
W:ilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, c. Antifunktionalismus: Der Geist in der Maschine
In Tiefenwahrheit geht Töpfer von Laskas Aussage aus, die sich im kognitiv-rationalen Bereich erschöpfende Alte Aufklärung, sei durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich operierende und damit „praktisch“ werdende zu ersetzen. Laska meinte damit schlicht das grundsätzliche Infragestellen des irrationalen Über-Ichs und davon ausgehend das Verhindern, daß sich ein solches in zukünftigen Generationen ausbildet und diese zu den gleichen Gefühlskrüppeln macht, wie wir es sind. Töpfer hingegen meint das Auffüllen der „existentiellen Leere“ durch „Immanenz“ (nicht etwa Transzendenz in der Voraufklärung). Praktisch hätte Laska sozusagen zum den „Urschmerz“ verwindenden „Urschrei“, zur Existenz selbst, vordringen müssen. Laska selbst, als Person!
Töpfers zweiter Punkt kreist darum, daß, so Töpfer, die Sexualität erst mit der Pubertät anfängt, die Menschen aber schon vorher „enteignet“ wurden und zwar eben nicht durch sexuelle, sondern durch „existentielle“ Schuldgefühle bzw. noch früher durch körperliche Traumata. Das würde nicht nur durch die Freudsche/Reichsche/Laskasche These von der infantilen Sexualität verdrängt, sondern diese Traumatisierungen würden, durch den dadurch angeregten Pädosex, verstärkt, wenn nicht erst verursacht werden, womit Reich und Laska ihre eigenen Theorien, die Rede von der Neurosenprophylaxe und von den „Kindern der Zukunft“, ad absurdum führten. (Daß entgegen Töpfers Theorie im Normalfall weniger laute Traumata, sondern die stille Kontaktlosigkeit der Eltern bei der Panzerbildung eine Rolle spielt, sei nur nebenbei erwähnt.)
Da ich (Peter Nasselstein) Töpfers Quelle für diese Anschuldigungen bin, rennt er bei mir offene Türen ein. Ja, es sind im Umfeld Reichs unverzeihliche Dinge geschehen, Malinowski (und damit Reich) hat sich beim Alter der Trobriander geirrt, d.h. den Beginn sexueller Aktivitäten zu früh angesetzt und in unserer Gesellschaft ist „früher Sex“ fast immer die verzweifelte Suche nach körperlicher Nähe und Wärme, d.h. nach einem Ersatz für die schmerzlich vermißte frühkindliche mütterliche und väterliche Nähe. Womit sich der Kreis schließt, denn heute kann kaum ein Vater vollkommen entspannt die Windel seiner Tochter wechseln oder sie zärtlich umarmen. Das ganze Thema ist zum Verzweifeln. Daß es aber keine infantile Sexualität gibt… War Töpfer denn selbst nie Kind? Hat er in der Badeanstalt nie beobachtet, wie der Fünfjährige plötzlich wie Arnold Schwarzenegger daher stolziert, wenn die Blicke seiner Kameradinnen auf ihn fallen, während das fünfjährige Mädchen gegenüber unserem kleinen Rambo kokettiert und „weibliche Signale aussendet“? Hat er nie in der Ersten Klasse mit einer Spielkameradin konkrete „Heiratspläne“ geschmiedet? Ich habe IHR sogar den größten materiellen Schatz geschenkt, den ich je auf Erde besessen habe, eine exotisch-orientalische Keksdose bis oben mit Glassplittern gefüllt, die ich gefühlt „über die die Jahre“ auf dem Bahndamm aufgelesen hatte. Einem Spielkameraden hätte ich diesen unfaßbaren Reichtum in tausend Jahren nie gegeben. SIE brauchte mich nur anlächeln und ihr langes blondes Haar im Wind wehen lassen und ich war ein willenloser Haufen Wackelpudding.
Ich fühle mich mißbraucht. Ich bespreche Bücher, egal, ob das der Orgonomie nützt oder schadet, weil ich ausschließlich der objektiven Wahrheit verpflichtet bin. Töpfer benutzt das, um… Ich schicke Töpfer als freundliche Geste Material zu Bert Brecht aus dem LSR-Archiv zu, da ihn das als gelernten DDR-Bürger doch sicherlich interessiert. Er preßt es wie eine Zitrone aus und dichtet Laska aus hingeworfenen Brief-Stellen „Ich-Schwäche“ an. Töpfer:
Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch (…) Laska selbst eigentlich nur bedingt als Aufklärer im Sinne einer Neuen Aufklärung gelten kann. Er hat zwar „Gott von der Weltbühne vertrieben“ (Erste Aufklärung), aber Laska „entlarvt“ sich tatsächlich selbst als „Naturerscheinung“ und anerkennt sich fast als solche. (…) Zumindest zweifelt Laska die „Phänomene“ als „auf sich als Selbstsüchtigen beziehend“ an. Es sind keine selbstigen, zu seinem Ich gehörigen, es sind nicht seine eigenen Phänomene. Er räumt ziemlich deutlich der Wissenschaft die Deutungshoheit über seine eigene Person ein: Er fragt nämlich, „ob das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist.“ Der Zusammenhang, in dem Laska diese Frage stellt, ist der einer anderen Frage, nämlich der, „ob man überhaupt [etwas Bestimmtes] ‚will‘“. Was ist dieses Bestimmte? – Die Antwort darauf findet sich in diesem Satz Laskas: „Sie (sic! PN) werfen die Frage auf, wie man […] ‚das Fremde‘ aus sich wieder herausbekommt, um so nur ‚das Eigene‘ übrig zu behalten, ja, ob oder ggf. in welchem Maße man (bei sich) darüber verfügen kann.“ Es geht hier also präzise um die Frage, ob LSR – das ist in diesem Falle Laska selbst – tatsächlich überhaupt bereit ist, „im Affektiv emotionalen zu operieren“ (Zweite Aufklärung), sprich: sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ (Laska) zu unterziehen, oder ob er nicht er selbst und mit ihm die Alte Aufklärung „in eine Sackgasse geraten“ sei. Aber wir diskutieren diese Frage und Laskas Ich-Schwäche nicht hier (…). (S. 52f)
Bevor ich auf diese Zusammenhänge im nächsten Teil genauer eingehe, muß und möchte ich bei dieser Gelegenheit etwas weiter ausholen:
Ganz im Sinne Stirners (und übrigens auch Nietzsches) ist das Ich des Egoisten nichts vom Himmel Gefallenes, nichts sozusagen überweltlich „Selbstisches“, sondern primär Fremdes (die Mutter-, Familien- und Stammesbindung), aus dem wir uns emanzipieren und zum Eigner werden. Von Biologie und Stammesgeschichte, will ich erst gar nicht anfangen. Töpfer hingegen scheint von einer Art „autonomen Seelenfunken“ auszugehen, der in dieser „fremden Welt“ gefangen wird und sich im „Urschrei“ aus dieser schmerzlichen Gefangenschaft wieder befreien muß: Gnosis, versponnen in der „inneren Wahrheit“!
Wie ist das nun mit dem Eigenen „aus orgonomischer Sicht“? Zunächst einmal ist es so, daß je fundamentaler wir die Natur betrachten, also auf Quantenebene, desto mehr verschwindet jedwede Individualität. Beispielsweise sind alle Elementarteilchen, etwa Elektronen, voneinander prinzipiell vollkommen ununterscheidbar. Wenn ich doch das eine Elektron vom anderen dadurch unterscheide, einfach indem ich es verorte, etwa in der Blasenkammer oder im Doppelspaltexperiment, geht die quasi „kollektivistische“ Quantenwelt in unsere „individualistische“ Alltagswelt über. Beim Doppelspaltversuch werden durch diese „Individualisierung“ aus Wellen, die sich überlagern und dergestalt Interferenzmuster erzeugen, ganz normale Partikel, so als handele es sich um Pistolenkugeln oder dergleichen. Nun ist es so, daß nicht nur durch Verortung, sondern prinzipiell keine zwei Pistolenkugeln, keine zwei Sandkörner oder andere beliebige Objekte der Makrosphäre identisch sind. Genauso ist es mit jedem Menschen ab dem Moment der Empfängnis. Der Unterschied ist, daß wir im Gegensatz zum Sandkorn empfinden können (wie auch jede Amöbe!) und schließlich darüber hinaus ein Bewußtsein unserer Individualität entwickeln (wir empfinden, daß wir empfinden). An diesem „Geistigen“, dem Bewußtsein bzw. dem Empfinden, machen Leute wie Töpfer das Individuum fest. Nun ist es aber so, daß dieses „Geistige“ selbst zum „Quantenbereich“ gehört, d.h. hier fällt das Individuelle weg. Das sieht man schon an der (notwendigerweise kollektivistischen) Sprache: es gibt keine zwei identischen konkreten Bäume, aber der abstrakte Begriff „Baum“ ist universell. Oder mit anderen Worten: es gibt keine „individuellen Seelenfunken“, vielmehr ist unser Innenleben gewissermaßen „kollektiv“. Wir sind zwar unverwechselbare Individuen und „eigen“, aber diese Eigenheit ist etwas in jeder Hinsicht Sekundäres, das nur durch den Kontakt mit der Außenwelt entsteht und durch diesen Kontakt aufrechterhalten wird. Wie das Elektron in der Doppelspaltanordnung, „muß ich gesehen werden“, um zum Individuum und zum Eigner meiner selbst werden zu können.
Das Kind kristallisiert sich wie ein Salzkorn aus dem Meer (Mutter-, Familien- und Sippenbindung). Man kann nur hoffen, daß dieses „Meer“ sich aus den richtigen Bestandteilen zusammensetzt und durch seine Bewegung, etwa sexuellen Mißbrauch, diese „Kristallisation“ nicht stört.
In der Tat, wir sind nur „Naturerscheinung“, tatsächlich nur „Sozialerscheinung“! Alles andere ist Kontaktlosigkeit und – Entfremdung! Ich weiß, daß viele Stirner auf Töpfers vollkommen abstruse, selbstwidersprüchliche, da entfremdende „existentielle“ Weise lesen (Depersonalisation, Derealisation), aber genau deshalb sind wir ja Laskaianer: uns interessiert einzig und allein die Herausarbeitung der Funktion des irrationalen Über-Ichs. Andere Stirnerianer können sich meinetwegen ins Knie ficken!
Es ist bezeichnend, wie Töpfer in Pan-Agnostik mit Bernd A. Laska umgeht, dessen einziges Anliegen die radikale Liquidierung des Über-Ichs („LSR“) war. Für, meiner Einschätzung nach, pseudowissenschaftlichen Quark wie „germanische Medizin“, Jochen Kirchhoff und „Parawissenschaft“ ist in dem voluminösen Band jede Menge Platz, aber keiner für LSR-Relevantes und das bei einem, der am liebsten die „existentiell sinnlose“ Naturwissenschaft abschaffen würde (vgl. S. 234). Daß für Stirner und im Anschluß für Laska ausschließlich die MINT-Fächer sinnvoll, da über-ich-frei, waren, der Rest Dreck, wird auf eine Weise ins Gegenteil verdreht, die sogleich evident werden wird. Zwar sind Töpfers „agnostische“ Ausführungen über die erwähnten metaphysischen Systeme eben das, agnostisch, aber genau das ist das Problem, denn trotz allem Eintreten für die Autonomie und gegen die Heteronomie, bleibt die Tatsache der agnostischen Einstellung gegenüber Gott, d.h. dem – Über-Ich. Vielleicht deshalb diese 467 manisch vollgeschriebenen Seiten: um diesen Widerspruch vor sich selbst zu übertünchen.
Laska wird nur auf sieben Seiten erwähnt:
S. 25: Hier der bereits in Teil 6 erwähnte Mißbrauch LaMettries als Zeugen Gottes (also des Über-Ichs) mit Verweis auf Laskas Herausgeberschaft von Der Mensch als Maschine.
S. 33: „Religionskritiker wie Feuerbach sind tatsächlich näher an Gott dran als Religiöse. ‚Der agnostische Standpunkt ist auf theologischem Gebiet dem theistischen überlegen‘ ließe sich in Abwandlung einer Feststellung von Panajotis Kondylis auch sagen.“ In einer Fußnote wird das Originalzitat mit Verweis auf Laska als Quelle angegeben. Indirekt wird von Töpfer der fanatische Atheist Laska in den Dunstkreis der Zeugen Gottes (also des Über-Ichs) hineingezogen.
S. 104: „In ihrer Fehleinschätzung und Anbetung des Intellektuellen spotteten die philosophischen Wissenschaftler über ‚Gott‘, ohne zu bemerken, daß ihr ‚Mensch‘ genau so ein ‚höheres Wesen‘ ist, das aber sogar einer noch geistigeren Vorstellung als ‚Gott‘ entstammt, wie es Bernd A. Laska richtig sagt.“ Der Stirnersche Satz, daß „Gott“ durch das Gespenst „der Mensch“ ersetzt wurde, macht aber grundsätzlich nur aus atheistischer Warte Sinn, nicht aus agnostischer. In letzterer verkehrt er sich sogar ins Gegenteil.
S. 190: Im Zusammenhang mit der Physik von Burkhard Heim, welche von zwei zusätzlichen Dimensionen spricht, die das Geistige und das Lebendige erklären sollen, wendet Töpfer ein, man solle sich zuerst der Dimension des „Irdisch-Existentiellen“ nähern. „Das wäre aber kein rein intellektuelles Vorgehen, sondern ein ‚im affektiv-rationalen Bereich operierendes und damit „praktisch“ werdendes‘, denn ‚Stirners Postulat, die alte Aufklärung, die im kognitiv-rationalen Bereich operierte, sei am Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue fortzusetzen.‘ (Bernd A. Laska)“ Spökenkiekerische Physik, die mit Taschenspielertricks operiert (zusätzlichen Dimensionen), wird mit der alten rationalistischen Aufklärung gleichgesetzt und das „existentialistische“ Gedöns Töpfers mit Stirners Überwindung des emotionalen Problems Über-Ich gleichgesetzt. Laska, der als Steinbruch für abstruse Beweisführungen benutzt wird, ist hier wieder Mißbrauchsopfer! Ein ganzes Buch an der Über-Ich-Problematik vorbei!
Das ganze ist, jetzt mal unabhängig von unserem Laska-Thema, sowieso Quark, denn, „wie es die Pan-Agnostik aufzeigt“, gibt es keine Beziehung zwischen dem Physikalischen und der Existenz (S. 197). Unser „Agnostiker“ ist, wie ich schon vorher andeutete, demnach ein waschechter Gnostiker, den rein gar nichts mit dem Demiurgen verbindet und der verzweifelt nach dem autonomen Seelenfunken in sich sucht! Was im übrigen durch und durch luziferisch ist. DIE Religion der Weltverschwörer. Aber lassen wir das…
S. 202: Töpfer erwähnt Laskas Hinweis in dessen Reich-Monographie, daß bei diesem die jüdische Herkunft weniger prägend war als bei anderen. Töpfer verweist dann auf mich, daß Reich seine Wurzeln lieber bei „Amöben, Quallen und in der Milchstraße“ gesucht hat. Blasphemie für den vermeintlichen „A-Gnostiker“ Töpfer, für den es keine Beziehung zwischen dem (Bio-) Physikalischen und der Existenz gibt… Aber es ist eh immer dasselbe: statt naheliegender Ausführungen über das Über-Ich und das das damit zusammenhängende jüdische Selbstempfinden bei Freud im Vergleich zu Reich werden wir vermeintlich von Laska ausgehend „cisintellektuell“ ins „Existentielle“ geführt…
S. 226: „Einzig wirklich wichtig für das vorliegende Buch aber ist, daß weder mystische Quantentheoretiker wie Dr. Robert Lanza, noch Anti-Viren-Biologen wie Dr. Stefan Lanka von irgendeiner existentiellen Relevanz sind, dafür aber Bernd A. Laska schon eher, da Laska die Tür in die, wie er sagt, ‚Paraphilosophie‘, anders gesagt in die Postphilosophie und den Cisintellektualismus aufstößt.“
Wohin hier die Reise in diese „Zweite Aufklärung“ geht, zeigt Töpfer auf seiner Website:
In der Zweiten Aufklärung ist nicht nur rational, was sich messen läßt, sondern all die inkommensurablen Dinge auch, die nicht nur mathematisch nicht, sondern die überhaupt nicht sprachlich ausdrückbar sind. Schließlich geht es auch gar nicht um das sprachliche Ausdrücken (das Darüber-sprechen), sondern um das Sein – wozu freilich unbedingt das Ausdrücken zählt; ja, ohne den Ausdruck gibt es gar nichts; nur was sich ausdrückt, lebt; dafür bedarf es aber des transintellektuellen Ausdrucks, lebendiger Ausdruck ist niemals nur intellektuell. Es geht bei der Neuen Aufklärung also nicht nur um das Erfassen und Begreifen dessen, worum die Alte Aufklärung einen großen Bogen machte – damit bliebe die Neue Aufklärung im Bereich des rein Kognitiven –, sondern um das tatsächliche Sein, das die Alte Aufklärung lediglich beschreiben, kategorisieren und enzyklopedieren konnte und wollte.
Laska hätte wohl in Konsequenz seinen Namen tanzen sollen oder was?!
S. 426: Töpfer erwähnt Stirners Schrift Das unwahre Prinzip unserer Erziehung, die auch in den von Laska herausgegebenen Parerga, Repliken, Kritiken Stirners erschienen sei. „Niemand hat im 19. Jahrhundert diese umfassende Unantastbarkeit und Integrität [der Kinder] radikaler reklamiert als Max Stirner (..).“ Und das nicht „bloß“ sexuell, sondern viel weiter, nämlich existentiell.
Gut, klingt zwar merkwürdig verquer (wieso ausgerechnet im Zusammenhang mit Stirner überhaupt das Sexuelle erwähnen?), aber doch alles sehr gut und beruhigend,– wenn da nicht Töpfers zwei Jahre später, also dieses Jahr, erschienenes Buch Tiefenwahrheit (859 manische Seiten!) wäre, denn dort wirft Töpfer Laska eine Rechtfertigung von Pädophilie durch Festhalten am Freudschen Theorem der kindlichen Sexualität vor, wobei aber deutlich wird, daß es hierbei gar nicht um eine sachliche Auseinandersetzung geht, denn was hat ausgerechnet Laska mit dem Thema zu tun? Bei all dem merkwürdig verwaschenen Geschwurbel wird höchstens deutlich, daß Töpfer, der Anarchist, erstaunlicherweise am ebenfalls Freudschen „die Kultur geht vor“ festhält. (Soviel zur „Unantastbarkeit“ der Kinder!) Zudem leitet Töpfer seine Ausführungen über Laska auch noch mit dem Töpferschen Thema Holocaustleugnung ein, wobei es Töpfer zwar hauptsächlich um die Meinungsfreiheit zu tun scheint, realiter aber wird, parallel zur Pädophilie, ausgerechnet Laska mit Holocaustleugnung irgendwie in Verbindung gebracht. Was wird beim Leser haftenbleiben?
Auf diesem Blog ist ständig von Bernd A. Laskas „LSR“ die Rede. Was soll das „an sich“ sein, jenseits von „LaMettrie plus Stirner plus Reich“?
Zunächst sind die Besonderheiten der drei Protagonisten nur Beiwerk. Beispielsweise hat LSR weder etwas mit „dem Menschen als Descartes’sche Maschine“ noch mit der Überwindung dieser Maschine durch irgendwelche drogeninduzierten Zauberwelten zu tun. Auch nichts damit, daß man nach Stirner vermeint alles als „bloßen Spuk“ abtun zu können, etwa seine nationale Herkunft oder gar sein Geschlecht. Von Reichs Entwicklung nach 1927 und selbst seinen psychoanalytischen Beiträgen brauchen wir gar nicht erst anfangen!
Was zum Geier bleibt dann von den drei Namensgebern des LSR-Projekts? Die Antwort haben ausgerechnet die Feinde und falschen Freunde von LaMettrie, Stirner und Reich (neuerdings auch von Laska!) tausendfach gegeben! Mit traumwandlerischer Sicherheit sind sie dem Kern von LSR ausgewichen und haben ihn dergestalt erst kenntlich gemacht: als weißen Fleck auf einem sonst von Ausweichmanövern geschwärzten Blatt Papier. Der Kern ist das, wovor heute auch die Rezipienten Laskas absolut panisch fliehen.
Dieses geheimnisvolle Etwas brachte Reich am besten in seiner Autobiographie zum Ausdruck: kein anderes Element seiner Theorie habe seine „Arbeit und Existenz derart gefährdet, wie (…) die Behauptung, daß Selbststeuerung möglich, natürlich vorhanden und allgemein durchführbar ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 141).
Die Selbststeuerung ist eine Utopie, die allein schon deshalb verwirklichbar ist, weil sie, wie die Arbeitsdemokratie im Kollektiv und die Genitalität im Individuum, stets untergründig gegenwärtig ist mit jedem Arbeitsschritt und mit jedem Herzschlag. Nicht nur das: diese „Theorie“ ist absolut alternativlos, denn „die moralische Regulierung des Trieblebens (schafft) gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 43, Hervorhebung hinzugefügt).
Das ist der denkbar radikalste Angriff auf die Grundfesten der Gesellschaft und die Abwehrmechanismen, den „Charakter“, jedes einzelne Individuum in ihr. Es ist, als würde man einem eingebildeten Krüppel, der weitaus besser ohne verkrüppelnde Hilfsmittel gehen könnte, androhen, ihm die Krücken wegzutreten! Sein mörderischer moralisch indignierter Haß wird grenzenlos sein! Die Wahrheit ist derartig brutal beängstigend, daß sie folgenlos verpufft, wenn „die Krüppel“ (die Menschen) nicht dazu gebracht werden, sie sich selbst zu erschließen, indem sie ihrer Abwehrmechanismen gewahr werden. Genau das war Laskas LSR-Projekt.
Es ist kaum zu glauben, mit was für aberwitzigen Widerständen man zu ringen hat, wenn man versucht, Laskas Arbeit fortzuführen. Das reicht von Sabotage durch Leute, die gestern noch Feuer und Flamme waren, und geht bis hin zur „Transzendierung“ und vermeintlichen Überwindung des Projekts. Die Panik ist greifbar und sie endet letztendlich immer entweder im Selbstmord oder im Mord. Nicht zuletzt deshalb nimmt Laskas Übersetzung von Reichs Christusmord so eine zentrale Stelle in seinem Lebenswerk ein. Das Buch wird nächstes Jahr in einer von ihm selbst anläßlich des 100sten Geburtstags 1997 umfassend verbesserten Version seiner Originalübersetzung von 1977 im Psychosozial-Verlag erscheinen.
Stirner zeigt, daß man in dieser Gesellschaft zwar urteilen und kritisieren darf, aber nur vom Standpunkt der „Liebe“ aus, d.h. voll Respekt vor der „Heiligkeit“ der Sache oder der Person. Aber genauso wie Urteile aus Haß, „gehässige Urteile“, Urteile des uns beherrschenden Hasses sind, sind auch Urteile, die uns die Liebe eingibt, gar nicht unsere eigenen Urteile.
Gegen die Welt, besonders gegen die Menschen, soll Ich eine bestimmte Empfindung annehmen, und ihnen von Anfang an mit der Empfindung der Liebe, „mit Liebe entgegenkommen“. Freilich offenbart sich hierin weit mehr Willkür und Selbstbestimmung, als wenn Ich Mich durch die Welt von allen möglichen Empfindungen bestürmen lasse und den krausesten, zufälligsten Eindrücken ausgesetzt bleibe. Ich gehe vielmehr an sie mit einer vorgefaßten Empfindung, gleichsam einem Vorurteil und einer vorgefaßten Meinung; Ich habe mein Verhalten gegen sie Mir im voraus vorgezeichnet, und fühle und denke trotz all ihrer Anfechtungen nur so über sie, wie Ich zu fühlen einmal entschlossen bin. Wider die Herrschaft der Welt sichere Ich Mich durch den Grundsatz der Liebe; denn was auch kommen mag, Ich – liebe. Das Häßliche z.B. macht auf Mich einen widerwärtigen Eindruck; allein, entschlossen zu lieben, bewältigte Ich diesen Eindruck, wie jede Antipathie
Aber die Empfindung, zu welcher Ich Mich von haus aus determiniert und – verurteilt habe, ist eben eine bornierte Empfindung, weil sie eine prädestinierte ist, von welcher Ich selber nicht loskommen oder Mich loszusagen vermag. Weil vorgefaßt, ist sie ein Vorurteil. Ich zeige Mich nicht mehr gegenüber der Welt, sondern meine Liebe zeigt sich. Zwar beherrscht die Welt Mich nicht, desto unabwendbarer aber beherrscht Mich der Geist der Liebe. Ich habe die Welt überwunden, um ein Sklave dieses Geistes zu werden. (Der Einzige, S. 329f)
Es geht um eine „freiwillige“, um eine „eigene“ Liebe, gegen eine „zinspflichtige“ Liebe, die man als „Tribut“ entrichten muß (Der Einzige, S. 341).
Bereits auf der ersten Seite seines Buches (Der Einzige, S. 3) wird deutlich, daß Stirner imgrunde dasselbe sagt, was Reich mit anderen Worten und Akzenten 100 Jahre später in Christusmord sagen wird: wenn Wahrheit und Liebe nicht meine Sache sind, sondern eine „höhere Sache“, sind es eben nicht Wahrheit und Liebe – sondern das Gegenteil.
Jahrtausende der Kultur haben Euch verdunkelt, was Ihr seid, haben Euch glauben gemacht, Ihr seiet keine Egoisten, sondern zu Idealisten („guten Menschen“) berufen. Schüttelt das ab! (…) Erkennet Euch nur wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich seid, und laßt eure heuchlerischen Bestrebungen fahren, eure törichte Sucht, etwas Anderes zu sein, als Ihr seid. Heuchlerisch nenne Ich jene, weil Ihr doch alle diese Jahrtausende Egoisten geblieben seid, aber schlafende, sich selbst betrügende, verrückte Egoisten, (…) Ihr Selbstpeiniger. (Der Einzige, S. 181)
Das Streben nach „Freiheiten“ ist „hohle Theorie“, wirkliche Praxis beginnt nicht mit der Frage nach irgendwelchen Träumen und Vorstellungen, sondern bei der Frage nach sich selbst. Sie beginnt damit, daß man sich selbst ganz und gar zum Mittelpunkt und Ausgangspunkt macht (Der Einzige, S. 177). „Genug, es ist ein mächtiger Unterschied, ob Ich Mich zum Ausgangs‘ oder zum Zielpunkte mache. Als letzteren habe Ich Mich nicht, bin Mir mithin noch fremd, bin mein Wesen, mein ‚wahres Wesen‘, und dieses Mir fremde ‚wahre Wesen‘ wird als ein Spuk von tausenderlei Namen sein Gespött mit Mir treiben. Weil Ich noch nicht Ich bin, so ist ein Anderer (wie Gott, der wahre Mensch, der wahrhaft Fromme, der Vernünftige, der Freie usw.) Ich, mein Ich“ (Der Einzige, S. 368). „Ich bin Ich, und Du bist Ich, aber Ich bin nicht dieses gedachte Ich, sondern dieses Ich, worin Wir alle gleich sind, ist nur mein Gedanke. Ich bin Mensch und Du bist Mensch, aber ‚Mensch‘ ist nur ein Gedanke, eine Allgemeinheit; weder Ich noch Du sind sagbar. Wir sind unaussprechlich, weil nur Gedanken sagbar sind und im Sagen bestehen“ (Der Einzige, S. 348).
Das über das „universelle Mobbing“ gesagte gilt auch bzw. gerade für „freiheitliche“ Demokratien und deren „Rechtsstaat“: „Die ‘Freiheit’ weckt euren Grimm gegen Alles, der ‘Egoismus’ [hingegen] ruft Euch zur Freude über Euch selbst, zum Selbstgenusse“ (Der Einzige, S. 180).
Der moralische Einfluß nimmt da seinen Anfang, wo die Demütigung beginnt, ja er ist nichts anderes, als diese Demütigung selbst, die Brechung und Beugung des Mutes zur Demut herab. Wenn Ich Jemand zurufe, bei Sprengung eines Felsens aus dessen Nähe zu gehen, so übe Ich keinen moralischen Einfluß durch diese Zumutung; wenn ich dem Kinde sage, Du wirst hungern, willst Du nicht essen, was aufgetischt wird, so ist dies kein moralischer Einfluß. Sage Ich ihm aber: Du wirst beten, die Eltern ehren, das Kruzifix respektieren, die Wahrheit reden usw., denn dies gehört zum Menschen und ist der Beruf des Menschen, oder gar, dies ist Gottes Wille, so ist der moralische Einfluß fertig; ein Mensch soll sich da beugen vor dem Beruf des Menschen, soll folgsam sein, demütig werden, soll seinen Willen aufgeben gegen einen fremden, der als Regel und Gesetz aufgestellt wird; er soll sich erniedrigen vor einem Höheren: Selbsterniedrigung. „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden.“ Ja, ja, die Kinder müssen bei Zeiten zur Frömmigkeit, Gottseligkeit und Ehrbarkeit angehalten werden; ein Mensch von guter Erziehung ist Einer, der „gute Grundsätze“ beigebracht und eingeprägt, eingetrichtert, eingebleut und eingepredigt worden sind.
Zuckt man hierüber die Achseln, gleich ringen die Guten verzweiflungsvoll die Hände und rufen: „Aber um’s Himmels willen, wenn man den Kindern keine guten Lehren geben soll, so laufen sie ja gerades Weges der Sünde in den Rachen, und werden nichtsnutzige Rangen!“ Gemach, Ihr Unheilspropheten. Nichtsnutzige in eurem Sinne werden sie allerdings werden: aber Euer Sinn ist eben ein sehr nichtsnutziger Sinn. Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen und kein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt und faselt: sie werden das Erbrecht aufheben, d.h. sie werden Eure Dummheiten nicht erben wollen, wie Ihr sie von den Vätern geerbt habt; sie vertilgen die Erbsünde. Wenn Ihr ihnen befehlt: Beuge Dich vor dem Höchsten – so werden sie antworten: Wenn er Uns beugen will, so komme er selbst und tue es; Wir wenigstens wollen Uns nicht von freien Stücken beugen. Und wenn Ihr ihnen mit seinem Zorne und seinen Strafen droht, so werden sie’s nehmen, wie ein Drohen mit dem Wauwau. Glückt es Euch nicht mehr, ihnen Gespensterfurcht einzujagen, so ist die Herrschaft der Gespenster zu Ende, und die Ammenmärchen finden keinen – Glauben,
Und sind es nicht gerade wieder die Liberalen, die auf eine gute Erziehung und Verbesserung des Erziehungswesens dringen? Denn wie könnte auch ihr Liberalismus, ihre „Freiheit in den Grenzen des Gesetzes“ ohne Zucht zustande kommen? Erziehen sie auch nicht gerade zur Gottesfurcht, so fordern sie doch um so strenger Menschenfurcht, d.h. Furcht vor dem Menschen, und wecken durch Zucht die „Begeisterung für den wahrhaft menschlichen Beruf“. (Der Einzige, S. 88f)
Jedes Kind, jeder Wilde und jedes Tier, das sich derartigen „fixen Ideen“ (Der Einzige, S. 225) widersetzt, sich „rücksichtslos“ auslebt, gilt als Verbrecher. Tatsächlich wird, wie bereits erwähnt, jedes Kind als Verbrecher geboren (Der Einzige, S. 219), einfach weil es nicht weiß, was dem Volk und dem Staat, in das es hineingeboren wird, zufälligerweise als „heilig“ gilt – und „nur gegen ein Heiliges gibt es Verbrecher“ (Der Einzige, S. 224). Die wilde Natur muß gezügelt werden. Bei Tieren nennt man das „Dressur“, bei Kindern „Erziehung“.
Ihr armen Wesen, die Ihr so glücklich leben könntet, wenn Ihr nach eurem Sinne Sprünge machen dürftet, Ihr sollt nach der Pfeife der Schulmeister und Bärenführer tanzen, um Kunststücke zu machen, zu denen Ihr selbst Euch nimmermehr gebrauchen würdet. Und Ihr schlagt nicht endlich einmal dagegen aus, daß man Euch immer anders nimmt, als Ihr Euch geben wollt. Nein, Ihr sprecht Euch die vorgesprochene Frage mechanisch selber vor: „Wozu bin Ich berufen? Was soll Ich?“ (Der Einzige, S. 365)