Posts Tagged ‘Deutschland’

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 41)

16. April 2021

An anderer Stelle habe ich deutlich gemacht, warum sich die Wehrmacht trotz mangelnder Ressourcen und einer, zumindest anfangs, mittelmäßig bis schlechten Ausrüstung gegen eine ganze Welt behaupten konnte. Während etwa die russischen Streitmächte, aber insbesondere die amerikanischen, eine blinde, rein mechanisch funktionierende „Militärwalze“ waren, agierten die Einheiten der Wehrmacht (natürlich immer im Rahmen der teilweise idiotischen Vorgaben des Stabes) weitgehend autonom und quasi „arbeitsdemokratisch“, so daß selbst die Entschlüsselung von Enigma durch die Alliierten nur begrenzten Schaden anrichtete.

Vielleicht noch entscheidender war jedoch der Faktor der Homogenität. Während die anderen Armeen ganz bewußt „zusammengewürfelte Haufen“ ohne eigene Identität waren, um sie zu schlagkräftigen Einheiten formen zu können, stellte die Wehrmacht ihre Einheiten ganz bewußt nach landsmannschaftlichen Kriterien zusammen. Teilweise kannten sich die Soldaten seit ihrer Kindheit! Und das war durchaus nicht im Sinne der Naziideologie, die ein einheitliches stromlinienförmig „modernes“ durchaus „unvölkisches“ Deutschland (bzw. natürlich übernationales „Großgermanien“) anstrebten, sondern entsprach der „völkischen“ und „reaktionär kaiserlichen“ Grundhaltung des Offiziersstabs. Die Soldaten verstanden sich, konnten in jeder Hinsicht blind aufeinander vertrauen und es gab keine Reibungsverluste. Man war (wie gesagt teilweise von Kindheitsbeinen an) ein eingespieltes Team und der Krieg war eine organische Fortsetzung der „Cowboy-und-Indianer-Spiele“.

Das hat beispielsweise meinem Vater das Leben gerettet. Als er mit seinem rein aus Hamburgern bestehenden Zug, nur mit Karabinern und ein paar Handgranaten bewaffnet, durch die belgische Pampa marschierte und plötzlich ein englischer Panzerverband auf sie zuhielt, hat der Hauptfeldwebel, ein gemütlicher Kaufmann und Familienvater aus Hamburg, seine Leute zusammengerufen, man verstand sich, warf die Waffen in den Straßengraben und organisierte weiße Fahnen. Hätte das bei einem zusammengewürfelten Haufen funktioniert, wo niemand einschätzen kann, ob nicht irgendein Schwein austillt und „den Verräter“ erschießt?

Ich bin gerade an Straßenbauarbeitern vorbeigekommen, ausnahmsweise mal alles nur Deutsche, und mir fiel der Blick und das Lächeln auf, das einer einem seiner Kollegen zuwarf, als er irgendeine Anweisung gab. Diese Vertrautheit und (im besten Sinne des Wortes) „Kumpelhaftigkeit“, diese fast liebevollen Blicke findet man ansonsten nur bei alten Ehepaaren. Und so war es schon im Sandkasten. Das ist evolutionsbiologisch sofort einsichtig, denn einerseits sind Männer wegen ihres Testosterons auf Distanz und Konkurrenz gepolt, doch andererseits hängt das Überleben schon von Schimpasenhorden von „Männerbünden“ und „Männerfreundschaften“ ab, denn nur so kann die Horde sich gegen Feinde durchsetzen und das notwendige Protein erjagen. Das ist aber nur möglich, wenn man von Kindheit an aufeinander eingetuned ist bzw. beim Menschen „die gleiche Sprache spricht“, auch die nonverbale und implizite: man weiß blind, was der andere meint und will, selbst wenn man ihn weder sieht noch hört. „Diversität“ zerstört das und macht die Gruppe ineffektiv und schutzlos.

In Grenzen und wohlverstanden: Nationalismus und das „Völkische“ sind untrennbar mit der Arbeitsdemokratie verbunden. „Diversität“ ist eben nicht unsere Stärke, sondern führt schnurstraks zu Zerfall und Untergang.

Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 5)

26. Oktober 2020

von Paul N. Mathews

 

Reich blickte mit Hoffnung auf Amerika, ungeachtet echter Missstände und Ungerechtigkeiten. Aber die Aktivitäten und Verzerrungen der Freiheitskrämer ließen ihn um den Fortbestand Amerikas als Bastion der allmählichen sozialen und sexuellen Revolution fürchten und das versetzte ihn wegen der Säuglinge und Kinder in Sorge.

Das lag daran, dass er deutlich sah, wie wenig die Freiheitskrämer die charakterologischen – bzw. biologischen – Voraussetzungen für die Selbstverwaltung und die Fähigkeit der Massen in dieser Hinsicht verstanden. Die Tendenz, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten, vom Privat- zum Staatskapitalismus überzugehen, hielt er angesichts der bestehenden Charakterstruktur für bedrohlich. Dieser Prozess erschien ihm als der eigentliche Mechanismus zur Schaffung eines faschistischen Staates – wie in Nazi-Deutschland und der Sowjetunion (1, S. 280-284)h. Obwohl er keine große Bewunderung für engstirnige Kapitalisten hatte, setzte Reich sie nicht mit Faschisten gleich, sondern betrachtete sie als Anhänger einer Wirtschaftsphilosophie und -praxis, die in einer gepanzerten Welt zu erwarten sind, genauso wie auch Sozialisten. Für Reich waren die Übel des Staatskapitalismus nicht auf dessen kapitalistische Züge zurückzuführen, sondern auf die Unfähigkeit der Massen, ihr Leben selbst zu verwalten, wodurch immer mehr Macht an Bürokraten verlagert wurde, die sich in Führeri verwandeln (7, 8)j. Der charakterologische bzw. biologische Faktor ist viel tiefer als alle Klassen- oder Wirtschaftsunterschiede und überschreitet alle Grenzen.

Der wesentliche Bestandteil für eine gesunde Gesellschaft ist der Kontakt zum Kern. Hier bot Reich eine höchst sinnvolle Herangehensweise für das menschliche Dilemma an: Arbeitsdemokratie, die die besten Merkmale der kapitalistischen Individualität und des Unternehmertums und der sozialen Kooperationsfähigkeit in sich vereinte, jedoch über beides hinausging durch ihre Betonung freudvoller Arbeit auf der Grundlage genitaler Gesundheit. Ein System ohne willkürliche Klassifikationen von Proletariat und Nichtproletariat, sondern das vielmehr all jene umfasst, die die „lebensnotwendige Arbeit“ als Ausdruck ihrer natürlichen Fähigkeit zu Arbeit, Liebe und Wissen leisten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

h Massenpsychologie, ebenda, S. 251-255.

Zitate: „So grundverschieden auch die staatliche Kontrolle der sozialen Produktion und Konsumtion in Rußland, Deutschland, Skandinavien und den Vereinigten Staaten aufgrund der historischen Entwicklung ausfiel, es gab dennoch einen gemeinsamen Nenner: die Unfähigkeit der Menschenmassen zur Selbstverwaltung der Gesellschaft, und aus dieser gemeinsamen Grundlage der staatskapitalistischen Entwicklung folgt logisch und einfach die Gefahr der Entwicklung autoritärer Diktaturen. (…) Es gibt in Wirklichkeit, gesehen von der Struktur und Ideologie der arbeitenden Menschenmassen, keine einzige konkrete Garantie dafür, daß sich aus der staatskapitalistischen Richtung keine Diktatur entwickelt.“

„Der deutsche und der russische Staatsapparat waren aus alten Despotismen hervorgegangen. Das charakterliche Untertanentum der Menschenmassen war daher in Deutschland und Rußland außerordentlich stark. So führte in beiden Fällen die Revolution mit der Treffsicherheit irrationaler Logik zu neuem Despotismus. Verglichen damit ging der amerikanische Staatsapparat aus Menschengruppen hervor, die sich dem europäischen und asiatischen Despotismus durch die Flucht in eine jungfräuliche, von aktuell wirksamen Traditionen freie Gegend entzogen hatten. (…) Wenn wir den Tatsachen gerecht sein wollen, dann müssen wir, ob wir es wollen und mögen oder nicht, feststellen, daß die Diktatoren Europas, die sich auf Millionenmassen stützten, durchwegs aus den unterdrückten Volksschichten stammen.“

„Der Einfluß der Charakterstruktur der Menschenmasse ist entscheidend für die Staatsform, gleichgültig ob sie sich durch Passivität oder durch Aktivität ausdrückt.“

i Im Original steht: führers

j Hayek: Der Weg zur Knechtschaft. Olzog, München 2009. (Erstübersetzung: Eugen Rentsch, Erlenbach-Zürich 1945.)
Burnham: Das Regime der Manager. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1951

 

Literatur

1. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. Translated by Theodore P. Wolfe, M.D. New York: Orgone Institute Press, 1946.
7. Hayek, F. A.: The Road to Serfdom. Chicago: University of Chicago Press, 1962.
8. Burnham, J.: The Managerial Revolution. New York: John Day Co., 1941.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)

nachrichtenbrief146

27. Januar 2020

Ergänzung zu NACHRICHTENBRIEF145

1. Januar 2020

In nachrichtenbrief145 ging es darum, daß Deutschland Opfer der Emotionellen Pest wurde, weil in ihm die Arbeitsfunktion einigermaßen frei operierte und entsprechende Früchte zeitigte, was bei anderen zu „Neid und Mißgunst“ führte. An dieser Aussage ist nichts falsch, aber sie ist doch etwas flach, denn letztendlich geht es um den grundlegenden Gegensatz zwischen Emotioneller Pest und Arbeitsdemokratie. Warum verkörperte Deutschland die Arbeitsdemokratie?

Zunächst einmal hat Reich das Konzept der Arbeitsdemokratie ungefähr von 1937 bis 1942 ausgearbeitet, d.h. vor einem deútschen Erfahrungshintergrund und mit „deutscher Gesinnung“ – und natürlich ausschließlich in deutscher Sprache. Es ist zweifelhaft, ob er es als Angelsachse oder Franzose hätte schreiben können. In den Ländern Westeuropas gab es von jeher vielleicht ein „Klassenbewußtsein“ (insbesondere in England und Frankreich), aber mit Sicherheit kein Fachbewußtsein, d.h. ein Bewußtsein des eigenen Könnens und der eigenen Produktivität, der Stolz Teil einer langen Handwerkstradition zu sein und auf eigene Initiative zu arbeiten und nicht nach vorgegebenen Blaupausen, a la „Qualitätsmanagement“, das uns die angelsächsische Welt gegenwärtig aufzwingt. Dort war man Teil eines Getriebes, in das man eingewiesen wurde, frei nach Chaplins Moderne Zeiten, während man in Deutschland Herr über den eigenen Arbeitsbereich war.

Worum es bei diesem ganzen Komplex geht, zeigt etwa eine Untersuchung über die Haltung der Amerikaner zu Deutschen. Anfang der 1930er Jahren galten die Deutschen als „wissenschaftlich orientiert, fleißig, schwerfällig (stolid), intelligent, methodisch“. Weiter heißt es:

Die Wurzeln dieses Stereotyps reichen historisch weit zurück. Schon 1753 charakterisiert Benjamin Franklin die deutschen Einwanderer als fleißig. Er schreibt, „daß die Engländer in der Neuen Welt fauler zu werden schienen. Aber das ist nicht so bei den Deutschen; sie bewahren ihren gewohnten Fleiß und ihre Sparsamkeit und bringen sie mit …“ (…). Die Charakterisierung der Deutschen als ‚fleißig‘ hängt mit den Berufen und der Schichtzugehörigkeit der deutschen Einwanderer zusammen: es waren Bauern und Handwerker. (…). Häufig ist im 18. und 19. Jahrhundert das mittelständischer Handwerkstradition entsprechende „deutsche Familienunternehmen, das nicht gewillt ist, die Qualität seiner Arbeit seiner geschäftlichen Ausdehnung zu opfern“ (…). Im 19. Jahrhundert waren sie „von der Oberschicht der neuenglischen Handelskapitäne und den sich neu herausbildenden Industriedynastien … um Welten entfernt …“ (…). (Stapf, Stroebe, Jonas: Amerikaner über Deutschland und die Deutschen, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1986, S. 40)

Geschichtlich ging dieser grundsätzliche Unterschied zwischen den Deutschen und den Westeuropäern darauf zurück, daß der deutsche Kaiser eigentlich von vornherein eine Witzfigur war. Was hatte jemals ein Kaiser mit der freien Reichsstadt Hamburg zu tun? Bis heute nimmt ein echter Hanseat Orden und Ehrungen ausschließlich vom Hamburger Senat an. Undenkbar, etwa das Bundesverdienstkreuz zu akzeptieren. – Der Kaiser hatte nicht viel zu melden, mußte ständig um seine Finanzierung besorgt sein, zog anfangs von Pfalz u Pfalz und auch später gab es nie eine echte Machtzentrale. Anfangs wurde er sogar von den Kurfürsten gewählt! Er war geschwächt durch den Investiturstreit und nicht zuletzt wegen der hoffnungslosen territorialen Zersplitterung des Landes. In vieler Hinsicht war das Reich so, wie sich die Gründerväter der USA, Kinder des zentralistischen Englands, die neue Nation erträumten: ein Bund von Staaten, in der sich die verschiedenen Machtebenen gegenseitig in Schach halten, um dem Bürger eine möglichst große Freiheit und Sicherheit zu garantieren und diesen frei agieren zu lassen. Die USA waren zumindest der Versuch, sich der Tendenz, die das gesamte westliche Europa erlegen war, zu widersetzen: die Machtkonzentration und dem damit einhergehenden allumfassenden Schlendrian und Ineffizienz. Aber es ist immer noch die angelsächsische Welt…

Die grundlegende Auseinandersetzung zwischen der „Reichsidee“ und „dem Westen“ kulminierte in der Auseinandersetzung zwischen der „arbeitsdemokratisch“ organisierten Wehrmacht und den rein maschinellen Verbänden der Alliierten, insbesondere denen der USA.

Siehe dazu Die Saharasia-Theorie im Lichte der Arbeitsfunktion und Arbeitsdemokratie und Kriegsführung.

nachrichtenbrief145

26. Dezember 2019

nachrichtenbrief137

2. November 2019

nachrichtenbrief136

27. Oktober 2019

Deutschland und die Emotionelle Pest REDUX (Teil 5)

18. Mai 2019

Deutschland und die Emotionelle Pest (Teil 29)

Deutschland und die Emotionelle Pest REDUX (Teil 4)

17. Mai 2019

Deutschland und die Emotionelle Pest (Teil 28)

Deutschland und die Emotionelle Pest REDUX (Teil 3)

16. Mai 2019

Deutschland und die Emotionelle Pest (Teil 27)