Ich fand es immer schreiend komisch, daß sich die „letzten Wahrheiten“ der unterschiedlichen Religionen untereinander kraß widersprechen. „Wahrheiten“, für die sich Menschen selbst opfern und andere töten. Keine Gottesvorstellung und keine Seelenvorstellung stimmt mit der anderen überein. Man spürt und kann intellektuell nachvollziehen, daß sie sämtlich einer der zahllosen durch die Panzerung verzerrten Wahrnehmungen der kosmischen und organismischen Orgonenergie entsprechen, also durchaus einen Wahrheitskern haben, aber es ist halt genau das: ein Panoptikum absurdester sexueller Perversionen. Die Welt der Religionen ist eine bunte divers-perverse Regenbogenwelt! Von ihr etwas über die Orgonenergie erfahren zu wollen, ist etwa so sinnvoll wie in einem BDSM-Klub die Genitalität erforschen zu wollen! Aber, und dieses „aber“ ist entscheidend: die mystischen Religiösen haben wenigstens eine vage Ahnung von der Orgonenergie, während die mechanistischen Atheisten lebende Leichname sind. Seelenlos und innerlich tot, abgetrennt von der inneren und äußeren Natur. Wie in dem besagten Klub: es ist zwar eine widerliche Karikatur, aber immerhin annäherungsweise „Sex“ und ansatzweise sogar „Liebe“!
Das Ahnen der Orgonenergie bedeutet auch, daß das Instrument, das uns die Religion zur Verfügung stellt, nämlich die „Mythologisierung“, ein Potential hat, das der mechanistische Wissenschaft vollständig verschlossen bleibt. Man nehme Reichs Bücher Äther, Gott und Teufel über Gottvater, Die kosmische Überlagerung über den Heiligen Geist und Christusmord über den Sohn. Manche Dinge kann man gar nicht in „rein wissenschaftlicher“ Sprache ausdrücken. Die quasi religiöse Sprache muß auf den unvorbereiteten Leser befremdend, wenn nicht vollkommen bizarr wirken, aber es ist nun mal Fakt, daß es eine „Seele“ und „Gott“ wirklich gibt – nur vollkommen anders, als man es sich bisher vorstellte.
Das letztere ist auch einer der Gründe, warum ich so brutal abwehrend reagiere, wenn Leute mir mit Prana, Chi, Jakob Böhme, Anthroposophie und ähnlichem Dreck, gar einer „orgonomischen Spiritualität“ kommen. Sie haben nichts, aber auch rein gar nichts verstanden!
Man könnte natürlich einwenden, warum denn nicht schlicht Klartext gesprochen wird. Genau DAS ist ja aber das Problem: daß für manche Dinge die Sprache an ihre Grenze stößt. Von manchen Dingen kann man nur „raunen“, weil das Gegenüber sie selbst erfassen muß. Das fing schon mit Reichs Sexualökonomie an: „Ach Willi, Du meinst also das Ficken?!“ „Nein….“ „Also romantische reine Liebe?!“ „Äh, nein…“
Zuletzt hat Bernd A. Laska in seinem LSR-Projekt damit gerungen, wie er den Kasus Knaxus von „LSR“ eigentlich vermitteln soll. Und hat sich schließlich ganz auf die „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“ der Werke von LaMettrie, Stirner und Reich zurückgezogen, die den Kasus Knaxus erahnen lassen soll. Die ganze Problematik läßt sich vielleicht anhand des Wirkens von Hitlers Krohnjurist Carl Schmitt, der ein Krypto-Stirnerianer war, ja, erahnen. Ich verweise auf Laskas Schrift „Katechon“ und „Anarch“.
Als Schmitt im Zuchthaus der alliierten Kriegsverbrecher saß, also den absoluten Tiefpunkt seiner Existenz erreicht hatte, fand er Trost und Kraft bei „Max“. Seine gesamte Privatmythologie zielte auf diesen letzten Ausläufer des Späthegelianismus: Max Stirner. Mit ihm rang er privatmythologisch ein Leben lang: „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt.“
05In der Jugend von Nicolaus Sombart, Sohn des berühmten Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Werner Sombart, war Schmitt einer von Nikolaus väterlichen Freunden in der Reichshauptstadt Berlin. Er erinnert sich an etwas, was man nur vor dem Hintergrund von Laskas LSR-Projekts wirklich würdigen kann. Das letzte Geheimnis, das keiner anspricht… Nicolaus Sombart:
Carl Schmitt testete an mir seine Formulierungen. Er brauchte solche Testpersonen, um ihre Wirkung zu erproben. Aber so machte Geschichte Spaß. (…) Offenbar gab es, soviel hatte ich schon begriffen, zwei Arten von Wissen und zwei Arten der Erkenntnis. Beide hatten sie ihre Regeln, ihre Methode, ihre Evidenz. Die eine kannte ich durch meinen Vater; die andere, von der mein Vater nichts hielt, war mir durch meine Freunde Robakidse und Bruno Goetz, aber auch durch meinen Mentor Celibidache vertraut. Es handelte sich offensichtlich um zwei völlig verschiedene Mentalitäten, zwei ganz unterschiedliche Denkstrukturen. Die eine operierte mit Begriffen und Fakten, die andere mit Symbolen und Bildern.
Der entscheidende Unterschied lag wohl in ihrem Begriff von Wahrheit. Für meinen Vater ging der Weg der Erkenntnis über ein Wissen, das allen allgemein und jederzeit zugänglich war. Jeder Mensch guten Willens konnte es sich aneignen und damit den Weg zur Wahrheit betreten. Die Wahrheit war die Summe dessen, was man wissen konnte, natürlich immer nur ein Annäherungswert gegenüber einem absoluten Wissen, aber soweit allgemein verständlich, verifizierbar, übertragbar. Jedem zugänglich, der das Wissensniveau seiner Zeit erreicht hatte, immer einsehbar und aussprechbar. Für den anderen Denktypus lag nun alles genau umgekehrt.
Die Wahrheit ist das, was man nie aussprechen kann und darf. Sie ist ihrer Natur nach „geheim“. Das Wissen, das mit ihr verbunden ist, kann nicht ohne weiteres vermittelt werden. Was öffentlich ausgesprochen und gewußt werden kann, ist nicht wert, gewußt zu werden. Man erschließt sich die Wahrheit nicht durch logisch-diskursives Denken, sondern „erschaut“ sie, wenn man den nötigen Reifegrad erreicht hat. Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen ist ein Sakrileg. Sie ist das streng gehütete Geheimnis-Monopol einer kleinen Zahl von „Eingeweihten“, der Zugang zu ihr „Initiation“, die nicht jedem gewährt wird. Man muß dazu berufen. „auserwählt“ sein. Das Medium der Verständigung darüber (der Vermittlung des Unaussprechbaren) ist das mythische Bild.
So weit, so gut. Das hatte ich ungefähr kapiert. Hie ein System positiven Wissens, die Grundlage dessen, was wir „Wissenschaft“ nennen – dort ein okkulter Traditionszusammenhang mystischer Gewißheiten und Sinndeutungen, der offenbar so lange zurückgeht, wie man menschliches Denken zurückverfolgen kann. Der Name dafür ist Gnosis.
In Carl Schmitt war mir nun eine sonderbare Mischform dieser beiden so konträren, wie man denken sollte, völlig inkompatiblen Denktypen begegnet. Er war ein Mann der Wissenschaft, des begrifflichen Denkens – ein Professor wie mein Vater, dem rationalen, diskursiven Denken verpflichtet, ein Meister des Syllogismus, der logischen Deduktion. Gleichzeitig aber war er auch der schauende Myste, der Epopt, der seine Einsichten nicht in Begriffen faßt und vermittelt, sondern in Symbolen und Bildern. Er beherrschte beide Register.
Er machte perfekte Wissenschaft – Staatstheorie, Verfassungslehre, Völkerrecht, immer mit einem leichten Vorbehalt, was die Positivität betrifft, aber mit einer emphatischen Betonung der „Wissenschaftlichkeit“. Dahinter stand seine Privat-Mythologie. Er maskierte seine Mythologeme mit einem Anschein von Theoriebildung. Seine Begriffe sind immer bildhaft, suggerieren Symbolisches, evozieren Archetypen. Er spielt mit dem Doppelsinn der Worte, die er als Zeichen benutzt, mit denen er aber Emotionen mobilisiert, die aus der Tiefe aufsteigen. Seine berühmten Formulierungen sind nie einfache „Sätze“, sondern Beschwörungsformeln. Wenn er auch nicht gerade von „Dämonen“ und „Wesenheiten“ sprach, so war doch so etwas im Spiel, wenn er die Mächte beschwor, die die Geschichte bewegen. Mit der griechischen und asiatischen Mythologie hatte er nichts im Sinn. Er bevorzugte die Gedankenfiguren der christlichen Theologie und Gnosis bis hin zu ihren hegelianischen Spätformen. Mit ihrer Hilfe mythologisierte er das ganze 19. Jahrhundert. (Nicolaus Sombart: Jugend in Berlin 1933-1943. Ein Bericht. München: Carl Hanser Verlag, 1984, S. 257-259)
Schmitt rang mit Stirner, weil dieser einerseits faszinierender „Versucher“ war, gleichzeitig aber auch die zu bekämpfende Negation der Kultur, also Satan höchstpersönlich. Er konnte ihn deshalb nicht „akademisch sachlich“ verarbeiten, sondern allenfalls im Rahmen einer Privatmythologie. Eine offene Auseinandersetzung hätte nur Werbung für „das Böse“ gemacht und Schmitts Anliegen gleichzeitig profanisiert und mit einer „demokratischen Zivilisation“ kompatibel gemacht, die er zutiefst verachtete. Tatsächlich hat er Stirner natürlich wie alle anderen intellektuell umgangen und emotional verdrängt. Laska seinerseits will den Kern von Stirners Anliegen durch das Kenntlichmachen dieses Umgehens und Verdrängens in den alleinigen Fokus rücken – und so unser eigenes Umgehen und Verdrängen unterlaufen.















