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Charakteranalyse war von Anfang an Bekämpfung der Emotionellen Pest

26. Juni 2023

In Ein Wort zum „Pride Month“, oder: Wie operiert das absolut Böse? habe ich mich mit der Funktionsweise der Emotionellen Pest beschäftigt und dabei die ersten beiden Schichten der biophysischen Struktur behandelt: den bioenergetischen Kern und die mittlere bzw. „sekundäre“ Schicht. Was aber gegen das Vorgehen der Emotionellen Pest tun und was ist mit der dritten Schicht, der äußeren Fassade? Die beiden Fragen bedingen einander!

Der Hauptgegner der Emotionellen Pest ist der Spiegel! Du kannst sonstwas für Illusionen über dich selbst haben: ein Blick in den Spiegel, belehrt dich eines Besseren. Aus diesem Grund hassen die Mächtigen auch die Satiriker, die ihnen „einen Spiegel vorhalten“.

Was bedeutet es in einen Spiegel zu schauen? Der Spiegel zeigt die Fassade, die äußere Schicht der Charakterstruktur, und sagt dem bioenergetischen Kern: „Schau, das ist aus Dir geworden!“ Mit anderen Worten: Das hat die die Emotionelle Pest, die in der mittleren („sekundären“) Schicht zwischen Kern und Fassade Struktur gewordene lebensfeindliche Gesellschaft, aus dir gemacht. Du hast dich und alles, wofür du ehemals standst, verraten und verkauft!

Charakteranalyse war von Anfang an nichts anderes als das „Fremdartige“, nicht wirklich zur Person gehörige, also die Neurose auf den Neurotiker zurückzuspiegeln. Das Böse erträgt den Blick in den Spiegel nicht.

Die orgonomische Soziologie, Teil 2: Zwischen Fassade und bioenergetischem Kern

11. November 2022

Angefangen bei der Psychologie drang Reich ab 1919 immer tiefer in die Struktur des Menschen ein. Wobei man die „Tiefen“-Psychologie und das psychoanalytische Gerede von der „Libido“ nicht allzu ernstnehmen sollte. Alles bewegte sich noch im Bereich bloßer Worte, der menschlichen Vorstellungen, und war entsprechend von kulturellen Prägungen bestimmt. Zwar kann man „Psychologie“ mit „Wissenschaft von der Lebenskraft (psyche)“ übersetzen, doch diese „Lebenskraft“ ist nicht wirklich greifbar; es ist trotz aller „biologischen“ Rhetorik doch alles nur Fassade und Oberfläche.

Reich überwand dies, als er Freuds „Unbewußtes“ (also weite Bereiche des Über-Ich, Ich und Es) als gesellschaftlich bedingt entlarvte. Aus der Psychoanalyse entwickelte auf diese Weise die Charakteranalyse und, da so die Biologie zugänglich wurde, daraus schließlich die charakteranalytische Vegetotherapie, d.h. unmittelbarer Umgang mit der tatsächlichen Lebenskraft. Dieser Zugang zur Biologie bot ausschließlich die Soziologie (von socius, der Gefährte), die den Ursprung des „bösen Irrationalismus“, den Freud kurzschlußartig aus der (vermeintlichen) Biologie ableitete (ein schwaches, den Trieben wehrlos ausgesetztes Ich, der Todestrieb). Reich führte hingegen das Unbewußte auf gesellschaftliche Konflikte zurück, die als „sekundäre Schicht“ bzw. „mittlere Schicht“ verinnerlicht wurden. Wobei diese gesellschaftlichen Konflikte letztendlich natürlich auf die ödipalen Konflikte in der Kernfamilie zurückgehen.

nachrichtenbrief154

24. Mai 2020

Reich und die moderne Psychiatrie

28. Oktober 2014

In der Medizin, im Wissenschaftsbetrieb und in den populärwissenschaftlichen Medien ist Reich heute kaum mehr als eine belächelte Kuriosität.

2005 fand sich in der wöchentlichen Standeszeitschrift Deutsches Ärzteblatt (S. A1459) eine Notiz „Sexualität und Medizin – Orgasmusreflex“, die aus einem längeren Zitat aus Reichs Die Funktion des Orgasmus (1942) über den Orgasmusreflex besteht: eine einheitliche Gesamtkörperzuckung, zuckender Plasmahaufen, Orgasmusforschung führte zum biologischen Kern der seelischen Erkrankungen, der Orgasmusreflex findet sich bei allen Lebewesen, bei Einzellern in Gestalt von Plasmazuckungen. Das Deutsche Ärzteblatt kommentiert:

Hier wird auf das Paradigma der Amöbe angespielt. – Reich (1897-1957) war 1922 bis 1930 am psychoanalytischen Ambulatorium in Wien tätig, ab 1928 Mitglied der Kommunistischen Partei; 1933 Ausschluß aus der Psychoanalytischen Vereinigung und aus der KP, im Exil ab 1934, von 1939 bis zu seinem Tod in den USA; Wegbereiter der späteren Gestalt- bzw. Körpertherapie. Seine Definition des „Orgasmusreflexes“ offenbart ein strikt biologistisches Menschenbild.

Das findet sich unter der Rubrik „Medizingeschichte(n) – ausgewählt und kommentiert von H. Schott“ neben einem zweiten kurzen Artikel, „Ärzte als Patienten – Schlaflosigkeit“. Er behandelt als medizinhistorische Kuriosität ein Zitat des Arztes Giralomo Cardano aus dem Jahre 1643.

Das populärwissenschaftlichen Magazins P.M. machte vor einigen Jahren mit der Überschrift auf „Das Geheimnis der kosmischen Lebensenergie“. Im ersten Absatz wird der „umstrittene österreichische Psychologe Wilhelm Reich“ abgehandelt:

Wie er vom nicht nur genialen, sondern auch „höflichen“ Einstein in Princeton empfangen wurde, nachdem er kurz zuvor aus der Psychoanalytischen Vereinigung wegen seiner „spleenigen Ideen“ ausgeschlossen wurde. Einstein habe Reich leider bescheinigen müssen, daß der „Lichtschein“, durch den das Orgon sich manifestieren würde, eine rein subjektive Empfindung sei.

Reich nahm sich später das Leben, immer noch fest davon überzeugt, mit Orgon die „Lebensenergie des Kosmos“ sichtbar gemacht zu haben.

Reichs Tragik sei gewesen, daß er ganz dicht dran war, an dem was die meisten Menschen auf der Welt als Tatsache betrachten. Der Rest des Artikels handelt dann von „Prana“, Schamanismus und der chinesischen Medizin. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine ähnliche Scheiße ist, wie die substanzlosen Phantasien, die der Autor Karsten Flohr über Reich zusammengeschmiert hat. Für so einen Mist 3,50 EUR auszugeben… Allein schon das mit dem Selbstmord ist eine ungeheuerliche Frechheit! Typischer Qualitätsjournalismus!

Immerhin gibt es hier und da Ausnahmen. So beschäftigte sich 2004 Dr. Ulfried Geuter (FU Berlin) im Organ des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (Report-Psychologie 2/2004) mit der Geschichte der körperorientierten Psychotherapie. Er mahnte:

Die Körperpsychotherapie muß die Verbindung zur Forschung suchen. Wilhelm Reich hat dies getan, da er seine Gedanken aufgrund von experimentellen und klinischen Forschungen als bessere Theorie in der Psychoanalyse verankern wollte. Es ist sicher kein Zufall, daß ausgerechnet zur Wirkung des Orgonakkumulators eine Doppelblindstudie vorliegt, die wahrscheinlich den Kriterien des Wissenschaftlichen Beirats genügen würde; ihr zufolge erhöht sich im Akkumulator die Körperkerntemperatur (Müschenich & Gebauer, 1996).

Hier bezieht sich Geuter auf ein kurzes Referat in DeMeos Orgonakkumulator-Handbuch. Das Original von 1987, Der Reichsche Orgonakkumulator, war ursprünglich die Diplomarbeit von Dr. med. Dipl.-Psych. Stefan Müschenich.

Es sei auch auf Dr. Müschenichs umfangreiche Doktorarbeit von 1995 verwiesen, die weit umfassender ist, als ihr Titel Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich anzudeuten scheint.

Reichs „Charakterlehre“ sagt aus, „daß es neurotische Symptome ohne eine Erkrankung des Gesamtcharakters nicht gibt. Symptome sind nur Gipfel auf dem Bergrücken, der den neurotischen Charakter darstellt“ (Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 36). Vor Reich galt, daß „das neurotische Einzelsymptom (…) ausdrücklich als Fremdkörper in einem sonst gesunden psychischen Organismus betrachtet (wurde)“ (ebd., S. 35).

Mit dem gängigen Diagnoseschlüssel ICD-10:F hat sich die Situation sogar zugespitzt, da jede psychische Auffälligkeit als isolierte Erkrankung betrachtet wird. Im Idealfall ist sie auf Störungen der „Gehirnchemie“ zurückzuführen und kann entsprechend mit Pillen „geheilt“ werden. Diese Sichtweise ist sehr attraktiv, weil sie das Stigma von psychischen Erkrankungen nimmt. Wer etwa unter einer Sozialphobie leidet, braucht sich genausowenig zu schämen, wie jemand, der einen Gallenstein hat. Es ist etwas Isoliertes, das nichts mit dem eigenen Wesen bzw. dem „Charakter“ zu tun hat.

Gewisserweise ist diese Betrachtungsweise sogar richtig, denn unter der Voraussetzung, daß der Charakterpanzer nicht zu rigide ist, kann den einzelnen „isolierten“ Symptomen die Energie entzogen werden. Das ist eine der zentralen Aussagen von Reichs Sexualökonomie: „Der Gesunde hat praktisch keine Moral mehr in sich, aber auch keine Impulse, die eine moralische Hemmung erfordern würden. Die Beherrschung etwa noch vorhandener asozialer Impulse gelingt mit Leichtigkeit unter der Bedingung der Befriedigung des genitalen Grundbedürfnisses“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 30).

Jeder kann in Streßsituationen paranoid werden, sich in Zwangshandlungen verfangen, Phobien entwickeln, depressiv werden, etc. Ändert sich jedoch die Situation, kann „die Energie wieder frei fließen“, lösen sich diese Symptome in nichts auf. Panzerung ist dadurch definiert, daß die Symptome auch unter den besten Bedingungen anhalten und sich vielleicht sogar verschlimmern. Menschen verhalten sich „neurotisch“. Beispielsweise entspannen sie sich nicht etwa in einer angenehmen und freundlichen Umgebung, sondern werden noch mißtrauischer, noch depressiver, noch ängstlicher, etc. Der Energiepegel steigt und entsprechend wird die „Reaktionsbasis“ aufgeladen.

Reich ging es darum, diese „Reaktionsbasis“, beispielsweise eine chronische Augenpanzerung, aufzulösen. Erst dann lassen sich sozusagen „Restsymptome“ isoliert betrachten. Ein „genitaler Charakter“, d.h. ein „gesunder psychischer Organismus“, ist demnach kein perfektes Wesen, sondern schlicht jemand ohne chronische Panzerung, bzw. jemand, der so ist, wie es heutzutage von jedem Patienten behauptet wird: seine Symptome sind isolierte, imgrunde bedeutungslose Gegebenheiten. Das heilende „Agens“ ist die orgastische Plasmazuckung.

Nachdem Reich jahrzehntelang in der Psychiatrie als unnennbare Unperson galt, findet sich heutzutage in der Lehrbuch-Bibel der Psychiater, dem „Berger“, folgendes über Reich:

Bereits ein Jahrzehnt vor den Arbeiten Fenichels hatte Wilhelm Reich (1933 [Charakteranalyse]) einen weit umfassenderen Begriff der Abwehr formuliert. Sein Begriff des „Charakterpanzers“ beschreibt das Ergebnis eines länger währenden Bewältigungsprozesses psychosexueller Frustrationen auf kognitiver, emotionaler sowie motorischer Ebene. Das heißt, der gesamte psycho-motorische Mechanismus eines Individuums steht im Dienste der Trieb- und Bedürfnisabwehr. Dieses „Falsche-Selbst“ wird als ich-synton wahrgenommen. In Krisensituationen führen jedoch die hohe Anstrengung und der Energieverbrauch, der zur Aufrechterhaltung dieses Charakterpanzers benötigt wird, potentiell zur Dekompensation des psychischen sowie des physischen Apparates. Damit öffnete W. Reich nicht nur das Feld der Psychosomatik, sondern auch der körpereinbeziehenden Psychotherapien. (Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen – Klinik und Therapie, München – Jena: Urban & Fischer, 2004, S. 887)

wr7Durchaus zwiespältig werden meine Gefühle jedoch angesichts anderer „Rehabilitationsmaßnahmen“ in Sachen Reich. Etwa der Gedenktafel, die seit 2007 an Reichs Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf in der Schlangenbader Straße 87 prangt. Einerseits ist es immer gut, wenn die Haupttaktik der Emotionellen Pest gegen Reich (nämlich ihn vergessen zu machen) hintertrieben wird – aber diese Tafel ist ausdrücklich eine von 18, die von den Nationalsozialisten verfolgte Psychoanalytiker ehren soll. Kann es einen größeren Albtraum geben, als posthum von Leuten „großzügig“ vereinnahmt zu werden, die… Reich wird – vergeben!

In seinem Standardwerk über Persönlichkeitsstörungen (5. Auflage, Weinheim 2001) erwähnt Peter Fiedler Reichs Ausschluß aus der Psychoanalyse. Vor allem jene Psychoanalytiker seien mit Freud in Konflikt geraten, „die den kulturellen und sozialen Faktoren eine größere Bedeutung beimaßen als den von Freud und seinen Anhängern herausgestellten biologischen Faktoren.“ (S. 79) Und weiter:

Eine ausführliche Dokumentation der Ausgrenzungsgeschichte in der Psychoanalyse findet sich u.a. bei Peter Gay (1987), der jedoch wie die meisten Biographen Sigmund Freuds die besonders unrühmlichen und bedrückenden Vorgänge um den Ausschluß von Wilhelm Reich völlig ignoriert. Daß dies bis in die Gegenwart hinein immer noch passiert, ist unglaublich (…).

In der Tat: eine Sauerei, die einen fassungslos macht! Fassungslos macht einen aber auch die Naivität von Fiedler, der nahelegt, daß sich hinter Reichs Ausgrenzung technische Differenzen zwischen Reichs „topographischer Auffassung“ und der „strukturtheoretischen Innovation seiner psychoanalytischen Kollegen“ verbergen und daß Reich schließlich auch „wegen seines dezidiert politischen Engagements nurmehr wenig Resonanz“ fand (S. 65).

Deshalb (weil Reich sich weigerte, die menschliche Psyche als ein Kasperletheater zu betrachten, in dem sich die Personen „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ streiten, und weil er militanter Antifaschist war) diese umfassende, bis heute andauernde Ausgrenzung, als wäre Reich der Teufel höchstpersönlich, dessen Namen man lieber nicht heraufbeschwört?

Anzumerken ist noch, daß diese kurzen Exkurse nicht recht in das Lehrbuch passen. Offenbar ist Fiedler über etwas gestolpert… Zur Vertiefung verweise ich auf das www.lsr-projekt.de.

Die Massenpsychologie des Faschismus: 1933 und 2013

26. November 2013

1933 konstatiert Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus, daß die Soziologie durch Einbeziehung psychoanalytischer Erkenntnisse auf ein „höheres Niveau“ gelangt, „weil endlich der Mensch in seiner Struktur erfaßt wird“ (Fischer TB, S. 47).

Was die Psychoanalyse nicht erfaßte, sind die folgenden Punkte:

  1. Die „Analyse“ der geschichtsmächtigen Persönlichkeiten ist vollkommen gleichgültig, denn sie waren nur deshalb „geschichtsmächtig“, weil ihre Charakterstruktur mit der durchschnittlichen Charakterstruktur des Massenindividuums übereinstimmt.
  2. Gepanzerte Menschen können sich nicht selbst regulieren und sind deshalb von „Führern“ abhängig. Diese pestilenten Charaktere fokussieren und manipulieren die Emotionelle Pest, die in den Massen schlummert.
  3. Geschichte ist die Abfolge von Auseinandersetzungen zwischen Menschengruppen mit unterschiedlichen Charakterstrukturen.
  4. Die Charakterstruktur der Menschen reproduziert sich in der Familie. (Wie das heute geschieht wird in Reichs singuläre Stellung und Konias singuläre Stellung beschrieben.) Deshalb ist der Hauptansatzpunkt gesellschaftlicher Veränderungen die Kindererziehung. Hier verzahnt sich das Psychische und das Soziologische, das beides aus dem Biologischen hervorgeht.
  5. Die Entwicklung der orgonomischen Soziologie ist identisch mit der Entdeckung dieser Tatsache: psymarxsozorg
  6. Soziologische Prozesse werden nicht von psychologischen, sondern biologischen Prozessen bestimmt. Da dies nicht erkannt wird, setzt man sich nur mit den Symptomen auseinander, nicht mit der zugrundeliegenden Erkrankung (den Charakterstrukturen).
  7. In der Soziologie machen die üblichen psychoanalytischen Einteilungen in Bewußtes und Unbewußtes, in Über-Ich, Ich und Es, etc. nur bedingt Sinn. Wie Reich in seinem 1942 verfaßten Vorwort der revidierten Neuausgabe von Die Massenpsychologie des Faschismus ausführte, kann man die gesellschaftlichen Ideologien charakter-strukturell nur mit dem Dreischichten-Modell erklären: Fassade, mittlere (sekundäre) Schicht und Kern.
  8. Die Psychoanalyse hat nicht die Rolle der intellektuellen Abwehr (okulare Panzerung) erfaßt, vielmehr verstärkt sie diese, indem Unbewußtes bewußtgemacht und „verurteilt“ werden soll. Tatsächlich hat das Einbringen psychoanalytischer Ansätze in die Soziologie dazu beigetragen, diese weiter von der sozialen Wirklichkeit zu entfremden. Das war Reichs Kritik an der „bürgerlichen“ Psychoanalyse seiner Zeit, heute entspricht dies eher „linken“ Versuchen, die Psychoanalyse für die Soziologie fruchtbar zu machen.
  9. Die Psychoanalyse kann nicht zwischen primären und sekundären Trieben unterscheiden und hat deshalb keinen Maßstab dafür, welche gesellschaftlichen Kräfte zu unterstützen, welche zu bekämpfen sind: sie hat kein Sensorium für die Emotionelle Pest.
  10. Die Psychoanalyse hat, trotz allen Geredes über „das Unbehagen in der Kultur“ und den „Todestrieb“, die ganze Brisanz des Unbewußten, des Verdrängten und des Über-Ich nicht erfaßt: die mittlere (sekundäre) Schicht ist Ausdruck der Emotionellen Pest, d.h. der Niederschlag der Emotionellen Pest im Einzelnen. Die Emotionelle Pest strebt danach, die Quelle der Erregung auszuschalten, d.h. letztendlich das Leben selbst auszuschalten.
  11. Die Psychoanalyse macht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Prägenitalität und Genitalität und kann von daher nicht einschätzen, mit welchen Energien sie es zu tun hat, wenn beispielsweise von „sexueller Befreiung“ die Rede ist. Man kann die Genitalität nur ganz oder gar nicht freisetzen.
  12. Zum bioenergetischen Kern und damit zur Arbeitsdemokratie hat die Psychoanalyse keinen Zugang.
  13. Aus dem gleichen Grund hat sie keinen Zugang zu den „ozeanischen Gefühlen“ und kann deshalb den Hang zum Mystizismus in den Massen nicht richtig einschätzen.
  14. Veränderungen müssen nach bioenergetischen Gesetzmäßigkeiten erfolgen, ansonsten wird jede „Reform“ schlimmere und ausweglosere Zustände hervorrufen als zuvor. Das ist ähnlich wie in der individuellen Therapie.
  15. Die Psychoanalyse sieht nicht, daß Therapie nicht der Bewältigung neurotischer Konflikte, nicht einmal „Heilung“ zum Ziel haben kann, sondern nur die Mobilisierung der Selbststeuerung. Auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen, kann das nur bedeuten, die Menschen mit mehr Verantwortung für ihr eigenes Überleben zu belasten nicht mit weniger – und das dann noch als „sozialen Fortschritt“ zu bezeichnen.

Reich führt aus, daß man nie damit aufhören dürfe, die Verantwortung des „Kleinen Mannes“ hervorzuheben. Er müsse Eigenverantwortung für sein persönliches und soziales Leben entwickeln. Es läge ganz im Interesse der Großindustrie, diese Eigenverantwortung zu fördern und die Mitarbeit der Arbeiter zu gewinnen.

Die Produktion kann nur steigen und die gegenwärtigen Schwierigkeiten werden in dem Maße abnehmen, in dem die Arbeiter in der Industrie und Landwirtschaft lernen, ihren Teil der Verantwortung für Produktion und Distribution zu übernehmen. Sie werden dann aus Erfahrung lernen, daß es leichter ist die Firmenleitung zu kritisieren, als behilflich zu sein, die große Verantwortung zu tragen. Dies sind wichtige Faktoren in der andauernden gesellschaftlichen Revolution und kein Manager, der selbst arbeitet, wird dagegen sein. Ganz im Gegenteil weiß er, daß er weniger Verantwortung tragen muß, wenn die Arbeiter ihren Teil übernehmen. Die paar Menschen, die habgierig und machtbesessen sind, werden bald schweigen, ohne daß es notwendig wird, irgend etwas Einschneidendes gegen sie zu unternehmen. („The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 70)

Alle ökonomischen Probleme Gründen in der Hilflosigkeit der Massen und werden verschlimmert durch die kontaktlosen „Problemlösungen“ der Linksliberalen – die dann die von ihnen hervorgerufene Katastrophe als Argument vorbringen, um weitere linke Programme ins Leben zu rufen. Die Linksliberalen werden nie begreifen, daß „die soziale Existenz des Lebewesen Mensch (…) bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins (ist)“ (Ausgewählte Schriften, Köln 1976, S. 24). „Es gibt in dieser unserer sozialen Welt nichts, und es kann gar nichts geben, das nicht grundsätzlich vom Charakter und dem Verhalten der Menschen bestimmt wird. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme, ganz egal, was wir betrachten“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 126). Und deshalb werden die Linksliberalen niemals die Probleme begreifen und meistern können, die mit dem Kapitalismus verbunden sind.

Reich führt als Beispiel aus:

Der amerikanische Kapitalismus entstand in einer Gesellschaft aus kleinen Handwerkern und Ladeninhabern und ist nicht aus der Arbeitsteilung hervorgegangen. Der Massencharakter des Händlers hat ihn hervorgebracht und aufgrund der Geschäftigkeit und Blauäugigkeit der Arbeiter wurde er toleriert und ihm erlaubt zu wachsen – bis Morgan erschien. Auf diese Weise entwickelte sich der Kapitalismus aus einer Charakterstruktur heraus. Ich mußte erst meinen Weg durch all die Fehler der Freudianischen Psychologismen bahnen und die Lücke bei Marx entdecken, bevor ich die menschliche Charakterstruktur als Ursprung einer ökonomischen Entwicklung erkennen konnte. Charakter ist strukturelle Geschichte, aktive Reproduktion von Geschichte. In den USA reproduziert der Kleine Mann den Kapitalismus. (American Odyssey, S. 324f)

„Man komme mir“, schreibt Reich, „nicht mit der ‘sozialen Not’, denn diese soziale Not ist selbst letzten Endes Ergebnis einer Welt erstarrter Menschentiere, die überreichlich Mittel für Kriege, aber niemals genügend Mittel, minimale Bruchteile der Kriegskosten eines Tages für die Sicherung des Lebendigen aufbringen. Und dies ist so, weil diese verunglückten, versteiften Menschentiere kein Verständnis für das Lebendige und nur Angst davor haben. Überdies reicht keine andere Art sozialer Misere an die Misere der Kleinkinder biopathischer Eltern heran“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 393). „Nicht die ‘materielle Not’ im Sinne der Marxschen Ökonomie macht die Neurosen, sondern die Neurosen dieser Menschen ruinieren ihre Fähigkeit, in dieser Not etwas Vernünftiges anzufangen, sich besser durchzusetzen, die Konkurrenz am Arbeitsmarkt auszuhalten, sich mit anderen ähnlicher sozialer Lage zu verständigen, den Kopf fürs Denken überhaupt frei zu haben“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 65).