Reich unter den Psychoanalytikern der 1920er und Anfang der 1930er Jahre: Niemand konnte sich so wie er unter die Arbeiterklasse mischen, niemand konnte einfach so tanzen wie er, zelten und „andere wunderliche Dinge“ tun – niemand konnte so einfach er selbst sein wie er. Er war einfach er. Der Rest spielte immer eine Rolle, beispielsweise die des „Herrn Doktor“ und des unnahbaren Psychoanalytikers. Nichts ist für den gepanzerten Mann erschreckender als ein Mann, der einfach er selbst ist, ohne sich zu verstellen. Das ist OR, die Lebensenergie selbst, alles andere ist nur totes DOR. Reich war eine natürliche Kraft, die anderen waren nur tote Objekte, die von äußeren Kräften bewegt werden – weil sie nicht sie selbst sind, d.h. keinen inneren Antrieb haben.
Ich habe meine Probleme mit Trump, aber – ja: es gibt etwas an ihm, das die Menschen terrorisiert, seine „Unberechenbarkeit“ und sein „Populismus“ und Libertinismus. Er steht zu sich! Etwas, das sie an „etwas“ erinnert. Einfach nur man selbst zu sein, was das Einfachste sein sollte – aber eigentlich das Schwierigste ist. Wie das Atmen in einer Orgontherapie-Sitzung: einfach nur atmen, einfach man selbst sein. Der schlimmste Terror, den sich der gepanzerte Mensch vorstellen kann. All diese innerlich toten Politiker und all diese Zombies von Meinungsmachern – und dann tritt Trump auf den Plan. Wie ein Außerirdischer, wie Reich, der spekuliert, er sei ein „space man“. Und das alles, weil er einfach er selbst ist. Etwas „Fremdes“ betritt den Schauplatz – während alle anderen in Wirklichkeit von sich selbst entfremdet sind.
Reich hat ein ganzes Buch darüber geschrieben: Christusmord. Die Leute haben sich immer gefragt, wie Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum in die Bibliographie dieses Buches geraten ist. Das liegt daran, daß das Selbstsein der Schlüssel ist. Wir werden nie „frei“ sein, aber wir haben immer die Fähigkeit, unser Eigenheit zu wahren, einfach authentisch und uns selbst treu zu sein, identisch mit uns selbst. Spontanes, autonomes Funktionieren – die eigentliche Essenz des Orgons. Alles andere ist Zwang, Wahnsinn, Irrsinn: die Welt des gepanzerten, verDORrten „Lebens“.
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Ende 1843, also genau ein Jahr vor dem Erscheinen von Stirner Der Einzige und sein Eigentum, beklagt der Feuerbachianer Marx in seinem Aufsatz „Zur Judenfrage“, daß der Mensch nach der Französischen Revolution in der bürgerlichen Gesellschaft zur bloßen Monade wird:
(…) das Menschenrecht der Freiheit basiert [hier] nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Menschen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums. Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechtes der Freiheit ist das Menschenrecht des Privateigentums. (…) [es ist] das Recht, willkürlich (…), ohne Beziehung auf andre Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. (…) Sie läßt jeden Menschen im andern Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden. Sie proklamiert vor allem aber das Menschenrecht (…). (…) Die égalité, hier in ihrer nichtpolitischen Bedeutung, ist nichts als die Gleichheit der oben beschriebenen liberté, nämlich: daß jeder Mensch gleichmäßig als solche auf sich ruhende Monade betrachtet wird. (…) Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich die bürgerliche Gesellschaft nicht über ihren Egoismus. Die Sicherheit ist vielmehr die Versicherung ihres Egoismus. Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer egoistischen Person. Es ist schon rätselhaft, daß ein Volk, welches eben beginnt, sich zu befreien, alle Barrieren zwischen den verschiedenen Volksgliedern niederzureißen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen, daß ein solches Volk die Berechtigung des egoistischen, vom Mitmenschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen feierlich proklamiert (…), ja diese Proklamation in einem Augenblicke wiederholt, wo die heroischste Hingebung allein die Nation retten kann und daher gebieterisch verlangt wird, in einem Augenblicke, wo die Aufopferung aller Interessen der bürgerlichen Gesellschaft zur Tagesordnung erhoben und der Egoismus als ein Verbrechen bestraft werden muß.
Der Stalinismus war schon da, bevor der Marxismus (infolge von Marx‘ Auseinandersetzung mit Stirners Buch) überhaupt ausgearbeitet war! Um „frei“ zu sein, müsse das Individuum ganz in die Gesellschaft aufgehen. Mehr Gegenteil zu Stirner geht gar nicht!
Lassen wir noch mal den Judenhasser Marx zu Wort kommen:
Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine „forces propres“ (seine Eigenkräfte) als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.
Übrigens geht es hier um die Beseitigung des Staates („politische Kraft“) zugunsten der Gesellschaft („gesellschaftliche Kraft“). Dieses, das wohlgemerkt vor Marx‘ angeblich „wirtschaftswissenschaftlichen“ Einsichten vorlag, hat später Reich so an Marx fesseln sollen. Marx als Herold der Arbeitsdemokratie! Schaut man aber genauer hin und durchdringt diese Hegelianische Kauderwelsch, dann ist das die Verkündigung der vollständigen Tyrannei, in der es keinerlei Gewaltenteilung mehr gibt, keine Möglichkeit zur Opposition. Das beobachten wir heute ganz konkret in Ampel-Deutschland, wo Politik (Staatskunst) durch Gesellschaftspolitik (politische Durchdringung und Ideologisierung aller gesellschaftlichen Bereiche).
Marx zufolge wird das Proletariat die Enteignung herbeiführen, deren Ausdruck es selbst ist. Für das Proletariat werde die Philosophie das Gehirn und es selbst das Werkzeug der Philosophen sein.
Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. (…) Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen. (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 1844).
Mit anderen Worten: die Enteignung wird durch Enteignungen aufgehoben und die Klassenherrschaft durch Klassenherrschaft, d.h. die Herrschaft der Nomenklatura. Und das ganze unter dem Banner des Humanismus, des wahren Menschen, der wahren Menschlichkeit!
Angesichts des Ampel-Totalitarismus: Stirner ist unsere einzige, DIE EINZIGE, Rettung!
Es ist wirklich auffallend: praktisch jeder, der sich bei der Wahl zwischen Reich und Freud für den letzteren entscheidet, argumentiert quasi „Schopenhauerisch“. Er ziehe den Stoiker Freud vor, weil der illusionslos gewesen sei, was die Natur des Menschen und dessen Stellung im Universum betrifft. Das ist so bezeichnend, weil Nietzsche auf diese Weise Stirner entkommen ist. Wie Laska entdeckt hat, hat Nietzsche seine schicksalswendende Entdeckung von Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung vorgeschoben, um so die Erschütterung durch Stirners Der Einzige und sein Eigentum zu bewältigen und den Konsequenzen durch Pseudoradikalität auszuweichen: die gesellschaftliche Sauerei verblaßt zu einem Nichts, weil das ganze Universum die Hölle ist. Jeder, der ein optimistisches Weltbild hat, ist entsprechend, so Nietzsches Meinung, ein verachtenswerter Philister.
Diesen Mechanismus, dieses Weglaufen von Stirner und Reich in die vermeintliche Illusionslosigkeit findet sich immer wieder in der Rezeptionsgeschichte der Werke Stirners und Reichs. Man nehme etwa das erste Buch des Psychoanalytikers und Historikers Bernd Nitzschke:
[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]
Der Vordenker eines „zukunftsfähigen Konservatismus“, Günter Rohrmoser, behandelt Stirner wie folgt:
Diese Individualisierung und das mit ihr verbundene Freiheitsprinzip sind Ausdruck einer geschichtlichen Entwicklung, die Max Stirner, ein Philosoph des 19. Jahrhunderts, in seinem Buch Der Einzige und sein Eigentum charakterisiert hat. Es ist die Tendenz, daß jeder einzelne sich mit seinen Bedürfnissen, seinen Interessen und Ansprüchen selbst zum Absoluten erklärt und jede Beschränkung seines Willens zur Erfüllung der eigenen Ansprüche als eine unerträgliche Einschränkung und Unterdrückung seiner Freiheit versteht. Nietzsche hat diese Tendenz die „atomistische Revolution“ genannt, das heißt die Auflösung aller innerlich zusammenhaltenden, Gemeinschaft schaffenden Kräfte. (Rohrmoser: Der Ernstfall. Die Krise unserer liberalen Republik, Berlin: Ullstein, 1994, S. 423)
Und nochmal – mit den gleichen Worten:
Was sich nach dem Wiederaufbau der Gesellschaft nach dem Kriege in Deutschland entwickelt hat, ist eine Gesellschaft, die dabei ist, alles zu revidieren, was als Grundlage für ihren Aufbau von Bedeutung war. Die zunehmend postmodern sich verfassende Gesellschaft ist die Konsequenz eines seit langem andauernden, nun sich beschleunigenden Prozesses der Individualisierung. Die einzig beachtenswerte Substanz in dieser Gesellschaft scheint der einzelne zu sein, der sich in seinem Recht absolut setzt. Das sich absolut setzende Individuum negiert jede es übersteigende objektive Allgemeinheit. Das ist das Zeitalter Max Stirners: Jedes Individuum ist im Verhältnis zu sich selbst das Absolute. Wenn dieser Prozeß der Individualisierung und des Hedonismus sich weiter durchsetzt, muß das zwangsläufig zur inneren Auflösung der Gesellschaft führen. Es wird die „atomistische Revolution“ (Nietzsche) eintreten. Nietzsche sah, daß aus dem Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft, aus der Selbstzersetzung und der Dekadenz der bürgerlichen Kultur die atomistische Revolution hervorgehen und die Gesellschaft sich in Anarchie auflösen werde. Die Individuen sind nicht mehr bereit, irgendeine durch die Geschichte gewordene oder vermittelte Autorität anzuerkennen. (ebd., S. 425)
Bezeichnend ist, daß sich der christliche Philosoph Rohrmoser auf den Antichristen Nietzsche beruft, um vor der geistigen Atombombe Stirner zu warnen. Auch interessant, daß Rohrmoser die gleichen Befürchtungen hegt, wie vor 150 Jahren Marx angesichts Stirners: Zersetzung und Anarchie! Rohrmosers Befürchtungen ähneln auch denen des Super-Marxisten Hans G. Helms (Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, 1966) der Stirner schnurstraks mit den Nationalsozialisten und allem Bösen in der Welt kurzschloß.
Vielleicht bezieht sich Rohrmoser auf folgende Stelle aus Nietzsches Schopenhauer als Erzieher (nach Laskas Theorie hat Schopenhauer Nietzsche vor Stirner „gerettet“):
Es sind [im modernen Leben] gewiß Kräfte da, ungeheure Kräfte, aber wilde, ursprüngliche und ganz und gar unbarmherzige. Man sieht mit banger Erwartung auf sie hin wie in den Braukessel einer Hexenküche (…). Seit einem Jahrhundert sind wir auf lauter fundamentale Erschütterungen vorbereitet; und wenn neuerdings versucht wird, diesem tiefsten modernen Hange, einzustürzen oder zu explodieren, die konstitutive Kraft des sogenannten nationalen Staates entgegenzustellen, so ist doch für lange Zeiten hinaus auch er nur eine Vermehrung der allgemeinen Unsicherheit und Bedrohlichkeit. Daß die Einzelnen sich so gebärden, als ob sie von allen diesen Besorgnissen nichts wüßten, macht uns nicht irre: ihre Unruhe zeigt es, wie gut sie davon wissen; sie denken mit einer Hast und Ausschließlichkeit an sich, wie noch nie Menschen an sich gedacht haben, sie bauen und pflanzen für ihren Tag, und die Jagd nach Glück wird nie grösser sein, als wenn es zwischen heute und morgen erhascht werden muß: weil übermorgen vielleicht überhaupt alle Jagdzeit zu Ende ist. Wir leben die Periode der Atome, des atomistischen Chaos. Die feindseligen Kräfte wurden im Mittelalter durch die Kirche ungefähr zusammengehalten und durch den starken Druck, welchen sie ausübte, einigermaßen einander assimiliert. Als das Band zerreißt, der Druck nachläßt, empört sich eines wider das andre. Die Reformation erklärte viele Dinge für Adiaphora, für Gebiete, die nicht von dem religiösen Gedanken bestimmt werden sollten; dies war der Kaufpreis, um welchen sie selbst leben durfte: wie schon das Christentum, gegen das viel religiösere Altertum gehalten, um einen ähnlichen Preis seine Existenz behauptete. Von da an griff die Scheidung immer weiter um sich. Jetzt wird fast alles auf Erden nur noch durch die gröbsten und bösesten Kräfte bestimmt, durch den Egoismus der Erwerbenden und die militärischen Gewaltherrscher. Der Staat, in den Händen dieser letzteren, macht wohl, ebenso wie der Egoismus der Erwerbenden, den Versuch alles aus sich heraus neu zu organisieren und Band und Druck für alle jene feindseligen Kräfte zu sein: das heißt, er wünscht daß die Menschen mit ihm denselben Götzendienst treiben möchten, den sie mit der Kirche getrieben haben. Mit welchem Erfolge? Wir werden es noch erleben; jedenfalls befinden wir uns auch jetzt noch im eistreibenden Strome des Mittelalters; es ist aufgetaut und in gewaltige verheerende Bewegung geraten. Scholle türmt sich auf Scholle, alle Ufer sind überschwemmt und gefährdet. Die Revolution ist gar nicht zu vermeiden und zwar die atomistische: welches sind aber die kleinsten unteilbaren Grundstoffe der menschlichen Gesellschaft? (KSA Bd. 5, S. 367f)
Es sind die selbstsüchtigen tierischen Triebe und die hündische Feigheit des Menschen. Doch „der Schopenhauerische Mensch nimmt das freiwillige Leiden der Wahrhaftigkeit auf sich“ (ebd., S. 371). Schon bei Nietzsche findet sich dergestalt nicht nur Stirner vs. Schopenhauer, sondern bereits mehr als deutlich Reich („der revolutionäre Träumer“) vs. Freud („der abgeklärte Realist“).
Dieser innere Konflikt Nietzsches, der den Kern unserer gesamten Kultur ausmacht, zieht sich in den Folgejahren durch Nietzsche Oeuvre. Das geht bis Der Fall Wagner (KSA Bd. 6, S. 27), wo von „(…) Anarchie der Atome (…) ‚Freiheit des Individuums‘ (…) ‚gleiche Rechte für Alle‘ (…)“ die rede ist, wobei er sich hier wohl in erster Linie auf Rousseau (indirekt also auf Marx!) und wieder auf das (bzw. Rohrmosers) Christentum bezieht. Denn was habe das Christentum „am besten und längsten“ gelehrt? Die „Seelen-Atomistik“ (Jenseits von Gut und Böse, KSA Bd. 5, S. 27). Das ganze geht also bis auf den (gnostischen) Christus zurück… Zu Christus und Stirner siehe Bd. 1 von Der verdrängte Christus.