Posts Tagged ‘Max Stirner’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 108)

16. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Reich schrieb 1940 in sein Tagebuch, „daß die Menschheit im gewöhnlichen Sinne des Wortes ‚krank‘ ist. Dies in Worte zu fassen, bedeutet sich dem Verdacht auszusetzen, daß man sich selbst für den einzigen gesunden Menschen hält. (…) Die Gesundheit (…) wohnt in allen Menschen. Die Tatsache, daß sie sie fürchten und verbergen, ist der Grundstein des Hitlerismus“ (American Odyssey, S. 30).

1. die Aussage, daß (so gut wie) alle Menschen Sexualkrüppel sind;

2. die „Max Stirner-Anmaßung“, die hinter einer solchen Diagnose steckt: der Einzige; und

3. die Aussage, daß es keine Heilung geben kann, da diese Krankheit das Fundament der durch und durch faschistischen (d.h. von sekundären Trieben beherrschten) Gesellschaft ist.

4. Was bleibt, ist Duplikate von sich selbst, dem „Einzigen“, der nicht krank ist, zu schaffen und mit ihnen die Zukunft zu bevölkern („Kinder der Zukunft“).

5. Natürlich ist man nicht „gesund“, bzw. man ist es nur in soweit, daß man sich nicht, wie alle anderen, „Hitleristisch“ gegen diese Gesundheit wendet!

6. Die Emotionelle Pest nicht an unsere Kinder weiterzugeben und so die Kette des Unheils zu unterbrechen, ist das Ziel.

Stirner:

Zur Wirksamkeit pfäffischer Geister gehört besonders das, was man häufig „moralischen Einfluß“ nennen hört.

Der moralische Einfluß nimmt da seinen Anfang, wo die Demütigung beginnt, ja er ist nichts anderes, als diese Demütigung selbst, die Brechung und Beugung des Mutes zur Demut herab. Wenn Ich Jemand zurufe, bei Sprengung eines Felsens aus dessen Nähe zu gehen, so übe Ich keinen moralischen Einfluß durch diese Zumutung; wenn Ich dem Kinde sage, Du wirst hungern, willst Du nicht essen, was aufgetischt wird, so ist dies kein moralischer Einfluß. Sage Ich ihm aber: Du wirst beten, die Eltern ehren, das Kruzifix respektieren, die Wahrheit reden usw., denn dies gehört zum Menschen und ist der Beruf des Menschen, oder gar, dies ist Gottes Wille, so ist der moralische Einfluß fertig: ein Mensch soll sich da beugen vor dem Beruf des Menschen, soll folgsam sein, demütig werden, soll seinen Willen aufgeben gegen einen fremden, der als Regel und Gesetz aufgestellt wird; er soll sich erniedrigen vor einem Höheren: Selbsterniedrigung. „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden.“ Ja, ja, die Kinder müssen bei Zeiten zur Frömmigkeit, Gottseligkeit und Ehrbarkeit angehalten werden; ein Mensch von guter Erziehung ist Einer, dem „gute Grundsätze“ beigebracht und eingeprägt, eingetrichtert, eingebleut und eingepredigt worden sind.

Zuckt man hierüber die Achseln, gleich ringen die Guten verzweiflungsvoll die Hände und rufen: „Aber um’s Himmels willen, wenn man den Kindern keine guten Lehren geben soll, so laufen sie ja geraden Weges der Sünde in den Rachen, <108>und werden nichtsnutzige Rangen!“ Gemach, Ihr Unheilspropheten. Nichtsnutzige in eurem Sinne werden sie allerdings werden; aber Euer Sinn ist eben ein sehr nichtsnutziger Sinn. Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen und kein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt und faselt: sie werden das Erbrecht aufheben, d. h. sie werden Eure Dummheiten nicht erben wollen, wie Ihr sie von den Vätern geerbt habt; sie vertilgen die Erbsünde. Wenn Ihr ihnen befehlt: Beuge Dich vor dem Höchsten – so werden sie antworten: Wenn er Uns beugen will, so komme er selbst und tue es; Wir wenigstens wollen Uns nicht von freien Stücken beugen. Und wenn Ihr ihnen mit seinem Zorne und seinen Strafen droht, so werden sie’s nehmen, wie ein Drohen mit dem Wauwau. Glückt es Euch nicht mehr, ihnen Gespensterfurcht einzujagen, so ist die Herrschaft der Gespenster zu Ende, und die Ammenmärchen finden keinen – Glauben.

Und sind es nicht gerade wieder die Liberalen, die auf eine gute Erziehung und Verbesserung des Erziehungswesens dringen? Denn wie könnte auch ihr Liberalismus, ihre „Freiheit in den Grenzen des Gesetzes“ ohne Zucht zustande kommen? Erziehen sie auch nicht gerade zur Gottesfurcht, so fordern sie doch um so strenger Menschenfurcht, d.h. Furcht vor dem Menschen, und wecken durch Zucht die „Begeisterung für den wahrhaft menschlichen Beruf“. (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 88f)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 107)

15. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Mit seinen Ausführungen über die kosmische Überlagerung in der dritten Ausgabe der Charakteranalyse hatte mich Reich Mitte der 1970er Jahre: von einem Tag auf den anderen war ich „Reichianer“. Das böse Erwachen kam mit einiger Verzögerung: unvermittelt saß ich mit Leuten in einem Boot, mit denen ich nichts zu tun haben will und die m.E. nichts von Reich verstanden haben! Ich kann mich beispielsweise an meine rasende Wut erinnern, als ich schließlich Alexander Lowen und seine „Bioenergetik“ durchschaute.

Nun, wo ich mich nicht nur mit Stirner, sondern endlich auch mit der Stirner-Literatur auseinandersetze, muß ich mit einigem Entsetzen konstatieren, in welchem schier erdrückendem Ausmaß sich die Anhänger Silvio Gesells („rostendes“ Schwundgeld) der Stirner-Bewegung parasitär aufgepfropft haben. Es scheint praktisch unmöglich sich mit der Stirner-Rezeption zu beschäftigen, ohne dieser vermeintlich „freiwirtschaftlichen“ Heilsdoktrin ausgesetzt zu sein, die einzig und allein ärmere Bevölkerungsschichten treffen würde, denen buchstäblich das wenige Ersparte bzw. Aufgesparte unter den Händen förmlich zerfließen würde. Das überträgt sich schließlich auf die Fundamente der Gesellschaft selbst, da die bioenergetische Spannung erlischt (Krebs!). Die Österreichische Schule sagt dazu alles Notwendige: „Wer den Zins abschafft, ermöglicht heute Investitionen, die sich unter normalen Marktbedingungen nie gelohnt hätten. Und es erlischt die Bereitschaft, Konsumverzicht im Heute zu üben, um im Morgen konsumieren zu können. Es entwickelt sich eine Freibiermentalität, die eine Gesellschaft verarmen läßt, weil sie ihren Kapitalstock zerstört.“ – Der Gesellianismus ist eine geradezu perfekte Entsprechung zum Lowenschen Primitiv-Reichianismus, der keinerlei bioenergetische Grundlegung hat und wirklich nur Schaden anrichtet.

Da es nie so etwas wie einen „LaMettrie’smus“ gegeben hat, stellt sich hier das Problem kaum, wenn man mal von der relativ häufigen und wirklich nervigen Gleichsetzung mit De Sade absieht.

Es scheint so, daß Reich und Stirner und La Mettrie in der gepanzerten Gesellschaft nur in beschnittener, wenn nicht schlichtweg kastrierter Form zu Wort kommen. Insbesondere Reich wurde von Anfang an von Marxisten mißbraucht, um ihre pseudoreligiöse Todgeburt von Ideologie (hinter allem stecken gesellschaftliche Beziehungen) an den Mann bringen zu können: statt auf „Gott, der hinter allem wirkt“ wird ständig auf „die Gesellschaft“ verwiesen. Ja, ich weiß, eine Oblate ist, wenn sie geweiht ist, nicht mehr das, was sie ist. – Stirner muß dafür herhalten Anarchisten und Libertären ein Fundament zu geben. LaMettrie soll der Postmoderne bei der „Wiederverzauberung“ der Welt helfen. Allen fehlt das Bewußtsein dafür, was eigentlich den Kerngehalt der Leistung der großen Drei ausmacht und daß dieser Kern jedweden Kompromiß, jede Verwässerung ausschließt. Von daher auch meine ganze Empörung angesichts all dieser „-ianer“ und daß ich trotz aller Differenzen treuer, ja, „Laskaianer“ bin!

Es gibt nur zwei Arten der „Regulierung“ eines Individuums bzw. einer Gruppe von Individuen: Selbstregulierung oder Fremdregulierung. Entweder wird ein Baby gestillt, wenn es Hunger hat, oder man zwingt ihm seine Regeln auf, wobei die eine Regelung, die andere zwangsläufig nach sich zieht, bis wir vollkommen verpanzerte Individuen und eine verpanzerte Gesellschaft vor uns haben. Irgendwelche Kompromisse zwischen Selbstregulierung und Fremdregulierung können nur im Chaos enden. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: das anfangs selbstgesteuerte Baby wird renitent, quengelig, zieht sich in sich zurück oder fordert ständig Aufmerksamkeit etc. Beim von Anfang an in ein Korsett von Regeln gesperrten Baby sieht es kaum anders aus, vor allem wird es nicht mit Dankbarkeit und Zuneigung reagieren, wenn man es „befreit“ und damit den Boden unter den Füßen wegreißt.

Das erklärt auch Reichs tiefsitzende Verachtung für „Liberale“, Stirners Verachtung für „fromme Atheisten“ und die LaMettries für zutiefst reaktionäre angebliche „Aufklärer“.

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 104)

6. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Marx hat 1844 vor Kenntnisnahme von Stirners Der Einzige und sein Eigentum bereits die Grundlagen seiner ökonomischen Theorie ausgearbeitet im entsprechenden Teil seiner Pariser Manuskripte. Danach konzentrierte er sich eineinhalb Jahrzehnte auf seine politische und journalistische Arbeit in Köln, Paris, Brüssel und London, so als fliehe er eine Auseinandersetzung bzw. zögere diese hinaus. Erst 1857/58 befaßte er sich wieder grundsätzlich mit der Ökonomie in seinen Grundrissen der Politischen Ökonomie.

Was hatte sich unter dem nachwirkenden Einfluß Stirners in diesen Zwischenjahren geändert? Marx‘ „politökonomischer“ Fokus richtete sich weg vom Markt hin auf die Produktion und von dem Begriff „Arbeit“ auf den der „Arbeitskraft“. Auf einen abstrakten Nenner gebracht, stellte er nicht mehr den Raum (das „Austauschen“ und Wirken im Raum des Marktes) in den Mittelpunkt, sondern die Zeit. Einerseits die Arbeitszeit des Arbeiters, die der Kapitalist sich aneignet (den Mehrwert) und andererseits die Verkleinerung des Raumes durch das Kapital, das alles beschleunigt (sozusagen „verzeitlicht“) und aus dem ganzen Planeten („Weltmarkt“) ein bloßes Dorf macht. Das sozusagen „raumfressende“ Kapital schafft so etwas wie „Frei-Zeit“, die durch den immer weiteren Einsatz von Maschinen (und damit der Zurückdrängung der einzig wertschaffenden menschlichen Arbeit) einerseits das Kapital selbst untergräbt, gleichzeitig damit aber auch die zukünftige kommunistische Gesellschaft vorbereitet, in der die „Freizeit“ allen zukommen wird, wie einst am Anfang der Entwicklung als im „Dorf des Urmenschen“ alles Gemeingut war.

Und was genau hat das mit Stirner zu tun? Das wird offensichtlich, wenn man sich die zentrale Stelle der Grundrisse der Politischen Ökonomie zu Gemüte führt. In einer auf das Kapital gegründeten Produktion komme es zur

Entwicklung von einem stets sich erweiternden und umfassenden System von Arbeitsarten, Produktionsarten, denen ein stets erweitertes und reicheres System von Bedürfnissen entspricht. Wie also die auf das Kapital gegründete Produktion einerseits die universelle Industrie schafft – d.h. Surplusarbeit, wertschaffende Arbeit –, so anderseits ein System der allgemeinen Exploitation der natürlichen und menschlichen Eigenschaften, ein System der allgemeinen Nützlichkeit, als dessen Träger die Wissenschaft selbst so gut erscheint wie alle physischen und geistigen Eigenschaften, während nichts als An-sich-Höheres, Für-sich-selbst-Berechtigtes, außer diesem Zirkel der gesellschaftlichen Produktion und Austauschs erscheint. So schafft das Kapital erst die bürgerliche Gesellschaft und die universelle Aneignung der Natur wie des gesellschaftlichen Zusammenhangs selbst durch die Glieder der Gesellschaft. Hence the great civilising influence of capital; seine Produktion einer Gesellschaftsstufe, gegen die alle früheren nur als lokale Entwicklungen der Menschheit und als Naturidolatrie erscheinen.

Darauf folgen Sätze, als würde Marx Stirner paraphrasieren:

Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion, zu unterwerfen. Das Kapital treibt dieser seiner Tendenz nach ebensosehr hinaus über nationale Schranken und Vorurteile wie über Naturvergötterung und überlieferte, in bestimmten Grenzen selbstgenügsam eingepfählte Befriedigung vorhandener Bedürfnisse und Reproduktion alter Lebensweise. Es ist destruktiv gegen alles dies und beständig revolutionierend, alle Schranken niederreißend, die die Entwicklung der Produktivkräfte, die Erweiterung der Bedürfnisse, die Mannigfaltigkeit der Produktion und die Exploitation und den Austausch der Natur- und Geisteskräfte hemmen.

Jedoch… – so Marx weiter:

Daraus aber, daß das Kapital jede solche Grenze als Schranke setzt und daher ideell darüber weg ist, folgt keineswegs, daß es sie real überwunden hat, und da jede solche Schranke seiner Bestimmung widerspricht, bewegt sich seine Produktion in Widersprüchen, die beständig überwunden, aber ebenso beständig gesetzt werden. Noch mehr. Die Universalität, nach der es unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Aufhebung durch es selbst hintreiben. (MEW 42, S. 323f)

Die gesamte Argumentationsweise erinnert fatal an Stirner und seiner Darstellung der Entwicklung des „Einzigen“, indem der sich von seinen animistischen und später mystischen Wahnideen immer weiter emanzipiert, die Gespenster bzw. Denkgespinste vertreibt und zum „Einzigen“ wird. Bei Marx ist dieser „Einzige“ eindeutig das „Kapital“, das den Menschen emanzipiert, die Welt schrumpfen und damit handhabbar macht und die Bedingung der Freiheit, die konkret nichts anderes als „Frei-Zeit“ ist, schafft. Gleichzeitig ist das Kapital aber auch die letzte Verkörperung, die letzte Kulmination der Entfremdung und seine Überwindung, die gleichzeitig seine Selbstaufhebung ist, befreit den Menschen von der schlimmsten denkbaren Ausbeutung.

Marx konnte Stirner unmöglich widerlegen, daran war bereits Feuerbach kläglich gescheitert und alle anderen Kritiker bis zum heutigen Tag. Marx tat etwas anderes: er übertrug Stirners weitgehend anthropologisch/psychologisch orientierten Ausführungen auf den Bereich der Ökonomie, dämonisierte dabei den „Einzigen“ in Gestalt des Kapitals, dessen Überwindung zum voll entfalteten „Gattungswesen“ Feuerbachs führt. Das Kapital wird vergesellschaftet, genauso wie das Ich vergesellschaftet wird. Darum (letztendlich im das Über-Ich) dreht sich der gesamte Marxismus von jeher. Das muß man immer im Auge behalten, wenn Marxisten insbesondere Reich „widerlegen“.

Oberflächlich mag es so aussehen, als wären zwischen 1844 und 1858 Marx‘ einst noch weitgehend voneinander getrennte Politökonomie und sein Hegelianismus zu einem unauflösbaren Amalgam miteinander verschmolzen, doch tatsächlich versuchte Marx in der reifen Phase seines Ökonomismus Stirner sozusagen „zu überholen, ohne ihn einzuholen“. Die ganze berühmte Marxistische Dialektik (oben beispielsweise die „widersprüchliche“ Janusgesichtigkeit des Kapitals als Welterlöser, der gleichzeitig der denkbar schlimmste Teufel ist) ist nichts anderes als Ausdruck der ständigen Auseinandersetzung mit Stirner. Ähnliches läßt sich über Nietzsche sagen – womit wir die gesamte Geistesgeschichte der letzen 150 Jahre entschlüsselt haben! „Wir“? LASKA!

Nachbemerkung: „Der Einzige und sein Eigentum“ und sozusagen „das Kapital und sein Eigentum“? Was ist denn das für eine bizarre Gleichsetzung? Hallo! „Der Einzige und sein Eigentum“! Im übrigen findet sich, einer Notiz Laskas zufolge, ähnliches bei Carl Schmitt: „der Staat“ tritt an die Stelle von Stirners „Einzigem“.

Stirners „Gespinste“ tauchen im Kapital auf, wo Marx den „Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ wie folgt lüftet: in der „Nebelregion der religiösen Welt (…) scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten (zu sein). So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist“ (MEW 23, S. 86f).

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 102)

30. Januar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Es wird immer wieder unternommen Reich ad absurdum zu führen, indem man auf Aldous Huxleys Brave New World verweist und auf neuere Mechanismen der psychologischen Kriegsführung. Statt zu befreien, wie Reich angeblich behauptet habe, würde Sex versklaven. Es wird dann gerne auf Pornosüchtige verwiesen.

Und genau hier fängt das große Mißverständnis an. Es geht um Kontakt, ohne den macht Sex offensichtlich überhaupt keinen Sinn. Wenn Sex zur psychologischen Kriegsführung verwandt wird, geht es ausschließlich um die Herstellung bzw. Verstärkung von Kontaktlosigkeit. Das kennt jeder aus dem Alltag, wenn man plötzlich mit plakativer Obszönität konfrontiert wird. Sie ist dermaßen unangebracht, grotesk „out of place“, daß man sofort den Bezug zur Realität verliert. Heutzutage ist man dem ständig ausgesetzt und fragt sich zunächst entsetzt: „Was soll der Scheiß!?“ – bis man abgestumpft ist, d.h. Kontaktlosigkeit induziert wurde. Besonders effektiv ist das, wenn die Obszönität als „Natürlichkeit“ verkauft wird.

Womit wir es hier zu tun haben, ist sozusagen eine Kombination der beiden Mechanismen, die in Teil 100 (Zusammenbruch des Vegetativen Nervensystems) und Teil 101 (Zusammenbruch des Zentralen Nervensystems) beschrieben wurden. Wenn sowas allen Ernstes Wilhelm Reich zugeschrieben wird bzw. diesem entgegengehalten wird, ist der Kulminationspunkt an Emotioneller Pest erreicht. Das sind die Leute, die sich in ihrer Verehrung für Marquis de Sade kaum einkriegen können, jedoch LaMettries „Wollust-Schriften“ als vernachlässigbare Schäferidyllen abtun, weil sie nur von einem handeln: dem Kontakt zwischen Menschen.

Ähnlich ist ihre Herangehensweise an Max Stirner, der als „Egoist“ abgetan wird, für den die Mitmenschen nur tote Objekte sind. Wie vollkommen absurd diese Interpretation ist, sieht man daran, daß es Stirner um nichts anderes ging, als die „Gespenster“ zu vertreiben, mit denen sich die Menschen identifizieren, statt direkten Kontakt miteinander aufzunehmen und entsprechend „egoistisch“ weit mehr Lust und Befriedigung im direkten Kontakt zu finden als in der „Pornowelt“ der Ideologien und bloßen Worte. Gewisserweise kann ich mir kaum etwas „Konservativeres“ vorstellen als diesen, Stirners Ansatz!

Email [Die Welt, ein Irrenhaus] (2003)

25. Januar 2024

Email [Die Welt, ein Irrenhaus] (2003)

Der Rote Faden (Band 2): 58. Marx und die Orgonbiophysik

7. Januar 2024

DER ROTE FADEN (Band 2): 58. Marx und die Orgonbiophysik

Der Rote Faden (Band 2): 57. Marx, Freud, Reich

1. Januar 2024

DER ROTE FADEN (Band 2): 57. Marx, Freud, Reich

Der Rote Faden (Band 2): 56. Reich und die Linke

28. Dezember 2023

DER ROTE FADEN (Band 2): 56. Reich und die Linken

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 95)

23. Dezember 2023

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

LaMettries „Maschinenmensch“ war nicht nur, so Ursula Pia Jauch in ihrem Buch Jenseits der Maschine, ein „heuristisches, schon in der Antike gebräuchliches Modell zu wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Körper des Menschen“, sondern es kommt

auch eine sozialkritische Komponente hinzu. Herrscher, Kriegsführer, Potentaten: Ihr unterwerft eure Subjekte und verlangt von ihnen einen blinden Gehorsam, als wären sie bewußtseinslose Maschinen, als könnten sie nur auf Befehl und Verbot reagieren, als wären sie Reiz- und Reaktionssysteme. Ihr macht aus denkenden Menschen gehorsame Soldaten, abgerichtet auf Kanonendonner und Schlachtenlärm; Tausende von Soldaten werden an grünen Tischen, in euren Köpfen, zu kleinen Rädersystemen für die große Kriegsmaschine. (S. 455)

Entgegen dem Vorteil des Automatenhaften ging es LaMettrie vor allem um das Innenleben. Eindeutig war er ein Vorläufer der Psychoanalyse: „Wir sind nicht die Herren unserer Ideen; sie kommen von ich weiß nicht woher (…).“ Ursula Jauch spricht von seiner „Experimentalmetaphysik der Seele (…), einer Seele, die nun nicht mehr Gegenstand spekulativer Theologen, sondern Schauplatz des Emotionalen ist“. Und er dringt zur Ausdruckssprache des Lebendigen vor:

Die konventionelle Sprache, ich will sagen: das Wort, ist beileibe nicht jenes Zeichen, das am meisten ausdrückt. Es gibt ein anderes Verständigungsmittel bei den Menschen & bei den Tieren, das viel mächtiger ist; ich spreche von der Gefühlssprache (…).“ (Jauch: Jenseits der Maschine, S. 339-342)

Es entspricht vollständig Reichs orgonomischen Funktionalismus, wenn LaMettrie skeptisch gegenüber der Sprache und den durch sie vermittelten Erkenntnismöglichkeiten ist. Wie Jauch schreibt: „Wer es versteht, hat Ähnliches schon gedacht [schon gefühlt!]; wer es nicht versteht, dem kann man es kaum erklären“ (S. 453).

Man fühlt sich in Reichs Buch Die kosmische Überlagerung versetzt, wenn LaMettrie schreibt, daß

der menschliche Körper in seiner ersten Anlage nicht mehr als ein Wurm ist, dessen weitere Metamorphosen nicht überraschender sind als jene jedes anderen Insekts. Weshalb denn sollte es verboten sein, in der Natur nach einem noch unbekannten Prinzip zu forschen, dessen Eigenschaften sich in Aktivität & Sensibilität äußern; ein Prinzip, das diesen Wurm [gemeint ist der Mensch] mit Stolz über die Erdoberfläche kriechen läßt? (z.n. S. 250)

Die Natur bedeckt auch die einfachsten Dinge mit einem Schleier des Respekts, den man nur mit Bescheidenheit lüften darf; ein mutwilliger Angriff würde ihn zerreißen; indiskrete Augen vertreiben die verborgenen Dinge. (z.n., S. 535)

Auch Stirner spricht in Der Einzige und sein Eigentum von der Spontanität unseres inneren Funktionierens:

Darum nun, weil Kräfte sich stets von selbst werktätig erweisen, wäre das Gebot, sie zu gebrauchen, überflüssig und sinnlos. Seine Kräfte zu gebrauchen ist nicht der Beruf und die Aufgabe des Menschen, sondern es ist seine allezeit wirkliche, vorhandene Tat. Kraft ist nur ein einfacheres Wort für Kraftäußerung.

Wie nun diese Rose von vornherein wahre Rose, diese Nachtigall stets wahre Nachtigall ist, so bin Ich nicht erst wahrer Mensch, wenn Ich meinen Beruf erfülle, meiner Bestimmung nachlebe, sondern Ich bin von Haus „wahrer Mensch“. Mein erstes Lallen ist das Lebenszeichen eines „wahren Menschen“, meine Lebenskämpfe seine Kraftergüsse, mein letzter Atemzug das letzte Kraftaushauchen „des Menschen“.

Nicht in der Zukunft, ein Gegenstand der Sehnsucht, liegt der wahre Mensch, sondern daseiend und wirklich liegt er in der Gegenwart. Wie und wer Ich auch sei, freudvoll und leidvoll, ein Kind oder ein Greis, in Zuversicht oder Zweifel, im Schlaf oder im Wachen, Ich bin es, Ich bin der wahre Mensch.

Bin Ich aber der Mensch und habe Ich ihn, den die religiöse Menschheit als fernes Ziel bezeichnete, wirklich in Mir gefunden, so ist auch alles „wahrhaft Menschliche“ mein eigen. Was man der Idee der Menschheit zuschrieb, das gehört Mir. Jene Handelsfreiheit z.B., welche die Menschheit erst erreichen soll, und die man wie einen bezaubernden Traum in ihre goldene Zukunft versetzt, Ich nehme sie Mir als mein Eigentum vorweg und treibe sie einstweilen in der Form des Schmuggels. Freilich möchten nur wenige Schmuggler sich diese Rechenschaft über ihr Tun zu geben wissen, aber der Instinkt des Egoismus ersetzt ihr Bewußtsein.

Man lese noch mal Ur-Stalins „Dritte These“!

Idee [handschriftliche Notiz] (01.12.2016)

20. Dezember 2023

Idee [handschriftliche Notiz] (01.12.2016)