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25. April 2021

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 69

29. Mai 2020

orgonometrieteil12

69. Die Orgonomie weiterentwickeln, gar überwinden?

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Die Faschisierung der Orgonomie

19. Oktober 2011

Vor zwei Jahrzehnten veröffentlichte „Franz Ferzak“ eine Satire über Reich: Wilhelm Reich. Ein außerirdischer Österreicher, der vom CIA ermordet wurde (Franz Ferzak World and Space Publications [FFWASP], Neuenhinzenhausen im Schambachtal 1991).

Er präsentierte die Theorien eines gewissen Joseph H. Carter (The Awesome Life Force), für den die Orgonenergie identisch mit einer bestimmten Art von „weichen Elektronen“ ist, die wiederum aus Photonen bestehen. Orgonenergie ist demnach nicht massefrei und kann in Photonen und diese „weichen Elektronen“ zerfallen. „DOR ist selbstverständlich nichts anderes als normale Orgonenergie oder weiche Elektronen, die eine große Zahl von harten, hochfrequenten Elektronen in sich aufgenommen haben.“ Das Licht, aus dem ja das Orgon, bzw. die „weichen Elektronen“, bestehe, entsteht durch Störungen im Äther, „die von höheren Wesen ausgelöst werden“. Diese „Logoi“ gehen dabei nach Gesetzen vor, wie Reich sie, so Ferzak, in Die kosmische Überlagerung erforscht habe.

Jenseits der Orgonenergie gibt es also noch Gott, die unsterbliche Seele, etc. und Ferzaks Haupteinwand gegen Reich ist dessen Ablehnung der Mystik. Daß die Seele nach dem Tod nicht weiterexistiert, es keine Inkarnation und Reinkarnation gibt, „dürfte der bombastischte Scheiß sein, den Reich in seinem ganzen Leben von sich gegeben hat“. Ferzak verwirft Reichs gesamte Kritik an der Mystik, da Reich sich da nicht genug ausgekannt hätte. Es sei nämlich „insgesamt“ so,

daß das Universum wie eine Pyramide aufgebaut ist. Oben sitzt Gott und alles, was weiter unten ist, ist von ihm abhängig. Selbstverständlich ist es so, daß sich z.B. höhere Wesen in niedrigere Bereiche inkarnieren oder eben verkörpern können. Solche Wesen sind z.B. die großen Künstler, Wissenschaftler, Philosophen und Führer usw. Ohne diese Jungs würde es auf der Welt absolut keinen Fortschritt geben.

Groteskerweise gibt diese unappetitliche Satire ziemlich genau die Weltsicht nicht etwa einiger, sondern so gut wie aller sogenannten „Reichianer“ wider. Seit Reichs Tod hat sich der „Reichianismus“ immer mehr in eine Anthroposophie für Arme entwickelt. Ich habe das teilweise in Reichianische Bücher illustriert. Der „Reichianismus“ erweist sich als etwas, was zwischen dem alten jenseits orientierten Mystizismus der Kirchen und dem diesseitigen biologistischen Mystizismus des Nationalsozialismus steht. Niemand hat die Bewegung, die seinen Namen trägt, besser erfaßt als Reich – als er die Anthroposophie beschrieb:

Es würde sich lohnen, auf die Soziologie der verschiedenen (…) theosophischen und anthroposophischen Strömungen (…) als gesellschaftlich bedeutsame Erscheinungen patriarchalischer Sexualökonomie genau einzugehen. Hier genüge die Feststellung, daß die mystischen Kreise bloß Konzentrationen von Tatbeständen sind, die wir in mehr diffuser, weniger greifbarer, aber deshalb nicht weniger deutlicher Art in allen Schichten der Bevölkerung finden. Zwischen dem Grade des mystisch-sentimental-sadistischen Empfindens und dem Grade der durchschnittlichen Störung des natürlich orgastischen Erlebens gibt es eine enge Beziehung. (…) Man vergleiche damit das wirklichkeitsnahe, unsentimentale, lebenskräftige Erleben der echten Revolutionäre, echter Naturforscher, gesunder Jugendlicher etc. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 135)

Die Gegenüberstellung von „Tier“ und „Geistesmensch“ orientiert sich an der Gegenüberstellung von „sexuell“ und „geistig“ (…), die in stets gleichbleibender Weise die Grundlage der gesamten theosophischen Moralphilosophie bildet. (ebd., S. 154)

Die mystische Einstellung wirkt sich zunächst typischerweise als mächtiger Widerstand gegen die Aufdeckung des unbewußten Seelenlebens, im besonderen der verdrängten Genitalität, aus. Es ist bezeichnend, daß die mystische Abwehr weniger den prägenitalen, kindlichen, als den genitalen, natürlichen Triebregungen gilt, besonders der kindlichen Onanie. Der Kranke klammert sich an seine asketischen, moralistischen und mystischen Anschauungen, verschärft den weltanschaulichen unüberbrückbaren Gegensatz des „Moralischen“ zum „Tierischen“, d.h. Natürlichen-Sexuellen; er wehrt sich gegen seine genitale Sexualität mit Hilfe moralistischer Herabsetzung. Er wirft Unverständnis für „seelische Werte“ und „groben, niedrigen Materialismus“ vor. Kurz, wer die Argumentation der Mystiker und Faschisten in der politischen und der Charakterologen und „Geisteswissenschaftler“ in der naturwissenschaftlichen Diskussion kennt, dem klingt das alles wohlbekannt, es ist ein und dasselbe. (ebd., S. 169)

Der deutsche Faschismus versuchte es mit aller Macht, sich in den psychischen Strukturen zu verankern und legte daher das größte Gewicht auf die Erfassung der Jugend und der Kinder. Er hatte keine anderen Mittel zur Verfügung als Weckung und Pflege der Hörigkeit zur Autorität, deren Grundvoraussetzung die asketische, sexualverneinende Erziehung ist. Die natürlichen sexuellen Strebungen zum anderen Geschlecht, die von Kindheit an zur Befriedigung drängen, wurden im wesentlichen durch verstellte, abgelenkte homosexuelle und sadistische Gefühle, teils auch durch Askese ersetzt. Das gilt etwa für den sogenannten „Kameradschaftsgeist“ in den Arbeitsdienstlagern wie für die Einpflanzung des sogenannten „Geistes von Zucht und Gehorsam“. Sie hatten die Aufgabe, die Brutalität zu entfesseln und im imperialistischen Kriege nutzbar zu machen. Sadismus entstammt unbefriedigter orgastischer Sehnsucht. Die Fassade heißt „Kameradschaft“, „Ehre“, „freiwillige Disziplin“, die Kulisse birgt geheime Auflehnung, Gedrücktheit bis zur Rebellion wegen der Behinderung jedes persönlichen Lebens, insbesondere des sexuellen. (ebd., S. 179)

Der Faschismus wäre, so heißt es, Rückkehr zum Heidentum und ein Todfeind der Religion. Weit davon entfernt, ist der Faschismus der extreme Ausdruck des religiösen Mystizismus. Als solcher tritt er in besonderer sozialer Gestalt auf. Der Faschismus stützt diejenige Religiosität, die aus der sexuellen Perversion stammt, und er verwandelt den masochistischen Charakter der Leidensreligion des alten Patriarchats in eine sadistische Religion. Demzufolge versetzt er die Religion aus dem Jenseitsbereiche der Leidensphilosophie in das Diesseits des sadistischen Mordens. (ebd., S. 14f)

Reich hat hier die autoritäre Gesellschaft beschrieben, die bis etwa 1960 bestand hatte. Seitdem entwickelte sich die anti-autoritäre Gesellschaft, die in mancher Hinsicht sogar noch sexualfeindlicher ist. Die Faschisierung der Orgonomie äußert sich entsprechend natürlich etwas anders: wirr, grotesk und „alternativ“.