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Die drei Stufen der Panzerung

23. August 2013

Reich wurden die abstrusesten Dinge vorgehalten. Er sei ein obskurantistischer „Gnostiker“, der die Aufklärung verraten habe, weil er beschrieb, wie die kosmische Orgonenergie in einer Membran gefangen wird und danach an „kosmischer Sehnsucht“ leide. Er habe die Komplexität der menschlichen Psyche verkannt und die Errungenschaften seines Lehrers Sigmund Freud verraten, weil er alles „primitiv“ mit einer muskulären Panzerung erklären wollte. Ähnlich „primitiv“ sei seine Soziologie gewesen, die die verwickelten geschichtlich gewordenen sozio-ökonomischen Zusammenhänge, wie sie von Marx aufgedeckt wurden, zugunsten von simplifizierenden und, wie es so schön heißt, „biologistischen“ Spekulationen über die Sexualökonomie und den Charakter der Menschen vernachlässigte.

Diese Kritiker verkennen, daß Reich keine großartige neue „Lebensanschauung“ formulieren wollte, die „orgonomische“. Eine „Reichianische Weltanschauung“ ist tatsächlich das allerletzte, was diese Welt braucht! Nein, Reich hat schlicht seine wissenschaftlichen Beobachtungen jeweils in einen größeren Rahmen gestellt:

  1. Leben ist Lebensenergie, die in einer Membran pulsiert. Das hat Reich bei seinen Bion-Experimenten und im Experiment XX beobachtet. Leben ist „gefangene“ kosmische Energie, aus der durch dieses „Gefangensein“ biologische Energie wird. Reich hat spekuliert, daß religiöse Menschen sich dafür einen Sinn bewahrt haben.
  2. Um Überleben zu können, muß der Organismus fliehen bzw. angreifen können, braucht also eine Muskulatur. Es ist tragisch, daß die Panzerung des Menschen sich ausgerechnet an diesem lebensnotwendigen Verteidigungs- und Überlebenssystem festmacht (Muskelpanzerung).
  3. Leben ist nur in einem sozialen Gefüge denkbar, dazu braucht es Verhaltensprogramme. Es ist tragisch, daß im Faschismus seine stereotypen Zwangshandlungen das Überleben des Menschen gefährden (Charakterpanzer).

Für Reich war die Panzerung in seiner wissenschaftlichen Entwicklung zunächst ein soziales Problem (Über-Ich), dann ein biologisches Problem (Muskelpanzerung) und schließlich ein kosmisches Problem (das energetische Orgonom im materiellen Orgonom).

protoorg3

Warum sind Kinder (diese Tierwesen, diese Naturwesen) nicht immun gegen die Unnatur, die „Kultur“? Offenbar gibt es „irgendwas“, was uns für Panzerung anfällig macht. Das Problem ist einfach, daß unsere Schutzmechanismen, die Leben nicht nur erst ermöglichen, sondern auf tiefster Ebene sogar erst konstituieren, sich gegen uns selbst wenden. Ich panzere mich gegen den Feind ab – und bin unversehens Gefangener meiner eigenen Panzerung!

Sogar meine Werkzeuge, meine Maschinen wenden sich schließlich gegen mich. Wie Reich ca. 1942 in Die Massenpsychologie des Faschismus sinngemäß schrieb: „Du mußt dich von deinen Maschinen distanzieren oder du wirst selbst zur Maschine.“

Das ist die Tragik: jeder Schritt zum Selbstschutz oder in die Emanzipation führt erst recht in die Versklavung. Das ist sicherlich auch ein Moment, warum Reich bis zum Schluß von Marxens „Kernthesen“ überzeugt war: als Kapital wende sich die Arbeitskraft gegen ihre eigene Quelle. Entsprechendes findet sich auch bei Hans Hass.

Polysaccharide, Kapitalismus und Faschismus

12. Mai 2013

Kun Zhao von der UCLA, Northwestern University und Boo Shan Tseng von der University of Washington haben zusammen mit weiteren Forschern herausgefunden, daß sich Bakterien in etwa so organisieren wie kapitalistische Ökonomien, d.h. „die Reichen werden immer reicher“.

Auf Oberflächen wandern Bakterien umher und finden zu Gemeinschaften zusammen, den sogenannten „Biofilmen“, die sehr widerstandsfähig sind, insbesondere was Antibiotika betrifft. Bakterien hinterlassen bei ihren Wanderungen Spuren aus speziellen Polysacchariden, an denen sich andere Bakterien ausrichten. Um manche Bakterien, die im richtigen Augenblick am richtigen Ort sind, sich aber ansonsten in nichts von anderen Bakterien unterscheiden, bilden sich durch positive Rückkoppelung Mikrokolonien, die schließlich zu Biofilmen werden, in denen die einzelnen Bakterien von einer Hülle aus Polysacchariden geschützt werden.

Die Biofilme entwickeln sich, so die Forscher, in Übereinstimmung mit dem Zipfschen Gesetz, das beispielsweise verwendet wird, um zu beschreiben, warum eine kleine Gruppe von Menschen den Großteil des Reichtums einer Gesellschaft kontrolliert. Entsprechend ziehe eine kleine Anzahl von Bakterien den meisten Nutzen aus den gemeinschaftlich produzierten Polysacchariden. Um bisher resistente Biofilme zu bekämpfen, könne man deshalb Konzepte nutzen, die Wirtschaftswissenschaftler ausgearbeitet haben.

Diese Forschungsarbeit ist nicht nur deshalb faszinierend, weil sie verschiedene Disziplinen miteinander verbindet, indem sie gemeinsame Funktionsprinzipien (CFPs) aufdeckt, sondern vor allem auch deshalb, weil diese CFPs zu den grundlegendsten Eigenschaften orgonotischer Prozesse gehören: die Überlagerung und das orgonomische Potential. Orgonenergie-Einheiten ziehen sich gegenseitig an (Überlagerung) und dergestalt zufällig entstandene Orgonenergie-Konzentrationen werden zu Kondensationskeimen, zu denen immer mehr Orgonenergie hinfließt (orgonomisches Potential):

baktueberpoten

Dies geschieht in allen Systemen, die man sich selbst überläßt. Sei es in einer Petrischale oder in einer Wirtschaft. Deshalb ist es auch vollkommen illusionär, daß sich in einer entwickelten Gesellschaft ohne Zwang, d.h. ohne die eine oder andere Form von „rotem Faschismus“, der Reichtum gleichverteile. Alles, was man tun kann, ist zu verhindern, daß sich die gegebene Verteilung verfestigt und die Reichen mit Gewalt den Status quo zu erhalten suchen („schwarzer Faschismus“).

Nachtrag zu „Die sozio-politische Charakterologie Elsworth F. Bakers am Beispiel der Bundestagsparteien“

5. Dezember 2012

Man meint, den Streit Liberalismus gegen Konservativismus dadurch umgehen zu können, indem man („Schluß mit der Politik!“) einfach die Lebensfeindlichkeit schlechthin bekämpft oder positiver ausgedrückt: für das Leben einsteht, egal ob es nun von rechts oder von links bedroht wird. Aber ist nicht a priori „politisch sein“ identisch mit „links sein“? Die Linken sagen doch selber immer, daß eine apolitische Haltung zu reaktionären Ansichten führt. Politik bestimmt unser Leben wie kaum etwas, wir sollen aber nicht versuchen sie zu begreifen?

Um effektiv für das Leben und gegen das Antileben eintreten zu können, muß man:

  1. die pestilenten Mechanismen in ihren Einzelheiten erkennen; und
  2. sich im konkreten Leben, jenseits nebelhafter Grundsätzlichkeit, so neurotisch wie es nun mal ist, für eine Seite in einer bestimmten Situation entscheiden. Genauso wie sich Reich immer entschieden hat.

Mit grundsätzlichen (einfachen) Überlegungen kommt man im Leben halt nicht immer weiter.

Menschen denken gemeinhin nach dem mechano-mystischen Ausschließlichkeitsprinzip, anstatt funktionell („dialektisch“) zu denken. Für sie scheint es so zu sein, daß sich:

  1. der Liberale als „guter Mensch“ und der Faschismus einander ausschließen. In Wirklichkeit können sie aber sehr wohl funktionell identisch sein. Etwas, was Leute nicht verstehen, die immer beklagen, Reich hätte wahllos jeden Linken als Roten Faschisten bezeichnet.
  2. der rigide konservative und der weiche genitale Charakter einander ausschließen. In Wirklichkeit können auch sie funktionell identisch sein, z.B. dann, wenn sie im Gegensatz zum Liberalen die Freiheit und nicht den „Frieden“ an die erste Stelle setzen.

In Die Massenpsychologie des Faschismus hat Reich drei Charakterschichten postuliert und sowohl mit soziologischem Verhalten als auch mit Gesellschaftssystemen in Zusammenhang gebracht:

  1. die oberflächlichste, die Fassade: das Reich der liberalen Gesinnung; soziales System: die liberale Gesellschaftsordnung;
  2. die perverse mittlere Schicht: faschistische Gesinnung; Gesellschaftssystem: Faschismus; und
  3. die tiefste, primäre Schicht: Genitalität; Arbeitsdemokratie.

Diese Einteilung ist die Grundlage für die Beurteilung der Politik in der Orgonomie.

Zur „Fassade“ ist zu sagen, daß es hier zwei Arten des Liberalismus gibt, die das Gesetz der gleichzeitigen Gegensätzlichkeit und Identität (mit der zweiten Schicht) aufzeigen:

  1. Der Gegensatz: der genuine Liberale, der seinen rationalen Platz in einer gesunden Gesellschaft hat, um den Konservativen in Schach zu halten, versucht ehrlich seine mittlere Schicht durch intellektuelle Abwehr unter Kontrolle zu halten. Leider Gottes ist diese Abwehr aber äußerst labil und schlägt leicht in ihr Gegenteil um. Damit haben wir:
  2. Die Identität: die Abwehr wird zum Diener der mittleren Schicht. In „Modju at Work in Journalism“ schreibt Reich dazu:

    Das Motiv fair und rational zu erscheinen, ist nicht etwa fair und rational zu sein, sondern nur den Anschein des Fairen und Rationalen zu wahren, um auf besonders gerissene Weise zu verbergen, daß man unfair und zerstörerisch irrational ist. (Orgone Energy Bulletin, Vol. 5, March 1953)

Deshalb haut also die Orgonomie immer so „einseitig“ auf die Linke ein:

  1. weil der Liberalismus doch nur der Zuckerguß über einer stinkenden Eiterbeule ist;
  2. weil er sehr schnell nach unten in die mittlere Schicht abgleiten kann; und
  3. weil dies der Liberalismus auf eine unglaublich teuflische Weise tut: all die „Gutheit“ wird benutzt, um so effektiver böse sein zu können – man schaue sich nur die „Friedensoffensiven“ der Sowjetunion an!

Das erklärt, warum die Orgonomie gegen die Linke ist (jedenfalls tendenziell). Warum tendiert sie dann mehr zur Rechten?

In der obigen Reichschen Einteilung in die drei Charakterschichten fällt natürlich auf, daß dort kein Platz für das Reich des Konservativen ist. Aus persönlicher Erfahrung heraus werden die meisten den Konservativen wie folgt beschreiben:

  1. rigid und sexuell verklemmt;
  2. mystisch veranlagt (Primärprozeßdenken: Mutter = Nation, Vater = Staat); und
  3. autoritär.

Der erste Punkt weist darauf hin, daß eine muskuläre, anstatt einer intellektuellen Abwehr vorliegt. Der zweite Punkt auf einen verzerrten Kontakt mit dem Kern, der sich nicht nur in Religiosität zeigt, sondern auch in der Verbindung mit dem Ahnenerbe. Ist es nicht naheliegend den konservativen Charakter aus diesen Gründen zwischen die mittlere Schicht und den Kern einzuordnen? Und kommt er damit nicht der Genitalität am nächsten?

soziopol

Seine Rigidität und sein Konservatismus schützt den Konservativen „nach oben“ in die mittlere Schicht abzugleiten und zum Nazi zu werden.

In der Welt, wie sie nun mal ist, müssen wir, wenn wir den Genitalen Charakter suchen, wohl vorerst mit dem Konservativen vorlieb nehmen. Das ist auch der Grund dafür, daß man faktisch die Arbeitsdemokratie mit dem Kapitalismus gleichsetzen kann. Eine entsprechende Frage von mir hat Charles Konia wie folgt beantwortet:

Der Kapitalismus ist eine Kernfunktion im ökonomischen Bereich. Die Arbeitsdemokratie ist eine Kernfunktion im tieferen, umfassenderen bio-sozialen Bereich.

Kommen wir nun, immer noch unter dem strukturellen Gesichtspunkt „tiefer-höher“, zu einer mehr therapeutischen Sichtweise:

Dazu wollen wir den liberalen Charakter mit dem Schizophrenen vergleichen, wobei aber nicht vergessen werden darf, daß es genauso viele liberale wie konservative Schizophrene gibt:

  1. beide können oberflächlich manchmal ziemlich gesund wirken, da sie nicht so rigid gepanzert sind wie der Zwangs- bzw. der konservative Charakter;
  2. beide sind unglaublich kontaktlos;
  3. deshalb können sie weit destruktiver sein als ihre neurotischen Pendants; und
  4. beide müssen zuerst neurotisch bzw. konservativ werden, bevor sie die Genitalität erreichen können.

Leider ist es dabei so, daß der so freie Schizophrene erst zum beschränkten Spießer werden muß (wie Reich es in Charakteranalyse beschreibt), während der Liberale zuerst seine angeblich fortschrittliche Haltung aufgeben muß, was ihn sicherlich auch nicht sympathischer werden läßt.