Posts Tagged ‘Herzangst’

Das Ende der Laientherapie

29. November 2018

Reich hat das Ende der Laientherapie eingeläutet. In den 1920er Jahren opponierte er gegen Freud, der die Psychoanalyse zunehmend als bloße „Psychologie“ betrachtete und den bis dahin weitgehend auf Ärzte beschränkten Beruf des Psychoanalytikers für „Laien“ öffnen wollte. Reich argumentierte dabei, vor dem Hintergrund der sich formierenden Sexualökonomie, hauptsächlich von der Libidotheorie her. Die Neurosen hatten einen „ökonomischen“, also physiologischen Kern. Man lese nur sein Buch Die Funktion des Orgasmus aus dem Jahre 1927! Beispielsweise entspricht der Gegensatz von Angst und Lust dem Gegensatz zwischen Herz („Herzenge“) und Genital.

In den 1930er und 1940er Jahren führte er weiter aus, daß und wie Neurosen im Körper verankert sind. Er zeigte, daß die „Neurose“ in der Tat eine Nervenkrankheit ist, nämlich eine chronische Übererregung des Sympathikus („Sympathikotonie“). Um so idiotischer ist es, daß die von ihm entwickelte Therapieform (und ihre diversen illegitimen Abzweigungen) zunehmend von Laientherapeuten praktiziert wurde. Dabei hat Reichs „Schüler“ Charles Kelley, ein Psychologe, den Vogel abgeschossen, als er zur Rechtfertigung seiner therapeutischen Tätigkeit allen Ernstes ausführte, daß Neurosen gar keine „Nervenkrankheiten“ seien, die man ärztlich therapieren kann, sondern bloße Anpassungsstörungen. „Therapie“ sei deshalb mehr so etwas wie ein „Lernprogramm“, der „Therapeut“ ein Trainer für „Zielgerichtetheit und Fühlen“. Es gibt tatsächlich Leute, die derartigen Murx ernstnehmen! Am schlimmsten sind aber die „Körpertherapeuten“, etwa in der Tradition von Alexander Lowen, die weitaus mehr „mit dem Körper arbeiten“ als der Orgontherapeut, die aber nicht mal die Qualifikation als klinischer Psychologe geschweige denn Arzt vorweisen können. In dieser Szene tummeln sich Politologen, Kindergärtner, Betriebsschlosser, etc. Würdest du einen Politologen dein Auto reparieren lassen?!

Herztod

29. April 2016

In der MMW (Fortschritte der Medizin) vom 7. April 2011 wird von einer amerikanischen Metaanalyse (Dahabreh IJ, Paulus JK) berichtet, die nachweist, daß sporadische körperliche und sexuelle Aktivitäten mit einem etwa dreifachen Risiko für Myokardinfarkte einhergehen. Das Risiko für einen plötzlichen Herztod wird durch gelegentliche körperliche Anstrengung sogar um das Fünffache erhöht.

Dazu gibt der Münchner Internist und Kardiologe Prof. Dr. H. Holzgreve einen sehr guten Kommentar ab: Zwar würden diese wahrlich erschreckenden Zahlen sowohl bei Fachleuten als auch bei Laien sicherlich Furore machen, doch warne er vor einer Fehlinterpretation. Herzinfarkt und Herztod werden in den untersuchten Studien nämlich nur innerhalb einer Stunde nach der vereinzelten körperlichen Anstrengung erfaßt und diese Stunde dann mit langen anstrengungslosen Zeiträumen, die meist ein ganzes Jahr umfassen, verglichen. „Das bedeutet, daß das absolute Risiko der nur seltenen körperlichen Anstrengung sehr gering ist, nämlich zwei bis drei Herzinfarkte bzw. ein plötzlicher Herztod pro 10 000 Probandenjahren.“

Ohnehin habe der, der sich regelmäßig, d.h. etwa drei- bis fünfmal pro Woche körperlich und sexuell verausgabe, einen Überlebensvorteil gegenüber dem Sport- und Sexmuffel.

Wie geradezu gemeingefährlich derartige Studien sind, hat bereits Reich Anfang der 1940er Jahre in seiner Notiz „Sex-Economy and Medicine: The ‚Dangers‘ of Sexual Intercourse“ diskutiert (International Journal of Sex-Economy and Orgone-Research, Vol. 1, No. 1, March 1942, S. 94f). Dort geht es um ein junges Ehepaar. Der Mann leidet an hohem Blutdruck, die Frau an „Nervosität“. Ihr Hausarzt riet ihnen unter keinen Umständen Geschlechtsverkehr zu haben, da „Geschlechtsverkehr den Blutdruck erhöht, was jede Art von schlimmen Folgen nach sich ziehen kann“. Infolge des Rates stieg der Blutdruck des Mannes immer weiter an und die Frau entwickelte eine schwerwiegende Zwangssymptomatik. Reich beklagt, daß Ärzte in ihrer Ausbildung und in den Fachzeitschriften nichts über die Verbindung zwischen Bluthochdruck, Nervosität und Sexualstauung erfahren. Statt den Patienten die Angst vor den „schlimmen Folgen des Geschlechtsverkehr“ zu nehmen, werden sie von den Ärzten darin bestärkt.

Wäre er gut ausgebildet gewesen, hätte der Hausarzt des Ehepaares durch Sexualaufklärung versucht, den Eheleuten ein gesundes Geschlechtsleben zu ermöglichen. Handelte es sich hingegen um tiefsitzende neurotische Ängste, wäre eine entsprechend tiefgehende Psychotherapie angemessen gewesen.

Bereits Mitte der 1920er Jahre hatte Reich in seiner Studie Die Funktion des Orgasmus ausgeführt, daß Neurosen („Psychoneurosen“) durch Entwicklungsstörungen der bzw. Regression zur infantilen Sexualität entstünden. Sie hätten stets einen stauungsneurotischen („aktual-neurotischen“) Kern durch unmittelbare Störung der motorischen Energieabfuhr. Dies äußere sich in Stauungs- und Herzangst, da die Erregung nicht über das genitale System abfließe und sich so im Vegetativum staue, weshalb Reich auch von „Sexualstauungsneurosen“ spricht, bei der die motorisch nichtabgeführte Genitallibido das vasovegetative System innerviere und für periphere Vasokonstriktion, arteriellen Hochdruck, Herzbeschwerden, Pupillenerweiterung, Versiegen der Speichelsekretion, kalte Schweißausbrüche, Hitze- und Kälteempfindungen, Erschlaffung der Muskulatur mit Tremor, Schwindel, Diarrhöen, etc. verantwortlich sei. Reich vergleicht die Symptome, die frustrierte Genitallibido zeitigt, mit einer Nikotinvergiftung und der sie begleitenden „Herzangst“ und bestätigt so Freuds Intuition über die „toxischen Sexualstoffe“.

In „The Biopathic Diathesis: Arteriosclerosis and Coronary Artery Disease“ (The Journal of Orgonomy, Vol. 4, No. 2, November 1970) führt der orgonomische Internist Robert A. Dew aus, daß Sympathikotonie Grundlage der kardiovaskulären Erkrankungen ist: eine Kontraktion gegen Expansion, d.h. eine reaktive Sympathikotonie. Die Sympathikotonie im Brustkorb kann, neben Arrhythmien, zu Bluthochdruck und weiter zu Arteriosklerose führen.

Reich merkt an:

Es ist durchaus wahrscheinlich, daß (…) Herzklappenfehler und andere Formen organischer Herzerkrankungen eine Reaktion des Organismus auf chronische Hypertonie des Gefäßsystems darstellen. (Die Funktion des Orgasmus, S. 273)

Dew führt den kardiovaskulären Hochdruck auf einen „lebhaften, stark erregbaren Kern“ zurück (siehe dazu Der Krebs, S. 220f), hinzu komme

eine sehr ausgeprägte Beckenblockierung, chronische orgastische Impotenz und eine daraus sich ergebende mächtige Expansion in die höher gelegenen Segmente hinein. Diese nach oben gerichtete Expansion wird eingedämmt durch eine vergleichsweise starke Kontraktion im Brust- und im Halssegment, was einen Großteil der physiologischen und symptomatologischen Störungen hervorruft, die mit der Erkrankung verbunden sind. („The Biopathic Diathesis: Hypertension“, Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976, S. 214)

Emanuel Levine, einem der Mitarbeiter Reichs, zufolge zeige sich die spezifische Panzerstruktur beim Bluthochdruck darin, daß „der Hochdruckpatient gewöhnlich ein rötliches Gesicht hat. Die unteren Segmente jedoch blaß wirken“ („Treatment of a Hypertensive Biopathy with the Orgone Energy Accumulator“, Orgone Energy Bulletin, 3(1), January 1951, S. 24).

Reich vertrat die Ansicht, daß kardiovaskuläre Biopathien ihre Ursache hauptsächlich in einer Verschiebung von sexueller Energie aus dem Genitalbereich in die obere Körperhälfte haben. Einige neuere Ergebnisse unterstützen diese Auffassung. (Sean Haldane und Adolph E. Smith: „Das Konzept der Biopathie: Bestätigungen aus neueren Ergebnissen der Verhaltensendokrinologie“, Wilhelm Reich Blätter, 4/77, S. 106-110)

Die Anlage für Arteriosklerose und andere Erkrankungen der Koronararterien zeigt sich bei der orgontherapeutischen Mobilisierung des reaktiv in einer Einatmungshaltung festgehaltenen Brustsegments, wobei, so Dew, stets tiefe Trauer und Sehnsucht an die Oberfläche kommt. Unsere Sprache bringe die Verbindung zwischen Trauer, Sehnsucht und dem Herzbereich sehr klar zum Ausdruck. Reich hat die Emotion Sehnsucht als Energiefluß definiert, der in den Brustbereich und die Arme geht. Gegen diese parasympathische Expansion kommt es reaktiv zu der festgehaltenen sympathischen Inspirationshaltung. Das besondere ist nun, daß diese äußere mit Vasokonstriktion verknüpfte Sympathikotonie einhergeht mit einer zentralen Parasympathikotonie. Der Parasympathikus hemmt jedoch die Herztätigkeit, obwohl das Herz wegen der peripheren durch den Sympathikus hervorgerufene Gefäßverengung mehr leisten muß. Die für das Herz fatale Gleichzeitigkeit dieser beiden Faktoren stellt die biopathische Diathese der Arteriosklerose dar (Dew, S. 198-200).

Levine hatte 20 Jahre zuvor geschrieben:

Der allgemeine Hintergrund des Koronararterienverschlusses wurde von Reich beschrieben. Er fand, daß der Koronarverschluß sich aus starken expansiven Bewegungen in der Brust ergibt, denen starke Kontraktionen im gleichen Segment entgegenstehen und daß wegen Blockaden in den Schultern und im Zwerchfell, die schraubstockartige Kontraktion nicht anderswo freigesetzt werden kann, was schließlich zur Koronarruptur führt. („Observations on a Case of Coronary Occlusion“, Orgone Energy Bulletin, 4(1), January 1952, S. 46)

Baker bringt eine interessante Beobachtung über die hier besprochenen Herzerkrankungen vor:

Bei diesen Herzschäden findet man sogar schon Jahre, bevor eine körperliche Erkrankung auftritt, immer eine Trias von extrem schmerzhaften Punkten, einen unterhalb der linken Brustwarze, einen zweiten oberhalb der Brustwarze und den dritten in der linken Achselhöhle. Eine Lockerung des Krampfes an diesen Punkten lindert die Herzsymptome. Bei der paroxysmalen Tachykardie kann durch diese Methode keine Linderung erreicht werden, wenn der Patient ein Chininpräparat nimmt. (Der Mensch in der Falle, S. 290)

Ein anderer sehr interessanter Punkt stammt von Levine: Bei Frauen können die Brüste als Sicherheitsventil für den biopathischen Druck im Brustkorb wirken und er fragt, ob dies erklärt, „daß Koronararterienverschluß bei unter Bluthochdruck leidenden Frauen weit weniger häufig ist als bei unter Bluthochdruck leidenden Männern“ („Treatment of a Hypertensive Biopathy…“, S. 33).

Reich selbst litt der Autopsie zufolge unter Arteriosklerose, als er 1957 an seinem zweiten Herzinfarkt verstarb: „Herzmuskelschwäche mit plötzlichem Herzversagen, das mit einer generellen Arteriosklerose und einer Sklerose der Herzkranzgefäße verbunden war“ (Myron Sharaf: Fury on Earth, New York 1982, S. 477). In den Originalunterlagen aus dem Gefängnis heißt es: „myokardiale Insuffizienz aufgrund einer kalzifizierten Aortenstenose, die mit einem generalisierten arteriosklerotischen Herzen und einer Koronarsklerose verbunden war“ (Jerome Greenfield: „Wilhelm Reich in Prison“, International Journal of Life Energy, Vol. 2, No. 1, Winter 79-80, S. 49). Zu Beginn der Haft „stellten Mediziner bei Untersuchungen ein ‚besonders raues anschwellendes systolisches Herzgeräusch‘ Grad 2 fest” (ebd., S. 25). Außerdem heißt es in den Unterlagen, daß

zur Zeit seines Todes eine Grippeepidemie in der Anstalt wütete; (…) die histopathologische Untersuchung zeigte eine eitrige Bronchopneumonie. Meiner Meinung nach weisen diese Umstände auf einen Tod durch Komplikationen in einem Fall von asiatischer Grippe hin. (ebd., S. 48)

Im Oktober 1951 hatte sich der erste Herzinfarkt ereignet und Reich erkrankte schwer an Myokarditis (Elsworth F. Baker: „My Eleven Years With Wilhem Reich“, Journal of Orgonomy, 12(2), November 1978, S. 181). Übrigens gab er aus diesem Anlaß das Rauchen auf. „Zwei Jahre zuvor hatte er wegen eines Tachykardie-Anfalls einen Herzspezialisten konsultiert, der festgestellt hatte, daß er an Bluthochdruck litt“ (David Boadella: Wilhelm Reich, München 1980, S. 255; siehe auch Ilse Ollendorff: Wilhelm Reich, München 1975, S. 127).

Betrachten wir nun die oben beschriebene biopathische Anlage, fällt auf, daß Reich in seinen letzten Jahren auffällig oft über „kosmische Sehnsucht“ geschrieben hat. Auch kann man bei ihm wohl tiefe Trauer über die Tragödie seiner Ursprungsfamilie und diverse weitere Brüche in seinem Leben annehmen. „Heartbreak“ war eines von Reichs Lieblingswörtern (Fury on Earth, New York 1983, S. 20). Ilse Ollendorff erinnert sich über Reichs Herzanfall: „Er sagte damals, daß jeder Herzanfall in Wirklichkeit ein gebrochenes Herz ist“ (Ollendorff, S. 141). In diesem Zusammenhang erwähnt sie einen Brief an Neill, den Reich wenige Tage vor seinem Herzanfall schrieb und in dem er seine herzzerreißende Einsamkeit beklagte (ebd., S. 142f).

Das autonome Nervensystem

19. März 2015

Das autonome Nervensystem ist von jeher ein Stiefkind der Medizin gewesen.

Reich wurde ganz entscheidend von dem monumentalen Lehrbuch Lebensnerven und Lebenstrieb (dritte wesentlich erweiterte Auflage des Vegetativen Nervensystems) von L.R. Müller beeinflußt (Verlag von Julius Springer 1931). Im Zentrum von Reichs Überlegungen stand der Unterschied zwischen dem sympathischen und parasympathischen Teil des autonomen Nervensystems.

In einer Rezension des Lehrbuches Das autonome Nervensystem, erschienen 2009, heißt es, daß Aufbau und Funktionieren des autonomen Nervensystems sehr gut erklärt würden, doch:

Spätestens bei der Abhandlung der Funktionen des Sympathikus/Parasympathikus und dem Zusammenspiel peripherer und zentraler vegetativer Strukturen werden die Komplexität und die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten dieser Vorgänge klar. Viele Fragen müssen hier noch offenbleiben.

Reichs erster Schritt von der Psychoanalyse in die Biophysik war es, genau diese Komplexität, die bis heute die mechanistische Medizin vor ein Rätsel stellt, funktionell aufzulösen.

Verfolgen wir kurz Reichs Weg:

Steigt sein Energieniveau an, bekommt der Neurotiker Angst und verhält sich entsprechend, um das Energieniveau wieder zu senken. Dieser Aspekt der Angst entspricht Freuds Auffassung von der Angst als „Signal an das Ich“ und als Ursache der Verdrängung, wie Freud sie 1926 in Hemmung, Symptom und Angst dargelegt hat (siehe Charles Konia: „Orgone Therapy [Part 12]“, The Journal of Orgonomy, 25[2], November 1991).

Reich konnte aufzeigen, wie Angst gleichzeitig Ursache und Folge der Triebverdrängung sein kann, indem er z.B. die Erwartungsfurcht bei Erythrophoben mit ihrer Sexualstauung verknüpfte, die dieser Furcht die affektive Ladung gab. Brachte man den Erythrophoben dazu, sich Onanie ohne Schuldbewußtsein zu gestatten, nahm auch die Angst ab und wurde beherrschbar. Er war dadurch in der Lage sexuelle Beziehungen zu knüpfen, was die Sexualstauung vollends beseitigte.

Dieses Kriterium, nämlich sexuelle Befriedigung, ermöglicht es zwischen neurotischer Angst und gesunder Angst zu unterscheiden. So nahm Reich Freuds ursprüngliche Angsttheorie, Angst sei das Ergebnis von Verdrängung, als Ausgangspunkt seines sexualökonomischen und später orgonomischen Ansatzes. An der Frage der Angst „trennen sich (…) unvereinbar die Wege der Psychoanalyse und die der Sexualökonomie“ (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 31).

Reich blieb also bei Freuds Vorstellung von der „Aktualneurose“ (die auch den Kern aller Psychoneurosen bildet), die Freud zufolge Ausdruck gestauter Sexualität war, weshalb sie Reich auch als „Sexualstauungsneurose“ bezeichnete.

Freud nahm „chemische Sexualstoffe“ an, die, nicht korrekt „abgebaut“, nervöses Herzklopfen, Herzschlagunregelmäßigkeiten, akute Angstanfälle, Schweißausbrüche und andere Symptome am vegetativen Lebensapparat auslösen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 72)

Desgleichen vergleicht Reich die Symptome, die frustrierte Genitallibido zeitigt, mit einer Nikotinvergiftung und der sie begleitenden „Herzangst“ (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 65f). Freud hatte also mit seiner Intuition der „toxischen Sexualstoffe“ recht. Dazu schreibt Reich:

Die Sexualbefriedigung im Orgasmus bedeutet (…) eine physiochemische Auffrischung der übrigen vegetativen Funktionen. Ich erwähne bloß das körperliche Erblühen der sexuell befriedigten Frau und dessen Gegensatz, das frühzeitig körperliche Welken der viel verspotteten „alten Jungfrau“, die nicht älter zu sein braucht als ihre glücklichere Geschlechtsgenossin. Das gleiche gilt für den Mann. (ebd., S. 72)

Der psychologisch orientierte Freud hat davon abgesehen, seine Vorstellung von der Aktualneurose weiter chemisch-pharmakologisch zu begründen und mit dem vegetativen System zu verbinden. Beides sollte Reich gelingen.

Im gleichen Jahr, in dem Freud seine neue Angsttheorie publizierte, tat Reich in konsequenter und bruchloser Fortführung des ursprünglichen Ansatzes von Freud diesen Schritt in seinem, ein Jahr später (1927) erschienen Buch Die Funktion des Orgasmus. Hier setzte er die Aktualneurose mit der vasomotorischen Neurose gleich, bei der die motorisch nicht abgeführte Genitallibido stattdessen das vasovegetative System innerviert und für periphere Vasokonstriktion, arteriellen Hochdruck, Herzbeschwerden (Asystolie, Tachykardie, Arrhythmien, Extrasystolen, etc.), Mydriasis, Versiegen der Speichelsekretion, kalte Schweißausbrüche, Hitze- und Kälteempfindungen, Erschlaffung der Muskulatur mit Tremor, Schwindel, Diarrhöen, etc. verantwortlich ist (siehe Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 63 und Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 39).

Bei der sexuellen Erregung unterscheidet Reich folgende Phasen:

1) Spannungslose Speicherung der Sexualenergie im vegetativen System.
2) Spontane oder willkürliche Konzentration der Libido auf den Genitalapparat (sexuelle Spannung und vasomotorische Erscheinungen).
3) Fortschreitende Überleitung ins sensorische System (Vorlust (…)).
4) Überleitung ins motorische System (Aufstieg zur Akme – Endlust (…)).
5) Rückströmen ins vegetative System, Zustand wie bei 1: Das Genitale und der übrige sensorische Apparat sind entlastet, die Muskulatur ist entspannt. (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 70)

Wird nun dieser Erregungsablauf, etwa durch Coitus interruptus, unterbrochen und die vegetative Erregung nicht motorisch entladen, kommt es zu den oben erwähnten vasomotorischen Störungen, die sich über kurz oder lang in regelrechte organische Schädigungen verwandeln können.

Reich konnte in den 1920er Jahren bei seinen Patienten unmittelbar den Wechsel von Angst mit kardialer Erregung und Lust mit genitaler Erregung verfolgen (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 35). Schon 1924 hatte Reich zwei Frauen mit Herzangstneurose therapiert, bei denen die Herzangst nach genitaler Erregung nachließ. Dabei konnte Reich den Sitz der Angstempfindungen in der Herz- und Zwerchfellgegend lokalisieren (Die Funktion des Orgasmus, S. 102), wodurch zum ersten Mal Freuds ursprüngliche Angsttheorie, daß unverarbeitete Libido sich „irgendwie“ in Angst umwandelt klinisch greifbar wurde:

Es liegt keine „Verwandlung“ von Sexualerregung vor. Dieselbe Erregung, die am Genitale als Lustempfindung zum Vorschein kommt, meldet sich, wenn sie das Herzsystem erfaßt als Angst, mithin als das genaue Gegenteil der Lust. (ebd., S. 102)

Bei einer Asthma-Patientin, die Reich 1925 therapierte, konnte er ein „Oszillieren der sexuellen Erregung zwischen Luftröhre-Rachen auf der einen und Becken auf der anderen Seite“ beobachten.

Das Asthma verschwand mit jedem Fortschritt der Vaginalerregung und kam wieder mit jedem Rückschritt der Erregung auf die Atemorgane. (ebd., S. 123)

Diesen Gegensatz zwischen Becken (Lust) und Brustkorb (Angst) erweiterte Reich im folgenden zum Konzept der ganzkörperlichen Pulsation: Expansion mit Erregung der Peripherie (Lust) und Kontraktion mit Erregung des Zentrums (Angst). Eine Pulsation, die er schon beim Einzeller konstatierte:

Plasmaströmungen, von denen die eine in der Richtung Zentrum → Peripherie, die andere in der Richtung Peripherie → Zentrum abläuft. (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 290)

Allein schon im Wechsel von Exspiration (parasympathische Expansion, Körper streckt sich) und Inspiration (sympathische Kontraktion, Körper zieht sich zusammen) zeigt sich eine Pulsation, wie man sie auch bei Einzellern findet: der Wechsel von Kugeltendenz (Kontraktion) und Streckung (Expansion).

Dabei ist entscheidend wie Reich biochemisch-pharmakologische Einzelerscheinungen in ein funktionelles Ganzes einbinden konnte. Er betrachtete die biologische Funktion, nicht die pure Biochemie. Das gleiche gilt für Reichs Beiträge zu einer umfassenden neurologischen Theorie.

Die gegensätzlichen körperlichen Symptome von Angstzustand und sexueller Erregung konnte Reich lückenlos mit dem antagonistischen Funktionieren des Sympathikus und Parasympathikus verbinden. Auch wenn man nicht im einzelnen nachweisen kann, daß der Sympathikus stets kontraktil, der Parasympathikus stets expansiv wirkt. Betrachtet man das antagonistische Funktionieren des autonomen Nervensystems jedoch von der Warte des Gesamtorganismus, machen vorgebliche Inkonsistenzen sehr wohl Sinn. Der Parasympathikus ist dann identisch mit einer allgemeinen Expansion hin zur Welt. Er weitet die Gefäße an der Peripherie des Organismus und das Herz kann ruhig und langsam arbeiten. Genau umgekehrt ist es beim Sypathikus.

Die sympathische Angstfunktion ist einheitlich sinnvoll, wenn derselbe Nerv, der die Speicheldrüse hemmt, die Adrenalinausschüttung, also die Angst, fördert. Dasselbe ist an der Harnblase der Fall, wo das Angstnervensystem den Muskel erregt, der den Abfluß des Harns behindert, den Muskel dagegen, der den Harn aus der Blase entleert, zum Erschlaffen bringt oder hemmt; der Vagus wirkt umgekehrt. Es ist ebenso, aufs Ganze bezogen, sinnvoll, daß in der lustvollen Spannung die Pupille (…) vagisch verengt, die Sehschärfe steigert, sie in der angstvollen Lähmung dagegen durch Erweiterung herabsetzt. (Die Funktion des Orgasmus, S. 223)

Es ist offensichtlich, daß sich daraus unmittelbar ein Gesundheitskriterium ergibt, da man ein verläßliches Schema hat, wie der Organismus in einer gegebenen lust- bzw. unlustvollen Situation natürlicherweise biologisch reagieren muß. Irgendwelche Diskrepanzen zeigen, daß die Pulsation des Organismus gestört ist (man denke an Personen, die ständig geweitete Pupillen haben oder unter fettiger Haut leiden, „Angstschweiß“):

Die chronische Sympathikotonie des Organismus – ein genereller Schockzustand – ist der somatische Ausdruck der Orgasmusangst. Wie wir gesehen haben, beruhen alle Biopathien auf der angstvollen „Atemsperre“, die aber nur der Grundmechanismus dieser viel umfassenderen allgemeinen Kontraktion des gesamten Organismus ist. In Die Funktion des Orgasmus (S. 272-277) zählt Reich eine ganze Reihe von Krankheitsbildern auf, die alle Folge dieser Sympathikotonie sind, wie z.B. Hypertonie des Gefäßsystems, Muskelrheumatismus, Asthma, Magengeschwüre und Krebs. So gelang es Reich praktisch alle Krankheiten, die nicht auf Ansteckung, Erbschäden oder Unfällen beruhten über die Sympathikotonie und die Atemsperre auf die orgastische Impotenz zurückzuführen.

Hier ist nun ein offensichtlicher Widerspruch in der Darstellung aufzulösen, denn Krankheiten wie Asthma (und tatsächlich die meisten somatischen Biopathien), die Reich auf Sympathikotonie zurückgeführt hat, beruhen ja eindeutig auf vagotoner Innervation. Reich selbst hat lange mit diesem Widerspruch gerungen, der sein ganzes Konzept hätte sprengen können. Dazu zitiere ich die folgenden Erinnerungen des Orgonomen Ellsworth F. Baker aus dem Jahre 1947:

Bei einer anderen Sitzung des inneren Kreises besprach Reich Asthma. Er sagte, daß er Asthma nicht verstehen könne, eine Biopathie die auf einer parasympathetischen Erregung beruht. Parasympathetisch ist gleichbedeutend mit einer expansiven Reaktion. Ich stellte in den Raum, die parasympathetische Erregung entspräche nur dem Versuch, die zu Grunde liegende Angst zu überwinden, und daß sympathetische Erregung vorliege, wie in allen anderen Biopathien auch. Reich fand, daß dies etwas für sich habe und weiter studiert werden sollte. (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich”, The Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976)

Baker hebt in seinem 20 Jahre später erschienen Buch ausdrücklich hervor, daß alle Biopathien (letztendlich) auf Sympathikotonie beruhen (Der Mensch in der Falle).