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„Implications of Orgone for Consciousness Research“ von Leon Southgate

27. September 2021

Das Problem mit Southgates Arbeit (hier und hier) fängt bereits mit seiner Definition von Bewußtsein als jede subjektive Erfahrung an. Emotionen, Empfindungen, Kognitionen, Wollen und Ideation, Seele und Geist – wird alles zusammengeworfen. Daraus zaubert er eine Art „orgonomischen“ Panpsychismus frei nach Rupert Sheldrake, bei dem Bewußtsein und Orgonenergie schlichtweg gleichgesetzt werden. Es ist ähnlich wie bei Maglione, der die Lebensformel auch auf die unbelebte Natur angewendet hat. Auf diese Weise wird Reichs gesamte Lebensleistung ad absurdum geführt, denn dann hätte Reich gleich beim Vitalismus eines Driesch und dem Panpsychismus, der die Psychoanalyse der 1920er Jahre umwaberte (Groddeck), bleiben können. Es ist auch bezeichnend, daß Maglione mit keinem Wort das wirkliche Geheimnis des Orgonenergie-Motors erwähnt, nämlich die Kreiselwelle, und Southgate mit keinem Wort das wirkliche Geheimnis des Bewußtseins (die Funktionen Wahrnehmung und Erinnerung), nämlich die koexistierende Wirkung.

Was mich an dieser Arbeit geradezu abgestoßen hat, ist die sie prägende schizoide Weltsicht. Ein einzelner Mensch, mag jede Menge „Subjektivität“ haben und wie ein Autist in einer „psychischen Welt“ leben („Panpsychismus“), aber das ist das Gegenteil von Bewußtsein im eigentlichen Sinne. Bewußtsein im eigentlichen Sinne ist vor allem eine soziale Funktion. Herdentiere brauchen angesichts der hochkomplexen Vorgänge innerhalb einer Herde ein Konzept von „Ich“ und „Du“ und eine innere Bühne („Bewußtsein“), in dem sie ihre „Schachzüge“ im Voraus planen. Allein schon die Frage der Sprache! Bewußtsein ohne Sprache? Schwierig. Sprache ohne andere Menschen? Sinnlos. Die Psyche ist vom Sozialen nicht zu trennen. Das hat Freud gewußt („Ödipuskomplex“) und der Soziologe Reich gewußt, während Southgate, eine Art Wiedergänger C.G. Jungs, alles wieder in den autistischen Urschlamm des Okkultismus hinab zieht. Man vermeint bei der Lektüre geradezu die Ouvertüre von Wagners „Rheingold“ zu vernehmen…

Aber lassen wir Southgates Beitrag Revue passieren: Nach einer umfassenden Darstellung des wissenschaftlichen Problems „Bewußtsein“ und einer her oberflächlichen Darstellung des Reichschen Beitrags zu diesem Bereich kommt Southgate zu seiner eigenen Theorie, dem „orgonotischen [gemeint ist natürlich „orgonomischen“] Panpsychismus“, dem zufolge das Bewußtsein schlichtweg eine nicht weiter reduzierbare Eigenschaft der Orgonenergie ist. Was Southgate nicht aufzugehen scheint, ist, daß in diesem Zusammenhang „Bewußtsein“ genauso nichtssagend ist, wie „Sein“. Will sagen: das ganze bringt uns ungefähr so weit, als würde man sagen, daß „das Sein“ eine Eigenschaft der Orgonenergie ist. Es erklärt rein gar nichts!

Wenn es sich darauf beschränken würde, aber für Southgate „unterstützen Bione und die Abiogenese den panpsychischen Ansatz, daß Materie lebendig und bewußt ist“. Ich kann mir kaum einen schlimmeren Mißbrauch der Reichschen Theorie vorstellen. Die Bionforschung war nicht zuletzt ein antifaschistisches Projekt, das gegen den Mystizismus (Panpsychismus) gerichtet war, d.h. sowohl gegen das Neuheidentum der Nazis und die damalige „Erbforschung“, als auch gegen den kirchlichen Mystizismus. Reich wollte das Leben und damit auch „Geist und Seele“ (dialektisch-) materialistisch erklären. Southgate hingegen meint, daß die Beweise insgesamt darauf hindeuten, „daß sich der Geist gar nicht im Körper befindet, sondern lediglich mit ihm verbunden ist“. Dagegen hielt Reich, daß die funktionelle Einheit des Seelischen und Körperlichen „Jenseitigkeit oder auch nur Autonomie des Seelischen völlig und endgültig ausschließt“ (Äther, Gott und Teufel, S. 95).

Southgate kritisiert, daß Reich nicht den Ort des Bewußtseins angeben kann. Für Southgate ist dieser „Ort“ das Orgon selbst: das Bewußtsein sei die grundlegende Realität und Geist und Orgon seien „auf der tiefsten Ebene“ identisch. Entsprechend könnten die Gesetze der Psyche auf das Orgon übertragen werden. Das heißt nichts anderes, als daß wir wieder bei Georg Groddeck angelangt sind!

Southgates ganze Argumentation krankt daran, daß er „Soma“ und „Psyche“ nicht definiert. Das Soma, das ist die Gesamtheit der Teile des Organismus („die Niere auf Zimmer 7“), während die Psyche aus dem ganzheitlichen Funktionieren des Organismus bzw. dessen Störungen hervorgeht („Charakteranalyse“). Daß die Lebensenergie strömt, erregt wird und wahrnimmt, ist davon unabhängig und bedeutet nicht, daß das Orgon so etwas wie eine „Psyche“ hat. Es ist alles eine Frage der Orgonometrie, d.h. der Klassifizierung und richtigen Einordnung:

 

Southgate hintertreibt genau das, indem er alles mit allem gleichsetzt:

Orgon wird von Reich als eine unbewußte, nicht lebende, aber schöpferische Energie dargestellt, während seine Schöpfungen – Lebenswesen – immer bis zu einem gewissen Grad Bewußtsein zu haben scheinen. (…) Es ist unlogisch zu sagen, daß eine Energie, die Leben erschafft, kein Bewußtsein hat, wenn überall Leben mit Bewußtsein gepaart ist und nirgendwo Leben mit Nicht-Bewußtsein gepaart ist. (…) Man kann sagen, daß die Amöbe nur wahrnimmt und kein echtes Selbstbewußtsein hat, aber solche Klassifizierungen sind in diesem Zusammenhang bedeutungslos – jede Wahrnehmung ist eine Form von Bewußtsein. Es ist bei der Amöbe dasselbe wie bei unserem Selbst – es ist nur eine Frage des Grades.

Er fährt fort – und man merkt richtig, wie alles zerfällt – die Psyche geradezu dekompensiert:

Orgon und Bewußtsein werden auf der tiefsten Ebene identisch, so wie Energie oder Materie in Sheldrakes Panpsychismus mit dem Bewußtsein identisch ist. Orgon gewinnt erst auf oberflächlicheren Ebenen an Differenzierung, die als Orgonenergie und schließlich als Materie erfahren wird, die eine Form von gefrorener Orgonenergie ist. Es gibt also ein monistisches Kontinuum in einem Dreiklang: von orgonotischem Bewußtsein zu Orgonenergie und schließlich zu Orgon-Materie. Dieses monistische Kontinuum hat drei verschiedene Aspekte: Orgon-Bewußtsein, Orgon-Energie und Orgon-Materie. Alle drei sind physisch und alle drei sind real, aber man könnte sagen, daß die Bewußtseinsebene die „realste“ oder die primäre Realität ist. Orgonenergie und -materie sind in dieser Sichtweise spezialisierte Formen eines physischen orgonotischen Bewußtseins. Energie und Materie existieren noch immer für sich, sind aber nicht vom Bewußtsein getrennt.

Alles gerät heillos durcheinander und wird auf den Kopf gestellt, Worte verlieren ihre Bedeutung. Aus der Orgonenergie wird ein bloßes Wort. Wie bei allen „Reichianern“, etwa in der „energetischen Medizin“, ist das, was sie als „Energie“ oder „Orgon“ bezeichnet, nichts anderes als Psyche:

Dieser Mystizismus, und um nichts andere handelt es sich hier, mündet schließlich in Ausführungen über, man glaubt es kaum, künstliche Intelligenz, die von Magliones Arbeit inspiriert sind.

Southgate führt aus:

Ursprünglich war es das Ziel des Autors zu untersuchen, ob das Orgon selbst ein Bewußtsein besitzt. Im Laufe einiger Jahre dämmerte die Erkenntnis, daß die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, darin bestand, das Orgon selbst zum „Sprechen“ zu bringen – unabhängig von jeder anderen Entität. Alles andere wäre nur eine Demonstration des Bewußtseins eines Organismus, der bereits existiert. Eine solche Einrichtung, in der das Bewußtsein von Orgon demonstriert werden könnte, müßte also jegliche Organismen oder andere Eingaben ausschließen. Sie müßte völlig künstlich sein und sich nur auf das Orgon selbst stützen, um zu kommunizieren. Dann dämmerte dem Autor, daß dieses Ziel nicht ohne die Erforschung einer starken künstlichen Intelligenz verfolgt werden könnte.

Ich erinnere an Reichs oben zitierte Aussage in Äther, Gott und Teufel über die funktionelle Einheit von Psyche und Soma. Bei Southgate kommt das kurzschlüssige mystische Denken zum tragen, das untrennbar mit dem Mechanismus verbunden ist.

Er schließt an Magliones Konzept einer Art „Orgonenergie-Motor-Einrichtung“ an: einem Orgonenergie-Akkumulator, dessen orgonotisches Potential durch eine radioaktive Quelle derartig hochgepusht wird, daß „dadurch das Orgon von seinem ‚nebligen‘ Zustand in seinen aktiven ‚spitzen‘ Zustand übergehen würde. Wenn dies geschieht, findet ein spontaner Wechsel von orgonotischen zu teilweise elektrischen Energien statt. Organismen scheinen auf einer trilateralen Basis zu funktionieren – ein nicht-energetisches Bewußtseinsfeld, das sich in Orgonenergie umwandelt, die sich wiederum in elektromechanische Bewegung umwandelt. Es gibt Parallelen zum Orgonmotor, der auf der Übersetzung von Orgonenergie in elektrische und dann in mechanische Energie beruht.“ Das ist nichts anderes als „orgonomisch“ verbrämter Mechomystizismus! Die magische-okkulte Weltsicht die letztendlich hier zum Ausdruck kommt, offenbart sich im letzten Satz des Autors: „Dieser Autor glaubt nicht, daß Bewußtsein oder bewußte Wesen erschaffen werden können, sondern daß ihnen eine Gelegenheit geboten werden kann, sich aus einem nichtmateriellen Bereich zu manifestieren.“

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 24)

13. Februar 2021

Es wäre fatal, dem Sozialismus mechanisch alle Emotionelle Pest zuzuordnen, schließlich ist die Orgonomie weder links noch rechts! Das freie Spiel der Kräfte beruht nämlich auf Voraussetzungen, die der Kapitalismus nicht nur nicht erschaffen hat, sondern durch sein Wirken zu zerstören droht. Es gibt schlicht keine „reine Natur“, in der sich Arbeitsdemokratie und Genitalität entfalten könnten. Damit Menschen „frei“ interagieren können, bedürfen sie einer gemeinsamen Grundlage und die ist im weitesten Sinne die Kultur. Für die Arbeit braucht man eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Regeln und eine gemeinsame Grundhaltung. Das ist etwas, was nicht künstlich geschaffen werden kann, sondern gewachsen sein muß. Das gleiche gilt für die Entfaltung der Genitalität, die nur in einer „erotischen Kultur“ möglich ist. In einer Gesellschaft wie der heutigen, in der es in dieser Beziehung keine Regeln mehr gibt, schläft die sexuelle Aktivität schließlich ein oder beschränkt sich zumindest quasi inzestuös auf enge Cliquen.

Der freie Markt zerstört diese kulturellen Grundlagen und kann aus sich heraus auch keine neuen Schaffen. Man braucht sich nur unsere immer einförmigeren und identitätsloseren Städte anschauen oder die geistige (emotionale) Verwahrlosung unserer Jugend aufgrund einer hirnzersetzenden Pop-„Kultur“. Ich muß dabei immer an den von mir hochverehrten Pier Paolo Pasolini denken, dessen „Sozialismus“ sich vor allem darum drehte, das Lokale, Originäre, Gewachsene, Unverwechselbare, Identitäre gegen die alles zerstörende Unkultur des Kapitalismus zu verteidigen. Man denke nur, ganz banal, an die Auswirkungen von „McDonalds“ auf die unendlich vielen lokalen Eßkulturen oder den Verlust an Volksmusik, weil aus jedem Radio die gleiche globale SCHEISSE in die Ohren quillt. Ich bin der letzte, der die „DDR“ verteidigt, aber nach dem Fall der Mauer war da immerhin noch DEUTSCHLAND als solches erkennbar! Ich verehre Uwe Steimle.

Im nächsten Teil mehr zum Thema Identität.

Stottern (Teil 1)

30. Mai 2020

von Richard Schwartzman, D.O. *a

 

Diese Fallgeschichte wurde 1982 veröffentlicht. Ich habe sie mit Fußnoten aktualisiert, die durch eingeklammerte Buchstaben gekennzeichnet sind. Die Ursache für das Stottern bleibt unbekannt. Die Behandlung von Erwachsenen mit diesem Leiden kann, nach Ansicht der heutigen Experten auf diesem Gebiet, niemals eine vollständige Heilung bringen. Die Faktoren, von denen man heute annimmt, dass sie für die Erkrankung verantwortlich sind, wurden auf einige wenige reduziert, wobei sich die Forschung auf genetische Anomalien und Veränderungen in der Neurophysiologie konzentriert. Emotionale Faktoren werden nun als nicht mehr für die Entstehung der Krankheit verantwortlich angesehen.

 

Stottern ist eine Störung, bei der der Rhythmus oder der Sprechfluss durch Unterbrechungen oder Blockaden beeinträchtigt wird. Die Ätiologie bleibt unklar, wobei jede Therapieschule ihre Behandlungsmethode auf der Grundlage bestimmter theoretischer Konstrukte vertritt. Die vielen Theorien und Therapien, die vorgebracht werden, unterscheiden sich in gewisser Hinsicht voneinander. Ältere Konzepte von spezifischen Ursachen sind dem Eindruck gewichen, dass sich mehrere Faktoren in bisher unbekannter Weise verbinden, um das Stottern zu erzeugen. Weit voneinander abweichende Behandlungen haben zu positiven Ergebnissen geführt und an fast jeder Theorie ist wahrscheinlich etwas Wahres dran. [A] Hahn (1) glaubt, dass Kliniker, die sich den unterschiedlichen Theorien anschließen, jeweils Erfolg haben können, basierend auf der Idee, dass überlappende Faktoren bei der Behandlung für die Heilung verantwortlich sind, oder dass Unterschiede zwischen den Therapien eher theoretisch als real sind. Ausserdem sind die Daten hinsichtlich Besserungen, möglicherweise aufgrund von unwissenschaftlichen Methoden zur Bestimmung der Ergebnisse, nicht genau.

Eine anfängliche Reaktion auf die Behandlung von Stottern wird oft festgestellt und ist manchmal ziemlich dramatisch. Perkins (1) berichtet in seiner Studie von 1973, dass zwar 70% der Befragten ein normales Sprechen erlernten, später aber mehr als die Hälfte rückfällig wurde. Die Häufigkeit von Rezidiven bei der Behandlung dieser Störung ist so häufig, dass es mittlerweile Ernüchterung hinsichtlich jeder Maßnahme gibt, die sofort fließendes Sprechen bewirkt. Erste Erfolge zeigen sich oft in der Behandlung vieler Erkrankungen, aber solche Durchbrüche mit neuen Techniken bewähren sich häufig nicht und das Therapieversprechen wird nicht erfüllt.

Stottern hat, wie die Biopathien Krebs und Schizophrenie, eine klassische wissenschaftliche Erklärung, die ohne ein integrierendes gemeinsames Funktionsprinzip auskommt. Wilhelm Reichs Entdeckung des natürlichen Energieflusses im Organismus und der Bildung einer Panzerung oder Blockade dieses Flusses mit nachfolgender Symptombildung bietet ein wissenschaftliches Verständnis, das bei der Behandlung von Stottern hilfreich sein kann. Ein Überblick über die wichtigsten Theorien (1) zur Erklärung dieses uralten Leidens wird helfen, das energetische Konzept besser in Perspektive zu setzen.

Coriat (1) erläutert eine psychoanalytische Ansicht, die besagt, dass es sich um eine Psychoneurose handelt, die durch ein frühes, prägenitales orales Aufziehen, das oral-sadistische und anal-sadistische Komponenten hat, verursacht wird, und das bis in das spätere Leben fortwirkt. Hier repräsentiert der Akt des Stotterns den Widerstand gegen eine plötzliche Entladung von Oralerotik. Blantons Theorie (1) besagt, dass die Hauptursache für Stottern ein Angstzustand ist, der verhindert, dass der Kortex die Kontrolle über die Sprechorgane ausübt. Fletchers Konzept ist, dass Angst, Furcht, Ängstlichkeit und Sorge aus spezifischen Kindheitserfahrungen entstehen, die mit dem Bemühen zu reden verbunden waren. In dieser Sichtweise wird das Problem nicht in der Lautäußerung gesehen, sondern in der Unfähigkeit in bestimmten sozialen Situationen mit Leuten zu reden. Dunlap folgert, dass Probleme beim Sprechen eine Angewohnheit sind, die überwunden werden kann, und empfiehlt, dass Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle auf die zukünftige Reaktion und nicht auf die gegenwärtige Gewohnheit gerichtet sein müssen. Die Orton-Travis-Theorie war in den 1930er Jahren sehr populär und behauptete, dass die zerebrale Dominanz durch eine Änderung der Händigkeit beeinflusst wurde und dass dies den Stotterer erzeugte. Linkshänder haben meist eine Dominanz in der rechten Hemisphäre, und es wurde angenommen, dass das Wechseln der Händigkeit das Dominante schwächt und das Nichtdominante stärkt, so dass die beiden Hemisphären gleich stark werden und Disharmonie erzeugt wird. Es wurde geglaubt, dass Einseitigkeit die dominante Hemisphäre stärkt, aber die Lateralitätsforschung unterstützte die Theorie nicht, und es wurde festgestellt, dass die Mehrheit der Kinder, deren Händigkeit geändert wurde, nicht stotterte. [B] Andere Ansichten der Störung betonen widersprüchliche Sprechmuster, semantische Theorie, operante Konditionierung und die Lerntheorie von Verhaltensforschern. [C] Aus energetischer Sicht beziehen sich die faszinierendsten Beobachtungen auf die körperliche Wahrnehmung des Stotterers und Muskelkontraktionen und -bewegungen. Es wurde eine Theorie aufgestellt, dass die Fähigkeit zur Visualisierung mangelhaft sei, und es wurden Körperentspannungstechniken mit Atmung, Gesang und Vokalisierung empfohlen. Es ist interessant, dass diese Techniken den östlichen Meditationstechniken ähnlich sind, denn wir betrachten gegenwärtig solche Methoden als effektiv bei der Verlagerung von Energie von der linken zur rechten Gehirnhälfte.

 

* Medizinischer Orgonom. Diplom des Amerikanischen Gremiums für Psychiatrie und Neurologie. Ass. Prof., Department of Mental Health Sciences, Hahnemann University Hospital of Philadelphia. Stationärer Ärztlicher Direktor, Hahnemann Mental Health Services Division, Strafvollzugssystem Philadelphia.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Doctor of Osteopathic Medicine.

 

ZUSÄTZLICHE HINWEISE

[A] Bei einem Erwachsenen gilt Stottern als unheilbar. J. Scott Yaruss, außerordentlicher Professor für Kommunikationswissenschaften und -störungen an der University of Pittsburgh School of Health and Rehabilitation Sciences und Co-Direktor des Stuttering Center of Western Pennsylvania, erklärte in der Ausgabe des Scientific American vom 13. Dezember 2005: „Es ist kein Heilmittel gegen Stottern bekannt, obwohl sich viele Behandlungsansätze als erfolgreich erwiesen haben, um den Sprechern dabei zu helfen, die Anzahl der Beeinträchtigungen in ihrer Sprache zu verringern.“

[B] Die Orton-Travis-Theorie besagt, dass das Stottern aus einem Konflikt zwischen der rechten und der linken Gehirnhälfte resultiert, wenn sie um die Kontrolle der Strukturen kämpfen, die das Sprechen ermöglichen. Es wurde angenommen, dass das Erzwingen der Verwendung der rechten Hand durch ein linkshändiges Kind zum Verlust der normalen einseitigen Dominanz des Gehirns führt, und es wurde angenommen, dass diese auferlegte Änderung das Stottern verursacht.

[C] Heute, im Jahr 2011, sind die Ursachen für das Stottern einer erheblichen Neubewertung unterlegen. Die Stuttering Foundation ist nun der Ansicht, dass es nur vier Faktoren gibt, die am wahrscheinlichsten zur Entwicklung der Störung beitragen. Dies sind (1) die Genetik (Familienmitglieder, die stottern), (2) die Entwicklung der Kinder (Kinder mit anderen Sprech- und Sprachproblemen oder Entwicklungsverzögerungen), (3) die Neurophysiologie (die Verarbeitung von Sprache und Sprechen ist anders als bei denjenigen, die nicht stottern) und (4) Stotterer und Familiendynamik (hohe Erwartungen und ein gehetzter Lebensstil).

Von diesen vier Faktoren stehen nun die Hirnforschung (Neurophysiologie) und die Genetik an der Spitze der Liste als die wichtigsten und vielversprechendsten Bereiche, die zu untersuchen sind. Das liegt daran, dass mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) Bereiche mit Über- und Unteraktivität im Gehirn identifiziert wurden und dass bei einem kleinen Prozentsatz der Stotterer Genmuta

tionen, die genetische Variationen verursachen, ausgelesen wurden.

Dennis Drayna, ein Genetiker und leitender Autor einer Studie, die im New England Journal of Medicine (10. Februar 2011) erschienen ist, schätzt, dass es drei Genvarianten gibt, die 9% aller Stotterer ausmachen. Er sagte, wie von msnbc.com zitiert: „Es ist wirklich keine emotionale Störung. Sie entsteht nicht durch Ihre Interaktionen mit anderen Menschen.“ Er wird auch mit der Aussage zitiert, das Stottern „mit ziemlicher Sicherheit ein biologisches Problem ist“. Solche Aussagen stehen im Einklang mit dem heutigen mechanistischen Ansatz zum Verständnis medizinischer Störungen.

 

Literatur

1. Hahn, E.F.: Stuttering, Significant Theories and Therapies. Stanford, Ca.: Stanford University Press, 1943.

 

Quelle der Übersetzung:
https://orgonomist.blogspot.com/p/stuttering-by-richard-schwartzman-do.html
Erstabdruck: Journal of Orgonomy, Jhg. 16, Nr. 2 (ohne zusätzliche Hinweise)
Übersetzung: Robert (Berlin)
Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Schwartzman

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 69

29. Mai 2020

orgonometrieteil12

69. Die Orgonomie weiterentwickeln, gar überwinden?

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Freudismus, Marxismus, Orgonomie und Verschwörungstheorien

6. April 2020

Gestern habe ich die Frage der Intentionalität offengelassen. Das möchte ich heute nachholen:

Verschwörungstheorien und Orgonomie? Schwierig! Einfach, weil Reich selbst eindeutig „Verschwörungstheoretiker“ war, von wegen „The Red Thread of a Conspiracy“ (Der rote Faden einer Verschwörung), andererseits dieses Denken in Begriffen bewußter Intentionalität der Orgonomie so wesensfern ist. (Wobei natürlich von vornherein zu sagen ist, daß niemand und keine Theorie derartige Verschwörungen jemals wirklich ausschließen kann!)

Die Psychoanalyse war in ihrem Wesen vor allem eine Psychologie, in der es um Bilder, Vorstellungen und Intentionen ging, d.h. um Bewußtsein, das Vorbewußte und vor allem das Unbewußte, das sich aber immer noch mit Hilfe der Sprache ausdrückt. Reich gesamter Ansatz hingegen war es nicht nur jenseits des Bewußtseins, sondern prinzipiell auch jenseits der Sprache zu gehen. Es ging also sozusagen nicht um die „K-a-t-z-e“, sondern um die Katze als „Ding an sich“. Das Unbewußte war entsprechend unmittelbar in der verspannten Muskulatur gegeben, jenseits aller Sprache. Und die Sprache selbst war unmittelbarer Ausdruck von Körperlichkeit, beispielsweise in dem Wort „Hartnäckigkeit“. Psychologie und Soziologie wurden auf Biologie reduziert und die weiter auf Physik bzw. „Biophysik“.

In dieser Weltsicht bleibt kein Platz für eine zentrale Rolle von Intentionalität, dem „freien Willen“, der insbesondere in der Gestalt des „gefallenen Engels“ Satan zum Ausdruck kommt, der dem Vaterunser zufolge mit seinen bewußten Machinationen hinter allem steckt, was in der Welt falschläuft. Auf diese Vorstellung lassen sich wirklich alle Verschwörungstheorien zurückführen, von der „jüdischen Verschwörung“ („die Synagoge Satans“) angefangen. Das Denken der weitaus meisten Menschen auf diesem Planeten wird von diesem Grundmuster („alles läßt sich auf die böse Intention zurückführen“) geprägt, insbesondere in der moslemischen Welt.

Für die Orgonomie gibt es nicht „den Bösen“, sondern nur „das Übel“ der Panzerung, das jeden guten Impuls in sein Gegenteil verkehrt. Mit anderen Worten geht es um Struktur ganz entsprechend dem Marxismus. In Der Mensch im Staat legt Reich größten Wert darauf, daß für Marx die Kapitalisten keine „Teufel“ waren, sondern Menschen, die in einem System gefangen sind, das ihnen selbst keine Wahl, keine Willensfreiheit läßt. Von daher sind alle Verschwörungstheorien über „die bösen Kapitalisten“ null und nichtig bzw. rotfaschistische Propaganda.

Wenn Reich von „Verschwörung“ spricht, dann meint er etwas vollständig anderes: die Emotionelle Pest, d.h. keine intentionale, „gedankliche“ Verschwörung, sondern eine emotionale Verschwörung. Dabei geht es um objektive Strukturen, d.h. die Panzerung, die aus gesunden (primären) Impulsen kranke (sekundäre) Impulse macht, welche für gepanzerte Menschen leider ansprechender (sozusagen naher) sind als die primären (die bedingt durch den Panzer fern, fremd und deshalb nicht ansprechend wirken). Es entwickelt sich entsprechend ein struktureller Zwang „Böses“ (eben „Sekundäres“) zu tun, ähnlich wie bei Marx die Kapitalisten auch bei besten bewußten Intentionen durch das kapitalistische System gezwungen sind, die Arbeitskraft ihrer Mitmenschen auszubeuten.

Die hier erläuterte Unterscheidung mag spitzfindig klingen, entspricht aber dem, wie Reich den Unterschied zwischen ursprünglichem „Arbeiterkommunismus“ und dem späteren roten Faschismus der Sowjetunion beschrieb. Gleicher Art ist der Unterschied zwischen den üblichen Verschwörungstheorien und dem, was Reich mit „The Red Thread of a Conspiracy“ ausdrücken wollte. Ihm ging es dabei nicht um „Verschwörungen“ per se, sondern um „emotionale Verschwörungen“, die auf dem beschriebenen (charakter-) strukturellen Zwang beruhen.

David Holbrook, M.D.: ORGONOTISCHE FUNKTIONEN IN DER KLINISCHEN SITUATION. DIE BIOENERGETISCHE EINHEIT VON PSYCHE UND SOMA (Teil 10)

6. März 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Orgonotische Funktionen in der klinischen Situation. Die bioenergetische Einheit von Psyche und Soma

 

David Holbrook, M.D.: „NICHT SO SCHNELL!“: DIE BEHANDLUNG EINES PARANOID-SCHIZOPHRENEN CHARAKTERS (Fallbeschreibung und Beobachtungen – Fortsetzung)

10. November 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

„Nicht so schnell!“: Die Behandlung eines paranoid-schizophrenen Charakters

 

David Holbrook, M.D.: „WORTSPRACHE“: CHARAKTERANALYSE IN DER FRÜHPHASE EINER MEDIZINISCHEN ORGONTHERAPIE (Einleitung)

10. September 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

„Wortsprache“: Charakteranalyse in der Frühphase einer medizinischen Orgontherapie (Einleitung)

 

Die Sprachmystik der Linksradikalen

12. August 2019

Dr. Charles Konia beschreibt die Sprache des Faschismus:

Die Sprachmystik der Linksradikalen

David Holbrook, M.D.: DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE

29. Mai 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Der Weg eines Orgonomen zur Orgonomie