Posts Tagged ‘biologische Energie’

Liebe und Orgasmusangst bei einem paranoid-schizophrenen Charakter* (Teil 1)

15. Juni 2019

von David Holbrook, M.D.

 

„Die sexuelle Energie ist die biologische Aufbauenergie der psychischen Apparatur, die die menschliche Gefühls- und Denkstruktur bildet. ‚Sexualität‘ (physiologische Vagusfunktion) ist die produktive Lebensenergie schlechthin.” (Reich 1935, S. 18)

„Die innere Beschaffenheit der Liebesfunktion hat auf jede einzelne Teilfunktion auch aller anderen Aktivitäten des Individuums bestimmenden Einfluß.“ (Reich 1953, S. 80)

„[Orgastische Potenz] ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung.“ (Reich 1942, S. 81, kursiv im Original) „Die Fähigkeit, sich trotz mancher Widersprüche mit der gesamten affektiven Persönlichkeit zeitweise auf das genitale Erleben einzustellen, ist eine weitere Eigenschaft der orgastischen Potenz.“ (Reich 1927, S. 43, kursiv im Original)

„Wird die sexuelle Erregung gebremst, so entsteht ein fortschreitender Widerspruch: Die Bremsung steigert die Erregungsstauung; die gesteigerte Erregungsstauung schwächt die Fähigkeit des Organismus, sie abzubauen. Dadurch erwirbt der Organismus eine Angst vor der Erregung, mit anderen Worten, die Sexualangst. Sie ist somit durch äußere Versagung der Triebbefriedigung veranlaßt und durch die Angst vor der gestauten Sexualerregung innerlich verankert. Daraus leitet sich die Orgasmusangst ab. Sie ist Angst des dem Lusterlebnis entfremdeten Ichs vor der überwältigenden Erregung des Genitalsystems. Die Orgasmusangst bildet den Kern der allgemeinen strukturellen Lustangst. Sie äußert sich gewöhnlich als allgemeine Angst vor jeder Art vegetativer Empfindungen und Erregung oder der Wahrnehmung solcher Erregungen und Empfindungen [kursiv von mir – D.H.]. Lebenslust und Orgasmuslust sind identisch. Die äußerste Erscheinung der Orgasmusangst bildet die allgemeine Lebensangst.“ (Reich 1942, S. 124, kursiv im Original, sofern nicht anders angegeben)

„…die allgemeine psychische Kontaktlosigkeit (…) [ist] nur die allgemeine Ausstrahlung orgastische[r] Kontaktangst…“ (Reich 1949a, S. 429, kursiv im Original)

„Letzten Endes steckt die Orgasmusangst hinter allen Manifestationen der Panzerung.“ (Baker 1967, S. 32)

 

Anmerkungen

* Seit der Zeit Wilhelm Reichs hat das American College of Orgonomy (ACO) –vor allem durch die Arbeit von Dr. Charles Konia – das Konzept der Schizophrenie auf ein ganzes Spektrum schizoider Charakteristika ausgeweitet, die als typisch für das gesehen werden, was nunmehr als „schizophrener Charakter“ bezeichnet wird, ein Charaktertyp, der normalerweise nie psychotisch war, aber dennoch viele der Merkmale der schwereren Form aufweist, die im Hauptstrom der Psychiatrie als „Schizophrenie“ bekannt ist. Daher würde die Person, die in der Mainstream-Psychiatrie als Schizophrener bezeichnet wird, auch beim ACO als schizophrener Charakter betrachtet werden, stellte aber nur die extremste Form dieses Charaktertyps dar. Schizophrene Charaktere haben im Allgemeinen genug Ichstärke, um was auch immer zu erreichen, und sie sind in jedem Bereich des Lebens präsent. Weitere Informationen zu den verschiedenen Charaktertypen finden sich bei Baker 1967.

 

Literatur

  • Baker EF 1967: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
  • Reich W 1927: Genitalität, Köln: KiWi, 1982 [Ursprünglich 1927 mit dem Titel Die Funktion des Orgasmus veröffentlicht. Das ist ein komplett anderes Buch als das von 1942 mit dem gleichen Namen.
  • Reich W 1935: Die sexuelle Revolution, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1949a: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 1)

5. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

Einleitung

In Deutschland ist wenig echtes Wissen über die Orgonomie bekannt. Sie ist die Wissenschaft von der primordialen, kosmischen Energie, Orgonenergie genannt, die universell gegenwärtig ist und in den Lebewesen als biologische Energie funktioniert. Die Orgonomie erhebt den Anspruch, Naturwissenschaft zu sein. Obwohl ihr noch Pioniercharakter anhaftet, beruhen ihre Grundlagen auf klinisch-empirisch gut begründeten Thesen und aus Experimenten gewonnenen Einsichten. Das Stadium der bloßen Spekulation ist längst überwunden, was natürlich nicht heißt, daß es keine offenen, unbeantworteten Fragen mehr gibt.

Die Entdeckung der Orgonenergie in den Jahren 1936 bis 1939 und ihre weitere Erforschung ist im Wesentlichen das Werk Wilhelm Reichs. Reich begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Mitglied der damals von Freud geleiteten Wiener psychoanalytischen Gesellschaft, in die er 1920 noch als Student auf Grund klinischer und theoretischer Beiträge aufgenommen wurde. Die konsequente Verfolgung tiefenpsychologischer Fragestellungen und Probleme führte zunächst zum Versuch einer Synthesebildung zwischen Psychoanalyse und Marxismus, später dann zur Entdeckung der Orgonenergie. Reichs Schriften, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, wurden in der Studentenbewegung neu verlegt. Sie bildeten einen der theoretischen Stützpfeiler für die Forderungen nach Abschaffung der autoritär-patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen.

Jedoch erhielt die Ablehnung der Orgonomie durch die meisten von Reichs Zeitgenossen während der Studentenbewegung in Deutschland eine schicksalhafte Neuauflage. Die Reich-Renaissance der späten sechziger Jahre beschränkte sich auf seine frühen Schriften, die sich mit dem Zusammenhang von Sexualität und Politik befassen. Die Orgonomie wurde weiterhin ungeprüft abgelehnt.

In zahlreichen Gesprächen mit jungen, engagierten Intellektuellen zeigte sich, daß niemand, der sich mit dem frühen sexualpolitischen Schriften Reichs befaßt hatte, den logischen Schritt zur Beschäftigung mit der Orgonomie vollzogen hat. Mehrere Positionen lassen sich zusammenfassen.

  • „Ich weiß nichts über Orgonomie, ich kann da nichts zu sagen.“ Vertreter dieser Gruppe diskutieren ungeniert auf der Grundlage der sexualpolitischen Schriften Reichs Fragen zur Erziehung und Sexualität. Dieses anachronistisch anmutende Vorgehen ist in etwa vergleichbar dem Verhalten eines Mathematikers, der trotz Entdeckung der Computertechnik schwierige mathematische Aufgaben mit dem Rechenschieber zu lösen versucht, weil die neuen Erkenntnisse noch nicht Allgemeingut geworden sind.
  • „Wenn da was dran wäre, hätte schon längst jemand etwas gemerkt. Schließlich wird die Orgonomie ja von führenden Wissenschaftlern (klugen Köpfen!?) abgelehnt.“ Diese Aussage trifft oft gepaart mit einer anderen, im Folgenden beschriebenen Haltung auf.
  • „Reich stand unter dem Einfluß einer beginnenden Schizophrenie, als er sich mit der kosmischen Energie befaßte“ (statt als angesehener Therapeut, der er damals war, Geld und Anerkennung nachzujagen). Die Thesen der Orgonomie seien ja auch viel zu absurd, als daß man sich ernsthaft damit auseinandersetzen müßte.1
  • Von marxistischer Seite wird Reich die Aufgabe des Marxismus vorgeworfen. Eine Auseinandersetzung unterbleibt, man verweist in diesen Kreisen ebenfalls auf die vermeintliche Geisteskrankheit Reichs.

Gelegentlich bekam ich auch zu hören, die Orgonomie sei bereits widerlegt, jedoch wußte niemand anzugeben, wo eine wissenschaftliche Kritik nachzulesen ist. Ich selbst habe keine wissenschaftliche Veröffentlichung gefunden, die auf Grund von Überprüfung der Orgonenergie-Experimente zu einer Kritik an den gefundenen Phänomenen gelangt. Im Gegenteil: Wissenschaftler, die einzelne Experimente nachvollzogen haben, bestätigen die Reich’schen Entdeckungen. Darauf werde ich im Verlauf der Darstellung zurückkommen.2

Gegenwärtig mehren sich die Anzeichen für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Orgonomie. Seit 1975 gibt eine Wilhelm Reich Studiengruppe in der Bundesrepublik die Wilhelm-Reich-Blätter heraus, die die Information und Diskussion über die Orgonomie zum Ziele haben. Auch existieren inzwischen schon einige Orgonenergie-Akkumulatoren in Deutschland, mit deren Hilfe Experimente nachvollzogen werden können. Ich selbst besitze seit Januar 1977 einen Akkumulator. Auf meine eigenen Erfahrungen gehe ich im Rahmen dieser Arbeit noch ein.

Die Beschäftigung mit der Orgonomie – und damit mit der Lebensenergie – ist unmöglich von der Beschäftigung mit dem eigenen Denken und Fühlen, den Manifestationen der Lebensenergie im eigenen Organismus, zu trennen. Voraussetzung für den praktischen Nachvollzug der Entdeckung der Orgonenergie ist die biologische Funktionsfähigkeit des forschenden Organismus. Ein Wissenschaftler der – vielleicht ohne es zu wissen – unfähig ist, das natürliche Funktionieren der Lebensenergie im eigenen Körper zu erleben, sich im Orgasmusreflex gänzlich hinzugeben, also das unwillkürliche, konvulsive Zucken des gesamten Körpers zuzulassen, kann unmöglich über eben diesen Orgasmusreflex und dessen bioenergetische Grundlage wissenschaftlich urteilen. Hierin liegt sicher ein Grund, warum bisher nur so wenige versucht haben, die Orgonomie sachlich zu behandeln. Mich persönlich führte die Beschäftigung mit der Orgonomie schließlich zur Einsicht in die eigene Neurose und damit zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Orgontherapie mit dem Therapieziel: Herstellung des Orgasmusreflexes (orgastische Potenz). Da es gegenwärtig in Europa lediglich einen Orgontherapeuten gibt, muß ich eine längere Wartezeit in Kauf nehmen und kann daher die praktische Erfahrung einer Orgontherapie in diese Arbeit noch nicht einbeziehen.

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die Entdeckung der Orgonenergie darzustellen und dem Leser einen ersten Eindruck zu vermitteln, wie die Orgonenergie funktioniert. Es ist nur allzu verständlich, daß viele Fragen auftauchen werden, die nicht alle in dieser Arbeit behandelt werden können. Die Entdeckung der Orgonenergie kann heute nur sehr schwer systematisch nachvollzogen werden. Einer der Gründe hierfür liegt in der Tatsache, daß die umfangreichen Veröffentlichungen, die sich auf einen Zeitraum von ca. 30 Jahren verteilen, infolge verschiedener politischer und sozialer Umstände nur sehr schwer zugänglich sind. Es wurde in den USA, wo Reich seit 1939 arbeitete, während der fünfziger Jahre die Verbreitung orgonomischer Literatur ebenso wie die Verbreitung sexualpolitischer Schriften in Nazi-Deutschland gerichtlich verboten. In Deutschland sind viele Schriften Reichs zur Orgonomie heute noch nicht veröffentlicht. Daher war es mir auch nicht möglich, Reichs Arbeit Contact with Space in diese Darstellung einzubeziehen.3 Ein Lehrbuch zur Einführung in die Orgonomie existiert nicht, und die vorliegende Arbeit kann die mühsame Auseinandersetzung mit der Originalliteratur nicht ersetzen. Das Ziel dieser Arbeit wäre erreicht, wenn der Leser zu näherer Beschäftigung mit der Orgonomie motiviert würde und somit an einer sachlichen Diskussion über die Orgonenergie teilnehmen könnte.

 

Fußnoten

  1. Vgl. z.B. Rycroft, Charles, Wilhelm Reich, München 1972, S. 92.
    Die These, Reich sei schizophren gewesen und bei der Orgonomie handele es sich um pseudowissenschaftliche Wahnwelten, wurde noch im März 1977 in einer vom WDR ausgestrahlten Rundfunksendung vertreten. Aus dem Manuskript von Marianne Lienau geht hervor, daß sie ihre Aussage auf die Reich-Biographie von Ilse Ollendorff-Reich stützt. Ollendorff-Reich gibt aber deutlich zu verstehen, daß sie selber von der Existenz und Nützlichkeit der Orgonenergie überzeugt ist. Vgl. Ollendorff-Reich, I., Wilhelm Reich, München 1975, S. 165. Sie bezeichnet lediglich einige von Reichs Ideen in den fünfziger Jahren, also rund 12 Jahre nach Entdeckung der Orgonenergie, als paranoid, z.B. daß Reich glaubte, der Prozeß gegen ihn sei von den Sowjets angezettelt, und die amerikanische Regierung stünde auf seiner Seite und bewache ihn ständig. (Vgl. ebenda S. 196). Eine derartige Verdrehung von Aussagen durch den WDR kann als schlecht recherchierte Sendung abgetan werden. Meiner Auffassung nach stellt sie jedoch ein typisches Beispiel für die Rufmordkampagne gegen die Orgonomie dar. In einem Antwortbrief teilte mir die Autorin mit, sie habe sich kaum mit Orgonomie befaßt.
  2. Kelley bemerkt zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Orgonomie: „Was hat die traditionelle Wissenschaft getan, um Reichs Behauptungen zu widerlegen oder in Zweifel zu ziehen? In den mehr als 20 Jahren, seit Reich die Entdeckung der Orgonenergie verkündet hat, wurde niemals eine glaubwürdige Wiederholung irgendeines kritischen Orgonexperiments veröffentlicht, die Reichs Ergebnisse widerlegte. Dr. Bernard Grad wiederholte und bestätigte Reichs ‚Experiment XX‘. Wer hat es widerlegt? Ich wiederholte und bestätigte seine Wetterkontrollversuche. Wer hat diese widerlegt? Tatsache ist, trotz (und teilweise auch wegen) Spott, Verleumdungen und Versuchen der Orthodoxen, Reich und die Orgonomie zu ‚begraben‘, gibt es keine Gegenbeweise zu seinen Experimenten in einer wissenschaftlichen Publikation, geschweige denn eine systematische Widerlegung der Bände an wissenschaftlicher Arbeit, die ihren Standpunkt unterstützen.“ Aus: Kelley, Ch. R., What is Orgone Energy, Raubdruck, S. 72f [Zitat übersetzt von PN]. Bei dem Raubdruck handelt es sich um einen Vortrag aus dem Jahre 1962.
  3. Inzwischen habe ich von der Möglichkeit erfahren, diese Schrift in englischer Ausgabe über einen österreichischen Alternativ-Verlag zu beziehen.

Peters Lektüre von KINDER DER ZUKUNFT (Teil 5)

13. Januar 2018

Kinder der Zukunft: einer der entscheidenden Sätze findet sich auf S. 22f: Ziel sei es, „den natürlichen Ausdruck des Neugeborenen zu verstehen und jede Einschränkung zu beseitigen“. Dieses Grundanliegen Reichs kann man wirklich auf alle Gebiete ausdehnen: in der Therapie wird versucht, den natürlichen Ausdruck freizulegen und zu unterstützen, desgleichen in den Versuchen die Arbeitsdemokratie freizulegen, selbst beim Cloudbusting, was die Selbststeuerung der Atmosphäre betrifft – überall. Das ist der Kern der Orgonomie. Sozusagen: der Kern ist ihr Kern. Und genau deshalb ist dieses Buch auch so überaus wichtig. Und genau weil es so wichtig ist:

Auf S. 27 schreibt Reich, daß „die Natur in den tiefen Quellen des lebendigen Prinzips ein Zusammenwirken der Menschen anstrebt“, doch die neurotischen Prinzipien „diese grundsätzliche Einigkeit der internationalen menschlichen Existenz zerreißen und trennen“. Das sollte, so Reich weiter, im Schmelztiegel USA leicht zu begreifen sein, im Gegensatz zu Ländern mit „nationalen Beschränkungen“. Soweit Reich. Das Prinzip „Kinder der Zukunft“ soll hier, ganz gemäß dem Zeitgeist nach zwei verheerenden Weltkriegen, der Durchsetzung des internationalistischen Projekts dienen. Etwa im Sinne dieser Schmelztiegelhexe (und, nein, ich bin kein Antisemit, aber sie ist nun mal das beste Beispiel):

Wir müssen bei Reich das Überzeitliche vom Zeitgebundenen trennen. Die Wahrheit von damals ist heute eine lebensfeindliche, pestilente Lüge, die unser Leben insbesondere aber das Leben unserer deutschen Kinder in eine veritable Hölle verwandelt! Oder wie Reich auf S. 29 schreibt: die biophysikalischen Grundlagen „sind jenseits der Veränderlichkeit“, während Institutionen und Ideologien unbedeutende sekundäre Funktionen darstellen, die veränderbar sind.

Ich werde gefragt, warum ich so streng mit dem Buch Kinder der Zukunft umgehe. Schlechte Umgangsformen, kompromißlos, extrem, etc. Sozusagen schlecht für „die Bewegung“ oder „die Sache“. Ich gebe nur das wider, was mir aufgefallen ist und was der Leser m.E. wissen sollte. Die Übersetzung ist flüssig zu lesen und gibt das Original korrekt wider. Aber ist das SELBSTVERSTÄNDLICHE erwähnenswert? Ist erwähnenswert, daß jeder SELBSTVERSTÄNDLICH das Buch lesen sollte, der sich auch nur marginal für Reich interessiert?

Ein anderes Beispiel: Teile von Äther, Gott und Teufel (1983) mußten ins Deutsche übersetzt werden. Eine ganz überwiegend gute Übersetzung. Nicht erwähnenswert, da SELBSTVERSTÄNDLICH. Erwähnenswert sind einzig und allein Stellen wie: „es gibt keinen luftleeren Raum“ (sic!), weil der Übersetzer allen Ernstes „vacuum“ mit „luftleer“ widergegeben hat. Ich muß so etwas erwähnen, allein schon, weil es sonst niemand macht. Für mein Empfinden ist ein solches Schweigen gewissenlos, nach dem Motto: „Hauptsache Äther, Gott und Teufel ist auf deutsch erschienen!“

Warum fehlt in Kinder der Zukunft, im Gegensatz zur amerikanischen Originalausgabe, die Quellenangabe des zentralen und wichtigsten Kapitels des Buches, „Die Kinder der Zukunft“? („Children of the Future. I. Report on the Orgonomic Infant Research Center“, Orgone Energy Bulletin, 2(4), Oktober 1950, S. 194-206). Kann man sich solche Nachlässigkeiten bei einem Freud-Buch vorstellen? Deshalb die rigiden Formalitäten, die Reich und später Elsworth F. Baker ihrer Umgebung aufzwangen: angesichts von „Orgasmus, Sexualökonomie und Entspannung“ muß man Respekt erzwingen. Siehe Reichs Rede an den Kleinen Mann.

Ich weiß, ich bin kleinlich, aber Fußnote 3, S. 21: „Der Begriff Sexualökonomie ist eine Weiterentwicklung der Freudschen Trieblehre.“ Warum nicht: „Die Sexualökonomie ist eine Weiterentwicklung der Freudschen Trieblehre“? Der Begriff der Sexualökonomie umfasse, so diese Fußnote des Übersetzers, die Gesamtheit der menschlichen Antriebe, nicht nur, wie häufig fälschlicherweise angenommen werde, den Sexualtrieb. Und warum heißt es denn „Sexualökonomie“? Lautet der Untertitel des Buches nicht „Zur Prävention sexueller Pathologien“? „Sexualität“ steht schlichtweg für die Expansion des Energiesystems, das eine Einheit ist, nicht, wie bei Freud, ein Sammelsurium voneinander vollkommen unabhängiger Triebe, die miteinander griechische Tragödie spielen. Regulator dieses Energiesystems ist der Orgasmus. Und was macht diese Fußnote? Sie relativiert die Bedeutung der Sexualität!

Aber zitieren wir das Glossar von Die Massenpsychologie des Faschismus:

Sexualökonomie. Der Begriff bezieht sich auf die Regulierungsweise der biologischen Energie oder, was dasselbe ist, des sexuellen Energiehaushalts des Individuums. Sexualökonomie meint die Art, in der ein Individuum mit seiner biologischen Energie wirtschaftet – wieviel davon es eindämmt, wieviel davon es orgastisch entlädt. Die Faktoren, die diese Regulierungsweise bestimmen, sind soziologischer, psychologischer und biologischer Natur. Die sexualökonomische Wissenschaft hat die aus dem Studium dieser Faktoren gewonnene Gesamtheit des Wissens zum Inhalt gehabt. Der Begriff bezeichnet Reichs Arbeit vom Zeitpunkt seiner Widerlegung der Freudschen Kulturphilosophie bis zur Entdeckung des Orgons, wonach er zu dem Terminus Orgonomie – Wissenschaft von der Lebensenergie – abgewandelt wurde.

So einfach, so funktionell ist das Leben! Ohnehin hätten wir uns das alles ersparen können, denn im amerikanischen Original lautet die Fußnote von Raphael und Higgins (die dort übrigens skandalöserweise nicht als solche gekennzeichnet ist, so daß jeder Leser sie Reich zuweisen wird, dessen Originalaufsatz gar keine Fußnoten hat!) entsprechend der offiziellen orgonomischen Definition von „Sexualökonomie“: „Sex economy refers to the manner in which the organism regulates its biological (orgone) energy.“ Ist dieses Fußnoten-Durcheinander etwa nicht erwähnenswert?

Warum, warum, warum müssen wirklich alle Bücher Reichs zu einem editorischen Alptraum entarten?!

In der Fußnote 5, S. 22 wird Dr. Müschenichs Doppelblindstudie über den Orgonenergie-Akkumulator erwähnt. Sie stamme aus dem Jahr 1995 (sic!). Als Beleg wird auf Dr. Müschenichs Buch von 1987 verwiesen… Puhhhhh… Ja, jetzt bin ich wirklich kleinlich, aber… Puhhhh…

P.S.: Gerade eben habe ich für neue Blogbeiträge in Reich-Büchern geblättert: In Charakteranalyse werden in einer Abbildung „blockierte Erregung“ und „blockierende Erregung“ miteinander vertauscht (KiWi, S. 574). In Äther, Gott und Teufel wird in einer Abbildung der Panzer nicht mit „Panzer“ beschriftet, sondern mit – „Liebe“ (1983, S. 67).

nachrichtenbrief59

19. August 2017

Orgontherapie, „energetische Medizin“, Schulmedizin

5. Juni 2012

Die „metatheoretische“ Grundstruktur des Reichschen Denkens von 1919 bis 1957 sieht wie folgt aus:

  1. Bewegung und Struktur bilden den grundlegenden Gegensatz;
  2. Bewegung ist fundamentaler als Struktur; und
  3. auf die Punkte 1 und 2 läßt sich alles reduzieren.

Diese drei Punkte erklären gleichzeitig auch, was definitiv nicht Orgonomie ist:

  1. primitiv „monistische“ Auffassungen, nach denen alles nur Energie, nur Geist, nur Brahman, etc. ist;
  2. Anschauungen, die metaphysische oder materielle „Wirkstrukturen“ als primär setzen; und
  3. Anschauungen, die sich gegen jede derartige „generalisierende“ Grundannahme sträuben.

Diese drei „anti-orgonomischen“ Auffassungen lassen sich auf einen Mangel an funktionellem Denken zurückführen. Betrachten wir dazu die orgonometrische Grundgleichung:

Monistische Auffassungen entstehen, wenn ausschließlich das Gemeinsame Funktionsprinzip (CFP), in diesem Fall „biologische Energie“, gesehen wird. Beispielsweise ist dann von „energetischer Medizin“ die Rede, in der die Charakteranalyse, d.h. die „Psyche“, zum Nachteil des Patienten vernachlässigt wird.

„Metaphysisch“ wird es, wenn Elemente der Psyche dem CFP zugeschrieben werden und schließlich die Psyche das CFP von biologischer Energie und Soma wird. Tatsächlich ist das bei allen „spirituellen“ Ansätzen der Fall. Auch wenn sie sich manchmal auf obige Grundgleichung berufen; wenn man sie nur lang genug zu Wort kommen läßt, schält sich doch immer die Psyche als etwas heraus, dem die biologische Energie und das Soma nachgeordnet sind.

Man könnte behaupten, daß ähnliches auf die mechanistische Medizin zuträfe, wenn man im letzten Absatz das Wort „Psyche“ durch das Wort „Soma“ ersetzen würde, jedoch versucht sie sich solchen Herangehensweisen zu entziehen. Das fängt allein schon damit an, daß in der Schulmedizin für „biologische Energie“ gar kein Platz ist. Und was „Psyche“ betrifft: sie reduziert sich auf Hirnchemie, d.h. das Soma. Es ist einfach kein Platz für funktionelle Gegensätze und funktionelle Identität.