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Die Massenpsychologie des Faschismus: 1933 und 2013

26. November 2013

1933 konstatiert Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus, daß die Soziologie durch Einbeziehung psychoanalytischer Erkenntnisse auf ein „höheres Niveau“ gelangt, „weil endlich der Mensch in seiner Struktur erfaßt wird“ (Fischer TB, S. 47).

Was die Psychoanalyse nicht erfaßte, sind die folgenden Punkte:

  1. Die „Analyse“ der geschichtsmächtigen Persönlichkeiten ist vollkommen gleichgültig, denn sie waren nur deshalb „geschichtsmächtig“, weil ihre Charakterstruktur mit der durchschnittlichen Charakterstruktur des Massenindividuums übereinstimmt.
  2. Gepanzerte Menschen können sich nicht selbst regulieren und sind deshalb von „Führern“ abhängig. Diese pestilenten Charaktere fokussieren und manipulieren die Emotionelle Pest, die in den Massen schlummert.
  3. Geschichte ist die Abfolge von Auseinandersetzungen zwischen Menschengruppen mit unterschiedlichen Charakterstrukturen.
  4. Die Charakterstruktur der Menschen reproduziert sich in der Familie. (Wie das heute geschieht wird in Reichs singuläre Stellung und Konias singuläre Stellung beschrieben.) Deshalb ist der Hauptansatzpunkt gesellschaftlicher Veränderungen die Kindererziehung. Hier verzahnt sich das Psychische und das Soziologische, das beides aus dem Biologischen hervorgeht.
  5. Die Entwicklung der orgonomischen Soziologie ist identisch mit der Entdeckung dieser Tatsache: psymarxsozorg
  6. Soziologische Prozesse werden nicht von psychologischen, sondern biologischen Prozessen bestimmt. Da dies nicht erkannt wird, setzt man sich nur mit den Symptomen auseinander, nicht mit der zugrundeliegenden Erkrankung (den Charakterstrukturen).
  7. In der Soziologie machen die üblichen psychoanalytischen Einteilungen in Bewußtes und Unbewußtes, in Über-Ich, Ich und Es, etc. nur bedingt Sinn. Wie Reich in seinem 1942 verfaßten Vorwort der revidierten Neuausgabe von Die Massenpsychologie des Faschismus ausführte, kann man die gesellschaftlichen Ideologien charakter-strukturell nur mit dem Dreischichten-Modell erklären: Fassade, mittlere (sekundäre) Schicht und Kern.
  8. Die Psychoanalyse hat nicht die Rolle der intellektuellen Abwehr (okulare Panzerung) erfaßt, vielmehr verstärkt sie diese, indem Unbewußtes bewußtgemacht und „verurteilt“ werden soll. Tatsächlich hat das Einbringen psychoanalytischer Ansätze in die Soziologie dazu beigetragen, diese weiter von der sozialen Wirklichkeit zu entfremden. Das war Reichs Kritik an der „bürgerlichen“ Psychoanalyse seiner Zeit, heute entspricht dies eher „linken“ Versuchen, die Psychoanalyse für die Soziologie fruchtbar zu machen.
  9. Die Psychoanalyse kann nicht zwischen primären und sekundären Trieben unterscheiden und hat deshalb keinen Maßstab dafür, welche gesellschaftlichen Kräfte zu unterstützen, welche zu bekämpfen sind: sie hat kein Sensorium für die Emotionelle Pest.
  10. Die Psychoanalyse hat, trotz allen Geredes über „das Unbehagen in der Kultur“ und den „Todestrieb“, die ganze Brisanz des Unbewußten, des Verdrängten und des Über-Ich nicht erfaßt: die mittlere (sekundäre) Schicht ist Ausdruck der Emotionellen Pest, d.h. der Niederschlag der Emotionellen Pest im Einzelnen. Die Emotionelle Pest strebt danach, die Quelle der Erregung auszuschalten, d.h. letztendlich das Leben selbst auszuschalten.
  11. Die Psychoanalyse macht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Prägenitalität und Genitalität und kann von daher nicht einschätzen, mit welchen Energien sie es zu tun hat, wenn beispielsweise von „sexueller Befreiung“ die Rede ist. Man kann die Genitalität nur ganz oder gar nicht freisetzen.
  12. Zum bioenergetischen Kern und damit zur Arbeitsdemokratie hat die Psychoanalyse keinen Zugang.
  13. Aus dem gleichen Grund hat sie keinen Zugang zu den „ozeanischen Gefühlen“ und kann deshalb den Hang zum Mystizismus in den Massen nicht richtig einschätzen.
  14. Veränderungen müssen nach bioenergetischen Gesetzmäßigkeiten erfolgen, ansonsten wird jede „Reform“ schlimmere und ausweglosere Zustände hervorrufen als zuvor. Das ist ähnlich wie in der individuellen Therapie.
  15. Die Psychoanalyse sieht nicht, daß Therapie nicht der Bewältigung neurotischer Konflikte, nicht einmal „Heilung“ zum Ziel haben kann, sondern nur die Mobilisierung der Selbststeuerung. Auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen, kann das nur bedeuten, die Menschen mit mehr Verantwortung für ihr eigenes Überleben zu belasten nicht mit weniger – und das dann noch als „sozialen Fortschritt“ zu bezeichnen.

Reich führt aus, daß man nie damit aufhören dürfe, die Verantwortung des „Kleinen Mannes“ hervorzuheben. Er müsse Eigenverantwortung für sein persönliches und soziales Leben entwickeln. Es läge ganz im Interesse der Großindustrie, diese Eigenverantwortung zu fördern und die Mitarbeit der Arbeiter zu gewinnen.

Die Produktion kann nur steigen und die gegenwärtigen Schwierigkeiten werden in dem Maße abnehmen, in dem die Arbeiter in der Industrie und Landwirtschaft lernen, ihren Teil der Verantwortung für Produktion und Distribution zu übernehmen. Sie werden dann aus Erfahrung lernen, daß es leichter ist die Firmenleitung zu kritisieren, als behilflich zu sein, die große Verantwortung zu tragen. Dies sind wichtige Faktoren in der andauernden gesellschaftlichen Revolution und kein Manager, der selbst arbeitet, wird dagegen sein. Ganz im Gegenteil weiß er, daß er weniger Verantwortung tragen muß, wenn die Arbeiter ihren Teil übernehmen. Die paar Menschen, die habgierig und machtbesessen sind, werden bald schweigen, ohne daß es notwendig wird, irgend etwas Einschneidendes gegen sie zu unternehmen. („The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 70)

Alle ökonomischen Probleme Gründen in der Hilflosigkeit der Massen und werden verschlimmert durch die kontaktlosen „Problemlösungen“ der Linksliberalen – die dann die von ihnen hervorgerufene Katastrophe als Argument vorbringen, um weitere linke Programme ins Leben zu rufen. Die Linksliberalen werden nie begreifen, daß „die soziale Existenz des Lebewesen Mensch (…) bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins (ist)“ (Ausgewählte Schriften, Köln 1976, S. 24). „Es gibt in dieser unserer sozialen Welt nichts, und es kann gar nichts geben, das nicht grundsätzlich vom Charakter und dem Verhalten der Menschen bestimmt wird. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme, ganz egal, was wir betrachten“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 126). Und deshalb werden die Linksliberalen niemals die Probleme begreifen und meistern können, die mit dem Kapitalismus verbunden sind.

Reich führt als Beispiel aus:

Der amerikanische Kapitalismus entstand in einer Gesellschaft aus kleinen Handwerkern und Ladeninhabern und ist nicht aus der Arbeitsteilung hervorgegangen. Der Massencharakter des Händlers hat ihn hervorgebracht und aufgrund der Geschäftigkeit und Blauäugigkeit der Arbeiter wurde er toleriert und ihm erlaubt zu wachsen – bis Morgan erschien. Auf diese Weise entwickelte sich der Kapitalismus aus einer Charakterstruktur heraus. Ich mußte erst meinen Weg durch all die Fehler der Freudianischen Psychologismen bahnen und die Lücke bei Marx entdecken, bevor ich die menschliche Charakterstruktur als Ursprung einer ökonomischen Entwicklung erkennen konnte. Charakter ist strukturelle Geschichte, aktive Reproduktion von Geschichte. In den USA reproduziert der Kleine Mann den Kapitalismus. (American Odyssey, S. 324f)

„Man komme mir“, schreibt Reich, „nicht mit der ‘sozialen Not’, denn diese soziale Not ist selbst letzten Endes Ergebnis einer Welt erstarrter Menschentiere, die überreichlich Mittel für Kriege, aber niemals genügend Mittel, minimale Bruchteile der Kriegskosten eines Tages für die Sicherung des Lebendigen aufbringen. Und dies ist so, weil diese verunglückten, versteiften Menschentiere kein Verständnis für das Lebendige und nur Angst davor haben. Überdies reicht keine andere Art sozialer Misere an die Misere der Kleinkinder biopathischer Eltern heran“ (Der Krebs, Fischer TB, S. 393). „Nicht die ‘materielle Not’ im Sinne der Marxschen Ökonomie macht die Neurosen, sondern die Neurosen dieser Menschen ruinieren ihre Fähigkeit, in dieser Not etwas Vernünftiges anzufangen, sich besser durchzusetzen, die Konkurrenz am Arbeitsmarkt auszuhalten, sich mit anderen ähnlicher sozialer Lage zu verständigen, den Kopf fürs Denken überhaupt frei zu haben“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 65).

Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 2)

8. Juli 2013

Was die Einteilung der Energone betrifft, hält Hass die geläufige Unterteilung in Pflanzen und Tiere bei:

Hier liegen zwei große klar unterschiedene Gruppen vor – ebenso wie im zweiten Evolutionsteil jene der Berufstätigen und Erwerbsorganisationen. Auf diese Weise wird freilich nach verschiedenen Kriterien eingeteilt: erst nach der Art des Energieerwerbes, dann nach der Integrationsstufe. Formal richtiger wäre die Einteilung: Einzeller, Vielzeller, Berufstätige, Erwerbsorganisationen. Da jedoch jedes Einteilungssystem etwas künstlich in die Natur Hineingetragenes ist, scheint mir übertriebene Konsequenz hier nicht am Platz. (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987, S. 93)

Man kann das Lebendige auch von Hass‘ „Hyperzeller-Theorie“ aus betrachten: Was wäre ein Wolf ohne Beine? Tot, denn er würde schnell verhungern. Was wäre eine Spinne ohne Netz? Tot, denn sie würde schnell verhungern. Der Unterschied ist nur, daß der Wolf ein Vielzeller ist, dessen sämtliche Organe zu seinem Zellgefüge gehören. Während eine Spinne imgrunde immer nur ein Zellgefüge plus ein zusätzliches Organ (das Netz) ist, das nicht zum Zellgefüge gehört. Deshalb ist die Spinne nicht nur ein Vielzeller, sondern auch ein Hyperzeller. Während sich der Zellkörper nur aus natürlichen Organen zusammensetzt, kann sich der Leistungskörpers zusätzlich auch aus „zusätzlichen Organen“ zusammensetzen. Ohnehin bedeutet „Organ“ (griechisch organon) nichts anderes als „Werkzeug“.

Stellen wir uns nun mal vor, wir würden den werten Leser nackig machen und irgendwo in der russische Tundra aussetzen. Außerdem hätten wir ihn lobotomiert, so daß er die Intelligenz eines durchschnittlichen Säugetiers hat und sich keine Werkzeuge bauen könnte. Er wäre selbst im Sommer innerhalb von Tagen, wenn nicht Stunden tot. Der Mensch kann nur als Hyperzeller überleben. (Seine Vorstellungen vom Paradies beinhalten stets Szenarien, in denen er „nur Vielzeller“ sein kann!)

Er ist noch weit mehr von seinen zusätzlichen Organen abhängig als die Spinne. Zum „Hyperzeller“ wird er dadurch, daß er seinen Beruf ausübt und genauso wie die Spinne mit ihrem Netz mit seinen Werkzeugen und Kenntnissen („immateriellen“ Werkzeugen) Energie gewinnt, um leben zu können (konkret erhält er Anweisungsscheine auf Energie: Geld). Da er aber in einer Firma angestellt ist und alleine seinen Beruf nicht ausüben könnte, ist er nur Teilorgan eines umfassenderen Hyperzellers: der „Soundso GmbH“. Etwa so, wie auch eine einzelne Ameise biologisch betrachtet ein Unding ist und nur als Teil des Ameisenhaufens biologisch sinnvoll funktioniert.

Ich brauche den Leser nicht zu erklären, daß einerseits die Firma, in der er arbeitet, ihm sein Leben garantiert, es aber andererseits zerstört, weil sie keinerlei Rücksicht auf ihn als „nacktes Menschentier“ nimmt. Seine zusätzlichen Werkzeuge kommen über ihn und zerstören ihn. Aus den Sklaven, d.h. den Werkzeugen des Menschen, werden die Meister. So geht es gegenwärtig allen Menschen und zwar nicht nur als Individuen, sondern auch als Tierart, denn die Entwicklung der vom Menschen ausgehenden Hyperzeller (die die Lebensentfaltung der Ein- und Mehrzeller bruchlos fortführen) macht nicht nur aus den Einzelnen Wracks, die ihr Leben nur im Suff ertragen können, sondern sie zerstört auch die Lebensbasis der Tierart Mensch: der Planet geht an der Umweltzerstörung zugrunde.

Über die vierte Art von Energonen (nach Pflanzen, Tieren und Berufskörperen) bzw. den Hyperzeller höherer Integration schreibt Hass:

Ebenso, wie vor mehr als einer Milliarde Jahren manche Arten von Einzellern dazu übergingen, größere, vielzellige Lebewesen zu bilden, kam es auch bei den Hyperzellern zur Bildung von größeren, auf gemeinsame Aufgaben ausgerichtete Erwerbsorganisationen. Und ähnlich, wie im vielzelligen Körper die Zellen größere, leistungsfähigere Organe aufbauen – zum Beispiel die aus vielen Zellen bestehenden Flossen, Augen und Knochen, so bestehen auch in den größeren, von Tausenden von Hyperzellern gebildeten Lebenskörpern „Abteilungen“, die auf bestimmte Aufgaben ausgerichtet sind, in Wirtschaftsunternehmen etwa die aus zahlreichen Hyperzellern gebildete Betriebsleitung samt ihren ausführenden Organen, die Produktionsabteilung, die Verkaufsabteilung und andere. (Hass: Die Hyperzeller, Hamburg 1994)

Damit kann man den Menschen funktionell mit den Einzellern vergleichen, aus denen die Vielzeller hervorgegangen sind. Hass:

Wie bis heute jeder vielzellige Organismus aus einer Einzelzelle – der Keimzelle – hervorgeht, so haben auch die größeren Leistungskörper, die der Mensch aus zusätzlichen Organen aufbaut, stets einen oder mehrere Menschen als steuerndes Zentrum. Ich bezeichne die größeren Lebenseinheiten als Hyperzeller und behaupte, daß sie die Evolution der Einzeller und der Vielzeller unmittelbar fortsetzen. (ebd.)

Anders ausgedrückt: aus Sicht des lebendigen Funktionierens ist nicht der biologische Körper, wie man ihn in Präparatesammlungen begutachten kann, wichtig, sondern das lebendige Leistungsgefüge als ganzes, das aus mehr Einheiten bestehen kann als der bloße Zellkörper.

In der Entwicklung der Energone von den Pflanzen bis zu den Tieren, lassen sich vier Entwicklungsstufen unterscheiden:

  1. das Erbrezept (das Genom) baut Organe auf, die dann nach eigener Kompetenz funktionieren (Pflanzen);
  2. zusätzlich baut das Erbrezept das Zentrale Nervensystem auf, das das Zusammenwirken der Organe koordiniert, wozu zusätzlich Rezepte vererbt werden (die Tiere mit ihren angeborenen Verhaltensprogrammen);
  3. das Zentralnervensystem übernimmt selbst die Bildung dieser Rezepte (das Säugetier als „Lerntier“);
  4. durch Vormachen und Nachahmung („Erziehung“) und durch Sprache, Schrift, etc. können diese erworbenen Rezepte „vererbt“ werden. (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, S. 47-51)

Das ist eine Entwicklung zu immer mehr Freiheit und Autonomie, die aber gleichzeitig mit einer zunehmenden Gefährdung von Freiheit und Autonomie einhergeht: im Gegensatz zu einem Fisch oder Reptil kann man ein Säugetier dressieren – und einen Menschen kann man fast beliebig „erziehen“, d.h. ihm ein „Über-Ich“ verpassen. Betrachtet man dazu parallel die Entwicklung der Organe von den angeborenen, über die erworbenen zu den selbst hergestellten Organen (Werkzeugen), hat man die Naturgeschichte des menschlichen Elends vor sich: die Einheit von Panzerung („Über-Ich“) und „technischer Zivilisation“:

  1. alle Organe werden vom Genom aus Zellen gebildet;
  2. das Genom enthält Verhaltensrezepte für den Erwerb und Gebrauch zusätzlicher Organe (z.B. der Einsiedlerkrebs und sein Schneckenhaus);
  3. mit Hilfe seines Zentralnervensystems kann der Mensch beliebig viele zusätzliche Organe zur Anwendung bringen;
  4. es kommt zur Ausbildung der technischen Zivilisation, in der der Mensch selbst zum Anhängsel der Maschine wird.
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