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neu auf orgonomie.net

6. Juli 2025

Ich habe die Ursprungsseite des NACHRICHTENBRIEFs, die jetzt immerhin 28 Jahre existiert, in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt. Jetzt fange ich an, sie wieder besser zu pflegen, angefangen mit der Anfangsseite. Im übrigen hier eine wirklich EXAKTE Beschreibung, wie ich beim Umbau der Netzseite den html-Code absolut funktional-orgonisch handhabe:

Zu diesem fettreduzierten Blogeintrag Kunst am Bau: Bild 18.

Ergänzung 3 zu „Nietzsche: MEINE SCHWESTER UND ICH (Besprechung)“

5. Juli 2025

Eine der zentralen Fragen unserer Existenz ist die nach der Identität. Was hält uns zusammen? Für Reich war es die orgonotische Pulsation. Hört die auf, zerfallen wir buchstäblich in unsere Einzelteile. Bei der karzinomatösen Schrumpfungsbiopathie steht in dieser Hinsicht unsere Physis im Mittelpunkt, bei der Schizophrenie, ebenfalls eine Schrumpfungsbiopathie, unsere Psyche. Das sind aber nur Extrembeispiele. Bei jeder chronischen Panzerung wird die Pulsation und damit unsere physische und psychische Integrität, unsere „Identität“ kompromittiert.

Sein findet sich nur im zeitlosen, unvergänglichen Jetzt, das in einer zeitlich zerrissenen Welt aber nur als „Ewige Wiederkehr“ des Augenblicks (der dadurch erst dauerhaft wird) denkbar ist. Wir reden hier von Nietzsches Konzept. Es gibt weder ein „Sein“, noch ein „Bewußt-Sein“, beide werden erst durch die Ewige Wiederkehr gesichert. Gemeint ist natürlich die Pulsation mit ihrem ewigen Wechsel von Kontraktion und Expansion.

Zur Rechtfertigung der hier vertretenden Interpretation von Nietzsches Gedanken der Ewigen Wiederkehr vergleiche Karl Löwiths berühmte Ausführungen zu Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Nietzsche spricht von einer Pulsation zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein:

Wir haben zeitweilig die Blindheit nötig und müssen gewisse Glaubensartikel und Irrtümer unberührt lassen – solange sie uns im Leben erhalten. Wir müssen gewissenlos sein in Betreff von Wahrheit und Irrtum, solange es sich um das Leben handelt – eben damit wir das Leben dann wieder im Dienste der Wahrheit … verbrauchen. Dies ist unsere Ebbe und Flut, die Energie unserer Zusammenziehung und Ausbreitung. (z.n. Löwith, Hamburg 1978, S. 101; Hervorhebungen hinzugefügt)

An anderer Stelle sagt Nietzsche:

„Wir … müssen periodische Wesen werden wollen – gleich dem Dasein“, nämlich der natürlichen Lebewesen der Welt. (ebd. S. 232)

Löwith führt aus:

Zarathustras Tiere wissen früher als er selbst, wer er ist und demnach werden muß, nämlich der Lehrer der ewigen Wiederkehr des sich ewig erneuernden Lebens, weil sie selbst natürliche und periodische Lebewesen sind. Sie „ertragen“ diesen Gedanken, der ihrer Natur entspricht, wogegen er für den Menschen zunächst unerträglich ist. Was das Tier von Geburt aus ist, kann der Mensch nur durch eine Wiedergeburt werden, durch eine Überwindung seiner selbst, wodurch sich der „Weise“ und das „Tier“ nähern und einen neuen Typus ergeben, der sich für alles Lebendige verantwortlich weiß. Weil der Mensch aber weder vollkommen wie ein Weiser, noch heil wie ein Tier ist, bedeutet das Lehren müssen der ewigen Wiederkehr für Zarathustra seine „größte Gefahr und Krankheit“, von der er genesen muß. Daher erfolgt ihre erste Verkündigung durch seine Tiere und in einer Rede, die vom „Genesenden“ spricht. (S. 77, Hervorhebungen hinzugefügt)

In der Götzendämmerung (Was ich den Alten verdanke, A 4 und Moral und Widernatur) hat, so Löwith (S. 117), Nietzsche das, wovon sein gesamtes Denken ausgeht, nämlich das Problem der griechischen Tragödie, mit den „Mysterien der Geschlechtlichkeit“ verbunden. Löwith erklärt dazu quasi orgonomisch:

Die physische Grundlage für eine ewige Wiederkehr „dieses“ Lebens fehlt Nietzsches Philosophie so sehr wie seiner eigenen, unleibhaftigen Existenz, die alles andere als „eine vergöttlichte Form und Selbstrechtfertigung der Natur“ war.

Das ist sicherlich in sich alles stimmig, doch geht es an Nietzsches Vorstellung der Ewigen Wiederkehr vorbei, nach der ohne eigenes Zutun alles wiederkehrt und zwar ohne jede Variation (da alles, nicht zuletzt aber unser Bewußtsein, mit allem anderen sozusagen „superdeterministisch“ verbunden ist). Das einzige, was man tun kann, ist so zu leben, daß man die Ewige Wiederkehr wirklich bejahen kann. Es geht schlicht um Lebensbejahung, um einen Sinn des Lebens in einem vollkommen sinnlosen Universum. Das Leben hier und jetzt ist ewig und wer in einem Jenseits nach dem „ewigen Leben“ sucht und deshalb dieses Hier und Jetzt hintanstellt, der verurteilt sich selbst zu ewiger Verdammnis, d.h. einem schlechten Leben ohne Kompensation.

In einer Hinsicht hat Löwith natürlich recht: Nietzsche hat in Hinsicht auf die Ewige Wiederkehr sein Leben verfehlt.

Ergänzung 2 zu „Nietzsche: MEINE SCHWESTER UND ICH (Besprechung)“

4. Juli 2025

Reich ging in seiner Studentenzeit zwischen in etwa 1919 und 1922 von vier Punkten aus, die sein gesamtes späteres Lebenswerk prägten:

  1. angefangen von seinen Eltern, die als Sprosse von jeweils langen Rabbiner-Dynastien vorgaben gläubige Juden zu sein, aber tatsächlich deutschnationale Atheisten waren, war ihm aufgefallen, daß es einen Unterschied gibt, zwischen dem, was Menschen sagen und dem wie sie handeln;
  2. war er bei seiner naturphilosophischen Lektüre irgendwo zwischen Lehrbüchern zum Medizinstudium, F.A. Lange, Bergson, Schopenhauer, Paul Kammerer, Richard Semon etc., nicht zuletzt Nietzsche, auf die Grundidee verfallen, daß es eine psychische Energie gibt und einen Grundgegensatz zwischen Energie und Materie;
  3. war ihm 1919/20 im Studentenseminar, über das er Freud kennenlernte, aufgefallen, daß ihm das, was andere als „Sexualität“ bezeichneten, fremd war und umgekehrt;
  4. durch Freuds Libidotheorie lernte er die Vorstellung einer psycho-physischen („bioenergetischen“) Entwicklung und ihrer Störungen kennen.

Zusammengefaßt ist das die Theorie von der Lebensenergie und ihrer Sperrung durch die Panzerung (Über-Ich). Sie entfaltet sich aus sich heraus „von innen“ auf natürliche Weise, wird aber „von außen“ gestört und entartet entsprechend, d.h. wird selbst zu einem Störfaktor. Das, was er später als „seelische Pest“ bzw. „emotionelle Pest“ bezeichnen sollte, breitet sich entsprechend aus. Die Menschen versuchen das entstehende Chaos mit „Moral“ in den Griff zu bekommen, doch verschlimmert dies die Situation noch mehr.

Nietzsche hatte wie kaum ein anderer ein Gefühl für diese Dynamik, nur kam dieser „Sado-Masochist an sich selber“ (so Lou Salome über Nietzsche) zu der – sadomasochistischen Vorstellung, daß der Mensch an diesem Konflikt zu wachsen habe. Aus dem Krampf soll virtuose Eleganz und aus der Lüge die Wahrheit erwachsen, aus der Überspanntheit eine neue Leichtigkeit. Aus sekundären Trieben soll etwas Authentisches und Wertvolles werden. My Sister and I enttarnt das alles als Perversion und Flucht vor dem Leben.

Ergänzung 1 zu „Nietzsche: MEINE SCHWESTER UND ICH (Besprechung)“

2. Juli 2025

In der gestrigen Besprechung erwähnte ich Volker Gerhardts weitverbreitete und in mehreren Auflagen erschienene Monographie Friedrich Nietzsche (Verlag C.H. Beck, 1992). Sie zeigt, egal wieviel man bei Nietzsche, nicht zuletzt anhand von Gerhardts Ausführungen, LaMettrie-, Stirner- und Reich-Gemäßes findet, Nietzsche im Kern doch Anti-LSR ist. Das heißt aber noch lange nicht, daß ich Nietzsche aus dem „orgonomischen Fundus“ streichen werde, genausowenig wie ja auch Freud, Marx und andere!

Wer einen weitgehend LSR-konformen Nietzsche lesen will, sei auf meinen alten Artikel Der verdrängte Nietzsche verwiesen. Dazu bietet Volker Gerhardt sehr gute Einführung in Nietzsches Werk einen interessanten Punkt hinsichtlich des Willens zur Macht. 1885 notierte sich Nietzsche, daß die physikalisch aufgefaßte „Kraft“ einer „Ergänzung“ bedürfe. Es müsse diesem Begriff, so Nietzsche, „eine innere Welt zugesprochen werden“, im Sinne eines Triebes, Strebens, Willens. Für diesen inneren, sozusagen „psycho-physischen“ (Reich hätte gesagt „bioenergetischen“) Ursprung wählte Nietzsche den Begriff „Wille zur Macht“. „Dieser bezeichnet“, so führt Gerhardt weiter aus, „die ursprüngliche Einheit aller geistigen und physischen Kraft.“ Das soll die absolute Diesseitigkeit der Welt wahren, d.h. das Werden soll nicht nur erklärt, sondern auch verstanden werden. Gerhardt: „Erst heute können wir ermessen, wie modern Nietzsches Fragestellung ist, die über die Abgrenzung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hinaus ist und die den Ursprung unserer Erkenntnis in uns selber nicht vergißt.“ Gerhardt verweist in diesem Zusammenhang auf den Aristotelischen Begriff der „dynamis“ bzw. „potentia“ (S. 182f). Reich hat ähnlich argumentiert, als er etwa in The Einstein Affair, darauf insistierte, daß mit seiner Arbeit sich die Psychologie, Psychiatrie, Medizin nicht mehr an der Physik orientiere, sondern umgekehrt.

Aber zurück zur notwendigen Entzauberung Nietzsches: „Wille zur Macht“ hat Nietzsche bei Stirner abgeschaut. Stirner: „Macht – das bin Ich selbst, Ich bin der Mächtige und Eigner der Macht“ (Der Einzige und sein Eigentum, S. 230), wobei Nietzsche die entscheidende Wendung unter den Tisch fallen läßt: „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (ebd., S. 256, Hervorhebungen hinzugefügt).

Gerhardt führt aus, daß bei Nietzsche aus der bloßen „Selbsterhaltung“ der „Wille zur Macht“ wird, der so überwältigend sein kann, daß man die Selbsterhaltung darüber vergißt. „Die Lust an der Expansion wird zu einer eigenständigen Größe“ (Gerhardt, S. 129). Der Wille zur Macht trete, so Gerhardt, „im Medium von Befehl und Gehorsam auf (…) und tendiert mit dem Anspruch auf Unterordnung zu hierarchischer Organisation“ (S. 186f).

Das ist nichts anderes als die Apologetik des sadomasochistischen Wahns der gepanzerten Welt! Sexualfeindlich! Rechtfertigung des Über-Ich! Was auch deutlich wird, wenn Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches schreibt: „Die Bestie in uns will belogen werden, Moral ist Notlüge, damit wir von ihr [d.h. der besagten Bestie] nicht zerrissen werden“ (z.n. S. 131). Das ist das exakte Gegenteil der Jahrtausendentdeckung von der Laska und Christian Fernandes sprechen!

Für Nietzsche sorgte, so Gerhardt, „das moralische Bewußtsein“ „im Gang der mit unerhörten Opfern und Einschränkungen verbundenen Disziplinierung und Kultivierung der menschlichen Gattung“ für „die Sicherung der Individualität“. Die historische Leistung der Moral liege darin, den Menschen zu einer „selbstverantwortlichen Person“ gemacht zu haben (S. 133). Gerhardt zitiert dazu aus Menschliches, Allzumenschliches: „Ohne die Irrtümer, welch in der Annahme der Moral liegen, wäre der Mensch Tier geblieben.“ Nietzsche spricht in diesem Zusammenhang vom „heroischen“ Menschen und verweist auf Herakles, der sich „gegen die (äußeren) Reize der Schönheit und für die (inneren) Werte der Tugend entscheidet“ (S. 141). Bei Nietzsche zerstört die Moral (also das Über-Ich) nicht das Individuum, sondern sie erschafft das Individuum. Ein krasserer Gegensatz zu LSR ist schlichtweg nicht denkbar!

Es ist bezeichnend, daß in Gerhardts Buch Stirner nur im Kapitel über Nietzsches Nachwirkung im 20. Jahrhunderts auftaucht: neben Schopenhauer und Feuerbach sei Deutschland durch Stirner auf Nietzsche vorbereitet gewesen… (S. 219). Stirner als Nietzsches Wegbereiter! Bezeichnend ist auch, daß im Register von Gerhardts Buch bei „Stirner“ nicht etwa auf diese Stelle verwiesen wird, sondern auf S. 57, wo Stirner gar nicht auftaucht! Wer mit der Literatur vertraut ist, weiß, daß derartige Fehlleistungen in Bezug auf Stirner ständig auftreten. Unsere Kulturbewahrer stolpern ständig über ihn und geraten dabei aus dem Gleichgewicht…

My sister and I hat dazu nur einen Kommentar:

Nietzsche: MEINE SCHWESTER UND ICH (Besprechung)

1. Juli 2025

An Nietzsche scheiden sich die Geister. Die einen phantasieren in ihn einen Metaphysiker hinein, der von dem Willen zur Macht als einer Art „Grundprinzip des Seins“ ausging,während die anderen den „dekonstruierenden“ Aphoristiker sehen, der illusionslos immer wieder auf einen jeweiligen Willen zur Macht gestoßen ist. Es ist aber gleichgültig, ob man ihn als Konstrukteur einer Art „arischen“ Lebensanschauung sieht oder, um in diesem Jargon zu bleiben, als eine Art quasi „jüdischen“ Dekonstrukteur der westlichen Geisteswelt, – „Belege“ wird man in seinem Werk für alles und das Gegenteil finden –, wichtig ist einzig die von Bernd A. Laska entdeckte „initiale Krise“, die am Anfang von Nietzsches Denken steht und an der auch die beiden genannten Interpretationstraditionen dieses Denkens straucheln. Die besagte „initiale Krise“ dreht sich natürlich um die Lektüre von Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum.

Ob die einen hinter der Wirklichkeit irgendetwas Tieferes, etwa den „Willen zur Macht“, wirken sehen oder die anderen vermeinen, die Wirklichkeit selbst spräche zu ihnen: es ist und bleibt eine Illusion, da „sie“, die Subjekte, gar nicht sie selbst sind. Sie sind nicht, um mit Stirner zu sprechen, „Eigner ihrer selbst“, sondern Besessene (nicht Eigner, sondern Besitztümer anderer), die nur Wahngebilde wahrnehmen und Unsinn sprechen. Sie sind, wie man heute so schön sagt, in einer „Bubble“.

Wir alle stecken in einer, wie Reich sich ausdrückte, „Falle“, zu der vor allem das Verleugnen dieses Tatbestandes gehört, – was genau Nietzsches „initiale Krise“ ausmacht. Das führt jedwede „Philosophie“ ad absurdum, denn für den „gepanzerten“, d.h. in der Falle befindlichen Menschen ist das Leben nicht das Leben, sondern Lüge, Krampf und Scheitern. Manche sehen zumindest die Lüge, den Krampf und das Scheitern bei den „Metaphysikern“, verheddern sich bei ihrer Dekonstruktion der Metaphysik aber selbst. Egal, was da „synthetisch“ geraunt oder analytisch zersetzt wird, es bleibt doch alles – man verzeihe mir die unverzeihliche Platitüde – im Jargon des Eigentlichen gefangen, das nichts mit dem authentischen Eigent-lichen im Sinne Stirners zu tun hat, sondern doch nur inkorporierte Kultur ist.

Bei Stirner konnte Nietzsche Dinge lesen wie: „Macht – das bin Ich selbst, Ich bin der Mächtige und Eigner der Macht“ (Der Einzige, reclam, S. 230), und: „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). Das übernahm er, – um den eigentlichen Sinngehalt von Stirners Werk um so besser verschwinden zu lassen. Deshalb wird er über alle Maßen verehrt!

Man kann alles Mögliche über Meine Schwester und ich sagen, – beispielsweise war ich bei meiner Erstlektüre des englischen Originals vor vielen Jahren von der wachsenden Gewißheit getriggert, hier einen „widerlichen Betrug“ vor mir zu haben; eine hinterhältige Zurücknahme von Nietzsches Machtphilosophie – im Namen Nietzsches. Jetzt bei der „Zweitlektüre“, also dem Lesen der deutschen Übersetzung, widerte mich die Fixierung der jüdischen Literaturfälscher auf ihre Jüdischheit an. Ohne das alles entscheidende Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Christian Fernandes, das man als „Vorwort“ lesen sollte, wäre mir dabei beinahe das eigentlich Wichtige entgangen: die Bloßlegung der „Willensphilosophie“ und des, wenn man so will, „dekonstruktivistischen Zynismus“ Nietzsches als Funktion einer vollkommen vermurksten persönlichen und gesellschaftlichen Sexualökonomie, die nicht zuletzt im Holocaust mündete.

Der Übersetzer und Herausgeber Christian Fernandes präpariert das aus dem Wust an Aphorismen und pseudo-autobiographischen Versatzstücken heraus, was Bernd A. Laska als „Jahrtausendentdeckung“ bezeichnet hat: indem wir den Wahnsinn unterdrücken, erzeugen wir ihn. Nietzsche selbst ist vor dieser Einsicht unter einem ungeheuren Aufwand geflohen und hat dabei, wie angeschnitten, ein ganzes philosophisches Gebäude aufgebaut bzw. abgerissen. In Meine Schwester und ich gibt er, die literarische Figur „Nietzsche“, dieses (bzw. diese) Unterfangen auf, weil er dessen Grundlage zumindest erahnt – seine abschließende Endkrise. Das ist auch der Grund, warum Reich auf (zugegeben arg naive Weise) von der Authentizität des Buches überzeugt war und selbst der stets vorsichtig-skeptische Bernd Laska dem Buch in dieser Hinsicht über Gebühr Kredit einräumte.

Für den NACHRICHTENBRIEF hat dieses Buch zwei Gesichter: Erstens war Reich zeitlebens ein Nietzsche-Verehrer. Beispielsweise hang die Totenmaske in Reichs Studierstube in Wien. Entsprechend mußte es 1951 auf Reich dramatisch wirken, daß Nietzsche am Ende seines Lebens (vermeintlicherweise) seine Willensphilosophie zugunsten von „Liebe, Arbeit und Wissen“ aufgegeben hatte. In der Folgezeit gehörte Meine Schwester und ich zu Reichs „10 Büchern“, das jeder Student der Orgonomie gelesen haben muß. Zweitens fügt sich Fernandes‘ Veröffentlichung dieses Buches in das weiterlaufende paraphilosophische „LSR-Forschungsprojekt“ ein.

Hier liegt gerade Volker Gerhardts Nietzsche-Monographie aus den 1990er Jahren auf meinem Schreibtisch. Hinten auf dem Einband findet sich folgendes Zitat von Nietzsche – das also den gesamten Nietzsche charakterisieren soll:

Wozu die Menschen da sind, wozu „der Mensch“ da ist, soll uns gar nicht kümmern: aber wozu Du da bist, das frage dich, und wenn Du es nicht erfahren kannst, nun so steck Dir selber Ziele, hohe und edle Ziele und gehe an ihnen zu Grunde! Ich weiß keinen besseren Lebenszweck als am Großen und Unmöglichen zu Grunde zu gehen…

Das findet sich auch auf S. 11f von Gerhardts Buch mit dem abschließenden lateinischen Spruch „… animae magnae prodigus“.

„Wozu die Menschen da sind, wozu ‚der Mensch‘ da ist, soll uns gar nicht kümmern“, ist natürlich Stirner pur. Nur wird es im Folgenden instantan ins Über-Ich zurückgeholt: man soll sich DOCH opfern! Nietzsche als „Überwinder Stirners“! In Meine Schwester und ich wird genau das ad absurdum geführt: Nietzsche geht sinnlos zugrunde und hat ein verpfuschtes Leben hinter sich – von wegen „Verschwender einer großen Seele“!

Der Universitätsprofessor Gerhardt ist vollkommen taub für derartige Zusammenhänge. Er spricht von Nietzsches „großer Seele“ und deren „edlen Zielen“… Meine Schwester und ich zeigt zu recht den obszönen Mittelfinger!

Rechtfertigt das alles den Aufwand einer deutsch/englischen Ausgabe? Am Anfang war ich skeptisch („So dick?!“), bis mir auffiel, wie wenig ich doch vom englischen Original bei meiner Erstlektüre wirklich mitbekommen hatte. Die Fälscher haben sich eines derartig verschwurbelten, prätentiösen englischen Schreibstils befleißigt, daß selbst ein „native speaker“ Probleme hätte, dem Text zu folgen. Von daher kann Fernandes‘ Leistung als Übersetzer gar nicht überbewertet werden – zumal er sich der unmittelbaren Überprüfung stellt.

Max Stirner, Soter (Teil 11)

8. Juni 2025

Verbrecher von Geburt! Es existiert nichts über dem „leibhaftigen Menschen“, nicht „Menschlichkeit“, nicht „Freiheit“ oder irgendeine andere dieser „heiligen“ Ideen (Der Einzige, S. 400). Aus dem Leibhaftigen gehen alle Gedankengebilde hervor, z.B. die Religion. Sie ist ein Produkt des künstlerischen Schaffens. Der Künstler schafft ein Ideal des Menschen, das dann angebetet wird. Der Religiöse gerät in den Bann dieses Ideals – und richtet sich gegen, beschneidet die schöpferische Quelle, die das Ideal hervorgebracht hat. Der Künstler wiederum erhält zwar die Religion aufrecht, haucht ihr ständig neues Leben ein, aber er kann sie auch jederzeit sozusagen „wieder in sich zurückholen“, etwa indem er das Ideal in der Komödie der Lächerlichkeit preisgibt (Parerga, S. 99-110).

Ich, der Einzelne, der Endliche, der Einzige (Der Einzige, S. 271), der Wirkliche und Leibhaftige löse die substanzlosen allgemeinen Begriffe, den „Geist“ auf (Der Einzige, S. 189). Das „leibhaftige Ich“ (Der Einzige, S. 190), das „lebendige Ich“ pustet die toten Gespenster, d.h. ganze „Völker“ weg (Der Einzige, S. 184). Und da es nur gegen ein Heiliges „Verbrechen“ gibt (Der Einzige, S. 224), bin ich der geborene Verbrecher, d.h. das „zügellose Ich“, und in meinem „geheimen Inneren“ bleibe ich es stets (Der Einzige, S. 219). Ein „eigenes“, d.h. nicht von Wahnvorstellungen okkupiertes Ich, kann nicht davon ablassen, ein Verbrecher zu sein, denn das Verbrechen ist sein Leben (Der Einzige, S. 222). Er gehört zu den Menschen, „in denen die Totalität ihres Denkens und Handelns in steter Bewegung und Verjüngung wogt“, im Gegensatz zu jenen, „die ihren Überzeugungen treu sind: die Überzeugungen selbst bleiben unerschüttert, pulsieren nicht als stets erneuertes Arterienblut durch das Herz, erstarren gleichsam als feste Körper“ (Parerga, S. 92). Allein schon um einschlafen zu können, muß er alles aus dem Sinn schlagen können, d.h. ein egoistischer Verbrecher wider die Ideen sein (Der Einzige, S. 375). Ein „Verbrechertum“, bei dem es darum geht, sich zu „ergeben“: sich selbst zu ergeben und einer Welt zu ergeben, die zu unserem Eigentum geworden ist (Der Einzige, S. 341f).

Man wird nicht dadurch zum Egoisten, indem man ängstlich an sich hält, sondern durch Hingabe. „Wer nur besorgt ist, daß er lebe, vergißt über diese Ängstlichkeit leicht den Genuß des Lebens. Ist’s ihm nur ums Leben zu tun und denkt er, wenn Ich nur das liebe Leben habe, so verwendet er nicht seine volle Kraft darauf, das Leben zu nutzen, d.h. zu genießen. Wie aber nutzt man das Leben? Indem man’s verbraucht, gleich dem Lichte, das man nutzt, indem man’s verbrennt. Man nutzt das Leben und mithin sich, den Lebendigen, indem man es und sich verzehrt. Lebensgenuß ist Verbrauch des Lebens“ (Der Einzige, S. 358f). „Ich habe gegen Andere keine Pflicht, wie Ich auch nur so lange gegen Mich eine Pflicht habe (z.B. die der Selbsterhaltung, also nicht Selbstmord), als Ich Mich von Mir unterscheide (meine unsterbliche Seele von meinem Erdendasein usw.)“ (Der Einzige, S. 357).

Die Welt zu „vernichten“ ist unlösbar damit verbunden sich selbst zu vernichten, d.h. aufzulösen (Der Einzige, S. 330). Was soll das bedeuten? Da die Welt nicht mehr fremdes Eigentum, nämlich das Eigentum der Religion oder des Staates ist, sondern unser Eigentum sein soll, verbrauchen wir sie entsprechend. Wir versuchen die Gewalt, die sie gegen uns wendet, „dadurch zu vollenden und überflüssig zu machen, daß Wir ihr entgegenkommen, und Uns ihr, sobald sie Uns gehört, gleich Uns ‚ergeben‘“ (Der Einzige, S. 341f). Die ehrfurchtsvolle Distanz ist weg – denn der Verbrecher hat dafür keinen Sinn.

Der Einzige ist dabei nur in bezug auf die fixen Ideen a- wenn nicht sogar unmoralisch – aus Moral. Eine Moral, die im Sinne Nietzsches aristokratisch ist: „Ich fordere kein Recht, darum brauche Ich auch keins anzuerkennen“ (Der Einzige, S. 230). Stirner sagt nicht (wie die Satanisten es tun und die allgemeine Gesellschaft, die in pestilenter Projektion die Stirnerianer zu Satanisten stempeln will, es tut): „Ich fordere mein Recht und erkenne kein anderes an.“

Man mag einwenden, daß sich Stirner gegen jede Naturrechts-Argumente verwahrt hat (Der Einzige, S. 216f), aber natürlich ist auch der Eigner seiner selbst nur ein Menschentier mit ganz normalen Ehr- und Moralempfindungen („gesundes Volksempfinden“). Sie sind sogar eher stärker ausgeprägt als bei anderen: „Redet mit dem sogenannten Verbrecher als mit einem Egoisten, und er wird sich schämen, nicht, daß er gegen eure Gesetze und Güter sich verging, sondern daß er eure Gesetze des Umgehens, eure Güter des Verlangens wert hielt; wird sich schämen, daß er Euch mitsamt dem Eurigen nicht – verachtete, daß er zu wenig Egoist war“ (Der Einzige, S. 222).

„Was ist der gewöhnliche Verbrecher anders, als einer, der das verhängnisvolle Versehen begangen hat, nach dem zu streben, was des Volkes ist, statt nach dem Seinen zu suchen. Er hat das verächtliche, fremde Gut gesucht, hat getan, was die Gläubigen tun: die nach dem trachten, was Gottes ist“ (Der Einzige, S. 221f). Wenn der Kriminelle wirklich Egoist wäre, würde er sich schämen, sich über den Grad seiner Gesetzestreue zu definieren, d.h. das Gesetz zum Maßstab seines Treibens zu machen; sich gegen die bestehenden Gesetze nur aufzulehnen, statt gegen das Gesetz an sich zu sein (Der Einzige, S. 120f).

Gibt es ein Leben nach dem Tod? (Teil 2)

6. Juni 2025

Der Natur mögen wir einen Tod schulden, der Gesellschaft schulden wir unser Altern. Das fängt damit an, daß junge Eltern das ständige „Partyfeiern“ aufgeben und ihrer Mutterrolle und ihre Rolle als Ernährer und Beschützer der Familie gerecht werden und hört damit auf, daß Selbstverwirklichung im Alter nicht dem eigenen Vergnügen dient, sondern der Gemeinschaft. Ich kann mir nichts Nihilistischeres vorstellen, als Pensionäre, die ihre „Jugendträume“ verwirklichen, statt der Gemeinschaft zu dienen, der sie alles verdanken und die sie jetzt fürstlich alimentiert.

Reife bedeutet in erster Linie, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sie ernstzunehmen, etc. Dies hat vielleicht am besten US-General Schwarzkopf zum Ausdruck gebracht, der sagte, das Hauptmotiv des Soldaten sei die Liebe, – die Liebe zum Kameraden, dessen Leben wichtiger sei als das eigene.

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. (Joh 15,13)

In diesem Sinne ist der rücksichtslose Kriminelle, der nur an sich denkt, keinerlei Loyalitäten, die unreifste Kreatur, die man sich überhaupt vorstellen kann. In diesem Sinne „kriminalisiert“ die Gesellschaft zunehmend. Jeder ist nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Kaum ein Beamter, der sich nicht einen Behinderungsgrad erschleicht, kaum ein Bürger, der nicht das Amt bescheißt und ohnehin – Geiz ist geil!

Man muß sich nur vor Augen halten, was wir unseren Kindern hinterlassen: Schulden, die für „konsumtive Ausgaben“ aufgenommen wurden und ein System, das die Menschen infantilisiert. Wie neulich ein FDP-Politiker seiner Parteiführung vorwarf: „Es ist gelungen, die FDP als kaltherzig, neoliberal, nicht mitfühlend darzustellen.“ Sind wir hier im Kindergarten, wo die Kleinen eine warmherzige, mitfühlende und fürsorgliche Betreuung benötigen?! Diese Art von infantilisierendem „Sozialstaat“ paßt zu einem Kapitalismus, der aus Erwachsenen Kinder macht, die sich in einem Geschäft voller Süßigkeiten verlustieren können. Auch im Großen ist dieser Kapitalismus zu einer kindischen Unternehmung, einem Börsenspiel, Monopoly ohne Rücksicht auf die Ökologie, die Volkswirtschaft und die Mitmenschen geworden. Befriedigung sofort!

In seinem kindischen egoistischen „Glücksstreben“ zerstört der „freie Mensch“ ganze Ökosysteme und hinterläßt seinen Nachfahren eine übelstinkende Müllhalde. Für nichts, für eine dekadente Abfall-Zivilisation am Rande des klinischen Irreseins. Dazu muß man nicht nach Las Vegas blicken, es reicht schon ein Besuch im örtlichen Einkaufszentrum. Ein Leben, eher ein tierisches Vegetieren, im Dienste der Unterhaltungsindustrie und des Konsums. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf Psychopharmaka und andere Drogen. (Schon 1934 notierte Reich in Was ist Klassenbewußtsein?: „Ein Spaßvogel leistete sich vor kurzem den Witz auszurechnen, daß es nach dem Anwachsen der Zahl der Geisteskranken in den U.S.A. zu urteilen in 250 Jahren nur mehr Geisteskranke geben wird.“)

Reich war der erste Gelehrte, der frei von diesem tief in unserer „Zivilisation“ eingegrabenen egoistischen Vampirismus war. Deshalb ist es einfach empörend, daß sein Name so eng mit dem heutigen Hauptfeld des egozentrischen infantilen Narzißmus der Erwachsenen, der Psychotherapie, verknüpft wird, etwa der Gestalttherapie und all dem anderen Zeugs, mit dem den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen wird. Therapie kann sehr schnell in das Gegenteil der Reichschen Grundkonzeption von den Kindern der Zukunft ausschlagen. Das beste Beispiel ist der eklige Kindeskopf und Scharlatan Fritz Perls, für den Kinder nur ein Hindernis bei der „Selbstverwirklichung“ waren. Reichs eigentliche Botschaft an den Erwachsenen ist ziemlich deprimierend, weshalb die Orgonomie wohl nie besonders populär werden wird:

Die Menschen ertragen es nicht, zu hören, daß sie ihr Leben für nichts einbüßen, daß sie es verloren haben. (Jenseits der Psychologie, Köln 1997, S. 44)

In der Orgonomie geht es um die Kinder der Zukunft und nicht darum, ob sich nichtsnutzige alte Säcke a la Fritz Perls selbst verwirklichen können. Die verlogenen „Guten und Gerechten“ „opfern sich die Zukunft, – sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!“ (Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Studienausgabe, Bd. 4, S. 266). Der heutige Pöbel-Mensch ist nichts weiter als ein pestilenter Vampir, der vom Blut der Zukunft lebt und alles verrät und zerstört, was die Vorfahren erwirtschaftet haben. Man schaue nur, wie wir mit unserem einzigen dauerhaften Kapital, unserem Genpool umgehen!

Während Reich für das Recht der Kinder kämpfte, sie selbst zu bleiben, hat er gleichzeitig immer wieder betont, er selbst sei nur das Werkzeug einer der Natur immanenten Logik, eine bloße Funktion, deren Sinn die Kinder der Zukunft sind. War Reich im Umgang mit Kindern libertär, so hielt er bei Erwachsenen auf Disziplin. Ich erinnere nur an Reichs Aussage in seinem Brief an Neill vom 3. März 1956, wo er davon spricht, daß sich der Student der Orgonomie als bloßes Organ in den Organismus der Orgonomie einzufügen hat. Schon am 23. August 1937 notierte sich Reich in sein Tagebuch:

Ich bin ein ungern gesehener Gast im eigenen Haus – ich störe den Seelenfrieden. Man ist froh, wenn ich für zwei Tage weg bin. Ich werde zur Autorität – wie man sagt. Und das wirkt „erdrückend“ – man möchte es einfach haben – gemütlich – unbeschwert – man möchte nicht von „hohen Anforderungen“ im Lebensgenuß gestört sein.

 

Gibt es ein Leben nach dem Tod? (Teil 1)

5. Juni 2025

Erst der Tod, der Raum schafft für neues Leben, macht den Wandel möglich. Ansonsten fiele die Welt der Stagnation, d.h. dem Tod anheim. Nietzsche zitiert Goethe:

Leben ist die schönste Erfindung der Natur, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.

Nietzsche:

Die Liebe zum Leben ist beinahe der Gegensatz der Liebe zum Lang-Leben. Alle Liebe denkt an den Augenblick und die Ewigkeit – aber nie an „die Länge“. (Studienausgabe, Bd. 10, S. 88)

Auf die ewige Lebendigkeit aber kommt es an: was ist am „ewigen Leben“ und überhaupt am Leben gelegen! (Der Wanderer und sein Schatten, A 408)

Reich zitiert Nietzsches Fröhliche Wissenschaft (A 12):

Wer das „Himmelhoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereit halten. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer-TB, S. 153)

Wir müssen in diesem ewigen Werden und Vergehen das Leiden und das Illusorische jedes festen Haltes und Lebenssinns akzeptieren, um das Leben lieben zu können. Ohne diese „heroische“, will sagen erwachsene Einstellung werden wir zu Feinden des Lebendigen. Wir enden wie der Mechanist, der uns in seelenlose tote Maschinen verwandeln will, nur weil er das Leben und seine „Grausamkeit“ nicht verkraften kann. Oder wir enden wie die Spiritualisten, die uns zu körperlosen Geistwesen reduzieren wollen, die über der Natur schweben. Das Bewußtsein, das doch bloßes Mittel des Lebens ist, registriert Unlust und Schlechtigkeit, und schon schließt es auf den Wert des Lebens. Wir sind Produkte des Lebens und es ist einfach nur lächerlich, wenn wir uns zu Richtern über es aufschwingen. Dieses Streben nach perfektem Glück und perfekter Gerechtigkeit ist doch nur der nihilistische Wille zur Vernichtung des Lebens, das eben lebt und deshalb niemals so perfekt wie der Tod sein kann. Nur der Tod und das Tote ist ohne Leid und nivelliert alle „ungerechten“ Unterschiede. (Ich habe schon Linke gehört, die allen Ernstes so argumentierten: das Leben als Einbruch „imperialistischer“ Ungerechtigkeit in die Welt „demokratischer“ Entropie!)

Und, wenn denn Tod so schön ist, warum das todbringende Leben als grausam denunzieren?! Man hat, wie Nietzsche schreibt, den Tod nahe genug, um sich nicht vor dem Leben fürchten zu müssen. Und der Tod selber ist kein Schrecknis, weil man gar nicht tot ist! Deshalb fürchteten die „aufgeklärten“ Alten mit Epikur den Tod nicht, sodaß die Kirche die Hölle erfinden mußte, um überhaupt mit etwas Schrecklichem drohen zu können, das bloße „Nichtauferstehen“ reichte nicht (vgl. Nietzsche: Morgenröte, A 72). Paulus & Co. sagen im Effekt, daß, wenn es kein Leben nach dem Tode gäbe, man einfach glücklich drauf los leben könnte, da es nun aber ein Leben nach dem Tode gäbe, müsse man hier im Jammertal in Sack und Asche gehen. Mit Nietzsche kann man sagen, daß das Leben nach dem Tode bedeute, während des Lebens tot zu sein (Studienausgabe, Bd. 10, S. 57). Welch Frohe Botschaft das Christentum doch zu bieten hat…

Und wen das nichtexistente Nichts trotzallem noch schreckt: das tragische Lebensgefühl des „Nichts“ eines Camus verleiht dem Tod eine übermenschliche, titanische Würde. Während der kitschige Glauben der Gläubigen alles zu einer infantilen Farce macht: eine miese kleine Welt. Es gibt auf dieser Welt nichts Obszöneres als Priester am Totenbett!

Es ist ein Geschenk, jemanden bewußt zu machen, daß er nur noch eine bestimmte Zeit zu leben hat. Er wird diese Zeit vielleicht das erste Mal in seinem Leben leben. Was wäre schon Leben ohne eine zeitliche Begrenzung? Der Tod, also die Einschränkung der Zeit, zwingt zur Konzentration. Ohne Tod würden wir uns ziellos gehenlassen, uns ewig selbst verfehlen, da „morgen ja auch noch ein Tag ist“. Wie Nietzsche sagt:

Durch die sichere Aussicht auf den Tod könnte jedem Leben ein köstlicher, wohlriechender Tropfen von Leichtsinn beigemischt sein – und nun habt ihr wunderlichen Apotheker-Seelen aus ihm einen übelriechenden Gift-Tropfen gemacht, durch den das ganze Leben widerlich wird! (Der Wanderer und sein Schatten, A 322)

Man kann sagen, wir seien durch die Biologie alle zum Tode verurteilt – oder daß, weil wir ja sowieso sterben müssen, uns das Schicksal also an sich nichts anhaben kann. Wäre unsere Lebenszeit theoretisch unendlich, würde auch unsere Todesangst ins unendliche wachsen. Die bedauernswerten unsterblichen „Forever People“! Man kann im Tod den Höhepunkt der Absurdität der Existenz sehen – oder einen sinnstiftenden Zeitrahmen. Man kann darüber Depressionen kriegen, daß sich das Universum nicht im geringsten um die Massenmorde kümmert, daß alles so weitergeht, als würde nichts geschehen: der Frühling ist schön wie immer. Oder man kann darüber glücklich sein, daß sie nichts ausrichten können. Man kann suizidal werden angesichts der prinzipiellen Sinnlosigkeit von allem – oder angesichts der Unendlichkeit und Ewigkeit der Natur still und glücklich werden.

Daß eine gewisse Kaltschnäuzigkeit zum Leben gehört, hat der italienische Orgonom Guiseppe Cammarella sehr schön ausgedrückt:

Obwohl sich der Genitale Charakter der Möglichkeit bewußt ist, daß dieser Planet wegen der Destruktivität des gepanzerten Menschen verschwinden könnte, bewegt er sich auf ihm und versucht dabei so viel wie möglich Befriedigung zu finden, auch unter den schlimmsten Umständen. Er verhält sich wie die Vögel, die er sieht, wie sie singen und sich gegenseitig fröhlich jagen inmitten einer scheußlichen, künstlichen Landschaft, mit künstlichen Bäumen, geometrischen Formen, Plastiktüten, Teer und Nuklearabfällen. („Healthy vs. Armored Man“, Journal of Orgonomy, May 1983)

Man stelle sich demgegenüber jene Leute mit ihrer Leichenbittermiene vor, die wegen der Sterblichkeit des Menschen gleich das ganze Universum verfluchen. Die, die nicht eine gewisse böse Art von fröhlichem rücksichtslosen Zynismus besitzen, „die Grausamkeit des Kindes“, sind wie Mehltau, der alles Leben unter sich mit Griesgrämigkeit erstickt.

Max Stirner, Soter (Teil 5)

22. April 2025

Betrachten wir, was Stirners größter, wenn nicht überhaupt sein eigentlicher Widersacher einzuwenden hat: Auch wenn Nietzsche ihn nirgends erwähnt, stellt doch sein Gesamtwerk eine Kritik der optimistischen Anthropologie Stirners dar. Für den „heroischen Pessimisten“ Nietzsche war jedes „eigentlich“ Werden des (für Nietzsche) angeblich entfremdeten Menschen eine Illusion. Man könne sich nicht, so Nietzsche, außerhalb des kranken Getriebes stellen und objektive Kritik üben, wie es alle „Offenbarungen“ tun. Man könne sich nicht, wie Stirner es tut, außerhalb der krankmachenden Moral stellen, da nach Nietzsche alles Moral ist; alles ist Bewertung, Perspektive, d.h. das Aufzwingen von Standpunkten, von „Ideen“. „Die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem.“ Die Welt selbst hat sozusagen eine sadomasochistische Struktur, so daß das rationale Funktionieren „egoistischer Vereine“ ausgerechnet beim grausamen Raubtier Mensch abwegig sei.

Stirners „Eigner“ hingegen argumentiert nicht aus der Perspektive des Strebens, d.h. des Willens zu Macht, heraus, sondern aus der der bloßen Bewahrung seiner Eigenheit gegen die Enteignung durch die Gesellschaft, d.h. aus der Schwäche heraus, die für Nietzsche gleichbedeutend mit der Lüge ist. Wenn Wahrheit überhaupt einen Sinn mache, dann sei es die Sicht von einer höheren Perspektive, von der größeren Macht her, – die groß genug ist, um sich nicht zu bewahren, sondern „heroisch“ verschwenden zu können. Für Nietzsche gibt es kein authentisches, wahres Leben außerhalb der „Wertsetzungen“, d.h. „Machtsetzungen“. Hinter jeder Maske gäbe es nur wieder eine weitere Maske, ohne zu einer „Eigenheit“, bzw. „Eigentlichkeit“ vordringen zu können. Von daher sei Eigenheit bzw. „Eigentlichkeit“ die Lüge der Schwachen, deren beschränkte Perspektive kaum über die Grasnarbe reiche. Nietzsches implizite Kritik an Stirner bestand in der Entlarvung dieses Ressentiments des Grashüpfers. Nietzsches Moral war, nicht die Schwäche als „Wahrheit“ zu verkaufen, sondern die Wahrheit aus eigener Machtfülle zu „setzen“.

Nietzsches Haltung zu Stirner entspricht ziemlich genau der Haltung Freuds zu Reich: der abgeklärte Blick des desillusionierten Aristokraten hinab auf den ungestümen kindlichen Romantiker, der sich naiv den vermeintlich wahren „eigentlichen“ Gefühlen, der vermeintlich „guten Natur“ hingibt, „sein Steckenpferd reitet“. Aber warum wurde dieser Konflikt nie offen ausgetragen? Warum schwiegen Nietzsche und Freud ihren jeweiligen Antipoden tot? Die Antwort findet sich in den letzten Schaffensperioden der beiden Männer. Nietzsche wandte sich am Ende von seiner Philosophie des „Willens zur Macht“ ab und dem lebendigen Urgrund seines Denkens zu. In seiner wenn man so will „Autobiographie“ Ecce homo war Nietzsches letztes Thema Nietzsche selbst und der Durchbruch zum Authentischen, der ihm ja auch schließlich auf verzerrte Weise durch das Absinken in den Wahn gelungen ist.

Nietzsche konnte sich nicht mit Stirner explizit auseinandersetzen, ohne sich (im doppelten Sinne des Wortes) zu verraten. Ähnlich gelagert war es mit Freud, der zum Schluß doch an der gegenüber Reich verteidigten „Kultur“, mit der das Untier Mensch zu zivilisieren sei, zu zweifeln anfing.

Als Freud vor den Nazihorden 1938 nach England flüchten mußte, machte er Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, daß er an seinen eigenen Spekulationen zweifelte. Vielleicht ließen sich Neurosen vermeiden, schrieb er, wenn man das kindliche Sexualleben frei gewähren ließe, wie es bei vielen Primitiven der Fall war. Er war verunsichert, ob die Ätiologie der Neurosen nicht doch komplizierter sein würde, als er sie ausgeführt habe. Er ließ es dahingestellt, ob nicht eine zu frühzeitige Eindämmung des Sexualtriebes eine negative Wirkung auf die spätere Kulturbereitschaft bewirken könnte. Er sprach zynisch von einem „hochgeschätzten“ Kulturbesitz, von dem vieles auf Kosten des Sexualtriebes erworben wurde. In seinem letzten Brief an Arnold Zweig drückte er seinen Mißmut über Zweigs Bewunderung des Buches Das Unbehagen in der Kultur mit den Worten aus: „Was Sie für trostreiche Aufklärung in meinem Unbehagen entdeckt haben, kann ich nicht leicht erraten. Dies Buch ist mir fremd geworden“. Das Buch, das nach scharfen Auseinandersetzungen mit Reich zustande gekommen war, sollte jetzt nicht mehr gelten. Sollte also Reich doch recht behalten? (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 65f)

Am Ende stellte sich heraus, daß die „kindlichen ‚kulturfeindlichen‘ ‚Nihilisten’“ Stirner und Reich die Realisten waren, während Nietzsche und Freud bei ihrer lebenslangen Flucht vor sich selbst ihr Leben für das inhaltsleere Spiel der sinnlosen und willkürlichen „Werte“ vertan hatten, für ein kindisches Maskenspiel. Genau das ist Thema der Fälschung Meine Schwester und ich.

Der Gegensatz Freud-Reich war nicht der faire Gegensatz „des Einzigen (SF) gegen den Einzigen (WR)“ (Der Einzige, S. 229), sondern der Gesellschaft, vertreten durch den von fixen Ideen besessenen Freud, gegen den Einzigen Reich – also extrem unfair. Genauso unfair und „moralisch“ verwerflich, wie der Gegensatz zwischen Gesellschaft (vertreten durch die psychoanalytisch geschulten Eltern) und Kind, dessen angeborenes eigensinniges „Verbrechertum“ ausgetrieben werden soll, damit es sich für das vermeintlich Höhere opfere.

Das Geheimnis der Azteken (Teil 1)

19. April 2025

Vor den Weltkriegen war Amerika ein Ableger Europas, heute blickt der Europäer zur Orientierung nach Amerika. Wie Régis Debray dargelegt hat, ist Amerika eine Zivilisation des Raums und des Image (Oberflächlichkeit), während Europa eine Zivilisation der Zeit und der Schrift war (Tradition). Entsprechend ist Amerika blind für die Komplexität des menschlichen Lebens. Amerikaner schauen dich an, aber sehen nicht in dich hinein, so als wärst du eine seelenlose Schaufensterpuppe – Plastic People wie sie. Bernd Laska hat ähnliche Erfahrungen in Australien gemacht. Er war an sich bereits ausgewandert, um dem drückenden Deutschland in die Freiheit einer neuen Welt zu entfliehen, mußte aber zurück nach Deutschland, weil die Oberflächlichkeit der australischen Menschen einfach unerträglich war.

Ich denke, da draußen „auf dem Mars“ (jenseits der Wüsten Arizonas und des Outbacks an den Ufern des Pazifiks) ist man auf den Raum reduziert. Keine Vergangenheit, keine Tradition, keine Bedeutung, keine Tiefe. Ohne Kultur wird Sprache bedeutungslos und Kunst funktioniert nicht mehr. Luther, Goethe, Nietzsche – es war ein langer Weg, um unsere Identität als deutsche Nation zu finden. Das war die eigentliche Grundlage des „Made in Germany“. Heute werfen wir das ins Klo, wollen Amerikaner oder sogenannte (globalistische) „Europäer“ werden und gehen dergestalt dem unausweichlichen Untergang entgegen.

Man betrachte unsere heutige Jugend, die, was sich sehr bald ändern wird, im ererbten Wohlstand, mit psychologisch geschulten Eltern, seit Krippenzeiten geborgen in Cliquen Gleichgesinnter und mit „Praktika in Neuseeland“, nicht zuletzt aber in sexueller Freiheit aufgewachsen sind. Es sind trotzdem emotionale („psychische“) Wracks, ohne Identität, ohne Orientierung, ohne wirkliches Innenleben, verzweifelt, leer, nihilistisch. Weil es in der amerikanischen Kolonie BRD nur noch „Raum und Image“ gibt, gibt es für sie nur die Gegenwart und die Oberfläche. Da nichts eine Vergangenheit hat, hat auch nichts eine Zukunft. Da alles nur noch Image ist, gibt es keinen Inhalt mehr, keine Tiefe und damit keinen Sinn.

Davor ist Bernd Laska instinktiv Anfang der 1970er Jahre zurück nach dem damals noch immer DEUTSCHEN Deutschland geflohen, nur um im folgenden seine tiefe Abneigung gegen die Kultur (Philosophie, Architektur, Bildende Kunst, Literatur, Theater und Musik) zu kultivieren und beispielsweise die Vorteile von Plansprachen zu propagieren, die „kulturell nicht infiziert“ sind, sondern einfach wertfrei die Sachlage widergeben.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie man in den 1970er Jahre daran ging den Geschichtsunterricht abzuschaffen, um die Kinder nicht mit dem alten überlebten Zeugs zu belasten. Gedichte sollten nicht mehr gelernt werden, überhaupt der gesamte Kulturkanon. Die Klassiker wurden in der Folgezeit allenfalls „dekonstruiert“. Am Ende stand die Rechtschreibreform – der Augenblick, als ich angewidert ins innere Exil ging. Wenn regierungsamtlich „Einbleuen“ durch das in wirklich jeder Beziehung schwachsinnige „Einbläuen“ ersetzt wird, ist das Ende erreicht. Wer die Etymologie ad absurdum führt, zersetzt die Kultur und ist ein – Seelenmörder! Ohne mich!

Ich bin ein bewußter Konservativer, nicht weil ich sonderlich „konservativ“ bin (der gepanzerten Gesellschaft nachtrauere), sondern ganz im Gegenteil, weil ich weiß, daß man Menschen nur dann versklaven kann, wenn man ihnen ihre Geschichte und damit ihr Innenleben nimmt.

Die vielleicht beste Darstellung eines Konservativen findet sich in Alan Moores The Watchmen in Gestalt des Vigilanten Rorschach – die ultimative Verkörperung des „Ohne mich!“:

Moore war gläubiger Kommunist, als er diese Comic-Serie in den 1980er Jahren verfaßte. Seine gescheiterten und innerlich zerrissenen Superhelden waren eine Karikatur von „Batman“, „Superman“, „Spiderman“ etc. und sollten das kläglche Scheitern des amerikanischen Traums bloßstellen. Rorschach sollte dabei den beschränkten, einfach gestrickten „Republikaner“ darstellen, der immer noch an all die überkommenen Lügen glaubt. Ein Widerling! Da Linke aber ob ihrer Kontaktlosigkeit charakter-strukturell unfähig sind Meme zu schaffen, die ihrer Agenda dienen, wurde Rorschach zu der Identifikationsfigur der Konservativen. Jemand, der den ganzen seelenlosen Scheiß einfach nicht mehr mitmacht und die letzten überkommenen europäischen Werte in Amerika hochhält. Der letzte und ganz besonders häßliche „alte weiße Mann“!

Vor 1960, d.h. zu Zeiten der autoritären Gesellschaft, war die rigide Moral und der alles erstickende Kulturkanon eine unerträgliche Belastung, gegen die nicht zuletzt Leute wie Reich und Neill opponierten. Die Gegenwahrheit ist, daß Kultur notwendig ist. In seinem konservativen Manifest Christusmord sah Reich ein, daß, wenn er mit seinem Progressismus gesiegt hätte, dies zum unausweichlichen Untergang der westlichen Zivilisation und damit des Menschseins selbst geführt hätte. Drei Jahre nach seinem Tod nahm genau das seinen Anfang!

Man schaue auf die Hochkulturen Mittelamerikas zurück. Sie konnten sich nur entwickeln, weil im Laufe der Jahrhunderte nicht nur der Wildmais kultiviert wurde, sondern weil sich auch eine Kultur herausbildete, die den Zusammenhang der Gesellschaft garantierte und es möglich machte, aus der tiernahen Subsistenzwirtschaft herauszukommen und bis zu den Azteken eine ganze Abfolge großartiger Zivilisationen zu errichten, die uns noch heute in ungläubiges Staunen versetzen.