmen und die Welt in ihrer ganzen Fülle genießen, sozusagen in „den Atmosphären“ sich wieder expansiv entfalten kann.

Warum Laska das gegenüber Schmitz nicht erläutert, ihn so auf freies Feld lockt und dann in offener Schlacht mit einem beherzten Stich in die Brust endgültig erledigt, ist mir ein Rätsel. Laska hätte sagen können: „Durch die Beseitigung einer trennenden Schicht (also Beseitigung der Panzerung gleich des Über-Ich) heben L und S und R ‚Grenzflächen‘ auf und machen den Weg für jene Heilung der Welt frei, die die Neue Phänomenologie doch anstrebt. Warum dann Ihre so unbedingte Gegnerschaft zu S, Ihre affektgeladene Verachtung für L und ihr demonstratives Desinteresse an R? Weil die Neue Phänomenologie von grund auf eine Lüge ist!“

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 126)

1. Mai 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Ende der 1990er Jahre in der wöchentlichen In und Out-Liste der BILD-Zeitung: „Ja zu den philosophischen Aphorismen von Adorno! ‚Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ (Minima Moralia, 32,90 DM)“

Adorno meint sicher, er habe die (fast!) unlösbare Aufgabe gelöst. Er hat also richtig im Falschen gelebt!

Wenn ich es recht überlege, kennzeichnet das (daß der eine Satz den anderen Satz ad absurdum führt) die ganze Diderot/Marx/Freud-Dialektik: für sich und isoliert klingen die Sätze wie „LSR“, im Zusammenhang jedoch sind sie entweder verwirrender Unsinn oder Anti-LSR. Man nehme nur Freud! Da ist ein Satz wie der folgende aus Die Zukunft einer Illusion, der ebensogut von Bernd Laska stammen könnte:

Während die Menschheit in der Beherrschung der Natur ständige Fortschritte gemacht hat und noch größere erwarten darf, ist ein ähnlicher Fortschritt in der Regelung der menschlichen Angelegenheiten nicht sicher festzustellen, und wahrscheinlich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder, haben sich viele Menschen gefragt, ob denn dieses Stück des Kulturerwerbs überhaupt der Verteidigung wert ist. (Studienausgabe Bd. 9, S. 140f)

Es wird geradezu grotesk, wenn man dann weiterliest:

Es ist nicht richtig, daß die menschliche Seele seit den ältesten Zeiten keine Entwicklung durchgemacht hat und im Gegensatz zu den Fortschritten der Wissenschaft und der Technik heute noch dieselbe ist wie zu Anfang der Geschichte. Einen dieser seelischen Fortschritte können wir hier nachweisen. Es liegt in der Richtung unserer Entwicklung, daß äußerer Zwang allmählich verinnerlicht wird, indem eine besondere seelische Instanz, das Über-Ich des Menschen, ihn unter seine Gebote aufnimmt. Jedes Kind führt uns den Vorgang einer solchen Umwandlung vor, wird erst durch sie moralisch und sozial. Diese Erstarkung des Über-Ichs ist ein höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz. Die Personen, bei denen sie sich vollzogen hat, werden aus Kulturgegnern zu Kulturträgern. Je größer ihre Anzahl in einem Kulturkreis ist, desto gesicherter ist diese Kultur, desto eher kann sie der äußeren Zwangsmittel entbehren. (ebd., S. 145)

Oder etwa Freuds „LSR-Satz“: „Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen“ (ebd., S. 180). Eine halbe Seite weiter gefolgt vom „Anti-LSR-Satz“: „Nun haben wir aber kein anderes Mittel zur Beherrschung unserer Triebhaftigkeit als unsere Intelligenz. Wie kann man von Personen, die unter der Herrschaft von Denkverboten stehen, erwarten, daß sie das psychologische Ideal, den Primat der Intelligenz, erreichen werden?“ (ebd., S. 181).

Diese ganze Perfidie (erst LSRisch lächeln, dann antiLSRisch in den Magen treten) von obskurantistischen Pseudo-Aufklärern wie Freud und Adorno…

Im nächsten Teil dazu mehr.

Nachbemerkung: Beim letzten Freud-Zitat werde ich etwas unsicher. Einerseits geht es darum, daß die vermeintliche „Aufklärung“ (etwa gegen den Katholizismus) benutzt wird, um den „Primat der Intelligenz“, d.h. in diesem Zusammenhang das Über-Ich zu stärken. Andererseits könnte hier so etwas durchscheinen wie die Laskasche Unterscheidung zwischen irrationalem und rationalem Über-Ich.

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 20)

30. April 2024

Laska und Schmitz diskutieren etwas hilflos über den Begriff „rational“ (S. 434f). Dazu möchte ich Folgendes, hoffentlich Erhellendes sagen, wobei auch erwähnt sei, daß Laska vor Jahren mir gegenüber die unten zitierte Stelle bei Reich als läppisch abgetan hat.

Bei Reich bedeutet „rational“ so viel wie „wirklichkeitsgerecht“. Wobei die Wirklichkeit natürlich selbst irrational sein kann. Diese „Wirklichkeit“ ist dann eben sozusagen „irrational“. Das wird unmittelbar evident, wenn ich buchstäblich „ins Freie trete“, d.h. mich dem Deutschen Wald aussetze, den wirklich praktisch Arbeitenden („Arbeitsdemokratie“), den unverbildeten Kindern und Jugendlichen – also genau das tue, was Reich tat. Pflanzen und Tiere, der Wald als Ganzes, sind immer rational. Genauso ist das „Menschentier“ immer rational. Irrational ist einzig und allein die Panzerung.

Woher dann der Einbruch der Panzerung, d.h. des Irrationalen. Wenn „die natürliche Welt“ an sich rational ist, wie kann es dann das unnatürliche Irrationale überhaupt geben? Um Reich zu zitieren: „WIE, IM NAMEN DES BARMHERZIGEN GOTTES, SIND WIR IN DIESE ENTSETZLICHE SITUATION (!, PN), IN DIESEN ALPTRAUM EINER FALLE GERATEN?“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 45).

Als Spezies sind wir Menschen so verdammt schwach und unterentwickelt (wie unfertige Affenembryonen, die aus dem Mutterleib gerissen wurden), daß wir nur durch den Einsatz künstlicher Organe und künstlicher Muskeln („Werkzeuge“) überleben konnten. Diese Werkzeuge haben die Tendenz, unser stets rationales Funktionieren als Lebewesen zu zerstören. Die letzte Konsequenz ist der Film Terminator. Die menschliche Panzerung ist nichts anderes als ein Werkzeug, das aus dem Ruder gelaufen ist. In diesem Sinne ist Panzerung nicht „natürlich“. Sie ist etwas ohne orgonotische Pulsation, wie ein Hammer, ein Auto oder irgendein anderes Werkzeug des menschlichen Überlebens.

Reich schreibt dazu in Massenpsychologie des Faschismus:

Was hat das Menschentier dazu gebracht maschinell zu entarten?

Wenn ich „Tier“ sage, so meine ich nichts Böses, Grausames oder „Niedriges“, sondern eine biologische Tatsache. Der Mensch entwickelte nun die merkwürdige Anschauung, daß er gar kein Tier, sondern eben ein „Mensch“ sei, der das „Böse“, „Tierische“ längst abgestreift habe. Der Mensch grenzt sich mit allen Mitteln vom bösartigen Tier ab und beruft sich, um sein „Bessersein“ zu belegen, auf Kultur und Zivilisation, die ihn vom Tier unterscheiden. Er bezeugt durch sein gesamtes Verhalten, seine „Werttheorien“, Moralphilosophien, seine „Affenprozesse“ etc., daß er nicht an die Tatsache erinnert werden will, daß er im Grunde ein Tier ist, das mit „dem Tier“ unvergleichlich mehr gemeinsam hat als mit dem, was es von sich behauptet und träumt. Die Lehre vom deutschen Übermenschen hat hier ihren Ursprung. Der Mensch bezeugt durch seine Bösartigkeit, durch seine Unfähigkeit, in friedlicher Gemeinschaft mit seinesgleichen zu leben, und durch Kriege wie den gegenwärtigen [Zweiten Weltkrieg], daß er sich von den übrigen Tieren nur durch einen maßlosen Sadismus und die maschinelle Dreieinigkeit von autoritärer Lebensauffassung, Maschinenwissenschaft und Maschine unterscheidet. Überblickt man die Resultate der menschlichen Zivilisation über lange Zeitstrecken, so findet man, daß die Behauptungen der Menschen nicht nur falsch, sondern wie eigens dazu ersonnen sind, sie vergessen zu machen, daß sie Tiere sind. Woher stammen die Illusionen der Menschen über sich selbst und wie kamen sie dazu, solche Illusionen zu bilden?

Das Leben des Menschen ist aufgespalten in ein Leben nach biologischen Gesetzen (sexuelle Befriedigung, Nahrungsaufnahme, Naturverbundenheit) und ein zweites Leben, das durch die Maschinenzivilisation bestimmt ist (maschinelle Ideen über seine eigene Organisation, seine herrschende Stellung im Tierreich, sein rassen- oder klassenmäßiges Verhalten zu anderen Menschengruppen, Wertideen über Besitz und Nichtbesitz, Wissenschaft, Religion etc.). Tiersein und Nichttiersein, biologische Verwurzelung auf der einen und technische Entwicklung auf der anderen Seite, spalten ihn in seinem Dasein und Denken auf. Alle Vorstellungen nun, die der Mensch von sich entwickelt hat, lehnen sich durchwegs an das Vorbild der Maschinen an, die er geschaffen hat. Der Maschinenbau und die Maschinenhandhabung haben den Menschen mit dem Glauben erfüllt, daß er sich selbst in die Maschinen hinein und durch sie hindurch fort – und „höher“ – entwickle. Er verlieh den Maschinen aber auch ein Aussehen und eine Mechanik, die tierartig sind. Die Lokomotive besitzt Augen zum Sehen und Beine zum Laufen, ein Maul zum Fressen der Kohlenahrung und Abfuhröffnungen für die Schlacken, Hebelarme und Anordnungen zur Produktion von Lauten. Das Produkt der mechanistischen Technik wurde so die Erweiterung seiner selbst. Die Maschinen bilden in der Tat eine mächtige Erweiterung seiner biologischen Organisation. Sie befähigen ihn, die Natur in einem weit höheren Grade zu bewältigen, als seine Hände allein es ihm ermöglichten. Sie geben ihm die Herrschaft über Raum und Zeit; so wurde die Maschine ein Stück des Menschen selbst, ein geliebtes und verehrtes Stück. Er träumt davon, daß diese Maschinen ihm, sein Leben leichter machen und ihn selbst genußfähiger machen werden. Der Lebensgenuß mit Hilfe der Maschinen ist sein Traum von jeher. Und die Wirklichkeit? Die Maschine wurde, ist und wird sein gefährlichster Zerstörer bleiben, wenn er sich nicht von ihr differenziert. (Fischer Taschenbuch, S. 296)

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 19)

29. April 2024

Was Reich über das Leben in der Falle geschrieben hat, trifft eins zu eins auf Schmitz‘ Neue Phänomenologie zu:

Um ihre Nachkommen an das Leben in der Falle zu gewöhnen, haben die Falleninsassen ausgefeilte Techniken entwickelt, das Leben straff auf einem niedrigen Niveau in Gang zu halten. Für große Gedankenflüge oder außergewöhnliche Taten ist kein Raum in der Falle. Jede Bewegung ist nach allen Seiten hin gehemmt. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 37)

Schmitz an Laska:

Mit meinem Vorschlag, die Starrheit des Charakterpanzers als starre Fassung zu verstehen, will ich also darauf hinaus, daß die Festigkeit der Persönlichkeitsform, die mit beiden Ausdrücken gemeint ist, spontanem eigenem Bedürfnis entspringt, nicht einer durch Erziehung oder andere Fremdeinflüsse angetanen Verkünstelung; zweitens will ich damit sagen, daß es sich bei der Fassung als Charakterpanzer um eine ungünstige Extremform in einem breiten Spektrum möglicher Fassungsarten handelt, wo in der Mitte die straffe, aber schwingungsfähige und am anderen Ende die gar zu lockere und haltlose steht (…). (…) Da gebe ich gern zu, daß es sich in großem Umfang um Einflüsse aus der Erziehung usw. handelt, wobei ich aber zu bedenken gebe, daß auch die nicht einer primär reinen, „unbeleckten“ kindlichen Persönlichkeit angetan wird, da die volkstümlich „Persönlichkeit“ genannte zuständliche persönliche Situation des Kindes sich überhaupt nur aus gemeinsamen Situationen hervor (…) bildet. (S. 401f)

Du bist in der Falle geboren, du bist die Falle und du sollst dich in der Falle „geschmeidig“ einrichten. Entsprechend zeige sich, so Schmitz, „daß der gewöhnliche, hinlänglich gesunde Mensch unserer Zeit in der Tat über eine schwingungsfähige, von keinem starren Charakterpanzer fixierte Fassung zu verfügen pflegt. Was ich (…) als Ziel einer wünschenswerten langen und schwierigen Erziehung bezeichnet habe, ist die Einübung einer zwischen zu schmaler und zu breiter Amplitude gut austarierten Schwingungsfähigkeit der Fassung durch Zusammenführung von personaler Emanzipation und personaler Regression. Heute ist die Fassung meist zu locker, um auch nur elastisch zu sein. (Straff ist nicht starr.)“ (S. 399). Schmitz konstatiert gegenüber Laska, „daß ich mit Ihrer Rede von Wahngemeinschaften so wenig anfangen kann wie früher mit dem rationalen Überich. Jener Begriff ist mir gar zu polemisch und summarisch. Was nennen Sie ‚Wahn‘? Sicherlich gibt es echte Wahngemeinschaften, in die Kinder hineingezogen werden, ohne daß im Allgemeinen die Erzieher ihnen absichtlich den als solchen durchschauten Wahn verkaufen werden. Aber was hat das mit Neoliberalismus zu tun? Die Legierung von Religion mit Metaphysik gilt auch mir als abbauwürdig“ (S. 416f). Und so weiter und so fort! – Generell geht es Schmitz um die „Verdichtung und Intensivierung des Lebens in der Gegenwart“ (S. 423), d.h. explizit, wenn man das im Zusammenhang der Korrespondenz liest, um das sich Einrichten in der Falle!

Ohnehin ist das ganze System der Neuen Phänomenologie, wenn man mir diesen Einschub erlaubt,… – ihr Gegenteil ist wahr: Die erste, die „biblische“ Zensur, sich zwischen Gut und Böse im Sinne objektiver Gegebenheiten entscheiden zu müssen, die gesamte Ethik, ist kein Fortschritt, wie Schmitz behauptet, sondern Regression ins Infantile. Das gleiche gilt für die zweite Zensur um 1800, als zu Zeiten der Frühromantik erkannt wurde, daß die „Objektivität“ der besagten objektiven Gegebenheiten fragwürdig ist, nachdem die „strikte Subjektivität“ entdeckt wurde. Auch das ist kein Fortschritt, sondern ein Rückfall ins infantile magische („romantische“) Denken.

Kein wirklich Erwachsener, wie ihn La Mettrie, Max Stirner und Wilhelm Reich beschreiben, orientiert sich wie ein Kind an „Gut und Böse“ und kein wirklicher Erwachsener glaubt an „Subjektivität“, die genauso wie die Ethik nur bei Panzerung (bzw. beim Vorhandensein eines „Über-Ichs“) Sinn macht. Also, äh, jetzt ist langsam gut Leute: man lese und verstehe Reichs Äther, Gott und Teufel und der ganze Schmitzsche Unsinn löst sich in nichts auf!

Laska legt Schmitz‘ strukturelle Infantilität in einem Satz bloß: „Immer wieder machten Sie, wie auch im letzten Brief, deutlich, daß Sie sich ein gelungenes Leben nur unter einer äußeren bzw. verinnerlichten Autorität vorstellen können, nicht aber unter einer ‚eigenen‘ inneren, eben einem ‚rationalen Über-Ich‘“ (S. 432). Schmitz umgeht das in seiner Antwort, – tatsächlich ist seine gesamte Philosophie eben diese Umgehung, indem er Außen und Innen und damit das gesamte Problem der „Introjektion“ in der „Situation“ auflöst. Er tut dies explizit! Diese „Situation“ ist dabei nichts anderes als unsere Lage in der Falle, wie Reich sie in Christusmord beschrieben hat!

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Brustkrebs” und folgende

27. April 2024

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Brustkrebs“ und folgende

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 18)

26. April 2024

Hermann Schmitz folgende vermeintlich gegen Reich gerichtete Aussage ist absolut bemerkenswert:

(…) Thema der Prophylaxe die Befreiung vom Erziehungszwang (und damit von einem „Charakterpanzer“, wie Sie oft, gleichfalls nach Reich, sich ausdrücken) (…). Ich bestreite zwar nicht, daß so etwas gelegentlich auch heute noch eine gute pädagogische Aufgabe sein kann, aber ich glaube, daß diese Zielsetzung als pädagogisches Generalthema seit 200 Jahren antiquiert ist, nämlich seit dem Einsetzen der Verfehlung des abendländischen Geistes mit Fichte und der Frühromantik einschließlich Stirners. (…) Das Hauptproblem der Menschheit ist heute nicht mehr der Erziehungszwang oder der Charakterpanzer, sondern der Nihilismus (…) im Sinn der Entdeckung der strikten Subjektivität, daß die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ nicht mehr in objektiven oder neutralen Tatsachen zu finden ist. (In allen objektiven Tatsachen, die über Herrn Hermann Schmitz ausgesagt werden können, ist kein Grund dafür zu finden, daß ich er bin.) Daraus ergibt sich für jeden, daß er die Maßstäbe dafür, wofür er verantwortlich ist, nur noch seiner Selbstbesinnung entnehmen kann. Dem sind Menschen noch nicht gewachsen. Sie haben noch nicht gelernt, sich in die für sie subjektiven Sachverhalten, Programme und Probleme so einzuleben, daß sie diesen eine Steuerung des Beliebens über den Wechsel von Launen hinweg entnehmen können. Die Menschen nehmen sich alles heraus und wissen nicht, wohin. Das ist das nihilistische Leiden an der eigenen Freiheit. (…) Was die Menschen heute brauchen, ist eine neue Standfestigkeit, nicht oder nur nebenbei eine Befreiung von Zwang. Wie sehr sie eine solche Festigkeit als nötig empfinden, zeigen die vielfältigen Ersatzbefriedigungen im (namentlich religiösen) Fundamentalismus, z. B. im Islam oder in Bushs neoamerikanischer Religion. (S. 374)

Das ist eine sehr gute Beschreibung des Unterschiedes zwischen der autoritären, durch den Muskelpanzer bestimmten Gesellschaft vor 1960 und der antiautoritären nach 1960, die durch den Augenpanzer bestimmt wird. Was man sich darunter vorstellen soll, wird sehr schön durch folgende junge Dame verkörpert:

So etwas bringt nur ein Mensch fertig, der so gut wie frei von Muskelpanzerung ist. Ihre Videos zeigen auch, daß sie ein freies Becken hat. Sie ist aber natürlich kein „genitaler Charakter“, sondern das genaue Gegenteil: ein Mensch, der ganz in der Oberfläche lebt („Cosplay“) und innerlich vollkommen leer ist: buchstäblich ein Roboter, den man nach Belieben mit irgendwelchen Programmen füttern kann.

Es ist eine haltlose Generation. Wir leben aber auch in einer Übergangsphase, in der der Mensch lernt (oder sagen wir besser: lernen könnte), die Haltlosigkeit (Ungepanzertheit) zu erden, d.h. das subjektive „Es gibt keine Wahrheit!“ durch das Objektive, die Entdeckung der kosmischen Orgonenergie zu ersetzen.

Schmitz geht aber einen Schritt weiter und leugnet schlichtweg ganz die Sinnhaftigkeit des Konzepts „Charakterpanzer“.

Die Anthropologie, die darin zum Ausdruck kommt, stimmt mit dem ersten Absatz von Rousseaus „Emile“ überein und ist m.E. grundfalsch. Das Bild verlangt, daß erst einmal ein Körper da ist, dem der Panzer angelegt werden kann, in der Sprache Rousseaus a.a.O. der Mensch, „wie er aus den Händen des Schöpfers kommt“. (…) Das sind sehr naive Verdinglichungen. (…) Deswegen will ich nur andeuten, daß die Person als Bewußthaber mit Fähigkeit zur Selbstzuschreibung (etwas für sich selbst zu halten) in ambivalenter Zwitterhaftigkeit zwischen diesem personalen Selbstbewußtsein und dem präpersonalen des leiblich-affektiven Betroffenseins mit leiblicher Dynamik und leiblicher Kommunikation existiert und unabwerfbar ihre zuständliche persönliche Situation (volkstümlich genannt: ihre Persönlichkeit) als Hülle und Kontrahenten zugleich mit sich führt, ein Gepäck wie eine zähfließende Masse, in der unzählige zähflüssige Massen gleiten und die ihrerseits in solchen zähflüssigen Massen (implantierenden und includierenden gemeinsamen Situationen) gleitet. Die Hülle ist also schon da, wenn die Person sich zu ihrer Lebensgeschichte als Person aufmacht, und zwar mehrfach da, als persönliche Situation und als diese in sich einbettende gemeinsame Situation; sie ist gleichursprünglich mit der Person. Deswegen ist die Annahme verfehlt, der Mensch sei als Person erst einmal gleichsam nackt vorhanden und dann irgendwie bekleidbar, sei es mit einem (Charakter-)Panzer oder mit einem weicheren Kleid. Unter den einbettenden und eingebetteten Situationen, in denen die Person befangen ist, gibt es immer Reibungen, und dazu gehören Verhärtungen, Verklumpungen, Verkrustungen, die durch gleichsam kluge Diplomatie (z. B. Erziehung, Psychotherapie) aufgelöst werden sollten. Die Hoffnung, unter einer Kruste den lebendigen Organismus freizulegen (wie beim Schwein, wenn der trocken gewordene Schlamm in der Sonne abplatzt), ist bei der Person aber vergebens. (S. 382)

Um darauf einzugehen, muß ich etwas weiter ausholen: Bei Schmitz fällt auf, daß die Wirtschaft gar nicht vorkommt. Sein System imponiert als das Gegenteil des Historischen Materialismus. Johann Gottlieb Fichte ist in seinem System unendlich wichtiger als die Dampfmaschine, die sich etwa zeitgleich zu verbreiten beginnt! Von Klassengegensätzen will ich erst gar nicht anfangen. – Was hat das nun mit dem „Charakterpanzer“ zu tun? Betrachten wir dazu den Hamburger Hafen: der hat seit jeher ein besonderes Flair, Gepräge, ein fast schon „mediterranes“ Mikroklima etc. Entsprechend wird er auch beispielsweise in der Touristenwerbung der Freien und Hansestadt Hamburg verkauft. Die „Natur“ des Hafens und seine nach außen getragene „Persönlichkeit“ (bei der seine „Natur“ karikaturhaft zugespitzt wird) sind weitgehend identisch. Das, diese „implantierende Situation“, ist die ganz Welt Schmitz‘. Daß es auch so etwas wie den Hafenbetrieb, die Ökonomie gibt, der sich, wenn man so will, als „Charakter“ zwischen „Natur“ und „Persönlichkeit“ schiebt, und daß der alles bestimmt, kommt bei Schmitz konzeptionell nicht vor. Das läßt sich selbstredend eins zu eins auf den Menschen übertragen: selbstredend, weil wir ja daher diese Begrifflichkeit genommen haben.

Hier gehört der materialistische „Charakterpanzer“ hin (und ganz nebenbei die Verortung des „Marxistischen“ Anteils der Orgonomie!), für den es in Schmitz‘ „idealistischem“ System einfach keinen Platz gibt. Wenn man mal von Schmitz‘ Begriff „Fassung“ (S. 389) absieht (im Sinne von „die Fassung verlieren“). Ziemlicher Unsinn, denn wenn ich meine Fassung verliere, kommt mein Charakter erst recht zum Vorschein. Schmitz‘ „Fassung“ entspricht demnach dem, was Reich als „die Fassade“ bezeichnet hat. Das wird durch Laskas Zusammenfassung von entsprechenden Passagen bei Schmitz offensichtlich (S 390f), aber Schmitz begreift rein gar nichts!

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 125)

24. April 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Ist es nicht vielleicht sogar so, daß das Adorno‘sche „kein Wahres im Falschen“ implizit gegen Stirner und Reich gemünzt war? Schließlich läßt sich so die gesamte Kritik an den „Kleinbürgern“ Stirner und Reich zusammenfassen, von Marx‘ Ausführungen in Die Deutsche Ideologie bis hin zu denen der Marxologen der 1970er Jahre!

Auf diesen Einwurf antwortete mir Bernd Laska vor nunmehr zwei Jahrzehnten: „Könnte was dran sein, weil: Der Satz ist der letzte in Abschnitt 18 der Minima Moralia, in dem vorher, wie ich gerade gesehen habe, die Wendung ‚…der Einzelne zu seinem Eigentum‘ vorkommt.“

„Kein Wahres im Falschen“, ist das nicht ein Verweis auf die Falle? Nun, der Ariadne-Faden ist gerissen und so macht man es sich im Labyrinth (in der Falle) gemütlich, genießt das Wirrwarr. Ganz so wie Marx und Nietzsche. Aber im Zentrum des unentrinnbaren Labyrinths lauert nach wie vor das finale Grauen, der Minotaurus: LaMettrie/Stirner/Reich. Exakt so, wie von Laska analysiert. Aber wie stets: der eine, der es durchschaut und den Weg zeigt, wird ignoriert, allenfalls belächelt: „Es gibt kein Wahres im Falschen!“