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Einige Gedanken zur Rolle der Diagnose in der Orgontherapie (Teil 3)

7. Oktober 2026

Man darf die Charakterdiagnose der Orgonomen nicht mit irgendeiner anderen Diagnose und Kategorisierung gleichsetzen, denn der Orgonom sieht die neurotische Struktur als Unterbrechung der natürlichen gesunden Bewegung, d.h. als Störung der genitalen Charakterstruktur an. Diese Einteilung ist also erstens nicht willkürlich (da sie auf der Untersuchung der Panzerungssegmente beruht) und führt zweitens schnurstraks zur genitalen Struktur. Wer behauptet, daß es z.B. keinen festumrissenen analen Charakter gibt, sagt damit, ob er will oder nicht, daß es auch keinen genitalen Charakter gibt, damit ist die Orgasmustheorie hinfällig, die Orgonenergie (wenn sie etwas anderes sein soll als irgendein mechano-mystisches Lebensenergiekonzept) und überhaupt alles!

Die Psychoanalyse war ein wildes Herumgedeute, das den Patienten nur noch kränker gemacht hat (etwa Freuds Wolfsmann und der Rattenmann). Dann ist Reich gekommen und hat aufgeräumt. Man lese nur mal auf S. 55 der Charakteranalyse (KiWi) über die vier Fehler, die Reich zufolge Psychoanalytiker vor ihm machten:

1. Zu frühe Deutung des Sinnes der Symptome und anderer Äußerungen des zutiefst Unbewußten, besonders der Symbole. Der Patient bemächtigte sich im Dienste seiner geheimgebliebenen Widerstände der Analyse, und zu spät bemerkt man, daß er sich, völlig unangetastet, im Kreis dreht.

2. Deutungen des Materials in der Reihenfolge, in der es sich klar geboten hat, ohne daß Rücksicht auf den Aufbau der Neurose und die Schichtung des Materials genommen wurde. Der Fehler beruht darin, daß man nur deshalb deutet, weil das Material klar zutage trat (unsystematische Sinndeutung).

3. Aber nicht nur, daß man überallhin deutend folgte, brachte die Analyse in Unordnung, sondern auch, daß dies geschah, ehe die kardinalen Widerstände bearbeitet wurden. Die Sinndeutung ging der Widerstandsdeutung voraus. Die Situation wurde noch mehr verwickelt dadurch, daß die Widerstände sich sehr bald mit der Beziehung zum Arzt verknüpften und die unsystematischen Widerstandsdeutungen auch die Übertragungssituation komplizierten.

4. Die Deutung der Übertragungswiderstände war nicht nur unsystematisch, sondern auch inkonsequent, das heißt, es wurde zu wenig darauf geachtet, daß der Patient die Tendenz hat, seine Widerstände wieder zu verbergen, bzw. durch unfruchtbare Leistungen oder akute Reaktionsbildungen zu maskieren. Die latenten Übertragungswiderstände wurden meist übersehen, oder man fürchtete, sie zur Entfaltung zu bringen und ihnen konsequent nachzugeben, wenn sie sich – in welcher Form immer – verbargen.

Mit einer leicht veränderten Begrifflichkeit trifft diese Kritik noch immer die angebliche „Orgontherapie“, wie sie „Reichianer“ betreiben. Es ist geradezu grotesk, daß wir heute mit den „Reichianern“ immer noch das gleiche Problem haben, aber das kann man kaum Reich selbst anlasten, da er einzig und allein Elsworth F. Baker und damit das American College of Orgonomy autorisiert hat, andere auszubilden. Außerhalb dieser Tradition gibt es keine Orgontherapie!

Das Grundproblem der Orgontherapie ist imgrunde ganz einfach. Nehmen wir mal eine fiktive Hysterikerin! Die fährt mit ihren Jahresersparnissen nach Amerika, um ihre Sehnsucht nach dem Vater in 20 Stunden aufzuarbeiten. Richtig wäre es gewesen, ganz trocken, ohne jeden unmittelbaren Effekt, 150 Stunden sachte und vollkommen uninvasiv das okulare Segment zu öffnen und dabei „nebenbei“ die hysterische Flucht zu thematisieren, wenn sich das Thema von allein ergibt. Nur das hätte ihr helfen können. Aber wie hätte sie reagiert? „Das bringt doch nichts! Ich fahre extra nach Amerika, aber das einzige, was ich da tat, war die Augen zu drehen und rumzuquatschen, wobei alles von mir ausging und der Orgonom nur im Telegrammstil redete! Das ist doch ein schlechter Witz!“ Stattdessen hatte die Hysterikerin mit dem Orgonomen eine bewegende Seelenaffäre, viel körpertherapeutische Zuwendung und alle Segmente wurden berücksichtigt. Sie war begeistert. Nur hatte das nichts mit Orgontherapie zu tun. Es war ein aufregender „bioenergetischer“ Abenteuerurlaub.

Meines Erachtens ist auch folgendes wichtig, was Dr. Schwartzman einem seiner Patienten gegenüber zum Ausdruck gebracht hat: „Glauben Sie ja nicht, daß ich auch nur einen Gedanken an sie verschwende, wenn ich wieder zuhause bin!“ Während die Psychoanalyse auf der infantilen Illusion aufbaut („Übertragung“), versucht die richtige Orgontherapie alles, den Patienten in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt zu halten bzw. dorthin, d.h. ins Hier und Jetzt, zurückzubringen.

Und als dritter Punkt: dem Patienten niemals und unter keinen Umständen die eigene Sichtweise aufzwingen, wie es in der Psychoanalyse gang und gäbe ist. Wenn für ihn ein Flugzeug kein Phallussymbol ist, es ihm nicht einbleuen. Wenn er mit der falschen Frau verheiratet ist, ihn mit den eigenen Gefühlen in Kontakt bringen, aber doch nicht ihn gegen diese falsche Frau beeinflussen. Vielleicht hat der Patient ja auch recht!

Um die drei Punkte auf einen Nenner zu bringen: die falsche „Orgontherapie“ macht den Patienten immer infantiler (narzißtischer, „freakiger“, un-selbst-kontrollierter, unrealistischer, unselbständiger, etc.), während die richtige Orgontherapie ihn immer erwachsener macht.

Natürlich kann es auch bei einer richtigen, perfekten Orgontherapie zu Krisen kommen, aber die sind immer begrenzt und kontrolliert: der Arzt weiß, was in der Zukunft passieren wird. Es ist wie bei einer uralten dicken Furunkel am Bein. Der richtige Arzt schneidet sie auf, läßt sie auseitern und ausbluten, wobei sich zeitweise die Entzündung enorm verschlechtert, aber das ist schnell überwunden und das Bein heilt aus. Das Beispiel jetzt auf den Körpertherapeuten übertragen: der knibbelt, knubbzt, rubbelt und drückt an der Furunkel rum, der Eiter wird buchstäblich in den Knochen gedrückt, der sich entzündet – bis zur Beinamputation. Es ist ganz einfach: entweder weiß man, was man tut, oder man weiß es nicht.

Der neue Prometheus: Christian Fernandes‘ LA METTRIES „TUGENDHAFTE LUST“ – und Mary Shelleys FRANKENSTEIN

14. Oktober 2024

Das große Verdienst von Christian Fernandes ist es, mit seiner bahnbrechenden philosophiegeschichtlichen Studie über die „tugendhafte Lust“ die Orgasmustheorie, Charakteranalyse („Lehre von der Schuldgefühlen“) = Sexualökonomie = Orgonomie neu begründet zu haben, ohne auf Wilhelm Reich rekurrieren zu müssen, der zum Glück (sic!) nur am Rande erwähnt wird, LaMettrie reicht dazu nämlich vollkommen aus. Hier ein beliebiges Zitat aus Fernandes‘ Doktorarbeit:

In einer atheistischen Gesellschaft wären die Sterblichen „ruhig“. „Tranquilles“ bedeutet im Kontext friedlich, frei von der durch Religion kriegerisch gewordenen Natur. Die Religion nimmt im Homme machine genau die Stelle ein, die ein Jahr später im Discours sur le bonheur den Schuldgefühlen zukommt. Die „ruhige und tugendhafte Lust“ der idealen Gesellschaft dort entspricht der Ruhe der Sterblichen in der atheistischen Gesellschaft hier. Sie verhalten sich nicht bösartig, sondern ruhig, friedlich, tugendhaft, weil sie ohne den negativen Einfluß der Religion nur den „spontanen Ratschlägen ihres eigenen Ichs“, ihrer unverfälschten, reinen Natur, den angeborenen Triebfedern, ihrer per se tugendhaften Lust folgen. Für „jede andere Stimme“ sind sie „taub“. Da die Verunreinigung, die Infizierung der Natur durch Einflüsterung „anderer Stimmen“ der Ursprung des Bösen ist, sind sie immun dagegen, eine Neigung zum Bösen zu entwickeln. Anderen zu schaden, kommt für sie nicht infrage. Die von La Mettrie gemeinte Strafe, die auf die Mißachtung jener Ratschläge der Natur folgt, sind persönliches Leid, aber auch ein gesteigertes Aggressionspotential und das schreckliche gesamtgesellschaftliche Unglück, das daraus entsteht.

Daß die Tugend der Weg zum Glück sei, könnte als Gemeinplatz mißverstanden werden. Das Spezifikum La Mettries, die Parallele zur „Moral der Natur“ des Discours préliminaire verbirgt sich in der Aussage, daß diese „Pfade der Tugend“ selbst bereits „angenehm“ sind. Der Weg zum Glück führt also über das Glück selbst, über das dem natürlichen Luststreben Angenehme, nicht über Entsagung, Opfer, Unterdrückung des Eigenwillens. Das Angenehme, das Glück ist mit der Tugend verknüpft. Die Lust selbst ist tugendhaft und begründet das Wohlergehen des Einzelnen sowie der Gesellschaft, weil die Natur des Menschen so beschaffen ist, daß die eigene Lust von der des anderen abhängt und sie daher aus eigenem Antrieb befördert. Darin besteht „das natürliche Gesetz“ der Moral. Wird ihm gemäß erzogen, entsteht der „rechtschaffene Mensch“, auf den man sich verlassen, dem man vertrauen kann. (S. 23f)

Dieses Buch sollte Pflichtlektüre jedes „Reichianers“ sein, denn allzuleicht wird die Beschäftigung mit Reich zur Routine, nur bloßen intellektuelle Geste und zur Gebetsmühle, die ständig „orgonomisch korrektes“ Zeugs absondert. Mit Fernandes‘ nach 300 Jahren erstmaliger Freilegung des Kerns der LaMettrie’schen Philosophie, wurde uns die Chance eines Innewerdens unseres Eigensten möglich gemacht und damit die Chance eines Neuanfangs geboten, sozusagen „Orgonomie ohne Wilhelm Reich“.

Die Ehre LaMettrie (zusammen mit Max Stirner) für die Orgonomie entdeckt zu haben, kommt natürlich Bernd A. Laska zu, doch das beschränkte sich auf die Lehre von den schädlichen Schuldgefühlen = Charakteranalyse = Panzerung = Über-Ich. Daß dies bei LaMettrie (genauso wie bei Wilhelm Reich) mit der Lehre von der tugendhaften Lust = Orgasmustheorie = Sexualökonomie untrennbar verbunden ist, hat (nach ersten Andeutungen bei Laska) erst Fernandes im vollen Umfang gezeigt.

LaMettrie war der „Wilhelm Reich des 18. Jahrhunderts“ und wurde deshalb mit aller Wahrscheinlichkeit auch ermordet. Beide sahen sich jeweils als „neuer Prometheus“, der die Flamme der Wollust bringt und damit gleichzeitig die Zivilisation begründet. Bisher herrscht die bloße Barbarei!

DANKE Bernd A. Laska! DANKE Christian Fernandes! Wenn jetzt noch jemand eine Brücke von LaMettrie nach, keine Ahnung, Luigi Galvanis „animalischer Elektrizität“ oder Franz Anton Mesmers „animalischem Magnetismus“ = Orgonenergie schlägt…

Man erlaube mir dazu einen Anhang, denn mir fällt dazu folgendes ein:

Victor Frankenstein war in Mary Shelleys Roman „der neue Prometheus“ – der so, praktisch in der gleichen Funktion, in La Mettries Der Mensch als Maschine (Laskas Ausgabe, S. 83) auftritt. Seine Maschine bzw. sein „Monster“ wurde durch eine „atmosphärische Lebenskraft“ ins Leben gerufen, zu der Shelley von Galvanis Experimenten und der Praxis des Mesmerismus inspiriert worden war – kurioserweise auch durch die Arbeit von Mesmers Nemesis, Benjamin Franklin, mit Gewitterblitzen. Und drittens: ihr Roman dreht sich, vor dem Hintergrund der Geschichte der Aufklärung seit LaMettrie und der durch Rousseau initiierten Romantik um die tugendhafte Lust bzw. deren Negation.

Was ich meine wird zunächst hier deutlich:

Der Entstehungszeitraum von Mary Shelleys Frankenstein fällt in eine (…) Phase hoher technischer, medizinischer und allgemein naturwissenschaftlicher Fortschrittsdynamik. L’Homme machine des französischen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Mettrie scheint ebenso die Zeit zu prägen und die Idee eines Maschinen-Menschen zu beflügeln wie die Erfindung der Elektrizität und die Versuche mit der solchen von Luigi Galvani (Galvanismus).

Und zusätzlich durch folgendes Abstract:

Beeinflußt von Philosophen der Aufklärung wie Rousseau und Smith, feiern romantische Schriftsteller wie Coleridge und Percy Shelley die erhabene Kraft der sympathischen Liebe, die das Selbst und den anderen (sei er menschlich oder unmenschlich) zu einem wundersamen Ganzen verschmelzen läßt und damit die Gefahren der Einsamkeit und des Solipsismus ausschließt. Nicht alle romantischen Schriftsteller teilen jedoch die gleiche sanguinische Sicht der Liebe. In Frankenstein zum Beispiel bietet Mary Shelley eine Alternative zur optimistischen Sichtweise auf die Fähigkeit zur (gegenseitigen) Sympathie. Sie formt den Roman zu einer Geschichte bitterer Einsamkeit, die durch den Mangel an sympathischem Verständnis zwischen Victor und der Natur, zwischen dem Monster und den De Laceys und zwischen dem Monster und seinem Vater Victor verursacht wird. In diesen wechselseitigen Beziehungen, so meine These, beschwört Shelley Elemente der aufklärerisch-romantischen Liebe herauf, nur um deren erhabene Kraft zu widerrufen und sie darüber hinaus in Verzweiflung zu verwandeln. Anstelle der romantischen Freude der transzendenten Fülle ist der Roman von gothic Verzweiflung, der völligen Negation der Erlösung, umhüllt.

Da das Monster nicht liebenswert ist, sich aber nach Liebe sehnt, rastet es aus und wird zum – Monster. „Das Wesen, das [Frankenstein] erschafft, trägt die ganze menschliche Natur in sich. Es verlangt nach Liebe, ist aber physisch nicht liebenswert, und Dr. Frankenstein verweigert ihm jede Möglichkeit der Liebe. Im Gegenzug und aus freiem Willen entscheidet es sich, die Liebesbeziehungen anderer zu zerstören“ (hier). Es ist bezeichnend, wie sehr Mary Shelleys abgründiger Horrorroman über einen „LaMettrie“ (gleichzeitig auch „Anti-LaMettrie“) und die tugendhafte Lust (bzw. die dramatischen Folgenden unterdrückter Lust) seit 200 Jahren die Menschen absolut unwiderstehlich in seinen Bann zieht…

Der Roman ist eine Erzählung über den Maschinenmenschen mit einer „romantischen“ Wendung („Lebenskraft“), über das Schuldgefühl (das Victor zerfrißt und von dem sein namenloses „Monster“ vollkommen frei ist – mit verheerenden Folgen) und nicht zuletzt eine über die „aufklärerisch-romantische Liebe“, die auf LaMettries „tugendhafte Lust“ zurückgeht und die verheerenden Folgen, wenn das Liebesbedürfnis zerstört wird. Victor liebt seinen künstlichen „Sohn“ nicht und tötet dessen künstliche Gefährtin sofort nach deren Erschaffung. Vielleicht lese ich zuviel hinein, aber zu diesem Thema paßt auch etwas, das für einen LaMettrie-Kenner kein Zufall sein kann: daß Victor Frankensteins Romanze mit Elizabeth Lavenza (die aus Rache vom „Monster“ getötet wird), jedenfalls in der ursprünglichen, unveränderten Originalversion des Romans von 1818, inzestuöse Geschwisterliebe war.

Paul Mathews: Besprechung WILHELM REICH. THE EVOLUTION OF HIS WORK by David Boadella

21. Februar 2022

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Besprechung WILHELM REICH. THE EVOLUTION OF HIS WORK by David Boadella

Alter, naive Medizin! (Teil 4)

17. Juni 2021

Reich hat sich bemüht, den Schweregrad seelischer Erkrankungen und den Schweregrad der Genitalstörung wenigstens ansatzweise zu quantifizieren: in seinen bio-elektrischen Untersuchungen und seinen Untersuchungen zur orgonotischen Erstrahlung. Sein Hauptfeld war aber natürlich die Klinik.

Es stehen sich gegenüber erektive, ejakulative und orgastische Impotenz, Orgasmusangst und Sexualstauung als Indikatoren für die Schwere der genitalen Störung und Panzerstruktur, psychosomatische Beschwerden und „psychoneurotische“ Beschwerden als Indikatoren für die Schwere der seelischen Störung. Wenn sich da nicht einiges mehr oder weniger direkt statistisch untersuchen läßt, dann läßt sich ja wirklich gar nichts untersuchen. Es ist also nicht so, daß hier nur zwei Variablen vorliegen, die man nicht miteinander korrelieren darf.

Nach dem ICD-10 gibt es etwa 13 000 Krankheiten. Ich habe gehört, daß für den praktischen Mediziner etwa 100 Krankheiten wichtig sind, da sie den weit überwiegenden Teil der Fälle ausmachen. Den Rest kann man getrost den Spezialisten zur Abklärung überlassen. Wie viele von diesen 100 Krankheiten mögen davon Biopathien sein? Eine Handvoll biopathischer Krankheiten, einschließlich den biopathischen psychiatrischen Störungen, machen imgrunde das gesamte Gesundheitsproblem der Nation aus. Sie beruhen Durchweg auf einer Genitalstörung. Der Rest ist Noise!

Über die Ursachen dieser Krankheiten kann die Schulmedizin größtenteils nichts sagen. Es gibt nur mehr oder weniger plausible Theorien und Therapien, die zumeist durch Zufall entdeckt wurden. Wirkliche „Wirkungsketten“ können nicht angegeben werden. Um die „Wissenschaftlichkeit“ der Medizin im allgemeinen und der Psychiatrie im besonderen sieht es nun wirklich nicht gerade berauschend aus!

Der Ansatz der Orgonomie war nun (und dieser Ansatz kann mangels Personal auch nicht nur ansatzweise mit Leben ausgefüllt werden – aber bei einer Handvoll Krankheiten wird es wohl doch realistisch machbar sein) für jede Biopathie das herzustellen, was Reich als „den Nachweis der Kontinuums der Funktion“ bezeichnet hat (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, S. 52). Lückenlos, d.h. ohne jene Lücken, die (wie Reich kritisiert hat) Biologie und Medizin stets mit den beiden Worten „um zu“ übersprungen haben, muß theoretisch und in der klinischen Praxis aufgezeigt werden, was etwa den biopathischen Bluthochdruck mit der orgastischen Impotenz verbindet.

Das ist m.E. „wissenschaftlicher“ als bloße statistische Korrelationen ohne jedes „Kontinuum der Funktion“. Es wurde z.B. schon nachgewiesen, daß die Storchenpopulation mit der menschlichen Geburtsrate perfekt korreliert. Entsprechend wäre es zugegebenermaßen nicht unbedingt berauschend, wenn man die Abhängigkeit des Schweregrads seelischer Erkrankungen vom Schweregrad der Genitalstörung nun statisch doch noch nachweisen könnte. Zumal es zwei gravierende theoretische Schwierigkeiten gibt: da ist zunächst das Energieniveau als Zwischenglied, d.h. (übertrieben ausgedrückt) wo keine Energie ist, kann auch keine entladen werden, weder in Symptomen noch in der genitalen Umarmung; und zweitens kann ja grade der Mangel an Symptomen ein ganz übles Zeichen sein, da die Panzerung perfekt ist.

Natürlich ist die reine Klinik, die bis heute die medizinische Orgonomie bestimmt, mit all ihren Unwägbarkeiten kein tragfähiger Boden. Immerhin hat aber die medizinische Orgonomie mit Reichs primitiver statistischen Erhebung, die er 1927 in Die Funktion des Orgasmus veröffentlichte, angefangen – und sie endete 1948 in Der Krebs mit Reichs Vorschlag, die Wirkungen des Orgonenergie-Akkumulators statistisch in einem Großversuch zu überprüfen. Die heutigen Orgonomen wären sicherlich über alle Maßen begeistert, wenn so eine Untersuchung der Orgasmustheorie möglich wäre – und, wie gesagt, theoretisch muß sie möglich sein, trotz aller Probleme.

An sich gibt es nur ein Problem: die Orgonomie im allgemeinen und die Orgasmustheorie im speziellen würde erst infolge einer solchen statistischen Untersuchung offiziell anerkannt werden, – doch um diese praktisch möglich zu machen, müßte sie bereits offiziell anerkannt sein…

Buchrezension: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work (Teil 1)

22. Dezember 2020

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Besprechung WILHELM REICH. THE EVOLUTION OF HIS WORK by David Boadella