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Orgonomie und Metaphysik (Teil 19)

20. Dezember 2021

Die Heil-Methode der Geistheilung ist etwas, das auf einem einfachen psychologischen Mechanismus beruht. „Eine genuine ‚Wunderheilung‘ bedeutet einfach, daß es sich dabei um eine Stimulierung biologischer Energie des autonomen Nervensystems gehandelt hatte“ (Myron Sharaf: „Die erste Orgonomische Konferenz auf Orgonon vom 30. August bis 3. September 1948“ Internationale Zeitschrift für Orgonomie I(1), April 1950, S. 36). Bereits in den 1920er Jahren finden sich ähnliche Aussagen Reichs, der sich damals intensiv mit Suggestion als Heilmethode auseinandersetzte!

Gemeinhin wird von „Geistheilern“ zu Beginn die unbedingte Überzeugung vermittelt, daß die Methode auf jeden Fall wirkt. Es heißt nicht etwa: „Versuchen wir es mal, vielleicht klappt es ja, aber dazu müssen Sie mitarbeiten“, sondern es wird der Eindruck vermittelt, daß es unfehlbar immer wirkt und so wird der Patient perfekt konditioniert. Sagt der „Patient“, daß er nicht an die Methode glauben würde und sich fürchte, sich unbewußt gegen die Heilung zu sperren und diese dergestalt vielleicht zu hintertreiben, antwortet der „Therapeut“: „Das macht gar nichts, die Methode wirkt unabhängig von Ihrer Einstellung.“ Dies, die Unterlaufung jedes Widerstandes, ist die perfekte Methode, einen Placebo-Effekt zu provozieren, d.h. die besagte Stimulierung des Körperorgons. Hinzu kommt das ganze Umfeld: mystisches Geraune und Geschichten über einen geheimnisvollen Wundermann im Hintergrund.

Als nächster Schritt wird dann der durch den Placebo-Effekt praktisch überzeugte „Patient“ langsam in die Gedankenwelt des Geistheilers hineingezogen, so daß es ein sich selbsterhaltender Prozeß wird, d.h. man ist schließlich auch dann davon überzeugt, wenn Effekte schließlich ausbleiben, was praktisch immer der Fall ist. Am Ende steht dann die finanzielle Ausbeutung, indem man in ein teures Kurssystem hineingezogen wird. Unterstützt wird dies dann auch noch durch eine hohe Ethik: „Ich nehme kein Geld für eine Behandlung, die auf reiner Liebe beruht.“ Wieder wird jeder Widerstand unterlaufen. Der Weg aus dieser Guru-Sekte ist unmöglich, denn erstens gibt es die positiven unleugbaren Anfangserfahrungen und zweitens wird sich niemand eingestehen, daß er soviel Lebenszeit und vor allem (trotz aller gegenteiligen Beteuerungen) Geld für solch einen offensichtlichen Quatsch verschwendet hat. So wird gerade die Absurdität des Systems zu einer seiner Hauptstützen.

Letztendlich darf man auch nicht vergessen, daß die Esoterik all das in perfekter Weise verspricht, wonach sich der Kleine Mann sehnt: übermenschliche „kosmische“ Bedeutung der eigenen Person und die anstrengungslose Lösung aller Probleme, aller Schmerzen und aller Unsicherheit.

Dabei möchte ich einen gewissen orgon-energetischen Effekt der „Spiritualität“ auf den Gläubigen nicht ganz von der Hand weisen: „Von Eduard Zeller erzählte Steiner die Anekdote, daß dieser noch als Neunzigjähriger in Berlin ‚mit ungeheurer Lebhaftigkeit‘ habe dozieren können, weil er, da nicht Materialist, nicht verkalkte, während ein siebzigjähriger Kollege, der nur Gedanken gehabt, ‚die im Materialismus drinnen stecken‘ Arterienverkalkung bekam“ (Friedrich Heyer: Anthroposophie – ein Stehen in höheren Welten?, Friedrich Bahn Verlag, Konstanz, 1993, S. 109).

EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Die Orgonomie ist keine mystische „Geheimwissenschaft“

1. Dezember 2020

 

EIN QUERSCHNITT DURCH DAS SCHAFFEN JEROME EDENs: Die Orgonomie ist keine mystische „Geheimwissenschaft“

The Journal of Orgonomy (Vol. 39, No. 2, Fall/Winter 2005)

15. Dezember 2012

Charles Konia befaßt sich in seinem Artikel „Applied Orgonometry IV: Mysticism“ (S. 60-69) u.a. mit einem recht überzeugenden Argument gegen die von Elsworth F. Baker entwickelte „sozio-politische Charakterologie“, derzufolge Konservative („verzerrter Kontakt zum Kern“) zum Mystizismus neigen, Liberale („fehlender Kontakt zum Kern“) eher zum Mechanismus. Seit den 1960er Jahren, d.h. seit dem Aufkommen der antiautoritären Gesellschaft, hat nämlich die Linke ein auffallendes Interesse für den Mystizismus gezeigt.

Wie diesen offensichtlichen Widerspruch erklären? Bakers Formulierungen gehen nicht tief genug, d.h. der alles entscheidende bioenergetische Unterschied zwischen Konservativen und Liberalen wird nicht klar formuliert: bei Konservativen steht die Emotion und das im Solar Plexus zentrierte „orgonotische System“ im Mittelpunkt, bei Liberalen die Sensation und das im Zentralen Nervensystem zentrierte „energetische Orgonom“. Siehe dazu beispielsweise meine Ausführungen in Die beiden bioenergetischen Systeme und das Elend der modernen Welt.

Entsprechend können sich Liberale durchaus vom Ersatzkontakt „Mystizismus“ angesprochen fühlen, solange dieser ein „Head Trip“ bleibt. Während der „emotionale Rechte“ sich dem „unergründlichen Ratschluß Gottes“ unterwirft, versucht der „zerebrale Linke“, der sich zum Mystizismus hingezogen fühlt, die Welt in ihrem Innersten zu ergründen. Ein Gutteil dessen, was heute unter dem Titel „Orgonomie“ und 100 Prozent dessen, was unter dem Titel „Reichianismus“ abläuft, entspricht dieser Art von mystischer Perversion. Es ist Neurose, wenn nicht Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Im Gegensatz zu den Mystikern der Rechten glauben die Mystiker der Linken, daß man im Diesseits Gesundheit („Ganzheit“) und Glück erlangen kann: holistische Medizin, spirituelles Wachstum, „Heilung“, etc. Typischerweise geht es um das Erlangen eines „höheren Bewußtseins“. Die Wahrheit hänge von der Sichtweise des Einzelnen ab, alles ist „relativ“. Von den etablierten Religionen, insbesondere aber von „Gott, dem Vater“ will man nichts wissen. Alles sei machbar.

Allen Arten von Mystizismus ist gemeinsam, daß sie Ersatz für sexuelle Befriedigung sind. Oder mit anderen Worten: ohne orgastische Impotenz kein Mystizismus.

koniamystik

Der Panzer verzerrt die ursprünglichen sexuellen Empfindungen und an ihre Stelle tritt der mystische Ersatzkontakt. Dieser ist antisexuell und gleichzeitig eben das: Ersatz für Sexualität. Bei den einen ist die Angst vor der Sexualität unmittelbar an die autoritäre Vaterfigur bzw. „Gott“ gebunden, bei anderen sind es pseudowissenschaftliche Theorien, die die antisexuelle Haltung rationalisieren. Man denke nur einmal daran, wie linke „Reichianer“ die Orgonomie mit Tantra, Taoismus, Yoga, Buddhismus und anderem extrem antisexuellen Theorien „erweitern“!

The Journal of Orgonomy (Vol. 12, No. 1, May 1978)

28. Dezember 2011

1924, noch ganz in traditionellen psychoanalytischen Bahnen, formulierte Reich das Ziel der psychoanalytischen Therapie wie folgt:

Wir ziehen es vor, auch bei vollkommenem Symptomschwund nach unvollkommener Analyse nur von Symptomfreiheit, nicht von Heilung zu sprechen, weil der psychoanalytische Begriff der Heilung notwendigerweise ein viel strengerer ist als der sonst übliche. Man dürfte in der Analyse von Heilung nur sprechen, wenn der Patient in subjektiver und sozialer Beziehung wieder hergestellt, unfähig zur Rezidive ist (Federn) und der Fall die weitgehenste Lösung sämtlicher Libidoanteile erfahren hat. („Über Genitalitär“, Frühe Schriften, S. 173f Fußnote)

Bereits im gleichen Jahr, 1924, formulierte Reich sein eigenes spezifisches Heilungskriterium:

Und nicht früher kann eine Analyse als beendet gelten, als bis der Patient seine Genitalität vom Schuldgefühl befreit und vom Inzestobjekt abgezogen sowie seine prägenitalen Organisationsstufen endgültig überwunden hat. („Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 10(2), 1924, S. 217f)

Wiederum im gleichen Jahr kommt sein Gesundheitskonzept in „Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido“ für den Rest seines Lebens gültig zum Abschluß: Reich geht es nicht primär um die Beseitigung neurotischer Symptome, sondern um Charakterveränderung, bzw. „die Umstellung der Gesamtpersönlichkeit auf das genitale Primat“ (Frühe Schriften, S. 229), deren aktive Betätigung vor dem Rückfall in die Neurose schützt und persistierende Symptome früher oder später verschwinden läßt.

Nachdem er kurz darauf in Der triebhafte Charakter (1925) die neue psychoanalytische Ichpsychologie in sein Gesundheitskonzept vollends integriert hat, heißt es in einem Brief an Sandor Ferenczi aus dieser Zeit der sich formierenden Charakteranalyse:

(…) true and lasting cures can be achieved only if we succeed in modifying the neurotic character, which is the substructure of its symptomatology. (In the ego: overcoming ambivalence and narcissism; in the sexual sphere: building up the „erotic reality sense“, the unambivalent, heterosexual genital libido.) (Reich Speaks of Freud, S. 128; deutsches Original wurde noch nicht veröffentlicht)

Die Psychoanalyse hat Reich dann in einem nächsten Schritt überwunden, als er im Zusammenhang mit seiner Orgasmustheorie durchblicken ließ, daß eine zu tiefe Analyse anstatt der Heilung zu helfen, dieser sogar eher im Wege stehen kann, da der heilende Faktor die Genitalität ist und nicht neuerlich aktivierte Prägenitalität:

Es gibt Fälle, die, ohne vollständig analysiert worden zu sein, auch dauernd symptomfrei bleiben. Das sind diejenigen, bei denen die Analyse zuerst an den genitalen Fixierungen angriff und sie vollständig lösen konnte, ehe tiefere Fixierungen die Übertragungssituation komplizieren konnten. Die von der Kastrationsangst befreite Genitallibido konnte automatisch andere Wünsche außer Kraft setzen, indem die orgastische Lösung der Libidostauung die Bereitschaft zu regredieren praktisch beseitigte. („Über die Quellen der neurotischen Angst“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 12(3), 1926, S. 430f)

Elsworth F. Baker sagt in seinem Aufsatz „Orgone Therapy“ über den Heilungsprozeß in der Orgontherapie:

Wenn die Energie von ihrer Verankerung in sadistischen, narzißtischen und prägenitalen Fixierungen befreit wurde, wird akute Angst freigesetzt, da die zum Genital fließende Energie die infantile Angsthysterie von neuem aktiviert und zur Rückkehr der Symptome führt.

Zeichen des therapeutischen Erfolgs ist, wenn der Patient masturbieren und sich dabei ohne Schuldgefühle den Inzest vorstellen kann und wenn er zu genitalen Empfindungen während der Therapie fähig ist. Das bedeutet, daß die Kastrationsangst überwunden wurde. (S. 47)

Man sieht wie wichtig noch immer das „Inzestobjekt“ ist. Bakers Kollege Arthur Nelson beschäftigt sich in der gleichen Ausgabe des Journal of Orgonomy ausführlich mit dem Thema Inzest: „A Case of Incest“. In diesem Fall geht es zwar um den Sex zwischen Geschwistern, jedoch stellt Nelson, auch mit Verweis auf die psychologische Literatur fest, daß hierdurch ödipale Wünsche intensiviert werden können. Baker habe ihm, Nelson, berichtet, daß Reich das Problem des Inzest und des universellen Inzesttabus oft diskutiert habe, das ganze jedoch nicht wirklich orgonomisch erklären konnte.

Reichs zeitweilige Sekretärin und Geliebte, Lois Wyvell beschreibt in ihren Erinnerungen was Reich ihr über die Gründe seiner eigenen Gesundheit erzählte. Er habe seine Gesundheit auf folgende Elemente zurückgeführt: er hatte als Kind viel freien Bewegungsspielraum, um das Leben in den Wäldern und auf der Farm selbständig zu erkunden; in erster Linie führte er seine Gesundheit auf seine Mutter zurück „für die er die glühendste Liebe und Bewunderung zum Ausdruck brachte“, die eine sehr liebevolle und im besten Sinne des Wortes gutmütige Frau gewesen sein muß; schließlich führte Reich seine Gesundheit auf die frühen sexuellen Episoden in seinem Leben zurück, die ihn von Anfang an überzeugten, daß an seinen sexuellen Empfindungen nichts Schlimmes und Sexualität etwas Gutes war („An Appreciation of Reich“, Journal of Orgonomy, 7(2), November 1973, S. 173f). Im krassen Gegensatz zu den Schuld- und Ekelgefühlen, die einem Großteil seiner Generation eingetrichtert wurden und die noch heute den Kindern eingetrichtert werden mit Pornographie und AIDS-Horrorgeschichten.

Wie bisher jeder Biograph hervorgehoben hat, blieb Reich jedoch zeitlebens durch seine Mutter- und Vaterbindung belastet. Immerhin hatte Reich von Anfang an Klarheit über seinen Zustand gefunden, wie beispielsweise seine allererste psychoanalytische Veröffentlichung „Über einen Fall von Durchbruch der Inzestschranke“, eine Selbstanalyse, zeigt.

Wer seine eigene Bindung an Familie und Mutter nicht überwunden hat oder sie zumindest durch Klarheit aus seinen Urteilen ausschaltet, der unterlasse es, die Ideologiebildung zu erforschen. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 72, Fußnote)