Posts Tagged ‘parasympathisch’

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 5)

5. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

ERGEBNISSE DER ZEITGENÖSSISCHEN NEUROWISSENSCHAFT UND PSYCHOTHERAPIE, DIE PARALLEL ZUR ORGONOMISCHEN PERSPEKTIVE VERLAUFEN (Fortsetzung)

Das ANS hat in letzter Zeit sowohl in der psychotherapeutischen als auch in der neurowissenschaftlichen Literatur immer mehr Aufmerksamkeit erhalten. „Das Spiegelneuronensystem des Gehirns sorgt dafür, daß wir tatsächlich von selbst mit unseren Patienten in Resonanz treten“ (Wallin 2007, S. 296). Stephen Porges, ein Physiologe und Experte für das parasympathische Nervensystem, hat vorgeschlagen (2011), was er als „polyvagale Theorie“ bezeichnet. Porges ist der Direktor des Brain-Body Center an der University of Illinois:

Nach der Theorie von Porges hat die autonome Regulierung des Menschen drei Verfahrensebenen. Die früheste und primitivste Form der autonomen Regulation, die sich entwickelt, ist ein extremer parasympathischer Zustand, der vom dorsalen (hinteren) Aspekt des Vagusnervs kontrolliert wird. Neben normalen parasympathischen Funktionen kann die hintere Nervenwurzel den Organismus in den Zustand eines extrem langsamen Stoffwechsels versetzen. Dieser extreme Zustand wurde von Reptilien genutzt, um unter Wasser Sauerstoff zu sparen, und in einer Reihe anderer Situationen. Säugetiere verwenden diesen Zustand unter lebensbedrohlichen Umständen, in denen Flucht keine Option ist. In diesem Zustand extremen dorsalen Vagotonus sind Herz, Atemfrequenz und Muskeltonus niedrig, und das Säugetier hat nur eine sehr geringe Fähigkeit, auf die Welt Bezug zu nehmen oder auf sie zu reagieren. Der Einfachheit halber beschreiben wir diesen Zustand als Immobilisierung. Wenn dies beim Labortier auftritt, bleibt das Tier stehen, wird schlaff und defäkiert.

Die nächsthöhere Stufe der autonomen Regulierung ist die Erregungsreaktion des Kampfes oder der Flucht mit hohem Sympathikus … Der Erstarrungszustand ist ebenfalls einer hoher sympathischer Erregung. Im erstarrten Zustand bewegt sich das Tier nicht, hat aber eine hohe Herz- und Atemfrequenz und einen hohen Muskeltonus. Dies unterscheidet sich deutlich vom Immobilisierungszustand, der das entgegengesetzte physiologische Profil aufweist. Der Erstarrungszustand kann je nach Wahl auftreten, um sich vor Raubtieren zu verbergen oder den Tod vorzutäuschen, oder, wie es beim Menschen am häufigsten vorkommt, kann das Tier erstarren, weil es nicht reagieren kann, aber dennoch einen hohen sympathischen Ton aufrechterhält. Die verbreitete Ansicht in der Traumatheorie lautet, daß der Erstarrungszustand aus der gleichzeitigen Erregung des sympathischen und des parasympathischen Nervensystems resultiert.

Schließlich erkennt die Polyvagal-Theorie eine dritte und am weitesten fortgeschrittene Strategie des autonomen Nervensystems an, das social engagement system [System, das auf Kontakt und Kommunikation ausgerichtet ist]. Dieses System umfaßt die vordere Nervenwurzel des Vagus sowie Aspekte anderer Hirnnerven. Zusammen steuern diese Nerven und ihre jeweiligen Nuklei im Gehirn die soziale Bindung und das Einsetzen von Verhaltensweisen wie Gesichtsausdruck, Vokalisation, Zuhören und Saugen. Bei sozialem Engagement oder hohem ventralem Vagotonus variieren Herz- und Atemfrequenz, beschleunigen und verlangsamen sich je nach Erleben. Man stelle sich Laborratten vor, die an einer Gruppenerfahrung teilhaben. Jede Ratte nimmt Kontakt mit anderen Ratten auf und beendet ihn wieder, nähert sich, schnüffelt und zieht sich zurück. Dabei geht ihre Herzfrequenz auf und ab, der Tonus ihrer Gesichtsmuskeln variiert, Augen, Nasen und Ohren bewegen sich aufeinander zu und voneinander weg. Sie haben die Fähigkeit, mit einer Vielzahl von Verhaltensweisen zu reagieren. Diese Variabilität ist wesentlich für das Engagement. Es kann als grundlegender Aspekt der Reaktionsfähigkeit oder Abstimmung angesehen werden. Sieht man, daß die Wurzeln des sozialen Engagements, der Reaktionsfähigkeit und der Abstimmung im Hirnstamm beheimatet sind, erkennt man, daß emotionale Relationalität die Grundlage der menschlichen Natur ist. (Aposhyan 2004, S. 41-44)

Wir sehen hier Resonanzen mit und einige mögliche Unterschiede zu Reichs konzeptioneller Annäherung an das ANS. Es ist nicht Gegenstand dieses Artikels die Feinheiten und Komplexitäten auseinanderzuklauben, die beim Vergleich der aktuellen Konzepte des ANS mit der standardmäßigen orgonomischen Konzeptionierung anfallen. Das ANS steht jedoch im Vordergrund des gegenwärtigen psycho-physiologischen Denkens. Das ANS wird auch bei einer Vielzahl von psychiatrischen Erkrankungen untersucht, wie z.B. der Borderline-Persönlichkeitsstörung, der antisozialen Persönlichkeitsstörung und der multiplen Persönlichkeitsstörung (siehe beispielsweise Nijenhuis und den Boer 2009, S. 349f).

Eine weitere starke Strömung im Bereich der zeitgenössischen Psychotherapie ist das wachsende Interesse an Achtsamkeitsmeditation. Die orgonomische Therapie hat einen Ansatz, der von Meditation sehr verschieden ist und in gewisser Weise auch antithetisch zur Meditation steht, ich erwähne jedoch die Achtsamkeits-Bewegung, weil sie ein weiteres Beispiel dafür ist, wie unsere Kultur begonnen hat sich Ansätze zu eigen zu machen, die sich auf die Geist-Körper-Beziehung und das ANS konzentrieren. Die Achtsamkeitsmeditation konzentriert sich auf die Rolle des ANS bei Streß sowie bei psychischen und medizinischen Störungen und hat sich in kontrollierten Studien zur Behandlung einer Reihe von psychologischen und psychosomatischen Störungen als wirksam erwiesen.

Die Verhaltenstherapie ist eine andere Art von Therapie, die sich in ihrer Orientierung weitgehend von der orgonomischen Therapie unterscheidet. Die Verhaltenstherapie konzentriert sich jedoch auch darauf, daß der Patient lernt, wie er mit seinem autonomen Tonus umgeht, beispielsweise durch Übungen zur Aktivierung der sogenannten „Entspannungsreaktion“, bei der die parasympathische Aktivität verstärkt wird.

 

Literatur

  • Aposhyan S 2004: Body-Mind Psychotherapy. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Nijenhuis E, den Boer J 2009: Psychobiology of Traumatization and Trauma-Related Structural Dissociation of the Personality. In: Dell P and O’Neill J (Eds.): Dissociation and the Dissociative Disorders. DSM V and Beyond. New York and London: Routledge
  • Porges S 2011: The Polyvagal Theory. New York and London: W.W. Norton and Company
  • Wallin D 2007: Attachment in Psychotherapy. New York and London: The Guilford Press

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Das autonome Nervensystem

19. März 2015

Das autonome Nervensystem ist von jeher ein Stiefkind der Medizin gewesen.

Reich wurde ganz entscheidend von dem monumentalen Lehrbuch Lebensnerven und Lebenstrieb (dritte wesentlich erweiterte Auflage des Vegetativen Nervensystems) von L.R. Müller beeinflußt (Verlag von Julius Springer 1931). Im Zentrum von Reichs Überlegungen stand der Unterschied zwischen dem sympathischen und parasympathischen Teil des autonomen Nervensystems.

In einer Rezension des Lehrbuches Das autonome Nervensystem, erschienen 2009, heißt es, daß Aufbau und Funktionieren des autonomen Nervensystems sehr gut erklärt würden, doch:

Spätestens bei der Abhandlung der Funktionen des Sympathikus/Parasympathikus und dem Zusammenspiel peripherer und zentraler vegetativer Strukturen werden die Komplexität und die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten dieser Vorgänge klar. Viele Fragen müssen hier noch offenbleiben.

Reichs erster Schritt von der Psychoanalyse in die Biophysik war es, genau diese Komplexität, die bis heute die mechanistische Medizin vor ein Rätsel stellt, funktionell aufzulösen.

Verfolgen wir kurz Reichs Weg:

Steigt sein Energieniveau an, bekommt der Neurotiker Angst und verhält sich entsprechend, um das Energieniveau wieder zu senken. Dieser Aspekt der Angst entspricht Freuds Auffassung von der Angst als „Signal an das Ich“ und als Ursache der Verdrängung, wie Freud sie 1926 in Hemmung, Symptom und Angst dargelegt hat (siehe Charles Konia: „Orgone Therapy [Part 12]“, The Journal of Orgonomy, 25[2], November 1991).

Reich konnte aufzeigen, wie Angst gleichzeitig Ursache und Folge der Triebverdrängung sein kann, indem er z.B. die Erwartungsfurcht bei Erythrophoben mit ihrer Sexualstauung verknüpfte, die dieser Furcht die affektive Ladung gab. Brachte man den Erythrophoben dazu, sich Onanie ohne Schuldbewußtsein zu gestatten, nahm auch die Angst ab und wurde beherrschbar. Er war dadurch in der Lage sexuelle Beziehungen zu knüpfen, was die Sexualstauung vollends beseitigte.

Dieses Kriterium, nämlich sexuelle Befriedigung, ermöglicht es zwischen neurotischer Angst und gesunder Angst zu unterscheiden. So nahm Reich Freuds ursprüngliche Angsttheorie, Angst sei das Ergebnis von Verdrängung, als Ausgangspunkt seines sexualökonomischen und später orgonomischen Ansatzes. An der Frage der Angst „trennen sich (…) unvereinbar die Wege der Psychoanalyse und die der Sexualökonomie“ (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 31).

Reich blieb also bei Freuds Vorstellung von der „Aktualneurose“ (die auch den Kern aller Psychoneurosen bildet), die Freud zufolge Ausdruck gestauter Sexualität war, weshalb sie Reich auch als „Sexualstauungsneurose“ bezeichnete.

Freud nahm „chemische Sexualstoffe“ an, die, nicht korrekt „abgebaut“, nervöses Herzklopfen, Herzschlagunregelmäßigkeiten, akute Angstanfälle, Schweißausbrüche und andere Symptome am vegetativen Lebensapparat auslösen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 72)

Desgleichen vergleicht Reich die Symptome, die frustrierte Genitallibido zeitigt, mit einer Nikotinvergiftung und der sie begleitenden „Herzangst“ (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 65f). Freud hatte also mit seiner Intuition der „toxischen Sexualstoffe“ recht. Dazu schreibt Reich:

Die Sexualbefriedigung im Orgasmus bedeutet (…) eine physiochemische Auffrischung der übrigen vegetativen Funktionen. Ich erwähne bloß das körperliche Erblühen der sexuell befriedigten Frau und dessen Gegensatz, das frühzeitig körperliche Welken der viel verspotteten „alten Jungfrau“, die nicht älter zu sein braucht als ihre glücklichere Geschlechtsgenossin. Das gleiche gilt für den Mann. (ebd., S. 72)

Der psychologisch orientierte Freud hat davon abgesehen, seine Vorstellung von der Aktualneurose weiter chemisch-pharmakologisch zu begründen und mit dem vegetativen System zu verbinden. Beides sollte Reich gelingen.

Im gleichen Jahr, in dem Freud seine neue Angsttheorie publizierte, tat Reich in konsequenter und bruchloser Fortführung des ursprünglichen Ansatzes von Freud diesen Schritt in seinem, ein Jahr später (1927) erschienen Buch Die Funktion des Orgasmus. Hier setzte er die Aktualneurose mit der vasomotorischen Neurose gleich, bei der die motorisch nicht abgeführte Genitallibido stattdessen das vasovegetative System innerviert und für periphere Vasokonstriktion, arteriellen Hochdruck, Herzbeschwerden (Asystolie, Tachykardie, Arrhythmien, Extrasystolen, etc.), Mydriasis, Versiegen der Speichelsekretion, kalte Schweißausbrüche, Hitze- und Kälteempfindungen, Erschlaffung der Muskulatur mit Tremor, Schwindel, Diarrhöen, etc. verantwortlich ist (siehe Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 63 und Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 39).

Bei der sexuellen Erregung unterscheidet Reich folgende Phasen:

1) Spannungslose Speicherung der Sexualenergie im vegetativen System.
2) Spontane oder willkürliche Konzentration der Libido auf den Genitalapparat (sexuelle Spannung und vasomotorische Erscheinungen).
3) Fortschreitende Überleitung ins sensorische System (Vorlust (…)).
4) Überleitung ins motorische System (Aufstieg zur Akme – Endlust (…)).
5) Rückströmen ins vegetative System, Zustand wie bei 1: Das Genitale und der übrige sensorische Apparat sind entlastet, die Muskulatur ist entspannt. (Die Funktion des Orgasmus, 1927, S. 70)

Wird nun dieser Erregungsablauf, etwa durch Coitus interruptus, unterbrochen und die vegetative Erregung nicht motorisch entladen, kommt es zu den oben erwähnten vasomotorischen Störungen, die sich über kurz oder lang in regelrechte organische Schädigungen verwandeln können.

Reich konnte in den 1920er Jahren bei seinen Patienten unmittelbar den Wechsel von Angst mit kardialer Erregung und Lust mit genitaler Erregung verfolgen (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 35). Schon 1924 hatte Reich zwei Frauen mit Herzangstneurose therapiert, bei denen die Herzangst nach genitaler Erregung nachließ. Dabei konnte Reich den Sitz der Angstempfindungen in der Herz- und Zwerchfellgegend lokalisieren (Die Funktion des Orgasmus, S. 102), wodurch zum ersten Mal Freuds ursprüngliche Angsttheorie, daß unverarbeitete Libido sich „irgendwie“ in Angst umwandelt klinisch greifbar wurde:

Es liegt keine „Verwandlung“ von Sexualerregung vor. Dieselbe Erregung, die am Genitale als Lustempfindung zum Vorschein kommt, meldet sich, wenn sie das Herzsystem erfaßt als Angst, mithin als das genaue Gegenteil der Lust. (ebd., S. 102)

Bei einer Asthma-Patientin, die Reich 1925 therapierte, konnte er ein „Oszillieren der sexuellen Erregung zwischen Luftröhre-Rachen auf der einen und Becken auf der anderen Seite“ beobachten.

Das Asthma verschwand mit jedem Fortschritt der Vaginalerregung und kam wieder mit jedem Rückschritt der Erregung auf die Atemorgane. (ebd., S. 123)

Diesen Gegensatz zwischen Becken (Lust) und Brustkorb (Angst) erweiterte Reich im folgenden zum Konzept der ganzkörperlichen Pulsation: Expansion mit Erregung der Peripherie (Lust) und Kontraktion mit Erregung des Zentrums (Angst). Eine Pulsation, die er schon beim Einzeller konstatierte:

Plasmaströmungen, von denen die eine in der Richtung Zentrum → Peripherie, die andere in der Richtung Peripherie → Zentrum abläuft. (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 290)

Allein schon im Wechsel von Exspiration (parasympathische Expansion, Körper streckt sich) und Inspiration (sympathische Kontraktion, Körper zieht sich zusammen) zeigt sich eine Pulsation, wie man sie auch bei Einzellern findet: der Wechsel von Kugeltendenz (Kontraktion) und Streckung (Expansion).

Dabei ist entscheidend wie Reich biochemisch-pharmakologische Einzelerscheinungen in ein funktionelles Ganzes einbinden konnte. Er betrachtete die biologische Funktion, nicht die pure Biochemie. Das gleiche gilt für Reichs Beiträge zu einer umfassenden neurologischen Theorie.

Die gegensätzlichen körperlichen Symptome von Angstzustand und sexueller Erregung konnte Reich lückenlos mit dem antagonistischen Funktionieren des Sympathikus und Parasympathikus verbinden. Auch wenn man nicht im einzelnen nachweisen kann, daß der Sympathikus stets kontraktil, der Parasympathikus stets expansiv wirkt. Betrachtet man das antagonistische Funktionieren des autonomen Nervensystems jedoch von der Warte des Gesamtorganismus, machen vorgebliche Inkonsistenzen sehr wohl Sinn. Der Parasympathikus ist dann identisch mit einer allgemeinen Expansion hin zur Welt. Er weitet die Gefäße an der Peripherie des Organismus und das Herz kann ruhig und langsam arbeiten. Genau umgekehrt ist es beim Sypathikus.

Die sympathische Angstfunktion ist einheitlich sinnvoll, wenn derselbe Nerv, der die Speicheldrüse hemmt, die Adrenalinausschüttung, also die Angst, fördert. Dasselbe ist an der Harnblase der Fall, wo das Angstnervensystem den Muskel erregt, der den Abfluß des Harns behindert, den Muskel dagegen, der den Harn aus der Blase entleert, zum Erschlaffen bringt oder hemmt; der Vagus wirkt umgekehrt. Es ist ebenso, aufs Ganze bezogen, sinnvoll, daß in der lustvollen Spannung die Pupille (…) vagisch verengt, die Sehschärfe steigert, sie in der angstvollen Lähmung dagegen durch Erweiterung herabsetzt. (Die Funktion des Orgasmus, S. 223)

Es ist offensichtlich, daß sich daraus unmittelbar ein Gesundheitskriterium ergibt, da man ein verläßliches Schema hat, wie der Organismus in einer gegebenen lust- bzw. unlustvollen Situation natürlicherweise biologisch reagieren muß. Irgendwelche Diskrepanzen zeigen, daß die Pulsation des Organismus gestört ist (man denke an Personen, die ständig geweitete Pupillen haben oder unter fettiger Haut leiden, „Angstschweiß“):

Die chronische Sympathikotonie des Organismus – ein genereller Schockzustand – ist der somatische Ausdruck der Orgasmusangst. Wie wir gesehen haben, beruhen alle Biopathien auf der angstvollen „Atemsperre“, die aber nur der Grundmechanismus dieser viel umfassenderen allgemeinen Kontraktion des gesamten Organismus ist. In Die Funktion des Orgasmus (S. 272-277) zählt Reich eine ganze Reihe von Krankheitsbildern auf, die alle Folge dieser Sympathikotonie sind, wie z.B. Hypertonie des Gefäßsystems, Muskelrheumatismus, Asthma, Magengeschwüre und Krebs. So gelang es Reich praktisch alle Krankheiten, die nicht auf Ansteckung, Erbschäden oder Unfällen beruhten über die Sympathikotonie und die Atemsperre auf die orgastische Impotenz zurückzuführen.

Hier ist nun ein offensichtlicher Widerspruch in der Darstellung aufzulösen, denn Krankheiten wie Asthma (und tatsächlich die meisten somatischen Biopathien), die Reich auf Sympathikotonie zurückgeführt hat, beruhen ja eindeutig auf vagotoner Innervation. Reich selbst hat lange mit diesem Widerspruch gerungen, der sein ganzes Konzept hätte sprengen können. Dazu zitiere ich die folgenden Erinnerungen des Orgonomen Ellsworth F. Baker aus dem Jahre 1947:

Bei einer anderen Sitzung des inneren Kreises besprach Reich Asthma. Er sagte, daß er Asthma nicht verstehen könne, eine Biopathie die auf einer parasympathetischen Erregung beruht. Parasympathetisch ist gleichbedeutend mit einer expansiven Reaktion. Ich stellte in den Raum, die parasympathetische Erregung entspräche nur dem Versuch, die zu Grunde liegende Angst zu überwinden, und daß sympathetische Erregung vorliege, wie in allen anderen Biopathien auch. Reich fand, daß dies etwas für sich habe und weiter studiert werden sollte. (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich”, The Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976)

Baker hebt in seinem 20 Jahre später erschienen Buch ausdrücklich hervor, daß alle Biopathien (letztendlich) auf Sympathikotonie beruhen (Der Mensch in der Falle).

The Journal of Orgonomy (Vol. 28, No. 1, Spring/Summer 1994)

30. Juli 2012

Ich kann mich gut erinnern, daß wir beim Biologieunterricht auf dem Gymnasium fast die gleiche Tabelle des Autonomen Nervensystems durchgegangen sind, wie sie Reich Mitte der 1930er Jahre in Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst abgedruckt hat:

Die Lehrerin meinte, man habe wohl oft behauptet, die parasympathische Reaktion stehe für Expansion, die sympathische für Kontraktion, aber wenn man die Tabelle durchgehe, sehe man schnell, daß das einfach nicht stimme, denn beispielsweise kontrahiert die Iris bei einer parasympathischen Innervation, während sich die Arterien erweitern.

An diesem Beispiel sieht man sehr schön den Unterschied zwischen dem mechano-mystischen und dem funktionalistischen Denken. Die Biologin denkt mystisch in Absolutheiten, sozusagen in „Platonistischen Ideen“: „Expansion an sich“ gegen „Kontraktion an sich“. Dann schaut sie mechanistisch auf die vermeintliche „Wirklichkeit“ und sieht keine bzw. nur vage Korrelationen. Sie mutiert zur „Skeptikerin“ und wischt die Idee „Expansion gegen Kontraktion“ verächtlich vom Tisch.

Der Funktionalist hingegen sieht die einzelnen Innervationen durch das Autonome Nervensystem im funktionellen Zusammenhang. Es ist hoffnungslos, dies der besagten Biologin erklären zu wollen, weil ihr aufgrund ihrer Panzerung das Konzept „gesamtorganismisches Funktionieren“ sowieso wesensfremd ist.

Charles Konia beschäftigt sich in „The Plasmatic System, Part II: The Endocrine System“ (S. 4-22) mit den Hormonen, die in die Blutbahn ausgeschüttet werden und die durchweg der parasympathischen Funktion (Ladung) bzw. der sympathischen Funktion (Entladung) zugeordnet werden können.

Der parasympathischen Funktion entspricht

  1. einer Senkung des Blutzuckerspiegels und Kalziumspiegels durch Insulin bzw. Calcitonin;
  2. einer Senkung des Plasmavolumens durch Hemmung von Aldosteron und Cortisol; und
  3. einer Erhöhung der Keimdrüsenhormone.

Die sympathische Funktion entspricht:

  1. einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels und Kalziumspiegels durch Glucagon bzw. Parathormon;
  2. einer Erhöhung des Plasmavolumens durch Stimulierung von Aldosteron und Cortisol; und
  3. einer Senkung der Keimdrüsenhormone.

Konia, der des weiteren die Beziehung zwischen Hormonen und Rezeptoren auf die primordiale orgonotische Wahrnehmungsfunktion zurückführt, schließt:

Das funktionelle Denken erlaubt es, die zahlreichen spezifischen biochemischen Reaktionen innerhalb dieses Rahmens einzuordnen. Das umfaßt ein Verständnis der Entwicklung des biologischen Funktionierens vom Einfachen ausgehend hin zum Komplexen. Zugegebenermaßen ist das ein sehr ehrgeiziges Projekt. Seine Durchführung wird ein tiefschürfendes Bild von biologischen Funktionen bieten, das den gegenwärtigen mechano-mystischen Theorien überlegen ist.