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Buchrezension: THE INVASION OF COMPULSORY SEX-MORALITY von Wilhelm Reich (Teil 1)

31. Juli 2020

The Invasion of Compulsory Sex-Morality von Wilhelm Reich (Beruhend auf einer vorläufigen Übersetzung von Werner und Doreen Grossman von Der Einbruch der Sexualmoral.) New York: Farrar, Straus and Giroux, 1971, 215 S., 10,00 USD; Noonday paperback $3.45. [Deutsche Ausgabe: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Kiepenheuer & Witsch, 1972.]

von Paul Mathews, Brooklyn, N.Y.

 

Dieses 1931 geschriebene Buch ist für alle Leser von Reich von historischem Interesse, aber es ist ein nachdrückliches Wort der Warnung angebracht. Da es während Reichs marxistischer Periode geschrieben wurde, bietet es eine grundsätzlich ökonomische Interpretation von Ursprung und Durchsetzung des sexuellen Moralismus. Später distanzierte sich Reich, zusammen mit seinen marxistischen Tendenzen, scharf und unmissverständlich von dieser Sichtweise. So schrieb Reich im Vorwort der Ausgabe von 1951 (erste englische Fassung des Werkes) (S. vii)a:“. . . die starke politische Tendenz des Buches geht auf die Erfahrungen dieser Zeit zurück. Nichts von dem, was unsere soziale Existenz in jener Zeit (1930-45) erschütterte, hat im politischen Sinn überlebt. Die Fakten jedoch über die Geschichte der menschlichen Charakterentwicklung haben . . . überlebt . . . [und] an Konsequenz und sozialem Einfluß zugenommen, und das ist, auf lange Sicht, die wahre soziale Macht.“

In ähnlicher Weise lehnt Reich den Marxismus im Vorwort der Ausgabe von 1944 von Die sexuelle Revolution ab. Hier trennt er die sexuelle Revolutionb ausdrücklich vom Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat: In Bezug auf die Charakterstruktur gibt es keine Klassengrenzen. Die soziale Ideologie spiegelt nicht die wirtschaftlichen Bedingungen wider, sondern sowohl die Ideologie als auch die Wirtschaft sind in der psycho-sexuellen Struktur der Massen verankert. Reich verurteilt nachdrücklich die Kommunisten, die er als mit den Nazis verwandt ansieht (S. viii)c: „. . . heute . . . , wenn ein anders gefärbter, aber grundsätzlich ähnlicher politischer Lärm [vergleichbar mit dem der Schwarzen Faschisten] unsere friedlichen Bestrebungen stört, zu lernen und den Weg . . . den die Menschheit genommen hat, . . . immer besser zu bestimmen.“ Er prangert auch ihre Bettgenossen, die modernen Liberalen und zeitgenössischen Radikalen, rundheraus an (S. viii, ix)d: „. . . die mit der ‚Freiheit hausieren‘ . . . denen es gelungen ist, jede Spur eines klaren, ehrlichen Denkens . . . zu zerstören. Für sie ist jeder Begriff ein Mittel politischen Betrugs geworden. . . . die Führer [missbrauchen] die sexuellen und mystischen Glücksbedürfnisse des hilflosen Massenindividuums. . . . Der Bereich der menschlichen und sozialen Probleme ist weit tiefer und umfassender als der, mit dem sich die Marxsche Ökonomie befaßt.“

Nichtsdestoweniger bin ich geneigt, Professor L. Ferrero Raditsa zuzustimmen, der in einer Besprechung dieses Buches in der Zeitschrift New Leadere vom 15. Dezember 1971 erklärte: „In diesen ‚befreiten Zeiten‘ fürchte ich, dass dieses Buch fälschlicherweise als Befürwortung von Hedonismus und sozialen Umwälzungen gelesen wird.“ Es ist leider wahr, dass man Reichs Erkenntnisse allzu oft falsch interpretiert und verzerrt und seine Überarbeitungen früherer Werke selektiv ignoriert, besonders jetzt, wo viele Neue Linke und so genannte Freudo-Marxisten (diejenigen, die behaupten, die ursprüngliche Absicht von Reichs marxistischer Periode der Dreißiger Jahre wiederbelebt zu haben, während sie gleichzeitig seine orgonomischen Erkenntnisse ablehnen) versucht haben, jene Aspekte von Reichs Werk zweckzuentfremden, die für ihre neurotischen und politischen Zwecke nützlich sind. Letztere haben in neuerer Zeit sogar einen sexuellen Aspekt – verzerrt und prägenital – zu ihrer revolutionären Leidenschaft hinzugefügt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 9.

b „Die Ideologie einer sozialen Schicht ist keine unmittelbare Spiegelung ihrer wirtschaftlichen Lage. (…) Es gibt keine charakterlich-strukturellen Klassengrenzen, wie es wirtschaftliche Grenzen des Einkommens und der sozialen Rangstellung gibt. Es werden nicht ‚Klassenkämpfe‘ zwischen Proletariern und Bürgern geführt . . .“ (Die sexuelle Revolution, Fischer Taschenbuch, 1971, S. 12).

c Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 9. Einschub in eckige Klammern von Mathews.

d ebenda, S. 9f.

e L. Ferrero Raditsa: “Reich’s Search for Freedom”, The New Leader, Vol. 054, Issue 024 (December 13, 1971).

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 6 (1972), Nr. 1, S. 120-123.
Übersetzt von Robert (Berlin).