Posts Tagged ‘Max Stirner’

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 122)

10. April 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Reich trat auf der einen Seite gegen die ihm aus dem Kollegen- und Bekanntenkreis offensichtliche Dekadenz im Wien und Berlin der 1920/30er Jahre an mit ihren „de Sadisten“ und „Zynisten“ und andererseits … Reich stand in Opposition gegen Freuds „Mensch als sadomasochistisches Tier“, „die Reaktion“ („Erbsünde“), die damals wirklich allesbestimmende Eugenik und die „kapitalistische Geschäftemacherei“ (die er aus der eigenen Ursprungsfamilie kannte). Die Natur hatte in der Selbstverortung Reichs entsprechend friedfertig zu sein und ohne den Menschen ein Paradies. Tatsächlich ist insbesondere Äther, Gott und Teufel ein durchaus „Rousseauistisches“ Buch. Er mußte gegen einen universellen „Darwinismus“ antreten (Hitler war nichts als ein „Darwinist der Praxis“!), über den Reinhard Eichelbeck schreibt: „Er (der besagte „Darwinismus“) hat sozialneurotische Unarten des Menschen – Egoismus, Aggressivität, Rücksichtslosigkeit, Geilheit, die alten Macho-Untugenden, möglichst viele Nachkommen und möglichst viele tote Feinde zu hinterlassen – als naturgegeben, ja sogar als Grundprinzipien der Evolution dargestellt“ (Das Darwin-Komplott, München 1999). In einer anderen, weniger rundherum bösartigen geistigen Umwelt hätte es einen anderen Reich gegeben, da er sich anders verortet hätte!

Dazu gehört auch, daß sein Publikum sich zu 99% aus linksliberalen und sozialistischen Gutmenschen rekrutierte, die etwa in Stirner instinktiv das sahen (bzw. gesehen hätten), was die Linke von Marx bis Hans Günther Helms immer in ihm sah und sehen: DEN „kleinbürgerlichen“ Ideologen des Raubtierkapitalismus, DEN Bösen schlechthin. Wie sollte Reich in einer solchen Umwelt eine Identität als „Stirnerianer“ bewahren? Man muß sich das mal vorstellen: sein ganzes Leben und auch noch posthum nur von „Grünen“ Spinnern („Reichianern“) umgeben zu sein (vermeintlichen Altruisten) – und um die Gruppe herum nur reaktionäre „Darwinisten“ (vermeintliche Egoisten)!

Peter liest die Laska/Schmitz-Korrespondenz (Teil 9)

8. April 2024

Manchmal muß ich auch beim Dipl.-Ing. Laska den Kopf schütteln, weil er merkwürdig starr wie ein Ingenieur denkt. Beispielsweise, wenn Schmitz erläutert, daß auch, wenn man dem inneren Daimon folgend am Ziel angelangt ist, man immer noch „teleologisch“ weiterwirkt. Ob der Mensch dann, so frägt Laska, neue Ziele anstrebt, so als ob Schmitz nicht eindeutig Goethes Maxime zitiert hatte: „Erwirb es, um es zu besitzen.“ Wenn mich etwa mein Daimon dazu treibt, einen Schrebergarten herzurichten und ich schließlich das Ziel erreiche: bis zu meinem Lebensende werde ich trotzdem am Schrebergarten „teleologisch“ rumwerkeln der Zielvorgabe „Schrebergarten“ folgend. Und so in allem. Was ist daran so schwer zu begreifen? Außer man ist in der mechanischen Logik eines Statikers gefangen! (S. 198).

Schmitz führt aus, daß Menschen je nach Veranlagung von ihrem Daimon oder vom Zu-Fall, letztendlich dem „Göttlichen“, geführt werden bzw. von beidem. Du hast einen unbedingten inneren Drang oder etwas Zwingendes überkommt dich oder beides in unterschiedlichem Mischverhältnis. Reich ist dafür das beste Beispiel. Einerseits seine Lebensmission seit dem tragischen Selbstmord seiner Mutter, andererseits seine Hypersensibilität für, um mit Schmitz zu sprechen, „Atmosphären“.

Aus dem, was ich in den bisherigen Teilen dieser, wenn man so will, „Buchbesprechung“ geschrieben habe, könnte man schließen, daß ich gerne auf Schmitz verzichten würde und nur die Laska-Briefe für wertvoll erachte. Nein! Auch wenn ich durch Schmitz manchmal bis zum Anschlag schlichtweg genervt bin: er ist das perfekte Gegengift gegen Laskas „Wahnsinn“. Und genau das macht die objektive Großartigkeit dieses Buches aus.

Das ganze ist erwähnenswert und geradezu tragikomisch, weil Laskas einerseits versucht Schmitz‘ Begriff „starker Daimon“ und Stirners „Eigner“ gleichzuschalten, dabei aber andererseits die Grundlage seiner eigenen (Para-) Philosophie ganz aus den Augen verliert, den glücklichen, „serenen“ Zufall. Auch in dieser Korrespondenz taucht Laskas Lieblingswort mit penetranter Regelmäßigkeit auf: „serendipity“ – der glücklich Zufall oder, mit anderen Worten, der „göttliche Zu-Fall“. (BTW: Wenn jemand Fremdwörter benutzt, soll fast immer etwas verborgen bzw. verdrängt werden! Das gilt im übrigen auch für Schmitz, beispielsweise seine „implantierende Situation“ = „einpflanzende Gegebenheit“.)

Laskas Gott ist die Welt: „Von Anfang an waren es nicht die Dinge, die meine Ataraxie störten, sondern die Meinungen über sie. Zu den Dingen hatte und habe ich ein unerschütterliches Urvertrauen. Es geht, davon bin ich überzeugt, in der Welt mit rechten Dingen zu“ (S. 213). Sowas, das wohlige Einlassen auf das, was objektiv gegeben ist, kann ein Ingenieur schreiben, nie und nimmer aber ein Physiker! Das sorgte auch stets für Irritationen zwischen uns: „…, aber Nasselstein glaubt jeden Unsinn“. Ja, ich kann zum Befremden meiner Mitmenschen sagen: „Irgendetwas stimmt nicht mit der Realität!“

Übrigens: Soweit ich das einschätzen kann, will auch der „Phänomenologe“ Schmitz mit derartigen Phänomenen nichts zu tun haben.

Nachbemerkung apropos Fremdwörter: „Ataraxie“ meint bei den alten Griechen die affektlose Seelenruhe. Schmitz versucht Laska zu erklären, daß es diese nicht geben kann, d.h. daß es im Leben immer ein Auf und Ab gibt, d.h. eine Distanzierung von den Dingen, die als mir fremd erkannt werden, und eine Resubjektivierung der Dinge, bei der die Grenzen zwischen Eigenem und Fremden wieder verschwimmen. (In orgonometrischen Begriffen Dissoziation vs. Assoziation.) Darüber hinaus hat man, ebenfalls gegen die „Ataraxie“, sozusagen „horizontal“, immer ein Ziel anzusteuern, wie oben beschrieben (die Orgonometrie dazu findet sich in Die kosmische Überlagerung), will man nicht in einem anorgonotischen Sumpf ertrinken. Man muß sich an den Kopf fassen, daß Schmitz das LSR-Projekt einfach nicht begreifen will, aber es ist kaum weniger verstörend, wie begriffsstutzig Laska gegenüber Schmitz ist!

Brief an Prof. Henri Arvon (11.11.92)

5. April 2024

Brief an Prof. Henri Arvon (11.11.92)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 120)

27. März 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Bei Hal Cohen (A Secret History of the Sexual Revolution: The Repression of Wilhelm Reich. Lingua franca, March 1999, S. 24-33) findet sich ein leichter Anklang an Stirner, der ansonsten leicht übersehen wird:

Im Zentrum von Reichs durch ständige Ortswechsel geprägte Karriere steht eine ehrwürdige, wenn auch unzeitgemäße Überzeugung: Unter dem Mantel gesellschaftlicher Konventionen verbirgt sich ein natürliches, instinktives Selbst, und die Befreiung der Energien dieses Selbst von der Unterdrückung durch die Gesellschaft ist der einzige Weg zu psychischer Gesundheit, politischer Gerechtigkeit und geistigem Wohlbefinden. Dieser Gedanke findet heute nur wenige ernsthafte Anhänger. Innerhalb der Akademie verhöhnen die Nachfahren des französischen Poststrukturalismus die Idee eines natürlichen Selbst, während außerhalb der Akademie die konventionelle Weisheit die Tugenden der Unterdrückung wiederentdeckt hat.

Es war und ist in dieser Welt kein Platz für den Eigner seiner selbst, den Einzigen, er muß von inkorporierten Hierarchien, dem Über-Ich, der Panzerung gezähmt und kontrolliert werden.

Dies zeigt die verborgene funktionelle Anziehung zwischen linken poststrukturalistischen „Philosophen“, die als pseudoliberale Charaktere den Kontakt zum Kern völlig verloren haben (z.B. Cohen), und dem reaktionären kleinen Mann, der diesen Kern behandelt, als sei dieser der Teufel selbst.

Cohens Essay ist ein perfekter Ausdruck dieses sado-masochistischen Weltbildes. Cohen ist einer derjenigen, denen Reich in psychoanalytischen und kommunistischen Kreisen begegnete. Es hat sich in dieser Hinsicht seit den 1920er und 30er Jahren nichts geändert!

(Joseph Goebbels über Max Stirner)

23. März 2024

(Joseph Goebbels über Max Stirner)

Email [Beweggründe] 2003

8. März 2024

Email [Beweggründe] 2003

Orgontherapie: so oder so

4. März 2024

Die eine Art von „Orgontherapie“ beruht auf der Mobilisierung von „Energie“. Den Patienten werden Vorgaben gemacht, wie sie liegen sollen, wie sie die Knie anwinkeln sollen, was „richtiges“ Atmen ausmacht etc. Tatsächlich ist diese „Energie“ aber nur eine psychische Vorstellung, Autosuggestion, bestenfalls durch die Panzerung entstellte vegetative Erregung. Dieser schimärenhaften „Energie“ fehlt genau das, was die Orgonenergie erst ausmacht: das SPONTANE Funktionieren. Und das, das Mechanische und ORANUR-artige dieser „Energie“, spiegelt sich im Vorgehen dieser vermeintlichen „Orgontherapeuten“ wider. Deren vermeintlich „charakteranalytische“ Interventionen sind entsprechend typischerweise moralisierende Bemerkungen voller Häme, ihre vermeintlich „vegetotherapeutischen“ Interventionen sind mechanische sadistische Angriffe auf den Muskelpanzer ohne Sinn und Verstand.

Richtige Orgontherapie entspricht dem Wesen der Orgonenergie, d.h. es geht schlichtweg um das vorsichtige aber systematische Beseitigen der Hindernisse für das spontane Funktionieren des Organismus. Dabei entspricht der Weg dem Ziel: das Ziel ist Selbstregulation, entsprechend ist der Patient derjenige, der das therapeutische Vorgehen bestimmt. In der Orgontherapie gibt es keinen „Heiler“, mit einem Guru-Komplex, der irgendein „Heil“ von außen bringt! Dieses „von außen“ ist es ja gerade, was beseitigt bzw. in ein „von innen“ umgekehrt werden soll. An die Stelle der Fremdregulation („Über-Ich“) soll die Selbstregulation treten. Oder anders gesagt: Freiheit kann einem nicht gegeben werden, man kann sie sich nur nehmen.

Warum dann überhaupt Orgontherapie, wenn es eh um Selbstbefreiung geht? Dazu möchte ich aus Bernd Laskas gerade erschienener Stirner-Monographie zitieren:

Selbstbefreiung, die egoistische „Empörung“, d.h. Emporentwicklung, „Befreiung von unten“ hält er für den einzig möglichen Weg: „Unbewußt und unwillkürlich streben Wir alle der Eigenheit zu … Aber was Ich unbewußt tue, das tue ich halb, und darum …“ (Der Einzige und sein Eigentum) verfalle ich von einer Besessenheit in die andere. Deshalb… (Max Stirner: Leben. Werk. Wirkung, S. 70)

Es geht um das, worum es von Anfang an schon bei Freud ging: das Bewußtmachen des Unbewußten. Beispiel: „Deine freundlichen Worte passen nicht zu Deinem unfreundlichen Mund.“

Es ist der Unterschied zwischen Schwarzer Pädagogik und selbstregulatorischer Pädagogik. Mein enger persönlicher Freund, Dr. Google, umschreibt die Schwarze Pädagogik wie folgt: „Unter schwarzer Pädagogik werden allgemein solche Erziehungsmethoden verstanden, die mit Strafen, Kontrolle, Gewalt, Demütigungen oder Einschüchterungen verbunden sind. Daher wird die schwarze Pädagogik auch häufig Pädagogik der Gewalt genannt. Diese Gewalt wird sowohl körperlich als auch psychisch ausgeübt.“

Lauf um Dein Leben, wenn du einem vermeintlichen „Orgontherapeuten“ begegnest, der diesem Profil entspricht!

Und den „schwarzen Orgontherapeuten“ sei gesagt: FICKT EUCH INS KNIE, IHR ARSCHLÖCHER!!!

Hier drei Beispiele:

Dem Patienten wird gesagt, daß er, anders als der „orgastisch potente“ „Orgontherapeut“ (lol!), doch gar nicht wisse, was Liebe ist und alles, was er bisher in seinem Leben in dieser Hinsicht erfahren habe, eine Lüge sei. Auf der Heimreise beschleunigt der restlos desillusionierte Patient seinen Wagen und beendet sein Leben am Pfeiler einer Autobahnbrücke.

Der „Orgontherapeut“ (lol!) läßt den Patienten den „Orgasmusreflex“ „üben“. Am Ende stehen zwei Narzißten, die sich gegenseitig darin bestärken, daß sie „orgastisch potent“ sind bzw. andere „zur orgastischen Potenz bringen können“. Ihre grotesk neurotische und schlichtweg lächerliche Kontaktlosigkeit wird zum Maßstab für „Gesundheit“!

Auf der Matratze liegt ein gehemmter Patient, der ständig dazu aufgefordert wird, die Sau rauszulassen. Jede „Orgontherapie“-Stunde wird dergestalt zunehmend zu einer wilden Orgie des Schreiens und Strampelns. Das überträgt sich langsam aber sicher auch auf das Alltagsleben des Patienten. Er ist halt „spontan“ und „ungepanzert“. Am Ende steht ein vollkommen kontaktloser Psychopath, der keinerlei Fähigkeit mehr hat bioenergetische Spannung auszuhalten, ohne unkontrollierbar auszuticken, und dem deshalb auch mit richtiger Orgontherapie nicht mehr zu helfen ist.

Brief [Rudolf Steiner] 2009

18. Februar 2024

Brief [Rudolf Steiner] 2009

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 108)

16. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Reich schrieb 1940 in sein Tagebuch, „daß die Menschheit im gewöhnlichen Sinne des Wortes ‚krank‘ ist. Dies in Worte zu fassen, bedeutet sich dem Verdacht auszusetzen, daß man sich selbst für den einzigen gesunden Menschen hält. (…) Die Gesundheit (…) wohnt in allen Menschen. Die Tatsache, daß sie sie fürchten und verbergen, ist der Grundstein des Hitlerismus“ (American Odyssey, S. 30).

1. die Aussage, daß (so gut wie) alle Menschen Sexualkrüppel sind;

2. die „Max Stirner-Anmaßung“, die hinter einer solchen Diagnose steckt: der Einzige; und

3. die Aussage, daß es keine Heilung geben kann, da diese Krankheit das Fundament der durch und durch faschistischen (d.h. von sekundären Trieben beherrschten) Gesellschaft ist.

4. Was bleibt, ist Duplikate von sich selbst, dem „Einzigen“, der nicht krank ist, zu schaffen und mit ihnen die Zukunft zu bevölkern („Kinder der Zukunft“).

5. Natürlich ist man nicht „gesund“, bzw. man ist es nur in soweit, daß man sich nicht, wie alle anderen, „Hitleristisch“ gegen diese Gesundheit wendet!

6. Die Emotionelle Pest nicht an unsere Kinder weiterzugeben und so die Kette des Unheils zu unterbrechen, ist das Ziel.

Stirner:

Zur Wirksamkeit pfäffischer Geister gehört besonders das, was man häufig „moralischen Einfluß“ nennen hört.

Der moralische Einfluß nimmt da seinen Anfang, wo die Demütigung beginnt, ja er ist nichts anderes, als diese Demütigung selbst, die Brechung und Beugung des Mutes zur Demut herab. Wenn Ich Jemand zurufe, bei Sprengung eines Felsens aus dessen Nähe zu gehen, so übe Ich keinen moralischen Einfluß durch diese Zumutung; wenn Ich dem Kinde sage, Du wirst hungern, willst Du nicht essen, was aufgetischt wird, so ist dies kein moralischer Einfluß. Sage Ich ihm aber: Du wirst beten, die Eltern ehren, das Kruzifix respektieren, die Wahrheit reden usw., denn dies gehört zum Menschen und ist der Beruf des Menschen, oder gar, dies ist Gottes Wille, so ist der moralische Einfluß fertig: ein Mensch soll sich da beugen vor dem Beruf des Menschen, soll folgsam sein, demütig werden, soll seinen Willen aufgeben gegen einen fremden, der als Regel und Gesetz aufgestellt wird; er soll sich erniedrigen vor einem Höheren: Selbsterniedrigung. „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden.“ Ja, ja, die Kinder müssen bei Zeiten zur Frömmigkeit, Gottseligkeit und Ehrbarkeit angehalten werden; ein Mensch von guter Erziehung ist Einer, dem „gute Grundsätze“ beigebracht und eingeprägt, eingetrichtert, eingebleut und eingepredigt worden sind.

Zuckt man hierüber die Achseln, gleich ringen die Guten verzweiflungsvoll die Hände und rufen: „Aber um’s Himmels willen, wenn man den Kindern keine guten Lehren geben soll, so laufen sie ja geraden Weges der Sünde in den Rachen, <108>und werden nichtsnutzige Rangen!“ Gemach, Ihr Unheilspropheten. Nichtsnutzige in eurem Sinne werden sie allerdings werden; aber Euer Sinn ist eben ein sehr nichtsnutziger Sinn. Die frechen Buben werden sich von Euch nichts mehr einschwatzen und vorgreinen lassen und kein Mitgefühl für all die Torheiten haben, für welche Ihr seit Menschengedenken schwärmt und faselt: sie werden das Erbrecht aufheben, d. h. sie werden Eure Dummheiten nicht erben wollen, wie Ihr sie von den Vätern geerbt habt; sie vertilgen die Erbsünde. Wenn Ihr ihnen befehlt: Beuge Dich vor dem Höchsten – so werden sie antworten: Wenn er Uns beugen will, so komme er selbst und tue es; Wir wenigstens wollen Uns nicht von freien Stücken beugen. Und wenn Ihr ihnen mit seinem Zorne und seinen Strafen droht, so werden sie’s nehmen, wie ein Drohen mit dem Wauwau. Glückt es Euch nicht mehr, ihnen Gespensterfurcht einzujagen, so ist die Herrschaft der Gespenster zu Ende, und die Ammenmärchen finden keinen – Glauben.

Und sind es nicht gerade wieder die Liberalen, die auf eine gute Erziehung und Verbesserung des Erziehungswesens dringen? Denn wie könnte auch ihr Liberalismus, ihre „Freiheit in den Grenzen des Gesetzes“ ohne Zucht zustande kommen? Erziehen sie auch nicht gerade zur Gottesfurcht, so fordern sie doch um so strenger Menschenfurcht, d.h. Furcht vor dem Menschen, und wecken durch Zucht die „Begeisterung für den wahrhaft menschlichen Beruf“. (Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 88f)

Reflektionen über Max Stirner von konservativer Warte (Teil 107)

15. Februar 2024

[Diese Reihe soll zur Auseinandersetzung mit Bernd A. Laskas LSR-Projekt animieren.]

Mit seinen Ausführungen über die kosmische Überlagerung in der dritten Ausgabe der Charakteranalyse hatte mich Reich Mitte der 1970er Jahre: von einem Tag auf den anderen war ich „Reichianer“. Das böse Erwachen kam mit einiger Verzögerung: unvermittelt saß ich mit Leuten in einem Boot, mit denen ich nichts zu tun haben will und die m.E. nichts von Reich verstanden haben! Ich kann mich beispielsweise an meine rasende Wut erinnern, als ich schließlich Alexander Lowen und seine „Bioenergetik“ durchschaute.

Nun, wo ich mich nicht nur mit Stirner, sondern endlich auch mit der Stirner-Literatur auseinandersetze, muß ich mit einigem Entsetzen konstatieren, in welchem schier erdrückendem Ausmaß sich die Anhänger Silvio Gesells („rostendes“ Schwundgeld) der Stirner-Bewegung parasitär aufgepfropft haben. Es scheint praktisch unmöglich sich mit der Stirner-Rezeption zu beschäftigen, ohne dieser vermeintlich „freiwirtschaftlichen“ Heilsdoktrin ausgesetzt zu sein, die einzig und allein ärmere Bevölkerungsschichten treffen würde, denen buchstäblich das wenige Ersparte bzw. Aufgesparte unter den Händen förmlich zerfließen würde. Das überträgt sich schließlich auf die Fundamente der Gesellschaft selbst, da die bioenergetische Spannung erlischt (Krebs!). Die Österreichische Schule sagt dazu alles Notwendige: „Wer den Zins abschafft, ermöglicht heute Investitionen, die sich unter normalen Marktbedingungen nie gelohnt hätten. Und es erlischt die Bereitschaft, Konsumverzicht im Heute zu üben, um im Morgen konsumieren zu können. Es entwickelt sich eine Freibiermentalität, die eine Gesellschaft verarmen läßt, weil sie ihren Kapitalstock zerstört.“ – Der Gesellianismus ist eine geradezu perfekte Entsprechung zum Lowenschen Primitiv-Reichianismus, der keinerlei bioenergetische Grundlegung hat und wirklich nur Schaden anrichtet.

Da es nie so etwas wie einen „LaMettrie’smus“ gegeben hat, stellt sich hier das Problem kaum, wenn man mal von der relativ häufigen und wirklich nervigen Gleichsetzung mit De Sade absieht.

Es scheint so, daß Reich und Stirner und La Mettrie in der gepanzerten Gesellschaft nur in beschnittener, wenn nicht schlichtweg kastrierter Form zu Wort kommen. Insbesondere Reich wurde von Anfang an von Marxisten mißbraucht, um ihre pseudoreligiöse Todgeburt von Ideologie (hinter allem stecken gesellschaftliche Beziehungen) an den Mann bringen zu können: statt auf „Gott, der hinter allem wirkt“ wird ständig auf „die Gesellschaft“ verwiesen. Ja, ich weiß, eine Oblate ist, wenn sie geweiht ist, nicht mehr das, was sie ist. – Stirner muß dafür herhalten Anarchisten und Libertären ein Fundament zu geben. LaMettrie soll der Postmoderne bei der „Wiederverzauberung“ der Welt helfen. Allen fehlt das Bewußtsein dafür, was eigentlich den Kerngehalt der Leistung der großen Drei ausmacht und daß dieser Kern jedweden Kompromiß, jede Verwässerung ausschließt. Von daher auch meine ganze Empörung angesichts all dieser „-ianer“ und daß ich trotz aller Differenzen treuer, ja, „Laskaianer“ bin!

Es gibt nur zwei Arten der „Regulierung“ eines Individuums bzw. einer Gruppe von Individuen: Selbstregulierung oder Fremdregulierung. Entweder wird ein Baby gestillt, wenn es Hunger hat, oder man zwingt ihm seine Regeln auf, wobei die eine Regelung, die andere zwangsläufig nach sich zieht, bis wir vollkommen verpanzerte Individuen und eine verpanzerte Gesellschaft vor uns haben. Irgendwelche Kompromisse zwischen Selbstregulierung und Fremdregulierung können nur im Chaos enden. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: das anfangs selbstgesteuerte Baby wird renitent, quengelig, zieht sich in sich zurück oder fordert ständig Aufmerksamkeit etc. Beim von Anfang an in ein Korsett von Regeln gesperrten Baby sieht es kaum anders aus, vor allem wird es nicht mit Dankbarkeit und Zuneigung reagieren, wenn man es „befreit“ und damit den Boden unter den Füßen wegreißt.

Das erklärt auch Reichs tiefsitzende Verachtung für „Liberale“, Stirners Verachtung für „fromme Atheisten“ und die LaMettries für zutiefst reaktionäre angebliche „Aufklärer“.