Posts Tagged ‘Identität’

Politische Identifikation und persönliches Identitätsgefühl (Teil 1)

3. Januar 2019

von David Holbrook, M.D.

[Vorbemerkung des Übersetzers: siehe auch Dr. Holbrooks Beiträge zum Thema hier und hier.]

Neulich fiel mir auf, daß die Menschen politische Identifikationen immer mehr als sehr wichtige Elemente ihres Identitätsgefühls einsetzen. Ich finde das seltsam und beunruhigend. Es scheint mir, daß wir in erster Linie Menschen waren und mit weitem Abstand erst sekundär politische Tiere. Das bedeutete es „amerikanisch“ zu sein: relativ frei von der Politik zu sein. Wir gaben unsere Stimme zur Wahlzeit ab, aber sprachen ansonsten nicht so viel über Politik und dachten nicht über sie nach.

Jetzt sind politische Überzeugungen zu einer Form eifernder religiöser Identifikation, der Identifikation mit dem Mob geworden, und das Gefühl der persönlichen und privaten individuellen Identität geht verloren. Wer bist du nachts in deinem Bett? Wer bist du, wenn du deine Kinder umarmst?

Die Menschen werden von neuen Stammesidentitäten angezogen, die es schwierig machen, sich mit „dem anderen“ zu identifizieren. Tatsächlich sind diese neuen politischen Identitäten ausdrücklich darauf ausgelegt, die Wahrnehmung zu schaffen, daß es einen „anderen“ gibt, der sich von dir unterscheidet, jemand, den du ohne Schuldgefühle hassen kannst, jemand, der für alle deine persönlichen Probleme verantwortlich ist, anstatt daß du tatsächlich Verantwortung übernehmen mußt für einige deiner persönlichen Probleme. Diese politischen Identitäten verleiten die Menschen zu glauben, daß sie Menschen abstrakt lieben können oder sich mit ihnen abstrakt identifizieren können, während sie tatsächliche Menschen hassen, von denen uns gesagt wird, daß sie unsere Liebe nicht verdienen.

Spürst du, wie deine Menschlichkeit dich verläßt? Anstatt, daß wir uns zuerst als Menschen und zweitens als politisches Tier betrachten, gibt es jetzt eine Verschiebung in Richtung Politik, die immer mehr alles definiert, was wir über uns selbst und andere wahrnehmen. Sie bestimmt, mit wem wir befreundet sind oder nicht mehr befreundet sind. Wir werden zu Eiferern, politischen Robotern, Kultisten, Partisanen und verlieren dergestalt den Reichtum unseres Menschseins und das breite Gefühl für unser gemeinsames Menschsein und ersetzen es mit immer engeren und starreren politischen Identifikationen, als würde die Politik die wichtigsten Dinge über uns und andere definieren.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Wir hören die kosmische Orgonenergie

6. Juli 2017

Bin gerade an einem kleinen Open Air-Konzert im Park, kleine Rockband mit Sängerin, vorbeigegangen und wieder ist mir aufgefallen, was mir seit vielen Jahren durch den Kopf geht: Alle Instrumente das übliche Geschrammel, sind ja schließlich keine Jazz- oder Klassikvirtuosen, nur der Drummer, ausgerechnet der Mann, der auf Trommeln und Zimbeln eindrischt, zeigte Leben, eine Identität, eine Seele. Der Takt ist vorgegeben und die Verzierungen, die das Stück strukturieren und akzentuieren, sind auch nicht gerade besonders und hervorstechend, aber trotzdem: nur hier spürt man unmittelbar die Essenz des Musikers. Die anderen könnten ebensogut Roboter sein. Aber ausgerechnet, der, dessen Musizieren kaum mehr als stupides Roboten ist, wirkt lebendig. Er hat mich wirklich berührt.

Zunächst einmal ist zu sagen, daß der Drummer wirklich der wichtigste Part in einer Band ist. Ihm sind alle anderen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ein Gitarrist kann sich vergreifen, über den falschen Akkord improvisieren oder seinen Einsatz verpassen – fällt eh nicht auf, wenn er und seine Mitspieler gut sind. Wenn aber der Drummer einen Fehler macht, dann gerät alles durcheinander. Zweitens, Mick Jagger wurde mal gefragt, wann die Rolling Stones definitiv aufhören würden, denn schließlich wurde der Leadgitarrist und der Bassist bereits ausgetauscht. Darauf Jagger: jeder sei ersetzbar, inklusive der Sänger, doch wenn Charlie Watts aufhören sollte, dann wäre die Seele der Stones nicht mehr da und es machte keinen Sinn fortzufahren. Watts ist nun wirklich kein Meistertrommler. Ein Vergleich mit Billy Cobham, Vinnie Colaiuta oder gar dem Gott Buddy Rich wäre einfach grotesk. Aber trotzdem, selbst wenn er nur stur den Takt schlägt – niemand auf diesem Planeten wird es so machen können wie er, während alle anderen Instrumentalisten problemlos ersetzt werden können.

Wie dieses Phänomen erklären? Entspricht das Trommelschlagen der orgonotischen Pulsation? Kaum, denn wo sind hier Expansion und Kontraktion? Die finden sich eher im Auf und Ab von Melodie und Harmonik. Man nehme etwa die kurze sich kontrahiernde und dann wie befreit expandierende Anfangsmelodie meiner Videos! Das Trommeln entspricht eher der Pulsfunktion (p) der Kreiselwelle im Gegensatz zu deren Wellenfunktion (W), der Melodie.

punkte003

Die Pulsfunktion ist mit der vorantreibenden Motorfunktion der Orgonenergie verbunden, die uns vorantreibt, uns Dynamik und „Impuls“ gibt. Dieses Vorantreibende wird unmittelbar deutlich, wenn der Drummer den sturen Takt auf der kleinen Trommel und dem Becken verläßt und zu den Tom-Toms und der großen Trommel überwechselt, um vom einen Abschnitt des Musikstücks ins andere überzuleiten.

Es muß nicht erklärt werden, warum die anderen, weitaus komplizierteren und anspruchsvolleren Instrumente, wenn sie denn virtuos und emotionell expressiv gespielt werden, einen Einfluß auf uns haben. Das bloße Schlagen auf Trommeln hat auch einen, weil es ebenfalls ein Ausdruck einer fundamentalen orgonotischen Funktion ist. Hier kommt unmittelbar die bioIologische Energie des Drummers zum Ausdruck, die seine „Individualität“ ausmacht. Wir hören die kosmische Orgonenergie:

Der Mystizismus der Les Brigandes und der Mystizismus der Orgonomen

28. Mai 2017

Vor wenigen Tagen habe ich mich bereits mit Les Brigandes auseinandergesetzt. Die Damen faszinieren mich seit Monaten und daß nicht nur, weil es Frauen in der Blüte ihrer Weiblichkeit sind…

Zunächst ist da ein Modell, das stets Teil von Reichs Herangehensweise war, aber in der Orgonomie immer eine Leerstelle blieb: die Alternative zur Kleinfamilie. Ein gesundes Leben in dieser kranken Gesellschaft ist undenkbar. Niemand kann alleine leben und dabei glücklich sein. Und schon gar nicht kann man Kinder in der Kleinfamilie gesund aufziehen. Wie soll das funktionieren? Es ist „orgonomische“ Mystik, daß Frauen von sich aus wissen, wie man in jedem Fall mit Säuglingen umzugehen hat. Selbst Schimpansen-Weibchen brauchen das Beispiel und die Hilfe anderer Weibchen, um mit dem Baby richtig umzugehen. Davon kann jeder Zoo ein Lied singen. Und auch später: Kinder brauchen vertraute Onkel und Tanten und vor allem andere Kinder, die genauso sind wie sie. Die peer group ist so wichtig, wichtiger als selbst die Eltern, aber wir müssen unsere Kinder in eine Welt hinausschicken, wo sie auf lauter kleine Psychopathen und Perverse treffen. Ohnehin: unser vereinzeltes Leben ist dermaßen unnatürlich und krankhaft. Homo sapiens kann von jeher nur in Clans leben oder das Menschentier stirbt, früher physisch, heute „nur“ emotionell. Es ist deshalb absolut überlebensnotwendig neue Formen des Zusammenlebens zu finden, Clanstrukturen. Nicht zuletzt macht das die Faszination von Les Brigandes: man sieht den Damen an, wie glücklich und zufrieden sie sind.

Die zweite mystische Illusion der Orgonomie, die wir anhand von Les Brigandes exemplifizieren können, ist die Vorstellung, man könne aus dem Nichts eine neue Zivilisation aufbauen. Tabula rasa und ungepanzerte Menschen bauen alles neu auf. Vollkommener Schwachsinn! Homo sapiens konnte nie ohne Traditionen leben, ohne Verehrung der Ahnen, etc. Egal wie nationalistisch, royalistisch, guruistisch, gnostisch, kabbalistisch, sektiererisch, was-weiß-ich das Projekt von Les Brigandes auch ist: man kann so ein Projekt nur vor dem Hintergrund einer jahrtausendealten Kultur zum Erfolg bringen. Menschen brauchen Identität und die kann nicht aus der Retorte stammen, sondern kann nur „nationalistisch“ sein. Und auch ohne irgendeine Art traditioneller Religion wird man nie auskommen. Les Brigandes selbst sagen, daß sie nur deshalb „rechts stehen“, weil es nur hier ein Gefühl für die natürliche Ordnung und das Gewachsene gibt. Linke kollektive Projekte, wie sie Reich in den 1930er Jahren am Beispiel der frühen UdSSR vorschwebten, sind in dem Fall zum Scheitern vorurteilt, schlicht weil sie Kunstprodukte ohne jede Erdung sind.

Nietzsche und die Ewige Widerkehr

13. Dezember 2011

Eine der zentralen Fragen unserer Existenz ist die nach der Identität. Was hält uns zusammen? Für Reich war es die orgonotische Pulsation. Hört die auf, zerfallen wir buchstäblich in unsere Einzelteile. Bei der karzinomatösen Schrumpfungsbiopathie steht in dieser Hinsicht unsere Physis im Mittelpunkt, bei der Schizophrenie, ebenfalls eine Schrumpfungsbiopathie, unsere Psyche. Das sind aber nur Extrembeispiele. Bei jeder chronischen Panzerung wird die Pulsation und damit unsere physische und psychische Integrität, unsere „Identität“ kompromittiert.

Sein findet sich nur im zeitlosen, unvergänglichen Jetzt, das in einer zeitlich zerrissenen Welt aber nur als „Ewige Wiederkehr“ des Augenblicks (der dadurch erst dauerhaft wird) denkbar ist. Wir reden hier von Nietzsches Konzept. Es gibt weder ein „Sein“, noch ein „Bewußt-Sein“, beide werden erst durch die Ewige Wiederkehr gesichert. Gemeint ist natürlich die Pulsation mit ihrem ewigen Wechsel von Kontraktion und Expansion.

Zur Rechtfertigung der hier vertretenden Interpretation von Nietzsches Gedanken der Ewigen Wiederkehr vergleiche Karl Löwiths berühmte Ausführungen zu Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Nietzsche spricht von einer Pulsation zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein:

Wir haben zeitweilig die Blindheit nötig und müssen gewisse Glaubensartikel und Irrtümer unberührt lassen – solange sie uns im Leben erhalten. Wir müssen gewissenlos sein in Betreff von Wahrheit und Irrtum, solange es sich um das Leben handelt – eben damit wir das Leben dann wieder im Dienste der Wahrheit … verbrauchen. Dies ist unsere Ebbe und Flut, die Energie unserer Zusammenziehung und Ausbreitung. (z.n. Löwith, Hamburg 1978, S. 101; Hervorhebungen hinzugefügt)

An anderer Stelle sagt Nietzsche:

„Wir … müssen periodische Wesen werden wollen – gleich dem Dasein“, nämlich der natürlichen Lebewesen der Welt. (ebd. S. 232)

Löwith führt aus:

Zarathustras Tiere wissen früher als er selbst, wer er ist und demnach werden muß, nämlich der Lehrer der ewigen Wiederkehr des sich ewig erneuernden Lebens, weil sie selbst natürliche und periodische Lebewesen sind. Sie „ertragen“ diesen Gedanken, der ihrer Natur entspricht, wogegen er für den Menschen zunächst unerträglich ist. Was das Tier von Geburt aus ist, kann der Mensch nur durch eine Wiedergeburt werden, durch eine Überwindung seiner selbst, wodurch sich der „Weise“ und das „Tier“ nähern und einen neuen Typus ergeben, der sich für alles Lebendige verantwortlich weiß. Weil der Mensch aber weder vollkommen wie ein Weiser, noch heil wie ein Tier ist, bedeutet das Lehren müssen der ewigen Wiederkehr für Zarathustra seine „größte Gefahr und Krankheit“, von der er genesen muß. Daher erfolgt ihre erste Verkündigung durch seine Tiere und in einer Rede, die vom „Genesenden“ spricht. (S. 77, Hervorhebungen hinzugefügt)

In der Götzendämmerung (Was ich den Alten verdanke, A 4 und Moral und Widernatur) hat, so Löwith (S. 117), Nietzsche das, wovon sein gesamtes Denken ausgeht, nämlich das Problem der griechischen Tragödie, mit den „Mysterien der Geschlechtlichkeit“ verbunden. Löwith erklärt dazu quasi orgonomisch:

Die physische Grundlage für eine ewige Wiederkehr „dieses“ Lebens fehlt Nietzsches Philosophie so sehr wie seiner eigenen, unleibhaftigen Existenz, die alles andere als „eine vergöttlichte Form und Selbstrechtfertigung der Natur“ war.

Das ist sicherlich in sich alles stimmig, doch geht es an Nietzsches Vorstellung der Ewigen Wiederkehr vorbei, nach der ohne eigenes Zutun alles wiederkehrt und zwar ohne jede Variation (da alles, nicht zuletzt aber unser Bewußtsein, mit allem anderen sozusagen „superdeterministisch“ verbunden ist). Das einzige, was man tun kann, ist so zu leben, daß man die Ewige Wiederkehr wirklich bejahen kann. Es geht schlicht um Lebensbejahung, um einen Sinn des Lebens in einem vollkommen sinnlosen Universum. Das Leben hier und jetzt ist ewig und wer in einem Jenseits nach dem „ewigen Leben“ sucht und deshalb dieses Hier und Jetzt hintanstellt, der verurteilt sich selbst zu ewiger Verdammnis, d.h. einem schlechten Leben ohne Kompensation.

In einer Hinsicht hat Löwith natürlich recht: Nietzsche hat in Hinsicht auf die Ewige Wiederkehr sein Leben verfehlt.