Posts Tagged ‘masochistischer Charakter’

Frank-Reich (Teil 3)

11. September 2026

Boris Fraenkel gab zwei Ausgaben der Zeitschrift Partisans über Reich heraus („Sexualité et répression“, Nr. 32-33, 1966, und 66-67, 1972). Die letztere Ausgabe enthielt Übersetzungen mehrerer Aufsätze von Reich, Otto Fenichel und Karl Teschitz aus der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie und des Reich-Bernfeld-Austauschs über „Der masochistische Charakter“ sowie Aufsätze verschiedener anderer Autoren. Beispielsweise Bertell Ollman und ein Johann Arnasson mit „Von Marcuse zu Marx“ und zwei Aufsätze über die Unterdrückung der Homosexualität von einem Pierre Hahn. Partisans wurde von François Maspero herausgegeben, einem kleinen linken Verleger, der durch die französische Ausgabe von Neills Summerhill bekannt wurde. Maspero veröffentlichte auch eine Übersetzung von Der sexuelle Kampf der Jugend.

Fraenkel stellte auch die Bibliographie für eine Ausgabe des Magazine littéraire (Nr. 74, 1973) zusammen, deren zentrales Dossier Reich gewidmet war. Die Ausgabe enthielt mehrere Beiträge von Personen, die sich für den Freudo-Marxismus interessieren: Constantin Sinelnikoff, Marc Kravetz, André Nicolas („Wilhelm Reich und die Arbeitsdemokratie“), François George („Reich, Freud et la psychanalyse“, kaum wohlwollend und in gewisser Weise ähnlich wie Guillebaud), sowie zwei Beiträge von Fraenkel selbst: „Repères biographiques“ (S. 12-13) und, wie erwähnt, eine Bibliographie (S. 14-18). In „Repères biographiques“ sagt Fraenkel fast nichts über Reichs orgonomische Forschung: „1934-1939: Aufenthalt in Oslo. WR wendet sich einer Art Bio-Energetik zu“ und „1954: Die FDA leitet ein Verfahren gegen ihn wegen illegaler Ausübung der Medizin ein“.

Fraenkel sagt auch, daß die französische Veröffentlichung von The Function of the Orgasm (1942) im Jahr 1952 völlig unbemerkt blieb, was bei La crise sexuelle (eine Übersetzung von 1934 des 1930 erschienenen Reich-Buches Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral, aus dem dann Die sexuelle Revolution wurde, gefolgt von einer Kritik durch den Kommunisten Sapir) nicht der Fall war. Ein Teil von The Function of the Orgasm war 1950 in der französischen psychoanalytischen Zeitschrift Psyché veröffentlicht worden. Die zweite Auflage von 1967 mit 3000 Exemplaren war jedoch schnell ausverkauft und Fraenkel lobt sich selbst dafür, daß er einer der ersten war, der sie verbreitete. Er merkt auch an, daß die französische Übersetzung von Die sexuelle Revolution (1968) besser ist als die in anderen Sprachen, weil der Übersetzer, der Freudo-Marxist Sinelnikoff, mit der Nachlaßverwalterin Higgins darum gerungen habe, dem Original so treu wie möglich zu bleiben.

Auf S. 17 des Magazine littéraire schreibt Fraenkel: „Von einem bestimmten Zeitpunkt an ebnete Reich alles immer mehr ein, politisch und persönlich.“ „[I]n diesem Zustand verstümmelte er seine frühere Arbeit und ging sogar so weit, sie in einigen Fällen schlicht und einfach zu fälschen.“ Mehrere Autoren haben Reich für seine ausgereiften gesellschaftspolitischen Ideen angegriffen, aber, soweit ich es überblicke, hat nur Fraenkel von Fälschung gesprochen. Über die 3. Auflage von Charakteranalyse schreibt er, sie sei ein „typisches Beispiel dafür, wie es Reich in der letzten Periode seines Lebens gelang, sich in den Augen einer ernsthaften und reifen Öffentlichkeit zu diskreditieren“ (S. 15). Und er äußert sich positiv über die Studie eines deutschen Trotzkisten, „der mir in seiner Kritik an Wilhelm Reich auf höchstem Niveau zu sein scheint“: Helmut Dahmer.

Einer der Autoren erwähnt einen Artikel von Claude Revault d’Allonnes aus dem Jahr 1971 (eine Psychologieprofessorin, damals bereits Dozentin – maître de conférences). Ich konnte ihn in der Rubrik „Die Jugend verstehen“ in der Zeitschrift Preuves, Nummer 8 der neuen Reihe, 1971, S. 81-92, lesen. Der Titel lautet „Pourquoi ils se passionnent pour Wilhelm Reich“ („Warum sie von Wilhelm Reich fasziniert sind“, gefolgt von „Lange Haare: mehr als eine Mode“). Der Aufsatz enthält einige gute Argumente, indem er beispielsweise die Entwicklung der sexuellen Normen, die in Richtung der sexuellen Revolution gehen, der Haltung der Behörden von 1968 gegenüberstellt, die die Forderung nach einem Miteinander der Geschlechter an der Universität von Nanterre nur für eine Laune hielten. Frankreich war damals ein Land mit einer sehr konservativen Moral, und der Mai 68 hatte auch gute Seiten. Aber selbst danach wurde ein Philosophielehrer mit festem Lehrauftrag entlassen, weil er im Unterricht Reichs Ideen diskutiert hatte.

Zu den Autoren derselben Ausgabe von Preuves gehörten François Mitterrand (der Reich in seinem 1978 erschienenen Buch L’Abeille et l’Architecte, dt. Titel: Die Biene und der Architekt, erwähnte), Chevènement (mehrfacher Minister in den sozialistischen Regierungen), Paul Stehlin, der damalige Pariser Abgeordnete, usw.

Revault d’Allonnes sagt, sie habe bemerkt, daß sich die Studenten viel häufiger auf Reich als auf Marcuse bezogen, „um ihre Kämpfe zu führen“. Sie luden sie auch ein, über Sexualität zu sprechen.

Orgontherapie 2026 (Teil 7)

20. März 2026

Ich habe mit mehreren Orgontherapeuten und „Orgonpatienten“ darüber gesprochen: Orgontherapie über eine Videokamera ist möglich. Damit fällt (mal abgesehen von den Finanzen!) jedwede Ausrede weg, sich keiner Orgontherapie lege artis zu unterziehen.

In einer Orgontherapie wird der Charakter behandelt. Folglich muß am Anfang der Behandlung eine Diagnose stehen, eine „Charakterdiagnose“. Zur Klassifikation bieten sich die Zustände der Orgonenergie an (OR, ORANUR, DOR) oder ihre pulsatorische Bewegung (die E-Motionen: Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer). Da wir es aber mit der Charakter-Struktur zu tun haben, sind die sieben Panzersegmente naheliegender (Augen, Mund, Hals, Brust, Zwerchfell, Bauch, Becken).

Tatsächlich beruht Reichs provisorische Aufteilung der Charaktere in seinem Buch Charakteranalyse auf den Vorarbeiten Freuds und anderer Psychoanalytiker (Jones, Abraham, etc.). Diese gingen von den erogenen Zonen bzw. erogenen Stufen aus. In der Entwicklung werden nacheinander die oralen, analen und genitalen „Zonen“ libidinös besetzt. Hemmungen in der Entwicklung führen zum „analen“ Zwangscharakter. Es ist nur folgerichtig diese Vorstellung mit Panzerung im Kopf- und Beckenbereich zu verbinden.

Reich stellte sich die Situation zur Zeit von Charakteranalyse wie folgt dar, wobei es jeweils um die Bewältigung des ödipalen Konflikts geht:

  • Rückkehr zum infantilen Sexualobjekt mit Verbleib auf der genitalen Stufe. Flucht vor dem Sexualobjekt: Hysterie
  • Rückkehr zur infantilen Sexualität (anale Stufe): Zwangsneurose
  • Abwehr der Rückkehr zur Analität mit Verbleib auf der phallischen Stufe: phallischer Narzißmus

Die letztere Charakterstruktur wurde 1926 von Reich selbst in die Psychoanalyse eingebracht. Von diesem Gerüst ausgehend und mit Rückgriff auf den von Reich zusätzlich beschriebenen passiv-femininen Charakter, den masochistischen Charakter und (später) den schizophrenen Charakter hat Elsworth F. Baker die orgonomische Charakterologie entworfen. Dazu hat er eine weitere libidinöse Stufe postuliert: die okulare. Die dreizehn wichtigsten Charaktere werden im folgenden frei nach Bakers Der Mensch in der Falle schematisch präsentiert:

charakter13

Wir haben:

  1. reiner hysterischer Charakter
  2. hysterischer Charakter mit einem verdrängten oralen Block
  3. hysterischer Charakter mit einem unbefriedigten oralen Block
  4. reiner phallischer Charakter
  5. phallischer Charakter mit einem verdrängten oralen Block
  6. phallischer Charakter mit einem unbefriedigten oralen Block
  7. chronisch-depressiver Charakter
  8. manisch-depressiver Charakter
  9. Zwangscharakter
  10. masochistischer Charakter
  11. passiv-femininer Charakter
  12. paranoid-schizophrener Charakter
  13. kataton-schizophrener Charakter

Es gibt weitere Charaktere, aber die sind „mangels Patientenmasse“ nur von akademischem Interesse. (Selbst der masochistische Charakter kommt wohl eher selten vor und wird hier nur wegen seiner Bedeutung für die Geschichte der Orgonomie aufgelistet!)

Die im obigen Schema skizierte Charakterologie ist nicht am Schreibtisch, sondern seit Ende des vorletzten Jahrhunderts sukzessive in der Klinik entstanden. Beispielsweise könnte man fragen, warum es keine „oralen Charaktere“ gibt dafür aber „anale Charaktere“. (Tatsächlich gibt es einen „oralen Charakter“, aber der ist nur bedingt überlebensfähig und wird kaum zur Psychotherapie gehen!) Oralität spielt in der obigen Aufstellung offensichtlich eine zentrale Rolle, insbesondere in der Depression, aber anders, als man das sich aus abstrakter Warte vorstellen würde. Nochmals: das hat sich niemand so ausgedacht, sondern es ist historisch gewachsen und hat sich immer wieder bewährt. Hier sei nur angeführt, daß die fünf libidinösen Stufen (okular, oral, anal, phallisch und genital) qualitativ nicht gleichwertig sind und allein schon von daher eine „logischere“ Aufstellung Unsinn wäre! Leitfaden ist dabei die Orgasmustheorie.

Nehmen wir dazu die obige Liste: Die Charaktere 2 und 3 müssen von ihren prägenitalen Anteilen befreit und dann der Charakter 1 zu einem erwachsenen Sexualobjekt hingeführt werden. Ähnlich sieht es bei den Charakteren 5, 6, 7, 8, 9, 10 und 11 aus: der phallische Narzißt (Charakter 4) muß seinen Ödipuskomplex überwinden, nachdem er sich von seiner Oralität bzw. Analität befreit hat, wobei die analen Charaktere die phallische Stufe in ihrer Entwicklung kaum ganz besetzt hatten. Bei Charakter 12 läuft nach der Beseitigung des okularen Blocks alles wie bei Charakter 4 ab, bei Charakter 13 ist es entsprechend Charakter 9. Es geht jeweils darum, zunächst die prägenitalen (präödipalen!) Konflikte zu bearbeiten, bis man zum ödipalen Kern der psychischen Biopathien und damit zur orgastischen Impotenz vordringen und diese beseitigen kann.

Was nun die soziopolitische Charakterologie betrifft: bei ihr geht es um zwei Arten der Abwehr, die jeweils sozial weitreichende Folgen haben. Der Neurotiker (und Psychotiker) leidet gewöhnlich still vor sich hin. Schlimmstenfalls kommt es zu Familiendramen oder entsprechenden Vorkommnissen am Arbeitsplatz. Der soziopolitische Charakter hingegen stellt sein neurotisches Gleichgewicht her, indem er praktisch die gesamte Gesellschaft instrumentalisiert.

Es gibt prinzipiell zwei Arten von Menschen: die einen bewältigen das menschliche Zusammenleben durch ständiges „Intellektualisieren“, die anderen mit körperlicher Gewalt. Die einen zerreden alles, lenken von den gegebenen Problemen ab, indem sie „grundsätzliche“ Gesichtspunkte anbringen, sie relativieren und setzen alles „in Perspektive“. Man denke nur, wie die Gewalt und das teilweise unmögliche Verhalten von sogenannten „Migranten“ solange „wegdiskutiert“ wird, bis sich die Opfer dieser Gewalt und dieses Verhaltens schuldig fühlen. Die andere Seite, die Rechte, scheint hingegen wie blind für die Umstände der Migranten zu sein: für sie sind es nur „Kanaken“ und man möchte seine Ruhe haben. Auch wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt wird, man spürt doch die Atmosphäre „geballter Fäuste“, die zum Kampf kontrahierte Körpermuskulatur.

Man vergleiche etwa die verkopfte, wirre Reaktion der linksliberalen Liberation auf den Terroranschlag in Paris mit der offen bellizistischen des konservativen Figaro:

KOPFABWEHR: Die Fanatiker verteidigen keine Religion, weil Religion tolerant sein kann (sic!), und sie verteidigen nicht die Muslime, die in ihrer überwältigenden Mehrheit mit Entsetzen auf diese niederträchtigen Morde reagiert haben. Die Fanatiker greifen die Freiheit an. Der Gegner ist der Terrorismus, nicht der Islam, der Gegner ist der Fanatismus, keine Religion, und der Gegner ist der Extremismus. Der hat nichts zu tun mit unseren muslimischen Mitbürgern.

MUSKELABWEHR: …einem Krieg des islamischen Fanatismus gegen den Westen, gegen Europa und gegen die Werte der Demokratie. Dieser Kampf wird nicht aus dem Verborgenen geführt, sondern von organisierten Killern, deren gelassene Brutalität uns das Blut in den Adern gerinnen läßt. Zu lange sind wir im Namen eines irregeleiteten Humanismus unseren schlimmsten Feinden entgegengekommen. Gegen diese Fanatiker, die sich offen gegen unser Land und unsere Sicherheit verschwören, müssen wir hart durchgreifen. Wenn es Krieg gibt, muß man ihn gewinnen.

Alle ach so intellektuellen Auseinandersetzungen lassen sich auf das alltägliche „Abwehrverhalten“ zweier Typen von Neurotikern reduzieren: die einen zerreden bei alltäglichen Konflikten alles, die anderen werden sofort gewalttätig oder drohen zumindest damit. Man denke nur an zwei denkbar unterschiedliche Milieus im heutigen Deutschland: das grün-rote Milieu („das müssen wir ausdiskutieren“) auf der einen und das türkische Milieu („was guckst du?“) auf der anderen Seite. Politik kann nur ein Psychiater wirklich verstehen.

Was hier in das gesellschaftliche Leben überschwappt sind direkte Ausläufer des ödipalen Konflikts. Die linke Seite, mit ihrer intellektuellen Abwehr, rebelliert gegen den Vater, will ihn beseitigen und nimmt aus der Todesangst des im Vergleich unendlich Schwachen Zuflucht zum Intellekt („David gegen Goliath“). Die rechte Seite, mit ihrer muskulären Abwehr, wetteifert nur mit dem Vater. Das führt dazu, daß die Linke (in unserem obigen Vergleich) alles tut, um die Nation zu untergraben, während die Rechte ganz im Patriotismus (!) aufgeht. Im Extrem mündet beides im Faschismus (rot bzw. schwarz). Entscheidend ist, daß dies alles nichts mit realen und aktuellen Problemen zu tun hat, sondern mit zwei unterschiedlichen Abwehrmöglichkeiten des weit zurückliegenden ödipalen Konflikts.

Diese soziopolitische Aufstellung, die man weiter aufteilen kann, wie Baker es getan hat, hat sich ebenfalls niemand ausgedacht, sondern sie ist gewachsen. In jeder demokratisch verfaßten Gesellschaft bildet sich ein politisches Spektrum aus, das in seinen Grundzügen diese beiden Arten der neurotischen Abwehr widerspiegelt. Reale Interessenkonflikte sind nur vorgeschoben und spielen, wie Reich bereits 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus ausgeführt hat, nicht die entscheidende Rolle.

Zusammenfassend kann man sagen, daß psychische Biopathien auf der Panzerung im Kopf- und Beckenbereich beruhen und soziale Biopathien darauf, wie der Organismus in seiner Gesamtheit die Orgasmusangst abwehrt (intellektuell oder muskulär). Die somatischen Biopathien beruhen sowohl auf der Panzerung beliebiger Segmente (insbesondere ist das Zwerchfellsegment zu nennen) sowie auf der Längsbewegung der Orgonenergie (energetisches Orgonom) und ihrer Erstrahlung. Sie haben keine unmittelbare Beziehung zum ödipalen Konflikt, weshalb hier der Begriff „Charakter“ keinen Platz hat.