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Max Stirner, Soter (Teil 5)

22. April 2025

Betrachten wir, was Stirners größter, wenn nicht überhaupt sein eigentlicher Widersacher einzuwenden hat: Auch wenn Nietzsche ihn nirgends erwähnt, stellt doch sein Gesamtwerk eine Kritik der optimistischen Anthropologie Stirners dar. Für den „heroischen Pessimisten“ Nietzsche war jedes „eigentlich“ Werden des (für Nietzsche) angeblich entfremdeten Menschen eine Illusion. Man könne sich nicht, so Nietzsche, außerhalb des kranken Getriebes stellen und objektive Kritik üben, wie es alle „Offenbarungen“ tun. Man könne sich nicht, wie Stirner es tut, außerhalb der krankmachenden Moral stellen, da nach Nietzsche alles Moral ist; alles ist Bewertung, Perspektive, d.h. das Aufzwingen von Standpunkten, von „Ideen“. „Die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem.“ Die Welt selbst hat sozusagen eine sadomasochistische Struktur, so daß das rationale Funktionieren „egoistischer Vereine“ ausgerechnet beim grausamen Raubtier Mensch abwegig sei.

Stirners „Eigner“ hingegen argumentiert nicht aus der Perspektive des Strebens, d.h. des Willens zu Macht, heraus, sondern aus der der bloßen Bewahrung seiner Eigenheit gegen die Enteignung durch die Gesellschaft, d.h. aus der Schwäche heraus, die für Nietzsche gleichbedeutend mit der Lüge ist. Wenn Wahrheit überhaupt einen Sinn mache, dann sei es die Sicht von einer höheren Perspektive, von der größeren Macht her, – die groß genug ist, um sich nicht zu bewahren, sondern „heroisch“ verschwenden zu können. Für Nietzsche gibt es kein authentisches, wahres Leben außerhalb der „Wertsetzungen“, d.h. „Machtsetzungen“. Hinter jeder Maske gäbe es nur wieder eine weitere Maske, ohne zu einer „Eigenheit“, bzw. „Eigentlichkeit“ vordringen zu können. Von daher sei Eigenheit bzw. „Eigentlichkeit“ die Lüge der Schwachen, deren beschränkte Perspektive kaum über die Grasnarbe reiche. Nietzsches implizite Kritik an Stirner bestand in der Entlarvung dieses Ressentiments des Grashüpfers. Nietzsches Moral war, nicht die Schwäche als „Wahrheit“ zu verkaufen, sondern die Wahrheit aus eigener Machtfülle zu „setzen“.

Nietzsches Haltung zu Stirner entspricht ziemlich genau der Haltung Freuds zu Reich: der abgeklärte Blick des desillusionierten Aristokraten hinab auf den ungestümen kindlichen Romantiker, der sich naiv den vermeintlich wahren „eigentlichen“ Gefühlen, der vermeintlich „guten Natur“ hingibt, „sein Steckenpferd reitet“. Aber warum wurde dieser Konflikt nie offen ausgetragen? Warum schwiegen Nietzsche und Freud ihren jeweiligen Antipoden tot? Die Antwort findet sich in den letzten Schaffensperioden der beiden Männer. Nietzsche wandte sich am Ende von seiner Philosophie des „Willens zur Macht“ ab und dem lebendigen Urgrund seines Denkens zu. In seiner wenn man so will „Autobiographie“ Ecce homo war Nietzsches letztes Thema Nietzsche selbst und der Durchbruch zum Authentischen, der ihm ja auch schließlich auf verzerrte Weise durch das Absinken in den Wahn gelungen ist.

Nietzsche konnte sich nicht mit Stirner explizit auseinandersetzen, ohne sich (im doppelten Sinne des Wortes) zu verraten. Ähnlich gelagert war es mit Freud, der zum Schluß doch an der gegenüber Reich verteidigten „Kultur“, mit der das Untier Mensch zu zivilisieren sei, zu zweifeln anfing.

Als Freud vor den Nazihorden 1938 nach England flüchten mußte, machte er Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, daß er an seinen eigenen Spekulationen zweifelte. Vielleicht ließen sich Neurosen vermeiden, schrieb er, wenn man das kindliche Sexualleben frei gewähren ließe, wie es bei vielen Primitiven der Fall war. Er war verunsichert, ob die Ätiologie der Neurosen nicht doch komplizierter sein würde, als er sie ausgeführt habe. Er ließ es dahingestellt, ob nicht eine zu frühzeitige Eindämmung des Sexualtriebes eine negative Wirkung auf die spätere Kulturbereitschaft bewirken könnte. Er sprach zynisch von einem „hochgeschätzten“ Kulturbesitz, von dem vieles auf Kosten des Sexualtriebes erworben wurde. In seinem letzten Brief an Arnold Zweig drückte er seinen Mißmut über Zweigs Bewunderung des Buches Das Unbehagen in der Kultur mit den Worten aus: „Was Sie für trostreiche Aufklärung in meinem Unbehagen entdeckt haben, kann ich nicht leicht erraten. Dies Buch ist mir fremd geworden“. Das Buch, das nach scharfen Auseinandersetzungen mit Reich zustande gekommen war, sollte jetzt nicht mehr gelten. Sollte also Reich doch recht behalten? (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 65f)

Am Ende stellte sich heraus, daß die „kindlichen ‚kulturfeindlichen‘ ‚Nihilisten’“ Stirner und Reich die Realisten waren, während Nietzsche und Freud bei ihrer lebenslangen Flucht vor sich selbst ihr Leben für das inhaltsleere Spiel der sinnlosen und willkürlichen „Werte“ vertan hatten, für ein kindisches Maskenspiel. Genau das ist Thema der Fälschung Meine Schwester und ich.

Der Gegensatz Freud-Reich war nicht der faire Gegensatz „des Einzigen (SF) gegen den Einzigen (WR)“ (Der Einzige, S. 229), sondern der Gesellschaft, vertreten durch den von fixen Ideen besessenen Freud, gegen den Einzigen Reich – also extrem unfair. Genauso unfair und „moralisch“ verwerflich, wie der Gegensatz zwischen Gesellschaft (vertreten durch die psychoanalytisch geschulten Eltern) und Kind, dessen angeborenes eigensinniges „Verbrechertum“ ausgetrieben werden soll, damit es sich für das vermeintlich Höhere opfere.

Max Stirner, Soter (Teil 4)

18. April 2025

„Unsere Atheisten sind fromme Leute“ (Der Einzige, S. 203). „[S]elbst diejenigen Sittlichen, welche den persönlichen Gott leugnen, behalten ja am Guten, am Wahren, an der Tugend ihren Gott und ihre Göttin“ (Parerga, S. 131f). Die Aufklärung ist an ihrer jämmerlichen Inkonsequenz gescheitert. Auf die knappste Formel gebracht: man hat Gott beseitigt, aber die Menschen desto mehr mit jenen „Prädikaten“ belastet, die vorher Gott zugeschrieben wurden. Deshalb konstatiert Stirner sogar eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung: habe man zuvor die Massen zur Religion abgerichtet, sollen sie sich nun infolge der vermeintlichen Aufklärung sogar mit „allem Menschlichen“ befassen. Auf diese Weise werde die „Dressur“ der Menschen immer allgemeiner und umfassender (Der Einzige, S. 365). Freudismus! Marxismus!

Stirners zwei große kontemporäre Gegenspieler Feuerbach und Marx waren auch die Gegenspieler Reichs. Freuds „Atheismus“ war nämlich derjenige Feuerbachs: sei ein Mensch, „die Kultur geht vor“, d.h. die Religion ist zwar eine Illusion, aber um so mehr hat die Sittlichkeit die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens zu sein (Der Einzige, S. 52).

Dieses normative Zurechtstutzen des Einzelnen ist der Kern des „Atheismus“ von Feuerbach, der jeweils Marx und Freud entscheidend beeinflußt hat. Ein „Atheismus“, bei dem, um nochmals mit Freud zu reden, die Kultur stets vorgeht. Um sie zu retten haben Marx und Freud die kulturfernsten Bereiche unserer materiellen Existenz und sogar unsere „polymorph-perversen Triebe“ ins Feld geführt, damit ja nicht an den sittlichen Grundlagen gerührt wird: wir sollen auf das materialistische „Es“ schauen, es bemeistern lernen – und das idealistische „Über-Ich“ unbeachtet lassen. Entsprechend wirft Marx Stirner vor, daß dieser obskurantistischerweise „wirklich an die Herrschaft des abstrakten Gedanken, der Ideologie in der heutigen Welt (glaubt), er glaubt, in seinem Kampfe gegen die ‚Prädikate‘, die Begriffe, nicht mehr eine Illusion, sondern die wirklichen Herrschermächte der Welt anzugreifen“. Stirner vernachlässige, schreibt Marx, die wirklichen, materialistischen Lebensgrundlagen (nämlich die Notwendigkeit zu produzieren) und verkleistere dergestalt die sich daraus ergebenden Herrschaftsverhältnisse (Marx: Die deutsche Ideologie, In: FRÜHE SCHRIFTEN, Zweiter Band, Darmstadt 1971, S. 276).

Das ist die gleiche Litanei, die alle „materialistischen“ Linken bis zum heutigen Tage gegen Reich angestimmt haben. Ganz ähnlich sieht es bei den Freudisten aus, die Reich eine Verkennung der komplizierten Triebstruktur des Menschen vorhalten. (Freud sogar ausdrücklich gegenüber ausgerechnet – Lou Salome!) Aber man darf sich nicht durch die ausgewogen „realistische“, schmutzig „materialistische“ Hülle täuschen lassen: es geht Marx, Freud und ihren Anhängern darum, daß die „Prädikate Gottes“ (Feuerbach) unberührt bleiben. Es geht diesen vermeintlichen „Aufklärern“ darum, daß eben „die wirklichen Herrschermächte der Welt“ unangetastet bleiben. Es geht ihnen um die Sittlichkeit.

Damit führen sie auf geniale (nämlich bis heute undurchschaute) Weise einen „Klassenkampf von oben“ fort, wie ihn vor ihnen die Priester, Pfaffen und Philosophen gefochten haben. Jedenfalls spricht Stirner von einem „Klassenkonflikt“ zwischen den „Gebildeten“ und den „Ungebildeten“ (vgl. Parerga, S. 77-79). Die einen stellen irgendwelche geistigen Prinzipien auf, für die sie unterwürfigen Respekt einfordern. (Man denke an die Marxisten und Freudisten!) Die anderen, stehen diesen verqueren Gedanken zunächst gleichgültig gegenüber, können sich aber nicht gegen sie erwehren. „Hierarchie ist Gedankenherrschaft, Herrschaft des Geistes!“ Wir werden von jenen unterdrückt, die sich auf heilige Gedanken stützen. Dieser Konflikt setzt sich bis ins Innenleben fort, „denn kein Gebildeter ist so gebildet, daß er nicht auch an den Dingen Freude fände, mithin ungebildet wäre, und kein Ungebildeter ist ganz ohne Gedanken“ (Der Einzige, S. 79f).

Es ist die Hierarchie von „menschlichem“ (idealem) Leben und „bürgerlichem“ (egoistischen) Leben. Ganz oben steht die heilige Nation und der Staat, darunter das profane bürgerliche Leben (Der Einzige, S. 107f). Das wiederholt sich dann Stufenweise von den gebildeten Bürgern und dem ungebildeten „Pöbel“ bis hinab zum Familienleben. Über die Dressur der Kinder in der Familie setzt es sich im Inneren der Menschen fort: das Gewissen, d.h. sich des „Heiligen“ gewahr sein und entsprechend die „Naturtriebe“ auszuspionieren („innere Polizei“ gegen „innerer Pöbel“) (Der Einzige, S. 97).

Als die „Dressur“ noch nicht so weit fortgeschritten war, waren die sittlichen Instanzen noch Personen (die Eltern, der „Landesvater“, etc.) und entsprechende Wahngebilde (etwa „Gott“), denen man persönlich Loyalität schuldete, doch im Unterschied zum Konservativen läßt sich der fortschrittliche Liberale nichts mehr befehlen – er gehorcht nur noch unpersönlichen Gesetzen (Der Einzige, S. 118f). Dieser „Fortschritt“ beruht auf seiner strukturellen Rebellion gegen persönliche Autorität – um sich desto vorbehaltloser einem „unpersönlichen Herrscher“ zu unterwerfen (Der Einzige, S. 119).

Genauso steht es mit der Frage nach persönlichem Besitz: der Sozialist will nicht bloß die rechtlichen, sondern auch die materiellen Unterschiede aufheben, was nichts anderes bedeutet, als daß nicht nur niemand „selbstherrlich“ befehlen soll, sondern auch keiner etwas haben soll, an dem er seine Eigenheit festmachen könnte, vielmehr sollen alle am unpersönlichen Allgemeineigentum teilhaben. Auf diese Weise wird aus der Gesellschaft selbst ein „höchstes Wesen“, dem wir alles schuldig sind (Der Einzige, S. 135). Letztendlich geht es darum, wirklich alle persönlichen Eigenschaften, alle Traditionen von sich zu streifen und nichts als ein Mensch zu sein (Der Einzige, S. 141). So verschwindet schließlich der egoistische und unverwechselbare „Eigene“ vollständig und geht im Menschen auf (Der Einzige, S. 150f). Letztendlich erweist sich die liberale Flucht vor Autorität, Besitz und Tradition (also die Flucht vor dem Vater) als Flucht vor sich selbst – und als vervollkommnete Unterwerfung. „[W]er sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen ist, wer bei sich ist, der ist beim Vater“ (Parerga, S. 42).

Der aus dieser Rebellion entstammende „Atheismus“ tut kaum mehr als den „Gott des Einzelnen“ durch den „Gott Aller“ zu ersetzen (Der Einzige, S. 158). Wird nämlich der Eigenwille eingeschränkt, sucht er Zuflucht im Eigentum, wird dieses weggenommen, sichert es sich in der Eigenheit die Fortdauer. Deshalb muß schließlich auch jede individuelle Meinung aufgehoben werden, denn mit meiner unvernünftigen Meinung, meinem unvernünftigen „Glauben“, bleibt auch mein Gott bestehen. Er muß ersetzt werden durch einen „allgemeinen menschlichen Glauben“, einen „Vernunftglauben“ (Der Einzige, S. 141). Religion wird zum Kultus der Gesellschaft. „Somit hat man allein dann Aussicht, die Religion bis auf den Grund zu tilgen, wenn man die Gesellschaft und alles, was aus diesem Prinzipe fließt, antiquiert“ (Der Einzige, S. 347). Das macht den „Atheismus“ der Kommunisten und Psychoanalytiker („die Kultur [= die Gesellschaft] geht vor“] zu einer Absurdität. In jedem Teil hier Laskas Stirner-Buch!

Zum Gedenken an Bernd A. Laska, 4. August 1943 – 8. April 2025 (Teil 3)

16. April 2025

Ich habe mich anfangs gesperrt, einen derartigen „persönlichen“ Nachruf zu schreiben, weil sich über vier Jahrzehnte erstreckende Beziehung zwischen Laska und mir nie eng war. Dazu waren wir einfach zu unterschiedlich. Der Katholik Laska war über Karlheinz Deschners Religionskritik und die Anfänge der linken Studentenbewegung Mitte der 1960er Jahre als einer der ersten Nachkriegsdeutschen überhaupt auf Reich gestoßen. Ich war denkbar areligiös und „akulturell“ aufgewachsen und gerade deshalb hatten mich Religion und Kultur (Bildende Kunst und Musik) von früh an in ihren Bann gezogen – Dinge, die Laska, zunächst Bauzeichner und dann Ingenieur (Baustatiker), zeitlebens wirklich vollkommen kalt ließen. Nachdem meine kindlich-jugendlichen „Studien“ im „religiös-kulturellen“ Bereich und auch im naturwissenschaftlichen (ich laß eifrig das „X-Magazin“, „Bild der Wissenschaft“, die Bücher von beispielsweise Hoimar von Ditfurth etc.) nur meine wachsende Verachtung für all dieses Zeugs nährten, stieß ich schließlich auf Reich („Bingo!“) und wollte fortan nichts anderes sein als ein orthodoxer Anhänger der Orgonomie. Für mich war und ist sie die endgültige Wahrheit.

Mein Problem war damals, daß ich als Arbeiterkind (Laska war auch eins!) niemanden kannte, der auch nur im allerentferntesten meine wirklich extrem absonderlichen, da hochgestochenen Interessen teilte, und ich auf die paar Mitte der 1970er Jahre erhältlichen Reich-Bücher und irgendein „Reichianisches“ Zeugs a la Alexander Lowen reduziert war. In einem dieser Bücher stieß ich schließlich auf eine Annonce für Laskas Zeitschrift „Wilhelm Reich Blätter“, fand über diesen Umweg schnell Kontakt zu Jerome Eden, bestellte das „Journal of Orgonomy“ etc. Laska hatte eine ganze Welt für mich geöffnet, die Orgonomie war noch lebendig, wovon ich vorher keinerlei Ahnung hatte. Aber schon bald begann mein Konflikt mit Laska: ich verdammte ihn ob des Einflusses der amerikanischen Orgonomen auf mich sehr bald als „Reichianer“. Er war dabei, zu einem „Feind“ zu werden. Daß er es wagte, Artikel von Alexander Lowen zu veröffentlichen und gewisse andere Leute auch nur zu Wort kommen zu lassen! Ich erlebte über seine Zeitschrift sozusagen „live“ mit, wie er sich immer mehr Max Stirner zuneigte, was für mich der Anlaß war, Stirner auseinanderzunehmen. Einfach nur, weil Laska sich auf ihn berief! Das baldige, wirklich klägliche Scheitern meines Unterfangens Stirner zu „dekonstruieren“ und meine Einsicht, daß Laska in dieser Beziehung vollkommen recht behalten hatte, waren eine nachhaltige Lektion.

1982 stellte er wegen solcher hoffnungslosen Figuren wie mir seine Zeitschrift ein und begann zu erforschen, was die Essenz seiner beiden Helden Reich und Stirner sei. Schon bald kam LaMettrie hinzu und Laskas „LSR-Projekt“ nahm langsam Gestalt an. Ich war einer der erstaunlich wenigen alten Leser, die ihm auf diesem Weg treu blieben und seine Bücher von und über LaMettrie kauften, sowie das eine Buch mit Stirners Parerga. Er bewegte sich aber sozusagen am Rande meiner eklektischen Interessen (Orgonbiophysik, UFOs, Roter Faschismus, Saharasia, Orgonometrie, Hans Hass, christliche Theologie, Nietzsche, etc.), die kaum bis keinerlei Überschneidungspunkte mit ihm hatten. Unser persönliches Verhältnis blieb stets unterkühlt, obwohl wir uns einige Male trafen, wobei ich aber jeweils sozusagen nur „Anhängsel“ anderer war. Seine Website ließ meine alte Begeisterung für seine geistige Klarheit und nicht zu übertreffende „akademische“ Integrität immer wieder von neuem aufflammen bis hin zu regelmäßigen begeisterten „Bekenntnissen“ zu seinem LSR-Projekt. Er war sichtlich konsterniert, derartig enthusiastische Treueschwüre ausgerechnet von meiner Seite zu hören.

Im Vergleich zu ihm, habe ich mich immer als hemmungslosen „Dampfplauderer“ empfunden und es stets bedauert, daß er nicht „mehr Worte gemacht hat“. Welch ein Privileg ihn gekannt zu haben. Er war mein distanzierter Erzieher, ich sein letztendlich doch loyaler Schüler. Danke, Herr Laska!

Max Stirner, Soter (Teil 3)

14. April 2025

Marx ging es um den „Unterbau“, um vom „Überbau“ (dem Über-Ich) abzulenken, er verkaufte das aber als Überwindung von Max Stirners Ansatz:

Der Sparren, den Sankt Max [also Max Stirner] in den Köpfen der Menschen entdeckt, ist nichts als sein eigner Sparren, der Sparren „des Heiligen“, der die Welt sub specie aeterni betrachten und sowohl die heuchlerischen Phrasen wie die Illusionen der Menschen für die wirklichen Motive ihrer Handlungen versieht; weswegen auch der naive, gläubige Mann getrost den großen Satz ausspricht: „Fast die ganze Menschenwelt hängt am Höheren.“ [Der Einzige, S. 57] Der „Sparren“ ist „eine fixe Idee“, d.h. „eine Idee, die den Menschen sich unterworfen hat“, oder, wie wir später populärer gesagt wird, allerlei Abgeschmacktheiten, die die Leute „sich in den Kopf gesetzt haben“. Mit spielender Leichtigkeit ergibt sich für Sankt Max, daß alles, was die Menschen sich unterworfen hat, z.B. die Notwendigkeit zu produzieren, um zu leben, und die davon abhängigen Verhältnisse eine solche „Abgeschmacktheit“ oder „fixe Idee“ ist. (Marx: Die deutsche Ideologie, In: Frühe Schriften, Zweiter Band, Herausgegeben von Hans-Joachim Lieber und Peter Furth, Darmstadt 1971, S. 180)

Bei „Stirner“ ist auch dies Bewußtsein „alle jeworden“, er glaubt wirklich an die Herrschaft des abstrakten Gedanken der Ideologie in der heutigen Welt, er glaubt, in seinem Kampfe gegen die „Prädikate“, die Begriffe, nicht mehr eine Illusion, sondern die wirkliche Herrschermächte der Welt anzugreifen. Daher seine Manier, alles auf den Kopf zu stellen, daher seine enorme Leichtgläubigkeit, mit der er alle scheinheiligen Illusionen, alle heuchlerischen Beteuerungen der Bourgeoisie für bare Münze nimmt. (Die deutsche Ideologie, S. 276)

Das ist imgrunde die gleiche Litanei, die das Marxisten-Gesindel bis zum heutigen Tage gegen Reich richtet. Mit dem gleichen Duktus!

Marxisten sind Fanatiker der „humanen Vernunftreligion“: „Bleibt die Meinung bestehen, so habe Ich meinen Gott (Gott ist ja nur als ‚mein Gott‘, ist eine Meinung oder mein ‚Glaube‘); also meinen Glauben, meine Religion, meine Gedanken, meine Ideale. Darum muß ein allgemein menschlicher Glaube entstehen, der ‚Fanatismus der Freiheit‘. Dies wäre nämlich ein Glaube, welcher mit dem ‚Wesen des Menschen‘ übereinstimmte, und weil nur ‘der Mensch‘ vernünftig ist (Ich und Du können sehr unvernünftig sein!), ein vernünftiger Glaube“ (Der Einzige, S. 141).

Wir, du und ich, sind in ihren Augen die Unvernunft, nicht etwa weil wir „Kapitalisten“ (Anhänger des Kapitalismus) sind, sondern weil wir nicht an ihren „Gott“, die Vernunft, glauben, die es zu offenbaren gelte. Doch unser höchstes Ziel ist die Selbstoffenbarung (Parerga, S. 91). Der von allem Fremden (Über-Ich) befreite Ich ist Eigner seiner selbst, d.h. ein Mensch, der sich selbst offenbart (Parerga, S. 88).

(…) das Religiöse besteht in der Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Menschen, d.h. mit der Aufstellung einer zu erstrebenden „Vollkommenheit“, in dem „nach seiner Vollendung ringenden Menschen.“ (…) es besteht in der Fixierung eines Ideals, eines Absoluten. Die Vollkommenheit ist das „höchste Gut“, der finis bonorum; das Ideal eines Jeden ist der vollkommene Mensch, der wahre, der freie Mensch usw. (Der Einzige, S. 269)

Ich Meinesteils gehe von einer Voraussetzung aus, indem Ich Mich voraussetze; aber meine Voraussetzung ringt nicht nach ihrer Vollendung, wie der „nach seiner Vollendung ringende Mensch“, sondern dient Mir nur dazu, sie zu genießen und zu verzehren. Ich zehre gerade an meiner Voraussetzung allein und bin nur, indem Ich sie verzehre. Darum aber ist jene Voraussetzung gar keine; denn da Ich der Einzige bin, so weiß Ich nichts von der Zweiheit eines voraussetzenden und vorausgesetzten Ich’s (eines „unvollkommenen“ und „vollkommenen“ Ich’s oder Menschen), sondern, daß Ich Mich verzehre, heißt nur, daß Ich bin. Ich setze Mich nicht voraus, weil Ich Mich jeden Augenblick überhaupt erst setze oder schaffe, und nur dadurch Ich bin, daß Ich nicht vorausgesetzt, sondern gesetzt bin, und wiederum nur in dem Moment gesetzt, wo Ich Mich setze, d.h. Ich bin Schöpfer und Geschöpf in Einem. (Der Einzige, S. 167)

Darum verachtest Du den Egoisten, weil er das Geistige gegen das Persönliche zurücksetzt, und für sich besorgt ist, wo Du ihn einer Idee zu Liebe handeln sehen möchtest. Ihr unterscheidet Euch darin, daß Du den Geist, er aber Sich zum Mittelpunkte macht, oder daß Du Dein Ich entzweist und Dein „eigentliches Ich“, den Geist, zum Gebieter des wertloseren Restes erhebst, während er von dieser Entzweiung nichts wissen will, und geistige und materielle Interessen eben nach seiner Lust verfolgt. (Der Einzige, S. 32)

Besser als Max Stirner, unser Erlöser, kann man das Über-Ich kaum beschreiben!

Zum Gedenken an Bernd A. Laska, 4. August 1943 – 8. April 2025 (Teil 1)

9. April 2025

Bernd Laska war kein Mann großer bzw. ausufernder Worte, da die doch nur dazu dienen, den Kern der Aussage im Gewirr der Argumente verschwinden zu lassen. Oder wie mir Laska 1999 schrieb:

Zu all dem kann man sicher viel Kluges schreiben – „man“, aber nicht ich. „Parallelen“ gibt’s immer irgendwie massenhaft, ich suche die Diskrepanzen. Ich will ja gerade raus aus dem ganzen Sprachschlamassel, in dem natürlich auch L/S/R noch drin steckten.

Laskas Theorie über Reich war kurz zusammengefaßt: Mai 1926 überreicht Reich sein Manuskript von Die Funktion des Orgasmus, worauf Freud antwortet: „So dick?“, will sagen, Reich solle sich wie alle anderen Psychoanalytiker gefälligst mit immer neuen Nebensächlichkeiten auseinandersetzen. Reich erkrankt an Tuberkulose und schreibt Anfang 1927 im Sanatorium von Davos unter ein Portraitphoto von sich selbst: „Konflikt mit Freud“. Im Juli 1927 fällt die Politisierung Reichs. Laskas Kommentar: „Freud & Co trieben R in die ‚Politik‘, um ihn dann unter eben dem Vorwand, seine ‚Politik‘ sei ‚gefährlich‘, zu vernichten.“

Ausführlicher führte Laska mir gegenüber aus:

Freud war anfangs eher jovial gegenüber dem ganz jungen R (nie „seelenverwandt“, wie Sie aaO schreiben), dann ironisch („So dick?!“ / „ambitionierter Steckenpferdreiter“) etc., bald ernsthaft besorgt, aber noch um Gelassenheit bemüht abwartend, schließlich (nach Maso-Ms 1.1.1932 „Schritte gegen Reich“) zur Vernichtung entschlossen. Er wußte nur nicht: wie. Denn R hätte sich nie ohne Begründung abservieren lassen, trat vielmehr immer unverhüllter als der „wahre Freud“ gegen den lebenden (insofern „wahreren“) Freud auf. Da kam für Freud die „politische Karte“ wie gerufen, und er verschmähte es in seiner Not sogar nicht, sich mit einer elenden Figur wie Boehm zu verbünden (17.4.33: „Befreien Sie mich von Reich!“) Dieser politische „Nebel“ von 1933/34 blendete manche PsA damals, blendete sogar R und blendet Fallend & Co noch heute. (Und ich könnte – wenn Sie darauf bestehen, um das Diabolische daraus zu tilgen – auch konzedieren, daß er sogar den Nebelwerfer Freud blendete). Also: kein „master plan“; fataler: eine echte, ohne viel Absprache funktionierende „conspiracy“ (im lat. Wortsinn), im übrigen auch die, in die ich Jim Martin’s Funde einbetten würde (während JM die „order from Moscow“, falls sie gefunden werden würde, für das non-plus-ultra an conspiracy zu halten scheint).

Laska schrieb mir einst:

Reichs Weg scheint mir noch lange nicht plausibel und produktiv gedeutet. Als Resultat meines gewiß langen Studiums des Reich’schen Werkes auf der Basis meiner Herkunft aus der arbeitenden/realistischen Sphäre ist LSR entstanden. Mein Verhältnis zum Komplex Philosophie ist vielleicht vergleichbar mit dem, das Reich zum Komplex Neurose hatte. Reich begab sich in diesen Unrat nicht, weil er sich dort – wie Freud et al. – wohl und heimisch fühlte. LSR erinnert auch ein bißchen an eine „Widerstandsanalyse“…

Was das LSR-Projekt betraf hat sich Laska nie „offen erklärt“. Der Leser müsse erst den großen Verdacht nachvollziehen, dann können wir des Pudels Kern besprechen – wenn das dann noch nötig ist! Es ist ähnlich wie mit der Charakteranalyse, die ursprünglich zur eigentlichen psychoanalytischen Deutung („des Pudels Kern“) führen sollte, dann aber die Deutung überflüssig gemacht hat: der Patient spricht es selbst aus, er spürt es selbst.

Es sei auch gesagt, wie er zu mir und damit zum NACHRICHTENBRIEF stand:

Aber noch einmal kurz zu unserer Differenz jenseits vieler möglicher Mißverständnisse. Sie läßt sich vielleicht ein wenig so umschreiben: Sie favorisieren mehr den späten Reich (ab ca. 1940), ich mehr den frühen. Sie fokussieren auf Nietzsche, den kühnen Denker, ich auf den evasiven. Sie sehen in „Mystik“, „Gott“, „Gewissenszwang“, „irrationalem Über-Ich“, etc. etwas von Wert, während ich es „radikal liquidiert“ sehen möchte in meiner Wunschwelt – wobei, wie ich gleich hinzufügen muß, es mir nicht um die Konstruktion einer Wunschwelt geht, sondern LSR für mich eher so etwas wie eine lebensnotwendige Selbstbehauptung darstellt.

Zur Orgonomie und dem ganzen Umfeld stand er wie folgt:

Die Abwehr gegen Reich (von Fachleuten) war für mich (als Nichtfachmann) schon immer das stärkste Indiz, daß Reich „recht hatte“ (nicht nur „jeder hat irgendwo recht“). Die Entwicklung seit 1945 scheint aber dahin zu gehen, daß die alte Abwehr gegen L+S+R schwindet – im Namen der großen Toleranz und der Abneigung gegen die „großen Gesänge“ und der Ideologie der Ideologielosigkeit und… Alles wird ihnen „egal“ – bis auf die jeweils ihnen durch die Massenpropaganda suggerierten „Entscheidungen“, die die sich souverän dünkenden modernen Subjekte zu treffen meinen (politisch, alltagsmodisch, wie auch immer). LSR wird vielleicht von einigen als philosophiehistorische Schrulle genommen, sogar goutiert (bis sie auf eine andere Schrulle stoßen). Ein anderes Problem wäre die Abwehr Reichs durch Reichianismus (rein oder „weiterentwickelt“) bzw. die „Rehabilitationen“, wie sie L+S+R gelegentlich von „wohlmeinenden“ Leutchen erfahren.

Und an anderer Stelle:

Ich habe irgendwo das Werk Rs als Palimpsest bezeichnet, das aus vielen Schichten besteht, die eine Grundaussage überdecken. Die Schichten bestehen aus den Bemühungen Rs, seine Grundaussage „wissenschaftlich“ zu vermitteln – was von den jeweiligen Wissenschaftsgemeinden nicht akzeptiert wurde. Ich trage mit LSR diese Schichten ab. Mit welcher Berechtigung könnte ich als Laie auf allen Gebieten auch darauf bestehen, daß R richtig liegt und die Experten falsch? Und warum sollte ich? Ich bin an der Grundaussage interessiert, und ich bin mir „existentiell“ vollkommen sicher, daß Rs (weder „wissenschaftliche“ noch „philosophische“) Grundaussage richtig ist. Die will ich mit LSR freilegen. Schon die Genese des LSR-Projekts zeigt, daß R dessen Anfang war (und Motor ist). Auf ein Verständnis der „Reichianer“ kann ich dabei leider nicht hoffen.

Und schließlich:

Viele Reichanhänger scheinen darauf aus zu sein, WR zu „rehabilitieren“. Mein Herangehen ist eher umgekehrt: Was war und ist an WR so inakzeptabel, daß so viele sich von ihm distanzier(t)en, ihn hass(t)en, bekämpf(t)en – und zwar ohne Nennung des wahren Grundes?

Auf meinen Einwand, der späte Reich stehe ihm wohl fremd gegenüber, antwortete Laska:

Nein, überhaupt nicht fremd. Aber ich sehe sie [also Reichs damalige mehr konservative Haltung] nicht als die genuin Reich’sche bzw. LSR’sche. Natürlich ist die „konservative, pessimistische Anthropologie“ angesichts der Menschheitsgeschichte (incl. „Trobriander“ etc.) die realistischere, aber etwa in dem Sinn wie Hegel realistisch ggü den alten Aufklärern war. Reich bzw. LSR sollte angesichts von Reichs späten Äußerungen jedenfalls nicht unter die „konservative, pessimistische Anthropologie“ subsumiert werden. In diesem Sinne nehme ich „den Frieden, den er mit der Religion und den anderen bürgerlichen Institutionen schloß“, nicht allzu ernst. Ich erkläre ihn mir biographisch wie so vieles in Reichs Karriere (—>meine „Palimpsest“-These). Immerhin schloß er den CM, wenn ich mich recht entsinne, mit der Vision, wahre „Kultur“, die bisher nicht war, werde einmal möglich sein. (bei Stirner: das Zeitalter des „Eigners“). Woher nahm er diese Zuversicht? Jedenfalls nicht aus den Erhebungen aus den „6 Jahrtausenden“. Doch wohl, wie Stirner: Aus sich!

dieser Reich – der frühe Reich: Ich würde sagen: beide stehen mir gleichermassen fern. Aber es gibt darunter (—> meine „Palimpsest“-These) einen dritten, und den habe ich wohl von Anfang an gespürt. Seine Freilegung ist – LSR.

Abschließend:

Am Anfang meiner tieferen Beschäftigung mit WR stand die Erfahrung, daß die „Reichity“ nicht „tragfähig“ ist; daß die allermeisten Reichianer xxxxxxx sind. Die „Stirnerity“ dito. Und gäbe es eine „Lamettrity“, erwartete ich jetzt nichts anderes. Meine Reaktion darauf war LSR.

Laska stand über den heutigen Auseinandersetzungen:

An diesem ganzen Hin-und-Her zwischen Permissivität (zB Clinton) und moralischer Aufrüstung (zB Bush) nehme ich keinen besonderen Anteil. Aber ich glaube, Reich hatte recht mit der pauschalen Tendenz-Diagnose: „The human ocean has begun to stir.“ Er ist nicht mehr zu beruhigen. Der Zerfall der alten, „ethischen“ (Über-Ich-kontrollierten) Kultur zeigt sich überall. Daran ändert der „boom“ der Ethik nichts, auch nicht die „konservativen Feldzüge“ dieses oder jenes Reaktionärs. Nur: was wird daraus? Nix Gutes, wie ich vermute. Was immer nach den alten Schemata geschieht – Moral plus oder minus – ist falsch. Wäre ich Gott, wäre ich sehr alarmiert über die Zukunft meiner Schöpfung. Zum Glück bin ich’s nicht.

Leider gibt es m.W. niemanden (mit einer löblichen Ausnahme :-), der diesen Prozeß wenigstens prinzipiell richtig zu deuten weiß. Selbst die kühnsten Revolutionäre waren „Ethiker“ oder „Anti-Ethiker“ wie Sade (der nicht umsonst ein Star unter heutigen Intellektuellen ist – sofern sie nach Ahnherren suchen); sie waren und sind auf Moral/Über-Ich angewiesen, zum Gehorchen oder zum Revoltieren. „Anethiker“ wie L/S/R blieben rudimentär/nihilismusgetarnt/palimpsestartig – kaum identifizierbar.

Max Stirner, Soter (Teil 2)

5. April 2025

Natürlich bleiben auch die Demütigen und Zurechtgebogenen stets nichts anderes als Egoisten – aber welche, die durch ihr instinktloses, tölpelhaftes, brutales Verhalten, dem Egoismus einen schlechten Leumund verschaffen. Aus diesem Grunde ist Stirner auch kaum für den „Normalo“ geeignet – der, verkorkst wie er ist, nur auf dumme Gedanken kommt. Immerhin: vielleicht wächst er ja über sich selbst hinaus – und lernt, seinen Kindern nicht das anzutun, was ihm selbst angetan wurde. Aber zurück zum Problem: Wie Perverse leben sich die instinktlosen Tölpel nicht ganz aus, sondern stets nur abgetrennte und deshalb groteske Teilaspekte ihres Daseins. Es ist ein „unfreiwilliger“ Egoismus, d.h. ein Egoismus, der sich selbst nicht als solchen (an)erkennt.

Gegen diese „Besessenen“ setzt Stirner den bewußten Egoisten, den „mit sich einigen Egoisten“ (Der Einzige, S. 286), der „sich selbst fühlt“ (Der Einzige, S. 302), zu sich gekommen ist, bei sich zu Hause ist (Der Einzige, S. 320), „Selbstgefühl“ (Der Einzige, S. 303). Bei Reich ist dieser „ganzheitliche“ (im Gegensatz zum innerlich zerrissenen, verkrüppelten, d.h. gepanzerten) Egoismus funktionell identisch mit voller Integration und dem freien Fließen der kosmischen Orgonenergie durch den Körper. Stirner spricht vom „unablässigen Fluten ihrer stündlichen Selbstschöpfung“ bei echten Egoisten, ihrer „zuckend und schauernd“ erfahrenen „seligen Passion einer unaufhörlichen Verjüngung und Neugeburt“ (Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken, Nürnberg 1986, S. 92f).

Ohne diese innerliche Ganzheit ist nur eine in sich zerrissene, in sich widersprüchliche, impotente Aufmüpfigkeit gegen die bestehenden Verhältnisse möglich, die auf diese Weise schließlich doch immer wieder reproduziert werden (man betrachte die Geschichte Frankreichs oder Rußlands!), während das, was Stirner als „Empörung“ bezeichnet, aus innerer Souveränität fließt, die sich nicht aus dem Kampf gegen das Bestehende definiert, sondern den bestehenden Irrsinn mit Nichtbeachtung straft. Der Empörer entzieht dem Bestehenden den Lebenssaft, indem er es verläßt und sich über es erhebt (Der Einzige, S. 354).

Was Stirner damit meinte, kann man sich am ehesten anhand des Christentums vergegenwärtigen. Stirner vergleicht das christliche „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ mit den gleichzeitigen aufwieglerischen Bewegungen der Juden gegen die Fremdherrschaft. Jesus sei kein Revolutionär gewesen, sondern ein Empörer. Aus einer Veränderung der Zustände, sah er kein Heil erwachsen, stattdessen richtete er sich empor. „Er war gerade darum, weil er das Umwerfen des Bestehenden von sich wies, der Todfeind und wirkliche Vernichter desselben; denn er mauerte es ein, indem er darüber getrost und rücksichtslos den Bau seines Tempels aufführte, ohne auf die Schmerzen des Eingemauerten zu achten“ (Der Einzige, S. 355f). „Im ‚los‘ vollenden Wir die vom Christentum empfohlene Freiheit, im sündlos, gottlos, sittenlos usw.“ (Der Einzige, S. 173).

Man vermerkt es liberalerseits den ersten Christen übel, daß sie gegen die bestehende heidnische Staatsordnung Gehorsam predigten, die heidnische Obrigkeit anzuerkennen befahlen und ein „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ getrost geboten. Wieviel Aufruhr entstand doch zu derselben Zeit gegen die römische Oberherrschaft, wie aufwieglerisch bewiesen sich die Juden und selbst die Römer gegen ihre eigene weltliche Regierung, kurz wie beliebt war die „politische Unzufriedenheit“! Davon wollten jene Christen nichts wissen; wollten den „liberalen Tendenzen“ nicht beitreten. Die Zeit war politisch so aufgeregt, daß man, wie’s in den Evangelien heißt, den Stifter des Christentums nicht erfolgreicher anklagen zu können meinte, als wenn man ihn „politischer Umtriebe“ bezichtigte, und doch berichten dieselben Evangelien, daß gerade er sich am wenigsten an diesem politischen Treiben beteiligte. Warum aber war er kein Revolutionär, kein Demagoge, wie ihn die Juden gerne gesehen hätten, warum war er kein Liberaler? Weil er von einer Änderung der Zustände kein Heil erwartete, und diese ganze Wirtschaft ihm gleichgültig war. Er war kein Revolutionär, wie z.B. Cäsar, sondern ein Empörer, kein Staatsumwälzer, sondern Einer, der sich emporrichtete. Darum galt es ihm auch allein um ein „Seid klug wie die Schlangen“, was denselben Sinn ausdrückt, als im speziellen Falle jenes „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“; er führte ja keinen liberalen oder politischen Kampf gegen die bestehende Obrigkeit, sondern wollte, unbekümmert um und ungestört von dieser Obrigkeit, seinen eigenen Weg wandeln. Nicht minder gleichgültig als die Regierung waren ihm deren Feinde, denn was er wollte, verstanden beide nicht, und er hatte sie nur mit Schlangenklugheit von sich abzuhalten. Wenn aber auch kein Volksaufwiegler, kein Demagog oder Revolutionär, so war er und jeder der alten Christen um so mehr ein Empörer, der über Alles sich emporhob, was der Regierung und ihren Widersachern erhaben dünkte, und von Allem sich entband, woran jene gebunden blieben, und der zugleich die Lebensquellen der ganzen heidnischen Welt abgrub, mit welchen der bestehende Staat ohnehin verwelken mußte. (Der Einzige, S. 355f)

Warum taucht Der Einzige und sein Eigentum in der Bibliographie von Reichs Buch über die Jesus-Geschichte, Christusmord 1953 auf? Weil Reich sich an die obige Stelle (Der Einzige, S. 355f), die er 1919/20 gelesen hatte und die man leicht überliest, nach Jahrzehnten erinnert? Kaum! Weil das Buch zu seiner Entwicklung gehört und deshalb in einem Buch genannt werden muß, das in der Reihe „Biographische Materialien“ erscheint? Kaum, denn dafür ist diese Bibliographie denn nun doch viel zu fixiert auf das Christusthema. Bleibt als Möglichkeit, daß Reich kurz vorher Der Einzige erneut gelesen hat. Ich weiß, daß ich wieder über alle zulässigen Grenzen hinaus spekuliere, aber was soll’s:

Die obige Stelle war die unmittelbare Initialzündung für Reichs Christusmord und die erneute Lektüre Stirners hat, ähnlich wie bei Carl Schmitt in der Kerkerhaft (siehe Bernd A. Laska: „Katechon“ und „Anarch“. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner), etwas mit Reichs damaliger Lebenskrise zu tun: „Alone“, ORANUR, die zerfallende Ehe, der Bruch mit Theodore Wolfe, Zeitzeugen zufolge hat sich Reich plötzlich vollkommen verändert, der Rückzug nach Maine, der angebliche Ausbruch seiner Psychose (Boadella et al.), Reichs Konfrontation mit dem Herztod, an dem er denkbar knapp vorbeischlitterte, etc. – damals ist etwas zerbrochen und dieser Bruch hat etwas mit der Stirner-Lektüre zu tun!

Das würde bedeuten, daß Reichs Leben sich zwischen zwei Stirner-Lektüren ausspannt. Vorspiel 1919/20: Stirner-Lektüre – im Drama 1923-1951 (von der Orgasmustheorie bis zum ORANUR-Experiment) wird das Stirner-Erlebnis verdaut, Palimpsests im Sinne Laskas aufgebaut und das „unterirdische“ LSR-Projekt weitergebracht – Finale: alles bricht zusammen, die ORANUR-Krise: Reich stellt fest, daß das „unnatürliche“ Irrationale einen Platz im Natürlichen hat – zerschmettert und desillusioniert findet der Held wieder Trost beim „Bruder Max“ seiner frühen Jahre: erneute Stirner-Lektüre – Christusmord. Nachspiel: „Ich bin ein Außerirdischer!“ – Zugegeben Spekulation.

Max Stirner, Soter (Teil 1)

2. April 2025

Reichs Konzept „Kinder der Zukunft“ war denkbar einfach: die Kinder von Anfang an so erziehen, daß sie freiheitsfähig werden, bzw. bleiben, bis sich die Menschheit nach einigen Generationen ganz von der Unfreiheit, der Unfähigkeit frei zu sein, – befreit hat.

Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte Max Stirner dargelegt, daß, während ein Tier sich „realisiert“, „indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht“, das Kind nicht es selbst sein darf, sondern „Mensch“ werden und entsprechende Begriffe „realisieren“ soll. Es darf sich nicht „ausleben“, da dies identisch mit der Auflösung eben dieser Ideen wäre (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 372). Stirner spricht von der inkorporierten Welt der fixen Ideen, die wir zunächst nicht „auflösen“ dürfen und später nicht wieder „auflösen“ können; es wird ein „Jenseits in Uns“ (Der Einzige, S. 170) errichtet – wir panzern uns ab bzw. bilden ein fremdes „Über-Ich“ heraus; bewirten einen Besatzer.

Ja, selbstverständlich bedarf das Kind aller möglichen intellektuellen Anregungen, also den Kontakt mit „Ideen“, man sollte es ihm jedoch selbst überlassen, was es daraus macht. Zum Denken und Sprechen braucht es die in Worten niedergelegten „Wahrheiten“ der Menschen, die, obwohl sie nur im Geist existieren, genauso vorhanden sind wie die Dinge der Außenwelt (Der Einzige, S. 391). „Das Gedachte ist so gut als das Nicht-Gedachte, der Stein auf der Straße ist und meine Vorstellung von ihm ist auch. Beide sind nur in verschiedenen Räumen, jener im luftigen, dieser in meinem Kopfe, in Mir: denn Ich bin Raum wie die Straße“ (Der Einzige, S. 383). Aber dann hat zu gelten, daß, so wie einst der Mensch die äußere Welt unterwarf und sich dienstbar machte, sich auch die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen ganz der Macht des Menschen, des einzelnen Menschen, zu unterwerfen hat (Der Einzige, S. 402). Es sind bloße Werkzeuge!

Ja, das Kind braucht die Geborgenheit und Wärme der Familie, – um dann in der Lage zu sein, in der Welt seinen Mann zu stehen, unabhängig zu sein. Genauso müssen wir in einer überkommenen Ideenwelt aufwachsen, allein schon um die Sprache lernen zu können, aber das ist nur die Voraussetzung für das schließliche freie, d.h. selbstherrliche Denken und Handeln. „Wie für die Christen die Wirklichkeit (…), so ist für mich die Wahrheit ‚eitel und nichtig‘. Sie existiert gerade so gut, als die Dinge dieser Welt fortexistieren, obgleich der Christ ihre Nichtigkeit bewiesen hat; aber sie ist eitel, weil sie ihren Wert nicht in sich hat, sondern in Mir. Für sich ist sie wertlos“ (Der Einzige, S. 398f).

„Weder die göttliche noch die menschliche Vernunft, sondern allein deine und jedesmalige Vernunft ist wirklich, wie und weil Du und Ich es sind“ (Der Einzige, S. 225). „Wahr ist, was mein ist, unwahr das, dem Ich eigen bin; wahr z.B. der Verein, unwahr der Staat und die Gesellschaft“ (Der Einzige, S. 400). Für Reich ist Wahrheit Kontakt mit der Wirklichkeit, für Stirner ist Wahrheit bewältigte, zum Eigentum gemachte, „be-griffene“ Wirklichkeit (Der Einzige, S. 396-399). Beiden Anschauungen gemeinsam ist, daß die Wahrheit nicht an und für sich existiert, sondern immer nur in bezug auf (das jeweilige) mich.

Das Denken hört auf ein kontaktloses Eigenleben zu führen, das uns tyrannisiert, d.h. dem Denken geht nicht mehr der Gedanke voraus, sondern der Eigner des Denkens (Der Einzige, S. 394f). Die freien bioenergetischen Strömungen gehen den Strukturen voraus, lösen sie wieder auf und bilden neue. Auf diese Weise stehen die heiligen „fixen Ideen“ (Der Einzige, S. 225) ständig zur Disposition, genauso wie uns die äußeren Dinge zur Disposition stehen, es sind, wie gesagt, nur unsere Werkzeuge – statt umgekehrt. Das bedeutet, daß dieser Mensch realitätsgerecht denken und entsprechend handeln kann, während denen, die nur ständig „Ideen realisieren“ wenig an den Realitäten liegt (Der Einzige, S. 408f). Sie sind blind gegen die Unmittelbarkeit der Dinge und unfähig sie zu meistern.

Gegen den infantilen Glauben, daß man von Begriffen ausgehend quasi autistisch die Welt „begreifen“ und beherrschen könne, setzt Stirner die unwiederholbare, der jeweiligen Situation angepaßte Vernunft des erwachsenen Individuums (Der Einzige, S. 225). Laßt die Kinder in der Geborgenheit der natürlichen „Gesellschaft“ Familie aufwachsen und dann als unabhängige Individuen sich vereinen („Verein“), um die Ideen als bloße Werkzeuge benutzen können, so wie man Hammer, Schraubenzieher und Granatwerfer benutzt! Niemand und nichts wird jemals mehr emanzipierte Menschen benutzen können. Das ist kein Spiel, sondern die radikale, endgültige Kampfansage gegen die Reaktion.

Jenseits des Fotzenfritzismus

9. März 2025

Reich hat folgende Aussage getätigt: „… in seiner Struktur ein freiheitlicher, wenn auch neurotischer Mensch…“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 271). Demnach war für ihn also „freiheitliche Struktur“ und „unneurotische Struktur“ nicht dasselbe, entsprechend Elsworth F. Bakers Aussage, daß es nicht so ist, daß diejenigen, die der Orgonomie folgen weniger gepanzert sind (bzw. unbedingt sein müssen) als diejenigen, die die Orgonomie ablehnen. Vielmehr gehe es darum, ob man ein inneres Gefühl dafür bewahrt hat, was Gesundheit ist. Man muß also als „Neuer Führer“ ein entsprechendes Ich-Ideal verkörpern.

Woher wird dieser Neue Führer, wie Reich ihn in Christusmord anvisiert hat, seine Autorität nehmen? Ich weiß nur, daß man sofort seine Autorität verliert, wenn man sozusagen „vom Blatt abliest, anstatt frei zu sprechen“. Wenn man monoton spricht, egal ob schnell oder langsam, anstatt seinen Ausdruck ständig zu modulieren. Er darf schlichtweg keine getriebene Marionette, wie etwa jetzt der dröge Merz, sein. Autorität und Spontaneität sind untrennbar, denn die Autoritätsperson muß per Definition ein Schöpfer sein. Und sie muß in ihrem Denken und Handeln unabhängig sein, kein „Reichianer“ oder sonstiger „-ianer“. Sie muß den versklavten Massen die Selbststeuerung vorleben. Sie ist das verkörperte Ichideal der Freiheit!

In diesem Zusammenhang ist der gegenwärtige rechte Rand bis hin zum offenen Neo-Nationalsozialismus interessant, da hier erneut der „Willensmensch“ auftritt, d.h. der, wenn man so will, „alte Führer“, der „2033“ die Macht übernehmen soll. Er verkörpert den „Willen“, statt die Dinge organisch geschehen zu lassen („Hingabe“). Beispielsweise soll, ganz im Sinne Freuds, angesichts der Pornoflut die „Energie“ nicht „verschwendet“, sondern für den „Zivilisationsauftrag“ umgelenkt werden – statt Hingabe. Getragen wird das durch die Gegenwahrheit, daß genau das heute bei der Jugend fehlt: Willensstärke und Disziplin. Problem ist, daß wirklicher Wille nur organisch, „plasmatisch“ sein kann – das, was man neudeutsch so schön als „Flow“ bezeichnet: traumwandlerisch im „Flow“ sein. Also genau das, was sowohl gute Pick-Up Artists als auch gute Martial Artists ihren Klienten beibringen wollen: der Körper weiß, was er realitätsgerecht zu tun hat. Selbststeuerung, also das diametrale Gegenteil von Faschismus!

Nur diese Einstellung kann massenwirksam sein und den besagten „Neuen Führer“ auszeichnen. Also niemand, der irgendetwas „lehren“ oder gar „führen“ will, sondern jemand, der die spontan auftretenden wirklich (!) fortschrittlichen organischen gesellschaftlichen Strömungen aufgreift und ihnen eine Stimme verleiht, sie sozusagen „bewußtseinsfähig“ macht. Ich wüßte da gegenwirklich wirklich niemanden. Das einzige, was mir einfällt, ist, daß bei den heutigen Jugendlichen, die einerseits „frei“ sind, andererseits aber dermaßen konform und clonhaft, gerade Stirner wie eine Bombe einschlagen sollte. „Ohne Eigenheit ist Freiheit gar nichts.“

Das ganze wird akut, weil wir in Deutschland gegenwärtig vor einem gesellschaftlichen Kollaps stehen, der durchaus einen „neuen Hitler“ möglich macht. Der anstehende vollständig sinnlose und kontraproduktive Merzsche beispiellose Wahlbetrug und die Schuldenorgie kann nur dazu führen, daß offenbar wird, daß Schulden keinen Wert mehr haben, es weder Gläubiger noch Schuldner gibt – womit der gesamten Zivilisation, d.h. 200 000 Jahre Menschsein, die Grundlage entzogen ist. Frei nach Nietzsche ist ein Mensch jemand, der ein Versprechen machen (und einhalten) kann. Ohne das bleibt nur das Nichts, in das die geclonten willenlosen Lemminge stürzen werden. Und man glaube nicht, daß es nach „2045“ einen Wiederaufbau geben wird!

Ansonsten: unterscheidet sich der Fotzenfritzismus wirklich so stark vom Hitlerismus? Immerhin: es geht wieder gleichzeitig gegen Moskau und Washington!

Email [über Reich, Freud und Rationalität] 1999

22. Februar 2025

Email [über Reich, Freud und Rationalität] 1999

Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 19)

30. Januar 2025

Laskas Randnotizen zu Hans G. Helms‘ DIE IDEOLOGIE DER ANONYMEN GESELLSCHAFT (Teil 19)