Posts Tagged ‘Stirner’

Max Stirner, Soter (Teil 28)

19. September 2025

Das über das „universelle Mobbing“ gesagte gilt auch bzw. gerade für „freiheitliche“ Demokratien und deren „Rechtsstaat“: „Die ‘Freiheit’ weckt euren Grimm gegen Alles, der ‘Egoismus’ [hingegen] ruft Euch zur Freude über Euch selbst, zum Selbstgenusse“ (Der Einzige, S. 180).

Der moralische Einfluß nimmt da seinen Anfang, wo die Demütigung beginnt, ja er ist nichts anderes, als diese Demütigung selbst, die Brechung und Beugung des Mutes zur Demut herab. Wenn Ich Jemand zurufe, bei Sprengung eines Felsens aus dessen Nähe zu gehen, so übe Ich keinen moralischen Einfluß durch diese Zumutung; wenn ich dem Kinde sage, Du wirst hungern, willst Du nicht essen, was aufgetischt wird, so ist dies kein moralischer Einfluß. Sage Ich ihm aber: Du wirst beten, die Eltern ehren, das Kruzifix respektieren, die Wahrheit reden usw., denn dies gehört zum Menschen und ist der Beruf des Menschen, oder gar, dies ist Gottes Wille, so ist der moralische Einfluß fertig; ein Mensch soll sich da beugen vor dem Beruf des Menschen, soll folgsam sein, demütig werden, soll seinen Willen aufgeben gegen einen fremden, der als Regel und Gesetz aufgestellt wird; er soll sich erniedrigen vor einem Höheren: Selbsterniedrigung. „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden.“ Ja, ja, die Kinder müssen bei Zeiten zur Frömmigkeit, Gottseligkeit und Ehrbarkeit angehalten werden; ein Mensch von guter Erziehung ist Einer, der „gute Grundsätze“ beigebracht und eingeprägt, eingetrichtert, eingebleut und eingepredigt worden sind.

Zuckt man hierüber die Achseln, gleich ringen die Guten verzweiflungsvoll die Hände und rufen: „Aber um’s Himmels willen, wenn man den Kindern keine guten Lehren geben soll, so laufen sie ja gerades Weges der Sünde in den Rachen, und werden nichtsnutzige Rangen!“ Gemach, Ihr Unheilspropheten. Nichtsnutzige in eurem Sinne werden sie allerdings werden: aber Euer Sinn ist eben ein sehr nichtsnutziger Sinn. Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen und kein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt und faselt: sie werden das Erbrecht aufheben, d.h. sie werden Eure Dummheiten nicht erben wollen, wie Ihr sie von den Vätern geerbt habt; sie vertilgen die Erbsünde. Wenn Ihr ihnen befehlt: Beuge Dich vor dem Höchsten – so werden sie antworten: Wenn er Uns beugen will, so komme er selbst und tue es; Wir wenigstens wollen Uns nicht von freien Stücken beugen. Und wenn Ihr ihnen mit seinem Zorne und seinen Strafen droht, so werden sie’s nehmen, wie ein Drohen mit dem Wauwau. Glückt es Euch nicht mehr, ihnen Gespensterfurcht einzujagen, so ist die Herrschaft der Gespenster zu Ende, und die Ammenmärchen finden keinen – Glauben,

Und sind es nicht gerade wieder die Liberalen, die auf eine gute Erziehung und Verbesserung des Erziehungswesens dringen? Denn wie könnte auch ihr Liberalismus, ihre „Freiheit in den Grenzen des Gesetzes“ ohne Zucht zustande kommen? Erziehen sie auch nicht gerade zur Gottesfurcht, so fordern sie doch um so strenger Menschenfurcht, d.h. Furcht vor dem Menschen, und wecken durch Zucht die „Begeisterung für den wahrhaft menschlichen Beruf“. (Der Einzige, S. 88f)

Jedes Kind, jeder Wilde und jedes Tier, das sich derartigen „fixen Ideen“ (Der Einzige, S. 225) widersetzt, sich „rücksichtslos“ auslebt, gilt als Verbrecher. Tatsächlich wird, wie bereits erwähnt, jedes Kind als Verbrecher geboren (Der Einzige, S. 219), einfach weil es nicht weiß, was dem Volk und dem Staat, in das es hineingeboren wird, zufälligerweise als „heilig“ gilt – und „nur gegen ein Heiliges gibt es Verbrecher“ (Der Einzige, S. 224). Die wilde Natur muß gezügelt werden. Bei Tieren nennt man das „Dressur“, bei Kindern „Erziehung“.

Ihr armen Wesen, die Ihr so glücklich leben könntet, wenn Ihr nach eurem Sinne Sprünge machen dürftet, Ihr sollt nach der Pfeife der Schulmeister und Bärenführer tanzen, um Kunststücke zu machen, zu denen Ihr selbst Euch nimmermehr gebrauchen würdet. Und Ihr schlagt nicht endlich einmal dagegen aus, daß man Euch immer anders nimmt, als Ihr Euch geben wollt. Nein, Ihr sprecht Euch die vorgesprochene Frage mechanisch selber vor: „Wozu bin Ich berufen? Was soll Ich?“ (Der Einzige, S. 365)

Max Stirner, Soter (Teil 27)

9. September 2025

Durch Freundschaften, Handelsaustausch und andere Formen des lustvollen „Verkehrs“ löst sich die ursprüngliche Gesellschaft auf und es entsteht der Verein. Betrachtet man, so Stirner, das alltägliche Leben, hat man hunderte von solchen teils schnell vorübergehenden, teils dauernden egoistischen Vereinen vor sich: Kinder die sich zum Spielen zusammenfinden, Freundschaften, Liebespaare, etc. (Parerga, S. 204). Im Verein findet man zusammen, um einander zu genießen, wobei keiner der Partner „zu kurz kommt“ (Parerga, S. 204). Aus diesen Vereinen kann wiederum aufgrund der Charakter-Deformationen ihrer Mitglieder eine (sekundäre) Gesellschaft hervorgehen: die berüchtigte „Vereinsmeierei“, Gilden, Parteien, der Staat und andere „heilige“ Gebilde. Sie sind abgestorbene Vereine, in denen das unaufhörliche Sich-Vereinigen zum Stillstand gekommen ist (Der Einzige, S. 342). Reich hat beschrieben, wie aus Lustangst die Menschen aus den „Vereinen“ in eine Ersatzfamilie flüchten, in der das Heimatland die Mutter verkörpert und der „Führer“ den strengen, gerechten und gütigen Vater. (Darauf beruht heute der Antikapitalismus der roten und schwarzen Faschisten.)

Mit der Unterdrückung des Vereins, also des freien „bioenergetischen und arbeitsdemokratischen“ Austausches zwischen den Menschen, wird auch die primäre Gesellschaft zerstört. Das sieht man z.B. daran, daß die Eltern der öffentlichen Schule immer größere Teile der Erziehungsaufgabe zuschanzen. Mit dem generellen Zerfall der Gesellschaft bricht auch die ursprüngliche, die organisch gewachsene Gesellschaft, also die Familie, sogar die Mutter-Kind-Bindung, und damit der unverzichtbare „Mutterboden“ des Einzigen und des Vereins, zunehmend weg. Es ist wie Bodenerosion: die Wüste wächst. Stirner konnte noch wie selbstverständlich aus dem „Nichts“, d.h. der „schaffenden Gedankenlosigkeit“ (Der Einzige, S. 380), der Körperlichkeit, der „Natur“ schöpfen, während die gegenwärtig heranwachsende Generation buchstäblich ins „Nichts“ fällt, in ein inneres Vakuum. Daher die Sucht nach Unterhaltung und Ablenkung – die innere Leere soll gefüllt werden. Stirner konnte noch davon ausgehen, daß es nur Vorteile hat, wenn sich die Kinder von ihren Eltern loskoppeln und in freien Austausch mit ihren Altersgenossen treten (Der Einzige, S. 342). Heute ist es so, daß der Einfluß der Altersgenossen derartig negativ ist, daß verantwortungsvolle Eltern sich weigern müßten, ihre Kinder auf öffentliche Schulen zu schicken. Daß die Grundlage des Vereins zunehmend verschwindet, insbesondere dadurch, daß Frauen „sich selbst verwirklichen wollen“, ist der ultimative Verrat an der Aufklärung.

Neben den angeborenen Instinkten fehlt ihnen auch das erworbene Wissen, das sich quasi in einen „Trieb“ verwandelt hat. Stirner spricht bei diesem „Trieb“ von „bewußtlosem Wissen“ und „Instinkt des Geistes“ und nennt etwa das Taktgefühl (Parerga, S. 93). Zum Beispiel ist unser Organismus seit wir uns von Insektenfressern zu Halbaffen entwickelt haben, auf „Süßigkeiten“ programmiert: süße Früchte, die praktisch nie im Überfluß vorhanden sind. Heute werden wir damit bombardiert. Da ist Selbstzucht gefragt und es gilt Stirners Diktum:

Ich nehme mit Dank auf, was die Jahrhunderte der Bildung Mir erworben haben; nichts davon will Ich wegwerfen und aufgeben: Ich habe nicht umsonst gelebt. Die Erfahrung, daß Ich Gewalt über meine Natur habe und nicht der Sklave meiner Begierden zu sein brauche, soll Mir nicht verlorengehen; die Erfahrung, daß Ich durch Bildungsmittel die Welt bezwingen kann, ist zu teuer erkauft, als daß Ich sie vergessen könnte. Aber Ich will noch mehr. (Der Einzige, S. 374)

Auch spricht Stirner nicht dem sozialen Chaos das Wort. Selbstverständlich ist es den Menschen unbenommen sich zu wehren und „asoziales“ Verhalten zu bestrafen. „Das ist keine Sündenstrafe, keine Strafe für ein Verbrechen.“ Es geht dabei nicht um die Verletzung irgendwelcher „heiligen Gesetze“, sondern um den freien Entschluß des Einzelnen die Folgen etwaiger Taten tragen zu wollen oder nicht (Der Einzige, S. 263f). Es geht darum, daß sich die Geschädigten an jenen gütlich tun, die ihnen Gewalt angetan haben, nicht darum, daß irgendein „heiliges Recht“ befriedigt wird (Der Einzige, S. 266). Oder mit anderen Worten: die Gruppen von Menschen geben sich Regeln, die das Verbrechen zu einer Dummheit machen – oder die Regeln setzen sich so im Einzelnen fest, daß das Verbrechen zu einer Sünde wird.

Jene Hingebung an das Heilige bewirkt denn auch, daß man, ohne lebendigen, eigenen Anteil, die Übeltäter nur in die Hände der Polizei und Gerichte liefert: ein teilnahmsloses Überantworten an die Obrigkeit, „die ja das Heilige aufs Beste verwalten wird“. Das Volk ist ganz toll darauf, gegen Alles die Polizei zu hetzen, was ihm unsittlich, oft nur unanständig zu sein scheint, und diese Volkswut für das Sittliche beschützt mehr das Polizeiinstitut, als die Regierung es nur irgend schützen könnte. (Der Einzige, S. 267)

Die seit Kindertagen zurechtgestutzten „unterdrückten Massen“ betreiben ein universelles Mobbing gegen den Einzelnen, „den seine Kühnheit, sein Wille, seine Rücksichtslosigkeit und Furchtlosigkeit leitet (…) Das Volk – ihr gutherzigen Leute, denkt Wunder, was Ihr an ihm habt – das Volk steckt durch und durch voll Polizeigesinnung. – Nur wer sein Ich verleugnet, wer ‘Selbstverleugnung’ übt, ist dem Volke angenehm“ (Der Einzige, S. 219f).

Leserbrief zur Rezension „Weltprozess nach dem Hiatus“ über Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne“ von Roman Halfmann, 2014

4. September 2025

Leserbrief zur Rezension „Weltprozess nach dem Hiatus“ über Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne“ von Roman Halfmann, 2014

Max Stirner, Soter (Teil 26)

3. September 2025

Menschliche Solidarität wird nicht durch eine „übergreifende Idee“ und eine „Gemeinschaft“ hergestellt, in der alle gleich sind, sondern ganz im Gegenteil dadurch, daß sich die Menschen endlich selbst vertreten (Der Einzige, S. 228f). Ein solcher „Interessenverein“ wäre kein Bund liebloser ängstlich an sich haltender kalter kleinbürgerlicher „Egoisten“. Auch der Eigner kann zugunsten des Mitmenschen auf alles verzichten und alles geben. Nur eines wird er nicht tun, sich selbst, d.h. seine Eigenschaft als „Eigner“ opfern, was nichts anderes heißt, als daß er echt bleibt, wirklich liebt, weil, wie Stirner sagt: „Mir das Lieben natürlich ist“, und sich nicht einer bloßen Idee von Liebe opfert, ohne den Mitmenschen überhaupt wahrzunehmen (Der Einzige, S. 323f).

Es gibt nichts Grausigeres als die „Liebe“ der von Liebe Besessenen, die nur einen Spuk lieben.

Wer aber voll heiliger (…) Liebe ist, der liebt nur den Spuk, den „wahren Menschen“, und verfolgt mit dumpfer Unbarmherzigkeit den Einzelnen, den wirklichen Menschen, unter dem phlegmatischen Rechtstitel des Verfahrens gegen den „Unmenschen“. Er findet es lobenswert und unerläßlich, die Erbarmungslosigkeit im herbsten Maße zu üben; denn die Liebe zum Spuk oder Allgemeinen gebietet ihm, den nicht Gespenstischen, d.h. den Egoisten oder Einzelnen, zu hassen; das ist der Sinn der berühmten Liebeserscheinung, die man „Gerechtigkeit“ nennt. (Der Einzige, S. 321)

Stirner: „Ihr liebt den Menschen, darum peinigt Ihr den einzelnen Menschen, den Egoisten; eure Menschenliebe ist Menschenquälerei“ (Der Einzige, S. 325).

Gerade die vor „Liebe“ strotzenden Gutmenschen sind in Wirklichkeit hartherzig und intolerant. Die gegenwärtige Gesellschaft und alle gesellschaftlichen Utopien, sind Prokrustesbetten, auf denen die „Verbrecher“ zu Tode gefoltert werden, das Lebendige gekreuzigt wird. Und zur französischen Revolution: „Weil die revolutionären Pfaffen oder Schulmeister dem Menschen dienten, darum schnitten sie den Menschen die Hälse ab“ (Der Einzige, S. 87).

Nicht Stirner ist Misanthrop, sondern die Gutmenschen:

Wie viele siehst Du überhaupt, die Du nicht unter die „egoistische Masse“ würfest? Was hat also deine Menschenliebe gefunden? Lauter unliebenswürdige Menschen! Und woher stammen sie alle? Aus Dir, aus deiner Menschenliebe? Du hast den Sünder im Kopfe mitgebracht, darum fandest Du ihn, darum schobst Du ihn überall unter. Nenne die Menschen nicht Sünder, so sind sie’s nicht: Du allein bist der Schöpfer der Sünder: Du, der Du die Menschen zu lieben wähnst, Du gerade wirfst sie in den Kot der Sünde, Du gerade scheidest sie in Lasterhafte und Tugendhafte, in Menschen und Unmenschen, Du gerade besudelst sie mit dem Geifer deiner Besessenheit; denn Du liebst nicht die Menschen, sondern den Menschen. Ich aber sage Dir, Du hast niemals einen Sünder gesehen, Du hast ihn nur – geträumt. (Der Einzige, S. 405)

Stirner wollte dem Welttheater ein Ende machen, in dem wir nur schizoide Schauspieler sind, die einerseits fremde „objektive“ Texte sprechen, und dabei andererseits zu bloßen Schimären, zu „reinen“ Subjekten werden, die kurioserweise „auf der Suche nach sich selbst“ sind. Er wollte aus den Schauspielern wieder aktiv, d.h. einheitlich Handelnde machen, die wirklich hier sind und nicht ständig in einem Wolkenkuckucksheim schweben.

Max Stirner, Soter (Teil 25)

30. August 2025

Stirners Vorgänger LaMettrie fordert uns auf, uns nicht von Schuldgefühlen zerfressen zu lassen, „diesen Henkern, diesen bitteren Früchten, die auf dem Baum der Erziehung, nie jedoch auf dem der Natur, gewachsen sind“ (Philosophie und Politik, S. 101); einer „Erziehung „die unsere Seele sozusagen beugt und unseren Organismus verändert“ (Anti-Seneca, S. 21). Einzig für diese seine Lehre von den Schuldgefühlen beansprucht er Priorität (Anti-Seneca, S. 11). Nur diese eine Wahrheit, daß die kontraproduktiven Schuldgefühle eine Plage für das Menschengeschlecht sind, sei die eine und einzige Wahrheit, „die zu kennen für die Menschen von Bedeutung ist, eine Wahrheit, der gegenüber all die anderen Wahrheiten Lappalien sind“ (Anti-Seneca, S. 22). Es geht um das Über-Ich:

Begeben wir uns zurück in unsere frühe Kindheit (…) und wir befinden uns dort, wo das Schuldgefühl entsteht. Das war zunächst einfach irgendein Gefühl, das unbewußt und ungeprüft übernommen wurde und sich so leicht in das Gehirn eingeprägt hat wie ein Petschaft in weichen Wachs. (…) jene frühen Prägungen, die einst das Gewissen gebildet haben (…) Ihre vielförmigen aktuellen Wirkungen sind das, was man als Schuldgefühle bezeichnet. (Anti-Seneca, S. 53f)

Stirner schrieb ein Jahrhundert später: „Die Macht der Worte folgt auf die der Dinge: erst wird man durch die Rute bezwungen, hernach durch Überzeugung“ (Der Einzige, S. 350). Man hat also die äußeren Machtverhältnisse verinnerlicht, ein Über-Ich gebildet. Furcht werde zu Ehrfurcht. „Hier wird nicht nur gefürchtet, sondern auch geehrt: das Gefürchtete ist zu einer innerlichen Macht geworden, der Ich Mich nicht mehr entziehen kann“ (Der Einzige, S. 81).

Einfacher geht es nicht! Man verfehlt Stirner grundsätzlich, wenn man in seinem Buch das „Philosophische, Tiefschürfende und gedanklich Tiefgründige“ sehen will, für das man superintelligent und supergebildet sein muß. Stirner jedenfalls hebt hervor, daß es nicht um Philosophie, Kritik und ein intellektuelles Projekt geht, sondern ganz im Gegenteil sieht er sich nicht als „Superkritiker“, der nur konsequenter kritisiert als alle anderen. Nein, über solche Leute sagt er:

Die Kritik ist der Kampf des Besessenen gegen die Besessenheit als solche, gegen alle Besessenheit, ein Kampf, der in dem Bewußtsein gegründet ist, daß überall Besessenheit oder, wie es der Kritiker nennt, religiöses und theologisches Verhältnis vorhanden ist. Er weiß, daß man nicht bloß gegen Gott, sondern ebenso gegen andere Ideen, wie Recht, Staat, Gesetz usw. sich religiös und gläubig verhält, d.h. er erkennt die Besessenheit allerorten. So will er durch das Denken die Gedanken auflösen, ich aber sage nur die Gedankenlosigkeit rettet Mich wirklich vor dem Gedanken. Nicht das Denken, sondern meine Gedankenlosigkeit oder ich, der Undenkbare, Unbegreifliche befreie mich aus der Besessenheit. (Der Einzige, S. 164, Hervorhebung hinzugefügt).

Stirner will sich nicht am „Logos“ abarbeiten, ihn entwickeln oder sonstwas, sondern einen Schritt darüber hinaus ins „Unsagbare“ tun (Der Einzige, S. 201): Selbstregulation, während die Philosophie für Regulation steht – „die Stimme des Gewissens“. Deshalb sollte man zu viel Achtung vor der „Intellektualität“, vor dem Denken, von sich weisen. Stirner:

Dies Letzte nun, das Denken selbst zu einer Sache des egoistischen Beliebens, einer Sache des Einzigen, gleichsam zu einer bloßen Kurzweil oder Liebhaberei zu machen und ihm die Bedeutung, „letzte entscheidende Macht zu sein“, abzunehmen, diese Herabsetzung und Entheiligung des Denkens, diese Gleichstellung des gedankenlosen und gedankenvollen Ich’s, diese plumpe, aber wirkliche „Gleichheit“ – vermag die Kritik nicht herzustellen, weil sie selbst nur Priesterin des Denkens ist und über das Denken hinaus nichts sieht als – die Sündflut. (Der Einzige, S. 166, Hervorhebung hinzugefügt)

Wenn Stirner gegen das „Heilige“ angeht, dann meint er bornierte, in sich verpanzerte Unaufgeschlossenheit – und nicht irgendwelche spontan aufkommenden natürlichen und alles andere als bornierten Gefühle, die man gegenüber seiner Geliebten, seinen Kindern, seinen Eltern, etc. hegt. Die Unaufgeschlossenen sind Besessene, die „gleich Brutus“, z.B. das natürliche Vatergefühl zu ersticken trachten (Parerga, S. 143) – für irgendwelche hehren Ideen. Nicht natürliche Gefühle will Stirner desavouieren, sondern alles, was keine spontane Sache des Herzens ist.

Stirners „Utopie“ ist der „unsittliche“ Naturzustand, der sich spontan ergibt, wenn Mensch auf Mensch trifft, ohne daß irgendwelche „heiligen“ Instanzen zwischen sie treten. Wie wir gesehen haben, ist dieser „Naturzustand“ nicht im platten Sinne „natürlich“, d.h. er fällt dem Menschen nicht in den Schoß, sondern beinhaltet neben angeborenen Instinkten, auch Wissen, das sich quasi in einen „Trieb“ verwandelt hat – „den Instinkt des Geistes, in ein bewußtloses Wissen, von dem sich jeder wenigstens eine Vorstellung zu machen vermag, wenn er es damit vergleicht, wie so viele und umfassende Erfahrungen bei ihm selbst in das einfache Gefühl sublimiert wurden, das man Takt nennt: alles aus jenen Erfahrungen gezogene weitläufige Wissen ist in ein augenblickliches Wissen konzentriert, wodurch er im Nu sein Handeln bestimmt“ (Parerga, S. 93).

Wie Reich ausgeführt hat, ist die Welt des Mechanisten wie tot, es ist unlebendig. In ihr ist alles determiniert, es gibt keinen Platz für das Schöpferische. Die Welt des Mystizismus ist genauso starr: „es lebt nichts als das Gespenst“. Anders ist es im Animismus, für den die Welt lebendig ist. Entsprechend spricht Stirner davon, daß die „Alten“, „die überall Götter sahen“, nicht wie die „Neuen“ (die Christen mit ihrer Mystik) zu Geistern, d.h. zu bloßen Gespenstern beteten, denn die heidnischen „Götter setzen die Welt nicht zu einem Schein herab und vergeistigen sie nicht“ (Der Einzige, S. 37). Im orgonomischen Funktionalismus begreift der Mensch die Zusammenhänge auch intellektuell und kann sie praktisch angehen: er nimmt die Welt in Besitz.

Alle gesellschaftlichen Gebilde, die man auf dem Papier entwerfen kann, sind rein „mechanische Zusammensetzungen“. Gegen diese „abstrakten, leblosen Einheiten“ steht die lebendige Interaktion der sich befreienden Einzelnen (Der Einzige, S. 252-254). Ihr Verkehr bildet den „flüssigen“ Verein, während Gebilde wie der Staat (status) mechanisch starr sind (Der Einzige, S. 246). Der Verein ist im übrigen auch die heimliche Grundlage unserer kapitalitischen Wirtschaft: „(…) das Geld ist eine Ware, und zwar ein wesentliches Mittel oder Vermögen. Denn es schützt vor der Verknöcherung des Vermögens, hält es im Fluß und bewirkt seinen Umsatz. Wißt Ihr ein besseres Tauschmittel, immerhin; doch wird es wieder ein ‚Geld‘ sein“ (Der Einzige, S. 305).

Der Sozialismus, die Gesellschaft, der Staat oder die „Partei“ ist der „tote Verein, eine fix gewordene Idee“ (Der Einzige, S. 260), der „Leichnam des Vereins“ (Der Einzige, S. 342) der roboterhaft seinen vorgefaßten Vorurteilen bzw. willkürlichen Schnellurteilen folgt (das besagte „reine Denken“ der Narren). Genauso wie ein Mensch, der sich nicht selbst fühlt, nur eine Maschine ist (Parerga, S. 30), fühlt sich auch die Gesellschaft nicht selbst. Die „Gesamtmasse“ handelt genauso willkürlich wie der von der Interaktion abgetrennte „vereinzelte Einzelne“ (Parerga, S. 276). Die Masse ist dumm und verantwortungslos. Objektiv, bzw. „unparteiisch“ kann nur der Egoist nicht der „Parteigänger“ sein (Der Einzige, S. 260). Einzig und allein der souveräne und großzügige Egoismus des Einzelnen kann die Gesellschaft befrieden, während der „zurückgehaltene Egoismus“ der „ungeständigen Egoisten“ die Gesellschaften in ewigen Konflikten zerreißt: „Besessene in ihrem Glauben sind sie zugleich unbesessen von dem Glauben der Gegner, d.h. sie sind gegen diesen Egoisten“ (Der Einzige, S. 165).

Max Stirner, Soter (Teil 24)

26. August 2025

Stirner sah sich als Vollender der Aufklärung. So wie einst die äußere Welt zu bloßem Material wurde, muß auch die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen, sich ganz meiner Macht unterwerfen (Der Einzige, S. 402). Er hat sozusagen in aufklärerischer Fortführung des Christentums nicht nur die „Dinge dieser Welt“, sondern auch „die Wahrheiten und ihre Macht“ (= Über-Ich) (Der Einzige, S. 390) überwunden. Es geht darum den „Geist“ genauso zu entweihen, zu entheiligen, zu entgöttern und unbedenklich nach Gefallen zu gebrauchen, wie man es mit der Natur macht (Der Einzige, S. 104). Man könnte fragen: „Beschäftigen mich die Sachen“ (vom grüblerischen Denken bis zur Versklavung durch eine fixe Idee) oder beschäftige (gebrauche) ich umgekehrt die Sachen (vgl. Der Einzige, S. 380).

Hatten die „Ergebenen“ eine unbezwungene Macht zu ihrer Herrin erhoben und angebetet, hatten sie Anbetung von Allen verlangt, so kam ein solcher Natursohn, der sich nicht ergeben wollte, und jagte die angebetete Macht aus ihrem unersteiglichen Olymp. Er rief der laufenden Sonne sein „Stehe“ zu, und ließ die Erde kreisen: die Ergebenen mußten sich’s gefallen lassen; er legte an die heiligen Eichen seine Axt, und die „Ergebenen“ staunten, daß kein himmlisches Feuer ihn verzehre; er warf den Papst vom Petersstuhle, und die „Ergebenen“ wußten’s nicht zu hindern; er reißt die Gottesgnadenschaft nieder, und die „Ergebenen“ krächzen, um endlich erfolglos zu verstummen. (Der Einzige, S. 183.

Das Denken wird so wenig als das Empfinden aufhören. Aber die Macht der Gedanken und Ideen, die Herrschaft der Theorien und Prinzipien, die Oberherrlichkeit des Geistes, kurz die – Hierarchie währt so lange, als die Pfaffen, d.h. Theologen, Philosophen, Staatsmänner, Philister, Liberale, Schulmeister, Bedienten, Eltern, Kinder, Eheleute, Proudhon, George Sand, Bluntschli usw., usw. das große Wort führen: die Hierarchie wird dauern, solange man an Prinzipien glaubt, denkt, oder auch sie kritisiert: denn selbst die unerbittlichste Kritik, die alle geltenden Prinzipien untergräbt, glaubt schließlich doch an das Prinzip. (Der Einzige, S. 392f)

„Wem die Grundsätze der Moral gehörig eingeprägt wurden, der wird von moralischen Gedanken niemals wieder frei, und Raub, Meineid, Übervorteilung u.dgl. bleiben ihm fixe Ideen, gegen die ihn keine Gedankenfreiheit schützt. Er hat seine Gedanken ‚von oben‘ und bleibt dabei“ (Der Einzige, S. 383). „Wäre die Hierarchie nicht so ins Innere gedrungen, daß sie den Menschen allen Mut benahm, freie, d.h. Gott vielleicht mißfällige Gedanken zu verfolgen, so müßte man Gedankenfreiheit für ein ebenso leeres Wort ansehen, wie etwa eine Verdauungsfreiheit“ (Der Einzige, S. 385).

„Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten“ (Der Einzige, S. 254). Was bei Reich die Panzerung ist, ist bei Stirner die Welt der Begriffe, die eine Art Eigenleben führen. Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner mit dem Ruf „Komm zu Dir!“ (Der Einzige, S. 180) das Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“ (Parerga, S. 151), aus der Herrschaft der „inneren Hierarchie“, die nichts anderes ist als die „Herrschaft des Guten“ (vgl. Parerga, S. 174), d.h. des Über-Ich. Entweder ist man selbstbestimmt oder von „sittlichen Rücksichten“ (Der Einzige, S. 261): „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). „Denke nicht, daß ich scherze oder bildlich rede, wenn Ich die am höheren hängenden Menschen, und weil die ungeheuere Mehrzahl hierher gehört, fast die ganze Menschenwelt für veritable Narren, Narren im Tollhause ansehe“ (Der Einzige, S. 46).

Der Mensch entschließt sich in einer bestimmten Situation zu etwas, der Wille „erstarrt“ quasi – so daß, selbst wenn sich die Situation grundlegend geändert hat, dieser zurückliegende Willensäußerungen Tribut gezahlt wird. Der Mensch macht sich zum Deppen seiner selbst: „Mein Geschöpf (…) wäre mein Gebieter geworden“ (Der Einzige, S. 215). „Beruf –Bestimmung – Aufgabe!“ (Der Einzige, S. 364) Beruf = Aufgabe, Pflicht (Der Einzige, S. 376). – Stirner unterscheidet zwischen „Beruf“ und der „natürlichen Tat“ (Der Einzige, S. 368). Der Gegensatz von „Beruf“ ist „sich ausleben, sich auflösen“ (Der Einzige, S. 372). Während ein Tier sich „realisiert“, „indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht“, versucht der wahnsinnige Mensch Begriffe zu „realisieren“, z.B. indem er bestrebt ist „Mensch“ zu sein (Der Einzige, S. 372). Der Mensch hält an sich und vertut so sein Leben, das nichts anderes ist als „Auflösen“, „wie die Zeit alles auflöst“ (Der Einzige, S. 373; Hervorhebung hinzugefügt; vgl. auch Der Einzige, S. 366).

Imgrunde steckt hinter dem Gegensatz zwischen „Begriff“ und „Leben“ der Gegensatz zwischen Raum und Zeit. Wenn Stirner eine Philosophie hat, dann ist es diese quasi „Bergsonianische“ Dialektik von abstraktem Denken („Raum“) und konkretem Leben („Zeit“). Die räumliche Vorstellungswelt hat natürlicherweise die Qualität des Statischen, während das Lebendige dadurch gekennzeichnet ist, daß es sich in einem ständigen Fluß befindet. Dazu steht nicht im Widerspruch, daß das lebendige (funktionelle) Denken nichts anderes ist als die „rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken“ (Der Einzige, S. 342); es ist nur dadurch möglich, daß man jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wird (Der Einzige, S. 389). Es geht hier, beim bloß abstrakten Denken, nämlich um das „heilige Denken“, der vermeintlich „Denkenden“, d.h. jener, die alles in Begriffssysteme pressen und deshalb in Wirklichkeit gedankenlose Dummköpfe sind. Entsprechend sieht die gegenwärtige Welt aus (Der Einzige, S. 371). „Dem Realisierenden liegt nämlich wenig an den Realitäten, alles aber daran, daß dieselben Verwirklichungen der Idee seien“ (Der Einzige, S. 408f).

Die besagten „Realisierenden“ sind blind gegen die Unmittelbarkeit der Dinge und unfähig sie zu meistern. Deshalb erscheinen sie Stirners bereits erwähnten „kräftigen Natursohne“ als unbeholfene närrische Käuze (Der Einzige, S. 381), die kontaktlos in ihrer eigenen Traumwelt leben (Der Einzige, S. 30). Sie sind irrational, da sie sich nicht als Ganzheit wahrnehmen. Um rational zu sein, muß der Mensch sich ganz vernehmen, d.h. sowohl den Geist als auch das „Fleisch“, denn „nur, wenn er sich ganz vernimmt ist er vernehmend oder vernünftig“ (Der Einzige, S. 68, Parerga, S. 90).

Bei Stirner ist denkbar viel Reich vorweggenommen: funktionalistisches Denken; die Erstarrung versus das Lebendige, sich Hingebende und Fließende; das Abstrakte und Kontaktlose versus das handelnde und sich entfaltende Leben; fast die ganze Menschheit irre.

Wohin könnte man blicken, ohne Opfern der Selbstverleugnung zu begegnen? Da sitzt Mir gegenüber ein Mädchen, das vielleicht schon seit zehn Jahren seiner Seele blutige Opfer bringt. Über der üppigen Gestalt neigt sich ein todmüdes Haupt, und bleiche Wangen verraten die langsame Verblutung ihrer Jugend. Armes Kind, wie oft mögen die Leidenschaften an Dein Herz geschlagen, und die reichen Jugendkräfte ihr Recht gefordert haben! Wenn Dein Haupt sich in die weichen Kissen wühlte, wie zuckte die erwachende Natur durch Deine Glieder, spannte das Blut Deine Adern, und gossen feurige Phantasien den Glanz der Wollust in Deine Augen. Da erschien das Gespenst der Seele und ihrer Seligkeit. Du erschrakst, Deine Hände falteten sich, Dein gequältes Auge richtete den Blick nach oben, Du – betetest. Die Stürme der Natur verstummten, Meeresstille glitt hin über den Ozean Deiner Begierden. Langsam senkten sich die matten Augenlider über das unter ihnen erloschene Leben, aus den strotzenden Gliedern schlich unvermerkt die Spannung, in dem Herzen versiegten die lärmenden Wogen, die gefalteten Hände selbst lasteten entkräftet auf dem widerstandslosen Busen, ein leises, letztes Ach stöhnte noch nach, und – die Seele war ruhig. Du entschliefst, um am Morgen zu neuem Kampfe zu erwachen und zu neuem – Gebete. Jetzt kühlt die Gewohnheit der Entsagung die Hitze Deines Verlangens und die Rosen Deiner Jugend erblassen in der – Bleichsucht Deiner Seligkeit. Die Seele ist gerettet, der Leib mag verderben! O Lais, o Ninon, wie tatet Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern!“ (Der Einzige, S. 66f).

Max Stirner, Soter (Teil 23)

25. August 2025

Äußere Gesetze kann man hinnehmen, wie man die Schwerkraft hinnimmt, aber die Menschheitsbeglücker wollen den „neuen Menschen“ schaffen, der Ideale verinnerlicht hat – und somit seine Eigenheit verloren hat. Stirner geht es weniger um abstrakte libertinistische „Freiheit“, sondern, da es z.B. immer eine beliebige Straßenverkehrsordnung geben muß, um die Eigenheit – die auch (oder sogar grade) die Hyperlibertinisten bei den Kindern brechen wollen, damit eine „freiheitliche“ Gesellschaft funktionieren könne (vgl. Der Einzige, S. 343f). Es gilt die Originalität und „Genialität“, die „bestimmte Eigenheit“ (Der Einzige, S. 179f) der Kinder aktiv zu unterstützen (nicht nur zu „tolerieren“), auf daß sie die natürliche Gesellschaft der Familie verlassen und mit anderen Vereine bilden können – die nicht sterben, d.h. zu Karikaturen der natürlichen Gesellschaft werden. Etwa die „Volksgemeinschaft“ als große Familie, wo sich dann, wie von Reich beschrieben, der Massenmensch mit dem Führer identifiziert.

Da ihm die innere Beherrschtheit durch irrationale kollektive Ideen der Menschen, also deren Freiheitsunfähigkeit, bewußt war, konnte Stirner kein Anarchist sein. Im allgemeinen wird er wohl als solcher verbucht, aber er argumentierte, wie die Todfeinde des Anarchismus von jeher über „den Pöbel“ gerichtet haben: „Weil in der Gesellschaft sich die drückendsten Übelstände bemerkbar machen, so denken besonders die Gedrückten, also die Glieder aus den unteren Regionen der Sozietät, die Schuld in der Gesellschaft zu finden, und machen sich’s zur Aufgabe, die rechte Gesellschaft zu entdecken. Es ist das nur die alte Erscheinung, daß man die Schuld zuerst in allem Anderen als in sich sucht; also im Staate, in der Selbstsucht der Reichen usw., die doch gerade unserer Schuld ihr Dasein verdanken“ (Der Einzige, S. 129). Konsequent will der angebliche „Anarchist“ Stirner keine Revolution, die auf neue Einrichtungen zielt, sondern die „Empörung“, die dahin führt, „Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten“ (Der Einzige, S. 354).

Für ihn haben die Unterdrückten keinerlei Recht auf Freiheit – „weil sie die Freiheit nicht haben, haben sie eben das Recht dazu nicht“. Sie wüßten die Freiheit nicht zu nutzen, wenn man sie ihnen geben würde – und deshalb sind sie nicht schon längst frei (Der Einzige, S. 207). „Betragt Euch als mündig, so seid Ihr’s ohne jene Mündigsprechung, und betragt Ihr Euch nicht darnach, so seid Ihr’s nicht wert, und wäret auch durch Mündigsprechung nimmermehr mündig.“ (Der Einzige, S. 185). Dies ist exakt der gleiche Gedanke, der auch hinter Reichs soziopolitischen Auffassungen und seinem Kampf gegen die verantwortungslose „Freiheitskrämerei“ steht. Beide Männer hatten die gleiche Lösung für das menschliche Dilemma: die Kinder von Anfang an so zu erziehen, daß sie freiheitsfähig werden, bzw. bleiben, bis sich die Menschheit nach einigen Generationen ganz von der Unfreiheit befreit hat. Doch anstatt diesen bequemen Weg zu beschreiten, der ja größtenteils im Unterlassen besteht, greifen wir, von willkürlichen Erziehungsideen angestachelt, ständig ein. Wo doch die eigene „egoistische“ Freiheit zwangsläufig die Freiheit der anderen, insbesondere aber der Kinder nach sich ziehen würde.

Reich hat gegen die willkürlichen Meinungen, z.B. wie Kinder zu erziehen seien oder was gesund sei, die objektive Autorität der nachweisbaren Lebensenergie Orgon gestellt. Diese „objektive Autorität“ des Orgons steht nicht im Gegensatz zur persönlichen „Eigenheit“, von der Stirner sprach, sondern ist sozusagen ihre Substanz – die Natur des Menschen, sein Kern, frei nach Friedrich Kraus die spontan (eigen) funktionierende „Tiefenperson“. Das Orgon ist also keine externe Autorität, der sich die Eigenheit anzupassen, der sie sich zu opfern hat, sondern diese Eigenheit selbst.

Daß die Menschen dieser Identität nicht gewahr werden; ihre Unwissenheit und Kontaktlosigkeit, ist für das religiöse Empfinden, für das „Heilige“ verantwortlich. Bei Menschen, die beten, zeigt sich diese „schizophrene“ Spaltung ganz deutlich, denn stets steht ein Wunsch im Mittelpunkt: die Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit dem göttlichen Widerpart. Aus dem beschränkten weltlichen, aller Eigenheit entblößtem Ich, soll das entschränkte, göttliche, „eigentliche“ Ich werden.

Wie Reich 1941 schrieb, konnte der Mensch, der von jeher das kosmische Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung schenkte. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, wissenschaftlich zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden (Reich: Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science, International Journal of Sex-Economy and Orgone Research 1(2), July 1942, S. 97-107).

Wir ersticken in der Mystifikation dessen, was die Quelle unserer Existenz ausmacht, was uns selbst ausmacht. In einem ähnlichen Sinne, wie Reich, wollte auch Stirner die Welt „entheiligen“, denn „alles Heilige ist ein Band, eine Fessel“ (Der Einzige, S. 237). Wir ersticken in der Mystifikation dessen, was die Quelle unserer Existenz ausmacht, was uns selbst ausmacht. Die Aufklärung, d.h. die restlose Entzauberung der Welt, hat noch nicht einmal ansatzweise begonnen. Wohin die Pseudo-Aufklärung geführt hat, gegen die sich Stirner wandte, zeigt sich heute mehr denn je ganz praktisch daran, daß die Entscheidungsträger jedweden Sinn für die Realität verloren haben und ausschließlich in ideologischen Blasen leben – und entsprechend dieses Land zerstören. Stirner befreit davon und ist deshalb aktueller als jemals zuvor.

Was würdet Ihr aber denken, wenn Euch Einer erwiderte: daß man auf Gott, Gewissen, Pflichten, Gesetze usw. hören solle, das seien Flausen, mit denen man Euch Kopf und Herz vollgepfropft und Euch verrückt gemacht habe? Und wenn er Euch früge, woher Ihr’s denn so sicher wißt, daß die Naturstimme eine Verführerin sei? Und wenn er Euch gar zumutete, die Sache umzukehren, und geradezu die Gottes- und Gewissensstimme für Teufelswerk zu halten? Solche heillose Menschen gibt’s; wie werdet Ihr mit ihnen fertigwerden? Auf eure Pfaffen, Eltern und guten Menschen könnt Ihr Euch nicht berufen, denn die werden eben als eure Verführer von jenen bezeichnet, als die wahren Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen. (Der Einzige, S. 179)

Max Stirner, Soter (Teil 22)

20. August 2025

Sittlichkeit ist Grundlage der Gesellschaft von Menschen. Egoismus die des „Vereins von Ichen“ (Der Einzige, S. 196). In der Gesellschaft darf ich nicht ich selbst sein, darf nicht authentisch sein, sondern muß ein anderer sein (Der Einzige, S. 233), d.h. ich muß sittlich sein (Der Einzige, S. 196). Diese „heiligen“ Gebilde hält nämlich der Glaube, die Ideologie (im Nationalsozialismus „das Blut“) zusammen, die aus dem Einzelnen ein bloßes Exemplar macht und ihn so seiner Einzigkeit beraubt: sie existieren auf Kosten des „Einzigen“ (Der Einzige, S. 349), seine Demut ist ihre Lebensgrundlage. Das neue Fundament des Zusammenlebens im Verein hingegen ist schlicht bioenergetischer Kontakt! „Nur wenn Ihr einzig seid, könnt Ihr als das, was Ihr seid, miteinander verkehren“ (Der Einzige, S. 148).

Stirner unterscheidet zwischen „Selbstbefreiung“ und „Emanzipation“ (Freisprechung, Freilassung). Wer das letztere verlangt, zeigt damit, wie unmündig er ist. Und wer mündig ist – der nimmt sich die Freiheit (Der Einzige, S. 185). Stirner ist also alles andere als ein unrealistischer Utopist, zumal die ersehnte Welt, die aus Vereinen von Egoisten besteht, schon jetzt alltäglich funktioniert – entsprechend Reichs „Utopie“ von der Arbeitsdemokratie. Einem seiner Kritiker, der ihm Utopismus vorwarf, entgegnete Stirner:

Sähe Heß [der besagte Kritiker] das wirkliche Leben, worauf er doch soviel hält, aufmerksam an, so würde er hunderte von solchen teils schnell vorübergehenden, teils dauernden egoistischen Vereinen vor Augen haben. Vielleicht laufen in diesem Augenblicke vor seinem Fenster Kinder zu einer Spielkameradschaft zusammen; er sehe sie an und er wird lustige egoistische Vereine erblicken. Vielleicht hat Heß einen Freund, eine Geliebte; dann kann er wissen, wie sich das Herz zum Herzen findet; wie ihrer zwei sich egoistisch vereinen, um aneinander Genuß zu haben, und wie keiner dabei „zu kurz kommt“. Vielleicht begegnet er ein paar guten Bekannten auf der Straße und wird aufgefordert, sie in ein Weinhaus zu begleiten; geht er etwa mit, um ihnen einen Liebesdienst zu erweisen, oder „vereint“ er sich mit ihnen, weil er sich Genuß davon verspricht? Haben sie sich wegen der „Aufopferung“ schönstens bei ihm zu bedanken, oder wissen sie’s, daß sie zusammen auf ein Stückchen einen „egoistischen Verein“ bildeten? Freilich wird Heß es diesen trivialen Beispielen nicht ansehen, wie inhaltsschwer und wie himmelweit verschieden sie von den heiligen Gesellschaften, ja von der „brüderlichen, menschlichen Gesellschaft“ der heiligen Sozialisten sind. (Parerga, S. 204)

Stirner führt, im Gegensatz zum späteren Marx, die kapitalistische Herrschaft auf den Staat zurück. Alles beruht auf „Rechtstitel“ (Der Einzige, S. 125). Man vergleiche das mit Reichs Diktum, daß die Politik der Hauptfeind ist. Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie in der Form, wie er es Ende der 1930er Jahre formulierte, ist praktisch identisch mit Stirners Konzept des Vereins, wobei Stirner nicht nur kein Sozialist, sondern auch kein „Kapitalist“ ist:

(…) die Konkurrenz (…) hat (…) gerade dadurch Bestand, daß nicht Alle sich ihrer Sache annehmen und sich über sie miteinander verständigen. Brot ist z.B. das Bedürfnis aller Einwohner einer Stadt; deshalb könnten sie leicht übereinkommen, eine öffentliche Bäckerei einzurichten. Statt dessen überlassen sie die Lieferung des Bedarfs den konkurrierenden Bäckern. Ebenso Fleisch den Fleischern, Wein den Weinhändlern usw.

Die Konkurrenz aufheben heißt nicht soviel als die Zunft begünstigen. Der Unterschied ist dieser: In der Zunft ist das Backen usw. Sache der Zünftigen; in der Konkurrenz Sache der beliebig Wetteifernden; im Verein Derer, welche Gebackenes brauchen, also meine, diese Sache, weder Sache des zünftigen noch des konzessionierten Bäckers, sondern Sache der Vereinten.

Wenn Ich Mich nicht um meine Sache bekümmere, so muß Ich mit dem vorlieb nehmen, was Andern Mir zu gewähren beliebt. Brot zu haben, ist meine Sache, mein Wunsch und Begehren, und doch überläßt man das den Bäckern, und hofft höchstens durch ihren Hader, ihr Rangablaufen, ihren Wetteifern, kurz ihre Konkurrenz einen Vorteil zu erlangen, auf welchen man bei den Zünftigen, die gänzlich und allein im Eigentum der Backgerechtigkeit saßen, nicht rechnen konnte. – Was Jeder braucht, an dessen Herbeischaffung und Hervorbringung sollte sich auch Jeder beteiligen; es ist seine Sache, sein Eigentum, nicht Eigentum des zünftigen oder konzessionierten Meisters. (Der Einzige, S. 306)

Es ist einfach verblüffend zu sehen, wie aktuell Stirners Buch nach über 180 Jahren noch ist: seine Kritik am Kapitalismus und am Kommunismus (er schreibt so, als wäre ihm der Marxismus schon präsent – nun, er war es in Gestalt all der kommunistischen Theoretiker, die Stirner vor Augen hatte und von denen Marx fleißig abschrieb) und dann nimmt er noch den späten Nietzsche vorweg, indem er z.B. den dreifaltigen Liberalismus auf das Christentum zurückführt: „So kehrt in diesem Ende der Neuzeit (Zeit der Neuen) als Hauptsache wieder, was im Anfang derselben Hauptsache gewesen war: die ‚geistige Freiheit’“ (Der Einzige, S. 142). – Stirner hat Marx und Nietzsche bereits überholt, bevor der erste Kommunist war und der zweite überhaupt aus den Windeln raus war!

Max Stirner, Soter (Teil 21)

16. August 2025

Die Auflösung der Gesellschaft ist der Verkehr oder Verein. Der Verein ist „die eigen gewollte Einheit“ (Der Einzige, S. 254). Den Verein kann man genausowenig auf den Begriff bringen wie den Einzigen: beides sind keine fixen „Gedanken“, sondern stehen jenseits davon, d.h. sind „bestimmungsloses“ Leben (Parerga, S. 202). „Der Verein ist nur dein Werkzeug oder das Schwert, wodurch Du deine natürliche Kraft verschärfst und vergrößerst; der Verein ist für Dich und durch Dich da, die Gesellschaft nimmt umgekehrt Dich für sich in Anspruch und ist auch ohne Dich; kurz die Gesellschaft ist heilig, der Verein dein eigen: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du“ (Der Einzige, S. 351). Stirners Ziel ist „die Anarchie, die Gesetzlosigkeit, die Eigenheit“ (Der Einzige, S. 115), weshalb er gegen die Liberalen war mit ihrer Tyrannei der Vernunft, denn die vertragen „keine Ungezogenheit und darum keine Selbstentwicklung und Selbstbestimmung“ (Der Einzige, S. 116).

Wird durch eine Gesellschaft nur meine Freiheit beschränkt, dann ist sie tatsächlich ein „Verein“, wird aber meine Eigenheit beschränkt, so ist die Gesellschaft „eine Macht für sich, eine Macht über Mir, ein von Mir Unerreichbares, das Ich zwar anstaunen, anbeten, verehren, respektieren, aber nicht bewältigen und verzehren kann, und zwar deshalb nicht kann, weil Ich resigniere. Sie besteht durch meine Resignation, meine Selbstverleugnung, meine Mutlosigkeit, genannt – Demut. Meine Demut macht ihr Mut, meine Unterwürfigkeit gibt ihr die Herrschaft“ (Der Einzige, S. 343f).

Allerdings entsteht auch durch Verein eine Gesellschaft, aber nur wie durch einen Gedanken eine fixe Idee entsteht, dadurch nämlich, daß aus dem Gedanken die Energie des Gedankens, das Denken selbst, diese rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken, verschwindet. Hat sich ein Verein zur Gesellschaft kristallisiert, so hat er aufgehört, eine Vereinigung zu sein; denn Vereinigung ist ein unaufhörliches Sich-Vereinigen; er ist zu einem Vereinigtsein geworden, zum Stillstand gekommen, zur Fixheit ausgeartet, er ist – tot als Verein, ist der Leichnam des Vereins oder der Vereinigung, d.h. er ist – Gesellschaft, Gemeinschaft. Ein sprechendes Exempel dieser Art liefert die Partei. (Der Einzige, S. 342)

Man darf den Verein nicht einfach nur als ein einseitiges Instrument betrachten, mit dem der Einzelne seine Mittel multipliziert (Der Einzige, S. 287) und sich dergestalt in eine gottgleiche Position bringt, vielmehr beruht der Verein in einer Welt, in der nichts mehr heilig ist, notwendigerweise auf Gegenseitigkeit, d.h. dem Verkehr zwischen Einzigem und Einzigem zu beiderseitigem Genuß; ein Verkehr gegen den sich die ach so soziale Gesellschaft wehrt, da er ihre Heiligkeit untergräbt (Der Einzige, S. 240f). „Verkehr ist Gegenseitigkeit“, während Gesellschaft nur eine von außen definierte rein mechanische Anordnung ist, – die durch den Verkehr zwischen Einzelnen nur gestört wird. Der wirkliche, d.h. persönliche Verkehr ist vollkommen unabhängig von der Gesellschaft (Der Einzige, S. 239f). In der Gesellschaft darf der Mensch „nicht unbekümmert mit dem Menschen verkehren, nicht ohne ‚höhere Aufsicht und Vermittlung‘“ (Der Einzige, S. 249). „Statt das Volk frei machen zu wollen, hätte er auf die einzig realisierbare Freiheit, auf die seinige, bedacht sein sollen“ (Der Einzige, S. 252). „Aber die Eigenheit, die will Ich Mir nicht entziehen lassen. Und gerade auf die Eigenheit sieht es jede Gesellschaft ab, gerade sie soll ihrer Macht unterliegen“ (Der Einzige, S. 343).

In was für einem Ausmaß wir in einer luftleeren, gespenstischen Scheinwelt leben, in der wir zu ersticken und zu erfrieren drohen, kann man sich an der „Liebe“ vergegenwärtigen: wir lieben nicht etwa, um in ihr unseren Genuß zu finden, sondern aus edler Uneigennützigkeit. Wenn es unser Gegenüber mit uns ebenso macht – „hätten wir das ideale Paar einer Narrenehe: zwei Menschen, die sich in den Kopf gesetzt haben, ohne sich selbst im anderen zu genießen, aus purer Aufopferung eines das andere zu lieben“ (Parerga, S. 221). Noch schlimmer als diese „Liebe“ zwischen altruistischen Irrenhäuslern, ist die „coole“ machiavellistische Manipulation von „Liebe“, wie sie in der westlichen Magie und im östlichen Tantra gelehrt wird und gerade en vogue ist: sie beruht auf den „yogischen“ Verzicht des Selbstgenusses, d.h. Sexualität soll in Macht transformiert werden.

Nur dem Besessenen und Unechten kann Stirner als „autistisch“ und herzlos erscheinen – in Wirklichkeit ist es derjenige, der aus der lebendigen Liebe eine nekrophile Farce macht: derjenige der von der Gesellschaft, der Familie, der Gemeinschaft schwärmt. (Vgl auch Reich über „sexuelle Dauerbeziehung“ und „ewigwährende Zwangsehe“ in Die sexuelle Revolution: dem Katholiken ist das erstere ein herzloser, autistischer, „ironistisch-nihilistischer“ Graus – dem „Reichianer“ ganz entsprechend das letztere.)

Es ist immer das gleiche: statt sich und das Leben zu genießen, opfert man sich und das Leben irgendwelchen Chimären (Der Einzige, S. 361). Stirner geht es einzig und allein um eben diesen egoistischen Selbstgenuß, – weshalb die Gemeinschaft und die Liebe sein Element sind. Konsterniert frägt er seine Kritiker, die ihm „lieblosen Egoismus“ vorhalten, was an der Isoliertheit eigentlich „egoistisch“ sein solle. Was um alles in der Welt sei daran egoistisch, auf den Genuß der Geselligkeit und der Liebe zu verzichten? (Parerga, S. 180). „Wer einen Menschen liebt, ist um diese Liebe reicher als ein anderer, der keinen liebt; aber ein Gegensatz von Egoismus und Nicht-Egoismus ist darin keineswegs vorhanden, da beide nur ihrem Interesse folgen“ (Parerga, S. 181).

Email [Reich und Freud] 2009

15. August 2025

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