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Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 5)

5. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN (Fortsetzung)

Das ANS hat in letzter Zeit sowohl in der psychotherapeutischen als auch in der neurowissenschaftlichen Literatur immer mehr Aufmerksamkeit erhalten. „Das Spiegelneuronensystem des Gehirns sorgt dafür, daß wir tatsächlich von selbst mit unseren Patienten in Resonanz treten“ (Wallin 2007, S. 296). Stephen Porges, ein Physiologe und Experte für das parasympathische Nervensystem, hat vorgeschlagen (2011), was er als „polyvagale Theorie“ bezeichnet. Porges ist der Direktor des Brain-Body Center an der University of Illinois:

Nach der Theorie von Porges hat die autonome Regulierung des Menschen drei Verfahrensebenen. Die früheste und primitivste Form der autonomen Regulation, die sich entwickelt, ist ein extremer parasympathischer Zustand, der vom dorsalen (hinteren) Aspekt des Vagusnervs kontrolliert wird. Neben normalen parasympathischen Funktionen kann die hintere Nervenwurzel den Organismus in den Zustand eines extrem langsamen Stoffwechsels versetzen. Dieser extreme Zustand wurde von Reptilien genutzt, um unter Wasser Sauerstoff zu sparen, und in einer Reihe anderer Situationen. Säugetiere verwenden diesen Zustand unter lebensbedrohlichen Umständen, in denen Flucht keine Option ist. In diesem Zustand extremen dorsalen Vagotonus sind Herz, Atemfrequenz und Muskeltonus niedrig, und das Säugetier hat nur eine sehr geringe Fähigkeit, auf die Welt Bezug zu nehmen oder auf sie zu reagieren. Der Einfachheit halber beschreiben wir diesen Zustand als Immobilisierung. Wenn dies beim Labortier auftritt, bleibt das Tier stehen, wird schlaff und defäkiert.

Die nächsthöhere Stufe der autonomen Regulierung ist die Erregungsreaktion des Kampfes oder der Flucht mit hohem Sympathikus … Der Erstarrungszustand ist ebenfalls einer hoher sympathischer Erregung. Im erstarrten Zustand bewegt sich das Tier nicht, hat aber eine hohe Herz- und Atemfrequenz und einen hohen Muskeltonus. Dies unterscheidet sich deutlich vom Immobilisierungszustand, der das entgegengesetzte physiologische Profil aufweist. Der Erstarrungszustand kann je nach Wahl auftreten, um sich vor Raubtieren zu verbergen oder den Tod vorzutäuschen, oder, wie es beim Menschen am häufigsten vorkommt, kann das Tier erstarren, weil es nicht reagieren kann, aber dennoch einen hohen sympathischen Ton aufrechterhält. Die verbreitete Ansicht in der Traumatheorie lautet, daß der Erstarrungszustand aus der gleichzeitigen Erregung des sympathischen und des parasympathischen Nervensystems resultiert.

Schließlich erkennt die Polyvagal-Theorie eine dritte und am weitesten fortgeschrittene Strategie des autonomen Nervensystems an, das social engagement system [System, das auf Kontakt und Kommunikation ausgerichtet ist]. Dieses System umfaßt die vordere Nervenwurzel des Vagus sowie Aspekte anderer Hirnnerven. Zusammen steuern diese Nerven und ihre jeweiligen Nuklei im Gehirn die soziale Bindung und das Einsetzen von Verhaltensweisen wie Gesichtsausdruck, Vokalisation, Zuhören und Saugen. Bei sozialem Engagement oder hohem ventralem Vagotonus variieren Herz- und Atemfrequenz, beschleunigen und verlangsamen sich je nach Erleben. Man stelle sich Laborratten vor, die an einer Gruppenerfahrung teilhaben. Jede Ratte nimmt Kontakt mit anderen Ratten auf und beendet ihn wieder, nähert sich, schnüffelt und zieht sich zurück. Dabei geht ihre Herzfrequenz auf und ab, der Tonus ihrer Gesichtsmuskeln variiert, Augen, Nasen und Ohren bewegen sich aufeinander zu und voneinander weg. Sie haben die Fähigkeit, mit einer Vielzahl von Verhaltensweisen zu reagieren. Diese Variabilität ist wesentlich für das Engagement. Es kann als grundlegender Aspekt der Reaktionsfähigkeit oder Abstimmung angesehen werden. Sieht man, daß die Wurzeln des sozialen Engagements, der Reaktionsfähigkeit und der Abstimmung im Hirnstamm beheimatet sind, erkennt man, daß emotionale Relationalität die Grundlage der menschlichen Natur ist. (Aposhyan 2004, S. 41-44)

Wir sehen hier Resonanzen mit und einige mögliche Unterschiede zu Reichs konzeptioneller Annäherung an das ANS. Es ist nicht Gegenstand dieses Artikels die Feinheiten und Komplexitäten auseinanderzuklauben, die beim Vergleich der aktuellen Konzepte des ANS mit der standardmäßigen orgonomischen Konzeptionierung anfallen. Das ANS steht jedoch im Vordergrund des gegenwärtigen psycho-physiologischen Denkens. Das ANS wird auch bei einer Vielzahl von psychiatrischen Erkrankungen untersucht, wie z.B. der Borderline-Persönlichkeitsstörung, der antisozialen Persönlichkeitsstörung und der multiplen Persönlichkeitsstörung (siehe beispielsweise Nijenhuis und den Boer 2009, S. 349f).

Eine weitere starke Strömung im Bereich der zeitgenössischen Psychotherapie ist das wachsende Interesse an Achtsamkeitsmeditation. Die orgonomische Therapie hat einen Ansatz, der von Meditation sehr verschieden ist und in gewisser Weise auch antithetisch zur Meditation steht, ich erwähne jedoch die Achtsamkeits-Bewegung, weil sie ein weiteres Beispiel dafür ist, wie unsere Kultur begonnen hat sich Ansätze zu eigen zu machen, die sich auf die Geist-Körper-Beziehung und das ANS konzentrieren. Die Achtsamkeitsmeditation konzentriert sich auf die Rolle des ANS bei Streß sowie bei psychischen und medizinischen Störungen und hat sich in kontrollierten Studien zur Behandlung einer Reihe von psychologischen und psychosomatischen Störungen als wirksam erwiesen.

Die Verhaltenstherapie ist eine andere Art von Therapie, die sich in ihrer Orientierung weitgehend von der orgonomischen Therapie unterscheidet. Die Verhaltenstherapie konzentriert sich jedoch auch darauf, daß der Patient lernt, wie er mit seinem autonomen Tonus umgeht, beispielsweise durch Übungen zur Aktivierung der sogenannten „Entspannungsreaktion“, bei der die parasympathische Aktivität verstärkt wird.

 

Literatur

  • Aposhyan S 2004: Body-Mind Psychotherapy. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Nijenhuis E, den Boer J 2009: Psychobiology of Traumatization and Trauma-Related Structural Dissociation of the Personality. In: Dell P and O’Neill J (Eds.): Dissociation and the Dissociative Disorders. DSM V and Beyond. New York and London: Routledge
  • Porges S 2011: The Polyvagal Theory. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Wallin D 2007: Attachment in Psychotherapy. New York and London: The Guilford Press

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

nachrichtenbrief79

20. Oktober 2017

Das autonome Nervensystem

19. März 2015

Das autonome Nervensystem ist von jeher ein Stiefkind der Medizin gewesen.

Reich wurde ganz entscheidend von dem monumentalen Lehrbuch Lebensnerven und Lebenstrieb (dritte wesentlich erweiterte Auflage des Vegetativen Nervensystems) von L.R. Müller beeinflußt (Verlag von Julius Springer 1931). Im Zentrum von Reichs Überlegungen stand der Unterschied zwischen dem sympathischen und parasympathischen Teil des autonomen Nervensystems.

In einer Rezension des Lehrbuches Das autonome Nervensystem, erschienen 2009, heißt es, daß Aufbau und Funktionieren des autonomen Nervensystems sehr gut erklärt würden, doch:

Spätestens bei der Abhandlung der Funktionen des Sympathikus/Parasympathikus und dem Zusammenspiel peripherer und zentraler vegetativer Strukturen werden die Komplexität und die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten dieser Vorgänge klar. Viele Fragen müssen hier noch offenbleiben.

Reichs erster Schritt von der Psychoanalyse in die Biophysik war es, genau diese Komplexität, die bis heute die mechanistische Medizin vor ein Rätsel stellt, funktionell aufzulösen.

Verfolgen wir kurz Reichs Weg:

Steigt sein Energieniveau an, bekommt der Neurotiker Angst und verhält sich entsprechend, um das Energieniveau wieder zu senken. Dieser Aspekt der Angst entspricht Freuds Auffassung von der Angst als „Signal an das Ich“ und als Ursache der Verdrängung, wie Freud sie 1926 in Hemmung, Symptom und Angst dargelegt hat (siehe Charles Konia: „Orgone Therapy [Part 12]“, The Journal of Orgonomy, 25[2], November 1991).

Reich konnte aufzeigen, wie Angst gleichzeitig Ursache und Folge der Triebverdrängung sein kann, indem er z.B. die Erwartungsfurcht bei Erythrophoben mit ihrer Sexualstauung verknüpfte, die dieser Furcht die affektive Ladung gab. Brachte man den Erythrophoben dazu, sich Onanie ohne Schuldbewußtsein zu gestatten, nahm auch die Angst ab und wurde beherrschbar. Er war dadurch in der Lage sexuelle Beziehungen zu knüpfen, was die Sexualstauung vollends beseitigte.

Dieses Kriterium, nämlich sexuelle Befriedigung, ermöglicht es zwischen neurotischer Angst und gesunder Angst zu unterscheiden. So nahm Reich Freuds ursprüngliche Angsttheorie, Angst sei das Ergebnis von Verdrängung, als Ausgangspunkt seines sexualökonomischen und später orgonomischen Ansatzes. An der Frage der Angst „trennen sich (…) unvereinbar die Wege der Psychoanalyse und die der Sexualökonomie“ (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 31).

Reich blieb also bei Freuds Vorstellung von der „Aktualneurose“ (die auch den Kern aller Psychoneurosen bildet), die Freud zufolge Ausdruck gestauter Sexualität war, weshalb sie Reich auch als „Sexualstauungsneurose“ bezeichnete.

Freud nahm „chemische Sexualstoffe“ an, die, nicht korrekt „abgebaut“, nervöses Herzklopfen, Herzschlagunregelmäßigkeiten, akute Angstanfälle, Schweißausbrüche und andere Symptome am vegetativen Lebensapparat auslösen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 72)

Desgleichen vergleicht Reich die Symptome, die frustrierte Genitallibido zeitigt, mit einer Nikotinvergiftung und der sie begleitenden „Herzangst“ (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 65f). Freud hatte also mit seiner Intuition der „toxischen Sexualstoffe“ recht. Dazu schreibt Reich:

Die Sexualbefriedigung im Orgasmus bedeutet (…) eine physiochemische Auffrischung der übrigen vegetativen Funktionen. Ich erwähne bloß das körperliche Erblühen der sexuell befriedigten Frau und dessen Gegensatz, das frühzeitig körperliche Welken der viel verspotteten „alten Jungfrau“, die nicht älter zu sein braucht als ihre glücklichere Geschlechtsgenossin. Das gleiche gilt für den Mann. (ebd., S. 72)

Der psychologisch orientierte Freud hat davon abgesehen, seine Vorstellung von der Aktualneurose weiter chemisch-pharmakologisch zu begründen und mit dem vegetativen System zu verbinden. Beides sollte Reich gelingen.

Im gleichen Jahr, in dem Freud seine neue Angsttheorie publizierte, tat Reich in konsequenter und bruchloser Fortführung des ursprünglichen Ansatzes von Freud diesen Schritt in seinem, ein Jahr später (1927) erschienen Buch Die Funktion des Orgasmus. Hier setzte er die Aktualneurose mit der vasomotorischen Neurose gleich, bei der die motorisch nicht abgeführte Genitallibido stattdessen das vasovegetative System innerviert und für periphere Vasokonstriktion, arteriellen Hochdruck, Herzbeschwerden (Asystolie, Tachykardie, Arrhythmien, Extrasystolen, etc.), Mydriasis, Versiegen der Speichelsekretion, kalte Schweißausbrüche, Hitze- und Kälteempfindungen, Erschlaffung der Muskulatur mit Tremor, Schwindel, Diarrhöen, etc. verantwortlich ist (siehe Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 63 und Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 39).

Bei der sexuellen Erregung unterscheidet Reich folgende Phasen:

1) Spannungslose Speicherung der Sexualenergie im vegetativen System.
2) Spontane oder willkürliche Konzentration der Libido auf den Genitalapparat (sexuelle Spannung und vasomotorische Erscheinungen).
3) Fortschreitende Überleitung ins sensorische System (Vorlust (…)).
4) Überleitung ins motorische System (Aufstieg zur Akme – Endlust (…)).
5) Rückströmen ins vegetative System, Zustand wie bei 1: Das Genitale und der übrige sensorische Apparat sind entlastet, die Muskulatur ist entspannt. (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 70)

Wird nun dieser Erregungsablauf, etwa durch Coitus interruptus, unterbrochen und die vegetative Erregung nicht motorisch entladen, kommt es zu den oben erwähnten vasomotorischen Störungen, die sich über kurz oder lang in regelrechte organische Schädigungen verwandeln können.

Reich konnte in den 1920er Jahren bei seinen Patienten unmittelbar den Wechsel von Angst mit kardialer Erregung und Lust mit genitaler Erregung verfolgen (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 35). Schon 1924 hatte Reich zwei Frauen mit Herzangstneurose therapiert, bei denen die Herzangst nach genitaler Erregung nachließ. Dabei konnte Reich den Sitz der Angstempfindungen in der Herz- und Zwerchfellgegend lokalisieren (Die Funktion des Orgasmus, S. 102), wodurch zum ersten Mal Freuds ursprüngliche Angsttheorie, daß unverarbeitete Libido sich „irgendwie“ in Angst umwandelt klinisch greifbar wurde:

Es liegt keine „Verwandlung“ von Sexualerregung vor. Dieselbe Erregung, die am Genitale als Lustempfindung zum Vorschein kommt, meldet sich, wenn sie das Herzsystem erfaßt als Angst, mithin als das genaue Gegenteil der Lust. (ebd., S. 102)

Bei einer Asthma-Patientin, die Reich 1925 therapierte, konnte er ein „Oszillieren der sexuellen Erregung zwischen Luftröhre-Rachen auf der einen und Becken auf der anderen Seite“ beobachten.

Das Asthma verschwand mit jedem Fortschritt der Vaginalerregung und kam wieder mit jedem Rückschritt der Erregung auf die Atemorgane. (ebd., S. 123)

Diesen Gegensatz zwischen Becken (Lust) und Brustkorb (Angst) erweiterte Reich im folgenden zum Konzept der ganzkörperlichen Pulsation: Expansion mit Erregung der Peripherie (Lust) und Kontraktion mit Erregung des Zentrums (Angst). Eine Pulsation, die er schon beim Einzeller konstatierte:

Plasmaströmungen, von denen die eine in der Richtung Zentrum → Peripherie, die andere in der Richtung Peripherie → Zentrum abläuft. (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 290)

Allein schon im Wechsel von Exspiration (parasympathische Expansion, Körper streckt sich) und Inspiration (sympathische Kontraktion, Körper zieht sich zusammen) zeigt sich eine Pulsation, wie man sie auch bei Einzellern findet: der Wechsel von Kugeltendenz (Kontraktion) und Streckung (Expansion).

Dabei ist entscheidend wie Reich biochemisch-pharmakologische Einzelerscheinungen in ein funktionelles Ganzes einbinden konnte. Er betrachtete die biologische Funktion, nicht die pure Biochemie. Das gleiche gilt für Reichs Beiträge zu einer umfassenden neurologischen Theorie.

Die gegensätzlichen körperlichen Symptome von Angstzustand und sexueller Erregung konnte Reich lückenlos mit dem antagonistischen Funktionieren des Sympathikus und Parasympathikus verbinden. Auch wenn man nicht im einzelnen nachweisen kann, daß der Sympathikus stets kontraktil, der Parasympathikus stets expansiv wirkt. Betrachtet man das antagonistische Funktionieren des autonomen Nervensystems jedoch von der Warte des Gesamtorganismus, machen vorgebliche Inkonsistenzen sehr wohl Sinn. Der Parasympathikus ist dann identisch mit einer allgemeinen Expansion hin zur Welt. Er weitet die Gefäße an der Peripherie des Organismus und das Herz kann ruhig und langsam arbeiten. Genau umgekehrt ist es beim Sypathikus.

Die sympathische Angstfunktion ist einheitlich sinnvoll, wenn derselbe Nerv, der die Speicheldrüse hemmt, die Adrenalinausschüttung, also die Angst, fördert. Dasselbe ist an der Harnblase der Fall, wo das Angstnervensystem den Muskel erregt, der den Abfluß des Harns behindert, den Muskel dagegen, der den Harn aus der Blase entleert, zum Erschlaffen bringt oder hemmt; der Vagus wirkt umgekehrt. Es ist ebenso, aufs Ganze bezogen, sinnvoll, daß in der lustvollen Spannung die Pupille (…) vagisch verengt, die Sehschärfe steigert, sie in der angstvollen Lähmung dagegen durch Erweiterung herabsetzt. (Die Funktion des Orgasmus, S. 223)

Es ist offensichtlich, daß sich daraus unmittelbar ein Gesundheitskriterium ergibt, da man ein verläßliches Schema hat, wie der Organismus in einer gegebenen lust- bzw. unlustvollen Situation natürlicherweise biologisch reagieren muß. Irgendwelche Diskrepanzen zeigen, daß die Pulsation des Organismus gestört ist (man denke an Personen, die ständig geweitete Pupillen haben oder unter fettiger Haut leiden, „Angstschweiß“):

Die chronische Sympathikotonie des Organismus – ein genereller Schockzustand – ist der somatische Ausdruck der Orgasmusangst. Wie wir gesehen haben, beruhen alle Biopathien auf der angstvollen „Atemsperre“, die aber nur der Grundmechanismus dieser viel umfassenderen allgemeinen Kontraktion des gesamten Organismus ist. In Die Funktion des Orgasmus (S. 272-277) zählt Reich eine ganze Reihe von Krankheitsbildern auf, die alle Folge dieser Sympathikotonie sind, wie z.B. Hypertonie des Gefäßsystems, Muskelrheumatismus, Asthma, Magengeschwüre und Krebs. So gelang es Reich praktisch alle Krankheiten, die nicht auf Ansteckung, Erbschäden oder Unfällen beruhten über die Sympathikotonie und die Atemsperre auf die orgastische Impotenz zurückzuführen.

Hier ist nun ein offensichtlicher Widerspruch in der Darstellung aufzulösen, denn Krankheiten wie Asthma (und tatsächlich die meisten somatischen Biopathien), die Reich auf Sympathikotonie zurückgeführt hat, beruhen ja eindeutig auf vagotoner Innervation. Reich selbst hat lange mit diesem Widerspruch gerungen, der sein ganzes Konzept hätte sprengen können. Dazu zitiere ich die folgenden Erinnerungen des Orgonomen Ellsworth F. Baker aus dem Jahre 1947:

Bei einer anderen Sitzung des inneren Kreises besprach Reich Asthma. Er sagte, daß er Asthma nicht verstehen könne, eine Biopathie die auf einer parasympathetischen Erregung beruht. Parasympathetisch ist gleichbedeutend mit einer expansiven Reaktion. Ich stellte in den Raum, die parasympathetische Erregung entspräche nur dem Versuch, die zu Grunde liegende Angst zu überwinden, und daß sympathetische Erregung vorliege, wie in allen anderen Biopathien auch. Reich fand, daß dies etwas für sich habe und weiter studiert werden sollte. (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich”, The Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976)

Baker hebt in seinem 20 Jahre später erschienen Buch ausdrücklich hervor, daß alle Biopathien (letztendlich) auf Sympathikotonie beruhen (Der Mensch in der Falle).

Die biologische, psychologische und soziologische Struktur des Menschen (Teil 1)

8. Januar 2015

Für Reich ist das Tier, einschließlich des Menschentiers, ein Produkt der fließenden Lebensenergie. Dieser Strom determiniert Gestalt und Funktion. Dazu die beiden folgenden Skizzen nach Reich:

Daß beide Systeme zusammengehören, funktionell identisch sind, ist daran ersichtlich, daß der Parasympathikus „hin zur Welt“ oben und unten von der Wirbelsäule ausgeht, der Sympathikus jedoch „weg von der Welt“ von der Mitte der Wirbelsäule.

Hingegen betrachtet Hans Hass, und mit ihm die gängige Biologie, das Tier als „ein sich fortbewegender Darm“, alles andere sei nur sekundäre Ermöglichung dieser einen Funktion des Stoff- und Energieerwerbs (Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987). Hierzu wäre aus orgonomischer Sicht zu sagen, daß der Kalorien-Bedarf eines Lebewesens eine Funktion des Orgonenergie-Metabolismus ist. Der eine hält Diät und wird trotzdem immer fetter, während der andere trotz Völlerei doch schlank bleibt. Es scheint hier also im Organismus ein „dritter Faktor“ zwischen Kalorienerwerb und -nutzung geschaltet zu sein.

Dieser Faktor, die biologische Orgonenergie, wird allgemeinhin „das Seelische“ genannt. Für den Mechanisten sei es jedoch, so Reich in Massenpsychologie des Faschismus, „nur nebelhafte, mystische Gegebenheit oder zum besten eine Sekretion des Gehirns.“ Demgemäß ist das Seelische für den Mechanisten „nicht mehr als der Kot, der ein Exkret des Darms ist.“

Betrachten wir den Darm aus orgonomischer Sicht: Die Orgonomie ging zu einem Gutteil aus Freuds Psychoanalyse hervor. Diese leitete sich wiederum aus der (Lamarckistisch modifizierten) Darwinistischen Abstammungslehre und der Embryologie her. Hier postulierte, neben Wilhelm Ostwald, der größte Monist, Ernst Haeckel, daß sich die Phylo- in der Ontogenese wiederholt. Ein Phänomen, das sehr schön von Hass beschrieben wird (Naturphilosophische Schriften, Bd. 1). Freud glaubte, die Phylo- und Ontogenese würde sich in der psychosexuellen Entwicklung des Kindes fortsetzen.

Es gibt in der psychosexuellen Entwicklung fünf Entwicklungsstufen, wobei in der gesunden Entwicklung aber nur die zweite und fünfte libidinös besetzt sind. Siehe dazu auch meine Ausführungen in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht.

1. Die erste Stufe in der phylogenetischen Entwicklung der Metazoen wird durch die mikroskopisch kleine Gitterkugel Volvox repräsentiert. In der Ontogenese entspricht dies der „Blastula“, einer mit Flüssigkeit gefüllten aus Zellen gebildeten Hohlkugel.

Dies entspricht funktionell dem, aufgrund von Reichs Schizophrenie-Forschung von seinem Schüler Elsworth F. Baker postulierten, „okularen Stadium“ der Entwicklung der Libido.

2. Durch Einstülpung dieser Hohlkugel entwickeln sich der „Urdarm“ und der „Urmund“. In der fötalen Entwicklung nennt man diese Stufe „Gastrula“. Freud brachte diese Entwicklungsstufe mit dem „oralen Stadium“ der Libido in Verbindung.

Reich hat, im Anschluß an Freud, entdeckt, daß analog zum Genital beim Erwachsenen der Mund beim Baby einen (oralen) Orgasmus auslösen kann. Phylogenetisch entspricht die orale Stufe den Hohltieren, z.B. den Quallen. Vielleicht macht dies verständlich, warum es einen „oralen Orgasmus“ (beim Säugling während des Stillens) überhaupt gibt. Hat doch Reich in seinem Aufsatz über „Die Ausdruckssprache des Lebendigen“ dargelegt, daß die Ausdrucksbewegung im Orgasmusreflex funktionell identisch mit der einer schwimmenden Qualle ist. Sie entspräche bei uns einer „aktuellen Mobilisierung einer biologischen Bewegungsform, die bis zum Quallenstadium zurückgeht“ (Charakteranalyse).

Der britische Psychologe Maurice Yaffe hat in den 1970er Jahren eine funktionelle Identität zwischen oralem und genitalem Funktionieren, eine enge Wechselbeziehung zwischen Tisch und Bett entdeckt. Wer sein Essen achtlos hinunterschlingt, ist höchstwahrscheinlich ein ausgemachter Sex-Muffel. Wer sich dem Menü jedoch hingebungsvoll und genüßlich widmet, verhält sich wahrscheinlich auch in der Liebe ähnlich. Yaffe stellte fest, daß Männer, für die das Essen nur eine Kalorienquelle ist, oft sexuell frustrierte Frauen hatten. Schnellesser litten entweder unter Ejaculatio praecox oder hätten entweder noch nie in den Armen einer Frau gelegen, machten sich nichts aus der Liebe oder versuchten ihren Mangel an Sex durch vermehrte Nahrungsaufnahme zu kompensieren.

3. Nach der Ausbildung des Urmundes verzweigte sich die Evolution wie folgt:

Bei den Vordermündern bildete sich am hinteren Ende des Urdarmes eine Afteröffnung aus. Hier blieb der Urmund der Mund des Tieres. Bei den Zweitmündern, zu denen auch wir gehören, war die Entwicklung genau umgekehrt: der Urmund wurde zum After, während sich am Ende des Darmes ein neuer Mund ausbildete. Beispiele sind die Seesterne und Seeigel. Die phylo- und ontogenetische Umbildung des Mundes zum After ist nach Freud das „biologische Vorbild“ der libidinösen Entwicklung von der oralen auf die anale Stufe (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie).

Hans Hass weist darauf hin, daß sich die Ekelreaktion, ähnlich einem Organ oder einer Fähigkeit, nur langsam entwickelt. Vielleicht hat das Ausbleiben einer solchen Reaktion, die sich bei jedem höheren Tier findet, beim Säugling dazu geführt, daß viele glauben, das After und seine Produkte würden dem (gesunden) Kind sexuelle Lust schenken. Demgegenüber hat Baker in Der Mensch in der Falle ganz klar geschrieben:

Das orale Stadium ist die einzige natürliche prägenitale Libidostufe. Die anderen sind Kunstprodukte unserer Kultur. Das Genitale ist, wie wir wissen, in der Phylogenese aus dem distalen Ende des Ernährungstraktes, der Kloake, entwickelt worden. Eine erogene Zone wird dadurch wichtig, daß sie in der Entwicklung ganz oder teilweise in bezug auf die erotische Erregung an die Stelle des Genitales treten kann. Die orale Zone tut dies normalerweise im Säuglingsalter. Die anderen tun es nur, wenn Blockierungen vorhanden sind.

4. Mit der „Kloake“, der funktionellen Einheit von After und Genitalapparat, ist phylogenetisch die phallische Organisationsstufe erreicht, aus der sich dann das Genital herausdifferenziert. „Biologisches Vorbild“ dieses Libidostadiums beim Menschen ist nach Freud „die indifferente für beide Geschlechter gleichartige Genitalanlage des Embryos.“ In der Evolution erstreckte sich dieser Zustand von den Urfischen bis zu den primitiven Säugern.

5. In den 1930er Jahren beobachtete Reich unter dem Mikroskop bei Einzellern ähnliche Vorgänge wie bei seinen Patienten (Orgasmusformel und -reflex). Diese Prozesse umfaßten jeweils den gesamten Organismus in seiner Totalität. Bei den Tieren, die zwischen den Einzellern und den höheren Säugern stehen, wird man (außer vielleicht bei Quallen und ähnlichen Tieren) jedoch kaum eine den ganzen Organismus umfassende orgastische Konvulsion („orgastische Potenz“) finden. Dort scheint sie sich immer nur auf Teilbereiche des Organismus zu erstrecken. Dementsprechend kann man die phylogenetische, ontogenetische und libidinöse Entwicklung als Koordination der orgastischen Funktion, als Weg zu ihrer Wiederherstellung betrachten. Der gepanzerte Mensch hat diesen Weg wieder verlassen.

Die genitale Stufe, die mit 5 erreicht ist, ist funktionell identisch mit der Herausbildung des Bewußtseins: in uns ist die Orgonenergie erwacht. Dazu hat Reich 1944 in Orgonotic Pulsation das folgende geschrieben:

Während der ersten paar Monate des postnatalen Lebens kann man beobachten, wie die Organfunktionen (Bewegungen der Augen, Arme, Beine; das Zugreifen, aufrecht Sitzen, etc.) miteinander koordiniert werden, während andererseits die Lust-, Angst- und Wutreaktionen auch detaillierter, koordinierter und einheitlicher werden. Dann folgt Schritt auf Schritt der Kontakt zwischen der Bewegung der Organe und ihrer Wahrnehmung, der Reaktionen der Organe auf die Wahrnehmung und die Reaktion der Wahrnehmung auf die Bewegung der Organe. Mit der Koordination der individuellen, bis jetzt zwecklosen Bewegungen in zweckgerichtete und ganzheitliche Körperbewegungen; mit der Koordination der individuellen Empfindungen in die Wahrnehmung des ganzen Körpers; und mit der Koordination des ganzheitlichen Antriebes des Körpers mit der Wahrnehmung des Körpers entwickelt sich allmählich das, was wir Bewußtsein nennen.

Daß nur der Mensch die Genitalität und ein Bewußtsein voll ausgebildet hat, erklärt im übrigen auch, warum der Mensch als einziges Energon neben seinem „Berufskörper“ (der der Energiegewinnung dient) auch einen „Luxuskörper“ (der der lustvollen Energieabgabe dient) ausgebildet hat, um Begriffe von Hans Hass zu benutzen.

Die hier beschriebene Entwicklung hin zur Orgasmusfunktion wird in der Orgontherapie wiederholt, indem vom okularen zum Becken-Panzerungssegment, von oben nach unten alle Blockierungen der organismischen Orgonenergie aufgelöst werden, bis schließlich der ganze Körper bioenergetisch koordiniert ist. Auf diesen orgonotischen Prinzipien beruht die orgonomische Charakterologie:

  1. okulare Charaktere: Schizophrenie, Epilepsie, Voyeurismus;
  2. orale Charaktere: der infantile Charakter;
  3. anale Charaktere: passiv-feminine und Zwangsneurotiker, Masochisten;
  4. phallische Charaktere: phallisch-narzißtische, chronisch und manisch depressive Charaktere, Paranoiker;
  5. genitale Charaktere: Hysterie, der Genitale Charakter.

Diese Einteilung wird sowohl von Psychiatrie und Psychoanalyse (die ohne Reichs Charakteranalyse schwer vorstellbar wäre) als auch von allen „Reichianern“ abgelehnt, da sie nichts von der Genitalfunktion wissen wollen.

Folgerichtig, und weil „der emotionell Pestkranke (…) in Unruhe oder Wut [gerät], wenn von den Mechanismen der emotionellen Pest die Rede ist“ (Charakteranalyse), wird erstrecht die sozio-politische Charaktereinteiilung bekämpft.

Sie beruht auf Reichs Erkenntnis,

daß die verschiedenen politischen und ideologischen Gruppierungen der menschlichen Gesellschaft den Verschiedenen Schichten der menschlichen Charakterstruktur entsprechen. (Massenpsychologie des Faschismus)

Nach Reich und Elsworth F. Baker gibt es derer vier:

Näheres findet sich in Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie.

Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich

16. Mai 2014

Zentral für Reichs Herangehensweise ist seine Beschreibung des Autonomen Nervensystems, das sich aus dem Parasympathikus (Vagus) und dem Sympathikus zusammensetzt. Der erstere steht für Expansion, Lust, Leben und Wachstum, der letztere für das Gegenteil. Deshalb heißt es in einer der Überschriften von Dr. Müschenichs Werk Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich (Marburg 1995): „chronische Sympathikotonie in der Genese psychosomatischer Krankheiten“.

In diesen Zusammenhang paßt eine schwedische Studie, die gezeigt hat, daß dem Gedächtnis von Demenzkranken durch eine elektrische Reizung am Vagusnerv auf die Sprünge geholfen werden kann. Bei Alzheimerkranken kann diese Stimulation den Erkrankungsverlauf bremsen, allgemein aktivierend und antidepressiv wirken. Doch der mechanistischen Medizin bleibt der Mechanismus, der hinter dieser Methode steckt, ein Rätsel.

Chemische Verbindungen wie Lezithin und Cholin sind „funktionell identisch“ mit dem Parasympathikus. Auf der Website cholinebaby.com ist im Detail nachzulesen, daß sich das Babygehirn durch Cholin besser entwickelt. Deshalb sollten Frauen während der Schwangerschaft z.B. Eier, Leber und Pilze zu sich nehmen.

„Sympathikotonie“, d.h. die Kontraktion des Biosystems, ist die nach dem auf Stressoren reagierenden sympathischen Nervensystem benannt, das den Körper auch dann noch stimuliert, wenn schon längst jede äußere Bedrohung weggefallen ist. Dieses Streßsyndrom, d.h. der Körper ist ständig buchstäblich angespannt (Panzerung), hat auch eine biochemische und hormonelle Seite. Beispielsweise findet man bei Menschen, die in der Kindheit traumatisiert wurden, lebenslang einen erhöhten Level des Streßhormons Kortisol. Zur Kortisol-Ausschüttung siehe auch Die Kinder der Zukunft und die Genetik (Teil 3).

Die mechanistische Medizin kann keinerlei „biologischen Grund“ dafür angeben, warum das in der akuten Streßsituation lebenserhaltende Kortisol bei längeren Belastungen kontraproduktiv lange, unter extremen Bedingungen sogar lebenslang, den Organismus beherrscht. Vielleicht bietet die 1935 von Reich entdeckte „bio-elektrische Enttäuschungsreaktion“ einen Erklärungsansatz: nach einem schockartig erfolgenden unlustvollen Reiz (Traumatisierung) reagiert die biologische Energie für geraume Zeit nur noch vorsichtig und träge auf lustvolle Reize. Die Überwindung dieser zähen „negativen bio-elektrischen Konditionierung“ ist Aufgabe der Orgontherapie, die sich deshalb über Jahre hinziehen kann.

Andrew Steptoe und sein Forscherteam vom University College London berichten, daß glückliche Menschen relativ geringe Mengen von Kortisol in ihrem Blut haben und entsprechend weniger an Diabetes, Bluthochdruck, Erkrankungen des Immunsystems, etc. leiden, als unglückliche Menschen. Die Nachrichtenagentur dpa meldete dazu:

Die Ergebnisse der Forscher deuten darauf hin, daß es einen Zusammenhang zwischen psychologischem Glück und biologischen Prozessen beim Menschen gibt.

Der revolutionäre Stand der bio-medizischen Forschung im 21. Jahrhundert. Acht Jahrzehnte nach Reich!

Der Psychologe Stephen Cohen und seine Kollegen von der Carnegie Mellon University (Pittsburgh, PA ) haben 193 Freiwillige im Alter zwischen 21 und 55 aufgefordert, einige Wochen ihre Stimmung und ihr Gefühlsleben zu bewerten. Danach wurden sie mit Schnupfen- und Grippeviren infiziert. Diejenigen, die glücklich, lebendig, ausgeglichen waren und andere positive Emotionen zeigten, waren besser gegen Erkältungen gefeit und litten unter weniger Symptomen. Das ist unabhängig von Persönlichkeitsmerkmalen wie Optimismus, Extrovertiertheit und Selbstbewußtsein. Auch spielt Alter, Geschlecht oder Körpergewicht keine Rolle. Das Gegenteil ist nicht der Fall: traurige, ängstliche oder wütende Probanden waren von normalen nicht zu unterscheiden.

Aus orgonomischer Warte ist anzufügen, daß es ganz ähnlich bei Menschen aussieht, die regelmäßig den Orgonenergie-Akkumulator benutzen. Auch sie sind weitgehend gegen Erkältungen gefeit. Man kann davon ausgehen, daß die Orgonenergie in glücklichen Organismen freier strömt als in unglücklichen oder „normalen“.

Wie an anderer Stelle angedeutet, stellen die medizinischen Orgonomen Robert A. Harman, Charles Konia und andere den Schlaf im allgemeinen und den Traum im besonderen in einem orgonomischen Kontext dar. Kurz gesagt ist dieser Zustand, in dem wir mehr oder weniger ein Drittel unseres Lebens verbringen, unverzichtbar für unsere bioenergetische Regeneration. Es ist keine „verlorene Zeit“, sondern ganz im Gegenteil die Zeit, in der sich das plasmatische System, insbesondere das Autonome Nervensystem, voll entfaltet und seine Vorherrschaft über das Gehirn immer wieder von neuem etabliert.

The Journal of Orgonomy (Vol. 28, No. 1, Spring/Summer 1994)

30. Juli 2012

Ich kann mich gut erinnern, daß wir beim Biologieunterricht auf dem Gymnasium fast die gleiche Tabelle des Autonomen Nervensystems durchgegangen sind, wie sie Reich Mitte der 1930er Jahre in Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst abgedruckt hat:

Die Lehrerin meinte, man habe wohl oft behauptet, die parasympathische Reaktion stehe für Expansion, die sympathische für Kontraktion, aber wenn man die Tabelle durchgehe, sehe man schnell, daß das einfach nicht stimme, denn beispielsweise kontrahiert die Iris bei einer parasympathischen Innervation, während sich die Arterien erweitern.

An diesem Beispiel sieht man sehr schön den Unterschied zwischen dem mechano-mystischen und dem funktionalistischen Denken. Die Biologin denkt mystisch in Absolutheiten, sozusagen in „Platonistischen Ideen“: „Expansion an sich“ gegen „Kontraktion an sich“. Dann schaut sie mechanistisch auf die vermeintliche „Wirklichkeit“ und sieht keine bzw. nur vage Korrelationen. Sie mutiert zur „Skeptikerin“ und wischt die Idee „Expansion gegen Kontraktion“ verächtlich vom Tisch.

Der Funktionalist hingegen sieht die einzelnen Innervationen durch das Autonome Nervensystem im funktionellen Zusammenhang. Es ist hoffnungslos, dies der besagten Biologin erklären zu wollen, weil ihr aufgrund ihrer Panzerung das Konzept „gesamtorganismisches Funktionieren“ sowieso wesensfremd ist.

Charles Konia beschäftigt sich in „The Plasmatic System, Part II: The Endocrine System“ (S. 4-22) mit den Hormonen, die in die Blutbahn ausgeschüttet werden und die durchweg der parasympathischen Funktion (Ladung) bzw. der sympathischen Funktion (Entladung) zugeordnet werden können.

Der parasympathischen Funktion entspricht

  1. einer Senkung des Blutzuckerspiegels und Kalziumspiegels durch Insulin bzw. Calcitonin;
  2. einer Senkung des Plasmavolumens durch Hemmung von Aldosteron und Cortisol; und
  3. einer Erhöhung der Keimdrüsenhormone.

Die sympathische Funktion entspricht:

  1. einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels und Kalziumspiegels durch Glucagon bzw. Parathormon;
  2. einer Erhöhung des Plasmavolumens durch Stimulierung von Aldosteron und Cortisol; und
  3. einer Senkung der Keimdrüsenhormone.

Konia, der des weiteren die Beziehung zwischen Hormonen und Rezeptoren auf die primordiale orgonotische Wahrnehmungsfunktion zurückführt, schließt:

Das funktionelle Denken erlaubt es, die zahlreichen spezifischen biochemischen Reaktionen innerhalb dieses Rahmens einzuordnen. Das umfaßt ein Verständnis der Entwicklung des biologischen Funktionierens vom Einfachen ausgehend hin zum Komplexen. Zugegebenermaßen ist das ein sehr ehrgeiziges Projekt. Seine Durchführung wird ein tiefschürfendes Bild von biologischen Funktionen bieten, das den gegenwärtigen mechano-mystischen Theorien überlegen ist.