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Gnosis

23. Juli 2026

Die Grundaussage der Gnosis ist, daß mit „der Welt“, „der Natur“, „der Schöpfung“ etwas grundlegend nicht stimmt, d.h. daß der herrschsüchtige Demiurg böse, zumindest aber verblendet ist und deshalb verhindern will, daß wir die Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken – und infolge seine Plantage verlassen.

Reich und Laska (bzw. mit ihm neben Reich auch LaMettrie und Stirner) wurden wiederholt der Gnosis zugeordnet, was zunächst einmal deshalb abwegig ist, da die Orgonomie und LSR auf der Überzeugung beruhen, daß „mit der Natur alles seine richtig Bewandtnis hat“ und erst die Eingriffe durch den Menschen alles durcheinanderbringen. Man lese Reichs Äther, Gott und Teufel, betrachte LaMettries auf Selbststeuerung setzenden, wenn man so will, „vitalistischen Materialismus“, Stirners pädagogischen Ansatz (die Natur des Kindes sich ungehindert entfalten lassen) und Laskas Verachtung für alle Geisteswissenschaften („Unrat!“). Mit der Natur ist alles OK. Secundum Naturam!

Woher dann überhaupt die erwähnte Zuordnung zur Gnosis? Zunächst einmal ist offensichtlich nicht „alles in Ordnung“, wenn „die Natur“ durch den menschlichen Irrationalismus dermaßen dominiert werden kann! Reich konnte diesen „Einbruch der naturfeindlichen Moral“ nicht wirklich erklären, bis er im ORANUR-Experiment und der daran anschließenden Entdeckung des DORs, feststellte, daß eben nicht alles mit der Natur in Ordnung ist. Die naturwidrige Panzerung ist identisch mit dem DOR in der Natur und es gilt, dieses DOR zu sequestrieren.

Ist das nicht Gnosis mit dem ihr inhärenten Dualismus? Reich ist bei seiner Forschung unverhofft über bisher unbekannte Funktionen gestolpert und hat entsprechend ein paar seiner älteren Formulierungen relativiert oder eher dies dem Leser selbst überlassen. Man kann da das eine oder andere „gnostisch“ interpretieren, aber macht das Reich zu einem Gnostiker?

Natürlich ging es „L + S + R“ um die Befreiung des „authentischen Ich“ vom „Über-Ich“, das man mit „Gottes Stimme in uns“ und damit mit dem unterdrückerischen Demiurgen gleichsetzen könnte, aber das ist eine bloße Gnosis-Metapher kein Gnosis-Konstrukt. Will sagen: es ist nur ein Bild wie „Meine Gedanken schwingen sich auf wie ein Adler!“, was nicht bedeutet, daß meine Gedanken sich jemals als „Adler“, äh, „materialisieren“ werden. Genauso hat LSR über eine bloße Metapher hinaus substantiell nichts mit Gnosis zu tun.

Das sieht man allein schon daran, daß Gnosis vor allem Ritual ist: mittels Astrologie, Alchimie, Sexualmagie, Evokationen, Meditation, Yoga, etc. versucht der Adept sich von dieser Welt zu reinigen und sich dem fremden Gott, Luzifer, zu öffnen. Das funktioniert nur, weil er davon ausgeht, daß die materielle Welt imgrunde Geist ist und sich alles letztendlich dem Geist unterwerfen müsse. Deine Gedanken können sich entsprechend buchstäblich wie ein Adler erheben! Die Vorstellung ist also keine bloße Metapher mehr, sondern ein Konstrukt, das Realität werden kann.

Für Reich bzw. allgemein für die Orgontherapie ist dieser Kern der Gnosis, der „rituelle Weg“ und die Denunzierung der materiellen Welt als bloße Illusion, das diametrale Gegenteil der Wahrheit nämlich Spuk, Verblendung, Negierung der Selbstregulation, Sexualverneinung, Lebenshaß, Abpanzerung und DOR.

Vielleicht etwas schief formuliert, aber doch auf den Punkt gebracht: der gnostische Adept ist wie ein leeres Glas, das gefüllt werden muß, nach Reich hingegen muß das volle Glas geleert werden.

Max Stirner, Soter (Teil 26)

3. September 2025

Menschliche Solidarität wird nicht durch eine „übergreifende Idee“ und eine „Gemeinschaft“ hergestellt, in der alle gleich sind, sondern ganz im Gegenteil dadurch, daß sich die Menschen endlich selbst vertreten (Der Einzige, S. 228f). Ein solcher „Interessenverein“ wäre kein Bund liebloser ängstlich an sich haltender kalter kleinbürgerlicher „Egoisten“. Auch der Eigner kann zugunsten des Mitmenschen auf alles verzichten und alles geben. Nur eines wird er nicht tun, sich selbst, d.h. seine Eigenschaft als „Eigner“ opfern, was nichts anderes heißt, als daß er echt bleibt, wirklich liebt, weil, wie Stirner sagt: „Mir das Lieben natürlich ist“, und sich nicht einer bloßen Idee von Liebe opfert, ohne den Mitmenschen überhaupt wahrzunehmen (Der Einzige, S. 323f).

Es gibt nichts Grausigeres als die „Liebe“ der von Liebe Besessenen, die nur einen Spuk lieben.

Wer aber voll heiliger (…) Liebe ist, der liebt nur den Spuk, den „wahren Menschen“, und verfolgt mit dumpfer Unbarmherzigkeit den Einzelnen, den wirklichen Menschen, unter dem phlegmatischen Rechtstitel des Verfahrens gegen den „Unmenschen“. Er findet es lobenswert und unerläßlich, die Erbarmungslosigkeit im herbsten Maße zu üben; denn die Liebe zum Spuk oder Allgemeinen gebietet ihm, den nicht Gespenstischen, d.h. den Egoisten oder Einzelnen, zu hassen; das ist der Sinn der berühmten Liebeserscheinung, die man „Gerechtigkeit“ nennt. (Der Einzige, S. 321)

Stirner: „Ihr liebt den Menschen, darum peinigt Ihr den einzelnen Menschen, den Egoisten; eure Menschenliebe ist Menschenquälerei“ (Der Einzige, S. 325).

Gerade die vor „Liebe“ strotzenden Gutmenschen sind in Wirklichkeit hartherzig und intolerant. Die gegenwärtige Gesellschaft und alle gesellschaftlichen Utopien, sind Prokrustesbetten, auf denen die „Verbrecher“ zu Tode gefoltert werden, das Lebendige gekreuzigt wird. Und zur französischen Revolution: „Weil die revolutionären Pfaffen oder Schulmeister dem Menschen dienten, darum schnitten sie den Menschen die Hälse ab“ (Der Einzige, S. 87).

Nicht Stirner ist Misanthrop, sondern die Gutmenschen:

Wie viele siehst Du überhaupt, die Du nicht unter die „egoistische Masse“ würfest? Was hat also deine Menschenliebe gefunden? Lauter unliebenswürdige Menschen! Und woher stammen sie alle? Aus Dir, aus deiner Menschenliebe? Du hast den Sünder im Kopfe mitgebracht, darum fandest Du ihn, darum schobst Du ihn überall unter. Nenne die Menschen nicht Sünder, so sind sie’s nicht: Du allein bist der Schöpfer der Sünder: Du, der Du die Menschen zu lieben wähnst, Du gerade wirfst sie in den Kot der Sünde, Du gerade scheidest sie in Lasterhafte und Tugendhafte, in Menschen und Unmenschen, Du gerade besudelst sie mit dem Geifer deiner Besessenheit; denn Du liebst nicht die Menschen, sondern den Menschen. Ich aber sage Dir, Du hast niemals einen Sünder gesehen, Du hast ihn nur – geträumt. (Der Einzige, S. 405)

Stirner wollte dem Welttheater ein Ende machen, in dem wir nur schizoide Schauspieler sind, die einerseits fremde „objektive“ Texte sprechen, und dabei andererseits zu bloßen Schimären, zu „reinen“ Subjekten werden, die kurioserweise „auf der Suche nach sich selbst“ sind. Er wollte aus den Schauspielern wieder aktiv, d.h. einheitlich Handelnde machen, die wirklich hier sind und nicht ständig in einem Wolkenkuckucksheim schweben.